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  • Hiroschima — eine unvergeßliche Erfahrung
    Erwachet! 1985 | 22. August
    • Hiroschima — eine unvergeßliche Erfahrung

      Vom „Awake!“-Korrespondenten in Japan

      SEIT Jahren bietet sich das gleiche Bild. Genau um 8.15 Uhr verstummt die versammelte Menschenmenge im Friedenspark von Hiroschima. Als Ausdruck des Gedenkens an den katastrophalen Augenblick am 6. August 1945 legt man eine Schweigeminute ein. Vor 40 Jahren explodierte eine Atombombe über Hiroschima. In einem Nu wurde die Stadt verwüstet, und ungefähr 80 000 Menschen verloren ihr Leben. Drei Tage später zerstörte eine zweite Atombombe die Stadt Nagasaki und forderte ungefähr 73 000 Menschenleben.

      Aus der ganzen Welt kommen Tausende regelmäßig nach Hiroschima, um dieses schicksalhaften Ereignisses zu gedenken. Neben den alljährlichen Paraden, Gebeten, Erinnerungsfeiern usw. finden in diesem Jahr besondere Veranstaltungen statt, wie z. B. die Weltkonferenz für Frieden durch Solidarität der Bürgermeister einiger Städte in Japan und der übrigen Welt.

      Natürlich liegt Japan viel daran, daß die Welt nicht aufhört, aus dem schrecklichen Abschnitt seiner Vergangenheit eine Lehre zu ziehen.

      Überlebende erzählen ihre Geschichte

      Berge von Papier sind schon beschrieben worden, um die herzzerreißenden Schilderungen von Überlebenden der Bombenexplosionen aufzuzeichnen. Obwohl die meisten von ihnen heute im mittleren Alter sind, leben die Erinnerungen an „jenen Tag“ in ihnen immer noch weiter. Hier sind drei Erlebnisberichte, die einem Awake!-Korrespondenten erzählt wurden.

      Nobuyo Fukushima, die sich noch sehr gut an den Abwurf der Bombe auf Hiroschima erinnern kann, berichtet: „Ich kehrte in unserem Haus gerade die Treppe, als ich plötzlich nach einem hellen Blitz und einem fürchterlichen Knall das Bewußtsein verlor. Ich kam wieder zu mir und hörte meine Mutter um Hilfe schreien. Das Haus war völlig verwüstet. Ich dachte zunächst an ein Erdbeben. Als wir aber zum Flußufer gingen, sah ich viele Kinder und ihre Eltern, an deren Haut Fetzen verbrannter Kleidung klebten. Für mich war es unerklärlich, woher ihre schlimmen Verbrennungen stammten.

      Das Krankenhaus, das wir aufsuchten, war mit Menschen überfüllt. Viele bluteten überall am Kopf, während bei anderen verbranntes Fleisch in Streifen herabhing. Bei manchen standen die von der Hitze versengten Haare aufrecht. Wieder andere krümmten sich vor Schmerzen, verursacht durch Holz- oder Glassplitter, die in ihren Körper gedrungen waren. Die Gesichter der Menschen waren so angeschwollen, daß man sie kaum voneinander unterscheiden konnte. Sie alle schienen dringend nach Wasser zu verlangen, aber viele von ihnen atmeten schon nicht mehr, als man es ihnen brachte. Drei Monate später starb auch meine Mutter an den Folgen der Atomexplosion.

      Die Stadt hatte sich in ein großes verbranntes Trümmerfeld verwandelt, aus dem nur noch hier und dort eine zerbröckelnde Betonwand herausragte. Abends leuchteten die Feuer vom Flußufer her, wo man die Leichen verbrannte. Den roten Feuerschein habe ich noch gut vor Augen, und ich entsinne mich auch noch an den entsetzlichen Geruch der verbrennenden Leichen, der dem Geruch ähnelt, der beim Grillen von tranigen Fischen entsteht. Bei dem Gedanken daran schaudert es mich immer wieder, und ich fühle mich dann todunglücklich.“

      Tomiji Hironaka war unter den Soldaten, die unmittelbar nach dem Abwurf der Bombe nach Hiroschima gesandt wurden, um mögliche Überlebende aus dem dortigen Gefängnis herauszuholen. Obwohl er bereits viele Jahre in der Armee gedient hatte, führte ihm das Bild, das sich ihm in Hiroschima bot, deutlich die Schrecklichkeit des Krieges vor Augen.

