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Deutschland (Teil 2)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974
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Ich erkannte ihn sofort und sagte: ,Anton, ja Anton! Kennst du mich noch?‘ ,Nun, bekannt kommst du mir vor. ...‘ Es dauerte dann eine Weile, bis es ihm klar wurde, daß ich 1930/32 bei ihm gewesen war und er bei dieser Gelegenheit einige Bücher sowie eine Bibel von mir gekauft hatte. ,Was‘, sagte Anton, ,wegen des Glaubens bist du hier? Das kann ich nicht verstehen, das macht ja kein Pfarrer. Was glaubst du denn eigentlich?‘ Er sollte es sofort erfahren.
,Aber warum sagt uns die Geistlichkeit das nicht?‘ war seine Frage. ,Das ist die Wahrheit. Nun weiß ich auch, warum ich in dieses Gefängnis mußte. Ich will es dir sagen, lieber Franz, daß ich, bevor ich in diese Zelle kam, zu Gott gebetet habe, er solle mich doch zu einem gläubigen Menschen senden, sonst wolle ich mir das Leben nehmen. ...‘
So vergingen Wochen und Monate. Dann sagte Anton einmal: ,Ehe ich von dieser Welt scheide, möge Gott noch meiner Frau und meinen Kindern die Wahrheit zeigen, auf daß ich in Frieden scheide.‘ ... Da kam plötzlich ein Brief von seiner Frau, in dem u. a. folgendes zu lesen war:
,... Unsere Freude würde nur sein, wenn Du die Bibel und die Bücher lesen könntest, die Du damals von dem deutschen Mann gekauft hast, ja es ist alles so gekommen, wie in den Büchern geschrieben steht. Viele lesen es jetzt, denn es ist die Wahrheit, für die wir nie Zeit hatten.‘ “
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Deutschland (Teil 3)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974
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Deutschland (Teil 3)
GEISTIGE SPEISE IN DEN KONZENTRATIONSLAGERN
In den Jahren, in denen die Brüder, besonders die in den Konzentrationslagern, „isoliert“ waren, hatten sie sehr wenig Gelegenheit, in den Besitz einer Bibel oder anderer biblischer Schriften zu gelangen. Um so eifriger rekonstruierten sie den Inhalt wichtiger Wachtturm-Artikel, wenn sie stundenlang auf dem Appellplatz stehen mußten oder wenn sie abends in ihrer Baracke etwas Ruhe hatten. Besonders groß war ihre Freude, wenn es ihnen möglich war, irgendwie in den Besitz einer Bibel zu gelangen.
Jehova bediente sich manchmal interessanter Methoden, um seinen Dienern eine Bibel zukommen zu lassen. Franz Birk aus Renchen (Schwarzwald) erzählt, daß er eines Tages in Buchenwald von einem weltlichen Häftling gefragt wurde, ob er gern eine Bibel hätte. Er hatte eine in der Papierfabrik, in der er arbeitete, gefunden. Natürlich nahm Bruder Birk das Angebot dankbar an.
Bruder Franke kann sich noch daran erinnern, wie im Jahre 1943 ein älterer SS-Mann, der dieser Organisation nur unter dem Druck der Verhältnisse beigetreten war, an einem dienstfreien Tag eine ganze Anzahl Geistliche aufsuchte und sie um eine Bibel bat. Sie alle bedauerten, keine Bibel mehr zu besitzen. Erst am Abend fand er einen Geistlichen, der ihm sagte, er besitze eine kleine Luther-Bibel, die er für besondere Zwecke aufbewahrt habe. Er war jedoch so glücklich, daß ein SS-Mann Interesse an der Bibel bekundete, daß er ihm sagte, er könne die Bibel haben. Am nächsten Morgen gab dieser grauhaarige SS-Mann die Bibel Bruder Franke und war sichtlich erfreut, dem Häftling, den er bewachte, dieses Geschenk machen zu können.
Mit der Zeit gelang es, auch neue Wachtturm-Artikel in die Konzentrationslager zu schmuggeln. Im Konzentrationslager Birkenfeld geschah das auf folgende Weise: Unter den Häftlingen befand sich ein Bruder, der wegen seiner Fachkenntnisse als Tiefbauarchitekt mit einem Zivilisten zusammen arbeiten mußte, der wiederum Jehovas Zeugen gegenüber freundlich eingestellt war. Über diesen freundlichen Mann nahm der Bruder Verbindung mit Brüdern außerhalb des Lagers auf, die ihm bald die neuesten Wachttürme zukommen ließen.
Unsere Brüder im Lager Neuengamme hatten ähnliche Gelegenheiten. Die meisten der etwa siebzig im Lager untergebrachten Brüder wurden zu Aufräumungsarbeiten nach Fliegerangriffen in Hamburg eingesetzt. Dort, in Hamburg, fielen ihnen auch Bibeln in die Hand, und einmal fanden sie innerhalb weniger Minuten sogar drei Exemplare. Willi Karger, der dies persönlich erlebt hat, erzählt: „Ich möchte hier noch von weiterer geistiger Speise berichten, die uns durch eine Schwester aus Döbeln überbracht wurde. Das sei ihr nie vergessen. Ihr Bruder, Hans Jäger, gehörte mit zu unserem Außenkommando in Bergedorf bei Hamburg, das in der Eisenfirma Glunz eingesetzt war. Schwere Arbeit und scharfe SS-Bewachung war unser Los. Trotzdem war es Bruder Jäger gelungen, seiner Schwester durch einen nach draußen geschmuggelten Brief über seinen Arbeitsplatz und auch über den Ort zu berichten, wo wir unsere Mittagspause abhielten. Die Schwester fuhr per Bahn nach Hamburg und tastete sich von dort mit aller Umsicht bis zu unserem Arbeitsplatz vor, um dort ihrem Bruder die erbetenen Wachtturm-Abschriften in die Hände zu spielen, was ihr auch gelang. Somit erreichten uns trotz der SS-Posten diese wertvollen Schriften, und unter der Überwaltung Jehovas konnten wir sie auch, ohne entdeckt zu werden, in das Lager bringen.“
Jeder dachte sich andere Methoden aus, und mit der Zeit gab es eine ganze Anzahl Bibeln im Lager. Ein Bruder schrieb seiner Frau in Danzig, er würde gern „Elberfelder Pfefferkuchen“ essen, und mit dem nächsten Lebensmittelpaket (das die Brüder in diesem Lager damals empfangen durften) bekam er eine Elberfelder Bibel, fein in Pfefferkuchen eingebacken. Einige hatten auch Kontakt mit Häftlingen, die im Krematorium arbeiteten. Diese erzählten, daß dort viele Bücher und Zeitschriften verbrannt würden, und so vereinbarten die Brüder heimlich, daß sie ihnen im Austausch gegen einige der Lebensmittel Bibeln und Zeitschriften geben sollten.
In Sachsenhausen gelangten einige Bibeln in die Hände von Brüdern die sich noch in der „Isolierung“ befanden. So seltsam es klingen mag, erwies sich in diesem Fall die Isolation als ein gewisser Schutz, da ein Bruder nicht nur beauftragt war, die Tür zum Isolierungsgebiet zu bewachen, sondern auch den Schlüssel hatte und die Tür auf- und abschließen mußte. In einem Raum standen sieben große Tische, an denen fünfundsechzig Brüder sitzen konnten. Eine ganze Zeit lang gab jeweils einer der Brüder einen fünfzehnminutigen Kommentar über den Text, während die anderen Brüder ihr Frühstück aßen. Das wechselte dann turnusgemäß von Tisch zu Tisch sowie unter den Brüdern, die an den Tischen saßen. Dieser Kommentar war dann Gegenstand der Gespräche, wenn die Brüder stundenlang auf dem Appellplatz stehen mußten.
