-
Zucker früher — War er immer süß?Erwachet! 1983 | 22. Februar
-
-
Zucker früher — War er immer süß?
IN EINEM winzigen Hafen der Westindischen Inseln lichtete im Jahre 1829 ein 300-Tonnen-Segler den Anker, drehte den Bug nach Südsüdost und segelte in die offene See. An Bord waren der Kapitän, ein Nautiker und fünfundfünfzig rauhe, rohe Männer verschiedenster Nationalitäten, Hautfarben und Gesellschaftsklassen — das war die Mannschaft. Im Laderaum befanden sich sechzehn kleine Kanonen, Pulver, vierundzwanzigpfundige Kanonenkugeln, Handgranaten, eine Ladung westindischer Rum, Proviant und ein Sortiment von Korallenketten sowie andere Waren. An Deck lagen von vorn nach achtern Musketen, Munition und Macheten.
Nachdem Schiff und Mannschaft sechsundsiebzig Tage von orkanartigen Winden und unruhiger, schäumender See hin und her gestoßen worden waren, erreichten sie ihr Ziel — einen portugiesischen Hafen in Moçambique an der Ostküste Afrikas.
Nach nur acht Tagen war die Ladung gelöscht und neue Fracht geladen worden, und der kleine Segler stach wieder in Richtung Kuba in See. Er ließ vierzehn größere Schiffe zurück, die noch vor Anker lagen, um dieselbe Art von Fracht im Laderaum aufzunehmen.
Wegen des großen Tiefgangs wurde das Schiff fast immer von der turbulenten See überspült. Und so ließ die Rückfracht des Schiffes die Mannschaft ständig in Sorge schweben. Sie hatte nämlich wertvolle Ware verstaut: achthundert schwarze Männer, Frauen und Kinder. Sie waren ausnahmslos nackt, geschoren und mit einem Brandmal versehen — eine wertvolle Fracht für die Zuckerrohrfarmer Westindiens, deren Sklaven sie werden und deren Pflanzen sie im Schweiße ihres Angesichts in Zucker verwandeln sollten; wertvoll auch für die Schiffseigentümer und den Kapitän, deren Gewinn aus dem Verkauf der Sklaven sich auf weit über einhunderttausend Dollar belaufen könnte.
In Zweierreihen, gesichert durch Fußfesseln saßen sie wie aneinandergelegte Löffel — jeder im Schoß des Hintermannes —, steuerbords mit dem Gesicht nach vorn und backbords mit dem Gesicht nach achtern.
Der Leser muß versuchen, sich einen Saal vorzustellen, in dem achthundert Personen sitzen, die dann in einen Raum gepfercht werden, der nur ein paar Meter breit und etwa so lang wie ein Eisenbahnwaggon ist. Mit anderen Worten: Sie saßen da „wie die Sardinen“. Da der Laderaum trotzdem nicht alle Sklaven fassen konnte, wurden die übrigen an Deck untergebracht.
Achthundert arme Seelen auf See. Eine der größten Katastrophen, die ein Sklavenschiff treffen konnten, ließ die Zahl der Sklaven auf fast die Hälfte sinken, bevor sie Kuba erreichten. Pocken! Allein dieses Wort verbreitete Schrecken unter der Mannschaft, als das erste Opfer im Laderaum davon befallen wurde. Die schreckliche Geißel griff um sich. Ein Toter nach dem anderen wurde über Bord geworfen. Von einer Fracht von achthundert Mann blieben nur vierhundertachtzig übrig; auch der Schiffskapitän starb.
Es fehlte von Anfang an nicht an selbstsüchtigen Menschen, die eine Gelegenheit sahen, an der Nachfrage nach Zucker zu verdienen. Missionare in Afrika ließen Amt und Schäflein im Stich, um mit ihren gierigen Händen im Zuckergeschäft mitzumischen, indem sie die von ihnen bekehrten Schwarzen an Sklavenhändler verkauften. Selbst Papst Nikolaus V. gab der Sklaverei seinen Segen, als er die Gewinnträchtigkeit des Zuckergeschäfts erkannte.