      Er erzählt: „Die Straße war voller Lastwagen mit Verletzten. Wer noch laufen konnte, taumelte am Straßenrand entlang. Viele waren sozusagen nackt, abgesehen von den Kleiderfetzen, die sich in ihre Haut eingebrannt hatten. Überall lagen Haufen von Menschenleibern, übersät mit roten Brandblasen. Die Flußufer waren von Menschen bevölkert, die ihre Verbrennungen kühlen wollten, um ihre Schmerzen zu lindern. Ich sah, wie eine Mutter, die am ganzen Körper Verbrennungen erlitten hatte, mitleidvoll versuchte, ihr Kind zu stillen, das ebenfalls schlimme Brandverletzungen aufwies. Ich erinnere mich sehr gut an die Gefühle, die in mir aufkamen: ‚Wie ich den Krieg hasse!‘ Doch auch ich hatte andere getötet und fragte mich: ‚Was für ein Gewissen habe ich nur?‘ Ich war mir meiner Blutschuld sehr wohl bewußt.“

      Munehide Yanagi überstand als 14jähriger wie durch ein Wunder den Bombenabwurf auf Nagasaki. Er hielt sich zur Zeit der Explosion nur etwa 1 000 m vom Explosionszentrum entfernt auf. „Ich gehörte zu einer Gruppe von Schülern, die den Auftrag erhalten hatte, Luftschutzbunker zu bauen“, erzählt er. „Während wir arbeiteten, vernahm ich das Dröhnen eines großen Flugzeugs, das sich für mich wie ein lautes Donnern anhörte. Gerade als ich überlegte, ob es ein amerikanisches Flugzeug sein könnte, schrie jemand: ‚Tekki!‘ [‚Feindliches Flugzeug!‘] Wir ließen alles fallen und liefen, so schnell wir konnten, zum Bunker.

      In dem Moment, als ich die Betonbarriere vor dem Luftschutzbunker erreichte, sah ich einen außerordentlich hellen blauweißen Blitz und wurde durch eine gewaltige Explosion an die Rückseite des Bunkers geschleudert, wo ich bewußtlos liegenblieb. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich verzweifelte Aigo-Schreie. Sie stammten von jemandem mit einem rauchgeschwärzten Gesicht, der so schwere Verbrennungen erlitten hatte, daß kaum zu erkennen war, ob es ein Mann oder eine Frau war.

      Was sich meinen Augen bot, glich einem Inferno. Ich sah einen meiner Schulkameraden, der schlimme Verbrennungen erlitten hatte. Seine Kleider waren zerfetzt, und seine Haut löste sich ab. Ein Mädchen, das mit mir zusammengearbeitet hatte, war auf der Straße zusammengebrochen — sie hatte beide Unterschenkel verloren und flehte um Wasser.

      Das Feuer verwüstete die Stadt. Ich beobachtete, wie verkohlte Telefonmasten umknickten, sah einen Zug brennend auf der Bahnstrecke stehen und ein Pferd, das aufgrund der Hitze von Krämpfen geschüttelt wurde. Das wütend um sich greifende Feuer zwang mich, in den Fluß zu waten. Mir war heiß, und der Schock steckte mir in allen Gliedern. Irgendwie habe ich nach Hause gefunden.“ Später stellten sich bei Munehide Zahnfleischblutungen und eine Diarrhö ein. Noch heute leidet er an chronischer Hepatitis. Im Vergleich zu vielen anderen, die er an jenem Tag zu Gesicht bekam, ist er aber, wie er selbst sagt, gut davongekommen.

      Eine Lektion für alle

      Die Folgen der Atombombenabwürfe hinterließen bei vielen Menschen einen nachhaltigen Eindruck. Selbst diejenigen, die nur die Nachwirkungen der Explosionen gesehen haben, waren von den schrecklichen Zerstörungen, die der Krieg angerichtet hatte, tief betroffen.