Während des schweren Winters 1939/40 beteten die Zeugen zu Jehova um Literatur. Und welch ein Wunder! Jehova hielt seine schützende Hand über einen Bruder, dem es trotz sorgfältiger Durchsuchung gelang, in seinem Holzbein drei Wachttürme in die „Isolation“ zu schmuggeln. Wenn auch die Brüder unter das Bett kriechen mußten und nur beim Schein einer Taschenlampe lesen konnten, während rechts und links Brüder Wache standen, war es ein Beweis für Jehovas wunderbare Führung. Als guter Hirte verläßt er sein Volk nie.
Im Winter 1941/42, als die Brüder aus der „Isolation“ freigelassen worden waren, trafen sieben Wachttürme, in denen Daniel, Kapitel 11 und 12 behandelt wurde, sowie der erste Teil der Artikelserie über das Bibelbuch Micha, ein Buch, betitelt Kreuzzug gegen das Christentum, und ein Bulletin (jetzt Königreichsdienst) zur gleichen Zeit ein. Das war wirklich ein Geschenk des Himmels, denn nun konnten sie wie ihre Brüder in anderen Ländern ein klares Verständnis über den „König des Südens“ und den „König des Nordens“ erlangen.
Dank der Tatsache, daß die Häftlinge, die nicht in der Isolierung waren, Sonntag nachmittags frei hatten und der Blockälteste der politischen Abteilung nachmittags in andere Baracken ging, um seine Freunde zu besuchen, war es den Brüdern mehrere Monate lang möglich, jeden Sonntag ein Wachtturm-Studium durchzuführen. Durchschnittlich beteiligten sich 220 bis 250 Brüder an diesem Studium, während 60 bis 70 auf dem Weg zum Lagereingang Wache hielten und bei Gefahr ein bestimmtes Zeichen gaben. So kam es, daß sie während ihres Studiums nie von einem SS-Mann überrascht wurden. Ein Studium, das an einem Sonntag im Jahre 1942 durchgeführt wurde, wird für die Anwesenden unvergeßlich bleiben. Die Brüder waren von den wunderbaren Erklärungen über die Prophezeiung aus Daniel, Kapitel 11 und 12 so beeindruckt, daß sie am Schluß in freudigem Marschtempo abwechselnd Volkslieder und dazwischen Königreichslieder sangen, so daß selbst der Wachtposten, der, wenige Meter von der Baracke entfernt, seinen Dienst auf einem Turm verrichtete, keinen Verdacht schöpfte, sondern sich auch an dem herrlichen Gesang erfreute. Man stelle sich einmal vor: Da ertönten die Stimmen von 250 Männern, die trotz ihrer Gefangenschaft in Wirklichkeit frei waren und von ganzem Herzen Lieder zum Preise Jehovas sangen. Welch eine Situation! Ob die Engel im Himmel wohl mitgesungen haben?
ERSTE ERLEICHTERUNGEN IN DEN KONZENTRATIONSLAGERN
Obwohl das Blut treuer Zeugen Jehovas an den Hinrichtungsstätten der Nationalsozialisten weiterhin bis zum völligen Zusammenbruch des Regimes floß, begannen doch die Waffen derer, die immer wieder geschworen hatten, Jehovas Zeugen würden die Konzentrationslager nur durch die Schornsteine des Krematoriums verlassen, stumpf zu werden. Dazu kamen die Probleme, die der Krieg verursachte. So gab es besonders von 1942/43 an Zeiten, in denen Jehovas Zeugen verhältnismäßig in Frieden gelassen wurden.
Der Krieg, der nun ein totaler Krieg war, hatte die Lage derart verändert, daß alle verfügbaren Kräfte mobilisiert wurden. Aus diesem Grunde begann man im Jahre 1942, die Häftlinge soweit wie möglich für Projekte einzusetzen, die der Förderung der Wirtschaft dienten. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme zu einer „Bestandsmeldung über die Konzentrationslager“ von dem SS-Führer Pohl an seinen Chef Himmler:
„Der Krieg hat eine sichtbare Strukturänderung der Konzentrationslager gebracht und ihre Aufgaben hinsichtlich des Häftlingseinsatzes grundlegend geändert.
Die Verwahrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein steht nicht mehr im Vordergrund [erwähnt wird nicht die Massenvernichtung]. Das Schwergewicht hat sich nach der wirtschaftlichen Seite hin verlagert. Die Mobilisierung aller Häftlingsarbeitskräfte zunächst für Kriegsaufgaben (Rüstungssteigerung), später für Friedensaufgaben, schiebt sich immer mehr in den Vordergrund.
Aus dieser Erkenntnis ergeben sich die notwendigen Maßnahmen, welche eine allmähliche Überführung der Konzentrationslager aus ihrer früheren einseitigen politischen Form in eine den wirtschaftlichen Aufgaben entsprechende Organisation erfordern.“
Diese Umstellung setzte natürlich voraus, daß die Häftlinge besseres Essen erhielten, wenn sie mehr zu Arbeiten eingesetzt werden sollten. Das brachte eine weitere Erleichterung für die Brüder mit sich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren die Beamten auch klug genug, nicht zu versuchen, die Brüder in der Rüstungsindustrie einzusetzen. Sie wurden statt dessen, ihren handwerklichen Fähigkeiten entsprechend, in den verschiedenen Werkstätten eingesetzt.
Inzwischen hatte Jehova das Seine getan, denn er kann das Herz der Menschen — auch das seiner Feinde — beeinflussen. Ein markantes Beispiel dafür ist Himmler. Jahrelang glaubte er, er allein könne über das Leben der treuen Diener Jehovas entscheiden, aber plötzlich begann er seine Meinung über die „Bibelforscher“ zu ändern. Sein Leibarzt, ein finnischer Mediziner namens Kersten, spielte dabei eine entscheidende Rolle.
