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  • Deutschland (Teil 1)
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974
    • Als jedoch die Zeit näher rückte, in der Gott „das Königreich der Welt“ einem himmlischen König, dem Herrn Jesus Christus, geben wollte, mußte in Deutschland sowie in anderen Teilen der Welt ein Werk verrichtet werden. (Offb. 11:15) Für dieses Werk waren Menschen erforderlich, die einen echten Glauben an die Bibel als das Wort Gottes hatten. Sie mußten erkennen, daß jemand, der ein wahrer Diener Christi sein möchte, „kein Teil der Welt“ sein darf. (Joh. 17:16; 1. Joh. 5:19) Warum nicht? Weil sie nicht irgendeine menschliche Regierung unterstützen, sondern das messianische Königreich Gottes als die einzige Hoffnung der Menschheit verkünden sollten. (Matth. 24:14; Dan. 7:13, 14) Wer würde diese Gelegenheit wahrnehmen?

      In den 1870er Jahren hatte Charles Taze Russell in Amerika begonnen, eine kleine Gruppe von Bibelforschern zu versammeln, die sehr am zweiten Kommen Christi interessiert waren. Sie erkannten die Notwendigkeit, die wunderbaren Dinge, die sie aus Gottes Wort lernten, anderen mitzuteilen. Als das Werk Fortschritte machte und biblische Schriften in immer größerem Ausmaße verbreitet wurden, wurde es notwendig, die gesetzliche Körperschaft zu gründen, die heute als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania bekannt ist, und Bruder Russell war ihr erster Präsident.

      Da die Watch Tower Society sich der Wichtigkeit bewußt war, die gute Botschaft bis zu den entferntesten Teilen der Erde auszubreiten, traf sie im Jahre 1891 die Vorkehrung, daß Bruder Russell ins Ausland reiste, um festzustellen, welche Möglichkeiten es gab, das Werk auszudehnen. (Apg. 1:8) Während dieser Reise besuchte Bruder Russell Berlin und Leipzig. Aber später berichtete er: „Wir sehen ... nichts, was uns auf eine Ernte in Italien, in der Türkei, in Österreich oder Deutschland hoffen lassen würde.“ Dennoch wurden nach seiner Rückkehr Vorkehrungen getroffen, verschiedene Bücher und Druckschriften in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Personen, die aus Deutschland in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren und Schriften der Gesellschaft gelesen hatten, schickten diese Schriften an ihre Verwandten und Freunde in Deutschland und ermunterten sie, sie zum Bibelstudium zu benutzen.

      Es verging eine Anzahl Jahre, bis 1897 die erste deutsche Ausgabe der Zeitschrift The Watch Tower unter dem Titel Zions Wacht-Turm und Verkünder der Gegenwart Christi in Allegheny (Pennsylvanien, USA) veröffentlicht wurde. Der Redakteur war Charles T. Russell; sein Hilfsredakteur war Otto A. Kötitz. Zu dieser Zeit waren bereits die ersten drei Bände des Werkes Millennium-Tagesanbruch in den Vereinigten Staaten in deutscher Sprache gedruckt worden.

      Um den Versand nach Deutschland und in andere europäische Länder zu vereinfachen, wurde in Berlin, Nürnberger Straße 66 ein Literaturdepot eingerichtet. Schwester Margarete Giesecke war dafür verantwortlich, und sie sorgte auch für den regelmäßigen Versand von Zions Wacht-Turm, der am Anfang eine Auflage von 500 Exemplaren hatte. Anfang 1899 wurde das Literaturdepot von Berlin nach Bremen verlegt.

      EIN LANGSAMER ANFANG

      Trotz vermehrter Anstrengungen während des Jahres 1898 war die Lage so, daß es die Gesellschaft für nötig hielt, folgende Erklärung zu veröffentlichen: „Wir müssen unseren lieben Lesern mitteilen, obschon wir deren Interesse und Eifer anerkennen, daß im vergangenen Jahr die Bestellungen auf Exemplare des Wacht-Turms nicht in der Anzahl eingingen, als wir erwartet hatten, und daß die Frage sich uns stellt: Sollen wir die Ausgabe des Wacht-Turms entweder ganz einstellen oder ihn nur zweimonatlich oder vierteljährlich erscheinen lassen?“ Eine Zeitlang wurde er dann alle drei Monate gedruckt, allerdings mit der doppelten Anzahl Seiten.

      Wenn auch bis dahin noch keine besonders großen Resultate erzielt werden konnten, so waren doch die Anstrengungen, die man unternommen hatte, bestimmt nicht umsonst. Damit das Werk nun noch wirkungsvoller durchgeführt werden konnte, wurde im Jahre 1902 in Elberfeld (Wuppertal) ein Büro eingerichtet, für das Bruder Henninges verantwortlich war. Im Oktober 1903 schickte Bruder Russell Bruder Kötitz nach Deutschland, um die Aufsicht zu übernehmen, und Bruder Henninges wurde mit einem Sonderauftrag nach Australien gesandt. Bruder Kötitz war mit seinen Eltern von Deutschland nach Amerika ausgewandert und war dort im Frühling des Jahres 1892 in Jehovas Dienst eingetreten. Mit nur einer kurzen Unterbrechung hatte er als Hilfsredakteur des deutschen Wacht-Turms gedient, bis Bruder Russell ihn nach Deutschland schickte. Dennoch waren — aus der Sicht des Hauptbüros — die Ergebnisse im Jahre 1903 noch nicht sehr befriedigend. So hieß es in dem Jahresbericht, der diese Zeit umfaßte: „Der deutsche Zweig nahm zuerst einen recht günstigen Anlauf, doch sind unsere Hoffnungen bisher nicht ganz erfüllt [worden]. Die Einheit des ,Leibes Christi‘ und sein ,Erntewerk‘ werden von den deutschen Brüdern noch nicht genug erkannt. ... Unsere Tätigkeit soll jedoch 1904 noch fortgesetzt werden, um dem Arbeitsfeld noch Gelegenheit zu bieten, Frucht zu bringen. Wir schauen auf den Herrn und bitten Ihn um Licht, ob es ratsam ist, für die Ihm geweihten Kräfte und Mittel einen günstigeren Boden zu suchen oder nicht.“

      Dies waren schwierige Jahre im Hinblick auf das Predigen der guten Botschaft in Deutschland. Schon waren religiöse und politische Feinde auf den Plan getreten. Auch blühte seit der Gründung des deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 der Nationalismus, und er wurde nicht nur von den Politikern, sondern auch von den religiösen Führern gefördert. „Wir wollen kein amerikanisches, wir wollen ein deutsches Christentum“ und ähnliche Schlagworte waren in den Kirchen zu hören. Dies wirkte auf die zarten Pflänzchen der Wahrheit, die gerade erst angefangen hatten zu wachsen, wie ein plötzlicher Frosteinbruch im Frühling. Glücklicherweise gab es jedoch bald die ersten Anzeichen dafür, daß die vielen Anstrengungen, die unternommen worden waren, nicht vergebens waren.

      DIE ERSTEN VERSAMMLUNGEN

      Im Jahre 1902 zog eine christliche Schwester nach Tailfingen, das östlich des Schwarzwaldes liegt. Sie hatte die Wahrheit in der Schweiz kennengelernt und bemühte sich nun, sie an die Einwohner von Tailfingen weiterzugeben. Sie hieß Margarete Demut, wurde aber, weil sie immer von einem neuen „goldenen Zeitalter“ sprach, von den Ortsbewohnern „Goldne Gretel“ genannt. Durch ihre Tätigkeit kam sie mit einem Mann in Kontakt, der zusammen mit seiner Schwester und zwei Bekannten nach der Wahrheit suchte. Sie hatten schon versucht, die Wahrheit bei der Methodistenkirche zu finden. Nachdem sie ein Traktat gelesen hatten, das sie ihnen zurückgelassen hatte, schrieben sie sogleich nach Elberfeld und bestellten die zur Verfügung stehenden Bände Millennium-Tagesanbruch. Sie waren in der ganzen Gemeinde als fromme Männer bekannt und wurden wegen ihres korrekten Lebenswandels sehr geschätzt. Dort wurde eine der ersten Versammlungen in Deutschland gegründet, und sie war unter der Bevölkerung als „Millenniumsversammlung“ bekannt.

      Diese christlichen Brüder wurden von einer anderen Schwester, nämlich von Rosa Möll, sehr eifrig unterstützt. Sie sprach zu jedem in der Gemeinde so freimütig über das „Millennium“, daß sie bald den Beinamen „Millenniums-Rösle“ erhielt. Diese Schwester ist nun 89 Jahre alt und dient Jehova bereits seit über 60 Jahren, 8 Jahre davon im Konzentrationslager Ravensbrück.

      Der Same der Wahrheit begann auch im Bergischen Land, nordöstlich von Köln, aufzugehen. Um das Jahr 1900 zog ein Beauftragter der Watch Tower Society aus der Schweiz in diese Gegend. Sein Name war Lauper. In Wermelskirchen traf er den achtzigjährigen Gottlieb Paas sowie Otto Brosius, der Presbyter und gleichzeitig Mitglied des Kirchenvorstands war, und dessen Frau Mathilde. Sie alle suchten die Wahrheit, und nachdem sie die Schriften der Watch Tower Society gelesen hatten, erkannten sie, daß sie die Wahrheit gefunden hatten. Bald organisierten sie Zusammenkünfte in einem Restaurant in Wermelskirchen. Viele Verwandte der Familie Paas und der Familie Brosius besuchten die Zusammenkünfte; oft waren 70 bis 80 Personen anwesend. Bald darauf starb Gottlieb Paas, aber auf dem Sterbebett hielt er noch einmal den Wacht-Turm hoch und sagte „Das ist die Wahrheit, daran müßt ihr festhalten.“

      Unterdessen versammelten sich im Kreis Lübbecke (Westfalen) durchschnittlich fünfundzwanzig Männer und Frauen aus verschiedenen Orten, um Gottes Wort zu betrachten. Sie gehörten der evangelischen Kirche an, waren aber keine fleißigen Kirchgänger, da sie oft unbefriedigt nach Hause gehen mußten, besonders dann, wenn der Geistliche über die Höllenlehre gepredigt hatte. Eines Tages fuhr einer ihrer Nachbarn zu einer Auktion nach Saarbrücken und fand in einem Zugabteil ein Traktat, in dem es hieß, es gäbe keine Feuerhölle. Er dachte, dies müsse etwas für seine Nachbarn sein, die er „die frommen Leute“ nannte, und er gab es ihnen nach seiner Rückkehr. Sogleich bestellten sie alle zur Verfügung stehenden Schriften, die dann ihr Studienmaterial wurden. Obwohl es noch geraume Zeit dauerte, bis sie die evangelische Kirche verließen und getauft wurden, wurden sie regelmäßig von den reisenden Pilgerbrüdern besucht, die die Watch Tower Society aussandte. So wurde die Grundlage für eine Versammlung in Gehlenbeck gelegt, aus der später weitere Versammlungen hervorgingen.

      Auch in anderen Gegenden war Wachstum zu beobachten. Im Jahre 1902 lernte ein Guts- und Molkereibesitzer namens Cunow die Wahrheit kennen, und er legte die Grundlage für Versammlungen in der Gegend östlich von Berlin. Ungefähr um die gleiche Zeit lernten Bruder Miklich, ein Werkmeister bei der Eisenbahn, und seine Frau in Dresden die Wahrheit kennen. Die Versammlung dort wuchs so schnell, daß sie in den 1920er Jahren mit über 1 000 Brüdern und Schwestern bei weitem die größte Versammlung in Deutschland war.

      DIE AUSBREITUNG DER GUTEN BOTSCHAFT BESCHLEUNIGT

      Obwohl es kostspielig war, entschlossen sich die Brüder, verschiedenen Zeitungen achtseitige Prospektnummern von Zions Wacht-Turm beizufügen. Wie sehr dieses Unternehmen gesegnet wurde, geht aus einigen der Briefe hervor, die daraufhin eingingen. Hier folgt ein Beispiel:

      „Habe heute die Prospektnummer Ihres Wacht-Turms, welche als Beilage der Tilsiter Zeitung kam, eingehend gelesen. Es ist dadurch mein Interesse ... erweckt [worden,] und [ich] möchte gerne mehr durch Ihre Schriften ... aufgeklärt werden, damit ich mir ein klareres Urteil über Tod und Hölle bilden kann. Ich bitte daher die geehrte Gesellschaft, mir das in dem Prospekt erwähnte Büchlein ... gütigst senden zu wollen. ... P. J., Ostpreußen.“

      Der Wacht-Turm vom April 1905 hatte darüber folgendes zu sagen:

      „Mehr als anderthalb Millionen Wachtturmprospekte sind dadurch zur Verbreitung gelangt, und das Werk [ist dadurch] in Gang gebracht worden, und der Erfolg ist erfreulich. Viele hungrige Seelen haben sich gemeldet, und die Zahl derer, die regelmäßig den Wachtturm beziehen, ist auf zirka tausend gestiegen.“

      Während der Same, das Wort über Gottes Königreich, auf jede erdenkliche Weise ausgestreut wurde, wurden immer mehr Resultate sichtbar. Einige, wie Bruder Lauper, begannen als Kolporteure zu arbeiten, um in kurzer Zeit möglichst viel Gebiet zu bearbeiten.

      EINIGE SUCHTEN DIE WAHRHEIT

      Im Jahre 1905 war Bruder Lauper in der Gegend von Berlin tätig und verbreitete Ausgaben des Wacht-Turms. Eines Tages gab er sein letztes Exemplar in der Wohnung eines älteren Herrn namens Kujath ab, der der Baptistengemeinde angehörte. Sein Sohn Gustav war kurz zuvor ganz beunruhigt von einem Baptistenkongreß zurückgekehrt. Man hatte dort eindringlich vor einem Baptistenprediger namens Kradolfer gewarnt, der plötzlich begonnen hatte zu lehren, die Seele sei sterblich. Gustav horchte auf, begann die Bibel zu durchforschen und lud seinen Vater und seine Freunde ein, mit ihm zu suchen, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Im August des Jahres 1905 besuchte Gustav Kujath seinen Vater, der etwa eine Stunde entfernt wohnte, und sein Vater lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Exemplar des Wacht-Turms, das Bruder Lauper zurückgelassen hatte. Das war genau das, wonach sie beide gesucht hatten. Es war „Speise zur rechten Zeit“. — Matth. 24:45.

      Sofort gab Kujath mehrere Wacht-Turm-Abonnements auf und fing an, fünf Serien an andere zu verleihen. Nach einer bestimmten Zeit ließ er die einzelnen Exemplare durch seine Kinder wieder abholen, und dann gab er sie an andere interessierte Personen weiter. Auf diese Weise kamen viele Menschen mit der Botschaft in Berührung. Natürlich fiel er bei den Baptisten in Ungnade, und er wurde am Silvesterabend des Jahres 1905 aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Man sagte ihm: „Du gehst den Weg des Teufels.“ Später traten mehr als zehn seiner Verwandten aus der Baptistengemeinde aus.

      Der jüngere Kujath hatte auch verstanden, daß Christen nicht versäumen dürfen, sich zu versammeln. Aus diesem Grund schrieb er an das Zweigbüro der Watch Tower Society in Elberfeld und bat um die Adressen anderer, mit denen er zusammenkommen und studieren könnte. Bruder Kötitz konnte ihm nur die Adresse des neunzehnjährigen Bernhard Buchholz, der in Berlin wohnte, geben, den Kujath umgehend aufsuchte. Zu jener Zeit gehörte Buchholz zu einer Gruppe, die sich „Heilandsgemeinde“ nannte. Er hatte gerade die Bände Millennium-Tagesanbruch verbrannt, da er der Meinung war, daß er — ein Waisenkind und wegen einer geringfügigen Verfehlung stellungslos — unmöglich der einzig Würdige in Berlin sein könne, dem die Wahrheit in den Schoß gefallen sein sollte. Aber Kujath ermunterte ihn, die Bücher mit ihm zu studieren, und er ermunterte ihn sogar, Kolporteur zu werden. Kurze Zeit später nahm Kujath ihn in seiner Wohnung auf.

      Um nun die Mittel zur Verbreitung der guten Botschaft in diesem Gebiet zur Verfügung zu haben, verzichtete Kujath auf sein Vorhaben, ein neues Haus zu bauen. Er verkaufte das Grundstück, auf dem das Haus gebaut werden sollte, und benutzte den Erlös, um zwei Zimmer in dem Haus seines Vaters zu einem Raum umzubauen, in dem man Zusammenkünfte abhalten konnte. Bis zum Jahre 1908 konnte schon eine kleine Gruppe von 20 bis 30 Personen zusammengebracht werden.

      Ungefähr um die gleiche Zeit begann ein Baron namens von Tornow, der große Besitztümer in Rußland hatte, die Wahrheit zu suchen. Er war des ausschweifenden Lebens, das der Adel in Rußland führte, überdrüssig geworden und hatte daher beschlossen, über die Schweiz nach Afrika zu gehen und dort als Missionar zu dienen. Am Abend vor seiner Abreise besuchte er noch einmal eine kleine Bergkapelle in der Schweiz. Als er diese wieder verließ, bot ihm jemand eines der Traktate der Watch Tower Society an. Statt nun nach Afrika abzureisen, bemühte er sich am nächsten Tag, mehr von dieser Literatur zu erhalten. Das war um das Jahr 1907.

      Im Jahre 1909 erschien er in seiner besten Garderobe und in Begleitung seines persönlichen Dieners in der Versammlung Berlin. Als er sah, wie einfach der Versammlungsraum war und wie anspruchslos und bescheiden die Menschen waren, die dort zusammenkamen, war er enttäuscht, denn seiner Meinung nach gehörten solche kostbaren Wahrheiten in einen entsprechenden äußeren Rahmen. Aber er war von dem, was er gehört hatte, beeindruckt. Monate später überwand er sich und kehrte zurück; diesmal war jedoch seine Erscheinung wesentlich unauffälliger, denn er kam ohne seinen Diener, und er war weniger auffällig gekleidet. Später gab er zu, daß er wahrscheinlich nie zurückgekehrt wäre, wenn er nicht in der Bibel die Worte gelesen hätte: „Denn ihr seht eure Berufung, Brüder, daß nicht viele, die dem Fleische nach Weise sind, berufen wurden, nicht viele Mächtige, nicht viele von vornehmer Geburt; sondern Gott hat das Törichte der Welt auserwählt, ... damit sich vor Gott kein Fleisch rühme.“ — 1. Kor. 1:26-29.

      Nun überzeugt, die Wahrheit gefunden zu haben, kehrte er nach Rußland zurück, verkaufte sein gesamtes Besitztum und ließ sich in Dresden nieder. Er wollte von jetzt an ein bescheidenes Leben führen und war bereit, seinen ganzen Reichtum dem Dienste Jehovas zu widmen.

      GUT ORGANISIERTE VORTRAGSREISEN

      Im Jahre 1913 ließ Bruder von Tornow das Zweigbüro in Barmen drei Vortragsreisen vorbereiten, die er größtenteils selbst finanzierte. Bruder Hildebrandt, ein Bäcker aus Golnow (Pommern), verkaufte sein Haus und beteiligte sich ebenfalls an den Kosten. Es wurde eine Reisegruppe, bestehend aus 5 Brüdern und 4 jungen Schwestern, zusammengestellt, die sich dann zweckmäßigerweise in zwei kleinere Gruppen aufteilte.

      Bruder Hildebrandt, der als „Quartiermacher“ und „Schriftenwart“ fungierte, fuhr mit 3 bis 4 Schwestern voraus, von denen heute noch 2 im hohen Alter bemüht sind, die Königreichsinteressen zu fördern. Nachdem die Unterkunftsfrage für sie und für die Gruppe, die einige Tage später eintreffen würde, geklärt war, holten sie die Kartons mit Traktaten und anderen Schriften ab, die an das Postamt gesandt worden waren, und brachten sie in ihre Unterkunft. Dort stempelten sie auf die Traktate die Adresse des Saales, in dem der Vortrag stattfinden sollte, sowie die Zeit (die Traktate dienten dadurch gleichzeitig als Einladung), und dann wurden die großen Traktate so gefaltet, daß mindestens 1 200 bis 1 600 Stück in den Ledertaschen untergebracht werden konnten, die Bruder von Tornow eigens für diesen Zweck gekauft hatte. Die Brüder und Schwestern strengten sich sehr an, sie zu verbreiten, denn sie versuchten, morgens um 8.30 Uhr an der ersten Tür zu sein, und sie arbeiteten gewöhnlich bis 7 Uhr abends. Lediglich mittags legten sie eine Pause von einer Stunde ein. Für Kaffeepausen nahmen sie sich keine Zeit.

      Ein paar Tage später folgten Bruder Buchholz, Bruder von Tornow und Bruder Nagel nach. Bruder Buchholz hielt die Vorträge. Die Säle waren gewöhnlich überfüllt, und so viele Personen gaben ihre Anschrift ab, daß die drei Brüder am nächsten Tag voll damit beschäftigt waren, sie alle zu besuchen.

      Die zweite Reise unseres Vortragsteams führte durch Wittenberg und Halle bis nach Hamburg. Die dritte Reise führte bis zur russischen Grenze, und so konnte in diesem östlichen Raum ein gutes Zeugnis gegeben werden, bevor der Erste Weltkrieg ausbrach.

      ENTSCHLOSSEN, AN DER WAHRHEIT FESTZUHALTEN

      Im Jahre 1908 begann sich auch im Siegerland etwas zu regen. Otto Hugo Lay, heute neunzig Jahre alt, kam schon im Jahre 1905 durch einen Berufskollegen mit der Wahrheit in Berührung. Zwei Jahre später trat er zusammen mit seinen beiden Kindern aus der Kirche aus und weigerte sich daraufhin, Kirchensteuern zu zahlen, die dann aber durch eine Pfändung eingezogen werden sollten. Der Gerichtsvollzieher wollte die Pfandmarke unauffällig an die Rückseite eines Schrankes kleben, doch Bruder Lay protestierte und sagte, jeder könne und solle sie sehen; er wollte allen, die sie sahen, die Wahrheit über diese Angelegenheit erklären. Im Jahre 1908 wurde er in Weidenau in einer Badewanne getauft und schloß sich dann der Versammlung Siegen an.

      Hermann Herkendell lernte die Wahrheit im Jahre 1905 durch ein Traktat kennen, das er in einem Zugabteil gefunden hatte. Er war ein junger Lehrer und befand sich gerade auf dem Weg nach Jena, um sich an der dortigen Universität fortzubilden. Der Inhalt dieses Traktats beeindruckte ihn jedoch so sehr, daß er bald seinen Austritt aus der evangelischen Kirche erklärte. Die Folge war die sofortige Suspension vom Religionsunterricht in der Schule. Bald danach verlor er seine Stellung als Lehrer.

      Schon im Jahre 1909 besuchte Bruder Herkendell in Vertretung von Bruder Kötitz Versammlungen, und gegen Ende des Jahres erschien sein Name zum erstenmal im Wacht-Turm in Verbindung mit einer geplanten Reise, auf der er die Gesellschaft als einer ihrer reisenden „Pilger“ vertreten sollte. Im Jahre 1911 heiratete er die Tochter von Bruder Jander, einem wohlhabenden Besitzer einer Gießerei. Statt einer Aussteuer erbat sich die junge Schwester Herkendell von ihrem Vater Geld für eine äußerst ungewöhnliche Hochzeitsreise. Das junge Paar wollte das Geld dazu verwenden, die Königreichsbotschaft unter der deutsch sprechenden Bevölkerung Rußlands auszubreiten. Das Büro in Barmen stellte ihnen die verfügbaren Adressen von Deutschrussen zur Verfügung. Die Reise dauerte viele Monate und war sehr anstrengend, da es oft viele Stunden in Anspruch nahm, um vom Bahnhof zu den Brüdern und den interessierten Personen zu gelangen. Außer der Bahn gab es keine Verkehrsmittel, und der Brief- und Telegrammverkehr war unzuverlässig, so daß sie selten vom Bahnhof abgeholt wurden. Wie viele jungverheiratete Ehepaare würden heute eine solche Hochzeitsreise unternehmen?

      Während des Ersten Weltkrieges hatte Bruder Herkendell für kurze Zeit das Vorrecht, die Verantwortung im Büro Barmen zu tragen. Nach dem Krieg diente er dann wieder als reisender Pilgerbruder, bis er im Jahre 1926 auf einer Pilgerreise verstarb.

      Als der Jahresbericht für 1908 zusammengestellt wurde, war es ermutigend zu sehen, daß zum erstenmal die meisten Traktate von den Wacht-Turm-Lesern selbst verbreitet worden waren und nur verhältnismäßig wenige durch die Zeitungen. Doch gerade aufgrund der zuletzt genannten Methode kam ein junger Mann von achtzehn Jahren in Hamburg mit der Wahrheit in Berührung. Nachdem er seine Schulzeit beendet hatte, begann er, täglich in der Bibel zu lesen mit dem aufrichtigen Wunsch, sie zu verstehen. Einige Jahre vergingen, und im Jahre 1908 fiel ihm ein Traktat in die Hände, das den Titel hatte „Das Erstgeburtsrecht wird verkauft“. Das interessierte den jungen Mann sehr. Ohne auf den Spott seiner Arbeitskollegen zu achten, schrieb er sofort an die Gesellschaft in Barmen und bestellte die sechs Bände der Schriftstudien. Bald darauf hatte er die Gelegenheit, Bruder Kötitz kennenzulernen, der ihn einlud, einmal nach Barmen zu kommen. Der junge Mann nahm die Einladung an und erklärte gleichzeitig, daß ein solcher Besuch in Barmen auch der Tag seiner Taufe sein würde. Dies geschah dann Anfang 1909. Der Zweigaufseher brachte den jungen Freund, der nun unser Bruder war, zum Bahnhof und fragte ihn, bevor er in den Zug einstieg, ob er gern den Pionierdienst aufnehmen würde. Unser junger Bruder sagte, die Gesellschaft werde von ihm hören, wenn es soweit sei.

      Dieser junge Bruder hieß Heinrich Dwenger. Er ordnete bald seine Verhältnisse so, daß er am 1. Oktober 1910 mit dem Pionierdienst beginnen konnte. In den folgenden Jahrzehnten war es sein Vorrecht, in den meisten europäischen Bethelheimen der Watch Tower Society in fast allen Abteilungen zu dienen. Zeitweise reiste er im Auftrage der Gesellschaft, und in schwierigen Situationen vertrat er oft den Zweigaufseher. Viele haben ihn als einen hilfsbereiten Mitarbeiter kennen- und liebengelernt. Jetzt ist er sechsundachtzig Jahre alt und erfreut sich immer noch geistiger und physischer Gesundheit, nachdem er über sechzig Jahre ununterbrochen im Vollzeitdienst gestanden hat.

      BRUDER RUSSELL ZUM ZWEITEN MAL IN DEUTSCHLAND

      Im Jahre 1909 wurde in organisatorischer Hinsicht eine weitere Verbesserung erzielt, als das Büro in größere Räumlichkeiten in Barmen verlegt wurde. Das bedeutete natürlich zusätzliche Ausgaben. Ohne zu zögern, verkaufte Bruder Cunow seinen Besitz und stattete von dem Erlös das Bethelheim mit den notwendigen Möbeln aus. Doch auch zur geistigen Erbauung wurde im Jahre 1909 viel getan. Im Februar trafen die Brüder in Sachsen Vorkehrungen für eine Anzahl öffentlicher Vorträge, die Bruder Kötitz halten sollte. Sechsmal konnte er Zuhörerschaften von mindestens 250 bis 300 Personen Zeugnis geben.

      Aber der Höhepunkt des Jahres 1909 war zweifellos der lang erwartete Besuch Bruder Russells in Deutschland. Nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg traf er in Berlin ein, wo er von einer Abordnung von Brüdern empfangen wurde. Sofort begaben sie sich in den sehr schön ausgestatteten Versammlungsraum, wo 50 bis 60 Brüder geduldig auf Bruder Russells Ankunft gewartet hatten. Eine Anzahl von ihnen sang ein schönes Begrüßungslied, verbunden mit einem Willkommensgruß und Segenswünschen. Bruder Buchholz eröffnete die Zusammenkunft mit einer kurzen Begrüßungsansprache. Dann sprach Bruder Russell über die Wiederherstellung dessen, was Adam verloren hatte, und hob besonders das Vorrecht hervor, das denjenigen zuteil würde, die die Aussicht hätten, Glieder des Leibes Christi zu werden. Nachdem sie gemeinsam einen Imbiß eingenommen hatten, fuhren sie zu den Hohenzollernsälen, wo der öffentliche Vortrag gehalten werden sollte. Der Saal war überfüllt. Über 500 hörten den Vortrag „Wo sind die Toten?“ Etwa 100 Personen mußten stehen. Weitere 400 mußten abgewiesen werden, weil einfach kein Platz mehr vorhanden war, doch sie erhielten außerhalb des Saales Traktate. In Dresden kamen mindestens 900 bis 1 000 Personen, um Bruder Russells zweistündigen öffentlichen Vortrag zu hören. Dann ging die Reise weiter nach Barmen, wo schätzungsweise 1 000 Personen seinen Vortrag hörten. Am folgenden Nachmittag versammelten sich 120 Brüder im Bibelhaus, und an jenem Abend kamen etwa 300 zusammen, um zu hören, wie Bruder Russell biblische Fragen beantwortete. Damit ging Bruder Russells Besuch in Deutschland zu Ende, und kurz nach 23 Uhr bestieg er den Zug in die Schweiz, wo ein zweitägiger Kongreß in Zürich stattfinden sollte.

      Im Laufe des Jahres wurden die Brüder in Deutschland ermuntert, ihre Mittel zu verwenden, um das Königreichswerk in Deutschland zu unterstützen, damit keine Hilfe aus dem Ausland mehr nötig wäre. Doch gegen Ende des Jahres beliefen sich die Druckkosten und die Ausgaben für Porto, Fracht, Beilagengebühren, für die Veranstaltung öffentlicher Vorträge und für Reisekosten, Miete, Licht, Heizung und für anderes auf insgesamt 41 490,60 Mark, wohingegen die Spenden nur 9 841,89 Mark betrugen, so daß ein Defizit von 31 648,71 Mark blieb, das durch Vorschußbeträge von dem Hauptbüro in Brooklyn gedeckt wurde. Bruder Russell fühlte sich deswegen veranlaßt, folgendes in seinem Jahresbericht zu schreiben: „Welch große Summen Geldes die Gesellschaft in Deutschland für die freie Verbreitung der Wahrheit in Traktatform (jetzt Volks-Kanzel) ausgegeben hat ... Die Anstrengungen, die wir in Deutschland gemacht haben, sind im Verhältnis viel größer als in irgendeinem anderen Lande. Wir sollten entsprechende Resultate erwarten — es sei denn, daß die Mehrzahl der geweihten Deutschen schon nach den Vereinigten Staaten ausgewandert sind.“

      Bruder Russell unterbrach die Weltreise, die er im Jahre 1910 unternahm, für etwa zehn Stunden in Berlin und sprach zu 200 Personen, die auf seine Ankunft gewartet hatten.

      Etwa um diese Zeit begann Emil Zellmann, ein Straßenbahnschaffner aus Berlin, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen. Er nahm jede Gelegenheit wahr, um in der Bibel zu lesen oder um seinen Fahrgästen Zeugnis zu geben, manchmal sogar zwischen den Haltestellen; einmal trug er zur Erheiterung der Fahrgäste bei, als er statt die nächste Straßenbahnhaltestelle „Psalm 91“ ausrief — er hatte gerade diesen Psalm gelesen. Bald besuchten mehr als zehn Straßenbahner mit ihren Familien die Zusammenkünfte. Diese kleine, aber sehr aktive Gruppe trug viel dazu bei, die Botschaft in Berlin auszubreiten. Obwohl die Brüder schon um fünf Uhr früh anfingen zu arbeiten, gingen sie in ihrem beispielhaften Eifer oft zwei Stunden früher zum Straßenbahndepot, um in den Straßenbahnwagen, die ausfahren sollten, auf jeden Sitzplatz ein Traktat zu legen.

      Das Jahr 1911 zeichnete sich dadurch aus, daß Bruder Russell in Deutschland Ansprachen über das Thema „Der Zionismus in der Prophezeiung“ hielt, die in einigen Fällen unter den Zuhörern Verärgerung hervorriefen. Zum Beispiel gab es in Berlin eine Störung, und nahezu 100 Personen verließen bald nach Beginn der Ansprache den Saal, doch schätzungsweise 1 400 blieben zurück und folgten aufmerksam den Ausführungen Bruder Russells bis zum Schluß.

      In seinem Reisebericht nahm Bruder Russell wieder auf die Entwicklung des Werkes in Deutschland Bezug und erwähnte — wie im Wacht-Turm vom Juli 1911 zu lesen ist —, daß „die Geschwisterzahl und ihr Interesse zunehme, aber er sei enttäuscht ... [wegen] der Gesamtanzahl der Interessierten, wenn die große Bevölkerung und die Anstrengungen und die angewandten Geldmittel in Betracht gezogen“ wurden. Die Entwicklung im Laufe der Jahre hatte tatsächlich gezeigt, daß die Voraussetzungen zum Wachstum in Deutschland zunächst nicht so günstig waren wie zum Beispiel in Amerika. Ein hoher Prozentsatz der deutschen Bevölkerung war katholisch, ein weiterer sozialistisch, und die Mehrheit war gegenüber der Bibel gleichgültig, und die meisten der Gebildeten waren von Gott entfremdet.

      Bruder Russells Europareise im Sommer des Jahres 1912 führte nach München, Reichenbach, Dresden, Berlin, Barmen und Kiel. Für seinen öffentlichen Vortrag hatte er sich das vielversprechende Thema „Jenseits des Grabes“ gewählt. Der Vortrag wurde auf sehr großen Transparenten angekündigt, auf denen mehrere Kirchen dargestellt waren, die dafür bekannt sind, daß sie die Lehren von der Unsterblichkeit der Seele und von der Hölle vertreten. Im Vordergrund war eine große Bibel zu sehen, die mit einer an einer Stelle gerissenen Kette umschlungen war. Im Hintergrund stand Bruder Russell, der auf die Bibel zeigte. Diese Transparente erregten in vielen Städten einen Aufruhr, und einige Polizeibehörden verhinderten, daß sie angeschlagen wurden. Aber dennoch kamen jeweils 1 500 bis 2 000 Personen, um den Vortrag in München, Dresden und Kiel zu hören.

      Der öffentliche Vortrag war auch in Berlin gut angekündigt worden. Die Zeitungen hatten mehrmals mit ungewöhnlich großen Anzeigen auf dieses Ereignis aufmerksam gemacht, und an allen Litfaßsäulen waren unsere Plakate zu sehen. Außerdem waren die Botenjungen aller führenden Zeitungen gemietet worden, um den Vortrag mit anzukündigen. Diese Botenjungen trugen blau-weiße Hosen und weiße Kappen, die, mit einem Band gehalten, schräg auf dem Kopf saßen. Vorn und hinten trugen sie Plakate und rasten mit ihren Rollschuhen durch die Straßen der Stadt. Immer, wenn diese Jungen irgendwo in Berlin auftauchten, wußte jeder, daß etwas Großes bevorstand.

      Daher ist es verständlich, daß schon am frühen Nachmittag große Menschenmengen nach Friedrichshain strömten, um im größten Saal der Stadt, der etwa 5 000 Personen faßte, Bruder Russells Ansprache zu hören. Bereits Stunden bevor der Saal geöffnet wurde, war das ganze Gebiet belagert. Die unerwartet große Menschenmenge wuchs von Stunde zu Stunde, und die vorhandenen Beförderungsmittel reichten nicht mehr aus, um die Menschenmassen aufzunehmen. Viele, die es sich leisten konnten, kamen mit einer Pferdetaxe vorgefahren. Viele andere konnten überhaupt nicht dorthin gelangen, weil die Verkehrsmittel überfüllt waren. Die Polizei riegelte das Gebiet ab, und es wurde geschätzt, daß 15 000 bis 20 000 Personen keinen Einlaß mehr in den zum Bersten gefüllten Saal fanden. Eifrige Brüder und Schwestern nahmen die Gelegenheit wahr und verbreiteten Tausende von Traktaten sowie eine große Anzahl der Schriftstudien und anderer Schriften unter den vielen Tausenden, die im Saal keinen Platz mehr fanden. Bruder Russell konnte daher wirklich mit dem befriedigenden Gefühl abreisen, bei seinem letzten Besuch in Berlin ein eindrucksvolles Zeugnis gegeben zu haben.

      Das nächste Jahr, 1913, war durch den aufrichtigen Wunsch gekennzeichnet, wenn möglich noch mehr Energie, Zeit und Geld einzusetzen, um noch mehr Menschen mit der guten Botschaft vom Königreich zu erreichen. Es wurden Vorkehrungen getroffen, daß Bruder Russells Predigten in der Wochenzeitschrift Der Volksbote erschienen, und dadurch wurden weitere Personen mit der Botschaft erreicht. Man dachte auch an die Blinden, und daher wurde Literatur in Blindenschrift herausgegeben. Die Gesellschaft erklärte sich sogar bereit, den Brüdern kostenlos Literatur zur Verbreitung zuzusenden.

      Bruder Russell konnte aus zeitlichen Gründen im Jahre 1913 nicht nach Deutschland reisen, aber die Brüder waren überglücklich, als er Bruder Rutherford schickte, der damals der Rechtsberater der Gesellschaft war. Seine Ansprachen wurden gut besucht, und die Säle waren überall überfüllt. Wiederholt kam es vor, daß viele Personen keinen Einlaß mehr fanden. In Dresden zum Beispiel faßte der Saal etwa 2 000 Personen, und 7 000 bis 8 000 konnten keinen Platz mehr finden. Während seiner Ansprache in Berlin, die von 3 000 Personen besucht wurde, kam es zu einer Störung, als einige Störenfriede so viel Lärm machten, daß es Bruder Kötitz, der den Vortrag für Bruder Rutherford übersetzte, schwerfiel, sich verständlich zu machen. Man darf auch nicht vergessen, daß es zu jener Zeit keine Lautsprecheranlagen gab, so daß man sich unter solchen Schwierigkeiten nur mit einer kräftigen Stimme durchsetzen konnte. Obwohl sich Bruder Kötitz gewaltig anstrengte, konnte er die Lage nicht meistern und verstummte schließlich ganz, als er einen Lungenriß bekam. Kurz entschlossen sprang ein Bruder auf einen Tisch und rief mit kräftiger Stimme: „Was sollen denn die Amerikaner von uns Deutschen denken?“ Das schien die Ruhestörer zum Schweigen zu bringen. Bruder Kötitz übersetzte die Ansprache zu Ende, aber die Brüder, die ihn kannten, berichten, daß er sich von diesen Strapazen nie mehr richtig erholt hätte.

      Besonders erfreulich am Ende des Jahres war die Tatsache, daß die finanziellen Kosten, die das Werk verursacht hatte, nicht nur durch die freiwilligen Beiträge gedeckt werden konnten, sondern daß darüber hinaus noch ein kleiner Überschuß bestand. So ging für die Brüder in Deutschland ein Jahr zu Ende, das überaus gesegnet war, und sie waren überzeugt, daß ihnen ein weiteres Jahr eifriger Tätigkeit bevorstand, ein Jahr, von dem viele glaubten, es würde das „letzte Jahr der Ernte“ sein.

      1914 — EIN LANGE ERWARTETES JAHR

      Nun war das Jahr 1914 gekommen, ein Jahr von welthistorischer Bedeutung, auf das viele Wacht-Turm-Leser seit Jahrzehnten gewartet hatten. Die erste Hälfte jenes Jahres ging genauso ruhig vorüber wie das vorangegangene Jahr. Es ist wahr, daß in Europa eine spannungsgeladene Atmosphäre herrschte, aber da keine Gewalttätigkeiten aufflammten, begannen Gegner des Königreiches, negative Bemerkungen zu machen, und nicht wenige kündigten den „Millenniumsleuten“ schadenfroh eine Niederlage an. Doch dies konnte den Glauben derer, die sich an diesem Zeugniswerk jahrelang beteiligt hatten, nicht erschüttern.

      Unterdessen drehte sich das Rad der Geschichte weiter. In verschiedenen europäischen Ländern wurden Manöver abgehalten, denn man wollte „für alle Fälle“ gerüstet sein. Noch schien alles ruhig zu sein, aber die dröhnenden Schritte der exerzierenden Soldaten klangen wie das dumpfe Grollen eines Vulkans, der jeden Moment auszubrechen drohte. Plötzlich hielt die ganze Welt den Atem an. In Sarajevo waren Schüsse gefallen. „Extrablatt! Extrablatt!“ riefen in den Großstädten der Welt die Zeitungsverkäufer auf den Straßen. Der bis dahin mörderischste Krieg der Menschheitsgeschichte war ausgebrochen, ein Krieg, den Historiker zum erstenmal als einen „Weltkrieg“ bezeichneten. Für viele kam der Krieg wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und genauso plötzlich wurden die Spötter zum Schweigen gebracht. Bruder Grabenkamp aus Lübbecke sagte zu seinen Söhnen: „So Jungs, jetzt ist es soweit!“, und ähnlich dachten und sprachen seine Brüder in der ganzen Welt. Sie hatten diese Ereignisse erwartet, ja nicht nur das, sie hatten sie im Auftrage Jehovas anderen angekündigt. Sie wußten, daß diese Ereignisse nur die Vorläufer unbeschreiblicher Segnungen sein würden, die Jehova für die Menschheit bereithält.

      Nun konnten sie zurückblicken und mit eigenen Augen sehen, wie das Zeugnis, das sie gegeben hatten, bestätigt worden war. Ein Beispiel ist Bruder Dathe, der mit seiner Frau im Jahre 1912 getauft worden war und der Jahre später seinem guten Freund und Bruder, Fritz Dassler, folgendes schrieb:

      „In den letzten zwei Stunden, die ich am 23. 6. 54 am Krankenbett meiner lieben Frau verbrachte, zweieinhalb Stunden vor ihrem Einschlafen, gedachten wir auch des für uns immer so wichtig gewesenen Tages, des 28. 6. 1914. — Es war ein Sonntag. Es herrschte wunderbares Sommerwetter. Wir tranken nachmittags Kaffee auf dem Balkon und bewunderten den tiefblauen Himmel. Die Luft war ganz rein und trocken. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen. Ich lenkte dann die Aufmerksamkeit auf die Tageszeitungen: Keine Spannung auf der ganzen Erde, ein tiefer Friede überall. Und doch erwarteten wir für dieses Jahr sichtbare Zeichen für den Beginn der Herrschaft des Christus. Die Zeitungen triumphierten schon und brachten einen Schmähartikel nach dem anderen über die wahrhaft Gläubigen, die für 1914 den Weltuntergang prophezeit hatten. Damals standen wir in einem heftigen Kreuzfeuer. Aber durch Gottes Güte und Macht vermochten wir allen Anfeindungen zu widerstehen. Wir wiesen immer wieder darauf hin, daß das Jahr 1914 noch lange nicht vorüber sei. ... Aber am Montag, dem 29. Juni 1914, nahmen wir frühmorgens die Zeitung in die Hand und lasen die ganz große Überschrift ,Das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajevo ermordet‘. Über Nacht war da der politische Himmel ganz schwarz geworden. Und vier Wochen später begann der Erste Weltkrieg. Nun waren wir in den Augen unserer Gegner auf einmal die größten Propheten geworden.“

      Die Bereitschaft dieser treuen Diener, Jehovas geoffenbarten Willen zu tun, half ihnen zu erkennen, daß ein noch größeres Werk vor ihnen lag, auch wenn das Jahr 1914 gekommen und vergangen wäre. Jehova lenkte sein Volk so, daß sein Vorhaben durchgeführt werden konnte. Die Vorbereitungen für das gewaltige Zeugnis, das durch das „Photo Drama der Schöpfung“ gegeben wurde, sind ein gutes Beispiel dafür. Die notwendige Ausrüstung, die Filme, Lichtbilder und die Anleitungen, traf kurz vor Ausbruch des Krieges in Deutschland ein. Ein Teil des Photo-Dramas war schon früher eingetroffen und am 12. April 1914 anläßlich eines Kongresses in Barmen gezeigt worden, ebenso auf einem Kongreß in Dresden, der vom 31. Mai bis zum 2. Juni stattfand und an dem auch eine Anzahl Brüder aus Rußland und Österreich-Ungarn teilnahmen.

      Als der restliche Teil des Films drei Wochen vor dem Ausbruch des Krieges in Deutschland eintraf, traf die Gesellschaft sogleich Vorkehrungen, um das Drama in der Stadthalle in Elberfeld zu zeigen. Gemessen an dem Interesse, das die Bevölkerung dem Drama entgegenbrachte, war der Saal viel zu klein, und es mußte noch einmal gezeigt werden. Der große Start aber war in Berlin, wo es zweimal täglich in einem überfüllten Haus gezeigt wurde. Vom 1. bis 23. November 1914 war die Serie (die in vier Teilen an vier aufeinanderfolgenden Tagen gezeigt wurde) fünfmal vorgeführt worden.

      Aber der Krieg brachte Probleme mit sich, und die erste Schwierigkeit bestand darin, daß die Verbindung mit Amerika zeitweise unterbrochen war.

      SCHWIERIGKEITEN IN DER AUFSICHT DES WERKES

      Gottes Volk in Deutschland trat nun in eine Zeit großer Spannungen ein, und es tauchten Probleme hinsichtlich der Aufsicht des Werkes auf. Gegen Ende des Jahres 1914, ungefähr elf Jahre nachdem Bruder Russell Bruder Kötitz beauftragt hatte, nach Deutschland zu gehen und die Aufsicht über das Werk hier zu übernehmen, wurde er plötzlich von verschiedenen Seiten angegriffen und beschuldigt, unkorrekt gehandelt zu haben. Dies führte zu einer Beunruhigung unter den Brüdern und hatte zur Folge, daß Bruder Russell ihn von seiner Dienststellung entband.

      Der Bedarf an weiteren Pilgerbrüdern in Deutschland hatte Bruder Russell veranlaßt, einen Bruder aus den Vereinigten Staaten namens Conrad Binkele zu schicken, der in dieser Eigenschaft dienen sollte. Er war ein früherer Methodistenprediger, der erst seit etwa einem Jahr mit dem Wacht-Turm vertraut war, und Bruder Russell hatte daher zunächst gezögert, ihn zu schicken. Bruder Binkele traf in Deutschland ein, als die Schwierigkeiten unter den Dienern ernsthafte Formen annahmen, und im Jahre 1915 wurde ihm die Aufsicht über das Werk in Deutschland anvertraut.

      Bruder und Schwester Binkele kehrten jedoch bald in die Vereinigten Staaten zurück. Im Wacht-Turm vom Oktober erschienen ihre Abschiedsworte fett gedruckt auf der letzten Seite mit dem Hinweis, die Zeitverhältnisse hätten ihr „Vermögen aufs äußerste geschwächt“. Unter den „Zeitverhältnissen“ waren wahrscheinlich die Schwierigkeiten zu verstehen, die während des Jahres 1915 immer mehr zugenommen hatten. Im Oktober sah sich Bruder Russell veranlaßt, dem Problem besondere Aufmerksamkeit zu widmen und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um es zu lösen. In einem Brief, der überschrieben war „Ein persönliches Schreiben von Bruder Russell an die deutschen Bibelforscher“, hieß es:

      „Brooklyn, Oktober 1915

      Geliebte Geschwister!

      Ich gedenke Euer sehr oft, auch in meinen Gebeten, und mein ernstlicher Wunsch ist, daß der Herr Euch segnen möge. Wir haben Mitgefühl für Euch in den Drangsalen des Krieges, von dem Ihr direkt oder indirekt betroffen seid. Auch möchten wir unser Mitgefühl für Euch zum Ausdruck bringen hinsichtlich der Trübsale, die Ihr im Interesse der Wahrheit in Deutschland zu erdulden habt. Es ist nicht unsere Sache, einander zu richten oder zu strafen durch Fällen eines endgültigen Urteils. Wir müssen uns zufriedengeben, wenn irrende Brüder Abbitte leisten, indem wir das Endurteil oder Strafen dem Herrn überlassen, der erklärt hat: „Der Herr wird sein Volk richten.“ — Hebr. 10:30.

      Nichtsdestoweniger scheint es im Interesse der Wahrheit und Gerechtigkeit, des heiligen Wandels und des Einflusses der Vertreter der Gesellschaft notwendig, daß die Gesellschaft neue Vertreter in Deutschland hat. Der Krieg brachte gewisse Unbequemlichkeiten mit sich, Post und Telegraph arbeiteten unregelmäßig, und so erklärt [es] sich, daß für eine Zeitlang gewisse Mißverständnisse hinsichtlich der Leitung in Barmen vorherrschten. Wir glauben, daß unser lieber Bruder Binkele unter den obwaltenden Verhältnissen sehr richtig gehandelt und sein Bestes getan hat. Aber nun ist Bruder Binkele, wie Ihr wissen werdet, nach Amerika zurückgekehrt.

      Wir möchten die deutschen Geschwister benachrichtigen, daß nunmehr alle Angelegenheiten der Gesellschaft durch ein Komitee von drei Brüdern geregelt werden sollen, und zwar durch die Brüder Ernst Haendeler, Fritz Christmann und Reinhard Blochmann. ...

      Liebe Geschwister, ich möchte nun die neue Leitung in Barmen Eurer gemeinsamen Teilnahme und Unterstützung in jeder Hinsicht empfehlen. Der Leib Christi ist einer, lasset keine Spaltung am Leibe sein, wie der Apostel uns ermahnt.“

      Aber diese Vorkehrung konnte nicht in Kraft treten, wie es geplant war, denn Bruder Blochmann mußte Barmen verlassen, und Bruder Haendeler war gestorben, noch bevor Bruder Russells Brief in Deutschland eintraf. Da die Spannung in den folgenden Monaten nicht nachließ, ernannte Bruder Russell im Februar des Jahres 1916 ein „Leitkomitee“, das aus fünf Brüdern zusammengesetzt war, nämlich H. Herkendell, O. A. Kötitz, F. Christmann, C. Stohlmann und E. Hoeckle.

      Aber auch diese Regelung konnte nicht lange aufrechterhalten werden. Nur wenige Monate nachdem das Komitee noch einmal umbesetzt worden war, wurde Bruder Binkele, der in der Zwischenzeit nach Europa zurückgekehrt war und nun in Zürich (Schweiz) wohnte, dazu ernannt, als Hauptbevollmächtigter der Gesellschaft für Deutschland, die Schweiz und die Niederlande zu dienen, während Bruder Herkendell die Verantwortung für die Schriftleitung erhielt.

      Bruder Kötitz, der im Jahre 1914 von Bruder Binkele ersetzt worden war, hatte seitdem das Photo-Drama vorgeführt. Er blieb jedoch das Angriffsziel einiger Brüder, deren Bemühungen nicht dem inneren Frieden der Organisation dienten, sondern der Verwirklichung ihrer eigenen, selbstsüchtigen Wünsche. Elisabeth Lang, die jahrelang mit Bruder Kötitz zusammengearbeitet hatte, traf ihn einmal, wie er tief betrübt auf einer Parkbank in der Nähe des Saales saß, in dem das Photo-Drama gezeigt wurde. Er erzählte ihr, daß er wieder einmal einen Anklagebrief erhalten habe, durch den beabsichtigt werde, ihm die letzten Dienstvorrechte zu nehmen. Er erzählte, daß er das Vorrecht hatte, etwa zehn Jahre lang an der Seite Bruder Russells zu arbeiten, bevor ihm die Verantwortung für das Werk in Deutschland auferlegt worden war. Nun prüfte er sich oft, ob er dieses Vertrauens würdig gewesen sei. Er tröstete sich jedoch mit dem Gedanken: „Nun, wenn nur ein einziger aufgrund meiner 24jährigen Tätigkeit gewürdigt wird, zu den 144 000 zu gehören, dann durfte ich den 144 000. Teil des Werkes tun.“

      Es ist verständlich, daß diese ständigen Anschuldigungen an seiner Gesundheit zehrten, die durch den Lungenriß, den er in Berlin erlitten hatte, sehr geschwächt worden war. So kam es, daß er am 24. September 1916 im Alter von 43 Jahren starb. In dem Nachruf der Gesellschaft, der im Wacht-Turm erschien, wurde seine „Treue“ erwähnt und erklärt, daß „sein Eifer, seine Ausdauer und Beharrlichkeit, sein fester Glaube und Wille, seine Hingebung und treue Pflichterfüllung ... von den lieben Geschwistern wohl erkannt oder wertgeschätzt“ worden seien.