      Heute, 40 Jahre nach dem Ereignis, nehmen die Spannungen zwischen den Nationen zu, und man rüstet sich mit immer mehr Kernwaffen. Die Furcht vor einem dritten Weltkrieg, verbunden mit einem nuklearen Holocaust, war noch nie so begründet. Verständlicherweise gibt es auf der ganzen Welt mehr und mehr Personen, die an alle Nationen und Völker appellieren, sich die Tragödie von Hiroschima und Nagasaki ins Gedächtnis zurückzurufen und eine Lehre daraus zu ziehen. Daß man in Hiroschima jetzt zum 40. Mal dieses Ereignisses gedenkt, ist nur eine der vielen Anstrengungen in dieser Richtung.

      Haben aber all jene Bemühungen die Welt dem wahren Frieden wirklich näher gebracht? Sind die Schrecken eines nuklearen Krieges — der Schmerz, das Leid und die Zerstörung — so groß, daß sich die Menschen veranlaßt fühlen, für immer auf Kriege zu verzichten? Welche langfristige Wirkung hat die Tragödie von Hiroschima und Nagasaki auf die Friedensbestrebungen Japans als Nation?

  • Hiroschima — Verblassen die Erinnerungen?
    Erwachet! 1985 | 22. August
    • Hiroschima — Verblassen die Erinnerungen?

      DEN Japanern standen die Tränen in den Augen, als sie sich am 15. August 1945 zur Mittagszeit um ihre Radiogeräte versammelten. Sie hörten die Stimme ihres Kaisers, der sagte: „Die Erfordernisse der Zeit und des Schicksals haben Uns veranlaßt, den Weg zum Frieden für alle Generationen der Zukunft zu beschreiten, unter Erduldung all dessen, was überhaupt erduldet werden kann.“

      Nur knapp eine Woche war vergangen, seit das japanische Volk gehört hatte, daß Hiroschima und Nagasaki durch neuartige Bomben verwüstet worden waren. Jetzt wurde der Bevölkerung erklärt, der Krieg im Pazifik sei zu Ende — und Japan hatte den Krieg verloren!

      Der Krieg hatte einen hohen Tribut gefordert. Die körperlichen und geistigen Kräfte der Menschen waren erschöpft, das Land glich einer Wüste. Mehr als 3 Millionen Japaner hatten im Krieg ihr Leben verloren, und 15 Millionen waren obdachlos geworden. Neunzig größere Städte waren mehrfach bombardiert worden, und 2,5 Millionen Gebäude und Wohnungen lagen in Trümmern. Der Krieg hatte Tokio in Schutt und Asche gelegt und seine Bevölkerung dezimiert. Das war eine demütigende Niederlage — ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Landes der aufgehenden Sonne.

      Verzicht auf Krieg

      Nach einer Niederlage und inmitten von Trümmern fällt es einem nicht schwer, die Sinnlosigkeit des Krieges zu begreifen. Daher wurde die japanische Verfassung unmittelbar nach dem Krieg nach demokratischen Gesichtspunkten revidiert; auf Krieg wurde für immer verzichtet. In Artikel 9 der revidierten Verfassung heißt es:

      „Im aufrichtigen Bemühen um einen auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden entsagt das japanische Volk für alle Zeit dem Krieg als einem Recht seiner nationalen Souveränität sowie der Androhung oder Anwendung von Gewalt als eines Mittels zur Entscheidung zwischenstaatlicher Streitigkeiten.

      Um die im vorausgehenden Absatz genannten Ziele zu erreichen, werden Land-, See- oder Luftstreitkräfte oder sonstiges Kriegspotential niemals wieder unterhalten. Das Recht des Staates, einen Krieg zu führen, wird nicht anerkannt.“

      Angesichts dieser kühnen und edlen Absichtserklärung gewinnt man den Eindruck, Japan habe aus seiner Erfahrung gelernt. Die Japaner haben zweifelsohne eine starke Abneigung gegen den Krieg und fürchten insbesondere einen Atomkrieg. Das Land hat sich folgenden drei „nichtnuklearen Prinzipien“ verschrieben: keine Herstellung, kein Besitz und keine Einfuhr nuklearer Waffen. Jedes Jahr versammeln sich überall im Land Hunderttausende von Japanern, um zum Protest gegen Kernwaffen aufzurufen. Atomwaffen, so fordern sie, sollten nie wieder zum Einsatz kommen — nirgendwo!

      Ein erstaunlicher Aufschwung — In welche Richtung?