Der Masseur Kersten begann einen starken Einfluß auf Himmler auszuüben, der sich immer krank fühlte. Er erfuhr, daß Jehovas Zeugen grausam verfolgt wurden, und bat eines Tages Himmler, ihm für sein Gut in Hartzwalde, etwa fünfzig Kilometer nördlich von Berlin, einige der Frauen als Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Nach einigem Zögern sagte Himmler zu, und später gewährte er Kersten eine weitere Bitte und entließ eine Schwester aus einem Konzentrationslager, damit sie in Kerstens zweiter Wohnung in Schweden arbeiten konnte. Erst durch diese Schwestern erfuhr Kersten die Wahrheit über die Zustände in den Konzentrationslagern und über die unbeschreiblichen Leiden, die dort seit Jahren besonders über Jehovas Zeugen gebracht worden waren. Er war sehr empört, denn er wußte, daß er durch seine Massagen diesen Unmenschen immer wieder so weit herstellte, daß er sein Mordgeschäft weiterbetreiben konnte. Er beschloß daher, seinen Einfluß geltend zu machen, damit das Leiden all dieser Häftlinge wenigstens etwas gemildert wurde. Es kann daher seinem Einfluß zugeschrieben werden, daß Zehntausende, besonders gegen Ende des Krieges, nicht umgebracht wurden. Besonders für Jehovas Zeugen wirkte sich sein Einfluß sehr nützlich aus. Das kann man aus einem Brief ersehen, den Himmler an seine engsten Mitarbeiter, die obersten SS-Führer Pohl und Müller, schrieb. Dieser Brief, mit „Geheim“ abgestempelt, enthielt folgende Gedanken:
„Anliegend einen Vorgang über die zehn Bibelforscherinnen, die auf dem Gut meines Arztes Kersten arbeiten. Ich hatte die Gelegenheit, dort die Frage der Ernsten Bibelforscher von allen Seiten zu studieren. Mir wurde von Frau Kersten ein sehr guter Vorschlag gemacht. Sie sagte mir, daß sie noch nie ein so gutes, williges, treues und gehorsames Arbeitspersonal hatte wie die zehn Frauen. Aus Liebe und Güte tun diese Menschen sehr viel. ... Eine der Frauen bekam einmal 5 RM Trinkgeld von einem Gast. Sie nahm das Geld an, um das Haus nicht zu blamieren, lieferte es aber bei Frau Kersten ab, weil der Besitz von Geld im Lager verboten wäre. Die Frauen übernahmen dort freiwillig jede Arbeit. Am Abend strickten sie. Sonntags sind sie ebenfalls in irgendeiner Form tätig. Im Sommer haben sie bei zehn-, elf- und zwölfstündiger Arbeit, als Pilze im Wald zu finden waren, es sich nicht nehmen lassen, zwei Stunden früher aufzustehen, um Körbe voll Pilze zu sammeln. Insgesamt ergänzen diese Tatsachen mein Bild, das ich von diesen Bibelforschern habe. Es sind unerhört fanatische, opferbereite und willige Menschen. Könnte man ihren Fanatismus für Deutschland einspannen oder insgesamt für die Nation im Kriege einen derartigen Fanatismus beim Volk erzeugen, so wären wir noch stärker, als wir heute sind! Natürlich ist die Lehre dadurch, daß sie den Krieg ablehnt, derart schädlich, daß wir sie nicht zulassen können, wenn wir nicht den größten Schaden für Deutschland haben wollen. ...
Strafen verfangen bei ihnen gar nicht, da sie mit Begeisterung von jeder Strafe erzählen. ... Jede Strafe ist für sie ein Verdienst im Jenseits. Deshalb wird sich jeder echte Bibelforscher ... ohne weiteres hinrichten lassen und ohne weiteres sterben. Jeder Dunkelarrest, jeder Hunger, jedes Frieren ist ein Verdienst, jede Strafe, jeder Schlag ist ein Vorzug bei Jehova.
Sollten in den Lagern mit den Bibelforschern oder Bibelforscherinnen wieder Schwierigkeiten auftreten, so verbiete ich, daß der Lagerkommandant eine Strafe ausspricht. Jeder Fall ist für die nächste Zeit mir unter kurzer Darstellung des Sachverhaltes zu melden. Ich beabsichtige, in Zukunft bei einem solchen Fall das Gegenteil zu machen und der betreffenden Person zu sagen: ,Ich verbiete, daß Sie jetzt arbeiten. Sie sollen ein besseres Essen haben als die anderen und brauchen nichts zu tun.‘
Denn während dieser Zeit ruht nämlich nach dem Glauben dieser gutmütigen Irren jeder Verdienst, im Gegenteil, es werden frühere Verdienste von Jehova abgezogen. ...
Nun zu dem Vorschlag: Ich ersuche, den Einsatz der Bibelforscher und Bibelforscherinnen in die Richtung zu lenken, daß sie alle in Arbeiten kommen — in der Landwirtschaft z. B. —, bei denen sie mit Krieg und allen ihren Tollpunkten [das den Nationalsozialisten unverständliche Verhalten der Zeugen Jehovas] nichts zu tun haben. Hierbei kann man sie bei richtigem Einsatz ohne Aufsicht lassen, sie werden nie weglaufen. Man kann ihnen selbständige Aufträge geben, sie werden die besten Verwalter und Arbeiter sein.
Nun noch eine Verwendung, und dies ist, wie oben erwähnt, der Vorschlag von Frau Kersten: Nehmen wir doch die Bibelforscherinnen als Personal in unsere Lebensbornheime [Heime, in denen Kinder aufgezogen wurden, die von SS-Männern zur Hervorbringung einer „Herrenrasse“ gezeugt worden waren], nicht als Pflegerinnen, aber als Köchinnen, Hausmädchen, Wäscherinnen und für derartige Aufgaben. Auch als Hausmeister, wo wir da und dort noch Männer haben, können kräftige Bibelforscherinnen genommen werden. Ich bin überzeugt, daß wir in den wenigsten Fällen mit ihnen Kummer haben werden.
Auch mit sonstigen Vorschlägen, wie Abstellung einzelner Bibelforscherinnen in kinderreiche Haushalte, bin ich sehr einverstanden. Geeignete Bibelforscherinnen, die das Können dafür haben, bitte ich einzeln herauszusuchen und mir zu melden. Ich werde sie auf entsprechende Haushalte kinderreicher Familien persönlich verteilen. In solchem Haushalt dürfen sie dann allerdings keine Sträflingskleider tragen, sondern einen anderen Anzug, und man müßte den dortigen Aufenthalt ähnlich wie für die freigelassenen und internierten Bibelforscherinnen in Hartzwalde gestalten.
Bei all diesen für solche Aufgaben abgestellten Halbfreigelassenen wollen wir schriftliches Abschwören oder sonstige Unterschriften vermeiden und lediglich die Verpflichtung auf Handschlag vornehmen.
Ich ersuche um Vorschläge für die Durchführung und Bericht.“
Und so kam es. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein beachtlicher Teil der Schwestern in SS-Haushalte, in Gärtnereien, auf Bauerngüter und auch in „Lebensbornheime“ geschickt.
Es gab jedoch auch andere Gründe, weshalb die SS bereit war, Zeugen Jehovas in ihre Haushalte aufzunehmen. Die SS spürte den heimlichen Haß, der unter der Bevölkerung immer größer wurde. Es kam ihr zu Bewußtsein, daß man aufgehört hatte, sich in vertrauten Kreisen Witze über sie zu erzählen. Darum trauten viele selbst ihren Dienstmädchen nicht mehr und fürchteten, daß sie ihnen einmal Gift ins Essen geben oder sie auf eine andere Art umbringen könnten. Mit der Zeit wagten es hohe SS-Führer nicht mehr, zu irgendeinem Friseur zu gehen, weil sie befürchteten, er könnte ihnen die Kehle durchschneiden. Max Schröer und Paul Wauer wurden beauftragt, hohe SS-Offiziere regelmäßig zu rasieren, da sie wußten, daß sich Jehovas Zeugen nie rächen und ihre menschlichen Feinde umbringen würden.