      Kurz darauf erfuhren die deutschen Brüder, daß Bruder Russell am 31. Oktober, nur fünf Wochen nachdem Bruder Kötitz gestorben war, ebenfalls seinen irdischen Lauf beendet hatte. Dies wirkte auf einige Brüder so deprimierend, daß sie ihren christlichen Dienst aufgaben und abfielen. Aber für die meisten war die Nachricht vom Tode Bruder Russells ein Ansporn, ihre Kraft und Zeit noch intensiver einzusetzen und das begonnene Werk fortzusetzen.

      Durch den Krieg waren wiederholt Änderungen in der Aufsicht erforderlich. Von Oktober 1916 bis Februar 1917 diente Paul Balzereit in dieser Eigenschaft; von Februar 1917 bis Januar 1918 Bruder Herkendell; und von Januar 1918 bis Januar 1920 Bruder M. Cunow, der dann von Bruder Balzereit ersetzt wurde.

      NEUTRALITÄT

      Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bot dem Teufel eine Gelegenheit, in der Neutralitätsfrage unter den Brüdern Unsicherheit zu erwecken, eine Unsicherheit, die sogar im Bibelhaus in Barmen zu beobachten war, denn Bruder Dwenger, Bruder Basan und Bruder Hess waren alle im wehrpflichtigen Alter. Während Bruder Dwenger und Bruder Basan entschlossen waren, weder den Fahneneid zu leisten noch Dienst mit der Waffe zu tun, war Bruder Hess unentschlossen. Er ging mit denen, deren Hoffnung nicht Gottes Königreich war, an die Front nach Belgien. Er kehrte nie zurück. Bei einer Nachmusterung wurden auch Bruder Dwenger und Bruder Basan eingezogen. Bruder Basan konnte bald wieder nach Hause zurückkehren, aber Bruder Dwenger wurde nicht entlassen, sondern mußte im Militärbüro Akten abheften. Er war bereit, dies zu tun, da er es nach seinem damaligen Verständnis, das er über diese Frage hatte, mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Bruder Balzereit, ein Pilgerbruder, dachte jedoch ganz anders als Bruder Dwenger, der ihm gesagt hatte, im Ernstfall werde er den Eid und den Dienst mit der Waffe verweigern. Bruder Balzereit äußerte seinen Widerspruch mit den Worten: „Was denkst du, was du für das ganze Werk anrichtest, wenn du so eine Stellung einnimmst?“

      Aufgrund der Unsicherheit, die unter ihnen vorherrschte, folgten nicht alle Brüder einem Lauf strenger christlicher Neutralität gegenüber den Angelegenheiten der Nationen. Eine beträchtliche Anzahl der Brüder leistete Militärdienst und kämpfte an der Front. Andere weigerten sich, Militärdienst mit der Waffe zu leisten, aber waren bereit, Sanitätsdienst zu leisten. Einige nahmen jedoch einen festen Standpunkt ein, weigerten sich, sich in irgendeiner Hinsicht am Krieg zu beteiligen, und wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Hans Hölterhoff wurde aufgrund seiner Einstellung einer gemeinen Täuschung ausgesetzt, als er auf den Hof geführt wurde unter dem Vorwand, vor ein Erschießungskommando gestellt zu werden. Schließlich wurde er von einem Militärgericht zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

      In Anbetracht der Unsicherheit, die unter Gottes Volk über eine solch wichtige Angelegenheit wie die der christlichen Neutralität herrschte, können wir Jehova bestimmt dankbar sein, daß er weiterhin mit ihm barmherzig verfuhr.

      WEITERE AUSDEHNUNG TROTZ UNGÜNSTIGER VERHÄLTNISSE

      Das Photo-Drama der Schöpfung trug in diesen Jahren sehr zur Ausdehnung bei. Es wurde jetzt in kleineren Städten gezeigt, wie zum Beispiel in Kiel, wo eine sehr reiche Dame, die bald darauf unsere Schwester wurde, so beeindruckt war, daß sie sogleich den namhaften Betrag von 2 000 Mark spendete, um der inzwischen auf 45 bis 50 Personen angewachsenen Versammlung zu helfen, einen neuen Versammlungssaal zu erwerben.

      Christian Könninger wurde durch das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter veranlaßt aufzuhorchen. Eine Familienkrise bewog ihn, einen ihm bekannten Bibelforscher namens Ettel zu sich zu bitten, und es wurde ein Studium eingerichtet, an dem sich später auch seine Frau beteiligte. Der nächste Schritt war dann, daß sie um die Anschriften weiterer interessierter Personen und Wacht-Turm-Leser in den umliegenden Städten baten. Gemeinsam luden sie ihre Nachbarn, Freunde und Bekannten zu Vorträgen ein, die in Bruder Ettels Wohnung gehalten wurden. Bruder Könninger und die anderen Brüder nahmen jede Gelegenheit wahr, die sich ihnen bot, um Redner nach Eschweiler und Mannheim, später auch nach Ludwigshafen einzuladen, wo ihre Vorträge sowohl mündlich als auch durch Zeitungen und durch Plakate auf Litfaßsäulen und in Schaufensterscheiben bekanntgemacht wurden.

      Im Jahre 1917 bemühte sich Bruder Ventzke aus Berlin, die Wahrheit außerhalb der Grenzen seiner Stadt auszubreiten. Er nahm jeweils einen Rucksack voller Bücher mit und ging zu Fuß nach Brandenburg, einer etwa 50 Kilometer westlich von Berlin liegenden Stadt, und kehrte immer erst einige Tage später, nachdem er alle Literatur abgegeben hatte, zurück. Zur gleichen Zeit besuchten Pilgerbrüder die Stadt Danzig und legten dort die Grundlage für eine Versammlung in Bruder Ruhnaus Wohnung.

      KEIN STILLSTAND DES WERKES

      Die Brüder hatten verschiedene Erwartungen auf das Jahr 1918 gesetzt. Einige waren sicher, daß es das Ende ihrer irdischen Laufbahn bedeuten würde, und sie hatten diese Hoffnung ihren Freunden und Bekannten gegenüber immer wieder zum Ausdruck gebracht. Schwester Schünke in Barmen hatte zum Beispiel ihren Arbeitskolleginnen erklärt, falls sie eines Tages nicht zur Arbeit erschiene, sei sie „heimgegangen“. Als sich ihre Hoffnungen jedoch nicht erfüllten, zogen sich einige enttäuscht zurück, wie es schon im Jahre 1914 der Fall gewesen war. Andere fragten sich, wie es nun weitergehen werde.

      Es gab immer noch einiges zu tun. Die meisten Brüder waren darüber glücklich, denn es war ihr Herzenswunsch, Jehova heiligen Dienst darzubringen. Diese setzten ihre Tätigkeit fort. Sie stellten fest, daß es in den kritischen Zeiten, die nun in Deutschland herrschten, mehr hörende Ohren gab als je zuvor. Dies bestätigt die Erfahrung, die Fritz Winkler (aus Berlin) machte.

      Im Jahre 1919 war er in Halle (Saale) beschäftigt und fuhr jeden Sonnabend mit der Eisenbahn nach Gera zu seinen Eltern. An einem Sonnabend stiegen ein Mann und seine Tochter an einer Zwischenstation in den Zug, er mit einem vollgepackten Rucksack und seine Tochter mit einer gefüllten Tasche. Der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt, als der Mann, ein Bruder aus Zeitz, seinen Rucksack öffnete, der bis zum Rand mit Exemplaren des Buches Der göttliche Plan der Zeitalter gefüllt war, und den Reisenden einen Vortrag hielt, wozu er die „Karte der Zeitalter“ benutzte, die auf der ersten Seite dieses Buches zu finden war. Zum Schluß bot er allen den ersten Band der Schriftstudien an. Als er den Zug nach einigen Stationen wieder verließ, war sein Rucksack leer und die Tasche seiner Tochter halb leer. Dieses Erlebnis veranlaßte Fritz Winkler, einen öffentlichen Vortrag zu besuchen, durch den er zu einer Erkenntnis der Wahrheit kam.

      EINE SICHTUNG

      Aber nicht alle waren mit der Art und Weise, wie die gute Botschaft veröffentlicht wurde, einverstanden. Besonders unter den „Ältesten“, die auf demokratische Weise von den Versammlungen gewählt worden waren, gab es einige, die das Werk eher behinderten, statt es zu fördern. Es wurde notwendig, die Brüder davor zu warnen, mit ihnen zu streiten. Es war besser, sie ihre eigenen Wege gehen zu lassen und die Zeit, die sonst nur bei nutzlosen Auseinandersetzungen verlorengegangen wäre, im Königreichsdienst einzusetzen. Der Wacht-Turm ließ keinen Zweifel darüber, daß eine solche Sichtung eintreten würde, und aus diesem Grund waren Christen ermahnt worden, auf die zu achten, die Zwiespalt und Ärgernis hervorrufen würden, und sich von ihnen abzuwenden. Dadurch wurde es erforderlich, daß in einigen Nachbarländern im Jahre 1919 Veränderungen vorgenommen wurden, und diese betrafen auch die Brüder und das Werk in Deutschland. Im Laufe des Jahres begann zum Beispiel Bruder Lauper, nach seinen eigenen Vorstellungen zu handeln. Er wurde daher gebeten, seinen Vorrat an Büchern und Zeitschriften, die der Watch Tower Society gehörten und die er einige Jahre lang in Verwaltung hatte, wieder zurückzugeben.

      Gegen Ende des Jahres 1919 wurden die Brüder von einem noch größeren Problem unterrichtet. Bruder Russell hatte einige Jahre zuvor A. Freytag beauftragt, sich des französisch-belgischen Werkes vom Büro der Gesellschaft in Genf aus anzunehmen. Dies schloß die Vollmacht ein, eine französische Übersetzung des englischen Wacht-Turms sowie der Schriftstudien herauszugeben. Er mißbrauchte jedoch seine Vollmacht und begann, eigene Schriften zu veröffentlichen, wodurch unter den Brüdern beträchtliche Verwirrung entstand. Freytag wurde aus seiner Stellung entlassen, das Büro der Gesellschaft aufgelöst, und ein neues Büro wurde in Bern unter der Leitung von Bruder E. Zaugg und unter der Gesamtaufsicht von Bruder Binkele eröffnet.

      Unterdessen hatten Freytags Anhänger begonnen, eigene Zusammenkünfte abzuhalten und unter den Brüdern in Deutschland zu arbeiten, von denen einige die klare Sicht verloren, da Freytag die Gesellschaft kritisierte und verleumdete und sie beschuldigte, falsche Lehren zu verbreiten. Bruder Binkele erachtete es im September des Jahres 1920 für notwendig, Freytags falsche Anschuldigungen zu widerlegen und die vielen Fragen, die aus Deutschland kamen, in einem vierseitigen Rundschreiben zu beantworten. Trotzdem begann die Saat des Zweifels, die Freytag gesät hatte, aufzugehen, und eine Anzahl derer, die nicht standhaft waren, folgten ihm und gründeten ihre eigenen Versammlungen. Diese Gruppe existiert in Deutschland bis auf diesen Tag.

      IN ERWARTUNG WEITERER DIENSTAUFTRÄGE

      Vom Januar des Jahres 1919 an wurde der Wacht-Turm wieder als sechzehnseitige Ausgabe mit einer Titelseite veröffentlicht (was aus Ersparnisgründen während der Kriegsjahre nicht möglich war). Das Pilgerwerk wurde verstärkt, und nun besuchten vier Brüder regelmäßig die Versammlungen. Zur gleichen Zeit wurde fieberhaft an der Übersetzung des siebenten Bandes der Schriftstudien gearbeitet, nämlich an dem Buch Das vollendete Geheimnis. Außerdem wurde ein vierseitiges Traktat mit dem Titel Der Fall Babylons vorbereitet, das eine Zusammenfassung des Buches enthielt.

      Es wurden sorgfältige Vorbereitungen getroffen. Beginnend mit dem 21. August, wurde in den folgenden Monaten eine wahre Flut von Traktaten und von Exemplaren des Buches Das vollendete Geheimnis verbreitet. Es war ein gewaltiger Feldzug, obwohl nicht alle daran teilnahmen, besonders nicht die „Wahlältesten“, die lieber Reden hielten. Selbst einige Brüder und Schwestern, die sonst bereitwillig waren, zögerten, nachdem sie den Inhalt des Buches kennengelernt hatten.

      Bruder Richard Blümel aus Leipzig, der 1918 getauft worden war, hatte sich bis dahin noch gar keine Gedanken darüber gemacht, daß er, obwohl er getauft war, formell immer noch Mitglied einer Kirche der Christenheit war. Er war der Meinung: „Wenn ich nicht hineingehe, dann gehöre ich auch nicht dazu.“ Aber nachdem er das Traktat gelesen und erkannt hatte, daß er andere auffordern sollte, Babylon zu verlassen, wußte er, daß er nur dann mit Recht an diesem Werk teilnehmen könne, wenn er selbst aus der Kirche ausgetreten sei. Früh am Morgen des 21. August ließ er seinen Namen offiziell von der Liste der Kirchenmitglieder streichen, und am Nachmittag verbreitete er mit reinem Gewissen das Traktat Der Fall Babylons.

      Später in jenem Jahr sprach Bruder Cunow, der zu jener Zeit das Werk in Deutschland beaufsichtigte, auf einem Kongreß in Leipzig über die Ausdehnung des Werkes — etwa 4 000 Brüder waren nun tätig — und kündigte an, daß die Zeitschrift Das Goldene Zeitalter in Deutschland veröffentlicht würde, sobald Anweisungen aus dem Hauptbüro eingingen. Die Anwesenden waren wirklich begeistert, und sie äußerten alle ihre Entschlossenheit, das Werk finanziell zu unterstützen.

      DAS FELD REIF ZUR ERNTE

      Wie sehr hatte sich doch Deutschland in wenigen Jahren verändert! Vor dem Ersten Weltkrieg waren nur verhältnismäßig wenige bereit, auf die gute Botschaft vom Königreich zu hören. Aber der Kaiser, der im Jahre 1914 siegesgewiß eine herrliche Zukunft für Deutschland verkündet hatte, war nun in die Niederlande, ins Exil, geflohen. Die deutsche Armee, die Frankreich schlagen sollte, war gedemütigt in die Heimat zurückgekehrt. Der Spruch auf dem Koppelschloß „Gott mit uns“ hatte sich als Trugschluß erwiesen. Die heimkehrenden Soldaten hatten die Sinnlosigkeit des Krieges gesehen, eines Krieges, der niemals Gottes Unterstützung hatte, obwohl die Geistlichkeit ihnen wiederholt das Gegenteil eingeredet hatte.

      Viele Brüder, die heute noch am Leben sind, bestätigen, daß es gerade dieser grauenhafte und sinnlose Krieg war, der sie veranlaßte, auf die Wahrheit zu hören. Viele konnten nicht glauben, daß Gott irgend etwas mit dieser sinnlosen Zerstörung von Menschenleben zu tun hatte; vielmehr machten sie die Geistlichkeit dafür verantwortlich, die während der sogenannten „Feldgottesdienste“ denen einen himmlischen Lohn versprach, die im Kampf ihr Leben verlieren würden. Andere, die die Nachricht erhalten hatten, ihr Mann, Vater oder Sohn sei auf dem „Feld der Ehre“ gefallen, begannen sich zu fragen, ob sie sich — wie die Geistlichkeit lehrte — auch wirklich im Himmel befänden oder gar in einer Feuerhölle. Für diese Menschen war der Vortrag „Wo sind die Toten?“ sehr zeitgemäß. Die Brüder konnten so viele Bücher verbreiten wie noch nie. Zwei Kolporteurschwestern sollen zusammen durchschnittlich 400 Bände der Schriftstudien im Monat abgegeben haben. Jehovas treue Diener nutzten ihre Gelegenheiten, so gut sie konnten. Innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit blühten an vielen Orten gesunde Versammlungen.

      Am 27. Mai 1920 sprachen sieben Redner in sieben großen Sälen verschiedener Stadtteile Berlins zu etwa 8 000 bis 9 000 wahrheitshungrigen Menschen über das Thema „Das Ende naht! Was dann?“ Das Interesse war so groß, daß 1 500 Personen darum baten, besucht zu werden, und 2 500 Bücher sowie andere Schriften abgegeben werden konnten.

      Nun kam wirklich die große Zeit für das Photo-Drama. Eine der eindrucksvollsten Vorführungen fand im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart vor 1 000 Personen statt. Es war so viel Interesse vorhanden, daß die Brüder ihre Sitze interessierten Personen überließen. Für die Brüder fand am Sonntag eine besondere Vorführung statt, die nur von einer kurzen Mittagspause unterbrochen wurde. Normalerweise wurde das gesamte Programm an vier aufeinanderfolgenden Abenden vorgeführt.

      Mit großer Wertschätzung wurde das Photo-Drama in Sachsen, einer Hochburg sozialistischen Denkens, aufgenommen, wo die Versammlungen wie Pilze nach einem milden Gewitterregen aus dem Erdboden schossen. Dazu gehörte auch eine Versammlung in Waldenburg, wo sich bald bis zu 100 Personen regelmäßig auf einem Gutshof, dessen Besitzer noch kurz zuvor Mitglied des Kirchenvorstandes gewesen war, zum Studium des Wortes Gottes versammelten.

      WICHTIGE SCHRITTE AUF DEM WEG ZUR THEOKRATISCHEN ORGANISATION

      Bruder Rutherford, der Deutschland in dieser Zeit persönlich besuchen wollte, aber keine Einreiseerlaubnis erhielt, lud nun sechsundzwanzig Brüder aus Deutschland für den 4. und 5. November 1920 nach Basel (Schweiz) ein, um mit ihnen Mittel und Wege zu besprechen, wie man das Werk in Deutschland noch wirkungsvoller durchführen könnte. Der deutsche Zweig wurde aufgelöst und ein neues Büro unter der Bezeichnung „Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, Zentral-Europäisches Bureau“ eröffnet, dessen Sitz vorübergehend noch in Zürich bleiben, aber so bald wie möglich nach Bern verlegt werden sollte. Dieses Büro, für das ein vom Präsidenten ernannter „Hauptleiter“ verantwortlich war, der dem Herrn völlig ergeben war, sollte die Aufsicht über das Werk in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Österreich, Deutschland und Italien führen. Jedes der obengenannten Länder sollte einen „lokalen Leiter“ haben, der ebenfalls vom Präsidenten ernannt wurde. Der Zweck dieser Einrichtung bestand darin, das Werk in Mitteleuropa zu koordinieren, damit es am vorteilhaftesten durchgeführt werden konnte.

      Die zweitägige Besprechung mit den sechsundzwanzig Brüdern aus Deutschland, unter denen Bruder Hoeckle, Bruder Herkendell und Bruder Dwenger waren, diente besonders dem Zweck, Mittel und Wege zu finden, wie das Werk in Deutschland am wirkungsvollsten durchgeführt werden konnte, und dazu zu ermitteln, wer der lokale Leiter sein sollte. Das Komitee, das viele Jahre in Deutschland gedient hatte, wurde aufgelöst. Bruder Cunow, der bis dahin das Werk einige Jahre lang geleitet hatte, bat darum, von seinem Amt entbunden und im Pilgerwerk eingesetzt zu werden, so daß es notwendig war, einen neuen Aufseher zu suchen. Paul Balzereit wurde als lokaler Leiter für Deutschland ausgewählt, und Bruder Binkele wurde zum Hauptleiter des Zentraleuropäischen Büros ernannt.

      DER „MILLIONEN“-FELDZUG

      Die Veröffentlichung der Broschüre Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben wurde für den Monat Februar 1921 in Aussicht gestellt, und der Beginn eines Vortragsfeldzuges, der sich über mehrere Jahre erstrecken sollte, wurde offiziell auf den 15. Januar festgesetzt. Die besten Redner wurden beauftragt, die Vorträge zu halten, und wo keine Redner zur Verfügung standen, konnten die Versammlungen an die Gesellschaft schreiben, die dann entsprechende Vorkehrungen traf.

      Dadurch wurde die Tür zu einem machtvollen Zeugnis aufgetan, wie es sich die meisten unserer Brüder ein Jahr zuvor nicht hätten träumen lassen. In dem Jahresbericht der Gesellschaft hieß es: „Niemals ist in Deutschland ein solches Interesse an den Tag gelegt worden wie zu dieser Zeit. Große Volksmengen kommen herbei, und obwohl die Opposition zunimmt, breitet sich die Wahrheit aus.“

      Das traf auch auf Konstanz zu. Schwester Berta Maurer, die Jehova nun schon seit über fünfzig Jahren dient, erinnert sich heute noch, wie der öffentliche Vortrag „Die Welt ist am Ende — Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben!“ auf riesigen Plakaten angekündigt und dann in dem größten Saal der Stadt gehalten wurde. Es war übrigens der gleiche Saal, in dem Johannes Huß zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden war. Es wurden weitere Vorträge gehalten, und am 15. Mai 1921 wurden 15 Personen getauft. Damit nahm die Versammlung Konstanz ihren Anfang.

      In Dresden war der Vortrag eine regelrechte Sensation. Die Versammlung mietete drei große Säle, aber bereits zwei Stunden vor Beginn des Vortrages mußten Straßenbahnen stillgelegt werden, weil die großen Menschenmassen den Verkehr zum Stillstand gebracht hatten. Die überfüllten Säle konnten niemand mehr aufnehmen. Die Redner hatten große Mühe, sich ihren Weg durch die Menschenmengen zu bahnen, um die Säle zu erreichen. Erst nachdem der Menge das Versprechen gegeben worden war, daß der Vortrag für die Wartenden noch einmal gehalten werden würde, gab sie den Weg frei.

      Elisabeth Pfeiffer aus Wiesbaden fand auf der Straße einen Einladungszettel, auf dem der „Millionen“-Vortrag angekündigt wurde. Sie sagte sich: „So ein Unsinn! Ich will aber trotzdem hingehen, denn die Leute, die so etwas glauben, möchte ich einmal kennenlernen.“ Sie ging also hin und war erstaunt, eine große Menge Menschen auf der Straße zu sehen, die vergebens versuchte, in der bereits überfüllten Aula der Höheren Töchterschule, in der der Vortrag gehalten werden sollte, Einlaß zu finden. Zu dieser Zeit waren noch die Franzosen als Besatzungsmacht im Land, und diese versahen freundlicherweise den Ordnungsdienst. Als sie sahen, daß der Saal gefüllt war und Hunderte weitere Personen auf der Straße standen, sprachen sie mit Bruder Bauer, dem Redner, und sagten dann den wartenden Menschen, er sei bereit, auch zu ihnen zu sprechen, nachdem er seinen Vortrag beendet habe. So warteten 300 bis 400 Personen geduldig, darunter auch Frau Pfeiffer. Was sie an jenem Abend hörte, beeindruckte sie so sehr, daß sie von da an alle Zusammenkünfte besuchte und bald eine eifrige Schwester wurde.

      Ein andermal hatten Bruder Wandres und Bruder Bauer Vorbereitungen für den Vortrag getroffen, aber im Gegensatz zu den Erfahrungen, die sie mit überfüllten Sälen gemacht hatten, kam an jenem Abend zunächst überhaupt niemand. Als die Zeit für den Vortrag näher rückte, gingen sie beide auf die Straße hinaus, um zu sehen, ob jemand zu erwarten wäre. Sie fanden einige, die daran interessiert waren, den Vortrag zu hören, die aber aus einem den Brüdern unerklärlichen Grund zögerten, das Gebäude zu betreten. Als sie gefragt wurden, warum sie zögerten, erklärten sie, es sei ja der 1. April und sie seien nicht sicher, ob sich nicht einige Spaßvögel lediglich einen Aprilscherz erlauben wollten. Trotzdem stellten sich im Laufe der nächsten halben Stunde 30 bis 40 Leute ein, um dem Vortrag zuzuhören.

      Bruder Erich Eickelberg aus Remscheid verbreitete die Millionen-Broschüre gerade in Solingen, als er folgende interessante Erfahrung machte: Er stellte sich einem Mann, den er antraf, mit den Worten vor: „Ich komme, um Ihnen die gute Botschaft zu bringen, daß Millionen jetzt Lebender nicht mehr sterben, sondern in ein goldenes Zeitalter hinüberleben werden, so daß sie unter den Vorkehrungen Jehovas für immer in Frieden und Glück leben können. Diese Broschüre ist dafür ein Beweis und kostet nur zehn Pfennig.“ Der Herr lehnte das Angebot ab, doch sein kleiner Junge, der neben ihm stand, sagte: „Papi kauf sie doch, ein Sarg ist doch viel teurer!“

      ORGANISATION ZU NEUER TÄTIGKEIT GERÜSTET

      Die Nachkriegsjahre (1919—1922) erwiesen sich für die Brüder in Deutschland als echte Entwicklungs- und Vorbereitungsjahre.

      Die Gesellschaft, die daran interessiert war, das Werk nach innen und nach außen zu stärken, unternahm nun die notwendigen Schritte, das Werk hinsichtlich seiner Stellung gegenüber dem Staat gesetzlich zu befestigen. Der Erfolg war, daß die Watch Tower Bible and Tract Society, die im Jahre 1884 in Allegheny (USA) gegründet worden war, am 7. Dezember 1921 in Deutschland als rechtsfähige ausländische Körperschaft anerkannt wurde.

      Die Botschaft, die im Jahre 1922 verkündigt wurde, drehte sich hauptsächlich um das Thema „Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben“. Die Gesellschaft bestimmte den 26. Februar 1922 als den Tag, an dem auf der ganzen Erde „Millionen“-Vorträge gehalten werden sollten. In Deutschland wurde der Vortrag an jenem Tag in 121 verschiedenen Städten gehalten und von etwa 70 000 Personen besucht. Ein zweiter großer, weltweiter Zeugnistag war der 25. Juni, als in Deutschland 119 Vorträge gehalten wurden, die von ungefähr 31 000 Personen besucht wurden. In jenem Jahr wurde der Vortrag noch zweimal auf der ganzen Erde gehalten, und er wurde in Deutschland am 29. Oktober von 75 397 Personen und am 10. Dezember von 66 143 Personen besucht. So wurden Tausende von Menschen mit der guten Botschaft erreicht.

      BRUDER RUTHERFORD BESUCHT EUROPA ERNEUT

      Bruder Rutherford unternahm im Jahre 1922 eine ausgedehnte Europareise, während der er Hamburg, Berlin, Dresden, Stuttgart, Karlsruhe, München, Barmen, Köln und Leipzig besuchte. In Hamburg kamen etwa 500 Brüder zu einem eintägigen Kongreß — eine schöne Zunahme seit seinem Besuch acht Jahre zuvor! In Stuttgart stand ein Saal für den öffentlichen Vortrag zur Verfügung, der nur 1 200 Personen faßte; Hunderte mußten an den Türen abgewiesen werden. Und in München sprach Bruder Rutherford zu 7 000 Personen im überfüllten „Zirkus Krone“. Vor Beginn des Vortrages wurde bekannt, daß sich unter den Anwesenden eine Gruppe Antisemiten und auch eine Anzahl Jesuitengeistlicher befanden und daß sie mit der Absicht gekommen waren, Unruhe zu stiften und die Zusammenkunft nach Möglichkeit zu sprengen. Bruder Rutherford erklärte: „Es ist in dieser Stadt [München] und an anderen Orten behauptet worden, daß die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher von den Juden finanziert würde.“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Zwischenrufe zu hören waren, wie „Das ist auch wahr!“ Aber Bruder Rutherford sprach überzeugend und nachdrücklich und brachte die Unruhestifter bald zum Schweigen, obwohl sie versuchten, sich der Rednerbühne zu bemächtigen und den Redner zu hindern, seinen Vortrag zu Ende zu halten.

      Das größte Ereignis in Deutschland während des Jahres 1922 war der Kongreß in Leipzig am 4. und 5. Juni. Die Gesellschaft hatte Leipzig als einen passenden Ort für den deutschen Kongreß ausgesucht. Die Brüder, von denen die meisten in Sachsen lebten, waren sehr arm und hätten eine weite Reise nicht finanzieren können. Daher war Leipzig wirklich der geeignetste Ort.

      Für Montagmorgen war vorgesehen, daß Bruder Rutherford Fragen beantwortete. Unter den Fragen, die vorher schriftlich eingereicht worden waren, war eine von besonderem Interesse. Sie befaßte sich mit dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, das zur Erinnerung an die über hundert Jahre zuvor in der Umgebung Leipzigs ausgefochtene Völkerschlacht errichtet und im Jahre 1913 feierlich eingeweiht worden war. Die Frage, die in bezug auf dieses Denkmal gestellt wurde, lautete, kurz gesagt, wie folgt: „Wird in Jesaja 19:19 auf dieses Denkmal hingewiesen, wo es heißt: ,An jenem Tage wird sich ein Altar für Jehova mitten im Land Ägypten finden und eine Säule für Jehova neben seiner Grenze.‘?“

      Hierzu sei bemerkt, daß schon drei Jahre zuvor — nämlich anläßlich des Kongresses, der im Jahre 1919 in Leipzig stattfand — eine Anzahl Brüder das Völkerschlachtdenkmal besichtigt hatten. An jenem Nachmittag hatte Bruder Alfred Decker, ein „Wahlältester“, der später ein erbitterter Gegner der Wahrheit wurde, einen Vortrag gehalten, in dem er zu beweisen suchte, daß das Völkerschlachtdenkmal tatsächlich die Säule sei, die in Jesaja 19:19 erwähnt werde. Zu dieser Feierstunde war auch der Erbauer des Denkmals, Geheimrat Thieme, mit seinen beratenden Architekten eingeladen worden, um entsprechende Erläuterungen zu geben.

      Bevor Bruder Rutherford die Frage beantwortete, besichtigte er dieses gewaltige Denkmal. Als er später vor der ganzen versammelten Gruppe sprach, nahm er kein Blatt vor den Mund, als er erklärte, daß sich Jesaja 19:19 nicht auf dieses Denkmal beziehe. Es verdanke seine Entstehung lediglich dem brennenden Ehrgeiz eines Mannes, der unter dem Einfluß des großen Widersachers gestanden habe. Es liege kein Grund vor, weshalb Jehova am Ende des Evangeliumszeitalters ein solches Denkmal auf Erden errichten lassen sollte. Jeder Teil dieses gewaltigen Denkmals weise darauf hin, daß es seinen Ursprung beim Teufel habe und daß es das Werk seiner Verbündeten und Helfershelfer, der Dämonen, sei, die Menschen beeinflußt hätten, dieses „Denkzeichen der Torheit“ aufzurichten. Der deutsche Kaiser habe gehofft, einmal sagen zu können: „Dort stand Napoleon, der versucht hatte, die Welt zu erobern, dessen Plan aber völlig mißlang — und hier steht nun der deutsche Kaiser, der es ebenfalls unternahm, die Welt zu erobern, und dessen Plan ein großer Erfolg geworden ist, weshalb sich die ganze Welt vor ihm beugen sollte.“

      „DIE HARFE GOTTES“

      Um die Voraussetzungen für eine schnelle Verbreitung des neuen Buches Die Harfe Gottes, das nun in Deutsch erschienen war, zu schaffen, bereitete die Gesellschaft ein Flugblatt mit der Überschrift „Warum?“ vor, von dem fünf Millionen Exemplare gedruckt wurden. Leider blieben die Druckereien, die mit dem Drucken des Buches Die Harfe Gottes beauftragt worden waren, ständig hinter den Terminen zurück, so daß sich das Datum der Veröffentlichung wiederholt verschob. Der Preis für das Buch, der auf dem Flugblatt der Gesellschaft angegeben worden war, konnte aufgrund der schnell wachsenden Inflation nicht eingehalten werden; und Anfang Januar 1923 mußte der Preis von 100 Mark auf 250 Mark erhöht werden, was dem Gegenwert von einem Viertelpfund Margarine entsprach, obwohl die Kosten für die Veröffentlichung der Harfe Gottes bereits auf 350 Mark je Buch gestiegen waren. Der Inhalt des Buches löste unter den Brüdern und auch unter den Freunden der Wahrheit eine ungeheure Begeisterung aus.

      In Langenchursdorf, das zum Gebiet der Versammlung Waldenburg gehörte, war ein junger Bruder namens Erich Peters, der gute rednerische Talente hatte, über den Inhalt des Buches und von der Anregung, damit Studien einzurichten, so begeistert, daß er seinen Vater um die Erlaubnis bat, seine Freunde und Nachbarn einmal wöchentlich an einem bestimmten Abend in die elterliche Wohnung einzuladen, damit er mit ihnen den Inhalt der Harfe Gottes besprechen könne. Dieser Studienabend wurde später von so vielen Personen besucht, daß im Erdgeschoß in allen Räumen Sitzmöglichkeiten eingerichtet werden mußten. Der junge Bruder, der mit Begeisterung über Jehovas Königreich und seine Segnungen sprach, stand zwischen den Zimmern im Türrahmen, damit er von allen gehört und gesehen werden konnte. Dieses Beispiel wurde schnell von vielen anderen Versammlungen nachgeahmt, und das sogenannte „Harfen-Studium“ wurde bald ein Teil des regulären Programms.

      DIE ERSTE DRUCKEREI

      Von April 1897 bis Dezember 1903 war die deutsche Ausgabe des Wacht-Turms in Allegheny (USA) gedruckt worden und vom Januar 1904 bis zum 1. Juli 1923 in weltlichen Druckereien in Deutschland. Jahrzehntelang waren die Bücher und andere Schriften der Gesellschaft von weltlichen Firmen gedruckt worden, wenn sie nicht direkt aus Amerika geschickt worden waren. Um Kosten zu sparen, wurden im Laufe der Zeit zwei große Flachpressen und andere Maschinen in Barmen aufgestellt, obwohl nur sehr wenig Platz zur Verfügung stand.

      Da zunächst keine Brüder da waren, die Erfahrung im Setzen oder Binden von Büchern gehabt hätten, wurde Bruder Ungerer, ein erfahrener Buchdrucker und Schriftsetzermeister aus Bern (Schweiz), nach Barmen geschickt, um die ersten freiwilligen Mitarbeiter auszubilden. Ihre Bereitschaft zu arbeiten und die Entschlossenheit, mit der sie versuchten, trotz der bescheidenen Ausrüstung, die ihnen zur Verfügung stand, gute Druckschriften herzustellen, waren bewundernswert.

      Da alle Räume als Schlafzimmer gebraucht wurden, wurden die Druckmaschinen in dem zweistöckigen Heim auf Treppenabsätzen und in einem 20 mal 8 Meter großen Holzschuppen aufgestellt. Bruder Hermann Görtz kann sich noch heute erinnern, wie 100 000 Exemplare der ersten Ausgabe der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter (1. Oktober 1922) nachgedruckt wurden. Sie mußten jeden Bogen Papier zweimal mit der Hand anlegen, weil die Schnellpresse keinen automatischen Anleger hatte. Da die Brüder kaum den Bedarf an Druckschriften decken konnten, arbeiteten sie fast ein Jahr lang oft bis Mitternacht.

      WIE EINIGE DIE WAHRHEIT KENNENLERNTEN

      Manchmal trugen seltsame Umstände dazu bei, daß jemand seine Aufmerksamkeit der Wahrheit zuwandte. Das war bei Bruder Eickelberg der Fall, der eine Vorführung des Photo-Dramas besuchte. Als der Redner über die Reformation sprach und die Bemerkung machte, die Protestanten hätten es aufgegeben zu protestieren, rief jemand aus dem Publikum: „Wir protestieren heute immer noch!“ Der Redner bat darum, daß das Licht eingeschaltet würde, und jeder Anwesende drehte sich um, um zu sehen, wer dieser „mutige“ Zwischenrufer war. Wer anders konnte es sein als ein protestantischer Geistlicher, der zwischen zwei katholischen Geistlichen Platz genommen hatte! Das Publikum war empört und verlangte, daß der Geistliche den Saal verlasse. Bruder Eickelberg erkannte, daß die Wahrheit nicht in den Kirchen zu finden war.

      Eugen Stark wollte sich das Photo-Drama in Stuttgart ansehen. Der Saal war bereits mit über 3 000 Personen überfüllt, als bekanntgegeben wurde, der Projektor sei nicht in Ordnung und könne an jenem Abend nicht mehr repariert werden. Alle wurden gebeten, am nächsten Abend wiederzukommen. Bruder Stark war enttäuscht und ging zu seiner Mutter, die der Neuapostolischen Kirche angehörte. Beide kamen zu dem Schluß, daß die Bibelforscher nicht die Wahrheit haben könnten, sonst wäre so etwas nicht vorgekommen. Bruder Stark war entschlossen, am folgenden Abend nicht wieder dorthin zu gehen, sondern statt dessen seine Schwester zu besuchen. Die Straßenbahn fuhr jedoch genau an dem Saal vorbei, in dem der Vortrag gehalten werden sollte, und er war erstaunt, als er sah, daß genauso viele Menschen hineinströmten wie am vorangegangenen Abend. Kurz entschlossen sprang er von der Straßenbahn ab, fiel dabei aber so unglücklich, daß er fast unter die Räder gekommen wäre. Trotz einiger Prellungen stand er auf und ging in den Saal. Hinterher war er so begeistert, daß er die angebotenen Bibelstudienhilfsmittel erwarb und seine Anschrift zurückließ, damit er besucht werden konnte. Von nun an konnte ihn niemand davon abhalten, die Bibel zu studieren.

      Kurt Dießner fühlte sich von der Religion abgestoßen, als ihm sein Prediger in der Schule im Kriegsjahr 1915 ein Lied beibrachte. Es handelte von der Vernichtung der feindlichen Nationen, und es hieß darin die deutschen Truppen sollten ihre Gegner in die Seen, in die Sümpfe, in den Vesuv oder in den Ozean jagen. Später, im Jahre 1917, wurden Kirchenglocken abgenommen und zu Granatringen umgeschmolzen, und eine Kirchenzeitung veröffentlichte ein Bild von einer großen Glocke, die von einem Geistlichen mit ausgebreiteten Armen gesegnet wurde. Darunter stand folgender Text: „Und nun gehet hin und zerreißt die Leiber eurer Feinde.“ Darauf traf Kurt Dießner seine Entscheidung. Anfang der 1920er Jahre lernte er die biblische Wahrheit kennen, nahm sie an, und selbst heute ist es ihm noch ab und zu möglich, als Pionier auf Zeit zu dienen.

      GANZHERZIG IM AUSDEHNUNGSWERK

      Einige von denen, die bereits vor fünfzig oder mehr Jahren Jehovas Ruf, ihm zu dienen, gehört und erwidert haben, sind immer noch unter uns und sprechen begeistert über ihre Tätigkeit in der Zeit, in der sie noch „jung und stark“ waren. In materieller Hinsicht waren sie zwar arm, doch geistig waren sie reich.

      Minna Brandt aus Kiel berichtet, daß sie weite Strecken zu Fuß zurücklegte, um die Königreichsbotschaft zu predigen, und wenn sie nicht am gleichen Tag nach Hause zurückkehren konnte, verbrachte sie die Nacht auf den Feldern in einem Heustadel. Später fuhr sie bis in die nördlichsten Städte Schleswig-Holsteins; oft wurde sie mit einem Lastwagen mitgenommen. In jenen Tagen waren die Brüder mit großen Lautsprechern ausgerüstet, die sie benutzten, um nachmittags einen öffentlichen Vortrag auf dem Markt oder an einem anderen geeigneten Ort zu halten, nachdem sie am Vormittag im Dorf gepredigt hatten.

      Ernst Wiesner (der später als Kreisaufseher tätig war) und andere fuhren mit dem Fahrrad von Breslau aus 90 bis 100 Kilometer weit, um zu predigen. Die Brüder in Leipzig, wo Erich Frost und Richard Blümel dienten, waren sehr erfinderisch in ihrem Bemühen, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Königreichsbotschaft zu lenken. Eine Zeitlang bedienten sie sich einer kleinen Musikkapelle, welche aus Brüdern bestand, die spielten, während sie durch die Straßen zogen. Diejenigen, die sie begleiteten, gaben in den Häusern, die am Wege lagen, kurz Zeugnis, und dann beeilten sie sich, um mit dem Tempo der Musikkapelle Schritt zu halten.

      Im Jahre 1923 wurde die Aufmerksamkeit mit Nachdruck auf den Vollzeitpredigtdienst gelenkt, und es erging der dringende Ruf: „Wir suchen 1 000 Pioniere!“ Das verursachte eine ziemliche Aufregung unter Gottes Volk, denn dies bedeutete, daß fast jeder vierte von den 3 642 „Arbeitern“, die damals Bericht erstatteten, aufgerufen wurde, den Pionierdienst aufzunehmen. Der Ruf verhallte nicht ungehört.

      Willi Unglaube zum Beispiel fühlte sich angesprochen und nahm den Pionierdienst auf, doch, wie er sagte, „nicht nur für ein oder zwei Jahre, sondern solange mich Jehova in seinem Werk gebrauchen kann“. Er arbeitete in verschiedenen Gegenden Deutschlands und diente später einige Jahre im Bethel in Magdeburg. Im Jahre 1932 folgte er dem Ruf nach Pionieren im Ausland. Zuerst wurde er nach Frankreich geschickt, dann nach Algerien, Korsika, Südfrankreich, später wieder nach Algerien und dann nach Spanien. Von dort aus ging er nach Singapur, dann nach Malaysia, nach Java und im Jahre 1937 nach Thailand, wo er blieb, bis er im Jahre 1961 nach Deutschland zurückkehrte. Als er dem Ruf zum Pionierdienst folgte, war er fünfundzwanzig Jahre alt, und obwohl er sich jetzt dem siebenundsiebzigsten Lebensjahr nähert, ist er immer noch einer unserer willigsten und erfolgreichsten Pioniere.

      Am 1. Februar 1931 nahm Konrad Franke den Pionierdienst auf. Er begann früh in seiner Jugend, seines Schöpfers zu gedenken. Jetzt freut er sich, als Glied der Bethelfamilie auf 42 Jahre ununterbrochenen Vollzeitdienstes zurückzublicken, wovon er 14 Jahre als Zweigaufseher in Deutschland diente.

      PILGERDIENST

      Die aufmunternden Ansprachen, die die Pilgerbrüder während der zwanziger Jahre hielten, trugen zweifellos viel dazu bei, die Brüder geistig zu erbauen. Es gab damals noch nicht viele Verkehrsmittel, und diejenigen, die zur Verfügung standen, waren nicht sehr komfortabel. Da die Pilgerbrüder viel ländliches Gebiet zu bearbeiten hatten, kam es nicht selten vor, daß sie einen Pferdewagen eines Bauern als Transportmittel benutzten. Zuweilen waren auch lange Fußmärsche nicht zu vermeiden.

      Emil Hirschburger wurde einmal gebeten, einen Vortrag in Süddeutschland zu halten. Er reiste mit dem Zug und stellte fest, daß in seinem Abteil sechs Männer saßen, die an ihrer Kleidung als katholische Geistliche zu erkennen waren. Sie unterhielten sich über die Ansprache, die Bruder Hirschburger halten sollte, und wußten natürlich nicht, daß er sich in ihrer Mitte befand. Es schien, daß sie von einer Besprechung kamen und daß der Geistliche, der in der Stadt lebte, in der Bruder Hirschburger seinen Vortrag halten sollte, angewiesen worden war, ihn zu einer öffentlichen Debatte herauszufordern. Dieser Geistliche war daran interessiert, von seinen Amtskollegen Rat zu erhalten, wie er in dieser Diskussion vorgehen sollte, ohne „diesem Bibelforscher“ in der öffentlichen Konfrontation zu unterliegen. Was ihm aber auch von seinen Amtskollegen geraten wurde, es schien ihn offensichtlich nicht zu befriedigen. Einer nach dem anderen verließ den Zug und wünschte den anderen alles Gute. Als der letzte aussteigen wollte, fragte der besorgte Geistliche ihn in einem vertraulichen Ton, wie er darüber denke und ob er glaube, es sei ratsam, zu der Zusammenkunft zu gehen. Darauf erwiderte der Geistliche kurz und in breitem Schwäbisch: „Jo, wenn d’ no’ Kroft hoscht, kannst jo hiegehe!“ Bruder Hirschburger hat ihn bei dem Vortrag nicht gesehen.

      SCHÖPFUNGSDRAMA

      Zu Beginn der zwanziger Jahre waren die Filme, die das Photo-Drama enthielten, fast völlig abgenutzt. Jedoch gelang es der Gesellschaft, von verschiedenen weltlichen Filmgesellschaften Wochenschauen sowie biblische Filme zu kaufen, und nachdem sie sie überarbeitet hatte, das heißt gewisse unpassende Teile herausgeschnitten oder neue Teile hinzugefügt hatte, konnten diese gezeigt werden. Auf diese Weise entstanden völlig neue Filme von 5 000 bis 6 000 Meter Länge. Außerdem wurden die Lichtbilder, die bis dahin gezeigt worden waren, durch neue Bilder ersetzt, die entweder dem Buch Schöpfung oder anderen Büchern, die die Watch Tower Society veröffentlicht hatte, entnommen waren, oder durch Lichtbilder, die es in Geschäften zu kaufen gab. Es gab damals noch keine Farbfotografie, aber Wilhelm Schumann aus dem Bethel Magdeburg arbeitete unermüdlich, um die Schwarzweißaufnahmen zu kolorieren. Die schönen, bunten Bilder hinterließen bei den Zuschauern immer einen bleibenden Eindruck, und da viele Bilder die wunderbare Schöpfung Jehovas zeigten, wurde der Titel des Films in „Schöpfungsdrama“ abgeändert. Unter dieser Überschrift heißt es im deutschen Jahrbuch von 1932:

      „Vom Schöpfungsdrama muß gesagt werden, daß von dem früheren Schöpfungsdrama natürlich nichts weiter übriggeblieben ist als der Name und die Benutzung der Glasbilder etc. Im übrigen ist der dazu gesprochene Text dem Buch Schöpfung und andern [Büchern] entnommen, und auch der Name ,Schöpfungsdrama‘ gründet sich auf das Buch Schöpfung.“

      Als im Jahre 1928 eine Vorführung in Stettin beginnen sollte, wurde Erich Frost, ein Berufsmusiker, der bis dahin ein weltliches Orchester dirigiert hatte, nach Stettin gerufen, um die musikalische Begleitung des Films, der natürlich noch ein Stummfilm war, zu übernehmen. Bald schlossen sich dieser Gruppe noch weitere Musiker an. Später benutzten sie sogar ihre Instrumente, um das Vogelgezwitscher und das Rauschen der Bäume zu imitieren. Während einer Vorführung in München im Sommer des Jahres 1930 stieß Heinrich Lutterbach, ein hervorragender Geigenvirtuose, auf das Musikteam und wurde sogleich eingeladen mitzureisen. Freudig nahm er das Angebot an und vervollständigte so das Orchester, das überall gern gehört wurde. Zwei Jahre später erhielt Bruder Frost von der Gesellschaft eine zweite Garnitur Filme und Dias und wurde gebeten, damit nach Ostpreußen zu gehen. Danach übernahm Bruder Lutterbach die Leitung der kleinen Musikkapelle.

      Im Jahre 1930 wurde geplant, den Film in München vorzuführen. Das Schöpfungsdrama war dort schon vorher mit großem Erfolg aufgeführt worden, so daß die religiösen Führer natürlich sehr beunruhigt waren. In ihrer Verzweiflung wiesen sie Hunderte von Personen in ihren Münchener Gemeinden an, an den öffentlich bekanntgegebenen Ausgabestellen Eintrittskarten für das Drama abzuholen, aber dann nicht zu erscheinen. Der Erfolg wäre ein leerer Saal. Die Brüder wurden jedoch rechtzeitig auf diesen Plan aufmerksam, und so waren sie in der Lage, entsprechende Gegenmaßnahmen zu treffen. Wie es sich herausstellte, wirkte sich die ganze Aktion auf die Anstifter wie ein Bumerang aus.

      DIE GESELLSCHAFT ZIEHT UM

      Die verantwortlichen Brüder erkannten bald, daß die Maschinen, die in Barmen zur Verfügung standen, nicht ausreichten. Offensichtlich unter der Leitung des Geistes Jehovas wurde ihre Aufmerksamkeit auf Magdeburg gelenkt, wo ein Grundstück zum sofortigen Kauf zur Verfügung stand. Obwohl sich die Gesellschaft schnell entscheiden mußte, kaufte sie das Grundstück an der Leipziger Straße. Der offizielle Wechsel von Barmen nach Magdeburg erfolgte am 19. Juni 1923. Plötzlich besetzten französische Truppen das Rheinland und das Ruhrgebiet, auch Barmen und Elberfeld. Das bedeutete natürlich, daß die Post, der Bahnhof und die Reichsbank ebenfalls besetzt wurden, und dadurch wäre es sehr schwer gewesen, die Versammlungen von Barmen aus zu betreuen. Im Jahresbericht von 1923 hieß es über dieses Ereignis: „Eines Morgens traf im Brooklyner Hauptquartier die Nachricht ein, daß das deutsche Werk ungefährdet nach Magdeburg umgezogen sei. Gleich am nächsten Morgen meldeten die Zeitungen, daß die Franzosen Barmen in Besitz genommen hätten. Wir dankten dem teuren Herrn für seinen Schutz und Segen.“

      Nun konnten wir den Wacht-Turm in unserer eigenen Druckerei herstellen. Die erste Ausgabe, die dort gedruckt wurde, war die vom 15. Juli 1923. Drei oder vier Wochen später wurde eine große Flachpresse mit automatischem Anleger aufgestellt, und man begann, am ersten Band der Schriftstudien zu arbeiten. Gleich danach wurde das Buch Die Harfe Gottes auf der gleichen Maschine gedruckt.

      Aber es wurden noch mehr Maschinen benötigt. Aus diesem Grunde bat Bruder Balzereit Bruder Rutherford um die Erlaubnis, eine Rotationsmaschine zu kaufen. Bruder Rutherford erkannte die Notwendigkeit und stimmte zu, doch nur unter einer Bedingung. Er hatte beobachtet, daß sich Bruder Balzereit im Laufe der Jahre einen Bart hatte wachsen lassen, der dem Bart sehr ähnlich sah, den Bruder Russell getragen hatte. Sein Beispiel machte bald Schule, denn es gab auch andere, die so aussehen wollten wie Bruder Russell. Dies hätte natürlich leicht zur Menschenverehrung führen können, und das wollte Bruder Rutherford vermeiden. Daher sagte er Bruder Balzereit bei seinem nächsten Besuch in Anwesenheit der gesamten Bibelhausfamilie, er könne eine Rotationspresse kaufen, doch nur unter der Bedingung, daß er seinen Bart abnehmen ließe. Bruder Balzereit stimmte schweren Herzens zu und ging danach zum Friseur. In den folgenden Tagen gab es manche Verwechslung und auch einige heitere Situationen, weil der „Fremde“ manchmal von seinen Mitarbeitern nicht erkannt wurde.

      Ein Jahr später konnte bereits der erste Teil der Maschine im Kellergeschoß aufgestellt werden, und der zweite Teil wurde kurz darauf geliefert. Nun konnte man von einer gut ausgerüsteten Druckerei und Buchbinderei sprechen, und es konnten täglich 6 000 rund 400 Seiten starke Bücher hergestellt werden.

      In den Jahren 1923 und 1924 nahm die Literaturverbreitung sehr zu. Um mit dem Bedarf Schritt halten zu können, kaufte die Gesellschaft 1925 ein Grundstück, das an ihr erstes Gebäude grenzte. Die Ausrüstung der Druckerei sowie der Buchbinderei wurde ergänzt und verbessert. Auf dem neu erworbenen Grundstück wurde ein fester Betonbau errichtet, der im Erdgeschoß die Buchbinderei und die Flachpressen aufnehmen konnte und wo auch Platz für zwei Rotationsmaschinen war, während im ersten Stock die Setzerei und andere der Vorbereitung dienende Abteilungen untergebracht wurden und im zweiten Stock das Büro. Dennoch war es oft erforderlich, Überstunden zu machen, denn es wurde immer mehr Literatur verbreitet. Eine zweite Rotationsmaschine wurde im Jahre 1928 angeschafft, aber der Bedarf war so groß, daß die Brüder die Maschinen in zwei Schichten von je zwölf Stunden laufen ließen, sogar sonntags. Das bedeutete, daß die Maschinen mehrere Jahre lang ununterbrochen Tag und Nacht liefen. In der Buchbinderei war es natürlich ähnlich, da die Brüder dort die gedruckte Literatur weiterverarbeiten mußten. Auf diese Weise war es möglich, daß täglich 10 000 Bücher hergestellt wurden.

      Nun ergab sich auch die Möglichkeit, auf dem neu erworbenen Grundstück eine würdige Versammlungsstätte zu errichten. Sie wurde geschmackvoll ausgestattet und faßte etwa 800 Personen. Die Brüder nannten sie den „Harfensaal“, ohne Zweifel aus Wertschätzung für das Buch Die Harfe Gottes.