      Heute, 40 Jahre nach Hiroschima, erscheint es einem unglaublich, welchen Wohlstand das moderne Japan erreicht hat. Ohne die Last von Rüstungsausgaben war Japan in der Lage, seine Mittel zum Wiederaufbau zu verwenden. Dort, wo einst alles in Trümmern lag, stehen heute schöne Häuser und Wolkenkratzer. Glänzende Autos, gutgekleidete Menschen und teure Restaurants bieten einen ganz anderen Anblick als die Not und das Elend der ersten Nachkriegsjahre. Die Warenhäuser sind gefüllt mit allerlei Luxusgütern, und die Fabriken produzieren unaufhörlich Gebrauchsgüter für das In- und Ausland. Ja, Japan hat sich zu einer der wohlhabendsten Nationen der Welt aufgeschwungen.

      Wozu hat aber der materielle Wohlstand geführt? Ist die Erinnerung an Hiroschima und Nagasaki durch den wirtschaftlichen Aufschwung verblaßt? Betrachten die Japaner den Krieg um so weniger als abscheulich, je mehr die Narben, die er hinterlassen hat, verschwinden?

      Umfragen aus jüngerer Zeit lassen erkennen, daß das japanische Volk zwar immer noch wünscht, daß sein Land ein nichtatomarer Staat bleibt, aber pessimistisch in die Zukunft blickt. Die Hälfte der Befragten befürchtet einen Atomkrieg. Auch nimmt die Zahl derer zu, die meinen, Japan werde innerhalb des nächsten Jahrzehnts eine Nuklearmacht. Warum hegen die Menschen diese Befürchtungen? Betrachten wir, welche Entwicklungen vor sich gegangen sind.

      Nach dem Krieg wurde eine nationale Polizeireserve aus 70 000 Infanteriesoldaten aufgestellt. Später wurde diese Streitmacht auf eine Stärke von 250 000 Mann erhöht, in Heer, Marine und Luftwaffe aufgegliedert und mit dem Namen jieitai oder Selbstverteidigungsstreitkräfte versehen. Japans Militäretat belief sich aber nur auf 1 Prozent des Bruttosozialprodukts. Da in vielen Teilen der Welt die Spannungen zunehmen, fühlt sich Japan jedoch veranlaßt, sein Verteidigungspotential zu vergrößern.

      Kürzlich erklärte Japans Premierminister Nakasone, daß man beabsichtige, aus Japan „einen großen Flugzeugträger“ zu machen. Gegen den Wunsch der Öffentlichkeit ist geplant, den Verteidigungsetat 1985 um 7 Prozent zu erhöhen. Wie aus Berichten der Zeitung Daily Yomiuri hervorgeht, hat sich Japan an einen Fünfjahresplan (1986—1990) gebunden, gemäß dem die Verteidigungsanstrengungen systematisch und kontinuierlich gesteigert werden.

      Veränderungen in der Einstellung gegenüber dem Krieg werden nicht nur in der Regierungspolitik, sondern auch bei der Bevölkerung sichtbar. Im Jahre 1970 kam es zu einer der größten Demonstrationen in der Geschichte Japans, als das japanisch-amerikanische Sicherheitsabkommen — die Vereinigten Staaten von Amerika gewähren im Austausch für die Errichtung von Militärstützpunkten in Japan dem Land in Krisenzeiten Schutz — verlängert wurde. Als dieses Abkommen 1980 erneut verlängert wurde, kam es hingegen zu keiner einzigen nennenswerten Protestkundgebung.

      Das liegt daran, daß sich im heutigen Japan nur noch wenig Menschen, die jünger als 50 Jahre sind, an den Krieg entsinnen oder darüber sprechen möchten. Einige sehen in der sorgfältigen Revision der Schulbücher das Bestreben, bedeutende Tatsachen zu streichen, die zu jenem schrecklichen Krieg geführt haben. Wie Fußspuren an einem Sandstrand nach und nach von den Wellen verwischt werden, so werden auch die politischen Ansichten der Menschen durch die sich verändernden Weltverhältnisse geprägt. Die großen Fragen, die sich viele stellen, lauten: Wie würde sich Japan wohl in einem künftigen Konflikt verhalten? Würde sich das Land wiederum an einem Krieg beteiligen, wenn ein anscheinend berechtigter Grund vorläge? Sind die Erinnerungen an Hiroschima verblaßt?

