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Chinas einzigartiges MuseumErwachet! 1973 | 22. November
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Ein anderes Ausstellungsstück ist vielleicht der eleganteste Brotkorb der Welt. Er besteht aus einer Anzahl aufeinanderliegender ovaler Körbe, die aus Elfenbein geschnitzt worden sind, und zwar so zart, daß jeder dünner ist als ein flacher Zahnstocher. Mit Hilfe dieser durchbrochen geschnitzten Körbchen konnten Lebensmittel kühl aufbewahrt und frei von Insekten gehalten werden. Es gibt Besucher, die erst überzeugt werden müssen, daß dieser Brotkorb nicht aus verstärkter Spitze besteht.
Miniaturisierung ist ein weiteres Talent, das die Chinesen entwickelt haben. Zu der Elfenbeinsammlung gehört ein kleines Ausflugsboot, das nur fünf Zentimeter lang ist. Jedes Detail ist deutlich und klar. In diesem Boot kann man Passagiere erkennen, und die Kajütenfenster lassen sich auf- und zuschieben.
Hier sind wir nun bei der Gegenwart angelangt, und ich habe noch nicht meine geschnittenen Lackarbeiten erwähnt. Auf eine Oberfläche wurden bis zu sechsunddreißig Schichten Lack sorgfältig aufgetragen, die einzeln getrocknet und geschliffen wurden, bevor die nächste Schicht aufgetragen wurde. Das Weitere war die Aufgabe des Schnitzers. Seine Arbeit bestand darin, den Lack zu schneiden, nicht das Holz, auf das er aufgetragen war. In einigen Fällen wurden mehrere Schichten verschiedener Farben aufgetragen, und der Schnitzer schnitt dann bis zu der gewünschten Farbschicht und nicht tiefer. Einige meiner Kunstgegenstände sind tief geschnitten und haben drei Farben in ihrem Muster.
Eine meiner reichsten Sammlungen sind Kunstgegenstände aus Jade. Ich habe sie bis jetzt aufgehoben, weil sie zu keiner bestimmten Dynastie gehört. Die Achtung der Chinesen vor Jade ist der Kettfaden in dem großen Wandteppich unserer Kulturgeschichte. Ich besitze die ältesten und die größten Kunstgegenstände aus Jade in der Welt. Unter den neueren Gegenständen aus Jade kann ich dir einen chinesischen Kohlkopf mit weißem Stiel und grünen Blättern zeigen, auf dem zwei grüne Grashüpfer sitzen. Es wurde dabei keine Farbe verwandt, sondern der Schnitzer erkannte mit seinem geschulten Auge die Möglichkeiten des Verlaufs der Farbe im Rohmaterial.
Meine Gemälde
Und wie steht es mit der Malerei? An chinesischen Gemälden kann man meine Geschichte am deutlichsten verfolgen. Falls du mich jemals besuchen solltest, hoffe ich, daß mindestens eines der beiden berühmten Gemälde ausgestellt sein wird. „Die Stadt Kathei“ gibt einen bemerkenswerten Einblick in das Leben vergangener Dynastien. Es handelt sich dabei um eine Handrolle, die 11,52 Meter lang ist. Der Betrachter beginnt an der Mündung eines Flusses, und das Auge reist an seinen Ufern entlang durch ländliches Gebiet, dann zu den Außenbezirken und schließlich zur Stadt. Tausende von Menschen, alle detailliert gezeichnet, bevölkern die Szene. Dieses Bild gibt einen Einblick in das Leben, in die Kleidung und in die Wirtschaft — es ist ein Blick in die Vergangenheit, der mehr aussagt als Worte.
Die andere große Handrolle wird „Die einhundert Pferde“ genannt. Sie ist 7,76 Meter lang und zeigt eine Landschaft, in der alle Arten von Pferden jeden Alters zu sehen sind. Auch ein oder zwei tote Pferde sind dabei. Bevor ich das Gemälde jedoch weiter erkläre, möchte ich dich fragen, ob du festgestellt hast, daß die chinesische Malerei einen typischen Stil hat, den du erkennen kannst. Kannst du erklären, weshalb dir das Bild als typisch chinesisch erscheint? Zwei wesentliche Faktoren spielen dabei eine Rolle. Der erste ist die Perspektive. Es ist so, als würdest du an einem Haken in der Luft hängen und die Szene von oben überschauen. Der andere Faktor ist das Fehlen von Schatten. Der Eindruck der Entfernung wird dadurch vermittelt, daß Dinge in der Nähe dunkler und Dinge in der Entfernung heller gemalt sind.
