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Der erstaunliche Einfluß der Bibel — auf unbemerkte WeiseErwachet! 1982 | 8. Juni
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in bezug auf Wesen und Zweck des Staates, die sozialen Einrichtungen und die Wirtschaftstheorien ist.“
Napoleon Bonaparte gab einmal zu, daß die Bibel ein Buch mit einer Macht sei, „die alle besiegt, die ihr widerstehen“. Auch andere haben erkannt, wie stark die Bibel die Einstellung der Menschen zu beeinflussen vermag. Deshalb haben Mächtige die Bibel gehaßt und Bibelgläubige, die nach ihr gelebt haben, verfolgt. Es mag überraschen, daß es sich bei diesen Mächtigen oft sogar um führende Persönlichkeiten der Kirchen handelte, wie die folgenden Artikel zeigen werden.
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Wie die katholische Kirche früher zur Bibel eingestellt warErwachet! 1982 | 8. Juni
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Wie die katholische Kirche früher zur Bibel eingestellt war
IN EINER Anleitung für katholische Bibelleser sind folgende interessante Worte zu finden: „Die meisten katholischen Laien der älteren Generation werden bestätigen, daß es früher von der Mehrzahl der katholischen Priester und Nonnen nicht gern gesehen wurde, wenn man die Bibel ohne entsprechende Anleitung las. Glücklicherweise hat sich diese Situation grundlegend geändert, und heute werden die Katholiken von allen Seiten ermuntert, ermahnt und sogar dringend gebeten, das Buch der Bücher zu lesen.“
Die Einstellung der katholischen Kirche zur Bibel hat sich in den letzten paar Jahrzehnten unbestreitbar „grundlegend geändert“. In den vergangenen 30 Jahren sind mehr katholische Bibelübersetzungen erschienen als in den Jahrhunderten davor. Aber was sind 30 Jahre in der Geschichte einer Kirche, die beansprucht, seit der Zeit der Apostel zu bestehen? Wie hat sich die katholische Kirche im Laufe der Jahrhunderte verhalten? Hat sie Liebe zur Bibel bekundet, indem sie den Katholiken dieses Buch zugänglich gemacht und sie ermuntert hat, es zu lesen, oder hat sie Personen, die die Bibel liebten, gehaßt?
Vor und nach Karl dem Großen
Gerechterweise muß gesagt werden, daß die katholische Kirche die Übersetzung der Heiligen Schrift in die Landessprache anfänglich förderte. Man darf nicht vergessen, daß die ersten Christen allgemein griechisch sprachen. Das war noch einige Jahrhunderte nach dem Abfall, der mit dem Tod der Apostel einsetzte, der Fall. Ein Beispiel dafür ist das erste ökumenische Konzil, das 325 u. Z. in Nizäa abgehalten wurde. Die Verhandlungen wurden nicht in lateinischer, sondern in griechischer Sprache geführt, und das berühmte Nizäische Glaubensbekenntnis, die „unerschütterliche Grundlage“ des katholischen Glaubens, wurde in Griechisch abgefaßt.
Im 4. Jahrhundert u. Z. entbrannte zwischen Rom und Byzanz (Konstantinopel) ein Streit darüber, welche der beiden Städte der religiöse Mittelpunkt der Kirche sei, und dabei spielte auch die Sprache eine Rolle. Die Kirche im Ostteil des Römischen Reiches, die dem Patriarchen von Konstantinopel unterstand, verwandte in der Liturgie die griechische Sprache, und sie besaß die ganze Bibel in Griechisch (die Septuaginta, eine Übersetzung der Hebräischen Schriften, und die Christlichen Griechischen Schriften). In der Westhälfte des Römischen Reiches dagegen wurde nicht griechisch, sondern lateinisch gesprochen. Es existierten verschiedene alte lateinische Übersetzungen der Bibel, doch wichen sie alle stark voneinander ab. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts beauftragte Damasus, Bischof von Rom, einen Gelehrten namens Hieronymus, einen lateinischen Einheitstext der Bibel zu schaffen.
Hieronymus bediente sich nicht des klassischen Lateins, sondern des Vulgärlateins — der Sprache des Volkes. Seine Übersetzung wurde schließlich als die Vulgata (allgemein gebräuchliche, übliche Fassung) bekannt. Über tausend Jahre war sie die maßgebliche, authentische Bibelübersetzung der katholischen Kirche, obwohl die lateinische Sprache längst nicht mehr gesprochen wurde. Wichtig ist jedoch, daß die Vulgata ursprünglich eine Bibel in der Landessprache war.