      Welchen Lauf das Volk als Ganzes einschlagen wird, bleibt abzuwarten. In Japan haben jedoch schon viele in dieser Hinsicht eine persönliche Entscheidung getroffen. Einer von ihnen saß in Hiroschima gerade im Gefängnis, als die Atombombe explodierte, überstand aber die Katastrophe in einer der tiefgelegenen Gefängniszellen. Man hatte ihn nicht als Kriminellen inhaftiert. Vielmehr hatte er es aus Gewissensgründen abgelehnt, sich am Krieg zu beteiligen.

      Durch ein Studium der Bibel hatte er den Standpunkt Gottes in bezug auf die Kriege der Menschheit kennengelernt und erfahren, daß Gottes Königreich das einzige Mittel ist, durch das wahrer Frieden herbeigeführt werden kann. (Siehe Jesaja 2:4; Daniel 2:44.) Weil er aus Liebe zu Gott und zu seinen Mitmenschen diese Botschaft predigte, sperrte man ihn ins Gefängnis.

      Wie er, so predigen heute in Japan mehr als 100 000 Zeugen Jehovas fleißig die „gute Botschaft vom Königreich“ (Matthäus 24:14). Viele von ihnen haben die Schrecken von Hiroschima und Nagasaki persönlich durchlebt. Wie eine junge Frau aufgrund jenes außergewöhnlichen Ereignisses nach etwas Besserem suchte — und was sie fand —, wird im nächsten Artikel erzählt.

      [Bild auf Seite 7]

      Das heutige Hiroschima; der Teil links unten im Bild zeigt denselben Teil der Stadt wie auf Seite 4 (aus der entgegengesetzten Richtung)

  • Hiroschima — Mein Haß ist erloschen
    Erwachet! 1985 | 22. August
    • Hiroschima — Mein Haß ist erloschen

      Erzählt von Taeko Enomoto aus Hiroschima

      EIN Fremder kam in unser Haus und brachte uns ein versengtes, zerrissenes Hemd, das ein Schuljunge getragen hatte. Von dem Hemd war nur noch der obere Teil mit dem Kragen übrig. Auf der Brustseite konnte man aber noch deutlich den Namen Miyakawa Shiro lesen. Es war das Hemd meines Bruders.

      Am Morgen des 6. August 1945 war ich wie gewöhnlich zur Arbeit gegangen. Als 19jähriges Mädchen war auch ich von dem Patriotismus besessen, der das Land in jener Zeit erfaßt hatte, und hatte mich der weiblichen Freiwilligenarmee angeschlossen. Mein Bruder, noch ein Schuljunge, hatte eine Arbeit im Zentrum der Stadt aufgenommen. Mein Vater war in Manchuria gefallen. Somit war meine Mutter allein zu Hause.

      Früh an jenem Morgen hatte man feindliche Militärflugzeuge in der Nähe von Hiroschima gesichtet und Luftschutzwarnungen gegeben. Gerade als wir unsere Übungen beendet hatten und ins Gebäude zurückgingen, wurde das Gelände von einer gewaltigen Explosion erschüttert. Alles, was ich sah, nahm eine rote Farbe an. Die Hitze der Explosion war so groß, daß ich das Gefühl hatte, ich sei in einen glühenden Ofen gefallen — im selben Moment wurde ich bewußtlos.

      Als ich wieder zu mir kam, dachte ich zuerst an meine Angehörigen. Obwohl es mitten am Tag war, sah alles wegen der niedergehenden Explosionswolke unheimlich aus. Bald danach fiel ein rußiger Niederschlag herab, und das hielt ungefähr zwei Stunden an. Was ich auf dem Heimweg zu sehen bekam, war erschütternd. Ich sah Leute, denen das Blut aus dem Hals spritzte, und andere, die sich die Hände vor die Augen hielten und denen Blut zwischen den Fingern hervorquoll. Viele waren am ganzen Körper rot — alles Verbrennungen! Bei einigen hing die Haut der Hände und der Arme von den Fingerkuppen herab, während andere die Haut hinter sich herzogen, die sich von ihren Beinen abgelöst hatte. Das Haar mancher Leute war gekräuselt und stand in die Höhe.