      Diejenigen Glieder der Bibelhausfamilie, die sonntags abkömmlich waren, fuhren mit einem großen Lastwagen, auf dem für vierundfünfzig Mitarbeiter Notsitze errichtet worden waren, aber auch mit Bussen, mit der Eisenbahn, mit Personenwagen sowie mit Fahrrädern in die nähere und weitere Umgebung von Magdeburg, um sich am Predigtwerk zu beteiligen. Sie arbeiteten in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern und konnten die Grundlage für viele Versammlungen legen.

      Im Laufe der Zeit stieg die Zahl der Bibelhausarbeiter auf über zweihundert.

      1924 — KONGRESS IN MAGDEBURG

      Das größte Ereignis des Jahres 1924 war der Kongreß in Magdeburg, den auch Bruder Rutherford besuchte. Etwa 4 000 Brüder und Schwestern kamen aus ganz Deutschland, einige sogar auf Fahrrädern. Die meisten hatten nur eine kleine, unzureichende Wegzehrung in der Tasche, denn die ganze Nation war verarmt. Viele hatten keine Mittel, um die Reise zu bezahlen, und Tausende mußten zu Hause bleiben. Diejenigen, die mit dem Fahrrad fuhren, mußten damit rechnen, mehrere Tage unterwegs zu sein. Auch ihnen standen nur geringe Mittel für Nahrung und Unterkunft zur Verfügung. Viele brachten ihre Nahrung mit, die hauptsächlich aus trockenem Brot bestand. Wenn die Brüder während der Vorträge zu sehr den Hunger spürten, zogen sie das Brot aus der Tasche und bissen ein Stück ab. Bruder Rutherford war davon so bewegt, daß er kurz entschlossen Vorkehrungen traf, am nächsten Kongreßtag jedem der etwa 4 000 Anwesenden ein Paar heiße Würstchen, zwei Brötchen und eine Flasche Mineralwasser kostenlos aushändigen zu lassen. Wir können uns gut die Freude der Anwesenden vorstellen, als plötzlich an beiden Enden des Saales, in dem der Kongreß stattfand, große Kessel mit Würstchen auftauchten. Die Brüder bildeten lange Reihen, um ihre Mahlzeit entgegenzunehmen. Gestärkt durch die Mahlzeit, die sie gemeinsam eingenommen hatten, kehrten sie zu ihren Sitzen im Saal zurück und fühlten sich wie Gäste, die zu einem Festmahl eingeladen worden waren.

      Bei seiner Begrüßungsansprache bat Bruder Rutherford all diejenigen, die sich Jehova hingegeben und dies durch die Taufe symbolisiert hatten, ihre Hand zu erheben. Als er die große Menge sah, fügte er hinzu: „Vor fünf Jahren waren es in ganz Europa nicht so viele.“

      Später, während des öffentlichen Vortrages, gab es in der Haupthalle einen unglücklichen Zwischenfall. Durch die Unvorsichtigkeit eines Mannes fiel eine kleine Notlampe auf den Boden, und ein noch Unvorsichtigerer rief: „Feuer!“ und löste damit bei einigen eine furchtbare Panik aus. Da sich das alles am hinteren Ende des Saales abspielte, wußte auf der Rednerbühne niemand so recht, worum es sich handelte, und zunächst vermuteten die Brüder, daß Störenfriede versuchten, die Zusammenkunft zu sprengen. Als die Unruhe nicht nachließ, gab Bruder Rutherford dem Orchester ein Zeichen, damit es zu spielen anfinge. Darauf spielte es das Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“, und siehe da, die Tausende im Saal begannen mitzusingen! So glätteten sich die Wogen der Unruhe sehr schnell, und Bruder Rutherford konnte seinen Vortrag ohne weitere Unterbrechung fortsetzen.

      „ANKLAGE GEGEN DIE GEISTLICHKEIT“

      Dies war der Titel einer Resolution, die im Jahre 1924 zur weltweiten Verbreitung vorbereitet wurde. Die Brüder in Deutschland beteiligten sich besonders im Frühjahr 1925 daran. Es handelte sich um eine äußerst wichtige Resolution, durch die die Geistlichkeit schonungslos bloßgestellt wurde. Die Reaktion war, als hätte man in ein Wespennest gestochen. Besonders in Bayern begann die Geistlichkeit, unsere Brüder anzugreifen und sie in ihrem Werk zu behindern. Der erste deutsche Präsident der Weimarer Republik war gerade gestorben, und es wurde nun eine Wahl vorbereitet. Da unter den Politikern die Tendenz vorherrschte: „Kein Katholik darf Präsident werden“, reagierte man im katholischen Bayern auf alle Publikationen, die nicht romfreundlich waren, mit größtem Mißtrauen. Nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen Gebieten Deutschlands kämpfte die Geistlichkeit mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln.

      Bruder Balzereits Leben war bedroht. In einem anonymen Brief, den er erhielt, hieß es auszugsweise:

      „Sie Teufel in Schafskleidern!

      Die Anklage gegen die Geistlichkeit ist Ihr Untergang! Noch ehe Sie es geahnt [haben], werden Sie für diese Welt erledigt sein, samt Ihrer Anhängerschaft, die durch Ihren elenden Tod vor weiteren Schandtaten zurückschrecken ... [wird]. Das Urteil gegen Sie ist gefällt!

      Innerhalb dreier Wochen wird von Ihnen verlangt: öffentlicher Widerruf Ihrer Zeitschrift: Anklage gegen die Geistlichkeit. Sollte dies in der verlangten Zeit nicht von Ihnen erfüllt werden, sind Sie ... ein Kind des Todes.

      Dies ist keine leere Drohung ...“

      Aber dies war auch kein Grund, Kompromisse zu schließen. Im Gegenteil, die kleine, aber mutige Schar des gesalbten Überrestes unternahm Gegenmaßnahmen. Ein Traktat mit der Überschrift Wahr oder nicht wahr? wurde verbreitet, und so wurde die Öffentlichkeit von diesen Drohungen unterrichtet. Darin wurde die Frage aufgeworfen, ob die Beschuldigungen, die in dem Flugblatt Anklage gegen die Geistlichkeit erhoben worden waren, „wahr oder nicht wahr“ seien. Es wurden dann Äußerungen von Geistlichen und Auszüge aus religiösen Zeitschriften angeführt.

      In seiner Verzweiflung reichte ein Geistlicher in Pommern bei der Staatsanwaltschaft eine Klage gegen die Wachtturm-Gesellschaft und ihre Beamten ein. Es kam dann zu einem Prozeß in Magdeburg. Aber der Staatsanwalt machte den Fehler, während des Verfahrens die gesamte Resolution vorzulesen, und widerlegte damit seine eigene Behauptung, die Resolution sei gegen das Konsistorium in Stettin gerichtet. Jedem im Verhandlungsraum wurde klar, daß die Resolution nicht nur gegen das Konsistorium in Stettin, sondern gegen die Geistlichkeit in der ganzen Welt gerichtet war. Das Gericht erkannte dies an und sprach Bruder Balzereit frei, fühlte sich aber verpflichtet, ihm den Rat zu geben, in Zukunft nicht mehr solche scharfen Angriffe zu veröffentlichen.

      INFLATION

      Den Verkündigern war schon im August 1921 der Rat gegeben worden, in Anbetracht der hohen Herstellungskosten mit der Verbreitung des Traktats Der Schriftforscher sparsam zu sein. Es sollte nicht zahllos verteilt, sondern nur solchen gegeben werden, die echtes Interesse zeigten.

      Anfang des Jahres 1922 mußte die Gesellschaft bekanntgeben, daß der Preis für ein Jahresabonnement des Wacht-Turms, der zu jener Zeit nur monatlich gedruckt wurde, auf 16 Mark festgesetzt werden müsse. Einen Monat später war es nötig, den Preis auf 20 Mark zu erhöhen, und im Juli des gleichen Jahres stieg er auf 30 Mark. Die Inflation nahm jedoch in den folgenden Monaten solche Ausmaße an, daß die Gesellschaft im Oktober bekanntgeben mußte, sie könne künftig Abonnements nur noch für ein Vierteljahr entgegennehmen. Der Preis für drei Monate war in der Zwischenzeit auf 70 Mark gestiegen. Für das erste Quartal des Jahres 1923 mußten die Brüder 200 Mark bezahlen und für das zweite Quartal bereits 750 Mark. Am 15. Juni kostete ein Jahresabonnement 3 000 Mark und einen Monat später 40 000 Mark. Am 1. August war die Gesellschaft gezwungen, die Belieferung der Abonnenten ganz einzustellen. Jedem konnten nur noch Einzelexemplare gegen sofortige Bezahlung ausgehändigt werden. Am 1. September kostete ein einziges Exemplar bereits 40 000 Mark. Einen Monat später kostete ein Einzelexemplar 1 600 000 Mark, und am 25. Oktober hatte die Inflation solche Ausmaße erreicht, daß ein Einzelexemplar zweieinhalb Milliarden Mark kostete. Das Geld hatte seinen Wert verloren.

      Diese kurze Betrachtung der kritischen Jahre der Inflation mag zeigen, unter welch schwierigen Bedingungen das Werk des Herrn in dieser Zeit durchgeführt werden mußte. Ja, während der letzten drei Monate des Jahres 1923 kam die Verbreitung der Schriften der Gesellschaft fast zum völligen Stillstand. Nur mit der Hilfe Jehovas konnte das Werk weiter durchgeführt werden.

      „WAHLÄLTESTE“

      Ein weiterer Grund, der geeignet gewesen wäre, den Vormarsch des Werkes in den zwanziger Jahren zu bremsen, war die demokratische Verfahrensweise bei der Wahl Ältester. Über die Art und Weise, wie solche Wahlen durchgeführt werden sollten, gab es ganz unterschiedliche Auffassungen. Einige verlangten, daß die Kandidaten in der Lage sein müßten, mindestens 85 Prozent der V.D.M.-Fragen richtig zu beantworten. (V.D.M. bedeutet Verbi Dei Minister oder Diener des Wortes Gottes.) Das war zum Beispiel in Dresden der Fall. Aber die Brüder in Halle machten eine Erfahrung, die uns zeigt, zu welchen Schwierigkeiten solche willkürlichen Erfordernisse führten. In dieser Versammlung gab es Brüder, deren Einstellung dem Werk gegenüber nicht gut war, die aber andererseits die Führung in der Versammlung übernehmen wollten. Als ihnen aber schließlich vorgehalten wurde, sie hätten nicht einmal die V.D.M.-Fragen richtig beantwortet, weshalb sie nicht für eine leitende Stellung in der Versammlung in Frage kämen, holten sie dieses anscheinende Versäumnis sofort nach. Als sie dann aber immer noch nicht die Stellung erhielten, nach der sie strebten, brach eine Rebellion aus, die zur Folge hatte, daß die Versammlung gespalten wurde, und von 400 Verkündigern blieben nur noch 200 bis 250 zurück.

      In einigen Versammlungen kam es bei den Wahlen oft zu heftigen Auseinandersetzungen. So zum Beispiel in Barmen, wo im Jahre 1927 durch Handerheben über bestimmte Kandidaten abgestimmt werden sollte. Ein Augenzeuge berichtet, daß es nicht lange dauerte, bis alle durcheinanderschrien, so daß sich die Brüder gezwungen sahen, die nächste Wahl wieder geheim durchzuführen, wie es bei vielen Versammlungen üblich war. In Kiel war es sogar notwendig, eine Ältestenwahl unter Polizeischutz durchzuführen.

      Dies geschah, weil einige Kandidaten keine reifen Christen waren. Ja, einige von ihnen widerstanden dem Königreichswerk direkt oder indirekt.

      Als die Gesellschaft zum Beispiel anregte, daß der Wacht-Turm regelmäßig in den Versammlungen studiert werden sollte, lehnten sich besonders eine Anzahl „Wahlältester“ gegen diese Anregung auf und verursachten in zahlreichen Versammlungen Spaltungen. Der Erntewerksvorsteher in Remscheid erklärte, künftig sollten nur diejenigen das Wacht-Turm-Studium leiten, die sich Sonntag morgens am Predigtdienst beteiligten. Darauf hob einer der „Wahlältesten“ einen Stuhl hoch, bedrohte damit den Erntewerksvorsteher und verließ dann die Versammlung und nahm vierzig andere mit. Etwas Ähnliches geschah in Kiel, wo trotz der Bemühungen des Bibelhauses 50 der 200 Brüder und Schwestern die Versammlung verließen.

      Wenn wir heute zurückblicken, können wir bestimmt sagen, daß die zweite Hälfte der 1920er Jahre in Deutschland eine Zeit der Sichtung war. Einige, die bis dahin mit uns gegangen waren, wurden nun offene Feinde des Königreiches, und ihr Weggang war für Gottes Organisation bestimmt kein Verlust, denn die 1930er Jahre erwiesen sich als eine Zeit wirklicher Prüfungen für diejenigen, die treu geblieben waren.

      GESETZLICHE SCHWIERIGKEITEN

      Für die Jahre 1924 bis 1926 hatte das Finanzamt die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft als ausschließlich gemeinnütziges Unternehmen anerkannt und hatte die durch die Abgabe von Schriften vereinnahmten Gelder nicht versteuert. Doch im Jahre 1928 wurde die Gemeinnützigkeit aberkannt. Die Folge war ein Prozeß, der in der Öffentlichkeit viel Beachtung fand, da die Gesellschaft dafür sorgte, daß die Öffentlichkeit mit Hilfe des Wacht-Turms und des Goldenen Zeitalters von diesem Anschlag unterrichtet wurde, der von den Führern der beiden großen Konfessionen ausging. Daß dieser Angriff tatsächlich von den Kirchen ausgegangen war, wurde später von kirchlicher Seite offen eingestanden, und es wurde erklärt, der Zweck habe darin bestanden, „die Bibelforscher an der Verbreitung biblischer Erkenntnis zu hindern“. Die Brüder forderten alle gerechtgesinnten Personen auf, eine Petition gegen diese ungerechte Maßnahme zu unterzeichnen. Es ist verständlich, daß das Gericht tief beeindruckt war, als ihm eine Petition mit nicht weniger als 1 200 000 Unterschriften vorgelegt wurde. Das Finanzgericht entschied später zu unseren Gunsten.

      Ein weiteres Mittel, das die religiösen Führer anwandten, um den gewaltigen Fortschritt des Werkes aufzuhalten, war das Bestreben, die Verkündiger mit den Gesetzen des Landes in Konflikt zu bringen. So gab es schon vor dem Jahre 1922 die ersten Gerichtsfälle wegen „unbefugten Hausierens bzw. wegen Hinterziehung der Hausiersteuer“. Im Jahre 1923 folgten weitere Gerichtsfälle, und wiederum lautete die Anklage: „Verstoß gegen die Gewerbeordnung“. Es wurden schwere Strafen verhängt. Im Jahre 1927 wurden 1 169 Brüder verhaftet und wegen „Verstoßes gegen die Gewerbeordnung“ und das „Hausiersteuergesetz“ vor Gericht gestellt. Im Jahre 1928 gab es 1 660 Gerichtsverfahren, und 1927 waren es 1 694. Aber die Geistlichkeit suchte weiter nach einem Gesetz, das sie als Waffe benutzen konnte, um die Bibelforscher zum Schweigen zu bringen. Schließlich glaubte sie, sie habe gefunden, wonach sie gesucht hätte. Die Saarbrücker Landes-Zeitung vom 16. Dezember 1929 berichtete darüber:

      „Leider stand die Polizei dem Treiben der Bibelforscher bisher machtlos gegenüber. Die bisher eingeleiteten Strafverfahren ... endeten in allen Fällen mit einem Freispruch ... Nunmehr hat das Kammergericht in Berlin in einem gleichgelagerten Fall auf Bestrafung anerkannt und den Grundsatz aufgestellt, daß unter die durch Polizeiverordnung über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage verbotenen Arbeiten am Sonntag auch das Feilbieten von Druckschriften religiösen Inhalts von Haus zu Haus und auf der Straße fällt, sofern es sich als eine mit körperlicher Anstrengung verbundene Arbeitsbetätigung darstellt und als solche öffentlich bemerkbar ist.

      Erfreulicherweise haben nach Bekanntwerden dieses Urteils in letzter Zeit auch verschiedene saarländische Gerichte in ähnlichen Fällen die Angeklagten bestraft. Es ist also jetzt die Möglichkeit gegeben, dem Treiben der Bibelforscher ein Ende zu bereiten.“

      BAYERN-AKTION

      Derartige Bemühungen wurden in ganz Deutschland unternommen, aber Bayern nahm eine Vorrangstellung ein, denn es kam dort zu mehr Verhaftungen als irgendwo anders. Vorübergehend gelang es sogar, das Werk durch örtliche Gesetze zu verbieten. Im Jahre 1929 entschloß sich die Gesellschaft, an einem einzigen Sonntag das ganze Gebiet südlich von Regensburg mit etwa 1 200 Verkündigern zu bearbeiten. Mit der Reichsbahn wurden Vereinbarungen für zwei Sonderzüge getroffen, von denen der eine in Berlin eingesetzt werden und auch Brüder aus Leipzig mitnehmen sollte, während der zweite in Dresden abfahren und Brüder aus Chemnitz und anderen Städten in Sachsen mitnehmen sollte. Jeder Fahrtteilnehmer mußte 25 Mark bezahlen, was damals ein beachtlicher Betrag war. Aber die Brüder waren freudig bereit, dieses Opfer zu bringen. Für sie war nur wichtig, daß sie an dieser Aktion teilnehmen durften, denn auch der Feind schlief nicht.

      Während die Vorbereitungen für diesen Feldzug getroffen wurden, waren sich die Brüder darüber im klaren, daß die Geistlichkeit, sollte sie vorher davon Kenntnis erhalten, ihren Einfluß geltend machen würde, um dieses Vorhaben zu vereiteln. Aus diesem Grund taten die Brüder alles, um den Plan geheimzuhalten. Dennoch konnten sie nicht verhindern, daß die Geistlichkeit eine Woche vorher irgendwie davon Kenntnis erhielt. Plötzlich war die Reichsbahn nicht mehr bereit, die zwei Sonderzüge zu stellen. Sogleich wurden alle betroffenen Versammlungen angewiesen, Busse zu mieten. Doch die Geistlichkeit erfuhr auch davon und veranlaßte, daß am darauffolgenden Wochenende alle Zufahrtsstraßen aus Sachsen von der Polizei überwacht werden sollten. Die Polizei sollte aus irgendeinem Vorwand alle Wagen anhalten, in denen Bibelforscher saßen, und sie so lange aufhalten, bis sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurückkehren müßten.

      In der Zwischenzeit hatte die Reichsbahn von unseren Vereinbarungen mit den Busunternehmen erfahren und erkannte, daß ihr ein großes Geschäft verlorenging. Daher bewilligte sie in letzter Minute die beiden Sonderzüge. Die Brüder bestellten sofort die Busse ab. Von dieser letzten Änderung, die nur zwei Tage vor der Abreise erfolgte, erfuhr die Geistlichkeit nichts. Darum konzentrierte sie sich mit ganzer Kraft auf die Landstraßen, während die zwei Sonderzüge in Reichenbach (Vogtland) zusammengekoppelt wurden und etwa 2 Uhr nachts Regensburg als e i n großer Sonderzug passierten. Von da an hielt der Zug an jedem Bahnhof, um eine Anzahl Brüder aussteigen zu lassen, die zum Teil ihre Fahrräder mitgebracht hatten, um auch in die weiten Landgebiete vorzudringen.

      An jenem Tag wurde ein gewaltiges Zeugnis gegeben, denn jeder war mit genügend Literatur, auch mit genügend Gratisliteratur ausgerüstet worden. Die Brüder hatten sich vorgenommen, in jeder Wohnung etwas zurückzulassen. Eine Anzahl Brüder wurde verhaftet und konnte nicht mit dem Sonderzug nach Hause fahren, doch diejenigen, die das Vorrecht hatten, an dieser Aktion teilzunehmen, wurden später nie müde, davon zu erzählen. Und wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, daß sich unsere Gegner auch noch lange an dieses Wochenende erinnert haben.

      BANKKRACH

      Inmitten der wachsenden Arbeitslosigkeit und der labilen wirtschaftlichen Lage ging die Bank, in der die hauptsächlichen Geldbeträge des Werkes in Deutschland und Zentraleuropa hinterlegt worden waren, bankrott. Allein der deutsche Zweig erlitt dadurch einen Verlust von 375 000 Mark.

      Die Gesellschaft war gezwungen, die Versammlungen zu unterrichten, daß der für den Sommer 1930 geplante Kongreß in Berlin nicht stattfinden könne. In diesem Brief wurde auch von einer möglichen „Produktionsunterbrechung“ gesprochen. Aber diese Information wirkte wie ein Alarmruf. Obwohl die finanzielle Lage der Brüder sehr schlecht war, da viele von ihnen arbeitslos waren, waren sie sofort bereit, das Geld, das sie bereits für den Kongreß in Berlin gespart hatten, und darüber hinaus alles, was sie sonst noch an finanziellen Mitteln erübrigen konnten, zu spenden, damit die Publikationen ohne Unterbrechung weiter gedruckt werden konnten. Ja viele opferten sogar ihre Eheringe und anderen Schmuck.

      So kam es, daß die schon vor der Bankaffäre eingeleitete weitere Ausdehnung des Werkes nicht behindert, ja nicht einmal aufgehalten wurde. Im Frühling des Jahres 1930 wurde ein weiteres Grundstück gekauft, das an unseren früheren Besitz grenzte. Die alten Gebäude, die auf dem neu erworbenen Grundstück gestanden hatten, wurden abgerissen, und mit dem noch brauchbaren Material bauten die Brüder ein neues, großes Bethelheim mit 72 Zimmern, in denen je zwei Brüder untergebracht wurden, und einem großen Speisesaal.

      WEITERE PROZESSE

      Im Jahre 1930 wurden weitere 434 neue Prozesse begonnen. Das bedeutete, daß nun zusammen mit den noch schwebenden Prozessen 1 522 Fälle anhängig waren.

      Aber unsere religiösen Feinde hatten auch im Jahre 1930 in ihrem Bemühen, uns als Gesetzesübertreter zu brandmarken, einen schweren Stand, denn am 19. April erging an alle Polizeibehörden ein Runderlaß des Ministers, der den folgenden Satz enthielt: „Die Vereinigung verfolgt zur Zeit rein religiöse Zwecke und betätigt sich nicht politisch ... Von der Einleitung von Strafverfahren, insbesondere wegen Vergehens gegen die Reichsgewerbeordnung usw., ist in Zukunft abzusehen.“

      KONGRESSE IN PARIS UND BERLIN

      Im Jahre 1931 plante Bruder Rutherford wieder eine Reise nach Europa. Vom 23. bis 26. Mai sollte ein Kongreß in Paris stattfinden und vom 30. Mai bis 1. Juni ein Kongreß in Berlin. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation in Deutschland schlug Bruder Rutherford vor, daß die Brüder aus Süddeutschland und aus dem Rheinland nach Paris eingeladen werden sollten, da es für sie billiger sei, dorthin zu reisen als nach Berlin. Es wurden Sonderzüge organisiert, die in Köln, Basel und Straßburg abfahren sollten. Die Brüder schätzten diese Vorkehrung sehr, und wie es sich herausstellte, waren von den 3 000 Anwesenden in Paris 1 450 aus Deutschland gekommen.

      Der Kongreß in Berlin fand im Sportpalast statt. Es wurde keine große Anwesendenzahl erwartet, erstens wegen der Wirtschaftskrise und zweitens aufgrund der Tatsache, daß fast 1 500 nach Paris gefahren waren. Welche Freude war es daher, daß fast 10 000 Personen kamen — eine ganz unerwartete Zahl!

      Bruder Rutherford, der jede Gelegenheit wahrnahm, um unter den Brüdern weltliche religiöse Bräuche auszumerzen, hatte schon bei einem früheren Kongreß durch seine Kleidung eine kleine Revolution ausgelöst. Er hatte beobachtet, daß die Brüder in Europa — und natürlich auch in Deutschland — bei Kongressen mit Vorliebe schwarze Kleidung trugen. Die Männer trugen nicht nur schwarze Anzüge — und bei Beerdigungen sogar Zylinder —, sondern auch eine schwarze Krawatte, wie es bei den Organisationen der falschen Religion Brauch war. Diese Beobachtung hatte Bruder Rutherford veranlaßt, einen sehr hellen Anzug zu kaufen und dazu eine dunkelrote Krawatte zu tragen. Nachdem er so gekleidet auch nach Deutschland gekommen war, begannen viele, ihre schwarze Kleidung abzulegen.

      Während des Kongresses in Berlin lenkte er nun die Aufmerksamkeit auf die vielen Fotografien, die ihn oder Bruder Russell darstellten und die in Form von Postkarten oder Bildern, die teilweise sogar gerahmt waren, verkauft wurden. Nachdem er diese Bilder auf zahlreichen Tischen in dem Wandelgang rund um den Sportpalast entdeckt hatte, erwähnte er sie in seinen nächsten Vortrag, forderte die Anwesenden auf, kein einziges zu kaufen, und bat die verantwortlichen Diener mit unmißverständlichen Worten, die Bilder aus ihrem Rahmen zu entfernen und sie zu vernichten, was dann auch geschah. Er wollte alles tun, um zu vermeiden, daß Menschenverehrung getrieben wurde.

      In Verbindung mit dem Kongreß in Berlin besuchte Bruder Rutherford natürlich auch das Zweigbüro in Magdeburg. Wie frühere Besuche wirkte auch dieser wie ein „frischer, befreiender Wind“. Kurz vor Bruder Rutherfords Besuch wurden in allen Zimmern Bilder von ihm und Bruder Russell aufgehängt. Nun wurden sie alle wieder entfernt, sobald Bruder Rutherford sie entdeckt hatte.

      Bruder Rutherford waren auch verschiedene andere Dinge nicht entgangen, die im Laufe der Jahre geschehen waren. Nicht nur er, sondern auch zahlreiche Bethelmitarbeiter hatten die Gefahr erkannt, in der sich Bruder Balzereit befand. Es läßt sich nicht leugnen, daß er ein guter Organisator war und daß das Werk in Deutschland unter seiner Leitung gute Fortschritte machte. Sein großer Fehler war jedoch, daß er das gewaltige Wachstum mehr auf seine eigene Fähigkeit zurückführte als auf Jehovas Geist. Während einer Mahlzeit im Bethel forderte Balzereit die Bethelfamilie auf, ihn in Anwesenheit von Weltmenschen nicht mehr als „Bruder“ anzureden. In solchen Fällen sollten sie ihn mit „Herr Direktor“ ansprechen, und er ließ sogar an der Tür seines Büros ein Schild mit der Aufschrift „Direktor“ anbringen.

      Während dieser Zeit wurde Balzereits Lauterkeit gegenüber Jehova aus einer anderen Richtung bedroht. Offensichtlich hatte er sich schon immer vor Verfolgung gefürchtet. Als verantwortlicher Leiter des deutschen Büros war er in Verbindung mit der Verbreitung der Resolution Anklage gegen die Geistlichkeit vor Gericht gestellt worden. Er wurde zwar freigesprochen, aber als der Richter ihm nahelegte, solche scharfen Erklärungen in unserer Literatur zukünftig zu vermeiden, war er offensichtlich entschlossen, diesen Rat zu befolgen, denn wenn ihm Ausdrücke und Erklärungen im Wacht-Turm oder in anderen Publikationen aus Brooklyn zu scharf erschienen, schwächte er sie ab.

      Auch materialistische Wünsche begannen in ihm aufzusteigen. Balzereit hatte gern Gedichte geschrieben und sie in der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter unter dem Pseudonym Paul Gerhard veröffentlicht, und nun hatte er ein Buch geschrieben und in Leipzig veröffentlicht. Dieses Buch wurde dann von den Versammlungen, die die wahren Umstände nicht kannten, mit in die Liste der zu verbreitenden Literatur aufgenommen, was Bruder Balzereit natürlich beachtliche finanzielle Vorteile einbrachte. Er ließ vor dem Bethel auch einen Tennisplatz anlegen, nur nicht so sehr zum Nutzen der gesamten Familie, sondern vielmehr zum eigenen Gebrauch.

      Um das neue Gebäude rechtzeitig zum Besuch Bruder Rutherfords fertigstellen und der Bestimmung übergeben zu können, hatte Bruder Balzereit die Zahl der Bethelmitarbeiter, die Ende Dezember des Jahres 1930 noch 165 betrug, auf etwa 230 erhöht. Er ging aber dabei nicht ehrlich vor. Da er fürchtete, daß Bruder Rutherford die Zahl der Mitarbeiter nicht gutheißen würde, sorgte er dafür, daß 50 Brüder auf „Missionsfahrt“ geschickt wurden, damit sie nicht von Bruder Rutherford gesehen wurden. Nach ihrer Rückkehr wurden sie gefragt, ob sie lieber zu ihren Eltern zurückkehren oder den Pionierdienst aufnehmen wollten. Eine Anzahl Brüder, die erkannten, daß es sich hier um das Werk Jehovas und nicht um das von Menschen handelte, ergriff diese Gelegenheit, den Pionierdienst aufzunehmen, wohingegen andere verbittert nach Hause zurückkehrten.

      DIE VERFOLGUNG NIMMT ZU

      Im Jahre 1931 übernahmen wieder einmal die bayrischen Behörden die Führung im Kampf gegen Gottes Volk. Durch eine falsche Anwendung der Notverordnung vom 28. März 1931, bei der es um politische Ausschreitungen ging, sahen sie plötzlich eine Gelegenheit, die Literatur der Bibelforscher zu verbieten. Am 14. November 1931 wurden unsere Bücher in München beschlagnahmt. Vier Tage später gaben die Polizeibehörden von München eine Erklärung heraus, die für ganz Bayern galt und durch die sämtliche Literatur der Bibelforscher verboten wurde.

      Natürlich legten die Brüder dagegen sofort Berufung ein. Im Februar des Jahres 1932 erhielt die Regierung von Oberbayern das Verbot aufrecht. Gegen diesen Beschluß wurde sogleich beim bayrischen Innenministerium eine Beschwerde eingelegt, die am 12. März 1932 als „unbegründet“ abgewiesen wurde.

      Der Polizeipräsident von Magdeburg dagegen stellte sich am 14. September 1932 auf unsere Seite, indem er erklärte: „Hiermit [wird] bescheinigt, daß die Internationale Bibelforscher-Vereinigung als eine Gemeinschaft zu betrachten ist, die sich ausschließlich mit biblischreligiösen Fragen befaßt. Sie ist bisher nicht politisch hervorgetreten. Staatsfeindliche Tendenzen sind nicht beobachtet worden.“

      Aber die Schwierigkeiten nahmen von Monat zu Monat zu, selbst in anderen Ländern des Deutschen Reiches. Paul Köcher war mit sechs Sonderpionieren nach Simmern gefahren, um die gekürzte Fassung des Photo-Dramas an zwei Abenden vorzuführen. Er wurde jedoch gezwungen, die Vorführung zu unterbrechen, denn als David mit seiner Harfe gezeigt und ein Psalm von ihm zitiert wurde, begann der ganze Saal zu toben. Schnell stellte es sich heraus, daß es sich bei den Anwesenden fast ausschließlich um Angehörige der SA (Hitlers „Sturmabteilung“) handelte.

      Ähnliche Erfahrungen machten wir auch im Saargebiet. Im Dezember 1931 mußte die Regierung gebeten werden, die Polizeibehörden anzuweisen, unsere Arbeit nicht behindern zu lassen. Diese Anweisung wurde auch herausgegeben, aber sie erregte so den Zorn der Geistlichkeit, daß sie wöchentlich von der Kanzel vor den Bibelforschern warnte. Die Feindseligkeit nahm immer mehr zu, und gegen Ende des Jahres 1932 waren nicht weniger als 2 335 Gerichtsfälle anhängig. Trotz dieser Tatsache erwies sich das Jahr 1932 als das bis dahin beste Jahr, was die Herstellung von Publikationen betraf.

      Am 30. Januar 1933 übernahm Hitler das Amt des Reichskanzlers. Am 4. Februar erließ er eine Verordnung, die es der Polizei gestattete, Literatur zu beschlagnahmen, die die „öffentliche Ordnung und Sicherheit“ gefährdete. Durch diese Verordnung wurde auch die Versammlungs- und Pressefreiheit eingeschränkt.

      DANKSAGUNGSPERIODE DES ÜBERRESTES

      Das Gedächtnismahl fiel in jenem Jahr auf den 9. April, und in Übereinstimmung damit wurde die „Danksagungsperiode des Überrestes“ für die Zeit vom 8. bis 16. April eingeplant. Es sollte ein weltweites Zeugnis mit der Broschüre Die Krise gegeben werden.

      Die Brüder in Deutschland konnten jedoch diese achttägige Zeugnisperiode nicht in Frieden beenden. Der Feldzug mit der Broschüre Die Krise führte in Bayern am 13. April zu einem Verbot. Darauf folgte ein Verbot in Sachsen (am 18. April), in Thüringen (am 26. April) und in Baden (am 15. Mai). Kurz darauf wurde das Werk in den übrigen deutschen Ländern verboten. Bruder Franke, der zu dieser Zeit in Mainz als Pionier tätig war, berichtet, daß die über 60 Verkündiger starke Versammlung dort 10 000 Broschüren zur Verfügung hatte. Die Brüder erkannten, daß sie schnell handeln mußten, wenn sie sie verbreiten wollten. Sie hatten den Einsatz ihrer Zeit so organisiert, daß in den ersten drei Tagen des Feldzuges bereits 6 000 Broschüren verbreitet werden konnten. Aber am vierten Tag wurde eine Anzahl Brüder verhaftet, und ihre Wohnungen wurden durchsucht. Die Polizei konnte jedoch nur wenige Exemplare der Broschüre finden, da die Brüder mit dieser Aktion gerechnet und die restlichen 4 000 Broschüren an einem sicheren Ort versteckt hatten.

      Alle verhafteten Brüder wurden noch am gleichen Tag freigelassen. Sogleich organisierten sie einen Feldzug und teilten die 4 000 Broschüren unter allen Brüdern in der Versammlung auf, die daran teilnehmen konnten. An jenem Abend fuhren sie mit ihren Fahrrädern nach Bad Kreuznach, einer Stadt, die etwa 40 Kilometer von Mainz entfernt ist, und dort verbreiteten sie die restlichen Broschüren unter der Bevölkerung, indem sie sie teilweise verschenkten. Der nächste Tag bestätigte ihnen, daß es richtig war, daß sie diese Aktion durchgeführt hatten, denn inzwischen hatte schon die Gestapo bei allen ihr bekannten Bibelforschern Haussuchungen durchgeführt. Aber alle 10 000 Broschüren waren verbreitet worden.

      In Magdeburg hatten Regierungsorgane das Büro wissen lassen, daß das Bild auf der Titelseite der Broschüre (ein Krieger mit einem bluttriefenden Schwert) anstößig sei, und hatten verlangt, daß es entfernt würde. Bruder Balzereit, der wiederholt seine Kompromißbereitschaft gezeigt hatte, befolgte die Anweisung, die farbigen Umschläge von den Broschüren zu entfernen, sofort.

      Diese Zeugniswoche war mit Spannung geladen. Täglich zeigte der Feind immer deutlicher seinen Entschluß, mit äußerster Härte zuzuschlagen. Um so ermutigender war der Bericht, der zusammengestellt wurde und der zeigte, daß 24 843 Personen das Gedächtnismahl besucht hatten, während es ein Jahr zuvor nur 14 453 waren. Die Anzahl der Verkündiger, die während der Zeugnisperiode tätig waren, war ebenfalls ein Grund zur Freude: Es waren 19 268 im Gegensatz zu den 12 484, die im vorangegangenen Jahr an der Aktion mit der Königreichs-Broschüre teilgenommen hatten. Während der acht Tage des Feldzuges waren 2 259 983 Exemplare der Broschüre Die Krise verbreitet worden.

      GESTAPO DURCHSUCHT BETHELHEIM

      Die Nationalsozialisten hofften, irgendwelches Material zu finden, das uns mit dem Kommunismus in Verbindung bringen würde, als sie das Büro und die Fabrik der Gesellschaft am 24. April besetzten. In diesem Fall hätten sie ein neues Gesetz anwenden und das gesamte Eigentum beschlagnahmen und verstaatlichen können, wie man es schon mit den Gebäuden getan hatte, die den Kommunisten gehörten. Nachdem die Polizei das Gebäude durchsucht hatte, rief sie eines Abends bei der Regierung an und teilte ihr mit, daß sie nichts Verdächtiges gefunden hätte. Doch der Befehl war: „Ihr müßt etwas finden!“ Aber sie hatte keinen Erfolg, und das Eigentum mußte am 29. April an die Brüder zurückgegeben werden. Das Büro in Brooklyn hatte noch am gleichen Tag durch die amerikanische Regierung gegen die ungesetzliche Beschlagnahme des Eigentums (das ja einer amerikanischen Körperschaft gehörte) protestiert.

      KONGRESS IN BERLIN AM 25. JUNI 1933

      Bis zum Sommer des Jahres 1933 war das Werk der Zeugen Jehovas in den meisten deutschen Ländern verboten worden. Regelmäßig wurden die Wohnungen der Brüder durchsucht, und viele Brüder wurden verhaftet. Die Versorgung mit geistiger Speise wurde teilweise behindert, wenn auch nur vorübergehend; doch viele Brüder fragten sich, wie lange das Werk noch fortgesetzt werden könne. In dieser Situation wurden die Versammlungen kurzfristig zu einem Kongreß nach Berlin eingeladen, der am 25. Juni stattfinden sollte. Da zu erwarten war, daß viele den Kongreß wegen der verschiedenen Verbote nicht besuchen könnten, wurden die Versammlungen ermuntert, mindestens einen oder einige Delegierte zu senden. Aber wie sich herausstellte, konnten immerhin 7 000 Brüder kommen. Viele von ihnen waren drei Tage unterwegs, einige fuhren die ganze Strecke mit dem Fahrrad und wieder andere mit Lastwagen, da sich die Busunternehmen weigerten, Busse an eine verbotene Organisation zu vermieten.

      Bruder Rutherford, der zusammen mit Bruder Knorr erst ein paar Tage zuvor in Deutschland eingetroffen war, um zu sehen, was getan werden könnte, um das Eigentum der Gesellschaft sicherzustellen, hatte mit Bruder Balzereit eine Erklärung vorbereitet, die den Kongreßdelegierten zur Annahme vorgelegt werden sollte. Es handelte sich dabei um einen Protest gegen die Einmischung der Hitlerregierung in das Predigtwerk. Alle hohen Regierungsbeamten, vom Reichspräsidenten abwärts, sollten ein Exemplar der Erklärung erhalten, und zwar möglichst per Einschreiben. Einige Tage vor dem Kongreß kehrte Bruder Rutherford nach Amerika zurück.

      Viele Anwesende waren von der „Erklärung“ enttäuscht, da sie in vielen Punkten nicht so offen war, wie die Brüder es erhofft hatten. Bruder Mütze aus Dresden, der bis dahin eng mit Bruder Balzereit zusammengearbeitet hatte, beschuldigte ihn später, den ursprünglichen Text abgeschwächt zu haben. Es war nicht das erstemal, daß Bruder Balzereit die offene und unmißverständliche Sprache, die in den Veröffentlichungen der Gesellschaft gesprochen wurde, verwässert hatte, um Schwierigkeiten mit den Regierungsorganen zu vermeiden.

      Eine große Anzahl Brüder weigerte sich aus diesem Grund, die Resolution anzunehmen. Ja, ein früherer Pilgerbruder namens Kipper weigerte sich, sie zur Annahme vorzulegen, so daß ein anderer diese Aufgabe übernehmen mußte. Es konnte nicht mit Recht gesagt werden, die Erklärung sei einstimmig angenommen worden, obwohl Bruder Balzereit später Bruder Rutherford mitteilte, daß dies der Fall gewesen sei.

      Die Kongreßteilnehmer kehrten müde und zum Teil enttäuscht nach Hause zurück. Sie nahmen jedoch 2 100 000 Exemplare der „Erklärung“ mit nach Hause, die sehr schnell verteilt und auch an zahlreiche verantwortliche Persönlichkeiten versandt werden sollten. Das für Hitler vorgesehene Exemplar enthielt ein Begleitschreiben, in dem es unter anderem hieß:

      „Das Brooklyner Präsidium der Watch-Tower-Gesellschaft ist und war seit jeher in hervorragendem Maße deutschfreundlich. Aus diesem Grunde wurden im Jahre 1918 der Präsident der Gesellschaft und die sieben Glieder des Direktoriums in Amerika zu 80 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil der Präsident sich weigerte, zwei von ihm in Amerika geleitete Zeitschriften zur Kriegspropaganda gegen Deutschland zu gebrauchen.“

      Obwohl die Erklärung abgeschwächt worden war und viele Brüder ihre Annahme nicht ganzherzig unterstützen konnten, war die Regierung empört und leitete eine Welle der Verfolgung gegen diejenigen ein, die sie verbreitet hatten.

      BÜRO MAGDEBURG ERNEUT BESETZT

      Die Erklärung, die einen Tag nach dem Verbot in Preußen, in Berlin, gefaßt und in ganz Deutschland verbreitet wurde, war das Signal für Hitlers Polizei, in Tätigkeit zu treten. Am 27. Juni wurden alle Polizeidienststellen angewiesen, „Ortsgruppen und Geschäftsstellen sofort zu durchsuchen und staatsfeindliches Material zu beschlagnahmen“. Einen Tag später, am 28. Juni, wurde das Gebäude in Magdeburg von dreißig SA-Leuten besetzt, die die Fabrik schlossen und die Hakenkreuzfahne über dem Gebäude hißten. Gemäß einem offiziellen Erlaß der Polizeibehörde war es sogar verboten, auf dem Gelände der Gesellschaft die Bibel zu studieren und zu beten. Am 29. Juni wurde die Maßnahme durch den Rundfunk dem ganzen deutschen Volk bekanntgemacht.

      Trotz energischer Versuche gelang es Bruder Harbeck, dem Zweigaufseher in der Schweiz, nicht, zu verhindern, daß am 21., 23. und 24. August Bücher, Bibeln und Bilder mit einem Gesamtgewicht von 65 189 Kilogramm aus der Fabrik der Gesellschaft geholt, auf fünfundzwanzig Lastwagen geladen und dann am Stadtrand von Magdeburg öffentlich verbrannt wurden. Die Druckkosten des Materials beliefen sich auf 92 719,50 Mark. Außerdem wurden in verschiedenen Versammlungen zahlreiche Veröffentlichungen beschlagnahmt und dann verbrannt oder sonstwie vernichtet, so zum Beispiel in Köln, wo Literatur im Werte von mindestens 30 000 Mark vernichtet wurde. Im Goldenen Zeitalter wurde in der Ausgabe vom 1. Juni 1934 berichtet, daß der wahrscheinliche Gesamtwert des vernichteten Eigentums (Möbel, Literatur usw.) zwischen zwei und drei Millionen Mark betrug.

      Der Verlust wäre aber noch größer gewesen, wenn nicht Schritte unternommen worden wären, den größten Teil der Literatur aus Magdeburg — in einigen Fällen sogar mit Schiffen — abzutransportieren und dann an geeigneten Orten zu lagern. Auf diese Weise war es möglich, große Mengen Literatur vor den Augen und vor dem Zugriff der Geheimpolizei jahrelang versteckt zu halten. Ein großer Teil dieser Literatur wurde in den darauffolgenden Jahren für die Predigttätigkeit im Untergrund verwendet.

      Dank der Intervention der amerikanischen Regierung erhielt die Gesellschaft im Oktober ihr Gebäude in Magdeburg zurück. Im Freigabebescheid vom 7. Oktober 1933 hieß es, daß das Besitztum der Gesellschaft völlig freigegeben und der Gesellschaft zur freien Verfügung zurückgegeben werde, daß es aber weiterhin verboten sei, irgendwelche Tätigkeit auszuüben, Literatur zu drucken oder Zusammenkünfte abzuhalten.

      „FREUNDSCHAFT MIT DER WELT“

      Die Geistlichkeit der Christenheit schämte sich nicht, Hitler und seine Bemühungen, Jehovas Zeugen zu verfolgen, zu unterstützen. Wie in der Oschatzer Gemeinnützigen vom 21. April 1933 berichtet wurde, sagte der evangelische Pfarrer Otto in einer Rundfunkansprache am 20. April 1933 zu Ehren des Geburtstages Hitlers:

      „Die Evangelische Deutsche Kirche des Staates Sachsen hat sich bewußt auf den Boden der neugeschaffenen Tatsachen gestellt und wird in engster Zusammenarbeit mit den politischen Führern unseres Volkes versuchen, in dem Volksganzen nun aufs neue die Kräfte des alten Evangeliums von Jesus Christus zugänglich zu machen. Als ersten Erfolg bei dieser Zusammenarbeit dürfen wir verbuchen, daß am heutigen Tag für das Gebiet Sachsen die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher und ihre Unterorganisationen verboten worden sind. Ja, welch eine Wendung durch Gottes Führung! Bis hierher hat uns Gott geholfen.“

      BEGINN DER UNTERGRUNDTÄTIGKEIT

      Obwohl die Untergrundtätigkeit der Zeugen in dem Jahr, in dem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, praktisch unorganisiert war und nicht überall Zusammenkünfte in kleinen Gruppen abgehalten wurden, fand die Gestapo doch neue Gründe, die Brüder zu verhaften.

      Bald nachdem die ersten Brüder verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht worden waren, begannen die Brüder, die die Lage objektiv beurteilten, zu erkennen, daß es sich bei diesen Maßnahmen nur um den Anfang einer schlimmeren Verfolgungskampagne handelte. Sie wußten, daß es völlig sinnlos war, den Versuch zu unternehmen, diese Fragen am Verhandlungstisch auszuhandeln. Die einzig richtige Möglichkeit war, für die Wahrheit zu kämpfen.

      Doch ein beachtlicher Teil der Brüder zögerte und war der Meinung, es sei am besten abzuwarten, denn Jehova werde gewiß etwas unternehmen, um diese Verfolgung seines Volkes zu verhindern. Während diese Gruppe ihre Zeit durch Unentschlossenheit verschwendete und ängstlich versuchte, nicht durch eigenes Dazutun die Lage noch mehr zu verschlimmern, waren die anderen Verkündiger entschlossen, das Werk fortzusetzen. Bald begannen mutige Brüder, Zusammenkünfte in kleinen Gruppen in ihrer Wohnung abzuhalten, obwohl sie wußten, daß dies zu ihrer Verhaftung und zu schwerer Verfolgung führen konnte.

      An manchen Orten begannen die Brüder, Artikel aus dem Wachtturm zu vervielfältigen, von dem immer einige Exemplare aus Nachbarländern eingeschmuggelt wurden. Karl Kreis aus Chemnitz war einer der ersten, die Vorkehrungen dafür trafen. Wenn er die Matrizen geschrieben hatte, fuhr er damit zu Bruder Boschan in Schwarzenberg, und dort wurden die Abzüge hergestellt. Zu denen, die besonders aktiv waren, gehörten Hildegard Hiegel und Ilse Unterdörfer. Sobald das Verbot erlassen worden war, faßten sie den Entschluß, sich durch nichts daran hindern zu lassen, ihren von Gott gegebenen Auftrag auszuführen. Schwester Unterdörfer kaufte sich ein Motorrad und fuhr zwischen Chemnitz und Olbernhau hin und her, um den Brüdern die vervielfältigten Exemplare des Wachtturms zu bringen. Brüder in der näheren Umgebung suchte sie mit dem Fahrrad auf, um nicht zu sehr aufzufallen.

      Bruder Johann Kölbl traf Vorkehrungen, daß 500 Exemplare des Wachtturms in München vervielfältigt wurden, und diese wurden dann unter den Brüdern dort sowie in weiten Gebieten des Bayerischen Waldes verteilt.

      In Hamburg war es Bruder Niedersberg, der sogleich die Initiative ergriff. Er war einige Jahre Pilgerbruder gewesen, bevor er an multipler Sklerose erkrankte. Trotz dieser Behinderung tat er, was er nur tun konnte. Während dieser Zeit der Prüfungen besuchten ihn die Brüder gern, denn dadurch wurde ihr Glaube immer wieder gestärkt. Seine Liebe zu den Brüdern bewog ihn bald, Schritte zu unternehmen, um dafür zu sorgen, daß sie regelmäßig geistige Speise erhielten. Er fing an, den Wachtturm in seiner Wohnung zu vervielfältigen. Er brachte Helmut Brembach bei, wie man Matrizen schreibt, und erklärte ihm die Handhabung des Vervielfältigungsapparates. Als er dann sah, daß die Arbeit auch ohne seine Hilfe durchgeführt werden konnte, sagte er den Brüdern, er wolle jetzt auf Reisen gehen und die Versammlungen an der Westküste Schleswig-Holsteins besuchen, um ihnen Mut zuzusprechen und um dafür zu sorgen, daß sie ebenfalls den Wachtturm erhielten. Noch einmal besprach er mit den Brüdern ausführlich, wie sie die Zeitschriften verschicken sollten, und arbeitete mit ihnen einen Code aus, mit dessen Hilfe sie aus seinen Briefen erkennen würden, wie viele Exemplare an jede Versammlung geschickt werden sollten.

      Es war der 6. Januar 1934, als Bruder Niedersberg trotz seines schlechten Gesundheitszustandes auf Reisen ging. Er konnte sich nur mühsam und mit Hilfe eines Stockes vorwärts bewegen, aber er tat es im Vertrauen auf Jehova. Nachdem er mehrere Versammlungen besucht hatte, trafen die ersten verschlüsselten Nachrichten in Hamburg ein, und der Versand der vervielfältigten Ausgaben des Wachtturms konnte beginnen. Als er in die Gegend von Meldorf kam, war gerade ein Bruder gestorben, der unter der Bevölkerung gut bekannt war. Da zu erwarten war, daß auch aus benachbarten Versammlungen viele Brüder zur Beerdigung anwesend sein würden, wurde Bruder Niedersberg gebeten, die Beerdigungsansprache zu halten. Er nahm diese Gelegenheit wahr und hielt eine kraftvolle Ansprache, durch die er die anwesenden Brüder stärken wollte, die schon einige Monate lang keine Zusammenkünfte mehr besuchen konnten. Wie erwartet, waren sehr viele anwesend und kehrten gestärkt durch das, was sie gehört hatten, in ihr zugeteiltes Gebiet zurück.

      Natürlich waren auch andere anwesend, sogar Beamte der Gestapo. Nachdem Bruder Niedersberg seine Ansprache gehalten hatte, fragten sie ihn nach seinem Namen und seiner Adresse, aber sie verhafteten ihn nicht, was sie offensichtlich wegen des besonderen Anlasses nicht wagten. So konnte er seine Reise fortsetzen, die für ihn aber immer beschwerlicher wurde. Als er bei Bruder Thode in Hennstedt angelangt war, bekam er plötzlich heftige Kopfschmerzen, und kurz darauf starb er an einem Gehirnschlag. So hatte er seine letzten Kräfte dazu benutzt, um dafür zu sorgen, daß die Brüder die erbauende geistige Speise erhielten. Zwei Wochen später erschien die Gestapo in seiner Wohnung in Hamburg-Altona, um ihn zu verhaften.

      Außer den vervielfältigten Exemplaren des Wachtturms, die in Deutschland hergestellt wurden, wurden auch einige aus der Schweiz, aus Frankreich, der Tschechoslowakei, ja sogar aus Polen nach Deutschland gesandt, und sie erschienen in verschiedener Aufmachung und in unterschiedlichem Format. Zuerst wurden viele Wachtturm-Artikel aus Zürich (Schweiz) geschickt, die den Titel „Der Jonadab“ trugen. Nachdem die Gestapo diese Methode entdeckt hatte, wurden sämtliche Postämter in Deutschland angewiesen, alle Umschläge, die diesen Titel trugen, zu beschlagnahmen und gegen diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, an die die Zeitschriften adressiert waren. In den meisten Fällen führte dies zu ihrer Verhaftung.

      Später änderte sich der Titel und auch die Verpackung des Wachtturms praktisch mit jeder Ausgabe. In den meisten Fällen wurde der Titel des Wachtturm-Artikels benutzt, der im allgemeinen nur einmal erschien, wie zum Beispiel „Die drei Feste“, „Obadja“, „Der Kämpfer“, „Die Zeit“ und „Tempelsänger“. Aber selbst einige dieser Ausgaben fielen der Gestapo in die Hände, und es wurde dann jeweils ein Rundschreiben an alle Polizeidienststellen in Deutschland gesandt mit der Nachricht, diese besondere Zeitschrift sei verboten. Aber in den meisten Fällen kam diese Nachricht zu spät, weil schon ein weiterer Wachtturm-Artikel in völlig anderer Aufmachung und mit einem ganz anderen Titel erschienen war. Die Gestapo mußte bald zornig zugeben, daß Jehovas Zeugen ihr auf dem Gebiet der Strategie voraus waren.