Ein unaufhörlicher Strom von Sklavenschiffen durchpflügte den Ozean von Afrika nach Westen, so daß, wenn ein Schiff im Wasser eine bleibende Furche hinterlassen könnte, bereits nach wenigen Jahren eine große Schlucht von Afrika nach Westindien entstanden wäre, die bis zum Meeresboden gereicht hätte. Andere Schiffe kaperten Sklavenschiffe um der im Laderaum verstauten gefesselten Neger willen. Kanonen und Handwaffen wurden also mitgeführt, um die wertvolle Fracht zu schützen.
Man darf nicht vergessen, daß durch Habgier seltsame Handelsbeziehungen entstehen. Das gilt für den Schwarzen wie für den Weißen. Den Sklavenhändlern fehlte es also nicht an Komplizen unter den Afrikanern. Wenn die Verlockung groß genug war, stellte sich Neger gegen Neger, Bruder gegen Bruder und Stamm gegen Stamm. Auf diese Weise entwickelte sich ein gut funktionierendes System, das es den Sklavenjägern ermöglichte, ihre lebende Ware zu kaufen. Negerinnen verkauften ihre eigenen Sklaven — Beute aus Stammeskriegen — für eine neue Korallenkette. Der Krieger kämpfte verbissener, damit er in der Schlacht als Sieger hervorgehen und den Besiegten für ein bißchen Rum verkaufen konnte. Da Münzen damals in Afrika unbekannt waren, füllten die Sklavenhändler den Schiffsladeraum mit dem nötigen Proviant und mit Waren, denen der weiße Mann nur geringen Wert beimaß, die aber für den Schwarzen Luxusgüter waren und die er als Tauschware für seine schwarzen Brüder annahm. Auf diese Weise wurde jedermanns Habgier befriedigt.
Wie viele Afrikaner die Überfahrt von einem Kontinent zum anderen überlebten, um dann im Schweiße ihres Angesichts für das Zuckergeschäft zu arbeiten, ist nicht genau bekannt. Ein neuzeitlicher Demograph schätzte die Zahl vorsichtigerweise auf fünfzehn Millionen. Ein britischer Historiker sagte: „Es ist keine Übertreibung, die Zahl der dem Sklavenhandel zum Opfer gefallenen Afrikaner auf 20 Millionen zu veranschlagen; davon gehen zwei Drittel zu Lasten des Zuckers.“
Lieber Leser, kannst du dir vorstellen, aus deinem Land, ja sogar von deinem Kontinent verschleppt zu werden, auf einer monatelangen Überfahrt den Ozean zu durchqueren und nach der Landung in einen Käfig eingesperrt und bei einer öffentlichen Versteigerung verkauft zu werden — getrennt von deinen Angehörigen, die du wahrscheinlich nie wiedersehen wirst? Ja, den Preis des Zuckers konnte man nicht nach Pfund, sondern nach Menschenleben berechnen. Während die Schiffe die See pflügten, pflügten die Zuckerrohrpflanzer ihr Land, um noch mehr Fläche für den Anbau und die Erzeugung dieses süßen, weißen Goldes namens Zucker zu schaffen.
Obwohl das Zuckerrohr in der westlichen Welt noch im sechzehnten Jahrhundert eine verhältnismäßig unbekannte Sache war, kannte man es schon zur Zeit Alexanders des Großen. Es wurde von einem seiner Soldaten im Jahre 325 v. u. Z. in Indien entdeckt.
Im ersten Jahrhundert u. Z., etwa zur Zeit Neros, mag ein griechischer Arzt gedacht haben, er sei der erste, der die Quelle des Zuckers entdeckt habe. „Es gibt“, schrieb er, „eine Art harten Honig, genannt Saccharum (Zucker), den man in Indien in Rohrpflanzen findet. Er ist körnig wie Salz und knirscht zwischen den Zähnen, aber schmeckt süß.“
Der Zucker wurde immer begehrter. Man brachte das Zuckerrohr aus dem Fernen Osten nach Europa und pflanzte es dort an. Die Araber nahmen es mit nach Ägypten und Persien, aber auch nach Spanien, als sie das Land im achten Jahrhundert eroberten. In den darauffolgenden zweihundert Jahren war Spanien das einzige europäische Land, in dem Zuckerrohr angebaut wurde.