Als das Römische Reich und mit ihm das damalige Schulwesen verfiel, ging die Aufgabe, für Bildung zu sorgen, an die Kirche über. Leider vernachlässigte sie ihre Pflicht. Die Folge war die weitverbreitete Unwissenheit, die das finstere Mittelalter kennzeichnete.
Karl der Große beklagte gegen Ende des 8. Jahrhunderts die gewaltige Unwissenheit des Volkes und des niederen Klerus in seinem Reich. Wegen seiner Bildungsbestrebungen wurde er als der „Begründer des mittelalterlichen Schulsystems“ bezeichnet. Er ließ an seinen Hof Gelehrte kommen wie den englischen Theologen Alkuin, der eine Revision des verderbten Textes der von Hieronymus geschaffenen Vulgata vornahm. Karl der Große befahl, in den Klöstern scriptoria, das heißt Schreibstuben, einzurichten, in denen Handschriften abgeschrieben wurden. Seine Bemühungen, den Stand der Bildung in seinem Reich zu heben, kamen hauptsächlich dem Klerus und dem Adel zugute, denn die Manuskripte waren in Latein geschrieben, und zu jener Zeit wurde nicht mehr allgemein Latein gesprochen, sondern die Völker Europas hatten eigene Landessprachen.
Brosamen für das Volk
Unter dem Einfluß Karls des Großen verlangte die Synode von Tours (813), daß die Homilien der Väter und die Predigten für das Volk in die Landessprache übertragen werden sollten. Aber es wurde keine Anweisung gegeben, die Bibel selbst für das Volk zu übersetzen. Entschuldigend schreibt das Werk Catholic Encyclopedia:
„Damals gab es nur handgeschriebene Bücher, und da sie teuer waren, konnten sich die meisten Leute keine Bücher leisten. Aber selbst wenn die Mehrheit die Mittel gehabt hätte, sich Bücher zu kaufen, hätte sie sie nicht lesen können, denn in jener Zeit stand die Bildung allgemein sehr tief, und nur wenige Privilegierte waren des Lesens und Schreibens kundig. Außer den Geistlichen und den Mönchen konnte damals kaum jemand lesen.“ Doch wessen Fehler war es, daß das Volk ungebildet war? Und warum wartete die katholische Kirche, bis Karl der Große verordnete, daß auch der niedere Klerus über eine gewisse Bildung verfügen müsse?
Anstatt die Bildung des Volkes und die Übersetzung der Bibel in die Landessprachen zu begünstigen, förderte die katholische Kirche die Herstellung von „Büchern“ für Analphabeten: Bilderbibeln (zum Beispiel die Biblia pauperum oder Armenbibel), biblische Geschichten, Mirakelspiele (geistliche Spiele des Mittelalters, die Leben und Wundertaten der Heiligen und der Jungfrau Maria behandelten), Statuen und Schnitzwerke, Wandbilder in den Kirchen und Glasmalereien, denen biblische Themen zugrunde lagen. Das waren die Brosamen, die die katholische Geistlichkeit vom reichgedeckten geistigen Tisch biblischer Erkenntnis fallen ließ, während sie das „Brot“ für sich und einige wenige andere Privilegierte, Könige und Adlige, behielt.
Unvorhergesehene Konsequenzen
Die Bestrebungen Karls des Großen, die allgemeine Bildung zu fördern, hatten für die katholische Kirche unvorhergesehene Konsequenzen. Nach seinem Tod — als der niedere Klerus und der Adel allmählich gebildeter wurden und lateinische Bibelhandschriften in Umlauf waren — begannen Priester, Mönche, Könige, Königinnen, Fürsten und Fürstinnen, die katholische Lehre mit den Lehren der Bibel zu vergleichen und Fragen zu stellen. Auch forderten sie die Bibel in der Landessprache; und zu jener Zeit erlaubte die Kirche die Übersetzung von Bibelteilen für die Geistlichkeit und den Adel.
Einige von denen, die die Bibel lasen — auch Geistliche —, wurden vorreformatorische Dissidenten. Unter ihnen befanden sich zum Beispiel Berengar von Tours (starb 1088), Peter von Bruys (starb 1140) und Heinrich von Lausanne (starb im Gefängnis nach 1148). Alle drei waren französische Geistliche, die die Bibel höher achteten als die katholischen Lehren und dafür leiden mußten.