      Ähnlich verhielt es sich mit der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter. Eine Zeitlang war sie nicht auf der Liste der verbotenen Zeitschriften aufgeführt. Als sie später offiziell verboten worden war, wurde sie privat an deutsche Brüder gesandt, und zwar im allgemeinen von Brüdern aus dem Ausland, besonders aus der Schweiz. Diejenigen, die die Zeitschriften versandten, achteten immer darauf, daß die Adresse mit der Hand geschrieben wurde, und zwar jedesmal von jemand anders.

      Je weniger es der Gestapo gelang, die Zufuhr an geistiger Speise zu unterbrechen, desto brutaler wurde sie im Umgang mit den Brüdern. Sie verhaftete sie im allgemeinen, nachdem sie ihre Wohnungen durchsucht hatte, obwohl oft gar kein Grund dazu bestand. Im Polizeipräsidium wurden die Brüder meistens grausam mißhandelt in dem Versuch, ihnen irgendwelche Schuldgeständnisse abzuzwingen.

      „FREIE“ WAHLEN

      Eine andere Waffe, die benutzt wurde, um die Bevölkerung einzuschüchtern, und die besonders gegen Jehovas Zeugen gerichtet war, um sie zu Kompromissen zu zwingen, waren die sogenannten „freien“ Wahlen. Diejenigen, die sich nicht zwingen ließen zu wählen, wurden als „Juden“, „Vaterlandsverräter“ und „Schufte“ verschrien.

      Max Schubert aus Oschatz (Sachsen) wurde am Wahltag fünfmal von Wahlhelfern besucht, die ihn zur Wahl abholen wollten. Frauen besuchten seine Frau mit dem gleichen Ansinnen. Doch Bruder Schubert sagte seinen Besuchern jedesmal, er sei ein Zeuge Jehovas und habe Jehova gewählt, und das genüge; darum brauche er keinen anderen zu wählen.

      Am nächsten Tag hatte er es schwer. Er war bei der Reichsbahn am Fahrkartenschalter beschäftigt und hatte daher ständig Kontakt mit Menschen. An jenem Tag wurde er mit besonderem Nachdruck mit „Heil Hitler!“ begrüßt. Als Erwiderung sagte er dann immer: „Guten Tag!“ oder etwas Ähnliches. Er spürte jedoch, daß etwas „in der Luft“ lag, und besprach dies beim Mittagessen mit seiner Frau. Er sagte ihr, sie solle sich auf alle Eventualitäten einstellen. Nachdem er seinen Dienst an jenem Nachmittag beendet hatte, wurde er gegen 5 Uhr von einem Polizisten abgeholt und zur Ortsgruppenleitung der Nationalsozialistischen Partei gebracht. Ein kleiner Wagen, der mit zwei Pferden bespannt war, stand vor der Tür. Bruder Schubert mußte sich in die Mitte des Wagens stellen, und ringsherum setzten sich eine Anzahl SA-Männer, von denen jeder eine brennende Fackel in seiner Hand trug. Vorn auf dem Wagen stand einer mit einem Horn und hinten einer mit einer Trommel, und sie schlugen abwechselnd Lärm, damit sich jeder die Prozession ansah. Zwei SA-Männer auf dem Wagen hielten ein großes Schild, auf dem geschrieben stand: „Ich bin ein Lump, ein Vaterlandsverräter, weil ich nicht gewählt habe.“ Bald hatte jemand von denen, die hinter dem Wagen herzogen, einen Sprechchor gebildet, der ständig den auf dem Schild geschriebenen Satz wiederholen mußte. Am Schluß des Satzes riefen sie: „Wo gehört er hin?“, worauf die Kinder im Chor schreien mußten: „Ins Konzentrationslager!“ Zweieinhalb Stunden lang wurde Bruder Schubert so durch die Straßen seines 15 000 Einwohner zählenden Heimatortes gefahren. Am nächsten Tag berichtete der Radiosender Luxemburg darüber.

      Einige Brüder waren im Staatsdienst tätig. Da sie nicht den „Deutschen Gruß“ benutzten und sich weigerten, an Wahlen und politischen Demonstrationen teilzunehmen, hatte die Regierung schon seit Sommer 1934 Pläne vorbereitet, um die Bibelforscher im ganzen Reichsgebiet zu verbieten, so daß sie aus dem Staatsdienst entlassen werden konnten. Zu diesem Zweck mußte ein allgemeines Reichsverbot erlassen werden, da Verbote durch die Länderregierungen nicht ausreichend waren. Ein solches Gesetz wurde am 1. April 1935 erlassen. Doch einzelne Amtsstellen hatten schon vorher eigenmächtig gehandelt.

      Ludwig Stickel war Stadtrechnungssekretär in Pforzheim. Am 29. März 1934 erhielt er vom Oberbürgermeister einen Brief, in dem es hieß: „Ich [eröffne] gegen Sie das Dienststrafverfahren mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amte. Sie werden beschuldigt, daß Sie sich an der Volksabstimmung und Reichstagswahl am 12. November 1933 nicht beteiligt haben. ...“ In einem langen Schreiben legte Bruder Stickel seine Einstellung dar, aber da das Urteil in Wirklichkeit schon gefällt worden war, wurde er benachrichtigt, daß er am 20. August entlassen würde.

      Man hatte das Ziel, Jehovas Zeugen aller Verdienstmöglichkeiten zu berauben, indem man sie fristlos aus ihren Stellungen entließ, sie von ihren Arbeitsplätzen jagte, ihre Geschäfte schloß und ihnen verbot, ihren Beruf auszuüben.

      Das mußte auch Gertrud Franke aus Mainz feststellen, nachdem ihr Mann im Jahre 1936 zum fünften Mal verhaftet worden war und die Geheimpolizei ihr versichert hatte, daß sie nicht die Absicht hätte, ihn je wieder zu entlassen. Nachdem Schwester Franke freigelassen worden war — sie war etwa fünf Monate lang als Geisel festgehalten worden —, ging sie zum Arbeitsamt, um eine Arbeitsstelle zu finden. Sie stellte jedoch fest, daß sie niemand anstellen wollte, da sie im Gefängnis gewesen war. Endlich wurde eine Zementfabrik gezwungen, sie einzustellen. Zwei Wochen später erlebte sie ihre nächste Überraschung, als sie feststellte, daß sie ohne ihre Einwilligung in die Deutsche Arbeitsfront aufgenommen worden war und daß man ihr auch die entsprechenden Beiträge vom Lohn abgezogen hatte. Da sie den politischen Charakter dieser Organisation erkannt hatte, ging sie sofort ins Lohnbüro und beschwerte sich, ihr seien für eine Organisation, der sie überhaupt nicht beigetreten sei, Beiträge abgezogen worden, und aus diesem Grunde bat sie darum, die Angelegenheit zu berichtigen. Darauf wurde sie fristlos entlassen. Als sie dann wieder auf dem Arbeitsamt erschien, wurde ihr eröffnet, daß ihr das Arbeitsamt künftig weder eine Arbeitsstelle vermitteln noch eine Unterstützung gewähren würde. Wenn sie sich weiterhin weigere, der Arbeitsfront beizutreten, sollte sie selbst zusehen, wie sie durchs Leben käme.

      JUGENDLICHE ERLEBEN PRÜFUNGEN

      In zahlreichen Fällen wurden Kinder von Zeugen Jehovas der Gelegenheit beraubt, eine Schulbildung zu erhalten. Wir wollen Helmut Knöller seine Erfahrung mit eigenen Worten erzählen lassen:

      „Gerade zu der Zeit, als die Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Deutschland im Jahre 1933 verboten wurde, ließen sich meine Eltern zum Zeichen ihrer Hingabe an Jehova taufen. Aber für mich mit meinen 13 Jahren brach mit dem Verbot die Zeit der Entscheidung an: Im Gymnasium gab es nun öfters Prüfungen wegen des Flaggengrußes, wobei ich mich für die Treue gegenüber Jehova und die Hingabe an ihn entschied. Unter diesen Verhältnissen war an ein Hochschulstudium nicht mehr zu denken, und so begann ich eine kaufmännische Lehre in Stuttgart, die zweimal in der Woche den Besuch der Handelsschule einschloß; aber auch dort wurde jedesmal die Flagge gehißt. Natürlich fiel ich als der Größte durch meine Weigerung, die Fahne zu grüßen, prompt auf.

      Wenn der Lehrer das Schulzimmer betrat, war es für die Schüler Vorschrift, aufzustehen, laut mit ,Heil Hitler!‘ zu grüßen und die rechte Hand vorzustrecken. Dies machte ich auch nicht mit. Natürlich schaute der Lehrer nur auf mich, und dann gab es oft Szenen wie diese: ,Knöller, kommen Sie mal raus! Warum grüßen Sie nicht mit „Heil Hitler!“?‘

      ,Das ist gegen mein Gewissen, Herr Lehrer.‘ ,Was, Sie Schwein, Sie! Gehen Sie bloß weiter weg von mir, Sie stinken ja. Noch weiter! Pfui, so ein Volksverräter ...‘ Ich wurde dann in eine andere Klasse versetzt. Und als mein Vater selbst beim Rektor vorsprach, erhielt er folgende markante Erklärung: ,Kann Ihnen Ihr Gott, auf den Sie hoffen, auch nur ein Stück Brot geben? Adolf Hitler kann es, der hat es bewiesen.‘ Darum müsse man ihn auch verehren und mit ,Heil Hitler!‘ grüßen.“

      Nach Beendigung seiner Lehre brach der Zweite Weltkrieg aus, und Bruder Knöller wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Er berichtet darüber wie folgt:

      „Am 17. März 1940 wurde ich zum Kriegsdienst eingezogen. Meine Kalkulation für diesen Fall war schon lange: Wenn ich mich am Einsatzort melde und dort [den Militärdienst] verweigere, dann komme ich vor ein Kriegsgericht und werde erschossen. Und dies war mir lieber als ins KZ zu kommen. Aber es kam anders. Ich kam gar nicht vor ein Kriegsgericht, sondern wurde in Arrest gesteckt — bei Wasser und einem Stück Brot täglich. Nach fünf Tagen kam die Gestapo und nahm mich mit. Dort gab es ein stundenlanges Verhör mit allen möglichen Drohungen. Nachts wurde ich dann ins Gefängnis gebracht. Ach, wie war ich glücklich! Keine Spur von Angst mehr, sondern nur noch Freude und gespannte Erwartung, was noch alles kommen würde und wie Jehova mir wieder dabei helfen würde! Nach drei Wochen wurde mir ein Schutzhaftbefehl der obersten Gestapobehörde vorgelesen. Darin stand, daß ich wegen meiner staatsfeindlichen Gesinnung und der Gefahr, mich für die verbotenen Internationalen Bibelforscher zu betätigen, in Schutzhaft bleiben müßte. Das bedeutete Konzentrationslager! Es war also genau umgekehrt gekommen, als ich in meiner menschlichen Einfalt kalkuliert hatte. Zusammen mit noch anderen Gefangenen wurde ich dann am 1. Juni in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert.“

      Bruder Knöller lernte nicht nur daß Leben in Dachau, sondern auch in Sachsenhausen kennen. Später wurde er zusammen mit einer Anzahl anderer Gefangener auf die englische Kanalinsel Alderney gebracht. Nach einer dramatischen Fahrt, die bis nach Steyr (Österreich) führte, wurden er und die mit ihm Verbundenen schließlich am 5. Mai 1945 befreit. Wie turbulent die zurückliegenden Jahre waren, zeigt allein die Tatsache, daß Bruder Knöller, der Gegenstand so großer Verfolgung gewesen war, bis dahin nicht die Gelegenheit gehabt hatte, seine Hingabe an Jehova durch die Wassertaufe zu symbolisieren, obwohl er seine Hingabe durch seine Treue selbst unter den schwierigsten Umständen bewiesen hatte. Unter der kleinen Gruppe von Überlebenden, mit denen er nach Hause zurückkehrte, befanden sich neun weitere Brüder, die alle vier bis acht Jahre in Konzentrationslagern treu ausgeharrt hatten und die nun dankbar die Gelegenheit wahrnahmen, sich in Passau taufen zu lassen.

      KINDER IHREN ELTERN ENTRISSEN

      Wie wenig Jehovas Zeugen in jener aufregenden Zeit die Aussicht hatten, Rechtsschutz zu erhalten, mußten Bruder und Schwester Strenge erfahren. Bruder Strenge wurde verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, wonach Schwester Strenge, die nun mit ihren Kindern allein war, bald in eine Situation gestürzt wurde, die ihre letzten Kräfte erforderte. Sie berichtet:

      „In der Schule sollte mein Junge ein nationales Lied und ein nationales Gedicht auswendig lernen. Da er die darin enthaltenen Ausdrücke nicht mit seiner Gesinnung in Einklang bringen konnte, weigerte er sich, das zu tun. Daraufhin ließ ihn der Lehrer wie einen Gefangenen, von zwei Jungen geführt, zu dem Rektor, einem gewissen Herrn Hanneberg, bringen. Dieser sagte ihm, daß ihm die Finger so lange blutig geschlagen werden müßten, bis sie blau angeschwollen seien, ,so daß er sie nicht mehr in den A... stecken‘ könne. Ferner drohte er ihm und sagte, daß er seinen Vater in seinem Leben nie wiedersehen würde. Schließlich fragte er diesen zehnjährigen Jungen, ob er auch den Wehrdienst verweigern werde. Günter wies auf die Bibel hin und sagte, wer das Schwert anfasse, würde auch durch das Schwert umkommen. Darauf sagte der Rektor zum Klassenlehrer: ,Züchtigen Sie ihn wie üblich.‘ Anschließend wurde Günter von dem Rektor mit der Bemerkung nach Hause geschickt, daß er sofort die Polizei anrufen werde, die schon fünf Minuten später bei ihnen zu Hause sein werde, um ihn sofort in die Erziehungsanstalt zu bringen. Kaum war mein Junge zu Hause angekommen, fuhr auch schon die Polizei mit einem großen Auto vor unserem Hause vor. Mehrere Beamte forderten stürmisch Einlaß. Ich machte jedoch die Tür nicht auf. Nach einer Weile ging die Polizei zu meiner Nachbarin und verlangte von ihr ein Zeugnis, das mich belasten sollte. Als diese nichts vorbringen konnte, wurde sie so lange gedrängt, bis sie zugab, gehört zu haben, daß wir jeden Morgen ein Lied gesungen und gemeinsam gebetet hätten. Damit entfernte sich die Polizei wieder.

      Am nächsten Morgen kam die Polizei um etwa 10.30 Uhr wieder. Da ich nicht willens war, freiwillig die Tür zu öffnen, riefen die Gestapobeamten: ,Verfluchte Bibelforscher! Aufmachen!‘ Dann gingen sie zu einem in der Nachbarschaft wohnenden Schlosser und ließen unsere Wohnung gewaltsam aufbrechen.

      Einer der Gestapobeamten hielt mir den Revolver auf die Brust und schrie: ,Die Kinder her!‘ Doch ich hielt sie fest umschlungen, und sie hatten sich schutzsuchend selbst an mich geklammert. Aus Angst, daß wir nun gewaltsam auseinandergerissen würden, schrien wir alle aus Leibeskräften um Hilfe.

      Da das Fenster offenstand, sammelte sich vor dem Haus eine große Menschenmenge an, während ich aus lauter Verzweiflung schrie: ,Ich habe meine Kinder mit großen Schmerzen geboren, ich gebe sie Ihnen nicht. Erst müssen Sie mich totschießen!‘ Dann fiel ich, von Erregung übermannt, in Ohnmacht. Wieder aufgewacht, wurde ich von den Gestapobeamten drei Stunden lang verhört mit dem Ziel, aus mir Aussagen herauszupressen, die meinen Mann belasten sollten. Da ich aber immer wieder in Ohnmacht fiel, mußte das Verhör einige Male unterbrochen werden, während die immer größer werdende Menschenmenge vor dem Haus durch ihren Lärm ihren Unwillen gegen die Vorgänge zum Ausdruck brachte, so daß es schließlich die Gestapo vorzog, die Wohnung unverrichtetersache wieder zu verlassen. Nun sollten die Kinder auf heimlichem Wege von mir getrennt werden. Offensichtlich zu diesem Zweck wurde ich wenige Tage später vor das Sondergericht in Elbing geladen. Am gleichen Tag sollten sich aber auch meine Kinder bei dem über sie bestellten Vormund melden. Ich ahnte Unheil und ging schon einen Tag früher mit meinen Kindern zu diesem Vormund, der mir jetzt eröffnete, daß meine 15jährige Tochter in ein Arbeitslager gebracht und der 10jährige Günter einer national eingestellten Familie zur Erziehung überwiesen werden sollte. Würden sie dort nicht gehorchen, kämen beide in eine Erziehungsanstalt. In meiner großen Erregung sagte ich: ,Sagen Sie, leben wir schon in Rußland, oder sind wir noch in Deutschland?‘, worauf er mir antwortete: ,Frau Strenge, ich will nichts gehört haben. Auch ich stamme aus einer religiösen Familie. Mein Vater ist Pfarrer!‘ Als ich dann noch die Bitte äußerte, meine Tochter wenigstens in einer Stellung unterzubringen, antwortete mir dieser Rechtsanwalt: ,Ich werde mich Ihretwegen keinen Unannehmlichkeiten aussetzen. Lieber will ich mit zwanzig anderen Kindern zu tun haben als mit einem von den Bibelforschern.‘

      Nun kam der Sonnabend, wo ich schweren Herzens nach Elbing fahren mußte, um für meinen Glauben an Jehova und seine Verheißungen als Angeklagte vor Gericht zu stehen. Um mich für diesen schweren Gang noch einmal zu stärken und auch um mein Herz noch einmal ausschütten zu können, suchte ich vorher meinen Mann im Gefängnis auf. Als er vorgeführt wurde, brach ich an seiner Brust zusammen und konnte nichts als weinen. All der Jammer und die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage zogen noch einmal an meinem Auge vorüber: der Mann für drei Jahre im Gefängnis, die Kinder von mir weggerissen, die auch ihrerseits wieder voneinander getrennt würden. Ich war völlig gebrochen und befand mich am Rande meiner Kraft. Doch wie Engelsworte drang es an mein Ohr, als mein Mann mich mit den Erfahrungen Hiobs tröstete und mir dessen Leid schilderte, aber auch die unentwegte Treue zu Gott, so daß er ihm, nachdem er alles verloren hatte, nichts Ungereimtes zuschob. Dann erzählte er mir, wie er selbst nach den zahlreichen Verhören und der Verhandlung, die für ihn schwere Prüfungen waren, von Jehova überaus reichlich gesegnet worden sei. Das gab mir wieder neue Kraft. Mit aufrechter Haltung ging ich nun zur Verhandlung, um dort noch einmal zu vernehmen, mit welchem Eifer meine Kinder vor ihren Lehrern und anderen höherstehenden Beamten für Jehova und ihren Glauben und sein Königreich eingestanden waren. Das Urteil dieses ,deutschen Gerichtes‘ lautete: Weil ich die Erziehung meiner Kinder nicht in nationalsozialistischem Sinne durchgeführt und weil ich mit ihnen Loblieder zur Ehre Jehovas gesungen habe, müsse ich mit acht Monaten Gefängnis bestraft werden.“

      VON KLASSENKAMERADEN GEÄCHTET

      Der zwölfjährige Bruder Willi Seitz aus Karlsruhe machte eine andere Erfahrung. Er berichtet selbst:

      „Was ich bis jetzt, Ihr Lieben, alles durchgemacht habe, kann ich fast nicht beschreiben. In der Schule wurde ich von meinen Mitschülern geschlagen; bei Ausflügen, sofern ich dabei war, mußte ich allein gehen, durfte auch mit meinen anderen Schulkameraden, soweit sie noch für mich waren, nicht sprechen. Mit anderen Worten: Ich wurde gehaßt und verspottet gleich einem räudigen Hunde. Bei alledem war mein einziger Trost, daß Gottes Königreich doch bald kommen würde. ...“

      Am 22. Januar 1937 wurde Willi aus der Schule entlassen — „wegen Verweigerung des Deutschen Grußes, Nichtmitsingens der nationalen Lieder und Nichtteilnahme an den bekannten Schulfeiern“.

      WEGEN BETENS UND SINGENS VERURTEILT

      Max Ruef aus Pocking erkannte ebenfalls, wie systematisch man vorging, um Jehovas Zeugen dazu zu zwingen, ihre Lauterkeit aufzugeben. Seine Existenz wurde vollständig ruiniert. Eine Hypothek, die er aufgenommen hatte, um bauliche Veränderungen vorzunehmen, wurde ihm gekündigt. Da er die Hypothek nicht sofort zurückzahlen konnte, wurde sein ganzes Besitztum im Mai 1934 versteigert.

      „Die Verfolgungen hörten indessen keineswegs auf“, erzählt Bruder Ruef. „Im Gegenteil, ich wurde auf Betreiben der politischen Leitung bewußt falsch angeklagt und vor Gericht gestellt. Und weil man mir nichts zur Last legen konnte, hat mich das Sondergericht München wegen verbotenen Betens und Singens in meiner Wohnung zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt, die ich am 31. Dezember 1936 antreten mußte. Meine Frau, die ihr drittes Kind erwartete, erhielt mit den anderen beiden Kindern von neun und zehn Jahren außer dem Wohnzins von 12 RM keinerlei Unterstützung. Es kam die Zeit der Entbindung. Wir reichten beide, meine Frau und ich, Gesuche ein, mir einige Wochen Strafunterbrechung zu gewähren, damit ich mich der notwendigen Dinge annehmen könne. Etwa eine Woche vor der Entbindung kam die Abweisung mit der Begründung: ,Zur Genehmigung nicht geeignet.‘

      Am 27. März wurde mir im Gefängnis eröffnet, daß meine Frau gestorben sei und ich zur Erledigung der notwendigen Angelegenheiten für drei Tage beurlaubt werde. Ich begab mich nach meiner Entlassung sofort in die Klinik, wohin man meine Frau nach der Entbindung gebracht hatte, die aber schon auf dem Transport dorthin verstorben war. Dort drangen eine Ärztin und auch die Krankenschwestern, die noch nicht wußten, daß ich Zeuge Jehovas bin, förmlich in mich und sagten: ,Herr Ruef, erheben Sie sofort gegen den Arzt und die Hebamme Anzeige, denn Ihre Frau war gesund, und alles war bei ihr in Ordnung‘, worauf ich nur müde antwortete: ,Da hätte ich viel zu tun.‘ Zu Hause angekommen, fand ich im Schlafzimmer das tote Kind vor und die beiden anderen Kinder in einer sich leicht vorzustellenden Situation. Nun, sollte ich diese wieder unversorgt zurücklassen, vielleicht auf Nimmerwiedersehen?“

      Bruder Ruefs Schwiegereltern verlangten, daß die Leiche seiner Frau nach Pocking überführt wurde, wo niemand, der nicht zur Familie gehörte, die Erlaubnis erhielt, am Grab zu sprechen. So kam es, daß Bruder Ruef selbst die Beerdigungsansprache seiner Frau halten mußte, und Jehova gab ihm die Kraft dazu.

      Der Gedanke, nun seine beiden Kinder unbeaufsichtigt zurücklassen zu müssen, war Bruder Ruef unerträglich. Da ihm nur noch wenige Stunden blieben, bis der gewährte Urlaub ablief, brachte er eines der beiden Kinder zu seinen Schwiegereltern, obwohl sie keine Zeugen Jehovas waren, und das andere brachte er zu Brüdern, die in der Nähe der Schweizer Grenze lebten. Schließlich unternahm er eine dramatische Flucht in die Schweiz, wo er mit seinem Kind Asyl erhielt.

      ERST BESTRAFUNG, DANN „FREUNDLICHKEIT“, UM DIE LAUTERKEIT ZU BRECHEN

      Es gab Fälle, in denen Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden, vorübergehend im Glauben schwach wurden und tatsächlich in der Gefahr standen, in das nationalsozialistische Lager abgetrieben zu werden, so, wie sich dies die Führer der „Bewegung“ gedacht hatten. Ein Beispiel dafür ist Horst Henschel aus Meißen, der im Jahre 1943 im Alter von 12 Jahren zusammen mit seinem Vater getauft wurde. Er schreibt:

      „Meine Kindheit war ... ein Auf und Ab. Ich trat aus der Hitlerjugend aus — soweit das überhaupt möglich war —, freute mich und fühlte mich stark. In der Schule wurde jeden Tag der Hitlergruß verlangt, den ich verweigerte, wofür ich Schläge bekam. Trotzdem war es jedesmal ein Grund zur Freude, wenn ich, gestärkt durch meine Eltern, treu geblieben war. Doch zwischendurch gab es auch immer wieder Gelegenheiten, wo ich entweder nach körperlichen Strafen oder in schwierigen Situationen doch ,Heil Hitler!‘ sagte. Ich weiß, daß ich dann immer mit Tränen in den Augen nach Hause kam, wie wir dann gemeinsam zu Jehova beteten und ich dann wieder die Kraft hatte, den Angriffen des Feindes für die nächste Zeit zu widerstehen, bis mir dann erneut eine solche oder ähnliche Sache passierte.

      Dann kam die Gestapo und machte Haussuchung. ,Sind Sie ein Zeuge Jehovas?‘ fragte einer der breitschultrigen SS-Männer meine Mutter. Noch heute sehe ich, wie sie, an den Türrahmen gelehnt, mit einem festen ‚Ja!‘ antwortete. Sie wußte, das bedeutete für sie früher oder später ihre Verhaftung, die auch schon 14 Tage später erfolgte.

      Meine Mutter war gerade dabei, meine kleine Schwester, die einen Tag später ein Jahr alt wurde, zu versorgen. Die Polizei kam mit dem Haftbefehl für meine Mutter. ... Da aber mein Vater gerade zu Hause war, blieben wir noch unter seiner Obhut. ... Doch schon vierzehn Tage später wurde auch er verhaftet. Ich sehe heute noch, wie er vor dem Küchenherd hockte und ins Feuer schaute. Bevor ich zur Schule ging drückte ich ihn noch einmal fest an mein Herz. Doch mein Vater drehte sich nicht mehr nach mir um. Ich habe viel über den harten Kampf nachgedacht, den er in diesen Tagen kämpfte. Noch heute bin ich Jehova dafür dankbar, daß er ihm die Kraft gab, mir ein solches Vorbild zu geben. Als ich nach Hause kam, war ich allein. Mein Vater, der zum Wehrdienst eingezogen werden sollte, war inzwischen zum Wehrbezirkskommando des Ortes gegangen, um dort zu erklären, daß er den Kriegsdienst ablehne. Darauf wurde er sofort verhaftet. Meine Großeltern und die anderen Verwandten, die alle gegen Jehovas Zeugen, ja zum Teil Mitglieder der Nazipartei waren, hatten sich inzwischen um meine einjährige Schwester und mich bemüht, so daß wir nicht in ein Heim oder gar in eine Erziehungsanstalt, sondern zu ihnen kamen. Eine zweite Schwester von mir, die zu dieser Zeit 21 Jahre alt war, wurde vierzehn Tage nach der Verhaftung meines Vaters ebenfalls verhaftet. Drei Wochen später starb sie im Gefängnis an Diphtherie und Scharlach.

      Nun waren meine kleine Schwester und ich bei meinen Großeltern. Ich erinnere mich noch heute an Gelegenheiten, wie ich vor dem Bett meiner Schwester gekniet habe. Mir wurde nicht erlaubt, in der Bibel zu lesen, aber ich tat es unbeobachtet, nachdem ich von einer Nachbarin heimlich eine bekommen hatte. ...

      Einmal machte sich mein Großvater, der nicht in der Wahrheit war, auf, um meinen Vater im Gefängnis zu besuchen. Voller Empörung und außer sich vor Erregung, kehrte er zurück. ,Dieser Verbrecher, dieser Lump! Wie kann er seine Kinder so allein lassen!‘ Mein Vater war an Händen und Füßen gefesselt gewesen, als er vor meinen Großvater gebracht worden war und als an ihn appelliert worden war, um der Kinder willen doch den Kriegsdienst aufzunehmen, war er weiter standhaft geblieben und hatte entschieden abgelehnt, worauf ein Offizier zu meinem Großvater gesagt hatte: ,Und wenn dieser Mann zehn Kinder hätte, er würde nicht anders handeln.‘ Für die Ohren meines Großvaters war dies abscheulich, für mich ein Beweis der Treue meines Vaters, aber auch der Hilfe Jehovas, die er ihm in dieser schwierigen Situation gab.

      Ein wenig später erhielt ich einen Brief von meinem Vater. Es war sein letzter. Da er nicht wußte, in welchem Gefängnis sich meine Mutter befand, schrieb er diesen Brief an mich. Ich ging in meine Bodenkammer, in der ich schlief, und las die ersten Worte dieses Briefes: ,Freue Dich, wenn Du diesen Brief erhältst, denn ich habe ausgeharrt. In zwei Stunden wird mein Urteil vollstreckt ...‘ Ich war traurig und habe auch geweint, obwohl ich die Tiefe der Sache damals nicht so erfaßt hatte wie heute.

      Bei all diesen einschneidenden Erlebnissen blieb ich relativ stark. Ohne Zweifel gab mir Jehova die nötige Kraft, mit diesen Problemen fertig zu werden. Doch Satan hat viele Wege, um uns in seine Schlinge zu locken. Das mußte ich bald erfahren. Einer meiner Angehörigen ging zu meinen Lehrern und bat sie, Geduld mit mir zu haben. Auf einmal wurden alle sehr, sehr freundlich zu mir. Die Lehrer unternahmen nichts mehr, auch wenn ich nicht mit ,Heil Hitler!‘ grüßte, und auch meine Angehörigen wurden besonders nett und lieb zu mir. Dann geschah es.

      Auf eigenen Wunsch ging ich in die Hitlerjugend, ohne von irgend jemand dazu aufgefordert worden zu sein, und das nur wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Was also Satan durch Härte nicht erreicht hatte, gelang ihm durch Schmeichelei und List. Ja ich kann heute wohl sagen, daß harte Verfolgungen von außen eine Prüfung für unsere Loyalität sein können, die schleichenden Angriffe Satans auf verschiedenen Gebieten aber keineswegs ungefährlicher sind als Brutalität von außen. Ich weiß heute, daß meine Mutter während dieser Zeit im Gefängnis viele schwere Glaubensprüfungen durchzumachen hatte. Ich erhielt den letzten Brief meines Vaters, der von seiner Treue und Ergebenheit bis zum Tode berichtete und mich noch sehr stärkte. Sie dagegen erhielt seine Wäsche und seine Anzüge, auf denen noch die Blutspuren zu sehen waren — Zeugen der Drangsalierungen vor seinem Tode. Später sagte mir meine Mutter, daß dies für sie alles sehr schwer war, aber ihre härtesten Prüfungen um jene Zeit seien meine Briefe gewesen, die ich ihr dann schrieb, aus denen sie erkennen mußte, daß ich aufgehört hatte, Jehova zu dienen.

      Nun ging der Krieg bald zu Ende. Meine Mutter kam wieder nach Hause und half mir, auf den Weg der Hingabe zurückzugelangen. Sie erzog mich weiter in der Liebe zu Jehova und in der Hingabe an ihn. Zurückblickend kann ich heute wohl sagen, daß ich damals dieselben Probleme hatte wie viele jugendliche Brüder in unseren Tagen. Aber meine Mutter kämpfte um mich, damit ich den Weg der Hingabe nicht mehr verließe. Seit zweiundzwanzig Jahren darf ich nun durch Jehovas unverdiente Güte im Vollzeitdienst stehen. In dieser Zeit hatte ich auch das Vorrecht — wie meine Eltern —, sechs Jahre und vier Monate im Gefängnis in der Ostzone zu verbringen.

      Oft habe ich mich gefragt, womit ich es verdient habe, daß mich Jehova in der Vergangenheit so reichlich gesegnet hat. Aber ich glaube heute, es sind die Gebete meines Vaters und meiner Mutter gewesen, die mir in meinem christlichen Lauf kein besseres Beispiel geben konnten, als sie es getan haben.“

      Es sind 860 Fälle bekanntgeworden, in denen Kinder ihren Eltern fortgenommen wurden, obwohl die genaue Zahl noch wesentlich höher liegen mag. In Anbetracht solcher Unmenschlichkeit ist es nicht verwunderlich, daß die Behörden im Laufe der Zeit so weit gingen, selbst das Zeugen weiterer Kinder unmöglich zu machen, indem einfach der Ehemann einer „Erbkrankheit“ verdächtigt wurde. Er konnte dann aufgrund dieses Gesetzes sterilisiert werden.

      VERNEHMUNGSMETHODEN

      Eine der grausamen Methoden, die angewandt wurden, war, den Ehepartner und andere Glieder der Familie die Qualen, die ihre Lieben bei den Verhören zu ertragen hatten, unmittelbar miterleben zu lassen. Emil Wilde beschreibt, wie grausam dies war. Er wurde gezwungen, von seiner Zelle aus mit anzuhören, wie seine Frau buchstäblich zu Tode gemartert wurde.

      „Am 15. September 1937, früh gegen 5 Uhr, machten zwei Beamte der Gestapo bei uns eine Haussuchung, nachdem sie zuerst meine Kinder ausgefragt hatten. Anschließend wurden meine Frau und ich ins Polizeipräsidium gebracht und dort sogleich in Gefängniszellen eingeschlossen. Nach Verlauf von ungefähr zehn Tagen erfolgte die erste Vernehmung. Wie man mir sagte, sollte am selben Tag auch meine Frau vernommen werden, was auch der Fall war.

      Von Mittag, ungefähr 1 Uhr, an hörte ich das laute Schreien einer Frau. Dieses Schreien rührte von den Schlägen her, die ihr fortwährend versetzt wurden, und während es immer lauter wurde, hörte ich um so deutlicher, daß es von meiner Frau kam. Ich klingelte und erkundigte mich, warum die Frau, die meine Frau sei, so geschlagen werde; da sagte man mir, das sei nicht meine Frau, sondern eine andere, die diese Schläge auch verdiene, weil sie sich ungezogen benehme. Am späten Nachmittag setzte das Schreien wieder ein und nahm an Heftigkeit dermaßen zu, daß ich wieder klingelte, um mich über die Behandlung meiner Frau zu beschweren. Abermals stritten die Gestapobeamten ab, daß es meine Frau sei. Nachts gegen 1 Uhr konnte ich es nicht mehr mit anhören. Darum klingelte ich erneut, doch jetzt sagte der Polizeibeamte, dessen Namen ich nicht kenne: ,Wenn du noch einmal klingelst, machen wir es mit dir genauso, wie wir es mit deiner Frau gemacht haben.‘ Jetzt trat Ruhe im ganzen Gefängnis ein, denn meine Frau hatten sie inzwischen in die Nervenklinik gebracht. Am 3. Oktober, am frühen Morgen, kam der Gestapo-Hauptwachtmeister Glassin in meine Zelle und teilte mir mit, daß meine Frau in der Nervenklinik verstorben sei. Da habe ich ihm auf den Kopf zugesagt, daß sie am Tode meiner Frau schuld seien, und erhob am Begräbnistag meiner Frau schriftlich Anklage gegen die Gestapo wegen Totschlags, was zur Folge hatte, daß ich nun meinerseits wegen Beleidigung der Gestapo angeklagt wurde.

      Dies hatte auch einen zusätzlichen Prozeß zur Folge, der an meinen ersten angehängt wurde. Als es dann soweit war, standen während der Sondergerichtsverhandlung zwei Schwestern auf und sagten: ,Auch wir haben gehört, daß Frau Wilde geschrien hat: „Ihr schlagt mich ja tot, ihr Teufel!“ ‘ Darauf sagte der Richter zu mir: ,Aber Sie haben es nicht gesehen, sondern nur etwas gehört; deshalb bestrafen wir Sie mit einem Monat Gefängnis.‘ Einige Schwestern, die meine Frau auf der Totenbahre gesehen hatten, bestätigten mir, daß sie ganz entstellt gewesen sei. Am Hals und quer über das Gesicht hätten sie lauter große Striemen gesehen. Ich selbst durfte nicht mit zur Beerdigung gehen.“

      In anderen Fällen versuchte man, die Brüder zu hypnotisieren. Einige von ihnen erhielten Speisen, denen Drogen beigefügt waren, so daß sie vorübergehend über das, was sie aussagten, keine Kontrolle mehr hatten. Anderen wurden während einer ganzen Nacht die Hände und Füße auf dem Rücken zusammengeschlossen, um so ein Geständnis zu erpressen. Da einige diesen schrecklichen Folterungen nicht gewachsen waren, gelang es der Gestapo, sich Informationen darüber, wie das Werk der Zeugen Jehovas organisiert war und durchgeführt wurde, zu beschaffen.

      FREUNDLICHE BEAMTE UND ARBEITGEBER

      Obwohl sich die Beamten der „neuen, kraftvollen und lautstarken Umgangssprache“ bedienten, die besonders die Führer des auf dem sogenannten „Führerprinzip“ aufgebauten neuen Staates kennzeichnete, gab es erfreulicherweise doch hier und da einige Polizeibeamte, die in ihrem Umgang mit Jehovas Zeugen innerhalb und außerhalb des Gefängnisses zeigten, daß sie in ihrem Innern immer noch etwas Mitgefühl gegenüber ihren Mitmenschen bewahrt hatten.

      Carl Göhring wurde aus seiner Stellung bei der Privateisenbahn der Leunawerke bei Merseburg fristlos entlassen, weil er sich geweigert hatte, den Deutschen Gruß zu erweisen und in die Arbeitsfront einzutreten. Das Arbeitsamt weigerte sich, ihm andere Arbeit zu vermitteln, und das Sozialamt lehnte es ab, ihm irgendeine Unterstützung zukommen zu lassen. Aber Jehova, der die Bedürfnisse seines Volkes kennt, lenkte die Dinge so, daß Bruder Göhring bald eine Stellung in der Papierfabrik in Weißenfels fand. Der Direktor, ein Herr Kornelius, stellte alle Brüder aus der Umgebung ein, die aus ihrer Stellung entlassen worden waren, und verlangte von ihnen nichts, was sie mit ihrem Gewissen in Konflikt gebracht hätte.

      Wie es sich später herausstellte, gab es auch andere Arbeitgeber wie diesen, allerdings nicht viele. Dadurch sind manche Brüder dem Zugriff der Gestapo entzogen worden.

      Es gab auch einzelne Richter, die in ihrem Innern keineswegs mit den gewalttätigen Methoden einverstanden waren, deren sich die Hitlerregierung bediente. Besonders am Anfang legten eine ganze Anzahl Richter den Brüdern ein völlig belangloses Schriftstück zur Unterschrift vor, in dem lediglich erklärt wurde, daß sie sich in keiner Weise politisch betätigen würden. Das konnten die Brüder ohne Bedenken unterschreiben, und viele wurden so davor bewahrt, die Freiheit zu verlieren.

      Auch bei Haussuchungen stellte es sich häufig heraus, daß nicht alle Beamten Jehovas Zeugen so haßten, wie es nach außen hin erschienen sein mag. Dies erlebten Bruder Hans Poddig und seine Frau, als ihre Wohnung durchsucht wurde. Sie hatten gerade von Schwester Poddigs leiblicher Schwester, die in den Niederlanden lebte, Post erhalten, unter anderem Exemplare des Wachtturms und anderer Publikationen. Bevor sie jedoch die Gelegenheit hatten, etwas zu lesen, klingelte es plötzlich an der Tür.

      „Schnell“, rief Schwester Poddig, „alles in die Speisekammer und abschließen!“ Da dies aber aufgefallen wäre, beschlossen sie in letzter Minute, die Tür offenzulassen. Unterdessen hatte der Gestapobeamte, der von einem SA-Mann begleitet wurde, das Haus betreten. „Na“, sagte er, „dann wollen wir gleich hier beginnen.“ Damit meinte er die Speisekammer, deren Tür gerade offenstand. Da sagte plötzlich der kleine Junge von Bruder Poddig: „In der Speisekammer können Sie aber lange suchen, da finden Sie nichts“ Da mußte der Beamte unwillkürlich lachen und sagte: „Na, dann wollen wir mal ins andere Zimmer gehen.“ Die ganze Haussuchung verlief erfolglos. Ja, Brüder Poddig und seine Familie hatten den Eindruck, daß sie — zumindest der Gestapobeamte — überhaupt nichts finden wollten. Anscheinend dachte der SA-Mann, die Suche sei nicht gründlich genug durchgeführt worden, und wollte die Suche fortsetzen. Doch der Gestapobeamte wies ihn zurecht und verbot ihm weiterzusuchen. Als sie fortgingen, drehte er sich noch einmal allein um und flüsterte Schwester Poddig zu: „Frau Poddig, hören Sie, ich will es Ihnen sagen. Man will Ihnen die Kinder wegnehmen, weil sie nicht in der Hitlerjugend sind. Bitte schicken Sie die Kinder doch dahin, und wenn es nur der Form nach ist.“ „Dann gingen beide fort, und wir konnten in aller Ruhe die Post lesen, die wir aus Holland erhalten hatten und die so manches Neue enthielt, und dankten Jehova, daß auch wieder ein Wachtturm dabei war“, schreibt Bruder Poddig.

      ÜBERLISTET

      Es gibt natürlich auch zahlreiche Fälle, in denen Gestapobeamte bei Haussuchungen offensichtlich mit Blindheit geschlagen und durch blitzschnelles Handeln der Brüder überlistet wurden, wobei oft ganz klar der Schutz Jehovas und die Hilfe der Engel zu erkennen waren.

      Schwester Kornelius aus Marktredwitz erzählt eine solche Erfahrung: „Eines Tages kamen wieder einmal Kriminalbeamte in unsere Wohnung, um eine Haussuchung durchzuführen. Wir hatten einige Publikationen in der Wohnung, darunter einige vervielfältigte Wachttürme. Ich sah im Moment keine andere Möglichkeit, als sie in eine leere Kaffeekanne zu stecken, die gerade auf dem Tisch stand. Nachdem die Beamten alles durchsucht hatten, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch dieses Versteck gefunden hätten. In diesem Augenblick kam zufällig meine leibliche Schwester in unsere Wohnung. Ganz unvermittelt sagte ich zu ihr: ‚Hier, nimm deinen Kaffee mit!‘ Meine Schwester schaute zunächst etwas ungläubig, begriff dann aber sofort und entfernte sich mit der Kaffeekanne. So war die Literatur wieder außer Gefahr. Die Beamten hatten nicht gemerkt, daß sie überlistet worden waren.“

      Amüsant ist die Geschichte, die Bruder und Schwester Kornelius über ihren fünfjährigen Sohn Siegfried erzählten, der damals noch keine Schwierigkeiten mit dem „Deutschen Gruß“ und ähnlichen Dingen hatte, weil er noch nicht zur Schule ging. Aber da ihn seine Eltern in der Wahrheit erzogen hatten, wußte er, daß die Literatur seiner Eltern, die sie immer versteckten, nachdem sie sie gelesen hatten, sehr wichtig war und das die Gestapo sie nicht finden durfte. Als er eines Tages sah, wie zwei Beamte auf den Hof seiner Eltern kamen, war ihm sogleich klar, daß sie nach versteckter Literatur suchen würden, und er wußte sofort, was er tun mußte, um zu verhindern, daß sie etwas fanden. Obwohl er noch nicht zur Schule ging, nahm er die Schultasche seines älteren Bruders, leerte sie aus und stopfte die ganze Literatur hinein. Dann hing er sich die Tasche auf den Rücken und ging damit auf die Straße. Dort wartete er, bis die Beamten nach einer erfolglosen Haussuchung wieder fortgingen. Danach ging er ins Haus zurück und versteckte die Literatur wieder dort, wo er sie hergeholt hatte.

  • Deutschland (Teil 2)
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974
    • Deutschland (Teil 2)

      „SCHAFE“ IM GEFÄNGNIS GEFUNDEN

      Im Gefängnis kamen die Brüder mit allen Arten von Menschen zusammen, und natürlich erzählten die ihnen, soweit es möglich war, von ihrer Hoffnung. Wie groß war doch ihre Freude, wenn einer ihrer Mitgefangenen die Wahrheit annahm! Von einer solchen Erfahrung berichtet uns Willi Lehmbecker. Er war in einem Gefängnis mit vielen anderen Gefangenen in einem Schlafsaal untergebracht, in dem das Rauchen erlaubt war:

      „Ich hatte mein Bett oben. Der unter mir lag, nebelte mich dermaßen ein, daß ich kaum atmen konnte, aber ich konnte ihm, wenn alles schlief, von der Bibel und von Gottes Vorhaben mit den Menschen erzählen und hatte dabei einen sehr aufmerksamen Zuhörer. Dieser junge Mann war politisch eingestellt und war wegen illegaler Zeitschriftenverbreitung in Haft genommen worden. Wir gaben uns das gegenseitige Versprechen, wenn wir wieder frei seien und noch am Leben seien, uns gegenseitig zu besuchen. Aber es kam anders. 1948 traf ich ihn wieder, und zwar bei unserem Kreiskongreß. Er erkannte mich sofort und begrüßte mich freudig. Und dann erzählte er mir seine Geschichte. Er wurde nach Verbüßung seiner Strafe entlassen, anschließend zum Militär eingezogen und kam an die Front nach Rußland. Hier hatte er Gelegenheit, über alles nachzudenken, was ich ihm erzählt hatte. ... Schließlich sagte er zu mir: ‚Heute bin ich dein Bruder geworden.‘ Könnt ihr verstehen, wie mich das bewegte und wie ich mich freute?“

      Hermann Schlömer hatte eine ähnliche Erfahrung. Es war ebenfalls auf einem Kreiskongreß, als ein Bruder auf ihn zukam und ihn fragte: „Kennst du mich noch?“ Bruder Schlömer antwortete: „Dein Gesicht ist mir bekannt, aber ich weiß nicht, wer du bist.“ Darauf gab sich der Bruder als der Gefängniswärter vom Gefängnis in Frankfurt-Preungesheim zu erkennen, der Bruder Schlömer während seiner fünfjährigen Einzelhaft zu beaufsichtigen hatte. Bruder Schlömer hatte dem Wärter viel über die Wahrheit erzählt. Er hatte ihn auch gebeten, ihm eine Bibel zu besorgen, nachdem dies der Gefängnisgeistliche abgelehnt hatte. Der Gefängniswärter war menschlich eingestellt und brachte Bruder Schlömer eine Bibel. Damit er sich in seiner eintönigen Einzelhaft etwas beschäftigen konnte, brachte ihm dieser Gefängniswärter die Strümpfe seiner Familie zum Stopfen. Ja, Bruder Schlömer hatte wirklich Grund zur Freude, als er feststellen konnte, daß in diesem Fall Jehovas Wort auf fruchtbaren Boden gefallen war.

      DIE GEISTIGE SPEISE WIRD KNAPP

      Die geistige Speise begann in Deutschland knapp zu werden. Wie gefährlich es für den einzelnen, aber auch für ganze Gruppen ausgehen konnte, wenn der Kontakt zur Organisation verlorenging und sie nicht länger die Gelegenheit hatten, geistige Speise zu erhalten, berichtet uns Heinrich Vieker:

      „Als die Nazis an die Macht kamen, waren wir zwischen 30 und 40 Verkündiger in unserer Versammlung. Das herausfordernde Auftreten dieses Systems veranlaßte bald viele Brüder, sich in den Schatten zu stellen und von der aktiven Tätigkeit zurückzutreten. Es war ungefähr die Hälfte der Verkündiger, die in dieser Zeit nicht mehr in Erscheinung trat. Das hatte zur Folge, daß wir im Umgang mit solchen, die sich zurückgezogen hatten, sehr vorsichtig sein mußten. Wir begrüßten sie zwar, wenn wir sie trafen, brachten ihnen aber keine Zeitschriften, wenn wir welche erhielten. Bei einer Besprechung wurden wir tatsächlich gewahr, daß außer 14 Brüdern alle zur Wahl gegangen waren.“

      Natürlich bestand auch die Gefahr, daß einigen Brüdern die geistige Speise vorenthalten wurde, weil sie aus irgendeinen unglücklichen Umstand in den Verdacht gerieten, sich von Jehovas Organisation zurückgezogen zu haben. Dies widerfuhr Grete Klein und ihrer Mutter in Stettin. Hören wir ihre Erfahrung:

      „Wir versammelten uns in kleinen Gruppen in den Wohnungen verschiedener Brüder. Unser Versammlungsaufseher gab mir den Wachtturm, damit ich ihn auf Wachsmatrizen schriebe, so daß er vervielfältigt werden konnte. Doch nur für kurze Zeit, dann blieben die von mir so geschätzten Dienstaufträge aus, da die Brüder ängstlich geworden waren und fürchteten, entdeckt zu werden, besonders nachdem sie festgestellt hatten, daß mein Vater ein Gegner der Wahrheit war. Wir, meine Mutter und ich, erhielten nun nicht einmal eine Kopie des Wachtturms. Ja, die Furcht der Brüder ging so weit, daß sie uns auf der Straße überhaupt nicht mehr grüßten. Wir waren also beide vollständig von der Organisation abgeschnitten. In Stettin gab es nun keine Organisation von Bibelforschern mehr, denn obwohl in Freiheit, waren wir ohne Führer und ohne geistige Speise. ...

      Daß andererseits Stillstand unbedingt Rückgang bedeutete, zeigte sich bald in meiner geistigen Verfassung. Als der Krieg ausbrach, betete ich immer noch für unsere geistigen Brüder in den Konzentrationslagern, bald aber auch für meine fleischlichen Brüder, die mit fleischlichen Waffen in Rußland und Griechenland kämpften. Dabei kam mir nicht einmal zum Bewußtsein, daß das falsch war. Oftmals kam mir sogar der Gedanke, ob es überhaupt möglich sei, eine neue Ordnung unter Gottes Königreich zu errichten.

      Außer mir gab es in der Stettiner Gruppe noch viele Jugendliche, die nicht wußten, wo sie standen. Einige junge Männer, wie Günter Braun, Kurt und auch Artur Wiessmann, standen in der Wehrmacht und kämpften mit weltlichen Waffen. Kurt Wiessmann wurde sogar im Felde getötet. Ein wichtiger Grund für unsere negative Haltung war offensichtlich, daß die verantwortlichen Brüder in der Stettiner Gruppe der Menschenfurcht erlegen waren. ...

      Andererseits sind gerade diese Brüder, die in der damaligen Zeit versagten, ein Beispiel für Jehovas Langmut, Liebe und Vergebung, weil, wie mir bekannt geworden ist, einige nach dem Wiederaufbau der Organisation ihren Lauf aufrichtig bereuten und von Jehova wieder in seine Gunst aufgenommen wurden. Einige von ihnen stehen heute noch als Vollzeitdiener im Dienste Jehovas, wie zum Beispiel unser früherer Versammlungsaufseher in Stettin, der aus Menschenfurcht die Brücke zu mir und meiner Mutter abbrach und sich mit seiner Frau in ein Gebiet zurückzog, wo sie völlig unbekannt waren. Doch wie habe ich mich gefreut, als ich sie bei meinem Dienstantritt im Bethel in Wiesbaden wiedertraf und seitdem beobachten konnte, wie beide bis ins hohe Alter noch als Pioniere tätig sind. Viele der Brüder, die durch seine Handlungsweise im Konzentrationslager und im Gefängnis viel leiden mußten, hatten es jedoch schwer, ihm zu vergeben. Schließlich war ihnen aber Jehovas Barmherzigkeit eine große Hilfe und ein großes Vorbild.“

      UNSICHERHEIT IN MAGDEBURG UND AN ANDEREN ORTEN

      Wenn wir in unserem Bericht noch einmal zum Jahre 1933 zurückkehren, zu dem Jahr, in dem Hitler Reichskanzler wurde, stellen wir fest, daß Bruder Rutherford bald erkannte, daß es die deutsche Regierung auf unser Gebäude und auf die wertvollen Druckmaschinen abgesehen hatte. Daher bemühte er sich sehr, den zuständigen Behörden nachzuweisen, daß es sich bei der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft um eine Tochtergesellschaft der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania handle und demzufolge das Eigentum der Gesellschaft in Magdeburg — das zu einem beachtlichen Teil aus Spenden von Amerika bestand — in Wirklichkeit amerikanisches Eigentum sei. Unter diesen Umständen war Bruder Balzereit als deutscher Staatsbürger nur in beschränktem Maße in der Lage, erfolgreich für die Freigabe des amerikanischen Eigentums zu kämpfen. Bruder Rutherford bat daher Bruder Harbeck, den Zweigaufseher in der Schweiz, in die Auseinandersetzung einzugreifen und dabei von seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft Gebrauch zu machen.