Christoph Kolumbus nahm auf seiner zweiten Reise von Spanien in den Westen Setzlinge mit, die er in Westindien — in der heutigen Dominikanischen Republik — anpflanzte. Die begehrte süße Ware sollte auch China nicht vorenthalten bleiben; es entsandte Männer nach Indien, um mit dem Geheimnis der Herstellung von Zucker aus Zuckerrohr vertraut zu werden. Jahre später beschrieb Marco Polo die chinesischen Zuckerrohrmühlen als eines der großen Wunder jenes Landes.
Unter der Leitung und dem Segen der Päpste versuchten die Kreuzfahrer, Jerusalem den Türken zu entreißen. Wieder zu Hause angekommen, erzählten sie phantastische Geschichten über den fremdartigen neuen Süßstoff namens Zucker. Bald entstanden Transportwege für den Zuckerhandel zwischen Europa und dem Orient. Zucker war teuer, und nur die Reichen konnten sich ihn leisten. Noch im Jahre 1742 wurde in London das Pfund Zucker für 2.75 US-Dollar verkauft. Als die Armen diesen süßen Stoff kosteten, wurde auch in ihnen das Verlangen danach geweckt. Landesherren mit Weitblick sahen darin völlig neue Möglichkeiten, ihre Kassen zu füllen. Der Ruf nach Zucker erscholl in der ganzen Welt.
Spanien und Portugal sahen, daß einige Länder durch den Zuckerhandel mit Indien reich wurden. Sie wollten ebenfalls Anteil daran haben. Sofort sandten sie Segelschiffe in unbekannte Meere, um einen neuen und schnelleren Seeweg nach Indien ausfindig zu machen. Einer der Seefahrer war Kolumbus, aber er entdeckte statt dessen die Westindischen Inseln. Dieser Irrtum machte sich gut bezahlt, denn das Klima und der Boden sind dort für den Anbau von Zuckerrohr geradezu ideal.
Danach kamen die spanischen Siedler und nahmen den Eingeborenen das Land weg. Die Eingeborenen wurden ihre Sklaven, erwiesen sich aber für die Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern als völlig ungeeignet. Im Jahre 1510 gab König Ferdinand von Spanien daher seine Zustimmung zur Überfahrt eines großen Schiffes mit Sklaven aus Afrika. Damit begann der rücksichtslose Transport von Menschenleben auf dem Seeweg. Er hielt über dreihundert Jahre lang an.
England brüstete sich nicht umsonst, die größte Flotte der sieben Meere zu haben. Und als für dieses Land der Augenblick kam, in das Zuckergeschäft und den Sklavenhandel einzusteigen, tauchte seine mächtige Flotte in Westindien auf und vertrieb die Spanier. England sollte bald der Mittelpunkt der gesamten Zuckerindustrie sein. „Die Freude, der Ruhm und die Herrlichkeit Englands sind durch den Zucker gemehrt worden wie durch keine andere Handelsware, die Wolle nicht ausgenommen“, sagte ein englischer Adliger jener Zeit.
