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Läßt sich das Problem durch Schocktherapie, Medikamente oder Leukotomie lösen?Erwachet! 1975 | 8. Oktober
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Medikamente. Einige sollen zur Behandlung von Schizophrenien von größtem Wert sein, andere, um die Kranken von ihren Depressionen oder ihrer Angst zu befreien.
Seitdem diese Medikamente verabreicht werden, sind die Patienten ruhiger, und sie brauchen nicht mehr so zu leiden. Aber offensichtlich wird zuviel davon verabreicht, insbesondere in Heimen für geistig Behinderte. Im National Observer vom 11. Januar 1975 wurden zum Beispiel viele Psychiater zitiert, die das Aufsichtspersonal heftig kritisierten. Sie warfen ihm vor, sich die Aufgabe dadurch zu erleichtern, daß es „die Patienten tyrannisiere, indem es diese in einen Dämmerzustand versetze“.
Zum Beispiel wurde Professor Dybwad von der Brandeis-Universität (USA) zitiert. Er sagte: „Wir haben mechanische Zwangsmittel [Zwangsjacken und Einsperrung] durch chemische Zwangsmittel ersetzt. Und das ist noch verwerflicher, weil man sie nicht sehen kann.“ Ein anderer Psychiater äußerte sich wie folgt: „Wir müssen mit der Methode brechen, die Leute in Institutionen einzuweisen und sie dann mit Medikamenten zu betäuben, damit sie ruhig sind, eine Methode, die akzeptabel geworden ist.“
Medikamente sind oft nur eine Krücke. Anstatt die Heilung zu beschleunigen, mögen sie sie verzögern, ja sie mögen sogar das Nervensystem schädigen. Ein Psychiater stellte fest, daß bei 20 bis 30 Prozent der stark erregten Patienten, denen solche Medikamente verabreicht wurden, um sie zu beruhigen, danach die Muskelkontrolle beeinträchtigt war.
In einem 1970 erschienenen Fachbuch wird über die psychotropen Medikamente gesagt: „Trotz des ermutigenden Fortschrittes ... müssen wir unsere Bemühungen fortsetzen. Wir sind immer noch jämmerlich unwissend über die Ursachen der meisten Krankheiten, die wir behandeln. Wir wissen wenig darüber, wie die Medikamente diese Zustände bessern oder warum damit keine Besserung erzielt wird. Zwar bessert sich der Zustand vieler Patienten, aber nur ganz wenige werden gesund.“
Die Leukotomie
Die Leukotomie oder das Verfahren, Geisteskranke durch eine Gehirnoperation zu heilen, ist seit 1936 bekannt. In jenem Jahr entdeckte der portugiesische Neurologe Egas Moniz, daß durch die operative Durchtrennung der vom Stirnhirn zu anderen Hirnteilen ziehenden Nervenbahnen die Krankheitssymptome bei schwer erregten Kranken behoben werden können. Aber nachdem er zwanzig Hirnschnitte durchgeführt hatte, wurde diese Operation von der portugiesischen Regierung verboten. In den Vereinigten Staaten fand sie jedoch Anklang. Walter Freeman, ihr Hauptbefürworter, führte 4 000 Hirnschnitte aus.
Diese Operation wurde mit dem Bearbeiten des Stirnhirns mit einem Stemmeisen in der Absicht, einige Teile davon zu zerstören, verglichen. In der Zeitschrift Science News wurde folgendes berichtet: „Nachdem man in den Vereinigten Staaten ungefähr 50 000 Lobotomien [Leukotomien] und in England 15 000 durchgeführt hatte, kam der Hirnschnitt aus der Mode, wahrscheinlich wegen der Fortschritte, die auf dem Gebiet der Elektroschock- und der Pharmakotherapie erzielt wurden.“
Durch eine Leukotomie kam es oft zu einer weit schlimmeren Persönlichkeitsveränderung. Selbst Freeman, der in den Vereinigten Staaten den Hirnschnitt als erster ausführte, bestätigte, daß ein Mensch dadurch seiner „Moral“ beraubt werde, seiner Vorstellungskraft, der Fähigkeit, etwas vorauszusehen und uneigennützig zu sein. Bei dem Leukotom-Patienten „nehmen das Einsichtsvermögen, das Einfühlungsvermögen, das Empfindungsvermögen, die Fähigkeit des Selbstbewußtseins, das Urteilsvermögen, das emotionelle Reaktionsvermögen usw. immer mehr ab“, sagte ein führender Psychiater aus Washington (D. C.).
