„Ich will es JETZT!“ Das Zeitalter des Sofortgenusses
Der kleine Stefan macht einen erbärmlich leidenden Eindruck, doch man kann ein Schmunzeln kaum unterdrücken. Mit hängenden Schultern und schweren Schritten schlurft er durch das Zimmer. Sein Gesicht ist ein Bild des Jammers — gerunzelte Stirn, flehender Blick und verzerrte Lippen. Er denkt nur an eines: den Nachtisch.
„Aber Mami“, quengelt er. Weiter kommt er nicht. Seine Mutter dreht sich mit Schüssel und Löffel in den Händen zu ihm um. „Zum letzten Mal, Stefan, NEIN!“ sagt sie bestimmt. „Wenn du den Nachtisch jetzt ißt, hast du nachher keinen Hunger mehr. Wir essen sowieso in einer viertel Stunde!“
„Aber ich will JETZT ein bißchen“, jammert er. Die Mutter hört auf zu rühren und sieht ihn scharf an. Er kennt diesen Blick. Klugerweise zieht er sich ins Nebenzimmer zurück, um dort zu schmollen. Bald ist er abgelenkt, und bis zum Mittagessen hat er die Sache vergessen.
Kinder sind mitunter dem Augenblick fast versklavt. Wenn sie etwas wollen, wollen sie es sofort. Der Gedanke, auf eine Belohnung zu warten oder sich ein Vergnügen zu versagen, weil es ihnen auf lange Sicht schaden könnte, ist für sie schwer begreiflich. Doch sie — ja wir alle — müssen das früher oder später lernen.
Bei einer Studie, die von Wissenschaftlern an der Columbia-Universität (USA) durchgeführt wurde, untersuchte man die Fähigkeit kleiner Kinder, Genuß um einer wünschenswerten Belohnung willen aufzuschieben. Man gab den Kindern zwei Leckerbissen zur Auswahl, von denen der eine etwas verlockender war als der andere — zum Beispiel einen Keks im Vergleich zu zwei Keksen. Den besseren Leckerbissen bekamen sie nur, wenn sie warteten, bis der Versuchsleiter zurückkehrte. Sie konnten die Wartezeit allerdings jederzeit durch Klingeln beenden, worauf sie den kleineren Leckerbissen erhielten und auf den besseren verzichten mußten. Die Wissenschaftler machten Aufzeichnungen über das Verhalten und untersuchten zehn Jahre später die Entwicklung dieser Kinder.
Die Zeitschrift Science berichtete, daß es die Kinder, die den Genuß bereitwilliger aufgeschoben hatten, als Jugendliche leichter hatten. Sie kamen besser mit anderen aus, brachten bessere schulische Leistungen und wurden besser mit Streß und Frustrationen fertig. Wer imstande ist, Genuß aufzuschieben — d. h. mit etwas, was er sich wünscht, zu warten —, kommt im Leben offenbar besser zurecht. Das trifft auch auf Erwachsene zu.
Wir alle müssen täglich zwischen sofortigem und späterem Genuß entscheiden. Mitunter scheint die Wahl, vor der wir stehen, relativ unbedeutend zu sein: „Soll ich das Stück Kuchen essen oder meine Kalorienzufuhr einschränken?“ „Soll ich fernsehen, oder gibt es etwas Produktiveres zu tun?“ „Soll ich die Bemerkung loslassen oder den Mund halten?“ In jedem Fall müssen wir den Reiz des Jetzt gegen die langfristigeren Auswirkungen abwägen. Natürlich sind dies nicht gerade welterschütternde Angelegenheiten.
Weitreichender sind die sittlichen Entscheidungen, vor denen die Menschen stehen: „Soll ich mich aus der Situation herauslügen oder taktvoll die Wahrheit sagen?“ „Soll ich mich auf den Flirt einlassen oder auf meine Ehe Rücksicht nehmen?“ „Soll ich wie die anderen Marihuana rauchen oder das Gesetz befolgen und meinen Körper schützen?“ Wie wir sicher bereits beobachtet haben, kann der Sofortgenuß einen Menschen in den Sofortruin stürzen.
In der Zeitschrift Science hieß es: „Um erfolgreich zu sein, müssen die Menschen freiwillig auf Sofortgenuß verzichten und um späterer Resultate willen auf zielgerichtetem Verhalten beharren.“ Wir werden wohl kaum ein befriedigendes Leben führen, wenn wir jedem Drang sofort nachgeben.
Allerdings leben wir in einer Welt, die von dem Wunsch nach Sofortgenuß besessen ist — in einer Welt, in der es den kleinen Stefan anscheinend in tausendfacher Erwachsenenausführung gibt. Man will das Gewünschte sofort erhalten und ist für die Folgen blind. Unsere moderne Welt ist von dieser Einstellung geprägt, und das nicht zum Guten.