Englands Ansicht über den Sklavenhandel und den unglaublichen Schmerz, der dadurch den Schwarzen zugefügt wurde, kommt am besten durch die Worte einer bekannten politischen Persönlichkeit jener Nation zum Ausdruck: „Da es unmöglich ist, in Westindien ohne Sklaven auszukommen, wird ein Stillstand dieser Transporte immer verhindert werden. Die Notwendigkeit, die absolute Notwendigkeit weiterzumachen muß daher die Entschuldigung sein, denn eine andere gibt es nicht.“ Und es wurde auch weitergemacht. Im achtzehnten Jahrhundert, als die Sklaverei im Zuckergeschäft ihren Höhepunkt erreichte, wurde folgende Feststellung veröffentlicht: „In Europa trifft kein Faß Zucker ein, an dem nicht Blut klebt.“
Die Engländer handelten offensichtlich mit ihren afrikanischen Komplizen einen „Mengenrabatt“ aus. Daher prahlte ein britischer Lord: „Was den Nachschub von Negern anbelangt, haben wir eine solch unumstrittene Vorherrschaft auf dem afrikanischen Markt, daß wir die Sklaven um ein Sechstel billiger bekommen.“
Da allen klar wurde, daß das Zuckergeschäft keine Modeerscheinung war, sondern etwas Bleibendes, und daß Sklaven aus Afrika eine absolute, unumgängliche Notwendigkeit waren, um die Industrie am Leben zu erhalten, beschäftigte alle, die damit zu tun hatten, die Frage, wann der Sklavenstrom abreißen werde. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Aus der Feder eines Gouverneurs der afrikanischen Goldküste kam die Erwiderung: „Afrika kann nicht nur damit fortfahren, Westindien mit den bisherigen Mengen zu versorgen, sondern kann sogar, wenn es notwendig ist, noch Tausende, ja Millionen weitere entbehren.“
Doch es sollte anders kommen. Es waren bereits Kräfte am Werk, die das unmenschliche Geschäft mit den Schwarzen erbittert bekämpften, und weltweit wurden Stimmen des Protests laut. Alles Mögliche wurde unternommen, um die Proteste bekanntzumachen und die Sklaverei auszurotten. Beachte beispielsweise folgenden Wortlaut einer Werbeschrift, die unter der Bevölkerung verbreitet wurde: „B. Henderson China Warehouse, Rye Lane Peckham — Wir setzen die Freunde Afrikas höflich davon in Kenntnis, daß wir ein Sortiment von Zuckerdosen anbieten, die in Goldbuchstaben die Inschrift tragen: Zucker aus Indien — nicht von Sklaven hergestellt.“ Weiter hieß es: „Eine Familie, die in der Woche fünf Pfund Zucker verbraucht, verhindert, sofern sie 21 Monate lang indischen statt westindischen nimmt, die Versklavung oder Ermordung eines Mitmenschen. Acht solche Familien verhindern in 19 1⁄2 Jahren die Versklavung oder Ermordung von 100 Menschen.“
Im Laufe der Zeit erließ ein Land nach dem anderen Gesetze gegen den Sklavenhandel. Doch die Vereinigten Staaten, die ihren Zucker immer von dem südlichen Nachbarn Kuba bezogen hatten, stiegen später selbst in das Zucker- und Sklavengeschäft ein, und der Südstaat Louisiana mit seinen neuentstandenen Zuckerplantagen rückte in den Mittelpunkt. Alle Sklaven, die dort nicht gebraucht wurden, konnten auf den Baumwollplantagen des Südens eingesetzt werden.
König Zucker hat weltweit über drei Jahrhunderte selbstgefällig regiert und einen Tribut gefordert, der alle Vorstellungen übersteigt. Keine Ware auf der Erde ist dem Boden oder dem Meer, der Atmosphäre oder dem Erdinnern unter solch elenden und blutigen Umständen abgerungen worden wie der Zucker. Wie süß er doch heute ist! Gestern war er noch bitter wie Galle.
„Eure Lebensweise sei frei von Geldliebe, indem ihr mit den vorhandenen Dingen zufrieden seid. Denn er hat gesagt: ,Ich will dich keineswegs im Stiche lassen noch dich irgendwie verlassen‘“ (Heb. 13:5).
-
-
Zucker heute — Ist er immer süß?Erwachet! 1983 | 22. Februar
-
-
Zucker heute — Ist er immer süß?
