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Ich war evangelischer PastorErwachet! 1977 | 22. Juni
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Lehren mit denen der verschiedenen Sekten. Wenn mich eine Sekte enttäuschte, versuchte ich es mit einer anderen.
Zuerst besuchte ich die Gottesdienste einer Richtung der Pfingstgemeinde. Diese Gruppe wurde zu meiner Überraschung von einer Frau geleitet. Ich wußte, daß die Bibel sagt, eine Frau solle nicht Gewalt über den Mann ausüben (1. Tim. 2:11, 12). Als ich die Verantwortlichen fragte, warum eine Frau den Gottesdienst leite, sagte man mir, der frühere Pastor habe die Gemeinde im Stich gelassen, weil sie seine Gehaltsansprüche nicht habe befriedigen können. Man bot mir das Amt des Pastors an. Eines Abends setzte ich mich daher mit den Verantwortlichen zusammen, um ihre Lehren mit meinen Glaubensansichten zu vergleichen.
Unter anderem behaupteten sie, die Gabe des Heilens zu besitzen und deshalb weder Arzt noch Medikamente zu benötigen. Sie sagten, sie würden lediglich beten, worauf sie von jeder Krankheit geheilt würden. Als dann das Abendmahl zur Sprache kam, fragte ich sie, warum sie bei der Feier nicht alle aus ein und demselben Becher trinken würden. Sie gaben zu, daß zu Jesu Zeiten alle Teilnehmer beim Abendmahl aus dem gleichen Becher tränken. Doch sie meinten, daß damals die Gefahr, sich mit einer Krankheit anzustecken, nicht so groß gewesen sei wie heute. Ich entgegnete, daß ihr Glaube an das sogenannte Wunderheilen nicht groß sein könne, wenn sie aus Angst, sich zu infizieren, nicht alle, wie es zur Zeit des Herrn üblich war, aus demselben Becher trinken würden. Damit kam unsere Besprechung um drei Uhr früh zu einem etwas abrupten Ende.
Zwei Tage später besuchte ich die Kirche, aber die Frau, die sie leitete, war nicht da. An jenem Morgen war sie krank geworden und hatte ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Für mich war das der Beweis dafür, daß diese Gruppe die Gabe des Heilens nicht besaß.
Danach befaßte ich mich mit einer anderen religiösen Gruppe, die der Pfingstgemeinde nahestand. Sie hielt auf dem Messegelände in Bogotá eine Erweckungsversammlung ab, und am letzten Tag sollte die Gabe des Heilens demonstriert werden. Ich gab der Bitte eines meiner Freunde nach und ging hin, aber ich tat es auch, um meine eigene Neugier zu befriedigen.
Man führte einen älteren blinden Mann zum Podium und ließ ihn niederknien. Nun begannen sowohl die Männer als auch die Frauen über ihm zu beten. Sie beteten darum, daß der Geist der Blindheit vertrieben und ihm das Augenlicht wieder geschenkt werde. Nach einer Weile wurde der Blinde gefragt, ob er sehen könne. Er bewegte den Kopf hin und her und entgegnete dann, er sehe nichts.
Die Zuhörer waren aufgefordert worden, aufzustehen und mitzubeten. Da ich aber meine Zweifel hatte, blieb ich sitzen. Man hatte das beobachtet, und nun wurde mir vorgeworfen, ich sei schuld, daß sie das Wunder nicht vollbringen könnten, weil es mir an Glauben fehle. Sie forderten mich auf mitzumachen und fuhren dann fort, wieder über dem Blinden zu beten. Ich kam ihrer Aufforderung aber nicht nach: Der Blinde wurde erneut gefragt, ob er sehen könne; wiederum verneinte er. Zum zweitenmal wurde die Schuld am Mißerfolg dem „Ungläubigen“ zugeschoben, der sich unter ihnen befand.
Als mich die verantwortlichen Prediger nachher ansprachen, machte ich sie darauf aufmerksam, daß Jesus Wunder vollbrachte, ohne daß die Ungläubigen Glauben bekunden mußten (Matth. 8:16; Joh. 9:1-7, 35-39). Im Gegenteil, er habe oft Wunder gewirkt, um Ungläubige davon zu überzeugen, daß er wirklich von Gott gesandt worden sei (Joh. 10:37, 38, 42; 11:42-45). Wenn sie durch die Macht Gottes heilten, dann sollte es ihnen möglich sein, das Wunder zu vollbringen und dadurch meinen Unglauben zu überwinden.
Mein Kontakt mit Jehovas Zeugen
Nun muß ich über einen anderen Aspekt meines Lebens berichten. Er betrifft meine Beziehungen, die ich im Laufe der Jahre zu Jehovas Zeugen hatte.