      Bruder Balzereit, der es sich erwählt hatte, aus Sicherheitsgründen in die Tschechoslowakei zu ziehen, meinte nun, er werde in seiner Kompetenz eingeschränkt, und fühlte sich in seinem Ehrgeiz getroffen. Doch er zeigte nur sehr wenig Lust, nach Deutschland zurückzukehren und persönlich die Verhandlungen zu leiten, die im Hinblick auf die Rückgabe des Eigentums der Gesellschaft geführt wurden, und seine Brüder in ihrem Glaubenskampf zu unterstützen. Gleichzeitig beschuldigten Bruder Balzereit und verschiedene andere Brüder, die in der Auseinandersetzung auf seiner Seite Stellung bezogen hatten, Bruder Harbeck der Nachlässigkeit in der Wahrnehmung der Interessen des Werkes in Deutschland, während wieder andere an Bruder Rutherford wegen Bruder Balzereit telegrafierten.

      Bruder Rutherford antwortete Balzereit wie folgt: „Geh nun nach Magdeburg zurück und bleibe dort, übernimm die Aufsicht und tu, was Du kannst, aber unterrichte Bruder Harbeck über alles. ... Es wäre bestimmt nicht nötig gewesen, mich um die Erlaubnis zu bitten, nach Deutschland zurückkehren zu dürfen, da Du — soweit es mich betrifft, und das weißt Du sehr wohl — die ganze Zeit dort hättest bleiben können. Du aber hast mich glauben gemacht, Deine persönliche Sicherheit sei davon abhängig, Dich außerhalb des Landes aufzuhalten.“

      So neigte sich das Jahr 1933 dem Ende zu, ohne daß irgendeine Einheit bezüglich des Abhaltens regelmäßiger Zusammenkünfte und der Durchführung des Predigtwerkes erreicht worden wäre. Hans Poddig beschreibt diese Situation folgendermaßen: „So entstanden zwei Klassen. Die Furchtsamen sagten zu uns, wir seien ungehorsam und brächten sie und das ganze Werk Jehovas in Gefahr.“ Ein Brief, den Bruder Harbeck im August 1933 schrieb, wurde unter den deutschen Brüdern weit verbreitet, und die Furchtsamen benutzten ihn in ihren Diskussionen als Beweis dafür, daß sie sich richtig verhielten. Unterdessen veröffentlichte die Gesellschaft im Wachtturm einen Artikel unter der Überschrift „Fürchtet euch nicht!“, in dem die Handlungsweise derer unterstützt wurde, die trotz zunehmender Verfolgung und Mißhandlung der Stimme ihres Gewissens gefolgt waren und sich in kleinen Gruppen versammelt und das Predigtwerk im Untergrund fortgesetzt hatten. Dieser Artikel zeigte ihnen, daß ihre Handlungsweise in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen war.

      Die Verhandlungen um die Freigabe des Eigentums in Magdeburg waren gescheitert, so daß Bruder Rutherford am 5. Januar 1934 an Bruder Harbeck schrieb: „Ich habe wenig Hoffnung, noch irgend etwas von der deutschen Regierung herauszubekommen. Ich bin der Meinung, daß dieser Flügel der Organisation Satans unser Volk weiter bedrücken wird, bis der Herr einschreitet.“

      Unterdessen hatte Bruder Rutherford weitere Briefe von Brüdern in Deutschland erhalten, die ihm eine genauere Vorstellung über den Zustand des Werkes in Deutschland und auch über die geistige Haltung der Brüder vermittelten. Einer dieser Briefe, den Bruder Poddig geschrieben hatte, handelte von dem Wachtturm-Artikel „Fürchtet euch nicht!“ Es hieß darin, einige der Brüder würden sich weigern, diesen Wachtturm als „Speise zur rechten Zeit“ anzuerkennen. Einige versuchten sogar, die Brüder von jeglicher Predigttätigkeit im Untergrund abzuhalten. Bruder Rutherfords Antwort wurde an alle Brüder weitergeleitet. Sie besagte unter anderem: „Der Artikel ,Fürchtet euch nicht!‘, der im Wachtturm vom 1. Dezember erschien, wurde besonders zum Nutzen unserer Brüder in Deutschland geschrieben. Es ist überraschend, daß irgendwelche Brüder sich denen widersetzen sollten, die bestrebt sind, Gelegenheiten, für den Herrn zu zeugen, zu nutzen. ... Der oben erwähnte Artikel bezieht sich auf Deutschland ebensosehr wie auf alle anderen Teile der Erde. Er betrifft insbesondere den Überrest, wo immer er auch sein mag. ... Daraus folgt, daß der Bücherverwalter, der Dienstleiter, der Werkführer oder irgend jemand sonst keinerlei Recht hat, Euch zu sagen, was Ihr tun sollt, und Euch nicht mit Literatur zu versehen, wenn solche vorhanden ist. Eure Tätigkeit im Dienste des Herrn ist nicht ungesetzlich, denn Ihr verrichtet sie im Gehorsam gegen des Herrn Gebot ...“

      PLÄNE FÜR EIN VEREINTES HANDELN IN BASEL GESCHMIEDET

      Vom 7. bis 9. September 1934 wurde ein Kongreß in dem Mustermesse-Gebäude in Basel (Schweiz) organisiert. Bruder Rutherford hoffte, dort eine Anzahl Brüder aus Deutschland zu treffen, um von ihnen etwas aus erster Hand über die tatsächliche Situation in diesem Land zu erfahren. Unter großen Schwierigkeiten gelang es fast 1 000 Brüdern aus Deutschland, den Kongreß zu besuchen. Später berichteten sie, wie erschüttert Bruder Rutherford war, als er persönlich hörte, wie die Brüder bis dahin schon hatten leiden müssen.

      Andererseits mußte er erkennen, daß selbst die reisenden Aufseher, die anwesend waren, hinsichtlich des Predigtwerkes nicht einer Meinung waren. Er sprach mit ihnen darüber, welche Schritte in Deutschland nach dem Kongreß unternommen werden sollten. Es wurden Pläne für ein vereintes Handeln geschmiedet.

      Der 7. Oktober 1934 wird in der Erinnerung all derer, die das Vorrecht hatten, an den Ereignissen jenes Tages teilzunehmen, immer etwas Besonderes bleiben. An jenem Tag wurden Hitler und seine Regierung mit dem furchtlosen Handeln der Zeugen Jehovas — in seinen Augen eine lächerliche Minderheit — konfrontiert.

      Nähere Einzelheiten enthielt ein Brief von Bruder Rutherford, von dem durch besondere Boten jeder Versammlung in Deutschland ein Exemplar zugestellt werden sollte. Gleichzeitig hatten die Boten den Auftrag, Zusammenkünfte, die an diesem bestimmten Tag in ganz Deutschland stattfinden sollten, vorzubereiten. In dem Brief Bruder Rutherfords hieß es auszugsweise:

      „Jede Gruppe der Zeugen Jehovas in Deutschland versammle sich am Sonntag morgen, den 7. Oktober 1934, um 9 Uhr an einem geeigneten Platz ihres Wohnortes. Dann soll diese Mitteilung der versammelten Gruppe vorgelesen werden. Darauf werdet Ihr gemeinsam zu Gott beten und ihn durch Christus Jesus, unser Haupt und unseren König, um Führung, Schutz, Befreiung und um seinen Segen bitten. Unmittelbar darauf sollt Ihr an die Regierungsbeamten Deutschlands ein Telegramm senden, das vorher vorbereitet wurde. Dann möget Ihr eine kurze Zeit Euch dem Studium von Matth. 10:16-24 widmen. Indem Ihr dies tut, ‘stehet Ihr für Euer Leben ein’ (Esther 8:11); dann sollt Ihr die Versammlung schließen und hinausgehen zu Euren Nachbarn und ihnen Zeugnis geben vom Namen Jehovas Gottes und von seinem Königreich unter Christus Jesus.

      Eure Geschwister auf der ganzen Erde werden Euer gedenken und zu gleicher Zeit ein ähnliches Gebet an Jehova richten.“

      VEREINTE ERKLÄRUNG DES ENTSCHLUSSES, GOTT ZU GEHORCHEN

      Natürlich mußten die Vorbereitungen unter größter Geheimhaltung durchgeführt werden. Darum wurde jedem Bruder, der damit zu tun hatte, zur Auflage gemacht, nicht einmal mit seiner eigenen Frau oder einem sonstigen Familienangehörigen über das zu sprechen, was für den 7. Oktober vorbereitet wurde. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen entstand im letzten Moment eine Situation, die verheerende Folgen hätte haben können, wenn nicht Jehovas mächtiger und schützender Arm gewesen wäre. Über das, was in Mainz geschah, berichtet Konrad Franke:

      „Da ich schon früh, im Jahre 1933, das erste Mal in ein Konzentrationslager gebracht worden war und nach der Entlassung oft vor der Gestapo erscheinen mußte, die mich jedesmal für die organisierte Tätigkeit in dieser Stadt — wovon die laufenden Anzeigen Zeugnis ablegten — verantwortlich machte, habe ich bald Vorsorge treffen müssen, daß meine Post an eine Deckadresse gesandt wurde, die auch unserem damaligen Bezirksdienstleiter, Bruder Franz Merck, bekannt war. Aber aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen hat er mir nicht, wie es in Basel verabredet worden war, den Brief Bruder Rutherfords persönlich mit entsprechenden Anweisungen überbracht, sondern ihn wirklich in letzter Minute durch die Post an meine offizielle Adresse gesandt. Zum Glück war ich aber schon durch Bruder Albert Wandres, mit dem ich eng zusammenarbeitete, auf die Aktion aufmerksam gemacht worden und kannte so alle Einzelheiten, die dieser Brief enthielt. Da die kurze Zeit bis zum 7. Oktober verging, ohne daß ich diese wichtigen Informationen von Bruder Merck erhielt, traf ich inzwischen ohne seine Hilfe entsprechende Vorbereitungen für die vorgesehene Zusammenkunft bei Brüdern, die in einem Vorort von Mainz wohnten, an der nahezu zwanzig Personen teilnehmen sollten.

      Zwei Tage zuvor mußte aber plötzlich eine Umorganisierung vorgenommen werden, weil der für die Zusammenkunft in Aussicht genommene Ort sehr gefährdet war. Nachdem allen in Frage kommenden Brüdern und Schwestern eine andere Adresse genannt worden war, entpuppte sich plötzlich eine Familie in dem Haus, wo wir nun am folgenden Morgen zusammenkommen wollten, als großer Gegner. Sie drohte, jede einzelne ihr als Zeuge Jehovas bekannte Person sofort verhaften zu lassen, die irgendwann in Zukunft das Haus betreten werde. Darum baten mich nun auch die Brüder, denen das Haus gehörte und bei denen wir am kommenden Morgen zusammenkommen wollten, doch davon Abstand zu nehmen. So wurde es notwendig, am 6. Oktober noch einmal alle Brüder zu besuchen, um ihnen einen dritten Ort bekanntzugeben, wo am kommenden Morgen um 9 Uhr die Zusammenkunft stattfinden sollte. Aber wohin sollten wir nun gehen? Alle Möglichkeiten schienen erschöpft zu sein. Nach gebetsvoller Überlegung entschloß ich mich trotz der damit verbundenen Gefahren, die Brüder in meine kleine Pionierwohnung einzuladen.

      Als ich dann am 6. Oktober abends müde nach Hause kam, überreichte mir meine Frau einen Brief, den ein Beamter der Stadt noch zu später Stunde — also außerhalb der offiziellen Postzustellungszeit — gebracht hatte, obwohl er normal frankiert war und demzufolge von der Post nicht vordringlich befördert werden mußte. Als ich ihn öffnete, war es der Brief von Bruder Rutherford, den mir Bruder Merck auf diesem Wege zustellte, weil er wahrscheinlich keine Möglichkeit mehr sah, ihn mir noch rechtzeitig persönlich zu übergeben.

      Die Begleitumstände waren aber für mich ein klarer Beweis dafür, daß dieser Brief, wie übrigens alle meine Privatpost, erst zur Gestapo gegangen war, die ihn ihrerseits mir auf diese ungewöhnliche Weise in die Hände spielte, offensichtlich in der Annahme, daß ich von der ganzen Aktion noch nichts wüßte, aber aufgrund des Inhaltes dieses Briefes noch während der Nacht alles so organisieren würde, daß sie am nächsten Morgen ohne besondere Anstrengung Gelegenheit hätte, uns aufzuspüren und alle zu verhaften. Ganz abgesehen davon hätte die Zeit auch noch ausgereicht, alle Dienststellen in Deutschland zu alarmieren und so am nächsten Morgen an verschiedenen Orten die versammelten Zeugen Jehovas mühelos zu verhaften.

      Was sollte ich nun tun? Meine Wohnung, die sich in einem Gasthaus befand, war wirklich mehr als unsicher. Alle Bewohner dieses Hauses waren bis auf die Besitzerin, eine Schwester, deren Schlafzimmer direkt neben unserer Wohnung lag, erbitterte Gegner. Andererseits waren aber alle Möglichkeiten zusammenzukommen erschöpft. Darum entschloß ich mich, im Vertrauen auf die Hilfe Jehovas an der Sache nichts mehr zu ändern und die Brüder und Schwestern, die zu einem beachtlichen Teil in einem geteilten Haus lebten und von dem Zweck der Zusammenkunft noch nicht die geringste Ahnung hatten, nicht übermäßig zu beunruhigen. In meinem Innern war ich jedoch auf die nächste Verhaftung vorbereitet.

      So kam denn der 7. Oktober. Morgens um 7 Uhr erschienen schon die ersten Brüder, denn das Kommen all derer, die eingeladen worden waren, mußte auf zwei Stunden aufgeteilt werden, damit es nicht so sehr auffiel. Als dann die Brüder nach und nach erschienen, waren sie alle in gespannter Erwartung, obwohl sie gemäß den gegebenen Anweisungen immer noch nicht über den Zweck der Zusammenkunft informiert worden waren. Es war aber niemand unter ihnen, der nicht fühlte, daß dies ein äußerst bedeutsamer Tag war. Alle, auch die Schwestern, deren Männer zum Teil große Gegner waren und von denen die meisten außerdem noch kleine Kinder zu betreuen hatten, machten den Eindruck äußerster Entschlossenheit und Bereitschaft, alles zu tun, was im Interesse der Rechtfertigung des Namens Jehovas notwendig war.

      Zehn Minuten vor 9 Uhr waren nun alle in unserem kleinen Pionierzimmer versammelt. Ich selbst rechnete jeden Augenblick damit, daß die Gestapo mit einem großen Auto vorfahren und uns alle verhaften werde. Darum fühlte ich mich verpflichtet, nun den Brüdern die Situation zu erklären, ihnen aber auch noch die Möglichkeit zu bieten, von der Teilnahme an dieser Zusammenkunft Abstand zu nehmen, wenn ihnen die Folgen, die sich daraus ergeben könnten, zu schwer erscheinen sollten. Dann sprach ich zu ihnen: ,Die Situation ist so, daß wir in zehn Minuten alle verhaftet werden können. Ich möchte aber nicht, daß mir später einmal jemand von euch den Vorwurf macht, ich hätte ihn in diese Lage gebracht, ohne ihn über den Ernst der Situation zu informieren. Darum bitte ich euch, nehmt bitte eure Bibel zur Hand und schlagt mit mir 5. Mose, Kapitel 20 auf.‘ Dann las ich vor, was nach der Elberfelder Übersetzung in Vers 8 geschrieben steht: ,Wer ist der Mann, der sich fürchtet und verzagten Herzens ist? er gehe und kehre nach seinem Hause zurück, damit nicht das Herz seiner Brüder verzagt werde wie sein Herz.‘ Nachdem ich das vorgelesen hatte, sagte ich zu den Versammelten: ,Jeder, dem nun die Situation zu gefährlich erscheint, hat jetzt noch die Möglichkeit, von der Teilnahme an der Zusammenkunft Abstand zu nehmen.‘

      Doch niemand, auch nicht die Schwestern mit einem gegnerischen Mann und mit kleinen Kindern zu Hause, dachte daran, sich jetzt aus Furcht zurückzuziehen. Was jetzt folgte, ist einfach unmöglich in menschliche Worte zu kleiden. Während der wenigen Minuten, die uns noch bis 9 Uhr verblieben, herrschte eine feierliche Stille im Raum. Offensichtlich vertrauten sich alle Anwesenden in einem stillen Gebet dem Schutze Jehovas an. Doch dann war es soweit. Es war Punkt 9 Uhr. Und während sich in meinen Sinn immer wieder der Gedanke einschleichen wollte, gleich werde im Hof die Gestapo vorfahren, eröffnete ich die Zusammenkunft mit einem Gebet. Plötzlich hatten wir alle das Gefühl, es habe sich ein fester, schützender Ring um uns gelegt, der nicht nur die gefährdeten Brüder in Deutschland, sondern auch die der ganzen Welt mit einschloß, die sich gemäß den gegebenen Anregungen in vielen Ländern zur gleichen Stunde versammelt hatten, um gegen die unmenschliche Behandlung ihrer Brüder in Deutschland bei Hitler zu protestieren, und natürlich auch ihre Zusammenkunft mit einem Gebet einleiteten.

      Anschließend hielt ich eine Ansprache an die Brüder, indem ich die Hauptgedanken wiederholte, die Bruder Rutherford in seinem denkwürdigen Vortrag zur Ermunterung der deutschen Brüder in Basel besprochen hatte. Dabei ging es um den biblischen Beweis, daß wir trotz der veränderten Verhältnisse von Jehova nicht von unserer Pflicht entbunden worden seien, regelmäßig zusammenzukommen und sein Wort zu studieren und ihn anzubeten, aber auch nicht von der Pflicht, ihm als seine Zeugen zu dienen und öffentlich das Königreich bekanntzumachen. Da wir uns in unserer Wohnung schon seit dem Verbot bemüht hatten, diesen beiden Punkten gewissenhaft nachzukommen, waren uns all die Worte Bruder Rutherfords wie aus dem Herzen gesprochen.“

      Darum stimmten auch alle begeistert dem folgenden Brief zu, der noch am gleichen Tag per Einschreiben an Hitler gesandt werden sollte:

      „AN DIE REICHSREGIERUNG:

      Das in der Heiligen Schrift enthaltene Wort Jehovas ist höchstes Gesetz. Es ist unsere einzige Richtschnur, weil wir uns Gott geweiht haben und wahre, aufrichtige Nachfolger Christi Jesu sind.

      Im vergangenen Jahre haben Sie im Widerspruch zu Gottes Gesetz und in Verletzung unserer Rechte uns verboten, uns als Zeugen Jehovas zu versammeln, um Gottes Wort zu erforschen, ihn anzubeten und ihm zu dienen. In seinem Wort befiehlt uns Gott, unser Zusammenkommen nicht zu versäumen (Hebr. 10:25). Er befiehlt uns weiter: ‘Ihr seid meine Zeugen, daß ich Gott bin ..., geht und überbringet dem Volke meine Botschaft’ (Jes. 43:10, 12; 6:9; Matth. 24:14). Es besteht ein direkter Widerspruch zwischen Ihrem Gesetz und Gottes Gesetz. Wir folgen dem Rat der treuen Apostel und „müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen“, und das werden wir auch tun (Apg. 5:29). Daher teilen wir Ihnen mit, daß wir um jeden Preis Gottes Gebote befolgen, daß wir uns versammeln werden, um sein Wort zu erforschen, und daß wir ihn anbeten und ihm dienen werden, wie er geboten hat. Wenn Ihre Regierung oder Ihre Regierungsbeamten uns Gewalt antun, weil wir Gott gehorchen, so wird unser Blut auf Ihrem Haupte sein, und Sie werden Gott, dem Allmächtigen, Rechenschaft ablegen müssen.

      Mit politischen Angelegenheiten haben wir nichts zu tun, sondern sind Gottes Königreich unter der Herrschaft Christi, seines Königs, völlig ergeben. Wir werden niemandem Leid oder Schaden zufügen. Es würde uns freuen, mit allen Menschen Frieden zu halten und ihnen nach Möglichkeit Gutes zu tun. Da aber Ihre Regierung und Ihre Beamten weiterhin versuchen, uns zum Ungehorsam dem höchsten Gesetz des Universums gegenüber zu zwingen, müssen wir Ihnen kundtun, daß wir durch seine Gnade Jehova Gott gehorchen wollen und daß wir ihm völlig vertrauen, daß er uns von aller Bedrückung und allen Bedrückern befreien wird.“

      Jehovas Zeugen kamen auf der ganzen Erde am 7. Oktober zusammen, um ihre deutschen Brüder zu unterstützen, und nach einem vereinten Gebet an Jehova sandten sie ein Telegramm an die Hitlerregierung, das folgende Warnung enthielt:

      „Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Gott Sie und Ihre nationale Partei vernichten.“

      Überraschenderweise wurden an jenem Tag nur wenige Brüder verhaftet, obwohl die Gestapo — wenn auch in letzter Minute — über alle Einzelheiten informiert worden war. Schalten wir uns noch einmal in den Bericht von Bruder Franke ein:

      „Obwohl nun schon mehr als eine Stunde vergangen war, nachdem wir die Zusammenkunft durch ein Gebet zum Abschluß gebracht hatten, war doch noch niemand von der Gestapo erschienen. Nun begannen die ersten — wieder in gewissen Zeitabständen — die Wohnung zu verlassen. Als noch etwa acht Brüder anwesend waren, brach ich selbst auf und wollte mit dem Fahrrad in die Nachbarstadt Wiesbaden fahren, um den noch in der vorangegangenen Nacht geschriebenen und dort hinterlegten Brief selbst zur Post zu bringen, den die Brüder in Wiesbaden im Falle meiner Verhaftung, mit der ich ziemlich sicher gerechnet hatte, noch am gleichen Tag zur Post gegeben hätten. Als ich das Gartentor passierte, kam ein einzelner Gestapobeamter ebenfalls mit dem Fahrrad angefahren, ohne mich zu erkennen. Die restlichen acht Brüder konnten gewarnt werden und flüchteten in das an unsere Wohnung anschließende Schlafzimmer von Schwester Darmstadt, der das Haus gehörte. Die Fragen, die der Gestapobeamte dann bei einer Durchsuchung unserer kleinen Wohnung meiner Frau stellte, waren eine Bestätigung dafür, daß die Gestapo über unsere Zusammenkünfte genau informiert war. Trotzdem wurde niemand von den Brüdern, auch ich nicht, an diesem Tag verhaftet. Erst einige Monate später wurde mir bei einer erneuten Verhaftung von der Gestapo mitgeteilt, daß sie im Besitz des Briefes von Bruder Rutherford war.“

      Während einige Brüder gleich im Anschluß an die Zusammenkunft zu ihren Nachbarn gingen, um deren Aufmerksamkeit auf Gottes Königreich zu lenken, herrschte auf vielen Postämtern außerhalb Deutschlands, besonders auf dem europäischen Kontinent, große Aufregung, weil man sich vielerorts weigerte, das Telegramm zu befördern. Das war auch in Budapest der Fall. Martin Pötzinger hatte dort an der Zusammenkunft teilgenommen und den Auftrag erhalten, das Telegramm zur Post zu bringen. Er berichtet: „Das Telegramm wurde angenommen, aber am nächsten Tag wurde mir per Karte vom Hauptpostamt mitgeteilt, daß ich persönlich vorsprechen möge. Wir dachten alle, die Gestapo würde mich dort in Empfang nehmen und mich des Landes verweisen, was das Ende meiner Tätigkeit bedeutet hätte. ... Aber es geschah nichts. Es wurde mir nur erklärt, daß Ungarn dieses Telegramm nicht absenden würde, worauf mir der entrichtete Betrag zurückerstattet wurde.“ In Doorn (Niederlande), wo der deutsche Kaiser, Wilhelm II., im Exil lebte, weigerte sich das Postamt zunächst, das Telegramm abzuschicken, unterrichtete aber später Hans Thomas, der es aufgegeben hatte, daß es abgeschickt und der Empfang von Berlin bestätigt worden sei.

      Welche Wirkung die Briefe und besonders die Telegramme bei Hitler auslösten, geht aus einem von Karl R. Wittig verfaßten Bericht hervor, dessen Echtheit am 13. November 1947 von einem Notar in Frankfurt (Main) bestätigt wurde:

      „ERKLÄRUNG — Am 7. Oktober 1934 suchte ich in meiner Eigenschaft als damaliger Bevollmächtigter General Ludendorffs nach vorausgegangener Aufforderung den damaligen Reichs- und Preußischen Minister des Innern, Dr. Wilhelm Frick, im seinerzeitigen Reichsministerium des Innern in Berlin, Am Königsplatz 6 auf, um von letzterem Mitteilungen entgegenzunehmen, die den Versuch enthielten, General Ludendorff zur Aufgabe seines ablehnenden Standpunktes dem nationalsozialistischen Regime gegenüber zu bewegen. Während meiner Unterredung mit Dr. Frick erschien plötzlich Hitler und beteiligte sich an den Verhandlungen. Als unser Gespräch zwangsläufig auch das bisherige Vorgehen des nationalsozialistischen Regimes gegen die Internationale Bibelforscher-Vereinigung [Jehovas Zeugen] in Deutschland streifte, legte Dr. Frick Hitler eine Reihe aus dem Auslande eingelaufener Protesttelegramme gegen die Verfolgung der Bibelforscher im ,Dritten Reich‘ mit folgendem Bemerken vor: ,Wenn sich die Bibelforscher nicht gleichschalten, dann werden wir sie mit den schärfsten Mitteln anfassen‘, worauf Hitler aufsprang, seine Hände zusammenballte, sie erhob und hysterisch schrie: ,Diese Brut wird aus Deutschland ausgerottet werden!‘ Vier Jahre nach dieser Unterredung habe ich mich während meiner sieben Jahre dauernden zweiten Schutzhaft, die bis zu meiner Befreiung durch die Alliierten anhielt, in der Hölle der nationalsozialistischen Konzentrationslager Sachsenhausen, Flossenbürg und Mauthausen aus eigener Anschauung davon überzeugen können, daß es sich bei dem Wutausbruch Hitlers um keine leere Drohung gehandelt hat, denn keine Häftlingskategorie ist in den genannten Konzentrationslagern dem Sadismus der SS-Soldateska in einer solchen Weise ausgesetzt gewesen wie die Bibelforscher — ein Sadismus, der durch eine derartige nicht abreißende Kette physischer und seelischer Quälereien gekennzeichnet war, die keine Sprache der Welt wiederzugeben imstande ist.“

      Nachdem wir unsere Briefe an Hitler abgeschickt hatten, setzte eine Welle der Verhaftungen ein. Am schlimmsten wurde Hamburg betroffen, wo die Gestapo nur wenige Tage nach dem 7. Oktober 142 Brüder verhaftete.

      DIE UNTERGRUNDARBEIT WIRD ORGANISIERT

      Da wir nun Hitler in unserem Brief vom 7. Oktober unterrichtet hatten, daß wir trotz des Verbots weiterhin ausschließlich Gottes Geboten gehorchen würden, bemühten wir uns, alle mutigen und einsatzwilligen Brüder und Schwestern zu kleinen Gruppen, die unter der Leitung eines reifen Bruders stehen sollten, zu organisieren, dessen Aufgabe es war, sich ganzherzig der Schafe des Herrn anzunehmen und sie zu weiden.

      Das Land wurde in dreizehn Bezirke aufgeteilt, und in jedem Bezirk wurde ein Bruder mit guten Hirteneigenschaften zum „Bezirksdienstleiter“ — wie man damals sagte — ernannt. Es mußte ein Bruder sein, der ungeachtet der damit verbundenen Gefahren bereit war, die kleinen Gruppen aufzusuchen, um sie mit geistiger Speise zu versorgen, sie in ihrer Predigttätigkeit zu unterstützen und im Glauben zu stärken. Mit wenigen Ausnahmen wurden solche Brüder in diese Stellungen eingesetzt, die den Brüdern bis dahin völlig unbekannt waren. Sie hatten jedoch seit Hitlers Machtergreifung bewiesen, daß sie bereit waren, ihre persönlichen Interessen denen des Königreiches unterzuordnen.

      VERVIELFÄLTIGUNG UND VERBREITUNG DES „WACHTTURMS“

      Die Brüder vervielfältigten und verbreiteten Exemplare des Wachtturms an vielen verschiedenen Orten in ganz Deutschland. In Hamburg zum Beispiel fuhr Helmut Brembach fort, die Brüder in Schleswig-Holstein und in Hamburg mit den von ihm und seiner Frau nachts hergestellten Vervielfältigungen zu versorgen. Schwester Brembach erzählt die folgende Erfahrung, die nur eine von den vielen ist, die sie und ihr Mann gemacht haben:

      „Es war vormittags, als es plötzlich klingelte, und zwar heftiger als sonst. Als ich öffnete, standen drei Männer vor der Tür. Ich ahnte schon, worum es ging. ,Gestapo!‘ sagte einer, und schon kamen alle drei in die Wohnung. Das Herz schlug mir bis zum Hals, denn ich dachte an die vielen verbotenen Dinge, die sich in unserem Haus befanden. Während ich innerlich vor Erregung zitterte, betete ich zu Jehova.

      Menschlich gesehen, wäre es kein Meisterstück gewesen, die verpackten Wachttürme und die ganze Ausrüstung zu ihrer Herstellung zu finden, denn unser Haus war ein Mehrfamilienhaus, in dem noch zwei Polizeibeamte wohnten. Darum gab es auch keine Versteckmöglichkeit, zumal der Umfang des notwendigen Materials — Papier, Trommel-Vervielfältiger, Schreibmaschine und Farbe sowie Verpackungsmaterial — sehr groß war. Da wir nicht wußten, wie wir die ganze Ausrüstung, die wir alle zwei Wochen immer wieder benötigten, vor den Augen der Unberechtigten verbergen sollten, beschlossen wir, alles in unsere Kartoffelkiste zu verpacken, die frei mitten im Keller stand und zu der auch die anderen Hausbewohner Zutritt hatten. Jedesmal, nachdem wir eine Auflage Wachttürme fertiggemacht hatten, verstauten wir alles in diese Kiste, deckten sie mit leeren Säcken zu und stapelten darauf bis an die Decke leere Tomatenkisten, in der Hoffnung, daß im Ernstfall die suchenden Männer blind waren oder aus Gleichgültigkeit und Trägheit Abstand davon nehmen würden, das alles abzuräumen, um auch die Kiste selbst durchsuchen zu können. So vertrauten wir auf Jehova, weil wir keinen anderen Weg sahen.

      Jetzt fragte mich der Beamte, ob wir verbotene Literatur im Hause hatten. Um nicht lügen zu müssen, sagte ich: ,Bitte sehen Sie selbst nach.‘ Sie durchsuchten die Wohnung und verdeckten dabei mit der Tür des Waschtisches die Schreibmaschine, die wir vergessen hatten, in die Kiste zu packen. Wäre sie entdeckt worden, hätte man auch gewußt, daß es die Maschine war, mit der die Matrizen für die zu vervielfältigenden Wachttürme geschrieben wurden. Doch Jehova machte sie blind, und als sie in der Wohnung nichts fanden, wünschten sie in den Keller zu gehen. Nun schien mir die Entdeckung aller Materialien und Unterlagen unvermeidlich. Vor innerer Erregung schlug mein Herz noch heftiger, was ich aber vor den Beamten verbergen mußte. Dazu kam noch, daß hinter der Kiste ein ausschließlich mit Wachttürmen gefüllter Koffer stand, mit dem mein Mann am nächsten Tag auf die Reise gehen wollte. Doch was geschah? Die drei Beamten standen im Keller, wo mitten im Raum — wohlgemerkt, nicht an der Wand — die beschriebene Kiste stand und dahinter der mit Wachttürmen vollgepackte Koffer. Aber keiner schien sie zu sehen. Die Beamten schienen blind zu sein, denn keiner machte irgendwelche Anstrengungen, die Kiste zu durchsuchen oder wenigstens nachzusehen, was sich in dem Koffer befände. Schließlich fragte der leitende Beamte nach einem vorhandenen Dachboden, wo sie dann einige ältere Publikationen fanden. Zufrieden, etwas entdeckt zu haben, verließen sie wieder unser Haus. Das Wichtigste war ihnen dank der Hilfe Jehovas und seiner Engel verborgen geblieben.“

      Viele ähnliche Fälle könnten berichtet werden, die zeigen, wie Jehova dafür sorgte, daß das Vervielfältigen lange Zeit durchgeführt und so sein Volk mit Literatur versorgt werden konnte.

      ORGANISIERTER PREDIGTDIENST

      Nicht jeder, der mit uns verbunden war, beteiligte sich am Predigtwerk. Im Gegenteil, in einigen Versammlungen war es nur die Hälfte. In Dresden zum Beispiel hatte die Versammlung einmal eine Höchstzahl von 1 200 Verkündigern erreicht, aber nach dem Verbot ging die Zahl schnell auf 500 zurück. Aber immerhin mögen es mindestens 10 000 gewesen sein, die sich zu jener Zeit in ganz Deutschland bereit erklärten zu predigen, und das ungeachtet der damit verbundenen Gefahren.

      Zunächst arbeiteten die meisten nur mit der Bibel, während ältere Broschüren und Bücher, die vor dem Zugriff der Gestapo hatten gerettet werden können, bei Rückbesuchen abgegeben wurden. Andere fertigten Zeugniskarten an. Wieder andere schrieben Briefe an Personen, die sie kannten, wenn es einen besonderen Anlaß dazu gab. Die Tätigkeit von Tür zu Tür wurde fortgesetzt, obwohl große Gefahren damit verbunden waren. Jedesmal, wenn jemand die Tür öffnete, konnte es ein SA- oder ein SS-Mann sein. Nachdem die Verkündiger an einer Tür vorgesprochen hatten, gingen sie gewöhnlich in ein anderes Haus und in Fällen, in denen es besonders gefährlich war, sogar in eine andere Straße.

      Mindestens zwei Jahre lang war es fast überall in Deutschland — an einigen Orten sogar noch länger — möglich, von Haus zu Haus zu predigen. Es besteht kein Zweifel, daß dies nur durch Jehovas besonderen Schutz möglich war.

      Die kleinen Restbestände an Literatur, die die Brüder in ihrer Wohnung hatten, waren bald verbraucht. Wir überprüften daher Möglichkeiten, Literatur aus dem Ausland zu erhalten. Ernst Wiesner aus Breslau macht uns mit einigen interessanten Einzelheiten darüber, wie man dabei vorging, bekannt:

      „Es handelte sich um Literatur, die von der Schweiz für uns in die Tschechoslowakei gesandt wurde. An der Grenze lagerten wir sie bei einer fremden Person und brachten sie von dort über den Kamm des Riesengebirges nach Deutschland. Die Arbeit, die von einem Team reifer, einsatzbereiter Brüder getan wurde, war äußerst gefährlich und sehr anstrengend. Der Grenzübergang mußte immer um Mitternacht erfolgen. Das Team unserer Brüder war gut organisiert und mit großen Rucksäcken ausgerüstet. Diese Reise machten sie wöchentlich zweimal, obwohl sie am Tage beruflich tätig waren. Im Winter benutzten sie Rodelschlitten und Skier. Sie kannten jeden Weg und Steg, hatten gute Taschenlampen, Ferngläser und auch gutes Schuhwerk. Vorsicht war ihr oberstes Gebot. Wenn sie sich um Mitternacht der deutschen Grenze näherten und auch wenn sie sie überschritten hatten, durfte lange Zeit kein Wort gesprochen werden. Zwei Brüder bildeten den Vortrupp. Begegneten sie irgend jemandem, ließen sie sofort ihre Taschenlampen aufleuchten. Das war für die Brüder, die ihnen mit schwerbepackten Rucksäcken in einer Entfernung von etwa 100 Metern folgten, das Zeichen, daß sie sich sofort seitwärts in die Büsche schlagen und warten mußten, bis die beiden Brüder, die die Vorhut bildeten, zurückkamen und sich durch ein bestimmtes Stichwort, das jede Woche geändert wurde, bemerkbar machten.

      Solche Situationen konnten sich natürlich nachts mehrere Male wiederholen. Sobald dann die Luft wieder rein war, zogen die Brüder weiter ihres Weges, bis sie auf deutscher Seite ein bestimmtes Dorf und darin ein bestimmtes Haus erreicht hatten. Hier machten sie halt. Noch in derselben Nacht oder am frühen Morgen wurden die Bücher in kleine Pakete verpackt und beschriftet und beim Morgengrauen per Fahrrad nach Hirschberg und in andere Orte gebracht und dort zur Post gegeben. So erhielten die Brüder ... in verschiedenen Gebieten Deutschlands ihre Literatur. Diese Brüder, die als Team mit großem Eifer und außerordentlicher Geschicklichkeit vorgingen, konnten während eines Zeitraumes von zwei Jahren eine große Menge Literatur nach Deutschland bringen, ohne entdeckt zu werden, wodurch aber viele im ganzen Land sehr gestärkt wurden.“ Ähnliche Möglichkeiten gab es an der französischen Grenze, an der Grenze des Saargebietes, an der Schweizer und an der niederländischen Grenze.

      Interessant in dieser Verbindung ist ein Brief, den eine Schwester schrieb: „Wenn Ihr die Berichte im Jahrbuch von Deutschland lest, werdet Ihr Euch fragen, wie es möglich ist, unter solchen Verhältnissen so viel Literatur abzusetzen. Wir fragen uns selbst. Aber wenn Jehova nicht für uns wäre, wäre es unmöglich, denn manche Geschwister werden auf ihren Gängen außerhalb ihres Hauses polizeilich beobachtet. ... Aber Jehova weiß es, er läßt uns trotzdem so viel Speise genießen, daß wir immer wieder gestärkt werden.“

      Wir hatten genügend Zeit, die Literatur an verschiedenen Orten zu verstecken, bevor das Verbot ausgesprochen wurde. Um jedoch zu verstehen, was später geschah, ist es wichtig, im Sinn zu behalten, daß die Brüder keinerlei Erfahrung hatten, wie man Literatur unter Verbot am besten lagert. Statt sie unter viele Brüder zu verteilen, bestand daher am Anfang die Tendenz, sie in großen Depots aufzubewahren, was man für sicherer hielt, besonders in Anbetracht der Tatsache, daß die Verantwortlichen glaubten, das Verbot sei nur vorübergehend. In einigen der Depots konnten 30 bis 50 Tonnen Literatur untergebracht werden. Im Laufe der Zeit begannen sich jedoch einige der Brüder Sorgen zu machen und sich zu fragen, was geschehen würde, wenn die Feinde diese großen Depots finden und beschlagnahmen würden. Aus diesem Grund begannen die Brüder, die für die Depots verantwortlich waren, die Bücher für den Predigtdienst freizugeben, ganz gleich, ob sie für einen Beitrag abgegeben werden konnten oder nicht.

      Nachdem es einmal klargeworden war, daß die Verfolgung anhalten würde und daß es immer gefährlicher sein würde, die Bücher in den Verstecken zu lassen, begannen die Brüder, so viele Bücher und Broschüren wie möglich abzugeben. Wenn sie in den Predigtdienst gingen, legten sie die Schriften einfach in die Wohnung, wenn niemand zusah, oder schoben sie unter die Fußmatte in der Hoffnung, sie würden in einigen Fällen in die Hände aufrichtiger Personen fallen, damit sie daraus Kraft und Hoffnung schöpfen könnten.

      GEDÄCHTNISMAHL

      Da wir entschlossen waren, in Übereinstimmung mit Jehovas Gebot unser Zusammenkommen nicht zu versäumen, versteht es sich von selbst, daß wir sehr gewissenhaft darauf achteten, das Gedächtnismahl zu feiern. An einem solchen Tag war die Gestapo besonders aktiv, die in den meisten Fällen das Datum der Gedächtnismahlfeier entweder aus Schriften, die außerhalb Deutschlands gedruckt worden waren, oder aus vervielfältigten Exemplaren des Wachtturms ermittelten, die manchmal in ihre Hände fielen. Ihre Wut konzentrierte sich besonders auf die Gesalbten, die nicht nur in Verbindung mit dem Gedächtnismahl, sondern auch in Verbindung mit Sonderfeldzügen erwähnt wurden. Sie sahen in ihnen die „Führer“ der Organisation, die zuerst vernichtet werden mußten, bevor die Organisation vernichtet werden konnte.

      Das Gedächtnismahl am 17. April 1935 war besonders aufregend. Die Gestapo hatte das Datum schon einige Wochen zuvor erfahren und hatte ausreichend Zeit, all ihre Dienststellen zu informieren. In einem geheimen Rundschreiben vom 3. April 1935 hieß es:

      „Ein überraschender Zugriff bei den bekannten Funktionären der Bibelforscher zu dem angegebenen Zeitpunkt dürfte u. U. erfolgversprechend sein. Um Erfolgsnachrichten bis zum 22. 4. 1935 wird ersucht.“

      Von „Erfolgsnachrichten“ konnte aber kaum die Rede sein, denn die meisten Dienststellen, wie die in Dortmund, konnten nur berichten, daß die Wohnungen derjenigen, die als Führer der Bibelforschervereinigung angesehen wurden, überwacht, daß aber in keinem Fall Zusammenkünfte abgehalten worden seien. Zur Beruhigung fügte man hinzu: „Die leitenden und aktiven Anhänger der Bibelforscher im hiesigen Stadtbezirk befinden sich in Schutzhaft, so daß zur Organisation der Zusammenkünfte die Personen fehlen.“

      Doch die Geheimpolizei irrte sich, denn kurz nachdem dieses geheime Rundschreiben abgeschickt worden war, erhielten wir ein Exemplar von einem Freund der Wahrheit, der zu solchen Geheiminformationen Zugang hatte. Die Bezirksdienstleiter warnten alle Diener rechtzeitig und gaben ihnen passenden Rat, wie sie der Entdeckung entgehen und dennoch dem Gebot unseres Herrn und Meisters gehorchen konnten.

      So kam es, daß sich viele unmittelbar nach 18 Uhr versammelten, während andere erst den Besuch der Gestapo abwarteten und sich dann mit ihren Brüdern in kleinen Gruppen trafen, um das Gedächtnismahl mitten in der Nacht zu feiern. Jedenfalls mußten die meisten Gestapodienststellen einen ähnlichen Bericht absenden wie die in Dortmund.

      Willi Kleissle berichtet, daß die Brüder in Kreuzlingen das Gedächtnismahl gleich nach 18 Uhr feierten. Es war ihnen geraten worden, bevor sie das Haus verließen, sollten sie in den Laden gehen, der sich in dem gleichen Gebäude befand und der einem Bruder gehörte, und dort könnten sie Zucker, Kaffee und ähnliche Waren kaufen. Dann sollten sie durch den regulären Ladenausgang hinausgehen. Die „Knüppelgarde“, wie Bruder Kleissle sie nannte, kam tatsächlich erst, als die Brüder schon alle in den Laden gegangen waren, so daß ihnen nichts nachgewiesen werden konnte. Aber die Fragen, die die Gestapo stellte, sowie verschiedene Äußerungen der Polizei zeigten deutlich, daß sie durch den Wachtturm das Datum der Gedächtnismahlfeier erfahren hatten.

      Die Brüder waren jedoch immer auf Überraschungen vorbereitet, und das war gut. Sie versuchten, den Besuch der wöchentlichen Zusammenkünfte und vor allem auch die Teilnahme am Gedächtnismahl mit irgendeiner harmlosen alltäglichen Tätigkeit in Verbindung zu bringen, und das rettete sie oft vor der Verhaftung. Franz Kohlhofer aus der Gegend von Bamberg berichtet:

      „An diesem Tage waren die Spitzel besonders auf die Häuser der Zeugen Jehovas scharf, in der Absicht, einige dabei zu überführen und sie dann zu verhaften. ... Und so waren wir schon einige Tage vorher übereingekommen, am Tage des Festes bei einem Bruder zusammenzukommen, der Schweine mästete, und bei ihm wollten wir unser Fest dem Jehova feiern. Jeder sollte in einem Korb die Abfälle von Kartoffeln mitbringen und sich mit diesem am Abend bei dem Bruder einfinden. Natürlich mußte dies alles in Eile geschehen; denn jederzeit konnte die Gestapo eintreffen. Zur Vorsicht nahmen wir auch noch Spielkarten mit, damit wir sie [die Polizisten] damit täuschen konnten falls sie uns überraschten. Und siehe da, eben hatte der Bruder das Schlußgebet zu Ende gesprochen, klopfte es schon an der Tür! In diesem Augenblick saßen wir vier aber schon ganz harmlos zusammen und spielten ,Schafskopf‘. Was sie für Augen machten, als wir sie ruhig und naiv anblickten! Da sie uns nicht überführt hatten, mußten sie unverrichtetersache wieder abziehen.“

      TAUFEN

      Nicht wenige von denen, die die Wahrheit in dieser Zeit kennenlernten, wurden unter den schwierigsten Umständen getauft. Bald wurden viele dieser Neugetauften ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager geworfen, und eine Anzahl von ihnen verlor ihr Leben genauso wie diejenigen, die ihnen die gute Botschaft überbracht hatten.

      Paul Buder war schon im Jahre 1922 auf den „Millionen“-Vortrag aufmerksam geworden, kam aber erst 1935 mehr mit der Wahrheit in Berührung, als ihm ein junges Mädchen, das in dem gleichen Betrieb arbeitete wie er und vor dem er von anderen gewarnt worden war, das Buch Schöpfung gab. „Das war am 12. Mai 1935“, so heißt es in seinen Lebenserinnerungen. „Das hatte ich gesucht! Am 19. Mai 1935 trat ich dann aus der Kirche aus und sagte dem Mädchen, daß ich ein Zeuge Jehovas werden möchte. Oh, wie sie sich freute! Sie war schon sechs Wochen im Gefängnis gewesen, weil sie als eine ,Kolporteurin‘ betrachtet wurde. Dann bekam ich Verbindung mit Bruder und Schwester Woite aus der Versammlung Forst (Lausitz). In dieser Versammlung hielt man mich für einen Spitzel der Nazis. Dessenungeachtet ging ich aber regelmäßig mit einer kleinen Luther-Bibel in den Dörfern von Haus zu Haus. Am 23. Juli 1936 wurde ich dann in der Neiße in Forst getauft — im Beisein von Bruder und Schwester Woite und einem älteren Bruder, der die Ansprache hielt.“

      Taufen wurden oft in kleinem Rahmen in Privatwohnungen durchgeführt. Von Zeit zu Zeit fanden sie im Freien statt, manchmal mit nur wenigen Taufbewerbern, manchmal aber auch mit einer größeren Zahl. Heinrich Halstenberg berichtet uns über eine Taufe in der Weser folgendes:

      „Im Jahre 1941 wurde von einer Anzahl interessierter Personen der Wunsch geäußert, sich taufen zu lassen. Als wir feststellten, daß in der Umgebung sehr viele den gleichen Wunsch hatten, suchten wir nach einem günstigen Platz, den wir in Dehme an der Weser fanden. Nachdem alles überlegt und sorgfältig geplant worden war, wurde die Taufe auf den 8. Mai 1941 festgesetzt. Schon mittags wurde der Platz von Brüdern und Täuflingen belegt. So kamen wir den anderen Badegästen zuvor. Dann wurden Posten aufgestellt, und nachdem wir noch einmal die Bedeutung der Taufe besprochen hatten, beteten wir gemeinsam zu Jehova. Dann gingen die Täuflinge zur Taufe ins Wasser. Es wurden an diesem Tag über 60 Personen in der Weser getauft und einige Alte und Kranke, die das kühle Wasser nicht vertragen konnten, privat in einer Badewanne, so daß die Gesamtzahl der Täuflinge 87 betrug.“

      EINE MENSCHENJAGD BEGINNT

      Albert Wandres war schon vor dem 7. Oktober 1934 als Bezirksdienstleiter tätig, und sein Name war der Gestapo bald gut bekannt, besonders durch die laufenden Gerichtsverhandlungen in verschiedenen Städten des Ruhrgebietes, wo er arbeitete. Als Antwort auf die Frage, woher die Angeklagten ihre Literatur erhalten hätten, war oft der Name „Wandres“ zu hören. Die Gestapo setzte alles daran, ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Klugerweise hatte er jedoch alle Brüder, die Bilder von ihm besaßen, gebeten, sie ihm entweder zurückzugeben oder sie zu vernichten. So kam es, daß die Gestapo zwar seinen Namen kannte, aber keine Vorstellung hatte, wie er aussah. Er fiel seinen Verfolgern erst nach einer dreieinhalb Jahre dauernden Menschenjagd in die Hände. Hören wir zu, wie uns Bruder Wandres einige seiner Erfahrungen aus der Zeit der Untergrundarbeit erzählt.

      „Eine Zeitlang traf ich mich u. a. mit einigen Brüdern von Düsseldorf bei einem Bruder, der ein Kolonialwarengeschäft hatte. Wir dachten, wenn wir kurz vor Ladenschluß durch den Laden hineingingen, fiele es am wenigsten auf. Einmal waren wir bei ihm wieder für eine Stunde versammelt, als plötzlich die Gestapo Einlaß begehrte. Ich flüchtete mit ein paar Schritten noch rechtzeitig vom Lebensmittelmagazin — wo wir unsere Besprechung abgehalten hatten — in den Laden. Dort war zum Glück bereits das Licht gelöscht. Schon im nächsten Moment stürmten die Eindringlinge in das Lebensmittelmagazin und verhafteten alle dort anwesenden Brüder und durchsuchten anschließend den ganzen Raum, wobei man auch auf meine mit Wachttürmen gefüllte Tasche stieß. Plötzlich rief einer der Beamten freudig erregt: ,Das ist ja, was wir suchen! Wem gehört die Tasche?‘ Niemand meldete sich. Er fragte ein zweites Mal: ,Wem gehört die Tasche?‘ Wieder keine Antwort. Jetzt wollte er von dem Bruder, dem das Geschäft gehörte, wissen, wo er seine Wohnung habe. ,Im dritten Stock‘ war dessen Antwort. ,Raus!‘ schrie jetzt der Gestapobeamte die Brüder an, die schnell die Treppe hinaufspringen mußten, gefolgt von den Beamten der Gestapo, die hofften, den Gesuchten oben in der Wohnung des Bruders zu finden.

      Jetzt ging ich vorsichtig in das Lebensmittelmagazin zurück, zog meinen Mantel an, setzte mir den Hut auf, nahm meine Tasche in die Hand und vergewisserte mich, ob die Straße frei sei. Dann verließ ich schleunigst das Haus. Als die Herrschaften wieder herunterkamen, mußten sie zu ihrem Leidwesen feststellen, daß der Vogel ausgeflogen und schon wieder auf der Reise nach Elberfeld-Barmen war.“ Bruder Wandres fügt hinzu: „Dies läßt sich natürlich alles schön erzählen, aber es persönlich erleben ist etwas anderes.“

      „Einmal“, so berichtet Bruder Wandres weiter, „brachte ich zwei schwere Koffer mit den Büchern Rüstung, die bei Trier über die Grenze gebracht worden waren, nach Bonn und Kassel. Spätabends kam ich in Bonn an, wo ich vorsichtshalber die Koffer beim Versammlungsdiener in den Keller stellte. Am anderen Morgen, etwa um 5.30 Uhr, klingelte es. Wieder war es die Gestapo, die kam, um eine Haussuchung durchzuführen. Bruder Arthur Winkler, der damalige Versammlungsdiener, klopfte an meine Tür und machte mich darauf aufmerksam, daß unerwünschter Besuch käme. Da keine Möglichkeit des Entkommens mehr war, ließen wir die Dinge auf uns zukommen. Als sie [die Polizisten] in mein Zimmer kamen, fragten sie mich, was ich hier tue, worauf ich kurz antwortete, daß ich mich auf einer Rheintour befände und dabei auch den Botanischen Garten in Bonn besuchen wollte. Dann wurden meine Papiere sorgfältig kontrolliert und mir — wenn auch sehr nachdenklich — zurückgegeben, während Bruder Winkler aufgefordert wurde, sich zum Mitgehen fertigzumachen. Im Polizeipräsidium angekommen, meldete einer der Beamten seinem Vorgesetzten — wie mir später Bruder Winkler erzählte —: ,Es war noch einer da!‘ ,Und wo habt ihr ihn?‘ ,Den haben wir nicht mitgenommen.‘ ,Den habt ihr nicht mitgenommen? Na, euch kann man ja schicken!‘ ,Warum?‘ fragte der Angesprochene zurück, ,sollen wir ihn auch holen?‘ ,Holen? Glaubt ihr etwa, der wartet, bis ihr wiederkommt?‘ Tatsächlich nahm ich, kurz nachdem die Beamten das Haus verlassen hatten, einen der beiden Koffer, die sie nicht gefunden hatten, und fuhr damit nach Kassel.