ERKENNST du mich? Meine wissenschaftlichen Freunde kennen mich als C12 H22 O11. Seit meinem Auftritt auf der Weltbühne bin ich ziemlich berühmt. Bereits mehrmals in der Weltgeschichte war ich in vielen Teilen der Erde wertvoller und auch seltener als Gold. Ich erinnere mich, daß der Kaiser von China, als einige indische Prinzen ihm Tribut schuldeten, von ihnen verlangte, anstelle von Gold mich als Tribut zu geben.
In den Palästen und Regierungsgebäuden der Welt hat es schon erregte Debatten und Auseinandersetzungen über meine Wenigkeit gegeben. Mir bereitet es kein Vergnügen, zuzugeben, daß meinetwegen Millionen Menschen buchstäblich versklavt worden sind und Millionen gestorben sind.
Heute stehe ich erneut im Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzungen. Manche sagen, ich sollte für immer von der Erdoberfläche verbannt werden. Andere sagen, ich sei veredelt, süß und unentbehrlich und sei ganz und gar nicht der Bösewicht, für den man mich halte.
Erkennst du mich jetzt? Ich bin der Löffel Zucker, der, wie es in einem populären englischen Lied der 60er Jahre hieß, auf höchst angenehme Weise die Arznei hinuntergleiten läßt. Ich bin der Löffel Zucker, der — in ein kleines Tuch gewickelt — dich beruhigen sollte, während deine Mutter die Hausarbeit machte. Ich bin der Löffel Zucker, mit dem die Abführpillen, die du einnimmst, überzogen und die sonst so bitteren Arzneien, die du trinkst, gesüßt sind. In den Kosmetika, die du für dein Gesicht verwendest, und in den synthetischen Gummis und den Kunststoffen, von denen du buchstäblich umgeben bist, bin ich ebenfalls vertreten. Ich habe bei der Bearbeitung des Leders deiner Schuhe mitgeholfen. Wer Tabak raucht, raucht teilweise auch mich. Solltest du einmal deine Kleider färben, bin ich da. Wenn du stirbst und dein Leichnam in einen Kunststoffsarg gelegt wird, werde ich ebenfalls dasein. Ich bin immer bei dir, buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre.
Abgesehen von all diesen und vielen anderen Tatsachen, gibt es etwas, dem ich den größten Teil meiner Popularität zu verdanken habe — die Fähigkeit, dein unersättliches Verlangen nach etwas Süßem zu befriedigen. Und darin liegt das Paradoxe. Meine Vorzüge sind in den Augen meiner Gegner gleichzeitig die Anklagepunkte. Sie beschuldigen mich, in allem und überall zu sein. Das zu bestreiten würde natürlich bedeuten, die Tatsachen zu verkennen. Ich würde als letzter leugnen, daß der Gebrauch von mir meistens ein Mißbrauch ist.
Es ist vernünftig, zu behaupten, daß sich Arznei mit einem Löffel Zucker leichter schlucken läßt. Aber ist es einleuchtend, daß ein Löffel Zucker auch Tomatenketchup, Meerrettich, Gewürze oder Salatsoßen leichter „hinuntergleiten“ läßt? Oder wie steht es mit Brot, mit Gemüsekonserven und — man möchte es kaum glauben — mit Salz? Braucht eine Brezel unbedingt Zucker? Bist du nicht überrascht, daß in einer scharfen Würzsoße mit Tomatenmark fast genausoviel Zucker enthalten ist wie in Eiscreme?
Warum sollte ich einen hohen Anteil in Nahrungsmitteln haben, von denen du gar nicht erwartest, daß sie süß schmecken? Wenn du einen „süßen Zahn“ hast, weißt du, daß du dein Verlangen befriedigen kannst, indem du Kekse ißt. Ist aber einzusehen, daß weniger als die doppelte Menge gesalzene Cracker den gleichen Zweck erfüllt? Wenn du Vollmilchschokolade ißt, kannst du mit gutem Recht erwarten, 54 Prozent Zucker zu verzehren. Aber es mag deinem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen, denselben Zuckergehalt in fertigen Paniermischungen vorzufinden, die man zum Beispiel in den USA kaufen kann.