Als das Volk die Predigten in seiner Muttersprache hörte und die Bilder in den Bilderbibeln (der Text war in Latein) sowie die verschiedenen religiösen Kunstwerke sah, wurde sein Verlangen nach biblischem Wissen wach. Teile der Bibel, die allerdings von der Kirche „nicht autorisiert“ waren, wurden in Umlauf gebracht, und Gruppen wie die Waldenser begannen in Frankreich, Italien, Spanien und in anderen europäischen Ländern, biblische Wahrheiten zu verkündigen. Damit hatte Rom nicht gerechnet. Deshalb änderte sich vom 12. und 13. Jahrhundert an die Einstellung der katholischen Kirche zur Bibel grundlegend. Für Rom war sie nun ein gefährliches Buch, wie die folgenden geschichtlichen Tatsachen zeigen.
[Bild auf Seite 4]
Hieronymus erhielt von Damasus, Bischof von Rom, den Auftrag, die Bibel in die vom Volk gesprochene lateinische Sprache zu übersetzen.
[Bilder auf Seite 5]
Das von Karl dem Großen geschaffene Schulsystem kam vorwiegend dem Klerus und dem Adel zugute.
[Bild auf Seite 6]
Als sogenannte Ketzer anfingen, die Bibel zu predigen, änderte sich die Einstellung der Kirche zu diesem Buch.
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Einige Daten des Kampfes gegen das BibellesenErwachet! 1982 | 8. Juni
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Einige Daten des Kampfes gegen das Bibellesen
1179 Papst Alexander III. verbot den Waldensern, andere in der Bibel, von der sie gewisse Teile in der Volkssprache besaßen, zu unterweisen.
1184 Auf der Synode von Verona (Italien) ordnete Papst Lucius III., unterstützt von Friedrich I. Barbarossa, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, an, daß alle bibelgläubigen „Ketzer“, die nicht aufhörten, gegen die katholische Lehre zu predigen oder auch nur abweichend zu denken, mit dem Bannfluch belegt und der weltlichen Gerechtigkeit zur Bestrafung (gewöhnlich durch Tod auf dem Scheiterhaufen) übergeben werden sollten.
1199 Papst Innozenz III. verurteilte die Übersetzung der Psalmen, der Evangelien und der Paulinischen Briefe in die französische Sprache und verbot die Zusammenkünfte, die in der Diözese von Metz (Frankreich) zu dem „anstößigen Zweck“ abgehalten wurden, die Schriften zu erforschen. Abschriften dieser Übersetzungen in der Landessprache, die aufgefunden werden könnten, sollten von Mönchen des Zisterzienserordens verbrannt werden.
1211 Auf Anweisung von Papst Innozenz III. veranstaltete Bischof Bertram von Metz einen Kreuzzug gegen alle, die die Bibel in der Landessprache lasen, und alle diese Bibeln, die gefunden wurden, wurden ordnungsgemäß verbrannt.
1215 Von den Dekreten, die das 4. Laterankonzil erließ, richteten sich drei gegen Häretiker, die es sich herausnahmen zu predigen. In dem Werk „Dictionnaire de Théologie Catholique“ wird zugegeben, daß diese Maßnahme hauptsächlich gegen die Waldenser gerichtet war, die bei ihrer Predigttätigkeit Bibeln in der Landessprache benutzten.
1229 Kanon 14 der Provinzialsynode von Toulouse verordnete: „Wir verbieten auch dem gemeinen Volk, irgendein Buch des Alten oder Neuen Testamentes zu besitzen oder zu lesen mit Ausnahme des Psalters, des Breviers und der Stundengebete der hl. Jungfrau, welche Bücher die Andächtigen begehren; aber auch irgendeine dieser Schriften in die Volkssprache zu übersetzen, verbieten wir auf das strengste.“
1246 Die Synode von Béziers erließ ein Statut für die Inquisitoren der Provinz, worin diesen die Bestimmung eingeschärft wurde, daß Laien gar keine theologischen Bücher und Kleriker keine theologischen Bücher in der Volkssprache haben dürften.
1559 Papst Paul IV. setzte unter der Überschrift „Biblia prohibita“ eine Reihe von lateinischen Ausgaben der Bibel auf den Index [verbotene Bücher]; er fügte hinzu, daß keine Bibel in der Volkssprache gedruckt, gelesen oder behalten werden dürfe ohne Erlaubnis des Heiligen Offiziums.
1564 Die 4. Regel des von Papst Pius IV. herausgegebenen Index lautet: „Die Erfahrung lehrt, daß, wenn das Lesen der Bibel in der Volkssprache allen ohne Unterschied gestattet wird, daraus wegen der Verwegenheit der Menschen mehr Schaden als Nutzen entsteht.“
1590 Papst Sixtus V. verordnete, daß niemand die Bibel in einer Landessprache „ohne besondere Genehmigung des Apostolischen Stuhls“ lesen dürfe.