      In Kassel angekommen, sagte mir der Versammlungsdiener, Bruder Hochgräfe: ,Du kannst hier nicht bleiben. Du mußt sofort die Wohnung wieder verlassen, denn seit acht Tagen besucht mich jeden Morgen die Gestapo.‘ Wir vereinbarten, daß er fünfzig Meter vor mir vorausgehe, um mir auf diese Weise den Weg zu dem Ort zu zeigen, wo ich die Literatur lassen könnte. Kaum waren wir zweihundert Meter auf der Straße, auf der schönen Kastanienallee, gegangen, als uns auch schon die dem Versammlungsdiener gut bekannten Gestapobeamten entgegenkamen. Da ich etwa fünfzig Meter hinter dem Versammlungsdiener herkam, konnte ich gut beobachten, wie sie ihn hämisch angrinsten, aber sie hielten ihn nicht auf. Wenige Minuten später war wieder einmal die Literatur in Sicherheit gebracht worden, durch die die Brüder im Glauben gestärkt werden sollten.

      Ein andermal brachte ich zwei schwere Koffer mit Literatur nach Burgsolms bei Wetzlar. Es war abends elf Uhr, die Nacht war pechschwarz, so daß mich wirklich kaum jemand sehen konnte. Trotzdem hatte ich das unangenehme Gefühl, daß ich beobachtet wurde. Als ich schließlich bei meinem Ziel angekommen war, bat ich den Bruder sofort, erst die Koffer in Sicherheit zu bringen. Am anderen Morgen, gegen 5.30 Uhr, kam der Polizeiwachtmeister jenes Ortes. Ich stand mitten im Zimmer und war gerade im Begriff, mich zu waschen, als er, zu der Schwester hingewandt, sagte: ,Da ist gestern abend ein Mann mit zwei großen, schweren Koffern zu euch gekommen. Da haben Sie doch sicher wieder Literatur bekommen. Wo haben Sie die?‘ Darauf erwiderte die Schwester: ,Mein Mann ist bereits auf die Arbeit gegangen. Und was gestern abend stattfand, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich nicht zu Hause war‘, worauf ihr der Wachtmeister entgegnete: ,Wenn Sie die Koffer nicht freiwillig herausgeben wollen, muß ich eben Haussuchung machen. Ich hole schnell den Bürgermeister, denn ohne diesen darf ich keine Haussuchungen durchführen. Bis dahin dürfen Sie aber das Haus nicht verlassen.‘ Während dieser ganzen Unterredung stand ich mitten im Zimmer und wunderte mich, warum der Beamte so glasige Augen hatte und mich überhaupt nicht ansprach. Ich konnte nur annehmen, daß er so mit Blindheit geschlagen war, daß er mich überhaupt nicht sah. Sogleich, nachdem er gegangen war, um den Bürgermeister zu holen, machte ich mich eilig fertig, ging hinaus und stellte mich hinter das Haus. Dort wartete ich, bis der Bürgermeister mit dem Gendarmeriewachtmeister das Haus durch den Haupteingang betrat. In diesem Augenblick entfernte ich mich durch den Gartenausgang. Nachbarn, die das beobachtet hatten, freuten sich offensichtlich über mein Entkommen. Erst im Wald habe ich mich fertig angezogen; darauf lief ich, so schnell es ging, zur nächsten Bahnstation und reiste weiter.“

      Ähnliche Erfahrungen machten auch die übrigen Bezirksdienstleiter.

      EIN PROZESS ANDERER ART

      Während der Jahre 1934 bis 1936 standen treue Hirten ihren Brüdern in ganz Deutschland bei und ermunterten sie, die Zusammenkünfte zu besuchen und trotz der Verfolgung möglichst in allen Dienstzweigen tätig zu sein. Unterdessen fand am 17. Dezember 1935 ein Prozeß in Halle gegen Balzereit, Dollinger und sieben andere statt, die als „prominente“ Brüder angesehen wurden. Für mindestens die Hälfte von ihnen war dieser Prozeß das Ende ihrer christlichen Laufbahn.

      Viele Brüder gaben bei den zahlreichen Prozessen, die damals in Deutschland stattfanden, offen zu, was sie getan hatten, um die Königreichsinteressen unter den schwierigen Verhältnissen zu fördern. Im Gegensatz dazu leugneten diese Männer bei dem Prozeß in Halle ab, jemals etwas getan zu haben, was die Regierung verboten hätte. Als Balzereit vom Vorsitzenden gefragt worden war, was er über seine eigene Person zu sagen habe, erklärte er, sobald das Verbot in Bayern verkündet worden sei, habe er Anweisungen herausgegeben, dort nicht zu arbeiten, und das gleiche treffe auch auf alle anderen Länder zu. Er sagte, er habe nie Anweisungen gegeben, durch die jemand ermuntert worden wäre, das Verbot zu mißachten.

      Als Balzereit vom Vorsitzenden über die jährliche Gedächtnismahlfeier befragt wurde, antwortete er, auch er habe gehört, daß die Brüder planten, zusammenzukommen, um es trotz des Verbots zu feiern. Er habe sie jedoch davor gewarnt, da er gewußt habe, daß die Polizei an jenem Tag eine besondere Aktion plante.

      Natürlich kam auch die persönliche Haltung des Angeklagten hinsichtlich des Militärdienstes zur Sprache, wie es bei allen Prozessen der Fall war, die damals stattfanden. Er erklärte, er stimme völlig mit der Meinung des Führers überein, nämlich, daß jeder Krieg ein Verbrechen sei, aber jedes Land das Recht und die Pflicht habe, das Leben seiner Bürger zu schützen.

      Bald darauf schrieb Bruder Rutherford folgenden Brief an die deutschen Brüder:

      „An Jehovas treues Volk in Deutschland!

      Trotz der ruchlosen Verfolgung und der starken Opposition, die durch Satans Werkzeuge in Eurem Land über Euch gekommen sind, ist es erfreulich, zu wissen, daß der Herr immer noch einige Tausend in jenem Lande hat, die an ihn glauben und darauf bestehen, die gute Botschaft von seinem Königreich zu verteidigen. Eure Treue im Ausharren angesichts der Verfolgung und die Tatsache, daß Ihr dem Herrn treu bleibt, steht im auffallenden Gegensatz zu der Handlungsweise des früheren Leiters der Gesellschaft in Deutschland und derer, die mit ihm verbunden sind. Kürzlich wurde mir eine Kopie der Zeugenaussagen anläßlich des Verhörs in Halle gegeben, und ich bin erstaunt, daraus zu sehen, daß keiner von denen, die dort verhört wurden, ein treues, wahres Zeugnis für den Namen Jehovas ablegte. Es wäre besonders die Sache des früheren Leiters Balzereit gewesen, das Panier des Herrn zu erheben und sich angesichts jeder Opposition für Gott und sein Königreich zu erklären; aber es wurde kein Wort geäußert, wodurch er sein gänzliches Vertrauen auf Jehova gezeigt hätte. Immer wieder machte ich ihn auf Dinge aufmerksam, die in Deutschland getan werden könnten, und er versicherte, daß er jede Anstrengung mache, die Geschwister zu ermutigen, im Zeugnisgeben fortzufahren. Im Verhör aber erklärte er ausdrücklich, daß nichts getan worden sei. Es ist nicht notwendig, daß ich die Sache weiter diskutiere, es genügt, zu hören, daß die Gesellschaft nichts mehr mit ihm zu tun haben will noch mit irgendwelchen, die bei jenem Anlaß eine Gelegenheit hatten, für den Namen Jehovas und sein Königreich Zeugnis abzulegen, und verfehlten, dies zu tun. Die Gesellschaft wird keine Anstrengungen machen, sie aus dem Gefängnis zu befreien, selbst wenn sie irgend etwas tun könnte.

      Alle, die den Herrn lieben, mögen nun ihr Angesicht Jehova und seinem Königreich zuwenden und trotz aller Opposition, die sich Euch entgegenstellt, treu und standhaft auf der Seite des Königreiches ausharren. ...“

      Die Angelegenheit wurde im Wachtturm vom 15. Juli 1936 behandelt als eine Warnung für diejenigen, die den aufrichtigen Wunsch hatten, unter allen Umständen treue Zeugen für Jehova zu sein.

      Im Gegensatz zu vielen treuen Brüdern in Deutschland, die zu Gefängnisstrafen bis zu fünf Jahren verurteilt worden waren, wurde Balzereit nur zu zweieinhalb und Dollinger zu zwei Jahren verurteilt. Nachdem Balzereit seine Strafe im Gefängnis verbüßt hatte, wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen überführt, wo er gezwungen war, eine äußerst unrühmliche Rolle zu spielen. Er hatte die Erklärung unterschrieben, durch die er sich von der Gemeinschaft mit den Brüdern lossagte, und vermied jeden Kontakt mit ihnen. Ein Jahr später wurde er wegen seines Benehmens entlassen, aber bis dahin mußte er manche Demütigung über sich ergehen lassen, denn die SS haßte im Grunde genommen Verräter. Die SS selbst gab ihm den Namen „Beelzebub“, und einmal verlangte ein SS-Mann von ihm, sich vor alle seine Brüder zu stellen — zu jener Zeit waren etwa 300 im Lager — und die von ihm unterschriebene Erklärung zu wiederholen, durch die er sich von der Gemeinschaft mit Jehovas Zeugen losgesagt hatte, und das tat er auch.

      Im Jahre 1946, als Balzereit bereits ein heftiger Gegner der Wahrheit geworden war, schrieb er einen Brief an die Wiedergutmachungsbehörde und offenbarte darin die feindselige Einstellung, die er schon vor dem Prozeß gehabt hatte. Damit ging in der Geschichte des Volkes Gottes in Deutschland ein dunkles Kapitel zu Ende, dessen erste Absätze schon in den zwanziger Jahren geschrieben worden waren.

      DIE GESTAPO SCHLÄGT ZU — 28. AUGUST 1936

      Zwei Jahre eifriger Tätigkeit gingen vorüber, ohne daß es der Gestapo gelang, die organisierte Untergrundtätigkeit wesentlich zu beeinträchtigen, obwohl sie alle ihr bekannten Zeugen Jehovas sorgfältig beschattete. Aber im Laufe der Zeit erfuhr sie immer mehr über unsere Tätigkeit, und bald war sie über das, was wir taten, gut informiert. Um im Kampf gegen uns eine Hilfe zu haben, wurde gemäß einer vertraulichen Mitteilung der preußischen Geheimen Staatspolizei vom 24. Juni 1936 ein „Sonderkommando bei der Gestapo“ gebildet.

      Während der ersten Hälfte des Jahres 1936 legte die Geheime Staatspolizei ein großes Archiv an, das die Anschriften von Personen enthielt, die in dem Verdacht standen, Zeugen Jehovas zu sein oder mindestens mit ihnen zu sympathisieren. Dieses Archiv stützte sich zu einem großen Teil auf die Adressen, die in dem bei Haussuchungen beschlagnahmten Buch Tägliches himmlisches Manna für den Haushalt des Glaubens zu finden waren. Für die Gestapoagenten wurden sogar Sonderkurse abgehalten. Sie wurden im Leiten des Wachtturm-Studiums geschult; sie mußten sorgfältig die neuesten Wachtturm-Artikel studieren, damit sie Fragen beantworten konnten, als wären sie Brüder. Schließlich mußten sie sogar lernen, Gebete zu sprechen. Dies alles hatte den Zweck, wenn möglich, in das Innere der Organisation vorzudringen, um sie von innen zu zerstören.

      Anton Kötgen aus Münster berichtet, daß er, kurz nachdem er einer „freundlichen“ Dame Literatur zurückgelassen hatte, plötzlich verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde. „Zur gleichen Zeit“, so berichtet Bruder Kötgen weiter, „besuchten Gestapobeamte in meinem Garten meine Frau. Sie stellten sich als Brüder vor, dies aber nur, um Namen von anderen Brüdern zu erfahren. Meine Frau durchschaute jedoch ihre Absicht und entlarvte sie als Gestapobeamte.“ Aber nicht immer wurde die Gestapo rechtzeitig erkannt.

      Inzwischen plante Bruder Rutherford eine Reise in die Schweiz und wollte, wenn möglich, bei dieser Gelegenheit mit Brüdern aus Deutschland sprechen. Es wurden Vorkehrungen für einen Kongreß in Luzern getroffen, der vom 4. bis 7. September 1936 stattfinden sollte. Das Zentralbüro in der Schweiz hatte vorgeschlagen, daß wir Berichte von Brüdern in ganz Deutschland zusammenstellen sollten, die z. B. von ihrer Verhaftung, ihrer Mißhandlung durch die Gestapo und ihrer Entlassung vom Arbeitsplatz wegen Verweigerung des Deutschen Grußes handelten, sowie Berichte über Fälle, in denen Brüder zufolge von Mißhandlungen gestorben waren. Diese Berichte sollten vor Beginn des Kongresses heimlich in die Schweiz gebracht werden, damit Bruder Rutherford die Gelegenheit hätte, sich damit zu beschäftigen.

      Aber plötzlich, am 28. August 1936, schlug die Gestapo auf Kommando unbarmherzig zu und setzte eine Kampagne in Gang, während der Jehovas Zeugen wie Freiwild gejagt wurden. Alle verfügbaren Kräfte wurden aufgeboten, um Jehovas Zeugen bei Tag und Nacht — und besonders bei Nacht — einzufangen. Alle Informationen, die die Gestapo im Laufe der vorangegangenen Monate gesammelt hatte, erwiesen sich nun als eine große Hilfe für sie. Ahnungslose Personen, die nie bekannt hatten, Zeugen Jehovas zu sein, wurden in dem Netz eingefangen. Solche Personen berichteten der Gestapo natürlich gern alles, was sie über Jehovas Zeugen wußten, damit sie ihre Freiheit wiedererlangen konnten; und obwohl es oft den Anschein hatte, daß sie nur sehr wenig zu sagen hatten, halfen doch diese kleinen Teilinformationen der Gestapo, das Gesamtbild, das sie sich inzwischen erstellt hatte, zu ergänzen. Bei späteren Verhören rühmte sich die Gestapo oft, diese Informationen hätten ihr geholfen, Tausende von Personen zu fangen, von denen die Mehrheit ins Gefängnis gesteckt und später ins Konzentrationslager gebracht wurde.

      Als die Kampagne der Gestapo schließlich auf Hochtouren lief, gelang es ihr in einer Großoffensive, Bruder Winkler, der damals für das gesamte Werk in Deutschland verantwortlich war, und die Mehrheit der Bezirksdienstleiter, deren Namen und Aufgabengebiete zum großen Teil schon bekannt waren, in ihre Gewalt zu bekommen. Die Gestapo maß dieser Kampagne eine solche Bedeutung bei, daß der gesamte Polizeiapparat eingesetzt wurde, um gegen Jehovas Zeugen vorzugehen, so daß die Verbrecherwelt „Schonzeit“ hatte.

      Durch die sorgfältige Kleinarbeit, die die Gestapo im Laufe mehrerer Monate leistete, fand sie heraus, daß wichtige Besprechungen zwischen Bruder Winkler und anderen verantwortlichen Dienern aus ganz Deutschland im Berliner Tiergarten stattfanden. Das traf besonders während der wärmeren Jahreszeit zu. Diese Zusammenkünfte konnten lange getarnt werden, weil Bruder Varduhn dort einen Stuhlverleih betrieb. Er konnte den ankommenden Brüdern, ohne Verdacht zu erregen, sagen, an welcher Stelle des Tiergartens ein Bruder auf sie warten und sie zu einem sicheren Versteck geleiten würde, wo die Besprechung stattfinden sollte. Wenn Gefahr drohte, konnte er die Brüder einfach dadurch warnen, daß er zu ihnen ging und das Geld für die Stühle einkassierte, die sie „gemietet“ hatten. Aber diese wunderbare Einrichtung sollte nicht mehr lange ein Geheimnis bleiben. Irgendwie wurden der Gestapo Einzelheiten bekannt, die ihr bei ihrem raffiniert ausgeheckten Schlachtplan zu Hilfe kamen. Bruder Klohe, der selbst in die Aktion verwickelt war, erzählt uns, was sich in jenen aufregenden Tagen in Berlin abgespielt hat:

      „Ich freute mich sehr auf die Zusammenkunft in Luzern, denn ich hatte gute Aussichten, daran teilnehmen zu können, besaß ich doch sogar ein Visum für die Schweiz. Vorher fuhr ich aber noch einmal nach Leipzig, um organisatorische Fragen mit Bruder Frost zu besprechen, dessen Bezirk ich als Bezirksdienstleiter übernehmen sollte, nachdem durch die Verhaftung von Bruder Paul Großmann eine Lücke entstanden war. Ich erreichte aber Bruder Frost gar nicht; dort, wo ich ihn vermutete, nahm mich die Gestapo in Empfang. Zunächst war ich völlig benommen, denn gerade jetzt, wo ich eine solch beglückende Tätigkeit beginnen sollte, wurde ich plötzlich aus der Gemeinschaft der Brüder herausgerissen und zur Gestapo in der Stadt Leipzig gebracht. [Von dort aus brachte man ihn später nach Berlin.]

      Inzwischen hatte die Gestapo erfahren, daß wir im Berliner Tiergarten einen Treffpunkt hatten, aber auch sonst war ihr offiziell viel über unsere Organisation bekanntgeworden. Natürlich braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß sie sich diese Informationen auf mannigfaltige Weise beschafft hatte, indem sie auch nicht vor schmutzigen Erpressermethoden zurückschreckte. ...

      Wenige Tage später kamen plötzlich fünf Kriminalbeamte mit scharfgeladenen Pistolen zu mir, hießen mich meine Privatkleider anziehen und fuhren mit mir in die Nähe des Goldfischteiches, wo Bruder Varduhn gewerbsmäßig Gartenstühle vermietete. Ihn verdächtigten sie noch nicht, ein Zeuge Jehovas zu sein, denn bis dahin war die Aufmerksamkeit noch nicht auf ihn gefallen. Ich sollte jetzt als eine Art ,Fliegenleim‘ für meine Brüder dienen, die eventuell bei diesem geplanten — und der Gestapo bekanntgewordenen — Treffpunkt erscheinen würden.

      Ich hatte kaum den mir bezeichneten Platz eingenommen, als auch schon unsere Schwester Hildegard Mesch auf mich zukam. Ihr war aufgefallen, daß ich nicht zu ihnen kam, da ich doch erwartet wurde, und wollte sehen, was mein Verhalten zu bedeuten habe. Da mir wegen der erhaltenen Schläge meine vereiterten Schienbeine Schmerzen verursachten, fiel es den Beamten nicht auf, daß ich mich in diesem Moment, als sie auf der anderen Seite des Weges an mir vorüberging, niederbeugte, mein Gesicht schmerzlich verzog und ihr mit den Augen verständlich zu machen suchte, daß sich die Gestapo im Tiergarten befände. Schwester Mesch hatte verstanden, stutzte leicht und begab sich auf einem Umweg wieder zu Bruder Varduhn, den sie über die neue Situation verständigte. Das bedeutete größte Gefahr für Bruder Winkler, der auch tatsächlich bald kam und sich ahnungslos auf einen freien Stuhl setzte. Bald darauf ging Bruder Varduhn zu ihm, kassierte von ihm ganz offiziell die Stuhlmiete und unterrichtete ihn gleichzeitig, daß sich Gestapobeamte im Tiergarten befänden. Darum stand Bruder Winkler bald wieder auf, ließ seine Tasche zurück und entkam — wie es schien — durch die Kette der Gestapobeamten. Später erfuhr ich, daß er sich noch spät in der Nacht in die Wohnung von Bruder Kassing begab, wo er aber schon von einer Menge wartender Gestapobeamter empfangen und sogleich verhaftet wurde.“

      Schon nach wenigen Tagen waren mindestens die Hälfte der Bezirksdienstleiter in Deutschland zusammen mit Tausenden anderer Brüder und Freunde verhaftet worden. Darunter war auch Bruder Georg Bär, der folgendes berichtet:

      „Jeden Abend gegen 10 Uhr hörte ich, wie aus verschiedenen Zellen Gefangene geholt wurden. Kurz danach hörte ich, wie sie unten im Keller geschlagen wurden; ich hörte auch ihr Schreien und ihr Weinen. ... Jeden Abend, wenn das Aufschließen begann, dachte ich: Jetzt bist du an der Reihe. Aber man ließ mich in Ruhe, bis ich am vierten oder fünften Tag abends gegen 6 Uhr zum Verhör geholt wurde. Diesmal war es ein SS-Mann, der mich in sein Zimmer führte und mich aufforderte, dort Platz zu nehmen. Dann sagte er zu mir: ,Wir wissen, daß Sie uns mehr erzählen können, als Sie wollen.‘ Er stand auf und nahm einen Bleistift, den er an einem Papierkorb anspitzte. Dann fuhr er in seiner Rede fort: ,Ich will es Ihnen nicht schwermachen, kommen Sie einmal her.‘ Er forderte mich auf, an seinen Schreibtisch zu treten, zeigte mir einige maschinegeschriebene Blätter und ließ sie mich lesen. Da standen all die Namen der Brüder, die in Deutschland reisten, als letzter auch meiner. Dann konnte ich die Namen der Versammlungen lesen, die wir besucht hatten, und auch die Namen der Brüder. Hier stand schwarz auf weiß, wieviel Literatur, Sprechapparate und Schallplatten wir bestellt hatten. Auch die Spenden und sonstigen Gelder, die wir abzuliefern hatten, waren aufgeführt. Ja, ich konnte es kaum glauben, unsere ganze Untergrundorganisation war hier aufgeführt und lag ausgebreitet in den Händen der Gestapo. Wahrlich, ich brauchte eine Weile, bis ich die Situation begriffen hatte. Woher, dachte ich, kann die Gestapo nur all diese Unterlagen haben? Ich hätte an der Echtheit des Berichtes noch gezweifelt, wenn nicht auch meine eigene Tätigkeit genau aufgezeichnet gewesen wäre. Der mich verhörende SS-Gestapo-Mann mit Namen Bauch aus Dresden ließ mir Zeit, meine Gedanken zu sammeln. Ich glaube, ich habe ein ziemlich dummes Gesicht gemacht, als ich mich wieder auf meinen Platz setzte. Dann sagte er zu mir: ,Nun hat es doch keinen Zweck mehr zu schweigen.‘

      Monatelang hat mich der Gedanke gequält, woher die Gestapo all unsere Unterlagen hatte. Später habe ich dann erfahren, daß all unsere Bestellungen, Berichte und abgelieferten Gelder sorgfältig in Karteien eingetragen und aufbewahrt wurden, die dann alle von der Gestapo gefunden und beschlagnahmt wurden.“

      MUTIGE TÄTIGKEIT VERWIRRT POLIZEI

      Der sorgfältig geplante Kongreß in Luzern, der vom 4. bis 7. September 1936 stattfinden sollte, bekam plötzlich durch die Massenverhaftungen, die zwei Wochen zuvor eingeleitet worden waren, ein ganz anderes Gepräge. Vielleicht hat der Kongreß, von dem die Gestapo ebenfalls Kenntnis hatte, das Datum ihres Zuschlagens mitbestimmt. Jedenfalls wurde alles getan, um den Brüdern aus Deutschland die Teilnahme an diesem Kongreß unmöglich zu machen. Das geht aus einem geheimen Rundschreiben der Geheimen Staatspolizei vom 21. August 1936 hervor, worin es bezüglich der Brüder, die zu dem Kongreß reisen wollten, hieß: „Die Ausreise der betreffenden Personen ist zu verhindern. Der Reisepaß ist in diesen Fällen den Teilnehmern zu entziehen.“

      Tatsächlich konnten von den mehr als 1 000 Personen, die die Reise geplant hatten, nur etwa 300 das Ziel erreichen. Aber die meisten von ihnen mußten die Grenze illegal überschreiten, und viele wurden auf dem Rückweg verhaftet.

      Bruder Rutherford nahm natürlich die Gelegenheit wahr, mit den Dienern aus Deutschland, die anwesend waren, über ihre Probleme zu sprechen. Er war besonders daran interessiert, wie man den Brüdern geistig helfen könnte. Heinrich Dwenger war selbst zugegen und berichtet über die weitere Besprechung:

      „Nun sollten die Bezirksdienstleiter Vorschläge machen. Sie schlugen vor, daß mich Bruder Rutherford wieder nach Deutschland zurücksenden sollte. Sie wünschten, daß ich selbst den Vorschlag einbringen sollte, aber ich sagte ihnen, daß ich das nicht könne, denn ich sei nach Prag gesandt worden und könne deshalb nicht sagen, daß ich wieder nach Deutschland möchte. Ich würde so den Eindruck erwecken, als wäre ich nicht mit meinem Auftrag zufrieden. So kam es, daß Bruder Frost zunächst die Verantwortung übertragen wurde. Dann fragte Bruder Rutherford: ,Was ist aber, wenn auch du verhaftet wirst?‘ Für diesen Fall wurde Bruder Dietschi von den Brüdern vorgeschlagen, die Verantwortung für das Werk in Deutschland zu tragen, wenn Bruder Frost verhaftet werden sollte.“

      Es wurde eine Resolution gefaßt, und etwa zwei- bis dreitausend Exemplare wurden an Hitler und an Regierungsmitglieder in Deutschland geschickt. Ein weiteres Exemplar wurde an den Papst in Rom geschickt. Franz Zürcher aus Bern, der die Resolution am 9. September 1936 abgeschickt hatte, erhielt von der Post die Bestätigung, daß die Resolution an den Vatikan in Rom sowie an die Reichskanzlei in Berlin ausgeliefert worden sei. Die Resolution, die einen Umfang von dreieinhalb maschinegeschriebenen Seiten hatte, enthielt folgende Gedanken:

      „Wir erheben scharfen Protest gegen die grausame Behandlung der Zeugen Jehovas durch die römisch-katholische Hierarchie und ihre Verbündeten in Deutschland und in allen anderen Erdteilen, aber wir überlassen gerne den Ausgang dieser Sache völlig der Hand des Herrn, unseres Gottes; denn nach seinem Worte wird er ihnen volle Vergeltung zuteil werden lassen. ... Wir senden herzliche Grüße an unsere verfolgten Geschwister in Deutschland und bitten sie, guten Mutes zu sein und sich völlig auf die Verheißungen des allmächtigen Gottes, Jehova, und auf Christus zu verlassen ...“

      Es wurden Vorkehrungen getroffen, die angenommene Resolution durch eine Blitzkampagne einer großen Anzahl Menschen in Deutschland zugänglich zu machen. Von den 300 000 Exemplaren, die in Bern gedruckt wurden, wurden 200 000 nach Prag gesandt, und von dort wurden sie über die Grenze in die Nähe von Zittau und an einige Orte im Riesengebirge gebracht. Die anderen 100 000 Exemplare sollten über die Niederlande nach Deutschland gebracht werden, aber leider wurden sie in den Niederlanden beschlagnahmt. So mußten verschiedene Bezirksdienstleiter die fehlenden Exemplare für Berlin und Norddeutschland selbst herstellen. Als Datum der Verbreitung wurde der 12. Dezember 1936, 17 bis 19 Uhr festgesetzt.

      Gemäß später erstellten Berichten nahmen 3 450 Brüder und Schwestern an der Aktion teil. Jeder hatte zwanzig bis höchstens vierzig Exemplare erhalten, und es galt, sie in dem zugeteilten Gebiet so schnell wie möglich zu verbreiten. Sie sollten einfach in Briefkästen gesteckt oder unter die Türen geschoben werden.

      In jedem Haus wurde ein Exemplar zurückgelassen; in großen Wohnhäusern im allgemeinen nicht mehr als drei Exemplare. Dann eilten diejenigen, die die Flugblätter verteilten, in eine Nachbarstraße und gingen dort genauso vor, damit die Exemplare über ein möglichst großes Gebiet verteilt würden.

      Die Wirkung auf die Gegner war verheerend. Erich Frost, der während der acht Monate, in denen er für das Werk in Deutschland verantwortlich war, mit dem Büro in Prag in enger Berührung stand, gab anläßlich eines seiner Besuche in Prag folgenden Bericht über diese Kampagne:

      „Die Verteilung der Resolution hat sich als ein gewaltiger Schlag gegen die Regierung und die Gestapo erwiesen. Wir haben diese Aktion schlagartig durchgeführt, und zwar am 12. Dezember 1936. Es wurde alles aufs präziseste vorbereitet, alle treuen Mitarbeiter wurden verständigt, jeder erhielt 24 Stunden vor Beginn der Arbeit seinen Plan und sein Päckchen Resolutionen. Schlag 17 Uhr begann die Verbreitung. Eine Stunde später waren bereits Polizei, SA und SS auf den Beinen und patrouillierten durch die Straßen, um den mutigen Verteilern aufzulauern. Sie erwischten bei der Arbeit nur wenige, im ganzen Reich wohl kaum mehr als ein Dutzend. Am darauffolgenden Dienstag jedoch kamen die Beamten in die Wohnungen der Geschwister und sagten jedem die Beteiligung an dieser Arbeit auf den Kopf zu. Unsere Geschwister wußten natürlich von nichts, und so fanden verhältnismäßig wenig Verhaftungen statt.

      Wie nun aus der Presse hervorgeht, hat man nicht nur entsetzliche Wut über unsere Kühnheit, sondern noch viel größere Angst. Man ist vollständig verblüfft darüber, daß es in einem seit vier Jahren terrorisierten Hitlerreich noch möglich ist, eine staatsfeindliche Aktion unter solcher Verschwiegenheit und in einem so gewaltigen Umfang durchzuführen. Vor allem fürchtet man das Volk. Von verschiedenen Seiten waren Anzeigen an die Polizei ergangen. Als nun die Beamten und uniformierten Leute in die Häuser gingen und die Menschen fragten, ob sie ein solches Blatt erhalten hätten, verneinten sie es alle, weil in Wirklichkeit doch in jedem Haus nur zwei, höchstens drei Familien eine solche Resolution erhalten hatten. Das weiß aber die Polizei nicht, sondern sie nimmt an, daß diese an jeder Tür abgegeben wurde.

      Infolgedessen hält man dafür, daß die Menschen unsere Resolution erhalten haben und dies doch aus gewissen Gründen vor der Polizei ableugnen, und das bewirkt bei diesen Leuten eine ungemeine Verwirrung und Furcht.“

      Das war für die Gestapo eine böse Enttäuschung, denn sie hatte gedacht, sie hätte unsere Tätigkeit durch ihren Großeinsatz am 28. August völlig zerschlagen. Und nun diese Großaktion mit der Resolution, die sie größer einschätzte, als sie in Wirklichkeit war! Es ist eine unleugbare Tatsache, daß es dem Feind gelungen war, eine gewaltige Bresche in die Reihen des Volkes Gottes zu schlagen, aber es gelang ihm nie, das Werk zum völligen Stillstand zu bringen. Die Brüder führten ihren Predigtauftrag weiterhin aus, wie dies aus dem Bericht der Bezirksdienstleiter zu ersehen ist, der für Bruder Rutherford zusammengestellt wurde und der die Zeit vom 1. Oktober bis 1. Dezember 1936 umfaßte. Er wies folgende Ergebnisse auf (bei allen Zahlen handelt es sich um ungefähre Angaben): 3 600 Verkündiger, 21 521 Stunden, 300 Bibeln, 9 624 Bücher und 19 304 Broschüren. Dies ist ein guter Bericht, verglichen mit dem letzten Monatsbericht vor der Verhaftungswelle (16. Mai bis 15. Juni): 5 930 Verkündiger, 38 255 Stunden, 962 Bibeln, 17 260 Bücher und 52 740 Broschüren.

      BLOSS-STELLUNG DURCH EINEN „OFFENEN BRIEF“

      Bei fast allen Verhören und Prozessen, die nach dem 12. Dezember 1936 stattfanden, kam die Verbreitung der Resolution zur Sprache. Die Behörden bereiteten vielen unserer Brüder noch größere Schwierigkeiten, da die Erklärungen in der Resolution, wie sie behaupteten, unwahr seien und wir keine Beweise für unsere Behauptungen hätten. Die verantwortlichen Brüder schlugen daher Bruder Rutherford vor, daß ein „offener Brief“ genauso schlagartig verbreitet werden sollte wie die Resolution selbst. Dadurch sollte der Gestapo die Antwort auf ihre unwahren Behauptungen gegeben werden. Bruder Rutherford gab seine Zustimmung und bat Bruder Harbeck in der Schweiz, den „offenen Brief“ zu schreiben, da er Zugang zu dem ganzen Material hatte, das bis zum Jahre 1936 über die Verfolgung gesammelt worden war.

      Der folgende daraus zitierte Abschnitt zeigt deutlich, mit welch schonungslosen Argumenten die Brüder damals dem Feind in aller Öffentlichkeit antworteten:

      „In christlicher Geduld und aus Scham haben wir lange genug zurückgehalten, die Öffentlichkeit in Deutschland und im Ausland auf diese Schandtaten aufmerksam zu machen. Es befindet sich in unseren Händen ein erdrückendes Beweismaterial von oben erwähnten grausamen Mißhandlungen der Zeugen Jehovas. Bei der Mißhandlung haben sich u. a. besonders der Kriminalassistent Theiß aus Dortmund, Tennhoff und Heimann von der Geheimen Staatspolizei Gelsenkirchen und Bochum hervorgetan. Man hat sich nicht gescheut, Frauen mit Ochsenziemern und Gummiknüppeln zu mißhandeln. Für sadistische Grausamkeit bei der Behandlung von christlichen Frauen ist, wie erwähnt, besonders Kriminalassistent Theiß in Dortmund und ein Mann der Staatspolizei in Hamm bekannt. Wir besitzen auch nähere Angaben und Namen von zirka achtzehn Fällen, wo Jehovas Zeugen gewaltsam getötet worden sind. Anfang Oktober 1936 wurde zum Beispiel der in der Neuhüllerstraße, Gelsenkirchen, Westfalen, wohnhaft gewesene Zeuge Jehovas Peter Heinen von Beamten der Geheimen Staatspolizei im Rathaus zu Gelsenkirchen erschlagen. Dieser traurige Vorfall wurde dem Herrn Reichskanzler Adolf Hitler berichtet. Abschriften davon erhielten auch der Reichsminister Rudolf Heß und der Chef der Geheimen Staatspolizei, Himmler.“

      Nachdem der „offene Brief“ fertig war, wurde der gesamte Text in Bern auf Aluminiummatrizen geschrieben und nach Prag gesandt. Von Zeit zu Zeit erhielt Ilse Unterdörfer, die während der Untergrundtätigkeit eng mit Bruder Frost zusammenarbeitete, von ihm den Auftrag, Berichte zu überbringen und Informationen entgegenzunehmen. Auf einer dieser Reisen nach Prag erhielt Schwester Unterdörfer die Matrizen, mit denen auf einem kurz zuvor gekauften Rotaprint-Vervielfältigungsapparat der „offene Brief“ gedruckt werden sollte. Am 20. März 1937 traf Schwester Unterdörfer mit ihrem wertvollen Paket in Berlin ein.

      „Ich nahm das Paket in Empfang“, berichtet Bruder Frost, „und übergab den ,gefährlichen‘ Inhalt einer anderen Schwester, die ihn in Sicherheit brachte. Noch in der gleichen Nacht wurden Schwester Unterdörfer und ich in unserer Unterkunft verhaftet. Welch eine Fügung! So hart es uns traf, daß nun unsere Freiheit für die Dauer der Nazi-Herrschaft aussein würde, machte uns doch der Gedanke glücklich, die in Vorbereitung befindliche neue Flugzettelaktion gesichert zu wissen.“

      Doch Bruder Frost irrte sich. Während er zum Gefängnis transportiert wurde, entdeckte er den Rotaprint-Vervielfältigungsapparat neben sich im Polizeiwagen. Die Gestapo hatte ihn bei einer ihrer Haussuchungen gefunden. Außerdem waren die Matrizen, die nicht auf jeder Maschine gebraucht werden konnten, anscheinend verschwunden und wurden nie wieder gefunden.

      Ida Strauß, der Bruder Frost die Matrizen gegeben hatte und die mit den Einzelheiten der Kampagne gut vertraut war, dachte ähnlich. „Ich hatte die Aluminiummatrizen in der Tasche“, erinnert sie sich, „um sie dahin zu bringen, wo die Maschine abgestellt war. Es war spätabends im Dunkeln; der Hauseigentümer, ein Interessierter, stand auf der Treppe und rief: ,Gehen Sie sofort weg, und bringen Sie sich in Sicherheit; die Gestapo hat die Maschine beschlagnahmt, die Brüder verhaftet und wartete bis vor kurzem auch auf Sie, dann haben es die Beamten aufgegeben.‘ Was würde sich nun ergeben? In den nächsten Tagen mußte ich feststellen, daß in der vorhergegangenen Nacht viele Brüder verhaftet worden waren, und ich traf keinen mehr, der noch Verbindung zur Organisation hatte.

      Ich suchte nun einen Bruder und auch einige Schwestern, die furchtlos bereit waren, sich weiterhin den Interessen des Werkes Jehovas zu widmen. Ich wußte, daß ich bei der Gestapo auf der schwarzen Liste stand, und mußte jeden Tag damit rechnen, auch verhaftet zu werden. Als es geschah, freute ich mich, daß die Interessen des Werkes in treuen Händen waren.“

      Soweit es sich aber um die Matrizen für den „offenen Brief“ handelte, irrte sich auch Schwester Strauß. Die Matrizen konnten nicht mehr verwendet werden, weil der Apparat beschlagnahmt worden war und ein anderer nicht zur Verfügung stand.

      Nun, nachdem Bruder Frost verhaftet worden war, übernahm Heinrich Dietschi die Verantwortung für das Werk, so, wie es in Luzern anläßlich der Besprechung mit Bruder Rutherford beschlossen worden war. Er sah nun seine erste Aufgabe darin, den „offenen Brief“ herauszubringen. Daher trat er sofort mit Bruder Strohmeyer, der in Lemgo wohnte, in Verbindung. Bruder Strohmeyer und Bruder Kluckhuhn waren gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden, wo sie eine Strafe von sechs Monaten verbüßt hatten, weil sie das Jahrbuch 1936 gedruckt hatten. Doch Bruder Strohmeyer sagte seine Hilfe zu.

      Nun galt es, wieder Matrizen aus der Schweiz zu beschaffen. Diesmal aber waren es Pappmatern, die zuerst von den Brüdern stereotypiert werden mußten, um die Druckplatten für die Schnellpressen zu erhalten. Bruder Dietschi hatte die Matern aus der Schweiz besorgt, nachdem dort 200 000 Exemplare des „offenen Briefes“ gedruckt worden waren, doch die Versuche, sie über die Grenze nach Deutschland zu bringen, gescheitert waren.

      Nachdem hinsichtlich des Druckens alle Fragen geklärt worden waren, wurde entschieden, daß der „offene Brief“ am 20. Juni 1937 in einer Blitzaktion verbreitet werden sollte. Schwester Elfriede Löhr berichtet: „Bruder Dietschi, der damalige verantwortliche Leiter für das deutsche Werk, organisierte diese Aktion. Wir waren alle mit Mut erfüllt, und es war alles wunderbar eingerichtet, und jeder Bezirk hatte eine genügende Anzahl dieser Briefe erhalten. Ich holte einen großen Koffer für den Bezirk Breslau von der Bahn ab und brachte diesen nach Liegnitz zu den Brüdern. Ich selbst hatte auch meine bestimmte Anzahl erhalten, die ich zur festgesetzten Zeit — wie alle Brüder — verteilte.“

      Die Verbreitung des „offenen Briefes“ muß die Gestapo unvorbereitet getroffen haben, denn sie hatte sich schon monatelang damit gebrüstet, die Organisation vollständig vernichtet zu haben. Um so größer war nun ihre Aufregung. Es war, als hätte jemand plötzlich in einen Ameisenhügel gestochen. Fast kopflos und ohne klares Ziel vor Augen, rannte man in größter Verwirrung durcheinander, besonders Personen wie Theiß in Dortmund.

      Doch auch für Theiß ging die gute Zeit zu Ende. Da Theiß glaubte, er dürfte in seiner Behandlung der Zeugen Jehovas keine Barmherzigkeit zeigen, ließ er eines Tages eine Haussuchung bei einem ehemaligen Bruder namens Wunsch durchführen, der sich jedoch in der Zwischenzeit von der Wahrheit abgewandt hatte und Fliegerfeldwebel geworden war. Als Wunsch nach Hause kam, erzählte ihm seine Frau von der Haussuchung. Sogleich suchte er Theiß in Dortmund auf und fragte ihn, warum er dies getan habe. Theiß erschrak, als er sah, daß ein Fliegerfeldwebel vor ihm stand, und stammelte: „Sie sind doch bei den Bibelforschern?“ Wunsch erwiderte: „Vorträge von ihnen habe ich gehört, aber ich war auch überall, wo es etwas zu hören gab.“ Jetzt unterbrach Frau Theiß das Gespräch, worauf ihr Mann erregt sagte: „Hätte ich doch nie angefangen, die Bibelforscher auszurotten! Man kann ja dabei verrückt werden. Man denkt, jetzt hat man so ein Biest eingesperrt, und schon gehen wieder zehn andere los. Ich bedaure es, damit angefangen zu haben.“

      Es ist nicht anzunehmen, daß sich das Gewissen dieses Agenten des Teufels jemals wieder beruhigte. Im Gegenteil, in dem Buch Kreuzzug gegen daß Christentum hieß es am Schluß, unter der Überschrift „Du hast gesiegt, Galiläer!“:

      „Zum Beispiel wird noch mitgeteilt, daß der mehrfach erwähnte Kriminalassistent Theiß in Dortmund als Folge seiner Verbrechen seit einiger Zeit furchtbare Gewissensqualen erleide und durch seine Dämonen zum Wahnsinn getrieben werde. Vor Monaten rühmte er sich, 150 Zeugen Jehovas ,kaputtgeschlagen‘ zu haben. Er war es, der jenen Spottspruch tat: ,Jehova, ich künde dir ewig Hohn, es lebe der König von Babylon.‘

      Jetzt aber sucht er diese Leute auf, verspricht, keinen mehr peinigen zu wollen, und bittet flehentlich darum, ihm zu sagen, was er tun soll, um der drohenden Strafe zu entgehen und alle entsetzliche, seelische Qual loszuwerden. Er sagt, er habe die ,Befehle zum Mißhandeln von oben‘ erhalten und wolle nun aufhören, weil immer wieder neue Zeugen Jehovas aufstehen. Wie Judas, nachdem er den Meister an die Feinde verraten hatte, sucht Theiß nun die Reue und findet sie nicht. Wenn auch noch vereinzelt, so gibt es immer mehr solche Fälle, wo Gestapoagenten und andere Parteileute, durch die Standhaftigkeit der Zeugen Jehovas beunruhigt, den Irrtum ihres Weges erkennen und ihre Ämter niederlegen.“

      Die Verbreitung des „offenen Briefes“ verursachte unter der Gestapo große Unruhe, und kurz darauf leitete sie eine Großfahndung ein. Schon nach wenigen Tagen führte sie eine Spur direkt nach Lemgo zu Bruder Strohmeyer und Bruder Kluckhuhn, die den „offenen Brief“ gedruckt hatten. Man konnte ihnen nachweisen, daß sie mindestens 69 000 Exemplare gedruckt hatten. Beide wurden zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, und nachdem sie diese Strafe verbüßt hatten, nahm sie die Gestapo als „unverbesserlich“ sofort wieder in Schutzhaft.

      Da die Mehrheit der Bezirksdienstleiter verhaftet worden war, wurden Schwestern gebeten, in die Bresche zu springen und die Verbindung zwischen Bruder Dietschi und den Versammlungen aufrechtzuerhalten. Eine von ihnen war Elfriede Löhr, die versuchte, mit Bruder Dietschi Verbindung aufzunehmen, nachdem Bruder Frost und Schwester Unterdörfer verhaftet worden waren. Sie fuhr nach Württemberg, und nachdem sie einige Zeit gesucht hatte, fand sie Bruder Dietschi in Stuttgart. Er nahm sie mit auf die Reise, um sie mit den verschiedenen Methoden vertraut zu machen, die angewandt wurden, um den Kontakt mit den Brüdern aufrechtzuerhalten. Es wurden auch gründliche Vorbereitungen für einen fahrbaren Radiosender getroffen, der in den Niederlanden gebaut und etwa im Herbst 1937 eingesetzt werden sollte. Die Gestapo hatte davon schon Kenntnis erhalten und war sehr wütend auf Bruder Dietschi, dessen Name ihr schon lange bekannt war, den sie aber bis dahin ebensowenig fassen konnte wie Bruder Wandres.

      Etwa um diese Zeit muß es gewesen sein, daß Schwester Dietschi von der Gestapo verhaftet und auf die berüchtigte „Steinwache“ in Dortmund gebracht wurde. Dort versuchte man sie zu zwingen, den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben, aber sie weigerte sich zu reden. Sie wurde so schwer mißhandelt, daß hinterher ein Bein kürzer war als das andere. Außerdem mußte sie nach ihrer Freilassung einige Wochen lang völlig in Bandagen eingewickelt werden, die mit Alkohol getränkt waren.

      NACHWIRKUNGEN DES KONGRESSES IN PARIS 1937

      Auf dem Kongreß, der 1937 in Paris stattfand, sollte, wie ein Jahr zuvor in Luzern, Bruder Rutherford anwesend sein. Diesmal gelang es nur ganz wenigen Brüdern aus Deutschland, dorthin zu reisen. Der Feind hatte große Breschen in die Reihen der Brüder geschlagen. Bruder Riffel, einer der wenigen, die den Kongreß besuchen konnten, erzählte später, daß allein in Lörrach und Umgebung vierzig Brüder und Schwestern in Gefangenschaft kamen, von denen zehn erhängt, vergast oder erschossen wurden, verhungerten oder an den Folgen der „medizinischen Versuche“, die in den Konzentrationslagern durchgeführt wurden, starben.

      In Paris wurde eine weitere Resolution angenommen, in der erneut unsere klare und ungebeugte Stellung gegenüber Jehova und seinem Königreich unter der Herrschaft Jesu Christi zum Ausdruck gebracht und offen auf die brutale Verfolgung in Deutschland aufmerksam gemacht wurde und in der die Verantwortlichen vor dem gerechten Gericht Gottes gewarnt wurden.

      Während der zweiwöchigen Abwesenheit des letzten Bezirksdienstleiters hatte sich in Deutschland wieder einiges ereignet. Schwester Löhr, die bei den meist wöchentlich stattfindenden Zusammenkünften anwesend war, bei denen Bruder Dietschi mit etwa fünfzehn Brüdern und Schwestern alle Dienstangelegenheiten besprach, war verhaftet worden. Das kam so:

      Da die Besprechungen, die in den meisten Fällen morgens gegen 9 Uhr begannen, sich oft bis 17 Uhr ausdehnten, hatten die teilnehmenden Brüder und Schwestern den Wunsch geäußert, mittags eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen. Schwester Löhr wurde gebeten, das Kochen zu übernehmen. Aus Sicherheitsgründen wechselten die Brüder jede Woche den Ort ihrer Zusammenkunft, und das machte es notwendig, den großen Topf, in dem meist ein Eintopfgericht gekocht wurde, zuvor dorthin zu bringen, wo die nächste Zusammenkunft stattfinden sollte. Ob nun der Gestapo durch die Aussagen von Brüdern, die neu verhaftet worden waren, oder auf einem anderen Weg der Ort der letzten Zusammenkunft vor dem Kongreß in Paris bekannt wurde, kann niemand sagen. Jedenfalls behielt die Gestapo diese Wohnung unter Beobachtung, und als Schwester Löhr kam, um den Kochtopf drei oder vier Tage vor der nächsten Zusammenkunft abzuholen, folgte ihr die Gestapo zu dem neuen Treffpunkt und verhaftete sie dort. Die Gestapo erkannte bald, daß sie nicht nur den neuen Treffpunkt gefunden hatte, sondern auch Bruder Dietschis geheimen Aufenthaltsort. Nach dem Kongreß in Paris kehrte er unmittelbar nach Berlin zurück und betrat seine Wohnung, ohne sich zu vergewissern, ob von irgendeiner Seite Gefahr drohe. Bruder Dietschi ging in die Falle und wurde auf der Stelle verhaftet. Natürlich mußten nun die Zusammenkünfte der erneut dezimierten reisenden Diener örtlich und auch zeitlich verlegt werden.

      Bruder Dietschi hatte viele Jahre unermüdlich in der Untergrundtätigkeit gedient und war nicht vor Gefahren zurückgeschreckt. Er wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nicht wie die meisten seiner Brüder in ein Konzentrationslager, nachdem er seine Strafe verbüßt hatte.

      Im Jahre 1945, als das Werk wiederaufgebaut wurde, war er einer der ersten, die den Brüdern als „Diener für die Brüder“ dienten. Leider begann er Jahre später, eigene Theorien zu entwickeln, und wandte sich von Jehovas Organisation ab.

      Doch wollen wir zum Jahre 1937 zurückkehren. Nachdem wieder einmal gefährliche Lücken in den Reihen unserer Brüder entstanden waren, versuchte Bruder Wandres, diese wenigstens vorübergehend zu schließen, um so die Versorgung der Brüder mit geistiger Speise sicherzustellen. Nach der Verhaftung von Bruder Franke hatte er dessen Gebiet übernommen, aber nun fühlte er sich auch für die anderen freigewordenen Gebiete verantwortlich, und so bat er Schwester Auguste Schneider aus Bad Kreuznach, die Brüder in Bad Kreuznach, Mannheim, Kaiserslautern, Ludwigshafen, Baden-Baden sowie im ganzen Saargebiet mit geistiger Speise zu versorgen. Wie alle, die damals unter diesen äußerst schwierigen Verhältnissen reisen mußten, erhielt auch sie einen anderen Namen; von nun an war sie „Paula“.

      Bruder Wandres, der erkannte, daß der Feind besonders in Sachsen gewütet hatte, bat Hermann Emter aus Freiburg, sich dieses Gebietes anzunehmen. Am 3. September fuhren sie beide nach Dresden. Obwohl Bruder Wandres noch nie dort gewesen war, wurden sie von der Gestapo erwartet. So ging eine Menschenjagd von mindestens drei Jahren zu Ende.

      Etwa Mitte September erwartete nun die ahnungslose „Paula“ gemäß der getroffenen Verabredung Bruder Wandres auf dem Bahnhof in Bingen. Sie hatte zwei große Koffer voll Literatur bei sich. Plötzlich trat ein Herr auf sie zu und sagte: „Guten Tag, Paula! Albert kommt nicht, und Sie müssen jetzt mit mir gehen!“ Es war sinnlos, Widerstand zu leisten, denn der Fremde war ein Gestapoagent. Er fügte hinzu: „Sie brauchen nicht auf Albert zu warten; wir haben ihn bereits verhaftet und haben ihm auch sein Geld abgenommen. ... Herr Wandres hat gesagt, daß Sie mit zwei Koffern ankommen würden und daß Sie Paula sind!“ Bis heute ist es ein Geheimnis geblieben, woher die Gestapo diese Information hatte. Aber sie wandte hier eine beliebte Methode an, indem sie gewissen Brüdern irgendwelche Informationen in den Mund legte, um so das Vertrauen unter den Brüdern zu zerstören und um sie zu veranlassen, sich von solchen „Verrätern“ zurückzuziehen.

      DAS ZIEL: STÄNDIGE HAFT

      Mit dieser Serie von Verhaftungen ging ein wichtiger Zeitabschnitt für die deutschen Brüder zu Ende. Die Zeit der gutorganisierten Tätigkeit war vorüber. Alles deutete nun auf den Beginn einer neuen Phase des Kampfes hin. Das Ziel der Gestapo war nun, jeden einzelnen, der noch den Mut hatte, an Jehova festzuhalten, zu vernichten und damit auch die Organisation zu zerschlagen.

      Nach einem Runderlaß, den die Düsseldorfer Gestapo am 12. Mai 1937 herausgab, sollten Bibelforscher von nun an in Konzentrationslager gebracht werden, selbst wenn kein richterlicher Haftbefehl gegen sie vorlag, und zwar schon auf bloßen Verdacht hin. Ähnliche Erlasse wurden in ganz Deutschland herausgegeben. Außerdem sollten die Bibelforscher automatisch in Konzentrationslager überführt werden, nachdem sie ihre vom Gericht verhängte Haftstrafe verbüßt hätten. Diese Entscheidung wurde im April 1939 noch erhärtet und ergänzt. Von nun an sollten nur diejenigen freigelassen werden, die bereit waren, eine Erklärung zu unterschreiben, durch die sie sich von Jehova und von seiner Organisation lossagten. Viele Brüder erhielten noch nicht einmal die Gelegenheit, sich zu entscheiden, ob sie die Erklärung unterzeichnen wollten oder nicht.