Die Brüder und Schwestern, die außerhalb der Konzentrationslager arbeiteten, erhielten sogar die Erlaubnis, Besuche von ihren Verwandten zu empfangen oder ihre Verwandten zu Hause zu besuchen. Einige erhielten zu diesem Zweck einige Wochen Urlaub. Dies bedeutete schließlich, daß die Brüder und Schwestern besser ernährt wurden, so daß sich ihr Gesundheitszustand schnell besserte und die Zahl der Todesfälle, die durch Hunger oder Mißhandlung verursacht wurden, erheblich zurückging.
Wie sehr sich die Stimmung in den Konzentrationslagern zugunsten der Zeugen Jehovas änderte, geht aus einer Erfahrung hervor, die Reinhold Lühring machte. Im Februar 1944 wurde er plötzlich von seinem Arbeitskommando zur Lagerverwaltung gerufen. Das war der Ort, wo so viele mißhandelt worden waren und wo man so oft versucht hatte, die Brüder zu überreden, ihrem Glauben an Jehova abzuschwören. Wie überrascht war Bruder Lühring, als Offiziere, die ihm gegenübersaßen, fragten, ob er ein Gut verwalten und dort auch Arbeiter beschäftigen und richtig zur Arbeit anleiten könnte. Da er alle Fragen bejahen konnte, wurde er später zusammen mit fünfzehn anderen Brüdern in die Tschechoslowakei gebracht, um das Gut der Frau Heydrich zu verwalten.
Ein anderes Arbeitskommando, das aus zweiundvierzig Brüdern, alles gute Handwerker, bestand, wurde zum Wolfgangsee, nach Österreich, gebracht, um dort ein Haus für einen hohen SS-Offizier zu bauen. Obwohl die Bauarbeiten an einem Bergabhang nicht leicht waren, erhielten die Brüder sonst viele Erleichterungen. Zum Beispiel wurde Erich Frost, der zu dieser Gruppe gehörte, die Erlaubnis gegeben, sich sein Akkordeon von zu Hause schicken zu lassen. Nachdem er es erhalten hatte, durfte er abends oft mit einigen Brüdern hinaus auf den See fahren, wo er Volkslieder und auch alte, bekannte Konzertstücke spielte, an deren Klängen sich nicht nur seine Brüder erfreuten, sondern auch diejenigen, die am See wohnten, einschließlich der SS, unter deren Aufsicht die Brüder arbeiteten.
Es wurde auch immer leichter, die Brüder in den Konzentrationslagern mit geistiger Speise zu versorgen. Dr. Kersten spielte dabei keine geringe Rolle, da er oft zwischen seiner Wohnung in Schweden und seinem Gut in Hartzwalde hin- und herreiste. Er ließ seine Koffer immer von den Schwestern, die ihm Himmler zur Arbeit auf seinem Gut und in seiner Wohnung in Schweden zur Verfügung gestellt hatte, packen. Zwischen ihnen bestand die stillschweigende Vereinbarung, daß die Schwester in Schweden einige Ausgaben des Wachtturms in Kerstens Koffer legte, wenn sie ihn packte. Wenn er dann in Hartzwalde ankam, sagte er der Schwester, die in seinem Haushalt tätig war, sie möge den Koffer auspacken. Das ließ er sie immer allein tun. Nachdem die Schwestern diese Wachttürme sorgfältig studiert hatten, gaben sie sie in das nahe gelegene Konzentrationslager weiter.
Der Besitz von Herrn Kersten in Hartzwalde lag ideal, etwa 35 Kilometer südlich vom Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und etwa 30 Kilometer nördlich vom Männerkonzentrationslager Sachsenhausen. Zu beiden Lagern wurden ständig irgendwelche Dinge transportiert, so daß es nicht schwierig war, geistige Speise für die Brüder und Schwestern in die Lager zu schmuggeln.
So entstand ein immer engerer Kontakt zwischen den verschiedenen Lagern und den Privatwohnungen, wo unsere Schwestern zur Arbeit bei SS-Familien eingesetzt waren. Ilse Unterdörfer berichtet über diese interessante Zeit:
„Da wir auf unseren Arbeitsplätzen ziemlich viel Freiheit hatten, gelang es uns, einige Briefe an unsere Angehörigen zu schicken, die nicht durch die Kontrolle gingen. Auch konnten wir briefliche Verbindung mit unseren Brüdern im Lager Sachsenhausen durch Brüder aufnehmen, die ebenfalls in Außenbetrieben oder bei hohen SS-Führern in Vertrauensstellungen arbeiteten und so mehr Freiheit hatten. Ja, es gelang uns sogar, Verbindung mit Brüdern in der Freiheit aufzunehmen und auf diese Weise den Wachtturm ins Lager zu bekommen. Nach den vielen Jahren, in denen wir nur von dem früher Gelernten und dem, was Zugänge an neuen Wahrheiten mitbrachten, zehren mußten, war es nach so langer Zeit eine wunderbare Erfrischung für uns, den Wachtturm selbst zu lesen. Ich persönlich war auf dem SS-Gut, das in der Nähe des Lagers Ravensbrück unter der Oberaufsicht des Obergruppenführers Pohl stand, als Anweisehäftling [Aufseherin] eingesetzt und trug somit die Verantwortung für die Arbeit, die unsere Schwestern dort verrichten mußten. Einige von uns schliefen sogar dort; sie kamen also gar nicht mehr in das Lager. So gelang es mir, mit Bruder Franz Fritsche aus Berlin in Verbindung zu kommen, mit dem ich mich am Abend in einem Wald, der zum Gut gehörte, zu einer über eine Schwester in Berlin brieflich vereinbarten Zeit traf. Von ihm erhielt ich immer eine ganze Reihe von Wachtturm-Ausgaben. Darüber hinaus bekamen wir aber noch auf einem anderen Weg geistige Speise ins Lager. Es waren zwei liebe Schwestern, die in einer Fabrik arbeiteten und uns ebenfalls weitere Wachtturm-Exemplare ins Lager brachten. So sorgte Jehova in liebevoller Weise für uns, als es am dringendsten wurde.“
Jehova segnete die Brüder, die leichter Zugang zu geistiger Speise hatten und die sich bemühten, sie anderen zugänglich zu machen, wie dies aus dem Bericht von Franz Birk hervorgeht. Er gehörte zu denen, die auf das Gut Hartzwalde gebracht worden waren. Sie erfuhren bald, daß andere gefangene Brüder unter der Aufsicht eines Soldaten etwa zehn Kilometer entfernt in einem Wald ein Haus bauten. Da sich die Brüder auf dem Gut Hartzwalde bereits eines gewissen Maßes an Freiheit erfreuten, suchten sie nach einer Gelegenheit, mit diesen Brüdern im Wald Verbindung aufzunehmen.