1664 Papst Alexander VII. setzte alle Bibeln in den Volkssprachen auf den Index.
1836 Papst Gregor XVI. ließ alle Katholiken wissen, daß die 4. Regel des von Pius IV. 1564 veröffentlichten Index immer noch gültig sei.
1897 Papst Leo XIII. verfügte in seiner „Konstitution Officiorum“ folgende Einschränkungen für den Gebrauch der Bibel in der Landessprache: „Alle Ausgaben der Heiligen Schrift in der Volkssprache, selbst solche von katholischen Herausgebern, sind absolut verboten, es sei denn, sie sind vom Apostolischen Stuhl approbiert oder haben bischöfliche Approbation, aber in diesem Fall nur, wenn sie mit Anmerkungen, vornehmlich aus den Kirchenvätern und gelehrten katholischen Schriftstellern, versehen sind. ... Verboten sind alle Übersetzungen der Heiligen Schrift, die von Nichtkatholiken veröffentlicht sind, sowie die Bibelübersetzungen in irgendwelche Sprachen, die von diesen gefertigt oder herausgegeben sind.“
1955 In seinem Buch „Was ist die Bibel?“, das mit dem „Nihil Obstat“ und dem „Imprimatur“ der Kirche versehen ist, faßt der französische Autor Daniel-Rops die Gründe, warum die katholische Kirche gegen das Bibellesen war, wie folgt zusammen: „Während aber Luther und neben ihm die anderen Reformatoren der Bibel ihren Vorrang und ihren Widerhall zurückgaben, begingen sie den unsühnbaren Fehler, sie von der Tradition zu trennen, die ihren Text gewährleistet und soviel dazu beigetragen hatte, ihn aufzuhellen. Da jetzt die Bibel für den Menschen zur einzigen Quelle des Glaubens und des religiösen Lebens wurde, bot sie ihm die Möglichkeit, auf die Kirche ... zu verzichten. Die katholische Kirche ... antwortete darauf durch die Schutzmaßnahmen, die das Konzil von Trient [1545—1563] ergriff, vor allem durch das Verbot für die Gläubigen, die Heilige Schrift in Übersetzungen in die Umgangssprache zu lesen, die nicht ihre Genehmigung erhalten hätten und nicht mit Anmerkungen entsprechend der katholischen Tradition versehen wären ... Man konnte immer wieder hören, daß ... ein Katholik die Bibel nicht lesen dürfe.“
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Wie der Protestantismus die Achtung vor der Bibel untergräbtErwachet! 1982 | 8. Juni
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Wie der Protestantismus die Achtung vor der Bibel untergräbt
VIELE aufrichtige Katholiken glaubten, die Bibel sei ein „protestantisches Buch“, weil die katholische Kirche jahrhundertelang nicht erlaubte, daß Laien sie in der Volkssprache lasen. Und die Protestanten sind natürlich davon überzeugt, daß ihr Glaube ganz und gar auf der Bibel beruht. So heißt es in einem maßgeblichen Werk: „Es darf immer noch mit Recht gesagt werden, daß die Bibel, die das Wort Gottes enthält, die eigentliche Grundlage des Protestantismus bildet und daß sie das Buch der Kirche, der Familie und des einzelnen ist, das Buch, zu dem der Protestant greift, wenn er Rat in sittlichen und sozialen Fragen und Aufschluß über den Menschen, seine Natur, sein Geschick und sein Verhältnis zu Gott haben möchte.“a
In einer gelehrten Abhandlung über die Geschichte des Protestantismus wird unter dem Untertitel „Die Rolle der Bibel“ ausgeführt: „Die gemeinsame Grundlage des Protestantismus ist seine Anerkennung der Bibel als alleinige Autorität; die Überzeugung, daß kirchliche Ämter oder Hierarchien im Licht der Bibel als dem Worte Gottes geprüft werden müssen; die Lehre, daß alles zur Rettung Erforderliche in der Heiligen Schrift zu finden ist“ (Encyclopædia Britannica, 1979).
Deshalb hat der Durchschnittsprotestant im allgemeinen eine engere Beziehung zur Bibel als der Durchschnittskatholik, von dem, wie er weiß, erwartet wird, daß er seinen Glauben sowohl auf die kirchlichen Traditionen als auch auf die Heilige Schrift stützt. Stimmt es, daß die Bibel die „eigentliche Grundlage“ der protestantischen Lehren ist und daß der Durchschnittsprotestant (Geistlicher oder Laie) immer noch zur Bibel greift, „wenn er Rat in sittlichen ... Fragen“ haben möchte?