Ich bin kein Genie, und man braucht auch keines zu sein, um herauszufinden, daß bei der Herstellung und Zubereitung fast jeglichen eßbaren Produktes offensichtlich die Vorstellung zugrunde liegt, daß ein Löffel Zucker das Produkt auf höchst angenehme Weise „hinuntergleiten“ läßt, ganz gleich, ob ich am Platze bin oder nicht. Das betrachte ich als Mißbrauch. Zudem werden meine Kritiker dadurch mit neuen Argumenten versorgt.
Bedenke zum Beispiel, wieviel von mir im Jahre 1982 verbraucht wurde — die Schätzungen liegen bei mehr als zweiundneunzig Millionen Tonnen. Die Amerikaner, die Deutschen und viele andere haben einen Pro-Kopf-Verbrauch von etwa 35 Kilo raffiniertem Zucker im Jahr, und Jugendliche in den USA verzehren im Durchschnitt 1,3 Kilo in der Woche. Doch 75 Prozent des gesamten Verzehrs sind nicht dem eigenen Ermessen überlassen. Nur ein kleiner Teil stammt aus deiner Zuckerdose. Die Tatsachen zeigen, daß die Leute heute weniger von mir kaufen, aber immer mehr von mir verbrauchen. Mahlzeiten völlig ohne mich zuzubereiten wäre zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig.
Möglicherweise kennen mich die Leute nur so, wie ich in ihrer Zuckerdose vorkomme — weiß und veredelt (raffiniert). In dieser Form bin ich als Saccharose bekannt, habe einen Reinheitsgrad von 99,9 Prozent und werde entweder als Kristall- oder Puderzucker verkauft. Lies noch weiter, wenn du auf Nahrungsmittelverpackungen das Wort „Zucker“ oder „Saccharose“ (Rübenzucker, Rohrzucker) siehst. Es gibt nämlich andere Namen für mich, wie zum Beispiel Fructose (Fruchtzucker), Glucose (Traubenzucker oder Dextrose), Laktose (Milchzucker), Maltose (Malzzucker), Glucosesirup und vereinzelt auch Ahornzucker. Rohzucker ist in den Vereinigten Staaten verboten, da er noch Verunreinigungen wie Schmutz, Insektenteile, Schimmelpilze und Bakterien enthält. In einigen anderen Ländern wird er jedoch als „brauner Zucker“ verkauft. Man darf ihn nicht mit braunem Kandiszucker verwechseln, der aus raffiniertem Zucker mit einem Zusatz von Karamel oder Zuckercouleur besteht.
Nun rechne zu dem für das Jahr 1982 geschätzten Verbrauch von 35 Kilo raffiniertem Zucker noch 20 Kiloa Glucosesirupe (werden wegen der geringeren Kosten bei den Nahrungsmittelherstellern immer beliebter) hinzu, und der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker steigt in schwindelerregende Höhen.
Sofern du grundlegende Kenntnisse über mich hast, weißt du, daß ich ebenso wie Stärke ein Kohlenhydrat bin, das deinen Körper mit Energie, Wärme und den für die Körperbewegungen nötigen Brennstoff versorgt. Sobald du mehr Kohlenhydrate verzehrst, als dein Körper verwerten kann, wird der Überschuß in Fett umgewandelt.
Was ist also in Anbetracht des Grundbedarfs deines Körpers an Brennstoff und Energie daran verkehrt, daß du Zucker ißt? Das Problem besteht darin, daß ich im Gegensatz zu anderen Kohlenhydratlieferanten keine Proteine, keine Minerale und keine Vitamine enthalte — keinerlei Nährstoffe außer Kalorien. Und diese habe ich in Fülle, etwa sechzig pro Eßlöffel. Ernährungswissenschaftler gebrauchen für mich die Bezeichnung „leere Kalorien“. Verzehrst du aber andere Nahrungsmittel, die ebenfalls reich an Kohlenhydraten sind, wie zum Beispiel Vollkornprodukte, Bohnen, Gemüse und Früchte, dann bekommst du nicht nur eine gute Energiereserve, sondern auch viele Nährstoffe.