      Zu Hause angekommen, stellte ich fest, daß die ganze Gegend, auch unser Haus, durch die Explosion dem Erdboden gleichgemacht worden war. Wie glücklich ich war, als ich meine Mutter noch am Leben fand, obwohl sie durch umherfliegende Glassplitter schwere Schnittwunden erlitten hatte! Aber was war mit meinem Bruder geschehen? Wir entschlossen uns, bis zum Sonnenaufgang zu warten und dann in die Stadt zu gehen, um nach ihm zu suchen.

      Die Suche nach meinem Bruder

      Das, was ich am nächsten Tag in der Stadt sah, machte mir klar, daß es sich nicht um einen gewöhnlichen Luftangriff gehandelt hatte. Diese Bombe war etwas Außergewöhnliches. Die Verwüstung war beispiellos.

      Auf der Brücke, die in die Stadt führte, waren auf beiden Seiten verkohlte Körper aufgestapelt, und es blieb nur noch ein schmaler Durchgang in der Mitte. Manchmal drang aus den aufgehäuften Körpern ein Stöhnen, und hier und dort bewegte sich auch plötzlich etwas. Ohne zu überlegen, lief ich hin, um zu sehen, ob es mein Bruder war. Aber alle hatten so schlimme Verbrennungen erlitten und waren so verschwollen, daß kaum zu erkennen war, um wen es sich handelte. In den verschiedenen Sammellagern rief ich ständig den Namen meines Bruders aus, doch er war nicht zu finden.

      Nach zwei oder drei Tagen stellte man erstmals Listen mit den Namen der Toten auf. Soldaten sammelten die verkohlten Leichen ein, übergossen sie mit Benzin und verbrannten sie. Für Verletzte und Sterbende konnte so gut wie gar nichts getan werden. Man versorgte sie mit etwas Wasser und teilte ihnen einen Reiskloß als tägliche Ration zu. Eine medizinische Versorgung oder Behandlung gab es nicht.

      Einige Tage später fielen den Leuten die Haare aus. Fliegen und Maden krabbelten über die offenen Wunden derer, die zu schwach waren, sich ihrer zu wehren. Die Luft war erfüllt von dem üblen Geruch der unbehandelten Wunden und der verbrennenden Körper. Ohne ersichtlichen Grund starb bald darauf einer nach dem anderen von denjenigen, die noch gesund genug waren, sich um die Verletzten zu kümmern. Offensichtlich erlagen sie der Wirkung der Strahlung. Auch bei mir stellte sich Durchfall ein, ich wurde schwach und hatte nervöse Störungen.

      Ungefähr nach zwei Monaten erfuhr ich schließlich, was meinem Bruder widerfahren war. Der Fremde, den ich eingangs erwähnte, kam uns besuchen. Er erklärte, daß er einem Jungen Wasser gegeben hatte, der sehr schlimme Verbrennungen erlitten hatte und durch die Explosion der Bombe erblindet war. Als mein Bruder schließlich gestorben war, zog dieser Fremde ihm das Hemd aus und war so freundlich, die Mühe auf sich zu nehmen, uns zu suchen und es uns zu bringen.

      All das wirkte sich auf mich als 19jähriges Mädchen erschütternd aus. Ich konnte über nichts mehr nachdenken. Außerdem war mein Furchtempfinden wie betäubt. Ich weinte und weinte nur. Jedesmal, wenn ich die Augen schloß, sah ich die Opfer mit ihrem starren Gesichtsausdruck ziellos in der Dunkelheit umherirren. Wie ich den Krieg haßte! Ich haßte die Amerikaner, weil sie die Bombe abgeworfen hatten, und ich haßte die japanische Regierung, weil sie es so weit hatte kommen lassen.

      Ich fand etwas Besseres

      Im Verlauf der nächsten zehn Jahre heiratete ich und hatte schließlich drei Kinder. Aber mein Herz brannte weiterhin vor Haß. Obwohl ich verzweifelt versuchte, mich von diesen Haßgefühlen zu befreien, fragte ich mich, ob ich all das jemals vergessen könnte.