Die Bibel nicht unbedingt als Autorität anerkannt
Die Tatsachen zeigen, daß sich der Protestantismus von Anfang an nicht in allem streng an die Bibel gehalten hat. Luthers Name ist untrennbar mit seiner Bibelübersetzung verbunden, aber in seiner Theologie bewertete er das individuelle Verständnis höher als das, was in der Bibel deutlich geschrieben steht. In seinem Bemühen, die „Rechtfertigung allein aus Glauben“ zu beweisen, wertete er Bibelbücher wie Römer und Galater auf und kanonische Bücher wie Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung ab und schuf so, was als „Kanon innerhalb des Kanons“ bezeichnet wurde.
Auch Johannes Calvin gab nur vor, das Wort Gottes als die alleinige Autorität anzuerkennen, denn in seinem großen Werk Institutio religionis christianae (Christlicher Glaubensunterricht) erläutert er unbiblische Lehren wie die Dreieinigkeit (Buch I), daß der Mensch nicht mit freiem Willen geboren wurde (Buch II), die absolute Vorherbestimmung (Buch III) und die Kindertaufe (Buch IV). Er war auch mitverantwortlich dafür, daß Michel Servet, spanischer Arzt, Jurist und Religionsphilosoph, der die Ansicht Calvins über die Dreieinigkeit nicht teilte, verhaftet und anschließend verbrannt wurde. Hat Calvin die Bibel als alleinige Autorität anerkannt, wo sie doch in Römer 12:17-21 Christen den Rat gibt, sich nicht selbst zu rächen? Kaum!
Ferner erkannten die Reformatoren und die durch sie entstandenen protestantischen Kirchen weiterhin die Glaubensbekenntnisse an, die von früheren ökumenischen Konzilien der katholischen Kirche formuliert worden waren, zum Beispiel das Nizäische und das Athanasianische Glaubensbekenntnis. Diese Bekenntnisse verraten ein deutliches Festhalten an unbiblischen Lehren wie der Lehre von der Dreieinigkeit und der ewigen Verdammnis. Der Protestantismus hat selbst noch eine Reihe eigener Bekenntnisse formuliert, zum Beispiel das Augsburger Bekenntnis der Lutheraner, die 2. Helvetische Konfession der reformierten Kirchen und die Neununddreißig Artikel der Kirche von England sowie der Episkopalkirche. In allen diesen Bekenntnissen wird der Glaube an unbiblische Lehren wie die Lehre von der Dreieinigkeit gefordert. Ein weiteres Beispiel aus neuerer Zeit ist der Ökumenische Rat der Kirchen, der als Grundlage der Mitgliedschaft die Anerkennung eines bestimmten Satzes verlangt, in dem es u. a. heißt, daß Jesus Christus „als Gott“ bekannt werden müsse. Das alles zeigt, daß der Protestantismus seit seiner Entstehung das Wort Gottes nicht unbedingt als alleinige Autorität anerkennt. (Siehe Johannes 17:3, 1. Korinther 8:6, Apostelgeschichte 3:23 und Psalm 146:4, wo deutlich gezeigt wird, daß nicht Jesus, sondern sein Vater ‘der allein wahre Gott’ ist und daß die Seele beim Tod des Menschen nicht weiterlebt.)
Protestantismus und historisch-literarische Kritik
Der Protestantismus, der durch Auflehnung gegen die Tradition und gegen die Autorität des Papstes zu Rom entstand, war seinem Wesen nach anfälliger für den Rationalismus und die negativen Aspekte der Bibelkritik als die katholische Kirche. Es mag nützlich sein, kurz zu erklären, was mit dem Ausdruck „Bibelkritik“ gemeint ist. Man unterscheidet dabei die Textkritik (auch niedere Kritik genannt) und die historisch-literarische Kritik (auch höhere Kritik genannt). Die Textkritik untersucht Bibelhandschriften, ihren Ursprung, ihre Überlieferung und ihren Wert im Vergleich zum nicht mehr vorhandenen Original. Die historisch-literarische Kritik dagegen beschäftigt sich mit der Urheberschaft, der Zeit der Niederschrift und der historischen Genauigkeit der Bibel im Licht der Archäologie und der Geschichte.