„An einem Sonntagmorgen“, berichtet Bruder Birk, „machten Bruder Krämer und ich mit den Fahrrädern eine Erkundungsfahrt zu unseren Brüdern. Als wir in einen Wald hineinfuhren, sahen wir bald eine Schneise, wo ein Neubau erstellt wurde. Wir beobachteten, wie ein Häftling über den Hof kam. Jetzt machten wir uns bemerkbar, indem wir ihm zuwinkten. Der Bruder hatte uns gesehen und kam sofort durch den Wald auf uns zu, und als wir seinen lila Winkel sahen, erkannten wir sofort, daß es ein Bruder war. Nachdem wir ihm gesagt hatten, daß wir vom Kommando Hartzwalde seien, nahm er uns sofort mit in den Neubau. Da wir neue Wachttürme bei uns hatten, begannen wir sofort mit einem Studium. Fortan besuchten wir jeden Sonntag unsere Brüder, die unter der Bewachung eines Feldwebels aus Freiburg standen, der den Brüdern aber gut gesinnt war. Kurz vor Weihnachten sagte ich zu dem Feldwebel: ,Herr Feldwebel, wie wäre es, wenn Sie über die Feiertage mit unseren Brüdern einen Besuch auf Gut Hartzwalde machen würden?‘, wozu er nachdenklich bemerkte, daß er in diesen Tagen mit den Männern irgendwo hingehen wollte, um ihnen die Haare schneiden zu lassen. Als er aber hörte, daß wir auch in Hartzwalde einen Friseur hätten, sagte er sofort zu. So kamen tatsächlich am ,1. [Weihnachts-]Feiertag‘ in aller Frühe unsere Brüder mit ihrem Feldwebel in unser Lager. Schwester Schulze aus Berlin, die die Küche verwaltete, nahm sich des Feldwebels besonders an, so daß wir eine ungestörte Gemeinschaft hatten. Am Nachmittag folgte dann eine schöne Zusammenkunft, während am Abend die Brüder, voller Freude über unser segensreiches Zusammentreffen, wieder mit ihrem Feldwebel zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Man bedenke: Dies geschah alles im Angesicht unserer Feinde.“
Im Laufe der Zeit ergaben sich in allen Konzentrationslagern immer mehr Möglichkeiten, geistige Speise zu erhalten. Gertrud Ott und achtzehn weitere Schwestern, die in Auschwitz inhaftiert waren, wurden zur Arbeit in ein Hotel geschickt, in dem die Familien von SS-Männern lebten. Da dort auch andere Personen essen und trinken konnten, dauerte es nicht lange, bis Schwestern, die sich noch in Freiheit befanden, ihre Schwestern aus dem Konzentrationslager beim Fensterputzen entdeckten. „Wir sind auch Schwestern“, murmelten sie im Vorübergehen, ohne aufzuschauen. Drei Wochen später richteten sie es ein, daß sie sich in der Toilette trafen. Von da an kamen die Schwestern von draußen regelmäßig und brachten den Schwestern, die im Hotel arbeiteten, Wachttürme und andere Publikationen, die dann nach Ravensbrück weitergeleitet wurden.
Anfang Dezember 1942 ergab sich eine besonders schöne Gelegenheit für etwa vierzig Brüder, die in Wewelsburg zurückgeblieben waren, um sich dort besonderer Arbeiten anzunehmen. Obwohl sie weiterhin als Lagerinsassen behandelt wurden, hatten sie doch etwas mehr Freiheit, denn es gab keinen elektrisch geladenen Stacheldraht und keine Postenketten mehr, die sie von der Außenwelt getrennt hätten.
Bruder Engelhardt war zu dieser Zeit immer noch frei und hatte die Brüder, die in der Nähe wohnten, beauftragt, einen Weg ausfindig zu machen, wie man den Wachtturm ins Lager schaffen könnte. Nach Überwindung einiger Schwierigkeiten erkundeten Sandor Beier aus Herford und Martha Tünker aus Lemgo die Lage, indem sie einfach wie ein junges Paar durch das Gebiet spazierengingen. Bald nahmen sie mit den Brüdern Verbindung auf und versorgten sie später regelmäßig mit Ausgaben des Wachtturms. Das erstemal trafen sie die Brüder an einem bestimmten Grab auf einem Friedhof; das nächste Mal versteckten sie die Zeitschriften in einem Strohhaufen, oder sie lieferten sie den Brüdern um Mitternacht an einem vorher verabredeten Platz persönlich aus. Für die Übergabe wurde jedesmal ein anderer Platz verabredet. Nachdem Bruder Engelhardt und die Schwestern, die die Zeitschriften hergestellt und verbreitet hatten, verhaftet worden waren, entstand die Frage, wie diejenigen, die sich noch in Freiheit befanden, weiter mit geistiger Speise versorgt werden könnten.
Diesmal suchten die Brüder in Wewelsburg selbst eine Lösung zu finden. Es gelang ihnen, sich eine Schreibmaschine zu beschaffen, auf der ein Bruder dann Matrizen schrieb. Ein anderer Bruder konstruierte einen primitiven Vervielfältigungsapparat aus Holz. Schwestern außerhalb des Lagers, mit denen sie noch Kontakt hatten, brachten den Brüdern das zum Vervielfältigen notwendige Material. Hier wurden schließlich so viele Exemplare des Wachtturms hergestellt, daß ein großer Teil Norddeutschlands damit versorgt werden konnte. Elisabeth Ernsting erinnert sich, daß sie immer fünfzig Exemplare erhielt, womit sie das Gebiet versorgte, das sie betreute. So war es fast zwei Jahre lang, bis zum Zusammenbruch des Regimes (im Jahre 1945), möglich, die Brüder in Westfalen und in anderen Gebieten mit dem Wachtturm zu versorgen.
Die Versorgung der Brüder und Schwestern in den Konzentrationslagern mit geistiger Speise verbesserte sich so weit, daß man im Jahre 1942 in Sachsenhausen schon von einem kleinen Strom sprechen konnte. Bruder Fritsche aus Berlin, der kurz vor dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes zum Tode verurteilt, aber nicht hingerichtet wurde, war in der Lage, die Brüder über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren nicht nur mit allen neuen Zeitschriften, sondern auch mit einer Anzahl älterer Ausgaben sowie mit allen Büchern und Broschüren, die in der Zwischenzeit erschienen waren, zu versorgen. Es war so, als wären die Brüder auf fette Weiden geführt worden, denn jeder Bruder hatte ein Exemplar einer der Veröffentlichungen der Gesellschaft zum abendlichen Studium zur Verfügung. Welch ein Wandel! Aber das ist noch nicht alles. Die Organisation funktionierte so gut, daß Bruder Fritsche Briefe an die Verwandten der Brüder, in andere Lager oder an ausländische Zweigbüros weiterleiten konnte. So war es möglich, daß innerhalb von eineinhalb Jahren einhundertfünfzig Briefe aus dem Lager und fast genauso viele in das Lager geschmuggelt wurden. Die Briefe, die hinausgeschickt wurden, zeugten von der guten geistigen Verfassung der Brüder. Verständlicherweise wurden viele Abschriften dieser Briefe hergestellt. Einige wurden sogar vervielfältigt und dienten den Brüdern draußen und besonders den Verwandten derer, die inhaftiert waren, zur Ermunterung.
MUTIGE ERKLÄRUNG DER THEOKRATISCHEN EINHEIT IN DEN LAGERN
Alles ging ungefähr eineinhalb Jahre sehr gut, bis Bruder Fritsche im Herbst des Jahres 1943 verhaftet wurde. Berichte über Sachsenhausen, die bei Haussuchungen gefunden worden waren, hatten die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Die Polizei fand in seinem Besitz nicht nur Wachttürme und andere Publikationen, sondern auch einige Briefe von Brüdern, die er weiterleiten sollte. Die Polizei, die entdeckte, daß der Briefverkehr fast international geführt wurde, bekam nun Zweifel an der Fähigkeit oder Bereitschaft der Lagerleiter, ihre Pflichten zu erfüllen. Himmler ordnete daher an, daß alle verdächtigen Konzentrationslager sofort durchsucht werden sollten.