Angefangen hatte es im Jahre 1952. Als ich einmal im Elternhaus meiner Verlobten zu Besuch war, bemerkte ich ein Buch, das ihr Vater gekauft hatte. Es trug den Titel „Dies bedeutet ewiges Leben“. Er wußte, daß mich alles, was mit der Bibel zu tun hat, interessierte, daher gab er es mir. Ein Amtsgenosse klärte mich darüber auf, daß dieses Buch von den „Russelliten“ sei. Damit meinte er die Zeugen Jehovas. Diese Bewegung habe ihre guten Seiten, sei aber auch gefährlich, sagte er, denn sie verbreite gewisse Irrtümer. Ich war neugierig zu erfahren, um was für Irrtümer es sich handelte. Je mehr ich forschte, desto besser lernte ich Jehovas Zeugen kennen.
Fabio Rodas, ein Freund von mir, wurde zur gleichen Zeit wie ich ordiniert. Doch kurz danach wurde Fabio ein Zeuge Jehovas. Als ich ihn später traf, beantwortete er mir einige Fragen, die mir beim Lesen des Buches, das ich bekommen hatte, aufgestiegen waren. Von da an gab er mir jedesmal, wenn er mich traf, Schriften der Zeugen Jehovas.
Fabio bemühte sich mit sanfter Beharrlichkeit, mich zu bewegen, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren. Schließlich willigte ich ein. Aber ich wehrte mich dagegen, von der Dreieinigkeitslehre zu lassen, denn ich war von dem „Geheimnis“ eines dreipersönlichen Gottes überzeugt. Meine Überzeugung beruhte hauptsächlich auf dem Text aus 1. Johannes 5:7. Immer wieder wiesen Jehovas Zeugen darauf hin, daß dieser Text unecht sei, daß er nicht inspiriert und der Heiligen Schrift später hinzugefügt worden sei. In meinen Augen war das aber ein armseliges Argument, und ich dachte, daß sie mich damit nur täuschen wollten.
Im Jahre 1956 traf ich in Bogotá wieder einmal zufällig Fabio. Ich nahm seine Einladung an, mit in den Königreichssaal der Zeugen Jehovas zu gehen. Dort wurde ich der Familie Rivera vorgestellt, und wir vereinbarten, daß sie mit mir studieren sollte. Wieder brachte ich das Thema „Dreieinigkeit“ zur Sprache. Darauf nahm einer der Anwesenden die katholische Nácar-Colunga-Bibel, eine spanische Übersetzung, zur Hand. Er schlug 1. Johannes 5:7 auf und ließ mich die entsprechende Fußnote lesen. Sie besagte: „Dieser Vers, der in der Vulgata lautet: ,Drei sind es, die Zeugnis geben im Himmel: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, und diese drei sind eins‘, fehlt in den alten Handschriften, in den griechischen, in den lateinischen usw., und er ist auch bei den Kirchenvätern unbekannt. Wahrscheinlich ist er spanischen Ursprungs und hat sich allmählich aus einer Exegese [Auslegung] des vorangehenden Verses entwickelt. Erst im 13. Jahrhundert hat er die Form erhalten, die er heute in der Vulgata hat.“
Als ich das las, erkannte ich, daß Jehovas Zeugen im Recht waren, wenn sie sagten, dieser Versteil gehöre eigentlich nicht in die inspirierten Schriften. Und es überraschte mich zu erfahren, daß die Protestanten dem gleichen Irrtum wie die Katholiken anheimgefallen sind, indem sie diesen Text benutzen, um die Lehre von der Dreieinigkeit zu stützen.
Von da an hatte ich mehr Zutrauen zu Jehovas Zeugen. Als ich dann wiederum als Pastor amtierte, beeinflußten ihre Lehren meine Predigten. Ich klebte hinten in meine Bibel sogar den Anhang „Zusammenfassung von Schrifttexten über die Grundlehren ohne Kommentar“, der in dem von Jehovas Zeugen veröffentlichten Buch „Ausgerüstet für jedes gute Werk“ zu finden ist.
Aber ich war nicht bereit, meine Verbindung zu den Protestanten zu lösen. Warum nicht? Vor allem wollte ich bei meinen Angehörigen keinen Anstoß erregen, denn sie waren alle evangelisch, und mehrere unter ihnen, auch mein Vater, fungierten als Pastor. Außerdem hatte ich ein gewisses, allerdings unbegründetes Vorurteil gegen die Zeugen. Vielleicht suchte ich auch nach einem Ausweg, um der Verantwortung zu entgehen, die ich durch mein Studium mit Jehovas Zeugen immer deutlicher erkannte.