Die Zeitschrift Consumer Reports vom März 1978 macht mich wirklich schlecht. Allerdings muß ich ihr in folgendem Punkt zustimmen: „Im wesentlichen gibt es von der Ernährung her absolut keinen Bedarf an Zucker, der nicht durch andere, nahrhaftere Nahrungsmittel wie Früchte und Gemüse gedeckt werden kann. Zucker ist nicht einmal notwendig, um sofortige Energie zu erhalten, wie zum Beispiel für das Tennisspielen oder Skifahren am Morgen.“ Dafür sorgt die bereits in deinem Körper gespeicherte Energie.
Zusätzlicher Schaden entsteht, wenn ich vor einer Mahlzeit in hoher Konzentration genossen werde, zum Beispiel in Form von Süßigkeiten und Kuchen, und womöglich noch mit einem Cola-Getränk hinuntergespült werde, das pro 0,33-Liter-Dose neun Löffel Zucker enthält. Dann nehmen dir diese leeren Kalorien den Appetit, und die wertvollen Nahrungsmittel auf dem Tisch werden verschmäht. Du nimmst zu, ermangelst jedoch in Wirklichkeit einer guten Ernährung. Du machst dir Sorgen über dein Gewicht, aber erkennst nicht, daß du fehlernährt bist.
Obwohl ich vieler schlimmer Dinge beschuldigt werde, von denen etliche umstritten sind, gibt es einen Punkt, in dem sich alle Experten einig zu sein scheinen — ich rufe Zahnverfall hervor, und zwar besonders bei Kindern. Selbst die amerikanische Sugar Association, deren Aufgabe es ist, mich zu fördern, stimmt dem zu. Wie Zahnexperten sagen, liegt das Problem darin, daß ich von den Mundbakterien dazu gebraucht werde, eine dicke, gallertartige Masse zu erzeugen, die hartnäckig an deinen Zähnen haftet. Dadurch wird die Entstehung einer Bakterienschicht gefördert, die zusammen mit Säuren die Zähne angreift und sie für Verfall anfällig macht.
Experten sagen jedoch, daß die Zahl der Löcher in den Zähnen nicht davon abhängt, wieviel Zucker du verzehrst, sondern davon, in welcher Form du ihn genießt. Ißt du beispielsweise eine klebrige Süßigkeit, die 10 Prozent Zucker enthält, dann kannst du deinen Zähnen damit mehr schaden als mit einer Limonade, die einen höheren Zuckeranteil hat. Der Grund dafür ist offensichtlich. Die Süßigkeit klebt an deinen Zähnen, so daß sie dort länger wirksam ist, wohingegen der Zucker der Limonade fortgespült wird. Bevor du jedoch — falls du ein begeisterter Limonadentrinker bist — jetzt erleichtert aufatmest, solltest du folgendes berücksichtigen: Wissenschaftler berichten, daß du deinen Zähnen, wenn du mehrmals am Tag Limonade trinkst, mehr schadest, als wenn du einmal in der Woche eine klebrige Süßigkeit kaust. Außerdem enthalten Cola-Getränke und viele andere Limonaden oft Säuren, die für die Zähne schädlich sind.
So, ihr Kinder, das unterstreicht eine Tatsache, die euch eure Eltern höchstwahrscheinlich immer wieder einprägen: Putzt euch regelmäßig und gewissenhaft die Zähne, vor allem nachdem ihr etwas Süßes gegessen habt. Noch dringlicher ist es, wenn ihr vor dem Zubettgehen zuckerreiche Nahrungsmittel gegessen habt. Je länger ich zwischen den Zähnen bin, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit von Zahnschäden.