Die Aktion begann Ende April. Eines Morgens kamen einige Beamte der Geheimpolizei nach Sachsenhausen. Der Überraschungsangriff auf die Brüder war gut geplant. Diejenigen, die im Lager arbeiteten, wurden von ihren Arbeitsplätzen abgerufen und mußten auf dem Appellplatz Aufstellung nehmen, wo sie über die Tagestexte befragt und dann einer Leibesvisitation unterzogen wurden. Man fand einige Schriften. Diese Aktion war wie gewöhnlich von Schlägen begleitet. Aber es gelang der Gestapo nicht, die Brüder zum Nachgeben zu veranlassen, denn Jehova hatte sie inmitten ihrer Feinde reichlich ernährt. Sie hatten eine klare Vision von ihrem Auftrag und fürchteten sich nicht, vereint für die theokratische Herrschaft einzustehen.
Ernst Seliger war als Verbindungsmann zu Bruder Fritsche bekannt geworden, und daher wurde ihm besondere „Aufmerksamkeit“ geschenkt. Er hatte sich bemüht, nicht nur die fleischlichen, sondern auch die geistigen Wunden zu verbinden, und in seiner demütigen, väterlichen Weise hatte er sehr zu der Einheit beigetragen, die in diesem Lager herrschte. Aber er war sehr beunruhigt über den Ausgang seines ersten Verhörs, und er betete zu Jehova, er möge seine „Niederlage“, wie er meinte, in einen Sieg verwandeln. Doch dies sollte nicht eine Prüfung für einen einzelnen werden. Wilhelm Röger aus Hilden beschreibt die Situation folgendermaßen: „Jetzt galt es: Einer für alle und alle für einen!“ Alle Brüder bestätigten die Erklärung Bruder Seligers, der zugab, Tagestexte zu ihrer Ermunterung herausgegeben zu haben. Sie bestätigten ferner, daß sie die Literatur gelesen hatten, die Bruder Seliger ins Lager gebracht hatte, und daß sie einander weiterhin ermuntern und auch in der Zukunft über ihre Hoffnung sprechen würden.
So vergingen vier Tage. Am Sonntagmorgen erschien Bruder Seliger vor der Lagerverwaltung, wo ein Protokoll aufgenommen werden sollte. Über sein Erlebnis berichtet er folgendes: „Ich gab erst in drei Krankensälen [wo er als Helfer eingesetzt war] ... Zeugnis. In dieser Freudigkeit ging ich erneut in die ,Höhle des Löwen‘. Ein Arzt und der Apotheker studierten gerade unsere nach draußen gesandten illegalen Briefe. Es gab noch zwei heiße Stunden. Als es nun so weit war, daß das Protokoll zum Abschluß gebracht werden konnte, sagte der Vernehmungsbeamte: ,Seliger, was werden Sie nun tun? Wollen Sie weiter Tagestexte schreiben und Ihre Brüder ermuntern? Und wollen Sie auch weiter hier im Lager unter anderen Häftlingen die Botschaft verkündigen?‘ ... ,Jawohl, das werde ich tun und nicht nur ich, sondern alle meine Brüder mit mir!‘ ... Um 2 Uhr wurde der Ausgang dieser Sache und die im Namen aller Brüder abgegebene Erklärung allen Brüdern zur Kenntnis gebracht, worauf die Brüder sich anschließend sofort voller Freude in den Verkündigungsdienst begaben“ — und zwar in die Baracken des Lagers.
Die Brüder erinnerten sich daran, daß nun fast zehn Jahre vergangen waren, seit sie am 7. Oktober 1934 Hitler in einem Brief benachrichtigt hatten, daß sie trotz aller Drohungen nicht aufhören würden, zusammenzukommen und zu predigen. Nun erkannte die Gestapo nach fast zehn Jahren, daß der Kampfgeist des Volkes Gottes noch nicht gebrochen war, weder innerhalb der Konzentrationslager noch außerhalb. Davon legten die Briefe Zeugnis ab.
Die Gestapo überprüfte nun die anderen Konzentrationslager, um festzustellen, ob die vielbesprochene „theokratische Einheit“ auch dort vorhanden war. Das nächste Lager war Berlin-Lichterfelde, ein Zweiglager von Sachsenhausen. Bruder Paul Großmann, der als Verbindungsmann zwischen Sachsenhausen und Lichterfelde diente, berichtete später über die Untersuchung:
„Am 26. April 1944 holte die Gestapo zu einem neuen großen Schlage aus. Um 10 Uhr morgens erschienen zwei Gestapobeamte in Lichterfelde, um bei mir als Verbindungsbruder zwischen dem Außenkommando Lichterfelde und dem Konzentrationslager Sachsenhausen eine strenge Durchsuchung vorzunehmen. Sie zeigten mir zwei illegale Briefe, die ich an Berliner Geschwister geschrieben hatte. Aus diesen Briefen war alles ersichtlich, wie die Sache bei uns lief. [Wir können daraus erkennen, wie unklug es ist, Briefe zu schreiben, die solche Informationen enthalten, denn es ist zu erwarten, daß die Beamten sie früher oder später bei Verhaftungen oder Haussuchungen finden werden.] Die Behörde war also über die Einzelheiten in unserer Organisation, unserer Arbeit im Lager und auch darüber hinaus genau informiert, daß wir laufend von der ,Mutter‘ Speise erhielten.
Obwohl sie bei mir alles auf den Kopf stellten, fanden sie zunächst nur einen Wachtturm. Ich wurde ans Tor gestellt. Jetzt holte man die anderen Brüder von ihren Arbeitsstellen. Auch sie wurden untersucht und in zwei Meter Abstand ans Tor gestellt. Das gab eine Sensation im Lager, das eine solche Großaktion seit langem nicht erlebt hatte. Bei der Untersuchung fehlte es nicht an Stockschlägen, Stößen und Beschimpfungen gemeinster Art. Man fand noch Tagestexte und weitere Wachtturm-Abschriften, während ein großer Bericht über die Lagererfahrungen in Sachsenhausen, eine Bibel und anderes noch sichergestellt werden konnten. Die Brüder machten keinen Hehl daraus, daß sie aktiv für die Interessen der Theokratie gearbeitet und auch die verschiedenen Wachttürme gelesen hatten. So standen wir bis abends 11 Uhr am Tor. Inzwischen war die ,grüne Minna‘ vorgefahren, mit der die zwölf ,Haupträdelsführer‘ nach Sachsenhausen gebracht werden sollten. Das bedeutete, daß sie dort an einem Galgen zu Tode gebracht werden sollten. Darum mußten sie auch ihre Löffel, Eßschüsseln usw. abgeben. Aber der Transport ging aus unbekannten Gründen nicht ab, auch am folgenden Tag nicht, obwohl die Todesnachrichten an die Angehörigen schon ausgestellt worden waren. Am dritten Tag gab es eine Überraschung. Die zwölf Brüder wurden nicht hingerichtet, sondern wieder in den Arbeitsprozeß eingereiht.“
Den Brüdern in Lichterfelde wurde dann eine Erklärung zur Unterzeichnung vorgelegt, in der es hieß: „Ich, ........., Zeuge Jehovas, im Lager seit ........., bekenne mich zu der ,theokratischen Einheit‘, die hier im KZ Sachsenhausen vorhanden ist. Auch habe ich alle Schriften und Tagestexte erhalten, gelesen und weitergegeben.“ Jeder unterschrieb dies nur allzugern.
