Der Zeitsinn der Bienen
VOR etwa 65 Jahren machte der Schweizer Physiologe August Forel eine interessante Beobachtung. Er pflegte mit seiner Familie auf der Gartenterrasse zu frühstücken. Nachdem ein paar Bienen den Honig und die Marmelade auf dem Frühstückstisch entdeckt hatten, kamen jeden Morgen um die gleiche Zeit Bienen in immer größeren Scharen, um sich an diesen Süßigkeiten zu laben. Schließlich konnte die Familie das Frühstück nicht mehr auf der Terrasse einnehmen, sondern mußte es in der Wohnung tun.
Am nächsten Morgen, als Forel aus dem Fenster schaute, sah er zu seiner Überraschung, daß die Bienen zu der gewohnten Zeit zur Terrasse zurückgekehrt waren. Dabei stand doch gar nichts auf dem Tisch, was sie hätte anlocken können! Forel führte dann einige Versuche durch, die die Tatsache bestätigten, daß „die Bienen sich die Stunden einprägen konnten, zu denen sie gewöhnlich etwas Süßes gefunden hatten“.
Später beobachtete ein anderer Wissenschaftler, daß die Bienen in den Morgenstunden blühende Buchweizenfelder besuchten, in Stunden also, in denen die Blüten reichlich Nektar absonderten. Am Nachmittag suchten die Bienen diese Felder indessen nicht auf. Am darauffolgenden Morgen aber kehrten sie zur gleichen Zeit wieder dahin zurück. Offensichtlich hatten die Bienen sich die Zeit eingeprägt, in der diese Blüten Nektar absonderten, und kamen, wenn die Quellen reichlich flossen. Die Wissenschaftler nannten diese erstaunliche Fähigkeit der Bienen „Zeitsinn“.
Seit 1929 arbeiten Forscher daran, herauszufinden, wie die fleißigen Bienen sich die Zeit merken können. In den 1950er Jahren wies das Zoologische Institut in München durch Versuche nach, daß die Bienen sich die Zeit mit Hilfe einer „inneren Uhr“, die von ihrem eigenen Organismus gesteuert wird, merken können.
In Paris wurden Bienen unter gleichbleibenden Licht- und Temperaturverhältnissen gelehrt, etwa um 20.15 Uhr auf einem Teller Zuckerwasser vorzufinden. Eines Abends, nachdem die Bienen gefressen hatten, wurden sie nach New York geflogen, und man brachte sie so unter, daß sie die gleichen Umweltbedingungen hatten wie in Paris. Wegen des Zeitunterschiedes von fünf Stunden ist es in New York erst 15.15 Uhr, wenn es in Paris bereits 20.15 Uhr ist. Würden die Bienen zur Futterquelle kommen, wenn es in New York 20.15 Uhr wäre? Würden sie das tun, dann könnte man daraus schließen, daß der Zeitsinn der Bienen durch etwas außerhalb ihres Körpers bestimmt würde. Oder würden sie um 15.15 Uhr New Yorker Zeit herauskommen? Wenn ja, könnte man mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß die Bienen eine innere Uhr besäßen, die einen Rhythmus von vierundzwanzig Stunden aufrechterhielte und die unabhängig von der Umgebung funktionierte. Die Bienen kamen um 15.15 Uhr zu ihrer Futterquelle. Bienen besitzen tatsächlich eine innere Uhr.
Später wurde ein anderer Versuch durchgeführt, aber diesmal in natürlicher Umgebung. Die Ergebnisse zeigten, daß der Zeitsinn der Bienen auch durch den Wechsel zwischen Nacht und Tag, der sich im Laufe des Jahres verändert, beeinflußt wird.
Dient ihre Uhr einem bestimmten Zweck? Die Zeitschrift Natural History antwortet: „Selbst wenn Pflanzen, wie Buchweizen, nur vormittags Nektar absondern, so gibt es bestimmt andere, die das mittags oder nachmittags tun. Die Bienen brauchten keinen Zeitsinn, um Nektar zu sammeln. Aber mit Hilfe des Zeitsinns wird ihre tägliche Arbeit leichter und rationeller. Und wie wir wissen, ist im Bienenstaat alles rationell organisiert.
Die Sammlerinnen, die stundenlang ein Blütenfeld abgesucht haben, wenden sich keiner anderen Nahrungsquelle zu, wenn diese Quelle vorübergehend erschöpft ist, sondern sie legen eine Erholungspause ein, indem sie sich in einen stillen Winkel des Stocks zurückziehen. ... Erst wenn die Stunde naht, in der ,ihre‘ Blüten Nektar absondern, beginnen sie wieder zu sammeln. Es wäre eine Verschwendung von Honig und Energie, müßten sie ungefähr alle zwanzig Minuten einen Erkundungsflug unternehmen, um sicherzugehen, daß sie bei dem Blütenfeld sind, wenn der Nektar wieder zu fließen beginnt.
Doch auch diese Arbeit könnte die Biene ohne Zeitsinn bewältigen, aber für ihre Orientierung während des Fluges — wobei ihr die Sonne als Kompaß dient — ist er absolut unerläßlich. Der Sonnenkompaß ... kann nur funktionieren, wenn die Tageszeit berücksichtigt wird. Und wenn die Sammlerin von einem Erkundungsflug in den Stock zurückkehrt, macht sie anderen Bienen mit Hilfe eines Tanzes Lage und Entfernung der Trachtquelle bekannt, damit dieser Tanz richtig ausgeführt und verstanden wird, ist ein Zeitsinn, der genau arbeitet, ein unerläßliches Erfordernis.“
Der Zeitsinn der Biene wird natürlich vom Instinkt beherrscht. Und er zeugt dafür, daß die Biene von einem intelligenten Schöpfer geschaffen wurde und sich nicht durch blinden Zufall entwickelt hat. Die Bibel verkündet, daß Jehova Gott der Schöpfer aller Dinge ist und daß er „wunderbare Dinge [tut] ohne Zahl“. Dazu gehört bestimmt auch der Zeitsinn der Biene. — Hiob 9:10.