Es gibt eine Hoffnung, aber nicht notwendigerweise ein Gegenmittel: Gemäß den neuesten vorläufigen Untersuchungen kann, wie in der New York Times vom 16. Dezember 1980 berichtet wurde, Cheddarkäse den Zahnverfall hemmen. „Wir glauben, daß es eine stichhaltige Feststellung ist, die weiterverfolgt werden muß, aber sie ist noch nicht endgültig“, sagte Dr. William H. Bowen, Leiter der Abteilung für Kariesprävention und -forschung des National Institute of Dental Research.
Amerikanische Wissenschaftler gingen den Forschungsarbeiten eines britischen Kollegen nach, der festgestellt hatte, daß sich Cheddarkäse auf den Zerfall menschlicher Zähne hemmend auswirkt. Sie führten Laborversuche durch, bei denen sie Ratten mit teilgereiftem Cheddar fütterten. Die Ergebnisse waren die gleichen, berichtete Dr. Bowen, „vorausgesetzt, die Tiere fraßen den Käse unmittelbar nach der Verabreichung von Zucker — ein dem Zahnverfall förderlicher Faktor“. „Warum Käse“, fuhr die New York Times fort, „eine solche Wirkung haben soll, ist unbekannt.“
Überall schlechte Nachrichten
Da ich meine eigene Geschichte erzähle, muß ich alles so schildern, wie es ist, auch wenn es mich in ein sehr schlechtes Licht rückt. Aber es gibt noch eine andere schlechte Nachricht für meine Freunde. Diese Nachricht belastet auch meinen Erzrivalen, das Salz. Es scheint weithin bekannt zu sein, daß Salz — oder zumindest zuviel davon — eine heimtückische Rolle bei der Erhöhung des Blutdrucks spielt. Nun heißt es in einem neuen Bericht, die Kombination von Zucker und Salz vergrößere noch die Gefahr.
Forscher an der Louisiana State University Medical School verabreichten Klammeraffen drei verschiedene Arten von Nahrung. Eine war die für Laboraffen übliche Kost. Die zweite war dieselbe, aber man gab den Affen zusätzlich Salz. Die dritte glich der zweiten, enthielt dieselbe Menge Salz, doch zusätzlich noch Zucker. In der Zeitschrift Science Digest vom Oktober 1980, in der dieser Bericht erschien, wurden die Ergebnisse wie folgt beschrieben:
„Alle Tiere wurden während einer ,Basiszeit‘ von drei Wochen sorgfältig getestet und dann in drei Gruppen aufgeteilt; jede Gruppe erhielt acht Wochen lang eine der drei Arten der Versuchskost. Wie erwartet, stieg bei den Tieren, die zusätzlich Salz erhielten, der Blutdruck an. Doch wie das Team im American Journal of Clinical Nutrition berichtete, war bei den Affen, denen zusätzlich Salz und Zucker gegeben wurden, ein bedeutend höherer Anstieg des Blutdrucks zu verzeichnen.“
Außer den Anklagen, die ich bereits erwähnt habe und mit denen ich übereinstimme, gibt es auch noch eine Menge anderer medizinischer Übel, deren ich angeklagt werde, obgleich dafür keine stichhaltigen Beweise vorliegen. Die Auseinandersetzungen werden zweifellos anhalten, bis sie schließlich auf die eine oder andere Weise zur Ruhe kommen werden.
Bis dahin solltest du mäßig und ausgeglichen sein, was die Wahl der Nahrungsmittel und die Menge des verbrauchten Zuckers anbelangt. Alles, wovon du zuviel nimmst, kann dich krank machen und dir eine Unmenge von Problemen bereiten. Ich habe meinen Platz in deiner täglichen Kost, wenn du dich vernünftig ernährst.
Denke auch daran, daß der große Gott, Jehova, der mich erschuf, die Israeliten in das Verheißene Land führte, das von „Milch und Honig“, der eine Form von Zucker ist, floß. Das verrät mir, daß ich nicht so schlecht sein kann. Und wenn im Paradies jeder, der dessen würdig ist, „unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum“ sitzen wird, dann werde ich auch dasein — nämlich in den süßen Weintrauben und in den reifen Feigen! (Micha 4:4).
-