Die Textkritik hat einen großen Beitrag zur Bibelforschung geleistet, indem sie Textfehler ausgemerzt und zuverlässige Texte geschaffen hat, die als Grundlagen für bessere Bibelübersetzungen dienen können. Die historisch-literarische Kritik dagegen hat pseudogelehrten Arbeiten Tür und Tor geöffnet, und die Folge davon war, daß das Vertrauen der Menschen zur Bibel erschüttert wurde.
In dem Werk Encyclopædia Britannica (1979) heißt es über die Anfälligkeit des Protestantismus für den Rationalismus und die glaubenzerstörende historisch-literarische Kritik:
„Die Frage der Bibelkritik wurde zuerst an den deutschen Universitäten gestellt; d. h., ob man ein Christ und sogar ein guter Christ sein kann, auch wenn man Teile der Bibel nicht als Wahrheit ansieht. Das wurde im 19. Jahrhundert die große Frage für den Protestantismus, wenn nicht für die ganze Christenheit. ... Der deutsche Protestantismus offenbarte schließlich eine Anpassungsfähigkeit oder Aufgeschlossenheit angesichts der neuen Erkenntnisse, die einen ebenso großen Einfluß auf die Entwicklung der christlichen Kirchen ausübten wie die ursprünglichen Erkenntnisse der Reformation. Die bedeutenderen der protestantischen Kirchen — Lutheraner, Reformierte, Anglikaner, Kongregationalisten, Methodisten und viele der Baptisten — paßten sich teilweise zufolge des deutschen Beispiels verhältnismäßig leicht (vom intellektuellen Standpunkt aus gesehen) den wissenschaftlichen Fortschritten, der Abstammungslehre sowie dem Fortschritt in der Anthropologie und der vergleichenden Religionsgeschichte an.“
Viele protestantische Geistliche haben die ganze Bibel zweifelhaft erscheinen lassen, weil sie gewisse Teile davon als Mythen bezeichnet haben. In der Einleitung der protestantischen 12bändigen Interpreter’s Bible heißt es unter der Überschrift „Die Bibel: ihre Bedeutung und ihre Autorität“: „Diese kurze Untersuchung hat gezeigt, daß es keineswegs gegen die Schrift an sich, sondern im Einklang damit wäre und daß es auch nicht im Gegensatz zu etwas Wichtigem im christlichen Glauben wäre, wenn wir aufhören würden, die Schrift als das Wort Gottes zu bezeichnen.“
Solche Äußerungen wirken sich viel negativer auf den Einfluß aus, den die Bibel auf das Leben der Menschen hat, als eine päpstliche Bulle, die das Bibellesen verbietet.
Fundamentalisten — keine echten Freunde der Bibel
Doch ein Zweig des Protestantismus hat dem Angriff der historisch-literarischen Kritik widerstanden. Es ist der sogenannte Fundamentalismus. Dabei handelt es sich um eine gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Bewegung des amerikanischen Protestantismus zur Abwehr des Liberalismus; sie geht mit Entschiedenheit davon aus, daß die Bibel unmittelbares Wort Gottes (gewissermaßen wörtlich diktiert: „inspiriert“) und aus diesem Grund irrtums- und widerspruchsfrei sei.
Die Fundamentalisten sind im Recht, wenn sie sagen, die Bibel sei von Gott inspiriert, und ihr Kampf gegen die glaubenzerstörende historisch-literarische Kritik sowie gegen pseudowissenschaftliche Theorien wie die Abstammungslehre ist anerkennenswert. Vermag ihre Lehre, daß alles, was in der Bibel geschrieben sei, wörtlich verstanden werden müsse, jedoch bei vernünftig denkenden Menschen Achtung vor der Bibel hervorzurufen? Dient es der Bibel zum Vorteil, wenn sie sagen, die Erde sei in sechs Tagen von je 24 Stunden erschaffen worden, während in der Bibel mit dem Wort „Tag“ verschieden lange Zeitperioden bezeichnet werden? (Vergleiche 1. Mose 1 mit 1. Mose 2:4 und 5:1, ferner mit 2. Petrus 3:8.)
Erweisen sich die Fundamentalisten als echte Freunde der Bibel, wenn sie behaupten, sich streng an die Schrift zu halten, aber unbiblische Lehren vertreten wie die Lehre von der Dreieinigkeit (vergleiche 5. Mose 6:4; Johannes 14:28), von der Unsterblichkeit der Seele (Hes. 18:4) und von einer Feuerhölle (Jer. 7:31; Röm. 6:23)? Durch ihre buchstäbliche Auslegung der Bibel und das Festhalten an gottentehrenden Lehren untergraben die Fundamentalisten den Einfluß der Bibel auf das Denken vieler Menschen.