Ähnliche Razzien führte die Polizei mit dem gleichen Ergebnis auch in anderen Lagern durch, eine zum Beispiel am 4. Mai 1944 in Ravensbrück, weil aus den Briefen hervorging, daß zwischen Sachsenhausen und Ravensbrück eine Verbindung bestand. Gegen die „Rädelsführer“ in diesem Lager ergriff man harte Maßnahmen. Aber es dauerte nicht lange, bis die Schwestern auch hier an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren konnten, nachdem die zuständigen Abteilungsleiter sie angefordert hatten. Dies war ein Beweis dafür, daß die Macht des Tyrannen zu dieser Zeit schon ziemlich gebrochen war.
Die Niederlage des deutschen Heeres an der Ostfront im Jahre 1944 forderte so viele Menschenleben, daß nicht nur alte Männer und die Hitlerjugend in das Kriegsgeschehen mit einbezogen wurden, sondern sogar Häftlinge die Gelegenheit erhielten, sich an der Ostfront zu bewähren. Aus diesem Grund kamen Kommissionen in die Konzentrationslager und machten politischen Häftlingen das Angebot, in die Division des degradierten Generals Dirlewanger einzutreten. Sollten sie sich dort bewähren, würden sie als freie Deutsche betrachtet werden. Es war jedoch interessant, daß alle Häftlinge, die einen lila Winkel trugen, immer in ihre Baracken geschickt wurden, bevor den anderen dieses Angebot unterbreitet wurde. Sie wußten, welche Antwort sie von Jehovas Zeugen erhalten würden, und hatten es daher aufgegeben, sie zu fragen.
EILIGE EVAKUIERUNG DER LAGER
So kam das Jahr 1945. Der pausenlose Bombenhagel der amerikanischen und der englischen Luftstreitkräfte bei Tag und bei Nacht und der Rückzug der deutschen Armee, der zuletzt fast den Charakter der Flucht hatte, machten jedem klar, daß das Ende des Zweiten Weltkrieges nahe war. Die SS hatte aufgehört, ihre Selbstsicherheit zur Schau zu stellen. Sie befand sich in keiner beneidenswerten Lage, wenn man bedenkt, daß Hunderttausende in den Konzentrationslagern fieberhaft auf die Befreiung warteten. Diese Massen waren unberechenbar, ja wie Explosivstoff geworden, so daß sich viele SS-Leute vor den Häftlingen fürchteten. Aber Himmler folgte weiterhin den Befehlen seines Führers und sandte folgendes Telegramm an die Kommandanten von Dachau und Flossenbürg: „Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes kommen. [Gez.] Heinrich Himmler.“ Ähnliche Anweisungen wurden auch an die anderen Lager gesandt.
Dies war der letzte teuflische Plan, der noch einmal das Leben der treuen Diener Gottes in den Lagern gefährdete. Aber sie waren nicht übermäßig besorgt. Sie setzten ihr Vertrauen auf Jehova, ungeachtet dessen, was ihnen persönlich bevorstehen mochte.
Die SS-Offiziere, die die Pflicht hatten, die Häftlinge zu liquidieren, standen vor einer unlösbaren Aufgabe. Bruder Walter Hamann, der in der SS-Kantine arbeitete, hörte zufällig einmal eine interessante Unterhaltung zwischen SS-Offizieren. Er erzählt: „Die Offiziere sprachen vom Vergasen aller Häftlinge. Doch die Einrichtung war für das ganze Lager viel zu klein. Dann hörte ich ein Telefongespräch über die Lieferung von Heizöl für die Verbrennungsöfen; aber auch dies konnte nicht mehr beschafft werden. Dann diskutierte man darüber, das Lager samt allen Insassen in die Luft zu sprengen. Es wurden bereits Sprengkisten an den Baracken aufgestellt, insbesondere am Krankenrevier. Aber auch diesen teuflischen Plan gab man wieder auf. Schließlich entschloß man sich, die 30 000 Häftlinge zu evakuieren; man sagte ihnen, sie kämen in ein neues, großes Lager, das aber gar nicht existierte, sondern man meinte damit das nasse Massengrab in der Lübecker Bucht, wo man uns auf Schiffe verladen und versenken wollte. Dazu brauchte man weder Gas noch Öl und auch nicht so viel Sprengstoff.“
Inzwischen nahm das Tempo, mit dem die alliierten Streitkräfte aus dem Osten und aus dem Westen heranrückten, immer mehr zu. Die SS begann nun, um ihr eigenes Leben zu bangen, und wurde immer kopfloser, besonders nachdem die Entscheidung der Regierung, die Lager zu liquidieren, bekanntgeworden war. Da ihnen unüberwindliche Probleme entgegenstanden, trieben sie die Häftlinge einfach auf die Straßen und ließen sie, mit ganz wenig Proviant ausgerüstet, marschieren. Wer später einmal die Märsche, die zu Recht als „Todesmärsche“ bezeichnet wurden, auf der Landkarte verfolgte, konnte feststellen, daß sie alle dasselbe Ziel anstrebten. Ihr Ziel war die Lübecker Bucht oder irgendwo im Norden das offene Meer, wo die Häftlinge dann auf Schiffe geladen und vor dem Eintreffen der feindlichen Streitkräfte versenkt werden sollten.
Bald gab es nichts mehr zu essen und manchmal nicht einmal einen Schluck Wasser. Dennoch wurden die hungernden Häftlinge gezwungen, tagelang bei strömendem Regen und bei einer Durchschnittstemperatur von 4 °C den ganzen Tag zu marschieren. Nachts durften sie sich im Wald auf den vom Regen durchtränkten Boden legen. Diejenigen, die mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit nicht Schritt halten konnten, wurden von der Nachhut der SS unbarmherzig durch Genickschuß liquidiert. Wie groß die Verluste an Menschenleben auf diesen Märschen waren, geht aus dem Beispiel von Sachsenhausen hervor. Von den 26 000 Häftlingen, die zur Zeit der Evakuierung noch am Leben waren, blieben auf dem Weg von Sachsenhausen nach Schwerin 10 700 erschossen liegen.
In einer gefährlichen Situation befanden sich auch die wenigen Brüder, die in Mauthausen überlebt hatten. Dort waren einige große Stollen in den Berg hineingetrieben worden, wo die gefürchteten „V-2“-Raketen hergestellt wurden. Eines Tages wurde einer der Stollen zugemauert und vermint. Der Plan war, einen Fliegeralarm vorzutäuschen und darauf die 18 000 Häftlinge in den Stollen zu treiben, der dann in die Luft gesprengt werden sollte. Aber die Lagerverwaltung wurde von dem schnellen Vorrücken der russischen Panzer überrascht, und die SS zog es vor, die Häftlinge sich selbst zu überlassen und möglichst ihr eigenes Leben zu retten. Aber sie kam nicht sehr weit. Nur wenige Tage später wurde der Lagerkommandant, der durch seinen Ausspruch: „Ich will nur Totenscheine sehen!“ bekannt geworden war, von den Häftlingen erkannt und zu Tode getrampelt. Politische Häftlinge begannen nun, Rache an den Mithäftlingen zu nehmen, die als Lagerälteste, Blockälteste und Vorarbeiter viel Blutschuld auf sich geladen hatten.