      Ich ging zu verschiedenen religiösen Gemeinschaften und schloß mich der Seicho-No-Ie-Religionsgemeinschaft an, da ihre Mitglieder für mich die liebevollsten und großzügigsten Menschen zu sein schienen. Aber sie konnten mir meine Fragen nicht befriedigend beantworten. Wenn ich sie fragte, warum mein Bruder sterben mußte, pflegten sie nur zu sagen: „Menschen, die Gutes tun, sterben in jungen Jahren. Es war sein Schicksal.“

      Dann zogen wir nach Tokio. Eines Tages klopfte ein Zeuge Jehovas an unsere Tür. Er sprach über Gottes Königreich und las mir aus der Bibel etwas über Menschen vor, die ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden würden (Jesaja 2:4). Seine Freundlichkeit und seine Bibelkenntnis beeindruckten mich, und ich nahm von ihm zwei Zeitschriften entgegen. Später erfuhr ich, daß auch er die meisten seiner Angehörigen bei der Bombardierung Hiroschimas verloren hatte. Er richtete es ein, daß eine Frau mich besuchte.

      Die Frau kam viele Male, lächelte stets und war freundlich. Doch ich war immer noch verbittert und unzugänglich. Obwohl ich ihrer Botschaft aus der Bibel zuhörte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, daß ein Glaube, der aus dem Land stammte, das an jenem Tag dieses Elend über Hiroschima gebracht hatte, zu retten vermag. Aber die Frau hatte irgend etwas an sich, was mich veranlaßte, ihr weiterhin zuzuhören.

      „Denken Sie, daß es für jemanden wie mich, dessen Herz voller Haß ist, möglich ist, ein so warmherziger Mensch zu werden wie Sie?“ fragte ich sie eines Tages.

      „Ja, das ist möglich“, antwortete sie voller Zuversicht. „Ich bin so geworden, nachdem ich die Bibel studiert hatte“, erklärte sie.

      Daher begann ich ein systematisches Studium der Bibel anhand der Broschüre „Siehe! Ich mache alle Dinge neu“. Durch das Studium lernte ich, daß die Handlungsweise der sogenannten christlichen Nationen mit dem Christentum, das die Bibel lehrt, nicht übereinstimmt und daß der Christenheit das Gericht Gottes bevorsteht.

      Je länger ich studierte, desto mehr wuchs meine Begeisterung. Mir wurde klar, warum Gott das Böse bis heute zugelassen hat und daß nur Gottes Königreich die Menschheit von allem Leid befreien kann. Tief bewegt war ich auch von der Liebe Jesu Christi, die er dadurch zeigte, daß er sein Leben an einem Marterpfahl zum Nutzen aller Menschen hingab. Nach und nach veränderte die Botschaft der Bibel meine inneren Empfindungen, und bald war der Haß in meinem Herzen erloschen. Statt dessen empfand ich eine herzliche Liebe zu anderen und den dringenden Wunsch, ihnen von Gottes Königreich zu erzählen.

      Ich besuchte regelmäßig die Zusammenkünfte im Königreichssaal, und im Juni 1964 wurde ich getauft. Danach konnte ich sieben Jahre lang als Pionier (ein Vollzeitprediger der Zeugen Jehovas) tätig sein und hatte das Vorrecht, zwölf Menschen zu helfen, den allein wahren Gott, Jehova, kennenzulernen.

      Mein Erlebnis hilft anderen

      Mein Mann und ich sind jetzt nach Hiroschima zurückgekehrt. Hier kommen wir mit vielen Leuten zusammen, die sich ebenfalls noch an den Abwurf der Bombe erinnern können. Da ich dasselbe wie sie erlebt habe, kann ich ihnen helfen, zu erkennen, daß die einzig wahre Hoffnung auf eine Welt ohne Krieg die in der Bibel verheißene Königreichsherrschaft Jesu Christi ist.

      Heute sind die Schäden, die der Bombenabwurf auf Hiroschima angerichtet hat, weitgehend beseitigt. Für mich ist aber weit wichtiger, daß ich den Haß und den nagenden Kummer, den ich so viele Jahre in meinem Herzen trug, durch Hoffnung und Liebe ersetzen konnte. Nun sehne ich mich nach der Zeit, wo Gott alle auferwecken wird, an die er sich gern erinnert. Mein Wunsch ist es, die unvergleichliche Freude, die ich jetzt empfinde, mit den vielen zu teilen, die vor 40 Jahren in Hiroschima ihr Leben verloren haben — auch mit meinem lieben kleinen Bruder.

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