Protestantismus und Weltlichkeit
Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wenn ihr aus der Welt wäret, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben; aber weil ihr nicht aus der Welt seid, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, haßt euch die Welt“ (Joh. 15:19, Einheitsübersetzung). Dabei ist es eine offenkundige Tatsache, daß sich die bedeutenden protestantischen Kirchen aktiv politisch betätigen, einige von ihnen sind sogar „Staatskirchen“. In einem Nachschlagewerk heißt es: „Man darf von einem Beitrag des Protestantismus zum modernen Nationalismus sprechen. ... Alle außer den Radikalen neigten dazu, ihre Untertanentreue zum bestehenden Staat zur Schau zu stellen, und die Protestanten lieferten häufig eine ideologische Grundlage für jeden neuen Staat, der sich selbständig machte — zum Beispiel in Preußen oder in den Vereinigten Staaten“ (Encyclopædia Britannica).
Am Anfang dieses Artikels zitierten wir die Worte eines protestantischen Buchautors: „Die Bibel ... [ist] das Buch, zu dem der Protestant greift, wenn er Rat in sittlichen ... Fragen ... haben möchte.“ Kann das immer noch als wahr gelten, wenn ein Geistlicher der großen protestantischen Kirchen nach dem anderen erklärt, voreheliche Beziehungen könnten geduldet werden, ebenso Ehebruch, Homosexualität und Abtreibung? In der französischen Tageszeitung Le Monde erschien ein Artikel, der überschrieben war „Viele Kirchen machen kein Geheimnis aus ihrer Homosexuellen-Kartei“, und gestützt auf einen vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf veröffentlichten Bericht, wird gezeigt, daß mehrere der großen protestantischen Kirchen homosexuelle Geistliche tolerieren. In der Bibel heißt es aber: „Betrügt euch nicht selbst. Menschen, die Unzucht treiben, Götzenanbeter, Ehebrecher, Homosexuelle ... — ihnen gibt Gott sein Reich nicht“ (1. Kor. 6:9, 10, Gute Nachricht für Sie).
Während also der Protestantismus die Bibel und alle, die dieses Buch in der Landessprache gelesen haben, nicht haßte, wie das die katholische Kirche früher getan hat, ist er doch wegen der unbiblischen Lehren, die er vertritt, wegen seiner Annahme der historisch-literarischen Kritik und pseudowissenschaftlicher Theorien, wegen seiner Weltlichkeit und wegen der laxen Moral, die er duldet, schuld daran, daß die Bibel auf das Leben von Millionen Menschen keinen Einfluß mehr ausübt.
Obwohl der Katholizismus dem Volk jahrhundertelang nicht erlaubt hat, die Bibel zu lesen, und der Protestantismus auf eine mehr unauffällige, aber dennoch folgenschwere Art die Achtung vor Gottes Wort, der Bibel, untergraben hat, ist sie immer noch ein Buch, das selten jemanden gleichgültig läßt. Entweder er liebt es, oder er haßt es. Warum das so ist und wie es jeden einzelnen berührt, wird im letzten Artikel dieser Serie untersucht.
[Fußnote]
a Histoire du Protestantisme, J. Boisset; Seite 6.
[Bild auf Seite 9]
Um seine Lehre zu stützen, wertete Luther gewisse Bibelbücher auf und andere ab.
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Warum die Bibel von den einen geliebt, von den anderen gehaßt wirdErwachet! 1982 | 8. Juni
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Warum die Bibel von den einen geliebt, von den anderen gehaßt wird
EIN Buch, das die Geschichte, die Kunst, die Sprache und die Anschauungen derart nachhaltig beeinflußt hat, verdient einfach Respekt. Ein Buch, für das Menschen bereit waren zu sterben, weil sie es unbedingt weiter übersetzen und verbreiten wollten, ist es bestimmt wert, sich damit auseinanderzusetzen.
Gerade die Tatsache, daß die Bibel nicht nur geliebt, sondern auch gehaßt wird, empfiehlt sie als ein außergewöhnliches Buch. Viele Deutsche lieben Goethe, viele, die englisch sprechen, lieben Shakespeare, und viele, die spanisch sprechen, lesen gern Cervantes. Doch die literarischen Werke dieser Dichter erzeugen keinen Haß; es stirbt niemand, weil er Goethe, Shakespeare oder Cervantes gelesen hat. Weder verabschieden Parlamente Gesetze gegen die Bücher solcher Dichter, noch erlassen Kirchenführer Bullen dagegen, nicht einmal gegen religiöse Bücher wie die Weden oder den Koran. Warum also hat die Bibel die Jahrhunderte hindurch solch leidenschaftliche Gefühle — dafür und dagegen — erregt?
