Biblische Fragen bringen Geistliche in Verlegenheit
VON ihren Verwandten dazu gedrängt, besuchten zwei Zeuginnen Jehovas an einem Aschermittwoch den in einer presbyterianischen Kirche in New Jersey stattfindenden Gottesdienst. Sie taten dies jedoch nur, weil man ihnen versicherte, sie würden eine Gelegenheit erhalten, mittels einer Fragenkarte Fragen zu stellen, und diese Fragen könnten eine Hilfe sein, Irrtümer bloßzustellen.
Als das Grüppchen die Kirche betrat, wurde jeder Person eine Karte mit freiem Raum für zwei Fragen gegeben. Auf dem Podium befanden sich drei Geistliche, und während der Gast-Pfarrer sprach — ein noch ziemlich junger Mann, verglichen mit dem Geistlichen des Ortes, der etwa vierzig Jahre lang hier gepredigt hatte —, schrieben diese zwei Zeuginnen ihre Fragen auf. Nach Schluß der Ansprache ließ der Gastgeber durch die Saalordner die Fragenkarten einsammeln. Da die einzigen, die bis zu diesem Augenblick Fragen aufgeschrieben hatten, die zwei Zeuginnen Jehovas waren, wurden ihre Fragen sogleich behandelt.
Die erste Frage lautete: „Wie kommt es, angesichts der Definition der Dreieinigkeit, die erklärt, daß Vater, Sohn und heiliger Geist alle gleich seien an Macht, Substanz und Ewigkeit, daß der Sohn dem Vater sogar in den Himmeln untertan ist? — 1. Kor. 11:3; 15:28 usw.“
Der Gastgeber las die Frage und verfärbte sich dabei. Mit gebeugtem Haupte trat der Gast-Pfarrer langsam vor, schwer überlegend, wobei er die Hände auf dem Rücken verschränkt hielt. Dann zuckte er die Achseln, erhob die Hände mit einer Geste der Hoffnungslosigkeit und sagte mit hilflosem Lächeln: „Nun, das ist eine sehr tiefe Frage, und ich bin sicher, daß der, welcher sie gestellt hat, mit der Antwort nicht zufrieden sein wird. Es würde eine Stunde erfordern, sie völlig zu beantworten; dem ist so, weil die Dreieinigkeit ein göttliches Geheimnis ist und von uns nicht erwartet wird, daß wir sie verstehen.“ Damit setzte er sich.
Darauf wurde die zweite Frage vorgelesen: „Warum werden wir zu dem Glauben gebracht, daß wir gleich nach dem Tode in den Himmel oder in die Hölle kommen, wenn doch unser ganzer Christenglaube sich auf die Auferstehung stützt, von der uns die Bibel sagt, sie trete erst nach dem Ende der Welt ein, zu der Zeit, in der Christus alle auferwecken wird, die in seinem Gedächtnis aufbewahrt sind?“
Von neuem wiederholte der Gast-Pfarrer seine hilflose Geste, und die Zuhörer wie auch die zwei Geistlichen auf dem Podium lächelten. Schließlich sagte er: „Das sind ja sehr schwierige Fragen heute abend“, worauf jedermann kicherte. Dann wiederholte er, daß es zuviel Zeit erfordern würde, auf diese Fragen zu antworten, und auch dann würde die Antwort den Fragesteller nicht befriedigen. Wenn jemand ihn nach dem Gottesdienst sprechen wolle, wäre das ganz in Ordnung; doch solle man im Sinn behalten, daß nachher noch ein Treffen der neuen Mitglieder stattfinde. Er schloß mit den Worten: „Wir brauchen uns über das Jenseits gar keine Sorgen zu machen, wir müssen uns damit beschäftigen, jetzt ein gutes Leben zu führen.“
Die nächste Frage lautete, warum das Kreuz von den „christlichen“ Religionen angesichts seiner heidnischen Herkunft soviel gebraucht werde. Zum dritten Male erfuhr die Zuhörerschaft, wie eine biblische Frage diesen Geistlichen in Verlegenheit brachte. Diesmal schüttelte er auch den Kopf. Dann bemerkte er, es gebe verschiedene Arten von Kreuzen, veranschaulichte sie mit den Händen und fügte bei, es spiele keine Rolle, woher der Gebrauch des Kreuzes komme.
Dann kam die vierte und letzte Frage, die von den Zeuginnen gestellt wurde: „Wie kommt es im Hinblick auf 1. Korinther 1:10, wo Paulus sagt, Christen sollten keine Spaltungen unter sich haben und sollten alle dasselbe reden, daß es so viele verschiedene Religionen gibt, die alle angeblich christlich sein wollen?“
Diesmal beschloß der Gastgeber-Geistliche, der die Fragen gelesen hatte, zu antworten. Er erzählte, daß es zur Zeit, da er Geistlicher wurde, etwa siebenundzwanzig verschiedene Gruppen Presbyterianer gegeben habe, aber jetzt, nachdem sie um die Einheit gekämpft hätten, seien es nur noch acht Gruppen, und binnen weniger Monate hofften sie es auf nur noch sieben zu bringen. Er bekannte, daß es eine Schande sei, daß unter Protestanten keine Einheit herrsche, fügte aber bei, daß man alle Anstrengungen mache, um die Einheit zu fördern.
In diesem Augenblick wurden etwa zwanzig weitere Karten in die Höhe gehalten, doch blieb keine Zeit mehr für die Beantwortung dieser Fragen übrig. In seinen Schlußworten dankte der Gastgeber dem Gast und sagte zu ihm: „Ich bin bestimmt froh, daß ich heute abend diese Fragen nicht beantworten mußte.“ Die Anwesenden gingen nachdenklich hinaus, die Zeuginnen aber freuten sich still.
In der Tat, die Geistlichen der Christenheit sind heute das Gegenstück der religiösen Führer der Tage Jesajas, von denen geschrieben steht: „Und jedes Gesicht ist euch geworden wie die Worte einer versiegelten Schrift, die man einem gibt, der lesen kann, indem man sagt: Lies doch dieses! er aber sagt: Ich kann nicht, denn es ist versiegelt.“ — Jes. 29:11.