Meine Abkehr vom evangelischen Glauben
Nachdem ich erkannt hatte, wie wichtig der Name des wahren Gottes, Jehova, ist, verwendete ich ihn ständig in meinen Predigten. Meine Vorgesetzten machten sich deshalb Gedanken darüber, inwieweit ich mich von Jehovas Zeugen beeinflussen ließ. Ich wurde vor das Kirchengericht zitiert. Um den Beweis zu erhalten, daß sie mir weiterhin vertrauen könnten, forderten sie mich auf, in einer Predigt die Irrtümer der Zeugen Jehovas anzuprangern. Da ich dann gegen meine eigene Überzeugung hätte sprechen müssen, entgegnete ich: „Eine solche Predigt halte ich unter gar keinen Umständen. Wenn das, was ich aufgrund der Bibel gepredigt habe, mit den Lehren der Zeugen Jehovas übereinstimmt, dann werde ich einer von ihnen werden müssen. ‘Erwählt euch heute, wem ihr dienen wollt. Ich aber und meine Hausgenossen, wir werden Jehova dienen’“ (Josua 24:15).
Um jegliche Bindung zu der evangelischen Organisation zu lösen, zog ich mit meiner Familie von Pereira weg nach Cali. Dieser Umzug fand Ende 1967 statt. An einem Sonntag, kurz nach Mittag, machte ich mich auf den Weg ins Stadtzentrum. Dabei fragte ich mich, wie ich wohl Jehovas Zeugen ausfindig machen könne. Als ich im Bus fuhr, bemerkte ich einen Mann, der in der Hosentasche ein Exemplar der Zeitschrift Der Wachtturm stecken hatte. Ich beschloß, ihm zu folgen. Er führte mich direkt in den Königreichssaal. Nach Schluß der Zusammenkunft vereinbarten wir, daß wieder jemand mit mir studiere.
Das letzte Mal hatte ich mit Jehovas Zeugen alles, was vor der Taufe notwendig ist, studiert. Aber sie waren nicht bereit, meine evangelische Taufe für gültig anzuerkennen, obschon ich nach meiner Meinung ‘im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes’ getauft worden war (Matth. 28:19). Als wir uns diesmal über das Thema „Taufe“ unterhielten, fragte ich José Patrocinio Hernández, der mit mir studierte: „Warum muß ich mich nochmals taufen lassen?“ Er entgegnete: „Haben Sie, als Sie getauft wurden, den Namen des Vaters gekannt?“ Ich hatte ihn damals nicht gekannt. Jetzt begriff ich, daß ich nicht ‘in seinem Namen’ getauft worden war.
Als wir darüber sprachen, ‘im Namen des heiligen Geistes’ getauft zu werden, fragte er mich: „Hat die Organisation, die Sie getauft hat, in ihren Reihen Frieden und Einigkeit, was ein Beweis dafür wäre, daß sie den Geist Gottes besitzt?“ (Eph. 4:3). Ich erinnerte mich daran, daß Angel de Jesús Vélez, der evangelische Pastor, der mich getauft hatte, nur zwei Wochen danach eine neue, selbständige Sekte gegründet hatte. Da „Wortzänkereien, Spaltungen, Sekten“ keine „Frucht des Geistes“ sind, sondern „Werke des Fleisches“, war es für mich klar, daß sie den Geist Gottes nicht hatte (Gal. 5:19-23).
Am 10. Mai 1969 ließ ich mich endlich taufen und symbolisierte so meine Hingabe an Gott. Gleichzeitig ließen sich auch meine beiden großen Kinder taufen. Meine Frau und weitere zwei meiner Kinder ließen sich später taufen.
Zurückblickend kann ich das, was der Apostel Paulus empfand, als er folgende Worte niederschrieb, so richtig nachempfinden: „Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in Verbindung mit dem Herrn. Fahrt fort, als Kinder des Lichts zu wandeln, denn die Frucht des Lichts besteht aus ... Wahrheit“ (Eph. 5:8, 9). Wenn ich darüber nachdenke, was ich erlebt habe, als ich einer der Kirchen der Christenheit angehörte, wird mir klar, in welch großer Finsternis ich mich befand. Ich bin dankbar, ein Kind des Lichts zu sein, das Gott als ein von ihm ordinierter Pastor oder Hirte dienen darf und das ‘die Frucht des Lichts, die aus Wahrheit besteht’ hervorbringt. (Eingesandt.)
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‘Geräte durch den Tempel tragen’Erwachet! 1977 | 22. Juni
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‘Geräte durch den Tempel tragen’
● Als Jesus Christus auf der Erde lebte, war es offenbar üblich, den Weg abzukürzen, indem man durch das Tempelgebiet ging. In Verbindung mit der Tempelreinigung, die Jesus kurz vor dem Passahfest des Jahres 33 u. Z. durchführte, lesen wir: „Er ließ nicht zu, daß jemand ein Gerät durch den Tempel trug“ (Mark. 11:16). Warum nicht? Jesus Christus wollte offensichtlich nicht, daß die Israeliten die Heiligkeit des Tempels dadurch beeinträchtigten, daß sie den heiligen Bezirk als öffentlichen Durchgang benutzten, wenn sie Gegenstände von einem Stadtteil Jerusalems zum andern beförderten.
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