Wenn du das Bild „Die einhundert Pferde“ betrachtest, magst du jedoch feststellen, daß Schatten vorhanden sind. Außerdem sind in den Augen der Pferde helle Farbtupfen, ein Stilmittel, das unter chinesischen Malern nicht üblich ist. Und doch fühlst du, daß dieses Gemälde chinesisch ist. Du hast recht. Der Künstler hat alle Techniken des chinesischen Stils angewandt, aber diese beiden Techniken, die aus dem Westen stammen, hinzugefügt. Der Künstler ist in China als Lang Schining bekannt. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts lebte er als Maler am Hof der Tsing-Dynastie. Sein eigentlicher Name war jedoch Guiseppe Castiglione, und er war als Jesuitenpriester nach China gekommen. Er ist der einzige Ausländer, den die Chinesen als einen chinesischen Maler ansehen.
Kultgegenstände der Buddhisten
Ein weiterer Einfluß, der aus dem Ausland nach China kam, wurde aber nicht absorbiert und verlor sich in der gewaltigen Bevölkerung Chinas. Das war der Buddhismus, der seine indischen Formen und Bezeichnungen beibehalten hat und einen mächtigen Einfluß auf das Denken und Leben der Chinesen ausübt. Warum erwähne ich, ein Museum, dies? Weil auch das zu meinen Schätzen aus der Vergangenheit gehört. Vom Tibet kam der esoterische Buddhismus (dessen Mysterien nur den Eingeweihten bekannt sind) und wurde im Kaiserpalast in Peiping (Peking) und in der Sommerresidenz in Jehol angenommen und ausgeübt. Meine Sammlung enthält Gegenstände, die bei diesen Riten verwendet wurden. Sie vermitteln den Eindruck, daß man dem Tod den Hof machte. Ich kann dir einen Rosenkranz zeigen, der statt Perlen geformte Schädel aus Eisen hat, oder eine aus Elfenbein geschnitzte „Schürze“, die vom Priester getragen wurde, die reichlich mit Totenköpfen verziert ist. Die aus Menschenschädeln hergestellten Becher, die ich ausstelle, wurden benutzt, um den Göttern Opfer darzubringen. Gewöhnlich wurden nur die Schädel von Adeligen und Hohenpriestern verwendet. Ein weiterer Gegenstand, der aus Schädeln angefertigt wurde, ist die Schädeltrommel, die von Tempelorchestern benutzt wurde. Sie wurde aus zwei Kinderschädeldecken hergestellt, die aneinandergefügt wurden, und die offenen Stellen wurden mit Lamm- oder Affenfell überzogen. Ein weiteres Musikinstrument ist eine aus menschlichen Beinknochen hergestellte Trompete, die ein metallenes Mundstück hat. Diese Musikinstrumente sind vom künstlerischen Standpunkt aus nicht geschmacklos, sondern sind vielmehr schön bemalt und verziert.
Bei der Betrachtung fallen einem gewisse religiöse Ähnlichkeiten auf, nicht allein in dem Gebrauch von Rosenkränzen, die ich ausstelle, sondern auch in der Kleidung von Priestern. Die Mitren in meiner Ausstellung sehen genauso aus wie ihre Gegenstücke in den Religionen des Westens. Vielen Besuchern fällt dies auf. Würdest du gern noch mehr sehen? Dann komm und besuch mich doch einmal!
Dies war nur ein winziger Einblick in das, was ich auf den Seiten meines Geschichtsbuches zu bieten habe und was ich dir über die Geschichte meines Landes und meines Volkes — des größten auf der Erdoberfläche — erzählen kann. Meine Erinnerung reicht weit in die Vergangenheit zurück. — Eingesandt.
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Fortschritte im MiniaturisierenErwachet! 1973 | 22. November
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Fortschritte im Miniaturisieren
● Als im Jahre 1946 der erste vollelektronische Computer gebaut wurde, nahm er ungefähr 140 Quadratmeter Platz ein. Er hatte 18 000 Vakuumröhren und verbrauchte soviel Strom wie sechs Häuser. Im Laufe der Jahre sind jedoch viele Fortschritte auf dem Gebiet des Miniaturisierens gemacht worden. Heute kann die gleiche elektronische Anlage in einem Gerät untergebracht werden, das nicht viel größer ist als eine Herrenarmbanduhr und das etwa ebensoviel Watt benötigt wie die Birne einer Taschenlampe.
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