Warum gehaßt
Napoleon hatte recht, als er erklärte, die Bibel verfüge über eine Macht, die alle besiege, die ihr widerstünden. Allein daß es die Bibel heute trotz aller Bemühungen, sie zu vernichten, überhaupt noch gibt, ist ein Wunder.
In der Bibel selbst steht: „Was Gott spricht, das ist voll Leben und Kraft und schärfer als das schärfste Schwert: es dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, Gelenke und Mark; es ist auch fähig, des Herzens Gedanken und Absichten zu beurteilen“ (Heb. 4:12, Albrecht). Ja, „was Gott spricht“ und in der Bibel aufgezeichnet ist, ist voll Leben. Unaufhaltsam geht alles, was Gott vorhergesagt hat, der Erfüllung entgegen. Währenddessen wirkt sich die Bibel nachhaltig auf das Leben von Männern und Frauen aus und bewegt viele dazu, ihre Loyalität gegenüber Gott über alles andere zu stellen. Aus diesem Grund ist sie von so vielen Diktatoren und totalitären Regimen gehaßt und verboten worden, und aus dem gleichen Grund werden die verfolgt, die danach leben.
Auch haben Führer der katholischen und der orthodoxen Kirche gegen die Verbreitung der Bibel gekämpft und sind bestrebt gewesen, zu verhindern, daß man sie in der Sprache des Volkes lesen konnte. Weshalb? Weil Menschen, die das Wort Gottes gelesen haben, von Gott entehrenden Überlieferungen und Dogmen freigekommen sind, die in der Bibel keinerlei Stütze finden und sogar ihren Lehren widersprechen.
Beurteile die Bibel nicht falsch
Begehe nicht den Fehler, die Bibel nach denen zu beurteilen, die daraus zitieren. An die treulosen Religionsführer seiner Tage gewandt, sagte Jesus: „So habt ihr das Wort Gottes um eurer Überlieferung willen ungültig gemacht [um seine Geltung gebracht, Wilckens]. Ihr Heuchler, treffend hat Jesaja von euch prophezeit, als er sagte: ,Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich bringen sie mir fortwährend Anbetung dar, weil sie als Lehren Menschengebote lehren‘“ (Mat. 15:6-9).
Bis auf den heutigen Tag haben die Geistlichen der Christenheit nur ein Lippenbekenntnis zur Bibel abgelegt. Zum Beispiel hat die katholische Kirche unlängst ihre Begeisterung für neue Bibelübersetzungen entdeckt, und seit verhältnismäßig kurzer Zeit ist es Katholiken erlaubt, in der Bibel zu lesen. Noch immer aber stützen sich die Lehren der katholischen Kirche auf Überlieferungen, die das Wort Gottes „um seine Geltung“ bringen.
Protestanten behaupten immer noch gern, die Bibel sei die „eigentliche Grundlage“ ihrer Religion, andererseits glauben sie aber an viele Lehren, die in der Bibel keine Stütze finden. Obendrein halten nicht wenige ihrer Pfarrer große Teile der Bibel für erdichtet, und Millionen Protestanten — darunter Geistliche — haben die hohen Sittenmaßstäbe der Bibel über Bord geworfen.
Genausowenig darf man die Bibel nach dem beurteilen, wie Katholiken und Protestanten die Jahrhunderte hindurch gehandelt haben. Beide haben von Zeit zu Zeit inquisitorische Methoden gegeneinander angewandt und haben in Religionskriegen Blut vergossen. Der Terror, der heute in Nordirland herrscht, beweist, daß solche Religionsgemeinschaften sich nicht wirklich auf die Bibel stützen. (Vergleiche Jesaja 2:4.)
Finde heraus, was die Bibel wirklich lehrt
In Wort und Tat haben Katholizismus und Protestantismus ein falsches Bild von der Bibel vermittelt. Ein aufrichtiger Mensch muß also alle etwaigen Vorurteile ablegen und selbst herausfinden, wovon die Bibel handelt und weshalb sie ein solch bemerkenswertes Buch ist.
Die Bibel lehrt keine Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit. Der Schöpfer ist nicht ein Gott aus drei Personen, sondern er ist e i n Gott, der Allmächtige (1. Kor. 8:4, 6; 5. Mo. 6:4). Sein
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