Der Todesmarsch der Insassen des Lagers Dachau führte durch Wälder, und wer nicht mehr Schritt halten konnte, wurde von der SS erschossen. Ihr Ziel waren die Ötztaler Alpen, wo alle, die das Ziel noch lebend erreichen würden, erschossen werden sollten. Die Brüder hielten zusammen und halfen einander, was manchen vor dem sicheren Tod bewahrte, bis sie Bad Tölz erreichten, wo sie befreit wurden. Bruder Ropelius kann sich noch daran erinnern, daß sie die letzte Nacht unter einer Schneedecke im Wald von Waakirchen verbrachten. Als der Tag graute, kamen Beamte der bayerischen Landespolizei auf sie zu und sagten ihnen, sie seien frei und die SS sei geflohen. Tatsächlich sahen die Brüder unterwegs mehrere an die Bäume gelehnte Waffen, aber es war kein SS-Mann mehr zu sehen.
Die SS nahm den Befehl der Regierung, alle Häftlinge zu liquidieren, sehr ernst, und nur wenige Tage vor der Kapitulation wurden in Neuengamme Transporte zusammengestellt und auf ein Frachtschiff gebracht, das sie zu dem Luxusdampfer „Cap Arcona“ bringen sollte, der in der Neustädter Bucht vor Anker lag. Etwa 7 000 Häftlinge befanden sich bereits auf diesem 200 Meter langen Schiff. Die SS hatte vor, mit der „Cap Arcona“ auf die offene See zu fahren und sie dann mit den Häftlingen zu versenken. Aber das Schiff hatte immer noch die Kriegsflagge gehißt und wurde daher am 3. Mai 1945 von englischen Kampfflugzeugen versenkt. Auch der Frachter „Thielbeck“ ging mit 2 000 bis 3 000 Häftlingen an Bord unter. Etwa 9 000 Häftlinge fanden in der Neustädter Bucht ein nasses Grab. Es ist verständlich, daß die Überlebenden heute noch schaudern, wenn sie sich daran erinnern. Noch heute werden jährlich 12 bis 17 Skelette dieser ertrunkenen Häftlinge am Neustädter Strand von Badegästen oder bei Grabungen gefunden.
Das gleiche Geschick hatte man auch den Häftlingen von Sachsenhausen zugedacht, unter denen sich 220 Brüder befanden. In einem mörderischen Gewaltmarsch legten sie in zwei Wochen ungefähr 200 Kilometer zurück.
Die Zeugen hatten früh erkannt, welche Gefahr ihnen drohte, und so hatten sie ihre Schuhe repariert und eine Anzahl kleiner Wagen beschafft, auf denen das wenige Gepäck der Schwachen und auch die Schwächsten selbst transportiert werden konnten. Wenn diese Brüder den ganzen Weg hätten zu Fuß gehen müssen, wären sie unter den mehr als 10 000 Toten gewesen. Aber auf diese Weise konnten die Brüder, die körperlich nicht so schwach waren, die Schwachen mitnehmen. Auf dem Wege wurden dann andere auf die Wagen geladen, deren Kräfte verbraucht waren. Wenn sie nach einigen Tagen der Ruhe wieder genügend Kraft erlangt hatten, beteiligten sie sich auch wieder am Ziehen der Wagen. So blieben sie sogar auf diesem Todesmarsch alle als eine große Familie zusammen und erfreuten sich des Schutzes Jehovas bis zum Ende.
Als dieser Zug flüchtender Häftlinge nur noch drei Tagereisen von Lübeck entfernt war, befahl die SS eines Nachmittags allen, in einem Wald in der Nähe von Schwerin ihr Lager zu beziehen. Die Brüder hatten sich inzwischen schon zu kleinen Gruppen zusammengetan und bauten mit ihren Decken kleine Hütten. Den Boden bedeckten sie mit Laub, um die Kühle der Nacht abzuhalten. In jener Nacht, in der die Kugeln der Russen um Ihre Köpfe pfiffen und in der die Amerikaner auf dem Vormarsch waren, brach dieser Teil der deutschen Front zusammen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl für die, die dabei waren, als plötzlich mitten in der Nacht ein Ruf erscholl, der sich wie ein Echo tausendfach fortpflanzte: „WIR SIND FREI!“ Die ungefähr 2 000 SS-Leute, die bis dahin die Häftlinge beaufsichtigt hatten, hatten unauffällig ihre Uniform ausgezogen und sich als Zivilisten getarnt, ja einige hatten sogar Häftlingsuniformen angezogen, um ihre Identität zu verbergen. Ein paar Stunden später wurden jedoch einige von ihnen erkannt und unbarmherzig hingemordet.
Sollten die Brüder das Angebot der amerikanischen Offiziere, die inzwischen eingetroffen waren, annehmen und das Lager mitten in der Nacht abbrechen? Nachdem sie die Lage gebetsvoll geprüft hatten, entschlossen sie sich, bis zum Sonnenaufgang zu warten. Doch selbst dann blieben sie noch einige Stunden länger, denn ein Bauer, der sich den Flüchtlingen angeschlossen hatte, hatte den Brüdern zwei Zentner Erbsen geschenkt. Es wurde ein wunderbares Mahl zubereitet. O wie dankbar die Brüder doch waren! Nahezu zwei Wochen lang hatten sie fast nichts gehabt außer etwas Tee, den sie unterwegs gesammelt und abends im Wald gekocht hatten, sofern etwas Wasser zur Verfügung stand.
Wie dankbar waren sie doch, als sie feststellten, daß keiner von ihnen fehlte! Aber wie sie später feststellten, hatten sie noch einen weiteren Grund, Jehova dankbar zu sein, denn während ihres Marsches in Richtung Norden waren sie einmal von der SS mehrere Tage in einem Wald festgehalten worden, weil man sich nicht sicher war, wo sich die Front befand. Das war gerade die Zeit, die noch erforderlich gewesen wäre, um Lübeck zu erreichen, bevor die Front schließlich zusammenbrach.
Jetzt hatten sie es nicht mehr so eilig weiterzuziehen. Gleich dort, im Wald von Schwerin, begannen sie einen Bericht über ihre Erlebnisse auf einer Schreibmaschine zu schreiben, die Soldaten aus einem fahrbaren Büro geworfen hatten. Der Bericht enthielt auch eine Resolution, die sie unter dem unbeschreiblichen Gefühl, seit einigen Stunden wieder frei zu sein, aber auch aus Wertschätzung für Jehovas Schutz während der vielen Jahre ihres Aufenthaltes in der „Löwengrube“ verfaßten. Dies ist die Resolution:
RESOLUTION
„3. Mai 1945
Entschließung der in einem Wald bei Schwerin in Mecklenburg versammelten 230 Zeugen Jehovas aus sechs verschiedenen Nationen.
Wir versammelten Zeugen Jehovas senden unsere allerherzlichsten Grüße an das treue Bundesvolk Jehovas und seine Gefährten in aller Welt mit Psalm 33:1-4 und 37:9. Es sei Euch kund, daß unser großer Gott, dessen Name Jehova ist, sein Wort wahr gemacht hat an seinem Volke, insbesondere im Gebiet des Nordkönigs.
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