Vor kurzem ist die Frage der Leukotomie oder „Psychochirurgie“ jedoch wieder in den Vordergrund getreten, da feinere Methoden angewandt werden, um Teile des Gehirns zu zerstören. In den Vereinigten Staaten werden jährlich 400 bis 600 solche Operationen durchgeführt, und es wird berichtet, daß „jeder Psychochirurg die Meinung vertrete, die Psychochirurgie werde sich noch gewaltig entwickeln“. Interessanterweise sind diese Operationen jedoch in der Sowjetunion wegen der schädlichen Nebenwirkungen verboten.
In den USA löste im Frühjahr 1973 der Plan, diesen chirurgischen Eingriff an kriminellen Geisteskranken — sofern sie damit einverstanden wären — auszuführen, einen Sturm der Entrüstung aus. Viele befürchten, daß diese Operationen den Weg dafür ebnen würden, Menschen durch die Gehirnchirurgie zu manipulieren. Ein entschiedener Gegner solcher operativen Eingriffe ist der Gehirnchirurg Dr. A. K. Ommaya. Er steht auf dem Standpunkt, daß Geisteskranken durch solche Eingriffe nicht geholfen wird, sondern daß man sie dadurch schädigt, weil „jeder Teil des Gehirns den andern benötigt, um funktionieren zu können“ (New York Times, 2. April 1973).
Das alles zeigt, daß die Elektroschocktherapie, die Pharmakotherapie und die Leukotomie oder „Psychochirurgie“ als Verfahren zur Behandlung von Geisteskranken viel zu wünschen übriglassen. Einige dieser Methoden sind sogar stark umstritten. Gibt es denn andere Möglichkeiten?
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Können Hormone, Vitamine und Mineralstoffe helfen?Erwachet! 1975 | 8. Oktober
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Können Hormone, Vitamine und Mineralstoffe helfen?
KANN zwischen der Ernährung und einer Geisteskrankheit oder einer emotionellen Störung ein Zusammenhang bestehen? Ist es möglich, durch eine Ernährungs- oder Hormontherapie bei Geisteskrankheiten eine Besserung zu erzielen?
Hippokrates, der im 5. Jahrhundert v. u. Z. lebte und „Vater der Medizin“ genannt wird, vermutete einen Zusammenhang zwischen schlechter Ernährung und Geisteskrankheiten. Und kein Geringerer als Sigmund Freud, der „Vater der Psychoanalyse“, schrieb in seinen späteren Jahren: „Ich bin fest davon überzeugt, daß alle diese Störungen, die zu erforschen wir bemüht sind, eines Tages mit Hormonen oder ähnlichen Stoffen behandelt werden.“
Die Anwendung von Hormonen
In den letzten Jahren ist eine ganze Anzahl von Geisteskranken erfolgreich mit Hormonen behandelt worden. Ein Psychiater am New Yorker „Medical College“ stellte zum Beispiel fest, daß synthetische Geschlechtshormone wirksamer und „weniger traumatisch sind als der Elektroschock und schneller zum Ziel führen als die konventionellen Medikamente“. Mit der Hormontherapie hat er depressive Patienten geheilt und bei anderen eine Besserung erzielt (Washington Star-News, 9. Mai 1974).
Noch ermutigender sind die Ergebnisse, die ein Forscherteam in Worcester (Massachusetts), bestehend aus Biochemikern und Psychiatern, durch die Anwendung ähnlicher Geschlechtshormone erzielt hat. Es gelang ihnen, bei 80 Prozent ihrer Patientinnen eine Besserung des Zustandes zu erreichen. Und sie erzielten diese Ergebnisse, obschon sie Patientinnen ausgesucht hatten, „die bis dahin stationär behandelt worden waren, und zwar mit verschiedenen konventionellen Therapien — Schocktherapie, Antidepressiva [Medikamente mit depressionslösender Wirkung] und Psychotherapie —, jedoch ohne Erfolg“ (The Boston Globe, 30. September 1974).
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