      Als Heinrich Kaufmann aus Essen seine Gefängnisstrafe verbüßt und wieder seine Zivilkleider angezogen hatte, teilte ihm ein Kriminalbeamter lediglich mit, er werde nun in Schutzhaft genommen. Doch zuerst brachte man ihn in seine Wohnung, die er schon eineinhalb Jahre nicht mehr gesehen hatte, und fragte ihn: „Wollen Sie von Ihrem Glauben ablassen und Hitler nachfolgen?“ Gleichzeitig zeigte man ihm den Hausschlüssel und ein Paket mit zwanzig Pfund Lebensmitteln und versprach ihm, auch seine Frau würde aus dem Konzentrationslager Ravensbrück wieder zurückgebracht. Bruder Kaufmann lehnte das Angebot ab.

      Manchmal versuchte man, die Brüder zu überlisten, wie Ernst Wiesner berichtet. Kurz bevor er entlassen werden sollte, legte man ihm ein Schriftstück vor. Die Erklärung war so allgemein gehalten, daß er, nachdem er sie sorgfältig durchgelesen hatte, bereit war, sie zu unterschreiben. Aber nun kam der Trick. Bruder Wiesner sollte seine Unterschrift ganz unten auf den Bogen setzen, obwohl die untere Hälfte der Seite unbeschrieben war. Zweifellos wollte die Gestapo später Dinge hinzufügen, die Bruder Wiesner nicht mit gutem Gewissen hätte unterschreiben können. Aber er erkannte sogleich ihr Vorhaben, und bevor man ihn hindern konnte, schrieb er seinen Namen direkt unter den maschinegeschriebenen Text. Die Folge war, daß er trotz seiner Unterschrift nicht entlassen wurde, sondern er wurde von der Geheimpolizei drei Wochen vor Beendigung seiner Haft unterrichtet, er werde unwiderruflich in ein Konzentrationslager überführt.

      DIE KONZENTRATIONSLAGER — EIN GÄHNENDER ABGRUND

      In dem Vierteljahresheft für Zeitgeschichte schreibt Hans Rothfels in Heft 2, Jahrgang 1962: „Die Inhaftierung in den Konzentrationslagern stellte für die Ernsten Bibelforscher die letzte und schwerste Phase ihrer Leidenszeit unter dem Nationalsozialismus dar. ...“

      Tröstlich für die meisten war die Tatsache, daß bereits treue Brüder da waren, die durch die Hitze der Verfolgung gehärtet worden waren. Mit ihnen in Berührung zu kommen und ihre liebevolle Hilfe zu verspüren wirkte sich auf jeden neuen „Zugang“ tröstlich und herzerquickend aus.

      Doch jedesmal, wenn die Standhaftigkeit unserer Brüder beobachtet und der Regierung gemeldet wurde, dachte man nur daran, wie man ihre Leiden vermehren könnte. So kam es, daß eine geraume Zeit Jehovas Zeugen neben anderen brutalen Quälereien grundsätzlich mit fünfundzwanzig Hieben, die mit einer Stahlrute ausgeteilt wurden, empfangen wurden, wenn sie im Lager eintrafen. Ihr Frondienst begann morgens um 4.30 Uhr, wenn die Lagerglocke zum Wecken läutete. Gleich darauf brach ein Tumult los: Betten bauen, waschen, Kaffee trinken, Antreten zum Appell — und das alles im Laufschritt. Niemand durfte sich im normalen Schritt bewegen. Darauf marschierten sie zum Morgenappell und schlossen sich dann den verschiedenen Arbeitskommandos an. Was nun folgte, war ein einziges Drama: Kies tragen, Sand tragen, Steine tragen, Pfähle tragen, ganze Barackenteile tragen, und das den ganzen Tag — alles im Laufschritt. Die Fronvögte, die die Häftlinge pausenlos durch Schreien und Schlagen zum Einsatz ihrer letzten Kräfte antrieben, waren die schlimmsten, die Hitler aufzuweisen hatte.

      Der Gedanke, daß Jesus Ähnliches erlitten hatte, war für sie tröstlich und ermunternd und gab ihnen immer wieder die Kraft, unter der unmenschlichen Behandlung auszuharren.

      Zur Abwechslung gab es auch manchmal aus ganz nichtigen Gründen „Strafexerzieren“. Die Brüder wurden oft gezwungen, ohne Nahrung auszukommen. Es konnte eine wirkliche Prüfung werden, wenn ein erschöpfter Bruder, statt eine Mahlzeit einnehmen zu können, noch weitere vier bis fünf Stunden auf dem Appellplatz strammstehen mußte, nur weil einem der Brüder ein Knopf an seiner Jacke fehlte oder wegen irgendeiner anderen unbedeutenden Verletzung der Regeln.

      Endlich durften sie dann schlafen gehen, sofern ihnen der Hunger das Schlafen erlaubte. Aber die Nächte waren nicht immer nur zum Schlafen da. Nicht selten kam einer oder auch mehrere der berüchtigten „Blockführer“ mitten in der Nacht, um die Gefangenen zu terrorisieren. Dieses Ereignis wurde manchmal mit einem Revolverschuß in die Luft oder in das Gebälk der Baracke eingeleitet. Dann mußten die Insassen im Nachthemd um die Baracke laufen und manchmal sogar darüberklettern, solange es dem „Blockführer“ beliebte. Es ist verständlich, daß die älteren Brüder am meisten unter einer solchen Behandlung zu leiden hatten, und viele verloren dabei das Leben.

      Im März 1938 wurde es Jehovas Zeugen in den Konzentrationslagern völlig verboten, Briefe zu schreiben. Dieses Verbot dauerte neun Monate, und in dieser Zeit konnten die Brüder in keiner Weise mit ihren Angehörigen in Verbindung treten und diese auch nicht mit ihnen. Auch nachdem das Schreibverbot wiederaufgehoben worden war, blieb für mindestens dreieinhalb bis vier Jahre — in manchen Lagern sogar noch länger — die Einschränkung bestehen, daß jeder Zeuge Jehovas monatlich nur fünf Zeilen an seine Angehörigen schreiben durfte. Der Text war vorgeschrieben und lautete: „Habe Euren Brief erhalten, herzlichen Dank dafür. Es geht mir gut. Bin gesund und munter. ...“ Aber es gab Fälle, in denen die Todesnachricht noch vor dem Brief eintraf, in dem zu lesen war: „Bin gesund und munter.“ Auf dem freien Platz des Briefbogens wurde folgender Text aufgestempelt: „Der Schutzhäftling ist nach wie vor hartnäckiger Bibelforscher und weigert sich, von der Irrlehre der Bibelforscher abzulassen. Aus diesem Grunde ist ihm lediglich die Erleichterung, den sonst zulässigen Briefwechsel zu pflegen, genommen worden.“

      „VIERKANT“ FINDET SEINEN MEISTER

      Das Leben im Konzentrationslager war täglich voller Aufregungen, die oft vom Lagerkommandanten selbst verursacht wurden. In Sachsenhausen war eine Zeitlang ein Mann namens Baranowsky Lagerkommandant, der wegen seiner kräftigen Gestalt von den Häftlingen bald den Spottnamen „Vierkant“ erhielt.

      Wenn ein neuer Transport mit Häftlingen eintraf, war er meistens persönlich zugegen und hielt ihnen seine „Begrüßungsansprache“. Sie begann gewöhnlich mit den Worten: „Ich bin der Kommandant und werde ,Vierkant‘ genannt. Mal herhören! Ihr könnt bei mir alles haben: Kopfschuß, Brustschuß, Bauchschuß. Ihr könnt euch auch die Kehle durchschneiden oder die Pulsader öffnen. Ihr könnt aber auch in den elektrischen Draht laufen. Merkt euch, meine Jungs schießen gut! Dann kommt ihr auch gleich in den Himmel.“ Er versäumte nie eine Gelegenheit, sich über Jehova oder seinen heiligen Namen lustig zu machen.

      Aber zu Anfang des Verbots lernte in Dinslaken ein junger Mann von etwa dreiundzwanzig Jahren die Wahrheit kennen. Sein Name war August Dickmann. Obwohl er noch nicht getauft war, verhaftete ihn die Gestapo und stellte ihn vor Gericht. Nachdem er seine Strafe abgebüßt hatte, gab er dem Druck der Gestapo nach und unterschrieb die „Erklärung“, zweifellos in der Hoffnung, ihm würde dadurch weitere Verfolgung erspart bleiben. Dennoch wurde er unmittelbar nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe, im Oktober 1937, nach Sachsenhausen gebracht. Die Brüder dort nutzten jede Gelegenheit, freudige und ermunternde Gespräche miteinander zu führen, und nun, da er in ihrer Mitte war, erkannte er, daß er aufgrund seiner Schwäche mit dem Feind einen Kompromiß eingegangen war. Er bereute und bat darum, daß die Erklärung, die er unterschrieben hatte, annulliert würde.

      Inzwischen war auch sein leiblicher Bruder Heinrich ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert worden. August erzählte ihm, er habe die Erklärung unterschrieben, habe die Unterschrift aber in der Zwischenzeit wieder rückgängig gemacht.

      Die nächsten Wochen gingen schnell vorüber. Als der Zweite Weltkrieg in der zweiten Hälfte des Jahres 1939 ausbrach, begann der Lagerkommandant Baranowsky, seine Pläne auszuführen. Er sah seine Gelegenheit gekommen, als August Dickmanns Frau ihrem Mann den Wehrpaß zusandte, der an seine Adresse in Dinslaken geschickt worden war. Drei Tage nach Ausbruch des Krieges wurde August zur „politischen Abteilung“ bestellt. Doch vor dem Appell warnte ihn sein Bruder Heinrich, den er von der neuen Entwicklung unterrichtet hatte, daß nun der Krieg ausgebrochen sei und er sich auf alles gefaßt machen müsse. Er müsse sich jetzt völlig darüber im klaren sein, was er zu tun gedenke. August antwortete: „Sie mögen mit mir machen, was sie wollen. Ich werde nicht unterschreiben, ich werde keinen Kompromiß mehr eingehen.“

      Das Verhör fand an jenem Nachmittag statt, aber August kehrte nicht zu den Brüdern zurück. Wie es sich später herausstellte, hatte er nicht nur die Unterschrift unter den Wehrpaß verweigert, sondern darüber hinaus noch ein sehr schönes Zeugnis gegeben. Er wurde in einer Einzelzelle im Bunker untergebracht, während der Lagerkommandant diesen Fall Himmler vortrug und um die Erlaubnis bat, Dickmann öffentlich in Gegenwart der Brüder und des gesamten Lagers hinzurichten. Er war überzeugt, daß eine große Zahl Zeugen Jehovas angesichts des Todes die Unterschrift leisten würde. Bis jetzt hätten sich die meisten geweigert zu unterschreiben, aber es seien nur Drohungen ausgesprochen worden. Himmler antwortete postwendend, daß Dickmann zum Tode verurteilt sei und hingerichtet werden solle. Jetzt war der Weg für „Vierkants“ großes Schauspiel frei.

      Es war ein Freitag. Über dem ganzen Lager lastete eine unheimliche Stille, während plötzlich ein Kommando anrückte und in kurzer Zeit mitten auf dem Appellplatz einen Schießstand errichtete. Dies gab natürlich zu allen möglichen Gerüchten Anlaß. Die Spannung stieg noch höher, als die Arbeitskommandos den Befehl erhielten, die Arbeit eine Stunde früher als üblich zu beenden. Paul Buder erinnert sich noch, daß beim Einmarschieren der Arbeitskommandos ein SS-Mann lachend zu ihm sagte: „Heute machen wir Himmelfahrt. Heute fährt einer von euch in den Himmel.“

      Als das Arbeitskommando, dem Heinrich Dickmann zugeteilt worden war, einrückte, ging der Lagerälteste auf ihn zu und fragte ihn, ob er wisse, was hier vor sich gehe. Als er erwiderte, er wisse es nicht, wurde ihm gesagt, sein Bruder August solle erschossen werden.

      Doch war jetzt nicht die Zeit für lange Diskussionen. Alle Gefangenen erhielten den Befehl, auf dem Appellplatz aufzumarschieren. Jehovas Zeugen mußten sich unmittelbar vor dem Schießstand aufstellen. Alle Augen waren auf diesen Punkt gerichtet. Dann zogen die Wachen der SS auf; die Sicherheitsmaßnahmen wurden um das Vierfache verstärkt. Der Überzug, der die Maschinengewehre verdeckte, wurde entfernt, und die Munitionsgurte wurden in die Waffen eingeführt, so daß sie zum sofortigen Einsatz bereit waren. Auf der hohen Mauer saßen die SS-Leute in Erwartung der kommenden Dinge — es waren so viele, daß man den Eindruck hatte, die ganze Truppe sei zu diesem blutigen Schauspiel abkommandiert worden. Am Haupttor, das aus starken Rundeisenstäben gefertigt worden war, standen und hingen die sensationslüsternen SS-Leute wie eine Traube. Einige von ihnen waren sogar auf die Querstangen geklettert, um besser sehen zu können. Ihren Augen konnte man nicht nur die Neugierde, sondern auch den Blutdurst ablesen. Bei einigen war es aber auch ein gewisses Grauen, denn schließlich wußten sie alle, was in wenigen Minuten vor sich gehen sollte.

      Dann wurde, begleitet von einigen hohen SS-Offizieren, August Dickmann vorgeführt, dessen Hände vorn gefesselt waren. Jeder war von seiner Ruhe und Gelassenheit beeindruckt. Er wirkte wie jemand, der schon den Kampf gewonnen hatte. Etwa sechshundert Brüder waren anwesend; sein leiblicher Bruder Heinrich stand nur wenige Meter von ihm entfernt.

      Plötzlich war ein Knacken in den Lautsprechern zu hören, als die Mikrofone eingeschaltet wurden. „Vierkants“ Stimme war zu hören: „Häftlinge, herhören!“ Sofort trat Stille ein. Nur das kurze, asthmatische Atmen dieses Ungeheuers war zu vernehmen. Dann fuhr er fort:

      „Der Häftling August Dickmann aus Dinslaken, geboren am 7. Januar 1910, verweigert den Wehrdienst, weil er ein Bürger des Königreiches Gottes sei. Er sagt: ,Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden.‘ So hat er sich außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt und wird auf Anordnung des ,Reichsführers SS‘ Himmler erschossen.“

      Während nun Totenstille über dem weiten Platz lag, fuhr „Vierkant“ fort: „Ich habe den Häftling Dickmann vor einer Stunde davon unterrichtet, daß sein elendes Leben um sechs Uhr ausgelöscht wird.“

      Einer der Beamten trat zu ihm heran und fragte ihn, ob der Häftling noch einmal gefragt werden solle, ob er seinen Sinn geändert habe und doch den Wehrpaß unterschreiben wolle, worauf ihm „Vierkant“ antwortete: „Es hat keinen Zweck.“ An August Dickmann gerichtet, befahl er: „Dreh dich um, du Schwein!“ Dann gab er den Befehl zum Schießen. Darauf wurde August von hinten von drei SS-Unterführern erschossen. Anschließend ging ein hoher SS-Führer zu ihm und schoß ihm noch eine Kugel durch den Kopf, so daß das Blut über seine Wange lief. Nachdem ihm ein SS-Mann niederen Grades die Handschellen abgenommen hatte, wurden vier Brüder beauftragt, ihn in eine schwarze Kiste zu legen und ins Revier zu tragen.

      Während nun alle anderen Gefangenen abtreten und in ihre Baracken gehen durften, mußten Jehovas Zeugen stehenbleiben. Jetzt war für „Vierkant“ die Zeit gekommen, seine Behauptung wahr zu machen. Mit großem Nachdruck stellte er die Frage, wer nun bereit sei, die Erklärung zu unterschreiben. Wer diese Erklärung unterschrieben hätte, hätte nicht nur seinem Glauben abgeschworen, sondern sich auch bereit erklärt, Soldat zu werden. Keiner meldete sich. Dann traten zwei vor — aber nicht, um die Erklärung zu unterschreiben. Sie baten darum, daß die Unterschrift, die sie beide vor etwa einem Jahr gegeben hatten, annulliert würde.

      Das war für „Vierkant“ zuviel. Wütend verließ er den Appellplatz. Wie zu erwarten war, ging es den Brüdern an jenem Abend und in den darauffolgenden Tagen sehr schlecht. Aber sie blieben standhaft.

      Dickmanns Hinrichtung wurde in den nächsten Tagen mehrmals im Rundfunk bekanntgemacht, offensichtlich in der Absicht, die anderen Zeugen, die sich noch in Freiheit befanden, einzuschüchtern.

      Drei Tage später wurde sein Bruder Heinrich zur „politischen Abteilung“ gerufen. Zwei hohe Gestapobeamte waren aus Berlin eingetroffen, um festzustellen, wie die Hinrichtung seines Bruders auf ihn gewirkt habe. Nach seinem eigenen Bericht verlief die Unterhaltung wie folgt:

      „ ,Hast du gesehen, wie dein Bruder erschossen wurde?‘ Meine Antwort war: ,Jawohl.‘ ,Welche Lehre ziehst du daraus?‘ ,Ich bin und bleibe ein Zeuge Jehovas.‘ ,Dann bist du der nächste, der erschossen wird.‘ Darauf konnte ich einige Fragen biblisch beantworten, bis mich der Beamte anschrie: ,Ich will nicht wissen, was geschrieben steht, ich will deine Meinung wissen!‘ Und während er mir die Notwendigkeit der Vaterlandsverteidigung begreiflich machen wollte, flocht er immer Sätze wie diese ein: ,Du bist der nächste, der erschossen wird, ... der nächste, der kippt, ... der nächste, der fällt‘, bis der andere Beamte sagte: ,Es hat keinen Zweck, mach die Akten fertig!‘ “

      Dann wurde Bruder Dickmann noch einmal die Erklärung zur Unterschrift vorgelegt. Er lehnte sie mit den Worten ab: „Wenn ich damit Staat und Führung anerkenne, würde ich damit auch das Todesurteil meines Bruders gutheißen und unterschreiben. Das kann ich nicht.“ Die Antwort: „Dann kannst du dir ausrechnen, wie lange du noch lebst.“

      Aber wie erging es „Vierkant“, der Jehova geschmäht und herausgefordert hatte wie kaum jemand anders? Er wurde nur noch ein paarmal im Lager gesehen und dann überhaupt nicht mehr. Die Häftlinge fanden jedoch heraus, daß er kurz nach August Dickmanns Hinrichtung von einer schrecklichen Krankheit heimgesucht wurde. Er starb fünf Monate später, ohne noch einmal die Gelegenheit gehabt zu haben, Jehova oder seine Zeugen zu verspotten. „Ich habe einen schweren Kampf mit Jehova aufgenommen. Wir wollen sehen, wer stärker ist — ich oder Jehova.“ Das hatte „Vierkant“ gesagt, als er am 20. März 1938 die Brüder in die „Isolierung“ führte. Der Kampf hatte sich entschieden. „Vierkant“ hatte verloren. Und während unsere Brüder ein paar Monate später aus der „Isolierung“ herauskamen und in einigen Fällen eine gewisse Erleichterung erfuhren, verbreitete sich im Lager immer mehr das Gerücht, „Vierkant“ sei ernsthaft krank und immer, wenn er von Offizieren an seinem Krankenlager besucht würde, würde er jammern: „Die Bibelforscher beten mich tot, weil ich ihren Mann habe erschießen lassen.“ Fest steht, daß seine Tochter nach dem Tode ihres Vaters immer, wenn sie nach der Ursache des Todes ihres Vaters gefragt wurde, sagte: „Die Bibelforscher haben meinen Vater in den Tod gebetet.“

      DACHAU

      Bruder Friedrich Frey aus Röt schreibt über die Behandlung in der „Isolierung“ in Dachau: „Der Hunger, die Kälte und die Folterungen — dies alles ist kaum zu beschreiben. Einmal trat mir so ein Scherge mit dem Stiefel in den Magen, so daß ich ein schweres Leiden davongetragen habe. Ein andermal wurde mir das Nasenbein krumm geschlagen, so daß ich seither Atembeschwerden habe, weil das Nasenbein beide Luftwege versperrt. Ein andermal nahm ich während der Arbeit ein paar alte Krumen Brot zu mir, um den Hunger zu stillen, was ein SS-Mann beobachtete. Dieser kam sofort zu mir, trat mir ebenfalls mit dem Stiefel in den Bauch, so daß ich kopfüber stürzte. Danach wurde ich zur Strafe noch an einen drei Meter hohen Pfahl gehängt. Dabei wurden die Arme mit einer Kette auf dem Rücken zusammengebunden. Da durch das Körpergewicht in diesem unnormalen Zustand das Blut in den Adern gestaut wurde, entstand ein unsagbarer Schmerz, der nicht zu beschreiben ist. Ein SS-Mann hat mich dann zusätzlich an den Beinen gepackt und hin und her geschwenkt, indem er gleichzeitig schrie: ,Sind Sie immer noch ein Zeuge Jehovas?‘ Doch ich konnte nicht mehr antworten, der Todesschweiß stand mir bereits auf der Stirn. Von dieser Tortur habe ich heute noch ein Nervenzucken zurückbehalten. Ich mußte dabei immer an die letzte Stunde unseres Herrn und Meisters denken, dem sogar die Hände und Füße durchschlagen wurden.“

      In Dachau wurde kurz vor Weihnachten ein großer Weihnachtsbaum aufgestellt und mit elektrischen Kerzen und anderen Schmucksachen behängt. Die 45 000 Häftlinge des Lagers, darunter 100 Zeugen Jehovas, hofften, ein paar friedliche Tage verleben zu dürfen. Doch was geschah? Am sogenannten Heiligen Abend, als alle Häftlinge schon in ihren Baracken waren, ertönte um 8 Uhr plötzlich die Lagersirene; die Gefangenen sollten so schnell wie möglich auf dem Appellplatz aufmarschieren. Schon von weitem hörte man die SS-Kapelle spielen. Fünf Kompanien der SS marschierten in voller Ausrüstung ein. Der Lagerkommandant, begleitet von SS-Offizieren, hielt eine kurze Rede und erklärte den Häftlingen, an diesem Abend wollten sie mit ihnen auf ihre Art Weihnachten feiern. Darauf zog er aus seiner Aktentasche eine Liste hervor und las fast eine ganze Stunde lang die Namen der Häftlinge vor, denen schon in den vergangenen Wochen eine Strafe zugedacht worden war. Dann wurde der „Bock“ herausgebracht und aufgestellt und der erste Häftling darübergeschnallt. Anschließend bezogen zwei mit einer Stahlrute ausgerüstete SS-Männer rechts und links von dem Bock Stellung und begannen zu schlagen, während die Musikkapelle das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ spielte, das alle Lagerinsassen mitsingen mußten. Gleichzeitig mußte der Häftling, der die fünfundzwanzig Schläge erhielt, diese laut mitzählen. Jedesmal, wenn ein neuer Häftling auf den Bock geschnallt wurde, traten zwei neue, ausgeruhte SS-Männer aus den fünf Kompanien hervor, um die verhängte Strafe auszuteilen. Wahrlich, ein würdiges Weihnachtsfest für eine „christliche Nation“!

      Angesichts einer solchen Behandlung benötigten unsere Brüder einen starken Glauben, einen Glauben, der durch ein sorgfältiges Studium des Wortes Gottes gestärkt worden war. Wie gefährlich es sein kann, wenn jemand das Studium versäumt und demzufolge nicht genügend auf derartige Prüfungen vorbereitet ist, erfuhr Helmut Knöller. Wir wollen ihn seine eigene Erfahrung erzählen lassen:

      „Die ersten Tage in Dachau waren sehr hart. Unter den Neulingen war ich mit meinen zwanzig Jahren der jüngste. Ich wurde sofort in ein Sonderkommando gesteckt, das auch am Sonntag arbeiten mußte. Der Kapo, der uns zu beaufsichtigen hatte, nahm mich besonders hart heran. Ich mußte alles, selbst die schwersten Arbeiten, die ich nicht gewohnt war, im Laufschritt machen. Ich brach wiederholt zusammen, wurde aber jedesmal zur Ernüchterung im Keller bis zur Hüfte ins Wasser gestellt und dort zusätzlich mit Wasser übergossen.

      Ich wurde dann immer weiter gejagt, bis ich fast physisch zusammengebrochen war. So ging es Tag für Tag, und ich war nahe daran zu verzweifeln, wenn ich dachte, daß dies wochen-, ja monatelang so weitergehen würde. ... Doch die Schwierigkeiten im Lager wurden dann so groß, daß ich mich eines Tages bei der Lagerführung meldete und dort den bekannten Schrieb unterzeichnete, wonach ich nichts mehr mit der IBV [Internationale Bibelforscher-Vereinigung] zu tun haben wollte. Ich unterschrieb, weil ich zu Hause wenig studiert hatte. Meine Eltern hatten selbst zu wenig studiert, so daß wir Kinder nur mangelhaft von ihnen unterrichtet worden waren. ... Es war mir vor Augen geführt worden, daß wir ein solches Schreiben ruhig unterzeichnen könnten, da erstens nur etwas von Bibelforschern darin gesagt werde und nichts von Jehovas Zeugen und wir zweitens den Feind ruhig belügen könnten, wenn wir dadurch wieder frei würden, um Jehova draußen noch besser dienen zu können.“ Erst später, als er in Sachsenhausen war, halfen ihm reife Brüder, die Bedeutung der christlichen Lauterkeit zu verstehen, und stärkten seinen Glauben.

      MAUTHAUSEN

      Obwohl schon in Dachau viele Menschen vergast und auf andere grausame Weise ums Leben gebracht wurden, war Mauthausen ein ausgesprochenes Vernichtungslager. Der Lagerführer Ziereis sagte immer wieder, er wolle nur Totenscheine sehen. Tatsächlich wurden innerhalb von sechs Jahren in den beiden modernen Krematorien, die es dort gab, 210 000 Männer verbrannt, das ist ein Durchschnitt von täglich 100.

      Soweit Häftlinge dort überhaupt zum Arbeitseinsatz kamen, mußten sie im allgemeinen im Steinbruch arbeiten. Dort befand sich eine steile Wand, die von der unmenschlichen SS die „Mauer der Fallschirmspringer“ genannt wurde. Hunderte von Häftlingen wurden dort hinuntergestoßen, die dann zerschmettert liegenblieben oder in einem mit Regenwasser gefüllten Graben ertranken. Viele verzweifelte Häftlinge stürzten sich sogar freiwillig in diesen Abgrund.

      Eine andere Attraktion war die „Todestreppe“. Hierbei handelte es sich um eine Treppe mit 186 verschiedenartigen und auch verschieden hohen, lose übereinandergelegten Blöcken, die Stufen genannt wurden. Nachdem die Häftlinge schwere Steine auf ihren Schultern nach oben geschleppt hatten, machten sich die SS-Männer einen Spaß daraus, einen Massensturz in Gang zu setzen, indem sie sie traten oder mit dem Kolben ihres Gewehres schlugen und sie dadurch die „Treppe“ wieder hinunterstießen. Viele fanden dabei den Tod, und die Zahl der Erschlagenen wurde durch die herabstürzenden Steine immer größer. Valentin Steinbach aus Frankfurt erinnert sich, daß häufig Strafkommandos, die morgens noch eine Stärke von 120 Mann hatten, abends nur mit 20 Mann zurückkehrten.

      KONZENTRATIONSLAGER FÜR FRAUEN

      Nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen wurden Konzentrationslager errichtet. Eines davon wurde schon 1935 in Moringen, in der Nähe von Hannover, in Betrieb genommen. Als im Jahre 1937 der Druck auf Jehovas Zeugen verstärkt wurde, wurde das Lager in Moringen aufgelöst. Im Dezember wurden ungefähr 600 Häftlinge in das Lager Lichtenburg gebracht. Da die Bemühungen, unsere Schwestern von ihrer konsequenten Haltung abzubringen, scheiterten, wurde eine Strafstation eingerichtet. Ihre Aufseherinnen gaben ihnen sehr wenig zu essen und suchten ständig, Gründe zu finden, um sie zu bestrafen. Der Lagerkommandant sagte ihnen dann: „Wenn ihr leben wollt, dann kommt zu mir und unterschreibt.“

      Eine Methode, die man anwandte, um unsere Schwestern zu veranlassen, ihre Lauterkeit aufzugeben, schildert Schwester Ilse Unterdörfer: „Eines Tages wurde Schwester Elisabeth Lange aus Chemnitz zum Direktor gerufen. Da sie entschieden ablehnte, sich umzustellen, das heißt den üblichen Revers zu unterschreiben, ließ er sie in eine Arrestzelle bringen. Die Arrestzellen befanden sich im Keller dieser alten Burg. Wie sich wohl jeder, der die alten Burgen und ihre Burgverliese kennt, denken kann, war der Aufenthalt dort äußerst unheimlich. Es waren dunkle Löcher mit einem kleinen vergitterten Fenster. Die Bettstatt war aus Steinen gemauert. Auf diesem kalten, harten Lager mußte man meistens ohne Strohsack liegen. In diesem Kellerloch mußte Schwester Lange ein halbes Jahr in Einzelhaft verbringen, aber auch dies konnte sie in ihrer Standhaftigkeit nicht erschüttern, obwohl sie gesundheitlich sehr litt.“

      Eine andere Methode, die angewandt wurde, um die Standhaftigkeit unserer Schwestern zu erschüttern, bestand darin, daß man ihnen schwere körperliche Arbeit aufbürdete. Aus diesem Grund wurde eine Anzahl Schwestern nach Ravensbrück gebracht. Am 15. Mai 1939 traf dort die erste Gruppe ein, und andere folgten bald darauf. Das Lager war bald auf 950 Frauen angewachsen, und etwa 400 von ihnen waren Zeuginnen Jehovas. Alle wurden zu den schwersten Aufbau- und Aufräumungsarbeiten herangezogen, Arbeiten, die normalerweise nur von Männern verlangt werden. Der neue Lagerkommandant, der sich durch besondere Brutalität auszeichnete, glaubte nun, die Schwestern durch die harte Arbeit mürbe machen zu können.

      Natürlich verloren bei einer solchen Behandlung sehr viele Schwestern das Leben. Darüber hinaus wurden ganze Transporte nach Auschwitz gebracht, ein Lager, das wie das Lager Mauthausen besonders zur Massenvernichtung eingerichtet war. Frauen, die alt oder krank waren und die nicht den Maßstäben entsprachen, die die SS-Männer an Frauen anlegten, die eine „Herrenrasse“ hervorbringen konnten, mußten mit dem Tod rechnen. Berta Maurer erzählt uns, was dort vor sich ging:

      „Zur Auswahl mußten wir alle nackt vor einer Kommission erscheinen. Gleich danach ging auch schon der erste Transport nach Auschwitz. Unter ihnen befand sich eine ganze Anzahl Schwestern, denen man zwar vortäuschte, sie kämen in ein Lager, wo sie es leichter hätten, obwohl alle wußten, daß das Leben in Auschwitz noch unerträglicher war. Dasselbe wurde auch denen gesagt, die den zweiten Transport bildeten. Darunter befanden sich ebenfalls viele schwache und kranke Schwestern.“ Bald darauf wurden ihre Verwandten von ihrem Tod unterrichtet. In den meisten Fällen gab man als Todesursache „Kreislaufstörung“ an.

      Etwas anderes, was für unsere Schwestern eine Prüfung hätte darstellen können, berichtet Auguste Schneider aus Bad Kreuznach:

      „Eines Tages kam ein Häftling zu mir und sagte: ,Frau Schneider, ich gehe jetzt fort von hier.‘ Ich fragte sie, wohin sie denn gehen wolle, worauf sie mir antwortete: ,Es sind zu viele Männer da, und es muß ein Freudenhaus eingerichtet werden. Wir sind gefragt worden, und es haben sich zwanzig bis dreißig Frauen gemeldet. Wir bekommen jetzt schöne Kleider und werden ganz fein gemacht.‘ Ich fragte sie dann, wo das sein sollte, worauf sie antwortete: ,Im Männerlager.‘

      Es ist kaum zu beschreiben, was sich dann dort alles abgespielt hat. Doch eines Tages sagte ein SS-Führer zu mir: ,Frau Schneider, Sie werden gehört haben, was im Männerlager vor sich geht. Doch das muß ich sagen, keiner von den Zeugen Jehovas war dabei!‘ “

      Ravensbrück wurde als das berüchtigtste aller Frauenkonzentrationslager bekannt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war die Zahl der Schwestern dort auf etwa 500 angestiegen.

      Eines Tages wurden einige Schwestern plötzlich aus ihren Zellen gerufen und erhielten den Auftrag, den ganzen Bau auf Hochglanz zu bringen, da Himmler angedeutet hatte, er werde das Lager besichtigen. Aber der Tag ging vorüber, ohne daß er kam. Unsere Schwestern hatten sich schon zum Schlafen fertiggemacht, das heißt, sie hatten ihre Schuhe ausgezogen, die ihnen als Kopfkissen dienten. Wegen der Kälte schliefen sie in ihren Kleidern. Sie legten sich so dicht wie möglich aneinander, damit sie sich gegenseitig wärmten. Von Zeit zu Zeit wechselten sie ihre Plätze, so daß jeder einmal an die Außenseite kam, wo es natürlich kälter war. Plötzlich waren laute Stimmen in den Gängen zu hören, und die Zellentüren wurden aufgeschlossen. Jetzt standen unsere Schwestern vor dem Mann, der in Deutschland über Leben und Tod entschied. Himmler musterte die Schwestern scharf, stellte ihnen einige Fragen und mußte sich davon überzeugen, daß sie nicht bereit waren, irgendwelche Zugeständnisse zu machen.

      Noch am gleichen Abend, nachdem Himmler und seine Begleiter wieder fort waren, wurde eine ganze Anzahl Häftlinge herausgerufen, und andere Häftlinge konnten ihre Schreie hören. Himmler hatte die „verschärfte“ Strafe auch für Frauen eingeführt; sie erhielten fünfundzwanzig Schläge mit der Stahlrute auf das entblößte Gesäß.

      Eine Schwester berichtet von dem Mut, mit dem viele ihre Probleme ertrugen: „In meinem Block war auch eine Jüdin, die die Wahrheit angenommen hatte. Auch sie wurde eines Nachts geweckt. Ich hörte es, stand auf und gab ihr noch einige Worte des Trostes mit auf den schweren Gang. Doch sie sagte: ‚Ich weiß genau was mir bevorsteht. Doch ich bin glücklich, noch die wunderbare Hoffnung der Auferstehung kennengelernt zu haben. Ich gehe gefaßt in den Tod.‘ Und tapfer schritt sie von dannen.“

      SPALTUNGEN VERSCHLIMMERN DIE MÜHSALE

      Als die Brüder in den Lagern von den Brüdern draußen abgeschnitten waren, spürten sie ein großes Verlangen nach geistiger Speise. Neuankömmlinge wurden von den Brüdern ausgefragt, was inzwischen im Wachtturm veröffentlicht worden sei. Manchmal wurden die Informationen genau vermittelt, manchmal aber auch nicht. Es gab auch Brüder, die versuchten, anhand der Bibel das Datum festzustellen, an dem sie befreit werden würden, und obwohl ihre Argumente schwach waren, griffen doch einige hoffnungsvoll nach diesem „Strohhalm“.

      In dieser Zeit wurde ein Bruder, der ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis hatte, nach Buchenwald gebracht. Zuerst war seine Fähigkeit, sich zu erinnern und anderen die Dinge mitzuteilen, die er gelernt hatte, eine Quelle der Ermunterung für die Brüder. Aber im Laufe der Zeit wurde er ein Idol, „das Wunder von Buchenwald“, und seine Äußerungen, sogar seine persönliche Meinung, wurden als maßgebend betrachtet. Von Dezember 1937 bis 1940 hielt er jeden Abend einen Vortrag, insgesamt also etwa 1 000 Vorträge, und viele davon wurden in Kurzschrift mitgeschrieben, damit sie vervielfältigt werden konnten. Obwohl es viele ältere Brüder im Lager gab, die die Fähigkeit hatten, Vorträge zu halten, war dieser Bruder der einzige, der dies tat. Alle, die nicht völlig in Übereinstimmung mit ihm waren, wurden als „Feinde des Königreiches“ und als „Achans Familie“ bezeichnet und sollten von den „Treuen“ gemieden werden. Fast vierhundert Brüder waren mehr oder weniger bereit, diese Vorkehrung anzuerkennen.

      Diejenigen, die so zu „Feinden“ gestempelt wurden, waren ebenfalls Brüder, die bereit waren, ihr Leben einzusetzen, um die Königreichsinteressen nach bestem Können zu fördern. Auch sie waren ins Lager gebracht worden, weil sie entschlossen waren, ihre Lauterkeit selbst bis zum Tode zu beweisen. Zwar wandten einige von ihnen biblische Grundsätze nicht völlig an. Doch wenn sie mit den Verantwortlichen Verbindung aufnehmen wollten, damit auch sie aus der geistigen Speise Nutzen ziehen konnten, die in Buchenwald erhältlich war, betrachteten diese es als „unter ihrer Würde“, solche Angelegenheiten zu besprechen.

      Wilhelm Bathen aus Dinslaken, der Jehova immer noch treu dient, erzählt, wie es ihm persönlich erging: „Als ich wußte, daß ich auch ausgeschlossen war, war ich seelisch derart herunter und deprimiert, daß ich mich fragte, wie so etwas möglich sein könne. ... Ich habe oft auf den Knien gelegen und zu Jehova gebetet, er möge mir ein Zeichen geben. Ich fragte mich, ob ich etwa selbst daran schuld sei und ob auch er mich ausgeschlossen habe. Da ich eine Bibel hatte, habe ich darin bei verdunkeltem Licht gelesen und fand großen Trost bei dem Gedanken, daß dies mir zur Prüfung widerfahren sei. Sonst wäre ich zugrunde gegangen, denn es war ein gewaltiger Schmerz, von der Gemeinschaft der Brüder ausgeschlossen zu sein.“

      So trugen menschliche Unvollkommenheiten und eine übertriebene Ansicht über die eigene Wichtigkeit zu Spaltungen unter Gottes Volk bei, und das bedeutete für einige eine schwere Prüfung.

      VON DEM WUNSCH ZU „ÜBERLEBEN“ ÜBERMANNT

      Einige, die in ein Lager gebracht wurden, da sie entschlossen waren, keine Kompromisse einzugehen, ließen später ihren Wunsch zu „überleben“ stärker werden als ihre Liebe zu Jehova und zu ihren Brüdern. Wenn jemand in der Lagerorganisation eine verantwortliche Stellung erhalten konnte und mit der Aufsicht über irgendeinen Arbeitsbereich betraut wurde, mußte er seine Kraft nicht mehr bei harter Zwangsarbeit verschleißen. Aber das war gefährlich. In vielen Fällen erforderte dies, daß er eng mit der SS zusammenarbeitete, daß er die Häftlinge zu schnellerer Arbeit antrieb und daß er Häftlinge — sogar seine eigenen Brüder — anzeigte, damit sie bestraft würden.

      Ein Bruder namens Martens befand sich in einer solchen Lage, als er im Lager Wewelsburg war. Zuerst hatte er die Aufsicht über 250 Bibelforscher. Er bemühte sich ständig, ein sehr guter „Lagerältester“ in den Augen der SS zu sein. Im Laufe der Zeit wurden auch viele politische und andere Häftlinge ins Lager gebracht. Martens wollte seine Stellung nicht verlieren, und daher vertrat er die Interessen der SS und wandte ihre Methoden an.

      Es dauerte nicht lange, und er verbot den Brüdern, den Tagestext zu besprechen oder gemeinsam zu beten. Bald führte er Leibesvisitationen durch und schlug diejenigen, bei denen er einen Zettel mit dem Tagestext fand, mit einem Gummischlauch. Eines Morgens, als mehrere Brüder gemeinsam beteten, sprang er in ihre Mitte, unterbrach sie und rief: „Kennt ihr nicht die Lagerordnung? Soll ich euretwegen hier Schwierigkeiten haben?“ So wurde einer großen Zahl treuer Brüder zusätzliches Leid durch einige wenige bereitet, die ihr Ziel aus dem Auge verloren hatten.

      DAS PROBLEM DES HUNGERS

      Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden alle verfügbaren Nahrungsmittel an die Front geschickt. Die Mahlzeiten in den Konzentrationslagern bestanden größtenteils aus Steckrüben, die im allgemeinen nur als Tierfutter verwendet werden. Alles wurde so lieblos zubereitet, daß man oft von Häftlingen hören konnte, selbst Schweine würden ein derartiges Futter ablehnen. Aber es ging nicht darum, etwas Schmackhaftes zu sich zu nehmen, sondern einfach zu überleben. Viele verhungerten. „Die größte Prüfung war für mich persönlich der Hunger“, schreibt Bruder Kurt Hedel und erklärt in seinem Bericht weiter: „Ich bin 1,90 Meter groß und habe ein Normalgewicht von 105 kg. Aber im Winter 1939/40 wog ich nur noch 40 kg und weniger. Ich war nur noch Haut und Knochen, denn ich bekam trotz meiner Körpergröße nicht mehr zu essen als diejenigen, die kleiner waren. Oft habe ich dagestanden und mir vor Schmerzen die Fäuste in die Magengegend gedrückt, bis mir ein reifer Bruder den Rat gab, mein Problem Jehova im Gebet darzulegen und ihn zu bitten, er möge mir helfen, die Schmerzen zu ertragen. Bald darauf durfte ich erkennen, welche Hilfe das Gebet in solchen Situationen bietet.“ Ein anderer Bruder erinnert sich, daß er oft etwas Sand in den Mund nahm, um damit gegen das Hungergefühl anzukämpfen.

      Wie wohltuend wirkte sich in solchen Situationen dann die brüderliche Gemeinschaft aus! Ja, es war ergreifend zu sehen, wenn Brüder, die selbst schon vom Tode gezeichnet waren, denjenigen, denen es noch schlechter ging, etwas von ihrer kargen Brotration abgaben. Oft waren es nur Krumen, die sie denen heimlich unter ihr Kopfkissen legten, denen das Essen aus irgendeinem Grund entzogen worden war und die bis zum Schlafengehen bei grimmiger Kälte mit dürftiger Kleidung auf dem Appellplatz stehen mußten. Wie ermutigend war aber auch für diejenigen, die der Feind beinahe „mürbe“ gemacht hatte, ein ermunterndes Wort aus dem Mund eines reifen Bruders, das wie Öl in eine Wunde träufelte und neue Kraft vermittelte, wenn die Lage fast unerträglich geworden war! Und wie machtvoll wirkte sich das gemeinsame Gebet aus! Häufig wurden abends, nachdem die Baracken abgeschlossen worden waren und in den Schlafräumen alles ruhig geworden war, Probleme gemeinsam Jehova im Gebet vorgetragen. Oft handelte es sich dabei um Angelegenheiten, die sie alle betrafen, aber genausooft auch um Probleme, die einzelne Brüder hatten. Wenn dann Jehova — wie in so zahlreichen Fällen — sofort handelte und ein Unheil abwendete, gab es schon am nächsten Tag Ursache für ein gemeinsames Dankgebet. Die Brüder wären mit bestimmten Situationen nicht allein fertig geworden, aber sie erkannten immer wieder, daß sie nie allein waren.

      WAS MIT DENEN GESCHAH, DIE KOMPROMISSE SCHLOSSEN

      Es ist interessant, daß die SS, die oft die schmutzigsten Tricks anwandte, um jemand zur Unterschrift unter die Erklärung zu verleiten, sich häufig gegen die wandte, die tatsächlich unterschrieben, und diese später mehr drangsalierte als zuvor. Karl Kirscht bestätigt dies: „Jehovas Zeugen wurden in den Konzentrationslagern am meisten schikaniert. Man glaubte, sie dadurch zur Unterschrift einer Widerrufserklärung bewegen zu können. Wir wurden wiederholt gefragt, ob wir zu dieser Unterschrift bereit wären. Einzelne taten dies, mußten aber in den meisten Fällen über ein Jahr auf ihre Entlassung warten. Während dieser Zeit wurden sie von der SS oft öffentlich als Heuchler und Feiglinge beschimpft und mußten manchmal sogar eine ,Ehrenrunde‘ um ihre Brüder machen, bevor sie das Lager verlassen durften.“

      Wilhelm Röger erinnert sich an einen Bruder, der nach dem Besuch seiner Frau und seiner Tochter das Schriftstück unterschrieb, aber seinen Brüdern im Lager nichts davon erzählte. „Einige Wochen später wurde er aufgerufen, um entlassen zu werden. (Solche mußten sich dann gewöhnlich am Tor aufstellen, bis sie aufgerufen wurden.) Dieser Bruder stand aber abends noch am Tor, so daß er wieder in die Baracke zu den Brüdern zurückgehen mußte. Nach dem Abendappell, den der gefürchtete Oberscharführer Knittler abnahm, mußte der erwähnte Bruder einen Schemel aus der Baracke holen und sich auf dem Appellplatz vor die aufmarschierten Brüder stellen. Jetzt wies Knittler auf diesen Bruder hin, indem er uns alle scharf anschaute und sagte: ,Seht da, euer Feigling, der unterschrieben hat, ohne euch etwas davon zu sagen!‘ Tatsächlich hätte es die SS gern gesehen, wenn wir alle unterschrieben hätten. Doch dann wäre es mit der Achtung, die sie uns doch immerhin im geheimen zollte, vorbei gewesen.“

      Schwester Dietrichkeit erinnert sich an zwei Schwestern, die die Erklärung unterschrieben. Als sie zurückkehrten, erklärten sie Schwester Dietrichkeit, sie hätten unterschrieben, weil sie fürchteten, verhungern zu müssen. Sie verschwiegen auch nicht, daß die SS sie gefragt hatte: „So, jetzt habt ihr euren Gott Jehova abgeleugnet. Welchem Gott wollt ihr jetzt dienen?“ Die beiden Schwestern wurden bald darauf entlassen, aber als die Russen ins Land kamen, wurden beide aus irgendeinem Grund erneut verhaftet und von den Russen ins Gefängnis gebracht, wo sie tatsächlich verhungerten. In einem anderen Fall wurde eine Schwester, die die Unterschrift leistete, noch in den letzten Tagen des Krieges von Russen vergewaltigt und darauf ermordet.

      Eine große Anzahl Brüder, die die Erklärung unterschrieben, wurden zum Militär eingezogen und an die Front gebracht, wo die meisten von ihnen umkamen.

      Obwohl es genügend Beweise dafür gibt, daß die Brüder, die die Unterschrift leisteten, sich dadurch außerhalb des Schutzes Jehovas begaben, waren sie in den meisten Fällen keine „Verräter“. Viele machten ihre Unterschrift vor ihrer Entlassung rückgängig, nachdem ihnen verständnisvolle, reife Brüder geholfen hatten, zu erkennen, was sie getan hatten. Reuevoll baten sie Jehova, ihnen noch eine Gelegenheit einzuräumen, ihre Treue zu beweisen, und viele von ihnen schlossen sich nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes sogleich den Reihen der Verkündiger an und begannen als Versammlungsverkündiger zu arbeiten, später als Pioniere, Aufseher, ja sogar als reisende Aufseher und förderten auf beispielhafte Weise die Interessen des Königreiches Jehovas. Viele wurden durch die Erfahrung getröstet, die Petrus machte, der ebenfalls seinen Herrn und Meister verleugnet hatte, aber später wieder seine Gunst erlangte. — Matth. 26:69-75; Joh. 21:15-19.

      VERRAT

      Während einige vorübergehend ihr geistiges Gleichgewicht aufgrund der raffinierten Methoden, die angewandt wurden, oder aufgrund menschlicher Schwäche verloren, gab es andere, die Verräter wurden und viel Leid über ihre Brüder brachten.

      In den Jahren 1937/38 kam, wie Julius Riffel berichtet, „ein Bruder Hans Müller aus Dresden ins Bethel in Bern und versuchte auf diesem Wege, mit Brüdern aus Deutschland in Verbindung zu kommen, angeblich mit dem Ziel, ,nach der Verhaftung so vieler Brüder die Untergrundorganisation in Deutschland wiederaufzubauen‘.

      Natürlich erklärte ich mich — und auch noch einige andere Brüder — bereit mitzuarbeiten. Leider war es uns damals nicht bekannt, daß dieser Bruder Müller bereits mit der Gestapo in Deutschland zusammenarbeitete. Wir haben darum in unserer Ahnungslosigkeit in Bern unsere Pläne gemacht und gingen dann an die Arbeit. Ich sollte Baden-Württemberg übernehmen. Im Februar 1938 ging ich allein über die Grenze nach Deutschland und versuchte, neue Fäden zu knüpfen und Verbindungen zu jenen Brüdern herzustellen, die noch in Freiheit waren. Aber schon nach vierzehn Tagen wurde ich verhaftet. ... Die Gestapo war über unsere Tätigkeit bis ins kleinste informiert, und dies durch diesen falschen Bruder, der zuerst mithalf, die Untergrundorganisation aufzubauen, um sie dann der Gestapo wieder auszuliefern. Dasselbe tat dieser angebliche ,Bruder‘ ein Jahr später in Holland und auch in der Tschechoslowakei. ...

      Im Jahre 1939 wurde ich einmal im Gefängniswagen zu einem Gerichtsprozeß nach Koblenz am Rhein gebracht, um als Zeuge in Verbindung mit drei Schwestern vernommen zu werden, die mit mir im Untergrundwerk in Stuttgart zusammengearbeitet hatten. Dort war ich Ohrenzeuge, wie ein Gestapobeamter einem Justizbeamten erzählte, wie sie über uns in allen Einzelheiten Bescheid wußten, was Deckadressen, Decknamen sowie den Aufbau der Organisation betraf. Als wir uns einmal im Gang aufhalten mußten, sagte derselbe Gestapobeamte zu mir, daß sie nicht so leicht hinter unsere Tätigkeit gekommen wären, wenn wir nicht Strolche in unseren Reihen hätten. Leider konnte ich ihm nicht unrecht geben. ... Es war mir möglich, von Zeit zu Zeit aus dem Gefängnis vor diesem verräterischen ,Bruder‘ zu warnen, jedoch hat Bruder Harbeck die Warnung nie beachtet, weil er es nicht glauben konnte. Nach meiner Auffassung hat dieser Müller Hunderte unserer Brüder ins Gefängnis gebracht.“

      DER STROM FLIESST WEITER

      Obwohl der Feind wiederholt neue Breschen in die Reihen des Volkes Gottes schlug und die Zahl derer, die sich noch in Freiheit befanden, immer mehr dezimiert wurde, gab es stets einige, die die Notwendigkeit erkannten, die Brüder mit geistiger Speise zu versorgen. Dies taten sie unter Einsatz ihres Lebens. Einer der Brüder, die eine Wachtturm-Verteilerorganisation wiederaufbauten, während Müller seine schmutzige Arbeit in Dresden fortsetzte, war Ludwig Cyranek. Er tat dies, bis er verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Doch sobald Bruder Cyranek aus dem Gefängnis freigelassen wurde, begab er sich wieder an die Arbeit.

      Viele Schwestern füllten freudig die Lücken aus, die durch die Verhaftung der Brüder entstanden waren, obwohl ihnen bewußt war, daß sie zufolge der verschärften Kriegsgesetze das Leben verlieren konnten, wenn sie ertappt würden. Unter denen, die den Wachtturm verteilten, befanden sich zum Beispiel Schwester Neuffer aus Holzgerlingen, Schwester Pfisterer aus Stuttgart und Schwester Franke aus Mainz. Bruder Cyranek schrieb diesen Schwestern Briefe harmlosen Inhalts, die die Schwestern erst bügeln mußten, damit sie die geheime Botschaft lesen konnten, die er darunter mit Zitronensaft geschrieben hatte und durch die sie erfuhren, wohin sie die vervielfältigten Exemplare des Wachtturms bringen sollten und wie viele.

      Von Zeit zu Zeit fuhr Bruder Cyranek nach Stuttgart, wo Maria Hombach für ihn als Sekretärin, arbeitete. Er diktierte ihr Berichte über das Werk in Deutschland, die er dann an Arthur Winkler in den Niederlanden sandte, der für Deutschland und Österreich zuständig war. Schwester Hombach schrieb diese Briefe ebenfalls mit Zitronensaft, damit wichtige Informationen nicht in unbefugte Hände fielen.

      Daß diese Untergrundtätigkeit mindestens ein Jahr lang funktionierte, kann nur der Führung Jehovas zugeschrieben werden. Oft sorgte er dafür, daß sein Volk seltsame Wege geführt wurde, damit es geistige Speise zur rechten Zeit empfing. Müller sah bald die Zeit dafür gekommen, diesen ganzen Organisationsring an die Gestapo zu verraten. Jeder der Beteiligten wurde innerhalb einiger Tage verhaftet. Während des Prozesses in Dresden wurde Bruder Cyranek zum Tode verurteilt, und die anderen erhielten hohe Zuchthausstrafen. Am 3. Juli 1941, nur wenige Stunden vor seiner Hinrichtung, schrieb er an seine Verwandten folgenden Brief:

      „Mein lieber Bruder, meine liebe Schwägerin, meine lieben Eltern, alle anderen Geschwister mit eingeschlossen!

      Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre! Nunmehr muß ich Euch die schmerzliche Eröffnung machen, daß ich mich bei Ankunft dieses Briefes nicht mehr in diesem Dasein befinde. Seid bitte, bitte nicht allzu traurig. Denket, daß es für den allmächtigen Gott ein leichtes ist, mich aus dem Tode zu erwecken. Ja, er vermag alles, und wenn er mich den bitteren Kelch trinken läßt, dann hat es auch seinen Zweck. Wißt, daß es mein Bestreben war, ihm in meiner Schwachheit zu dienen, und ich bin überzeugt davon, daß Gott mir bis zum Ende beisteht. Ich befehle mich in seine Hände. Ich scheide von Euch, indem meine Gedanken bei Euch, Ihr Lieben, in der letzten Stunde verweilen. Möge Euer Herz nicht erschrecken, vielmehr fasset Euch, denn so ist es ja sicherlich besser für Euch, als mich dauernd im Zuchthaus wissend, was eine ständige Sorge für Euch wäre. Und nun will ich Euch, liebe Mutter, lieber Vater, danken für alles Gute, das Ihr mir erwiesen habt. Ich kann ja nur einen schwachen Dank stammeln. Möge Jehova Euch alles vergelten. Mein Flehen ist, daß er Euch bewahren und segnen möge, denn sein Segen allein macht reich. Lieber Toni! Ich glaube gern, daß Du alle Hebel in Bewegung gesetzt hättest, um mich aus der „Löwengrube“ herauszuholen, doch vergebens. Heute abend erhielt ich Bescheid, daß das Gnadengesuch abgelehnt wurde und morgen früh die Vollstreckung erfolgt. Niemals habe ich selbst eine Eingabe gemacht und um Gnade von Menschen gebeten. Ich anerkenne aber Deinen guten Willen, mir zu helfen, und danke Dir sowie Luise aus tiefstem Herzensgrund für das Gute, das Ihr mir schenktet. Die Zeilen, die Eure Anteilnahme bekunden, haben mir wohlgetan. So seid alle miteinander herzlich gegrüßt und geküßt, besonders habe ich Karl in mein Herz geschlossen. Gott mit Euch, bis wir uns wiedersehen. Es umarmt Euch alle [gez.] Ludwig Cyranek“

      Julius Engelhardt, der den Wachtturm zusammen mit Schwester Frey in Bruchsal vervielfältigte, hatte in Süddeutschland eng mit Bruder Cyranek zusammengearbeitet. Es war vorgesehen, daß er im Falle der Verhaftung Bruder Cyraneks das Werk fortsetzen sollte. Leider wurde auch er von Müller an die Gestapo verraten, und bald fand man seinen Schlupfwinkel in seiner Heimatstadt Karlsruhe. Aber Bruder Engelhardt hatte die Schwestern immer mit den Worten ermuntert: „Mehr als unseren Kopf kann es nicht kosten“, und er war entschlossen, seine Freiheit so teuer wie möglich zu verkaufen. Obwohl ihn der Gestapobeamte schon gefaßt hatte, riß er sich plötzlich los, eilte die Treppen hinab und verschwand auf der Straße unter der Menge, bevor ihn die Polizei aufhalten konnte. Es ist interessant, was weltliche Chronisten in dem Buch Widerstand und Verfolgung in Essen 1933—1945 aus den Gestapoakten über die Tätigkeit von Bruder Engelhardt zusammengetragen haben:

      „Mit der Verhaftung von Cyranek, Noernheim und anderen war die Versorgung mit illegalem Schriftenmaterial keineswegs unterbunden, denn Engelhardt, der zuerst im Südwesten operiert hatte, mußte sich von dort im März 1940 nach dem Ruhrgebiet absetzen, da ihm in seinem bisherigen Stützpunkt Karlsruhe die Festnahme drohte. Nach vorübergehendem Aufenthalt in Essen fand er eine illegale Unterkunft in Oberhausen-Sterkrade, wo er von Anfang 1941 bis zum April 1943 27 verschiedene Auflagen des ,Wachtturms‘ in einer Auflage von zuerst 240 und später 360 Exemplaren herstellte sowie anderes Schriftenmaterial. Vom Ruhrgebiet aus richtete er Stützpunkte in München, Mannheim, Speyer, Dresden sowie Freiberg in Sachsen ein und übernahm Kassiereraufgaben im ganzen Reich. ... Gegen die Mitglieder einer Essener Gruppe, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit Engelhardts Zusammenkünfte abhielten und regelmäßig den ,Wachtturm‘ sowie das ,Mitteilungsblatt der deutschen Verbreitungsstelle des Wachtturms‘ verteilt hatten, wurden am 18. September 1944 vom Oberlandesgericht in Hamm hohe Zuchthausstrafen verhängt. Viele von ihnen sind umgebracht worden.“

      Christine Hetkamp gibt uns ebenfalls einen ermutigenden Bericht über Bruder Engelhardts Tätigkeit. „Von dieser Zeit an wurde mein Mann, der auch ein getaufter Zeuge Jehovas war, ein sehr bösartiger Verfolger der Wahrheit. ... Ich [habe] keine Versammlung versäumt, die abwechselnd in der Wohnung meiner Mutter, in meiner und in der meines Bruders stattfanden. Ich konnte es in meiner Wohnung tun, da mein Mann unsere Wohnung verließ, und zwar von Montag bis Samstag. Er hielt sich die ganze Woche bei seiner Schwester auf, die etwas außerhalb unserer Heimatstadt wohnte. Diese Familie war eine sehr politische Nazi-Familie, wo mein Mann Unterschlupf fand, denn er konnte unseren Geist nicht mehr ertragen, was auch verständlich war. So wurde während seiner Abwesenheit in meiner Wohnung fast drei Jahre lang unterirdisch Der Wachtturm gedruckt. Ein Bruder [Bruder Engelhardt], der bei uns drei Jahre verborgen lebte, schrieb auf der Schreibmaschine erst die Matrizen, mit denen er dann den Wachtturm vervielfältigte. Anschließend begab er sich mit meiner Mutter auf die Reise. Sie fuhren nach Berlin, Mainz und Mannheim usw. und gaben die Zeitschriften an zuverlässigen Stellen ab. Von dort aus wurden sie weiterverteilt. So hatten Bruder Engelhardt und meine Mutter alle Fäden in der Hand, während ich das Essen kochte und die Wäsche wusch. Als meine Mutter inhaftiert wurde, habe ich die Wachttürme selbst nach Mainz und Mannheim zu den Stützpunkten gebracht. ... Im April 1943 wurde meine Mutter zum zweiten Mal verhaftet. Diesmal für immer. Anschließend auch Bruder Julius Engelhardt, der noch so lange die Fäden in den Händen behielt und das Untergrundwerk leitete.“

      Später wurden Schwester Hetkamps Tochter, ihr Schwager, ihre Schwester, ihre Schwägerin und ihre Tante verhaftet. Ihr Prozeß fand am 2. Juni 1944 statt. Bruder Engelhardt und sieben weitere Angeklagte, darunter Schwester Hetkamps Mutter, wurden zum Tode verurteilt. Bald danach wurden sie alle enthauptet.

      Von da an wurden die Zustände in Deutschland immer verworrener. Es ist jetzt nicht mehr genau festzustellen, wo um diese Zeit noch Der Wachtturm vervielfältigt wurde, aber er wurde verfielfältigt.

      TREU BIS ZUM TODE

      Die zahlreichen Hinrichtungen, die während des Dritten Reiches vollstreckt wurden, nehmen einen besonderen Platz in der Geschichte der Verfolgung ein. Laut unvollständigen Berichten wurden mindestens 203 Brüder und Schwestern enthauptet oder erschossen. In dieser Zahl sind nicht diejenigen inbegriffen, die an Hunger, Krankheit oder brutaler Mißhandlung starben.

      Über einen Bruder, der zum Tode verurteilt worden war, berichtet Bruder Bär: „Alle Mitgefangenen und auch die Vollzugsbeamten waren voller Bewunderung für ihn. Da er als Schlosser Reparaturarbeiten machte, kam er im ganzen Gefängnis herum. Er machte täglich seine Arbeit, ohne mißmutig oder traurig zu sein; im Gegenteil, er sang bei seiner Arbeit zum Preise Jehovas.“ Eines Tages wurde er gegen Mittag aus der Werkstatt geholt und noch an jenem Abend hingerichtet.

      Bruder Bär fährt dann in seinem Bericht fort: „Meine Frau sah einmal eine ihr unbekannte Schwester im Gefängnis in Potsdam. Sie begegnete ihr im Gefängnishof, wo sie an ihr vorübergeführt wurde. Als die Schwester meine Frau sah, hob sie ihre beiden gefesselten Hände empor und winkte meiner Frau freudig zu. Obwohl zum Tode verurteilt, lag in ihrem Blick weder Schmerz noch Traurigkeit.“ Diese Ruhe und dieser Frieden, die unsere zum Tode verurteilten Brüder und Schwestern ausstrahlten, gewinnen noch an Wert, wenn man bedenkt, was sie in ihren Zellen erdulden mußten.

      Während unsere Brüder und Schwestern entschlossen und gefaßt, ja manchmal sogar freudig waren angesichts des schweren Weges, den sie gehen mußten, brachen andere, die keine Zeugen waren, oft in ihrer Todesangst zusammen und schrien laut, bis sie gewaltsam zum Schweigen gebracht wurden.

      Jonathan Stark aus Ulm fiel nicht dieser Furcht zum Opfer. Zwar war er erst siebzehn Jahre alt, als er von der Gestapo verhaftet und ohne gesetzliche Formalitäten nach Sachsenhausen geschickt wurde, wo man ihn in die „Todesbaracke“ steckte. Sein Vergehen? Er hatte sich geweigert, den Arbeitsdienst zu leisten. Emil Hartmann aus Berlin hörte, daß Jonathan in diese Baracke gebracht worden war, und obwohl Bruder Hartmann hätte schwer bestraft werden können, gelang es ihm doch, mit diesem jungen Bruder Verbindung aufzunehmen und ihn zu stärken. Für beide waren diese kurzen Besuche sehr ermunternd. Jonathan war immer sehr glücklich. Obwohl er mit dem Tod rechnen mußte, tröstete er seine Mutter mit der wunderbaren Hoffnung auf die Auferstehung. Als ihn nur zwei Wochen nach seiner Ankunft der Lagerkommandant zur Hinrichtungsstätte führte, waren Jonathans letzte Worte: „Für Jehova und für Gideon.“ (Gideon war ein treuer Diener Jehovas, der Jesus Christus vorschattete.) — Ri. 7:18.

      Elise Harms aus Wilhelmshaven erinnert sich, daß ihr Mann siebenmal aufgefordert wurde zu widerrufen, nachdem er verurteilt worden war, und als er sich weigerte, erhielt sie die Erlaubnis, ihn zu besuchen, doch unter der Bedingung, daß sie mit all ihrer Kraft versuchte, seine Meinung zu ändern. Aber sie konnte es nicht. Als er enthauptet war, war sie glücklich, daß er Jehova treu geblieben war und daß er nicht länger unter dem Druck stand, untreu zu werden. Inzwischen war sein Vater, Martin Harms, zum dritten Mal verhaftet und nach Sachsenhausen gebracht worden. Ergreifend ist, was ihm sein Sohn kurz vor seiner Hinrichtung am 9. November 1940 schrieb:

      „Mein lieber, guter Vater!

      Noch trennen uns gut drei Wochen vom 3. Dezember, von dem Tag, an dem wir uns beide vor zwei Jahren zum letzten Mal sahen. Ich sehe noch Dein liebes Lächeln, als Du im Keller des Gefängnisses warst, um dort zu arbeiten, und ich auf dem Gefängnishof spazierenging. In den Morgenstunden ahnten wir noch nicht, daß mein liebes Lieschen [seine Frau] und ich am Mittag entlassen werden sollten und Du, mein lieber Vater, zu unser aller Schmerz an dem gleichen Tag nach Vechta gebracht wurdest, um später nach Oranienburg [Sachsenhausen] ins Konzentrationslager überführt zu werden. Noch sind mir die letzten Augenblicke in bester Erinnerung, als wir beide allein im Geschäftszimmer des Gefängnisses in Oldenburg waren, als ich meinen Arm um Dich schlang und Dir versprach, für Mutter und auch für Dich zu sorgen, soweit es in meinen Kräften stehe. Meine letzten Worte waren: „Bleibe treu, mein lieber Vater!“ In den letzten 1 3⁄4 Jahren [21 Monaten], in denen ich die Knechtschaft in Freiheit ertragen durfte, habe ich mein Versprechen an Dir wahr gemacht, um es am 3. September, als ich eingezogen wurde, an Deine anderen Kinder abzutreten. Mit Stolz habe ich in der Zeit auf Dich geschaut und mit Bewunderung gesehen, wie Du Dein Los in der Treue zum Herrn trägst. Und nun ist auch mir Gelegenheit gegeben, dem Herrn gegenüber die Treue zu beweisen, ja die Treue nicht nur bis an den Tod, sondern bis in den Tod. Schon jetzt ist das Todesurteil gegen mich ausgesprochen, ich liege Tag und Nacht in Fesseln — die Druckstellen [auf dem Papier] stammen von den Handschellen —, aber ich habe noch nicht bis aufs Blut widerstanden. Das Stehen wird einem Zeugen Jehovas nicht so leicht gemacht. So ist auch mir immer noch die Gelegenheit gegeben, mein irdisches Leben zu retten, um das wirkliche Leben zu verlieren. Ja sogar angesichts des Schafotts wird dem Zeugen Jehovas nochmals Gelegenheit gegeben, seinen Bund zu brechen. Darum bleibt auch der Kampf für mich noch bestehen, und auch ich habe noch viele Siege zu erringen, um sagen zu können: „Ich habe den Kampf gekämpft, ich habe den Glauben bewahrt, fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche Gott, der Gerechte, geben wird.“ Der Kampf ist zweifelsohne schwer, ich bin aber dem Herrn von ganzem Herzen dankbar, daß er mir nicht nur bis hierher die Kraft gegeben hat zu stehen, sondern mir auch jetzt, angesichts des Todes, eine Freudigkeit gegeben hat, die ich gern mit allen meinen Lieben teilen möchte.

      Mein lieber Vater, noch bist Du ja auch ein Gefangener, und ob Dich dieser Brief jemals erreicht, das weiß ich nicht. Wenn Du aber einmal freikommst, dann bleibe auch dann noch treu, denn Du weißt, wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes. ...

      Wenn Du, lieber Vater, wieder zu Hause bist, dann nimm Dich auch ganz besonders meines lieben Lieschens an, denn es wird für sie dann ganz besonders schwer sein, weiß sie doch, daß sie ihren Liebsten nicht zurückerwarten braucht. Ich weiß, daß Du dies tun wirst, ich sage Dir schon jetzt vielen Dank dafür. Mein lieber Vater, im Geiste rufe ich Dir zu, bleibe auch Du treu, wie ich mich bemühe, treu zu sein, dann werden wir uns wiedersehen. Ich werde auch Deiner bis zuletzt gedenken.

      Dein Sohn Johannes

      Auf Wiedersehen!“

      WORTE DER ERMUNTERUNG AN DIEJENIGEN, DIE SICH IN FREIHEIT BEFANDEN

      Nicht nur wurden Todeskandidaten von Brüdern, die sich noch in Freiheit befanden, ermuntert, sondern diejenigen, die sich in Freiheit befanden, wurden oft noch mehr von ihren Brüdern im Gefängnis ermuntert. Schwester Auschner aus Kempten kann dies bestätigen. Sie empfing am 28. Februar 1941 einen Brief von ihrem einundzwanzigjährigen Sohn, in dem die folgenden kurzen Zeilen an seinen achtzehneinhalbjährigen Bruder gerichtet waren: „Mein lieber Bruder! Im letzten Brief hatte ich Dich an ein Buch erinnert, und ich hoffe, daß Du es Dir inzwischen zu Herzen genommen hast, was Dir gewiß nur von Nutzen sein wird.“ Zweieinhalb Jahre später empfing Schwester Auschner von ihrem jüngsten Sohn einen Abschiedsbrief. Er hatte sich zu Herzen genommen, was sein älterer Bruder geschrieben hatte, und folgte ihm auf demselben Weg in den Tod.

      Die beiden Brüder Ernst und Hans Rehwald aus Stuhm (Ostpreußen) standen einander in der gleichen Weise bei. Nachdem Ernst vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt worden war, schrieb er in seiner Todeszelle einen Brief an seinen Bruder Hans, der sich in Stuhm im Gefängnis befand: „Lieber Hans, sollte es Dir so ergehen wie mir, dann denke an die Macht des Gebetes. Ich kenne keine Furcht, denn in meinem Herzen ist der Friede Gottes.“ Kurze Zeit später befand sich sein Bruder in der gleichen Lage, und obwohl er erst neunzehn Jahre alt war, wurde er hingerichtet.

      EINE PRÜFUNG DER LOYALITÄT FÜR EHEPARTNER

      Es war beeindruckend zu sehen, wie enge Angehörige ihre Lieben ermutigten, in ihrer Lauterkeit nicht nachzugeben. Schwester Höhne aus Frankfurt (Oder) begleitete ihren Mann bis zum Bahnhof, nachdem er seinen Gestellungsbefehl erhalten hatte, und sah ihn nie wieder. Ihre letzten Worte waren: „Sei treu“ — Worte, die Bruder Höhne bis zum Tode beherzigt hat.

      In vielen Fällen waren die Brüder jung verheiratet, und wäre ihre Liebe zu Jehova und Christus Jesus nicht so stark gewesen, wären sie bestimmt nicht in der Lage gewesen, das Zerschneiden des Bandes zu ihren Angehörigen zu ertragen. Zwei Schwestern, die nun seit über dreiunddreißig Jahren Witwen sind, blicken jetzt dankbar auf die turbulente Zeit zurück, weil Jehova ihnen Hilfe gewährte. Schwester Bühler und Schwester Ballreich aus Neulosheim in der Nähe von Speyer heirateten beide kurz vor Beginn des Verbotes und lernten die Wahrheit ungefähr um die gleiche Zeit kennen. Im Jahre 1940 wurden beide Ehemänner eingezogen, und als sie sich weigerten, Militärdienst zu leisten, wurden sie verhaftet.

      Schwester Ballreich fuhr darauf zum Wehrbezirkskommando in Mannheim, wo sie erfuhr, daß die beiden Brüder nach Wiesbaden gebracht worden seien, wo sie vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollten. Schwester Ballreich erhielt die Erlaubnis, ihren Mann zu besuchen, doch nur unter der Bedingung, daß sie versuchte, ihn zu einer Sinnesänderung zu bewegen. Unter der gleichen Bedingung erhielt Schwester Bühler die Erlaubnis, ihren Mann zu besuchen. Beide Schwestern fuhren sofort nach Wiesbaden. Schwester Bühler berichtet:

      „Das war ein Wiedersehen — ich kann es nicht schildern, wie traurig es war. Er [ihr Mann] fragte nur: ,Warum kommst du?‘, worauf ich ihm antwortete, daß ich ihn beeinflussen solle. Aber er tröstete mich, gab mir biblischen Rat und bat mich, nicht traurig zu sein wie die übrigen, die keine Hoffnung haben, sondern mein ganzes Vertrauen auf unseren großen Gott Jehova zu setzen. ... Ein junger Gerichtsschreiber, der uns beide — Schwester Ballreich und mich — ins Gefängnis begleitete, gab uns den Rat, bis Dienstag in Wiesbaden zu bleiben, denn an diesem Tag wäre die Hauptverhandlung. Wenn wir anwesend wären, so würden wir ihr bestimmt beiwohnen dürfen. Und so blieben wir bis Dienstag. Auf der Straße warteten wir, bis unsere beiden Männer — begleitet von zwei Soldaten mit geschulterten Gewehren — wie zwei Schwerverbrecher durch die Stadt geführt wurden. Wirklich, ein Schauspiel für Engel und Menschen! Schwester Ballreich und ich sprangen auf der Straße neben ihnen her bis zur Gustav-Freytag-Straße. Wir konnten bei der Verhandlung zugegen sein. Es dauerte nicht einmal eine Stunde, bis zwei unbescholtene, brave Männer ,wegen Wehrzersetzung‘ zum Tode verurteilt waren. Anschließend durften wir noch etwa zwei Stunden mit ihnen im Erdgeschoß zusammen sein. Doch als wir das Gerichtsgebäude wieder verlassen hatten, liefen wir beide in Wiesbaden umher wie zwei verlorene Schafe.“

      Wenig später erhielten die beiden jungen Schwestern die Nachricht, daß ihre Männer am 25. Juni 1940 durch Erschießen hingerichtet worden seien. „Es lebe Jehova!“ seien ihre letzten Worte gewesen.

      ELTERN UND KINDER SETZEN JEHOVA AN DIE ERSTE STELLE

      Ein Fall, der nicht nur die Aufmerksamkeit der Gerichte, Staatsanwaltschaften und Verteidiger, sondern auch die der Öffentlichkeit erregte, betraf zwei Brüder der Familie Kusserow in Paderborn. Aufgrund der guten Unterweisung in Jehovas Wegen, die sie zu Hause erhalten hatten, waren sie bereit, ihr Leben furchtlos niederzulegen. Und ihre Mutter nahm ihren Tod als Anlaß, um anderen in ihrer Nachbarschaft von der Auferstehungshoffnung zu erzählen. Ein dritter Bruder, Karl, wurde drei Monate später verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht; er starb vier Wochen nach seiner Entlassung. Diese Familie zählte dreizehn Glieder; zwölf von ihnen wurden ins Gefängnis gesteckt und zu insgesamt fünfundsechzig Jahren Haft verurteilt, wovon sie sechsundvierzig Jahre verbüßten.

      Ähnlich wie bei der Familie Kusserow, wo nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder die Interessen des Königreiches ihren eigenen voranstellten, war es bei der Familie Appel aus Süderbrarup. Sie besaß dort eine kleine Buchdruckerei. Was ihnen widerfuhr, lassen wir Schwester Appel selbst erzählen:

      „Im Jahre 1937, als die große Verhaftungswelle über Deutschland hinwegrollte, wurden mein Mann und ich am 15. Oktober spätabends von unseren vier Kindern weggeholt. Es kamen acht Personen in die Wohnung (Gestapo und Polizeibeamte). Sie durchsuchten alles, vom Boden bis zum Keller. Dann nahmen sie uns mit. ... Nach der Verurteilung kam mein Mann nach Neumünster und ich ins Frauengefängnis nach Kiel. ... Im Jahre 1938 wurden wir im Zuge einer Amnestie entlassen. ... Als jedoch der Zweite Weltkrieg ausbrach, wußten wir, was uns bevorstand, denn mein Mann war entschlossen, in dieser kriegerischen Auseinandersetzung die Neutralität zu bewahren. Darum besprachen wir alles mit unseren Kindern und machten sie auf biblische Aussprüche bezüglich der Verfolgung aufmerksam.

      Soweit es uns möglich war, schafften wir Kleidung für die Kinder an, damit sie fürs erste versorgt wären. Nachdem mein Mann seine biblischen Gründe, weshalb er am Krieg nicht teilnehmen könne, dem zuständigen Wehrbezirkskommando mitgeteilt hatte, ordnete er auch seine persönlichen Sachen. So legten wir Jehova täglich unsere Sorgen im Gebet vor. Am 9. März 1941 schließlich klingelte es schon vormittags acht Uhr. Zwei Soldaten waren gekommen, um meinen Mann abzuholen. Sie blieben draußen vor der Tür stehen und gaben meinem Mann eine Viertelstunde Zeit, sich zu verabschieden. Unser Sohn Walter war schon fort zur Schule. Die übrigen drei Kinder und Schwester Helene Green, die bei uns in der Druckerei in Süderbrarup arbeitete, wurden telefonisch gebeten, sofort in die Wohnung zu kommen. Die letzte Bitte meines Mannes war: ,Singt noch das Lied: „Alle Getreuen, alle Ergebenen, sind von der Menschenfurcht frei“.‘ Obgleich uns die Worte in der Kehle würgten — wir sangen. Nach einem Gebet kamen die Soldaten herein und führten meinen Mann ab. Das war das letzte Mal, daß unsere Kinder ihren Vater sahen. Mein Mann wurde nun nach Lübeck gebracht, wo ein höherer Offizier lange Zeit väterlich auf ihn einsprach und ihm empfahl, doch erst einmal die Uniform anzuziehen. Aber Jehovas unveränderliches Gesetz war so fest im Herzen meines Mannes verankert, daß es für ihn kein Zurück mehr gab. ...

      Es war am 1. Juli 1941, als frühmorgens ein Polizeibeamter kam und mir ein Schreiben ... überreichte mit der Nachricht, daß unser Personenwagen zwecks Einziehung kommunistischen Vermögens beschlagnahmt sei und die Buchdruckerei sofort polizeilich geschlossen werde. Dann überreichte er mir ein weiteres Schreiben, darin stand: ,Sie haben Ihre Kinder am 3. Juli 1941 vormittags auf dem Gemeindebüro abzuliefern. Kleider und Schuhzeug sind mitzubringen.‘ Das war ein schwerer Schlag.

      So kam es, daß am Morgen des 3. Juli die dafür zuständigen Personen aus den Erziehungsanstalten kamen, um unsere Kinder dorthin zu bringen. Die Beamtin, die meine beiden fünfzehn und zehn Jahre alten Mädchen, Christa und Waltraud, abholte, sagte mir: ,Ich weiß schon einige Wochen, daß ich Ihre Kinder abholen soll, und seitdem habe ich nachts nicht mehr schlafen können, weil ich Kinder aus geordneten Familienverhältnissen herausreißen soll. Aber ich muß es tun.‘

      Einige Personen aus der Bevölkerung hatten aus ihrer Empörung keinen Hehl gemacht. Doch da wurde von der zuständigen Stelle gleich eine Warnung in Umlauf gesetzt: ,Wer über den Fall Appel spricht, begeht Volkszersetzung.‘ Darum waren auch drei Polizeibeamte vorsichtshalber abkommandiert worden, um die Abfahrt der Kinder zu überwachen. ... Natürlich wurde mein Mann über die getroffenen Maßnahmen bezüglich des Geschäftes und der Kinder ebenfalls von den Behörden unterrichtet. Man hoffte, daß er dadurch weich werden würde. In Verbindung damit machte man ihm täglich die größten Vorwürfe, wie unehrlich und gewissenlos er handle, indem er so seine Familie im Stich ließe. Mein Mann schrieb uns darauf einen sehr lieben Brief. Er schrieb, daß er am nächsten Morgen früh aufstand, niederkniete und seine Familie im Gebet Jehova anbefahl. ...

      An demselben Tag, als die Kinder abgeholt wurden, bekam ich vom Reichskriegsgericht Berlin-Charlottenburg die Aufforderung, dorthin zu kommen. Hier wurde ich dem Oberreichsanwalt vorgeführt. Dieser verlangte von mir, daß ich meinen Mann beeinflussen sollte, die Uniform anzuziehen. Als ich ihm den biblischen Grund nannte, warum ich dies nicht tun könne, rief er wutentbrannt: ,Dann bekommt er den Kopf abgehackt!‘ Als ich dann aber trotzdem um eine Sprecherlaubnis bat, gab er mir zwar keine Antwort, drückte aber auf eine Klingel, so daß der Soldat herbeigerufen wurde, der mich vorgeführt hatte. Dieser brachte mich eine Etage tiefer, wo einige Offiziere saßen, die mich mit eisiger Miene empfingen und dann mit Vorwürfen überhäuften. Als ich hinausging, kam einer mir nach, nahm meine Hände und sagte: ,Frau Appel, bleiben Sie so standhaft wie jetzt, Sie gehen den richtigen Weg.‘ Ich war wirklich überrascht. Wichtig war aber, daß ich meinen Mann sprechen konnte.

      Während der Tage, da ich in Berlin war, hatten die Nazis unser Geschäft schon verkauft. Ich mußte den Kaufvertrag unterschreiben, denn ich sei — so sagte man mir — vogelfrei, andernfalls käme ich in ein Konzentrationslager.

      Nachdem ich meinen Mann noch einige Male in Berlin besucht hatte, wurde er zum Tode verurteilt. Dabei sagte sein ,Verteidiger‘: ,Man hat dem Mann goldene Brücken gebaut, er hat sie aber nicht betreten‘, worauf mein Mann antwortete: ,Ich habe mich für Jehova und sein Königreich entschieden, und dabei bleibt es.‘

      Am 11. Oktober 1941 wurde mein Mann im Zuchthaus in Brandenburg an der Havel enthauptet. In seinem letzten Brief, den er nur wenige Stunden vor seiner Hinrichtung schreiben durfte, brachte er zum Ausdruck: ,Wenn Dich dieser Brief erreicht, meine geliebte Maria, und meine vier Kinder, Christa, Walter, Waltraud und Wolfgang, ist alles schon geschehen, und ich habe den Sieg errungen durch Jesus Christus und hoffe, ein Überwinder zu sein. Ich wünsche Euch von Herzen einen gesegneten Eingang in Jehovas Königreich. Bleibt getreu! Nebenan sitzen drei junge Brüder, die morgen früh denselben Weg gehen wie ich. Ihre Augen strahlen.‘

      Kurze Zeit danach mußte ich auch meine Wohnung in Süderbrarup räumen. Die Möbel wurden an fünf verschiedenen Stellen untergebracht. Ich persönlich landete völlig verarmt bei meiner Mutter.

      Meinen Sohn Walter nahm man dann in der Erziehungsanstalt von der Schule. Er kam nach Hamburg in die Buchdruckerlehre. Im Jahre 1944 wurde er, erst siebzehnjährig, eingezogen. Auf wunderbare Weise war er vorher in den Besitz des Buches Die Harfe Gottes gelangt. Aus diesem Buch hat er während der vielen Bombennächte in Hamburg, die er in einer kleinen Dachkammer verbrachte, viel Erkenntnis geschöpft, so daß er den Wunsch hatte, sich Jehova hinzugeben. Nach vielen Schwierigkeiten gelang es dann doch, daß er zu Silvester 1943/44 nach Malente kommen konnte, wo er in einer verdunkelten Waschküche bei einem Bruder heimlich untergetaucht wurde. ...

      Es gelang ihm, mich heimlich zu benachrichtigen. Ich habe viele Stunden auf den Straßen in Hamburg gewartet, bis er kam, denn mir war jegliches Zusammentreffen mit meinen Kindern verboten.

      Zu seiner Stärkung konnte ich ihm noch sagen, daß ich von den Brüdern, die sich im Konzentrationslager Sachsenhausen befanden und die dort von unserem Geschick gehört hatten, einen Brief bekommen hatte. Darin schrieb Bruder Ernst Seliger, daß abends, wenn sich das Lager zur Ruhe begab, einige hundert Brüder verschiedener Nationen vor Jehova ihre Knie beugten und dabei auch unser im Gebet gedachten. Dann wurde mein Sohn zwangsweise nach Ostpreußen zu der zuständigen Einheit gebracht. In der eisigen Kälte nahm man ihm seine Kleidung weg und legte ihm die Uniform hin, die er aber nicht anzog. Auch bekam er 48 Stunden kein warmes Essen. Aber mein Sohn blieb standhaft.

      In Hamburg hatten wir voneinander Abschied genommen. Dort sagte er mir, daß er denselben Weg gehen werde, wie ihn sein Vater gegangen sei. Nach etwa sieben Monaten wurde er, nachdem man seine Papiere verändert, ihn also älter gemacht hatte, als er in Wirklichkeit war, ohne eine Gerichtsverhandlung enthauptet. Rechtmäßig stand er noch unter dem Jugendschutz.

      Ein Polizeiwachtmeister von Süderbrarup kam dann zu mir und las mir vor, was der Polizei aus Ostpreußen berichtet worden war. Ich selber bekam nichts in die Hände. Obgleich ich nicht mehr damit gerechnet hatte, daß mein Junge denselben Weg gehen mußte wie sein Vater, weil er noch ein Jugendlicher war und das Ende des Krieges abzusehen war, stieg doch trotz des großen Schmerzes ein einziges Dankgebet von mir zu Jehova empor. Ich konnte nur sagen: ,Habe Dank, Herr Jehova, daß er für dich gefallen ist!‘

      Dann kam der große Umsturz 1945. Zu meiner großen Freude bekam ich meine drei mir verbliebenen Kinder zurück. Die beiden jüngsten waren die letzten drei Jahre aus der Erziehungsanstalt herausgekommen und bei einem Direktor des Arbeitsamtes untergebracht worden, wo sie nationalsozialistisch erzogen werden sollten. Dort durfte ich sie nur alle vierzehn Monate besuchen und einige Stunden unter Aufsicht mit ihnen sprechen. Trotzdem konnten mir meine beiden Mädchen einmal zuflüstern, daß sie ein kleines Testament hätten, das sie immer wieder sorgfältig versteckten. Wenn sie dann allein seien, würde immer eine an der Tür horchen, ob auch niemand käme, während die andere einige Verse vorläse. Natürlich war ich darüber sehr glücklich.

      Jetzt, 1945, kamen die treuen Brüder aus der Gefangenschaft zurück. In Flensburg lag ein Schiff mit vielen Brüdern und Schwestern, hauptsächlich aus dem Osten. Zugleich begann eine emsige Tätigkeit. Dabei lernte ich auch meinen jetzigen Mann, Bruder Josef Scharner, kennen. Auch er war neun Jahre seiner Freiheit beraubt worden. Wahrlich, wir hatten beide sehr viel Schweres durchgemacht und hatten nun beide den gemeinsamen Wunsch, die letzte verbleibende Zeit mit allen unseren Kräften Jehova zu dienen.“

      SOGAR IN DER HINRICHTUNGSZELLE WURDEN JÜNGER GEMACHT

      Daß selbst in einer Hinrichtungszelle noch Jünger gemacht werden können, klingt fast unglaublich. Doch Bruder Massors berichtet eine solche Erfahrung in einem Brief an seine Frau, der das Datum vom 3. September 1943 trägt:

      „Nun will ich Dir einen Bericht über Anton Rinker geben. In den Jahren 1928, 1930 und 1932 war ich ja in Prag [als Pionier]. Dort wurden Vorträge gehalten, und die Stadt wurde mit Büchern der Wahrheit belegt. Dabei kam ich zu einem politischen Redner der Regierung, zu Anton Rinker. Ich unterhielt mich lange mit ihm. Er kaufte damals eine Bibel und einige Bücher. Er erklärte mir aber auch, daß er jetzt keine Zeit habe, solche Sachen zu studieren, da er für seine Familie und sein Fortkommen sorgen müsse, erwähnte aber auch, daß seine Angehörigen alle sehr gottgläubig seien, nur daß sie nicht in die Kirche gingen.

      In den Jahren 1940/41, schätze ich, war es dann, daß ich wieder — wie so oft — einen neuen Zelleninsassen bekam. Er war sehr bedrückt, als er hereinkam, doch das geht allen so, denn schließlich wird einem erst recht bewußt, wo man sich befindet, wenn die Zellentür hinter einem zufliegt. ,Anton Rinker heiße ich und bin aus Prag‘, sagte der Neue. Ich erkannte ihn sofort und sagte: ,Anton, ja Anton! Kennst du mich noch?‘ ,Nun, bekannt kommst du mir vor. ...‘ Es dauerte dann eine Weile, bis es ihm klar wurde, daß ich 1930/32 bei ihm gewesen war und er bei dieser Gelegenheit einige Bücher sowie eine Bibel von mir gekauft hatte. ,Was‘, sagte Anton, ,wegen des Glaubens bist du hier? Das kann ich nicht verstehen, das macht ja kein Pfarrer. Was glaubst du denn eigentlich?‘ Er sollte es sofort erfahren.

      ,Aber warum sagt uns die Geistlichkeit das nicht?‘ war seine Frage. ,Das ist die Wahrheit. Nun weiß ich auch, warum ich in dieses Gefängnis mußte. Ich will es dir sagen, lieber Franz, daß ich, bevor ich in diese Zelle kam, zu Gott gebetet habe, er solle mich doch zu einem gläubigen Menschen senden, sonst wolle ich mir das Leben nehmen. ...‘

      So vergingen Wochen und Monate. Dann sagte Anton einmal: ,Ehe ich von dieser Welt scheide, möge Gott noch meiner Frau und meinen Kindern die Wahrheit zeigen, auf daß ich in Frieden scheide.‘ ... Da kam plötzlich ein Brief von seiner Frau, in dem u. a. folgendes zu lesen war:

      ,... Unsere Freude würde nur sein, wenn Du die Bibel und die Bücher lesen könntest, die Du damals von dem deutschen Mann gekauft hast, ja es ist alles so gekommen, wie in den Büchern geschrieben steht. Viele lesen es jetzt, denn es ist die Wahrheit, für die wir nie Zeit hatten.‘ “

      [Bild auf Seite 171]

      Hof am Eingang des Konzentrationslagers Mauthausen mit einer Gruppe unbekleideter Neuankömmlinge

  • Deutschland (Teil 3)
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974
    • Deutschland (Teil 3)

      GEISTIGE SPEISE IN DEN KONZENTRATIONSLAGERN

      In den Jahren, in denen die Brüder, besonders die in den Konzentrationslagern, „isoliert“ waren, hatten sie sehr wenig Gelegenheit, in den Besitz einer Bibel oder anderer biblischer Schriften zu gelangen. Um so eifriger rekonstruierten sie den Inhalt wichtiger Wachtturm-Artikel, wenn sie stundenlang auf dem Appellplatz stehen mußten oder wenn sie abends in ihrer Baracke etwas Ruhe hatten. Besonders groß war ihre Freude, wenn es ihnen möglich war, irgendwie in den Besitz einer Bibel zu gelangen.

      Jehova bediente sich manchmal interessanter Methoden, um seinen Dienern eine Bibel zukommen zu lassen. Franz Birk aus Renchen (Schwarzwald) erzählt, daß er eines Tages in Buchenwald von einem weltlichen Häftling gefragt wurde, ob er gern eine Bibel hätte. Er hatte eine in der Papierfabrik, in der er arbeitete, gefunden. Natürlich nahm Bruder Birk das Angebot dankbar an.

      Bruder Franke kann sich noch daran erinnern, wie im Jahre 1943 ein älterer SS-Mann, der dieser Organisation nur unter dem Druck der Verhältnisse beigetreten war, an einem dienstfreien Tag eine ganze Anzahl Geistliche aufsuchte und sie um eine Bibel bat. Sie alle bedauerten, keine Bibel mehr zu besitzen. Erst am Abend fand er einen Geistlichen, der ihm sagte, er besitze eine kleine Luther-Bibel, die er für besondere Zwecke aufbewahrt habe. Er war jedoch so glücklich, daß ein SS-Mann Interesse an der Bibel bekundete, daß er ihm sagte, er könne die Bibel haben. Am nächsten Morgen gab dieser grauhaarige SS-Mann die Bibel Bruder Franke und war sichtlich erfreut, dem Häftling, den er bewachte, dieses Geschenk machen zu können.

      Mit der Zeit gelang es, auch neue Wachtturm-Artikel in die Konzentrationslager zu schmuggeln. Im Konzentrationslager Birkenfeld geschah das auf folgende Weise: Unter den Häftlingen befand sich ein Bruder, der wegen seiner Fachkenntnisse als Tiefbauarchitekt mit einem Zivilisten zusammen arbeiten mußte, der wiederum Jehovas Zeugen gegenüber freundlich eingestellt war. Über diesen freundlichen Mann nahm der Bruder Verbindung mit Brüdern außerhalb des Lagers auf, die ihm bald die neuesten Wachttürme zukommen ließen.

      Unsere Brüder im Lager Neuengamme hatten ähnliche Gelegenheiten. Die meisten der etwa siebzig im Lager untergebrachten Brüder wurden zu Aufräumungsarbeiten nach Fliegerangriffen in Hamburg eingesetzt. Dort, in Hamburg, fielen ihnen auch Bibeln in die Hand, und einmal fanden sie innerhalb weniger Minuten sogar drei Exemplare. Willi Karger, der dies persönlich erlebt hat, erzählt: „Ich möchte hier noch von weiterer geistiger Speise berichten, die uns durch eine Schwester aus Döbeln überbracht wurde. Das sei ihr nie vergessen. Ihr Bruder, Hans Jäger, gehörte mit zu unserem Außenkommando in Bergedorf bei Hamburg, das in der Eisenfirma Glunz eingesetzt war. Schwere Arbeit und scharfe SS-Bewachung war unser Los. Trotzdem war es Bruder Jäger gelungen, seiner Schwester durch einen nach draußen geschmuggelten Brief über seinen Arbeitsplatz und auch über den Ort zu berichten, wo wir unsere Mittagspause abhielten. Die Schwester fuhr per Bahn nach Hamburg und tastete sich von dort mit aller Umsicht bis zu unserem Arbeitsplatz vor, um dort ihrem Bruder die erbetenen Wachtturm-Abschriften in die Hände zu spielen, was ihr auch gelang. Somit erreichten uns trotz der SS-Posten diese wertvollen Schriften, und unter der Überwaltung Jehovas konnten wir sie auch, ohne entdeckt zu werden, in das Lager bringen.“

      Jeder dachte sich andere Methoden aus, und mit der Zeit gab es eine ganze Anzahl Bibeln im Lager. Ein Bruder schrieb seiner Frau in Danzig, er würde gern „Elberfelder Pfefferkuchen“ essen, und mit dem nächsten Lebensmittelpaket (das die Brüder in diesem Lager damals empfangen durften) bekam er eine Elberfelder Bibel, fein in Pfefferkuchen eingebacken. Einige hatten auch Kontakt mit Häftlingen, die im Krematorium arbeiteten. Diese erzählten, daß dort viele Bücher und Zeitschriften verbrannt würden, und so vereinbarten die Brüder heimlich, daß sie ihnen im Austausch gegen einige der Lebensmittel Bibeln und Zeitschriften geben sollten.

      In Sachsenhausen gelangten einige Bibeln in die Hände von Brüdern die sich noch in der „Isolierung“ befanden. So seltsam es klingen mag, erwies sich in diesem Fall die Isolation als ein gewisser Schutz, da ein Bruder nicht nur beauftragt war, die Tür zum Isolierungsgebiet zu bewachen, sondern auch den Schlüssel hatte und die Tür auf- und abschließen mußte. In einem Raum standen sieben große Tische, an denen fünfundsechzig Brüder sitzen konnten. Eine ganze Zeit lang gab jeweils einer der Brüder einen fünfzehnminutigen Kommentar über den Text, während die anderen Brüder ihr Frühstück aßen. Das wechselte dann turnusgemäß von Tisch zu Tisch sowie unter den Brüdern, die an den Tischen saßen. Dieser Kommentar war dann Gegenstand der Gespräche, wenn die Brüder stundenlang auf dem Appellplatz stehen mußten.

      Während des schweren Winters 1939/40 beteten die Zeugen zu Jehova um Literatur. Und welch ein Wunder! Jehova hielt seine schützende Hand über einen Bruder, dem es trotz sorgfältiger Durchsuchung gelang, in seinem Holzbein drei Wachttürme in die „Isolation“ zu schmuggeln. Wenn auch die Brüder unter das Bett kriechen mußten und nur beim Schein einer Taschenlampe lesen konnten, während rechts und links Brüder Wache standen, war es ein Beweis für Jehovas wunderbare Führung. Als guter Hirte verläßt er sein Volk nie.

      Im Winter 1941/42, als die Brüder aus der „Isolation“ freigelassen worden waren, trafen sieben Wachttürme, in denen Daniel, Kapitel 11 und 12 behandelt wurde, sowie der erste Teil der Artikelserie über das Bibelbuch Micha, ein Buch, betitelt Kreuzzug gegen das Christentum, und ein Bulletin (jetzt Königreichsdienst) zur gleichen Zeit ein. Das war wirklich ein Geschenk des Himmels, denn nun konnten sie wie ihre Brüder in anderen Ländern ein klares Verständnis über den „König des Südens“ und den „König des Nordens“ erlangen.

      Dank der Tatsache, daß die Häftlinge, die nicht in der Isolierung waren, Sonntag nachmittags frei hatten und der Blockälteste der politischen Abteilung nachmittags in andere Baracken ging, um seine Freunde zu besuchen, war es den Brüdern mehrere Monate lang möglich, jeden Sonntag ein Wachtturm-Studium durchzuführen. Durchschnittlich beteiligten sich 220 bis 250 Brüder an diesem Studium, während 60 bis 70 auf dem Weg zum Lagereingang Wache hielten und bei Gefahr ein bestimmtes Zeichen gaben. So kam es, daß sie während ihres Studiums nie von einem SS-Mann überrascht wurden. Ein Studium, das an einem Sonntag im Jahre 1942 durchgeführt wurde, wird für die Anwesenden unvergeßlich bleiben. Die Brüder waren von den wunderbaren Erklärungen über die Prophezeiung aus Daniel, Kapitel 11 und 12 so beeindruckt, daß sie am Schluß in freudigem Marschtempo abwechselnd Volkslieder und dazwischen Königreichslieder sangen, so daß selbst der Wachtposten, der, wenige Meter von der Baracke entfernt, seinen Dienst auf einem Turm verrichtete, keinen Verdacht schöpfte, sondern sich auch an dem herrlichen Gesang erfreute. Man stelle sich einmal vor: Da ertönten die Stimmen von 250 Männern, die trotz ihrer Gefangenschaft in Wirklichkeit frei waren und von ganzem Herzen Lieder zum Preise Jehovas sangen. Welch eine Situation! Ob die Engel im Himmel wohl mitgesungen haben?

      ERSTE ERLEICHTERUNGEN IN DEN KONZENTRATIONSLAGERN

      Obwohl das Blut treuer Zeugen Jehovas an den Hinrichtungsstätten der Nationalsozialisten weiterhin bis zum völligen Zusammenbruch des Regimes floß, begannen doch die Waffen derer, die immer wieder geschworen hatten, Jehovas Zeugen würden die Konzentrationslager nur durch die Schornsteine des Krematoriums verlassen, stumpf zu werden. Dazu kamen die Probleme, die der Krieg verursachte. So gab es besonders von 1942/43 an Zeiten, in denen Jehovas Zeugen verhältnismäßig in Frieden gelassen wurden.

      Der Krieg, der nun ein totaler Krieg war, hatte die Lage derart verändert, daß alle verfügbaren Kräfte mobilisiert wurden. Aus diesem Grunde begann man im Jahre 1942, die Häftlinge soweit wie möglich für Projekte einzusetzen, die der Förderung der Wirtschaft dienten. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme zu einer „Bestandsmeldung über die Konzentrationslager“ von dem SS-Führer Pohl an seinen Chef Himmler:

      „Der Krieg hat eine sichtbare Strukturänderung der Konzentrationslager gebracht und ihre Aufgaben hinsichtlich des Häftlingseinsatzes grundlegend geändert.

      Die Verwahrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein steht nicht mehr im Vordergrund [erwähnt wird nicht die Massenvernichtung]. Das Schwergewicht hat sich nach der wirtschaftlichen Seite hin verlagert. Die Mobilisierung aller Häftlingsarbeitskräfte zunächst für Kriegsaufgaben (Rüstungssteigerung), später für Friedensaufgaben, schiebt sich immer mehr in den Vordergrund.

      Aus dieser Erkenntnis ergeben sich die notwendigen Maßnahmen, welche eine allmähliche Überführung der Konzentrationslager aus ihrer früheren einseitigen politischen Form in eine den wirtschaftlichen Aufgaben entsprechende Organisation erfordern.“

      Diese Umstellung setzte natürlich voraus, daß die Häftlinge besseres Essen erhielten, wenn sie mehr zu Arbeiten eingesetzt werden sollten. Das brachte eine weitere Erleichterung für die Brüder mit sich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren die Beamten auch klug genug, nicht zu versuchen, die Brüder in der Rüstungsindustrie einzusetzen. Sie wurden statt dessen, ihren handwerklichen Fähigkeiten entsprechend, in den verschiedenen Werkstätten eingesetzt.

      Inzwischen hatte Jehova das Seine getan, denn er kann das Herz der Menschen — auch das seiner Feinde — beeinflussen. Ein markantes Beispiel dafür ist Himmler. Jahrelang glaubte er, er allein könne über das Leben der treuen Diener Jehovas entscheiden, aber plötzlich begann er seine Meinung über die „Bibelforscher“ zu ändern. Sein Leibarzt, ein finnischer Mediziner namens Kersten, spielte dabei eine entscheidende Rolle.

      Der Masseur Kersten begann einen starken Einfluß auf Himmler auszuüben, der sich immer krank fühlte. Er erfuhr, daß Jehovas Zeugen grausam verfolgt wurden, und bat eines Tages Himmler, ihm für sein Gut in Hartzwalde, etwa fünfzig Kilometer nördlich von Berlin, einige der Frauen als Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Nach einigem Zögern sagte Himmler zu, und später gewährte er Kersten eine weitere Bitte und entließ eine Schwester aus einem Konzentrationslager, damit sie in Kerstens zweiter Wohnung in Schweden arbeiten konnte. Erst durch diese Schwestern erfuhr Kersten die Wahrheit über die Zustände in den Konzentrationslagern und über die unbeschreiblichen Leiden, die dort seit Jahren besonders über Jehovas Zeugen gebracht worden waren. Er war sehr empört, denn er wußte, daß er durch seine Massagen diesen Unmenschen immer wieder so weit herstellte, daß er sein Mordgeschäft weiterbetreiben konnte. Er beschloß daher, seinen Einfluß geltend zu machen, damit das Leiden all dieser Häftlinge wenigstens etwas gemildert wurde. Es kann daher seinem Einfluß zugeschrieben werden, daß Zehntausende, besonders gegen Ende des Krieges, nicht umgebracht wurden. Besonders für Jehovas Zeugen wirkte sich sein Einfluß sehr nützlich aus. Das kann man aus einem Brief ersehen, den Himmler an seine engsten Mitarbeiter, die obersten SS-Führer Pohl und Müller, schrieb. Dieser Brief, mit „Geheim“ abgestempelt, enthielt folgende Gedanken:

      „Anliegend einen Vorgang über die zehn Bibelforscherinnen, die auf dem Gut meines Arztes Kersten arbeiten. Ich hatte die Gelegenheit, dort die Frage der Ernsten Bibelforscher von allen Seiten zu studieren. Mir wurde von Frau Kersten ein sehr guter Vorschlag gemacht. Sie sagte mir, daß sie noch nie ein so gutes, williges, treues und gehorsames Arbeitspersonal hatte wie die zehn Frauen. Aus Liebe und Güte tun diese Menschen sehr viel. ... Eine der Frauen bekam einmal 5 RM Trinkgeld von einem Gast. Sie nahm das Geld an, um das Haus nicht zu blamieren, lieferte es aber bei Frau Kersten ab, weil der Besitz von Geld im Lager verboten wäre. Die Frauen übernahmen dort freiwillig jede Arbeit. Am Abend strickten sie. Sonntags sind sie ebenfalls in irgendeiner Form tätig. Im Sommer haben sie bei zehn-, elf- und zwölfstündiger Arbeit, als Pilze im Wald zu finden waren, es sich nicht nehmen lassen, zwei Stunden früher aufzustehen, um Körbe voll Pilze zu sammeln. Insgesamt ergänzen diese Tatsachen mein Bild, das ich von diesen Bibelforschern habe. Es sind unerhört fanatische, opferbereite und willige Menschen. Könnte man ihren Fanatismus für Deutschland einspannen oder insgesamt für die Nation im Kriege einen derartigen Fanatismus beim Volk erzeugen, so wären wir noch stärker, als wir heute sind! Natürlich ist die Lehre dadurch, daß sie den Krieg ablehnt, derart schädlich, daß wir sie nicht zulassen können, wenn wir nicht den größten Schaden für Deutschland haben wollen. ...

      Strafen verfangen bei ihnen gar nicht, da sie mit Begeisterung von jeder Strafe erzählen. ... Jede Strafe ist für sie ein Verdienst im Jenseits. Deshalb wird sich jeder echte Bibelforscher ... ohne weiteres hinrichten lassen und ohne weiteres sterben. Jeder Dunkelarrest, jeder Hunger, jedes Frieren ist ein Verdienst, jede Strafe, jeder Schlag ist ein Vorzug bei Jehova.

      Sollten in den Lagern mit den Bibelforschern oder Bibelforscherinnen wieder Schwierigkeiten auftreten, so verbiete ich, daß der Lagerkommandant eine Strafe ausspricht. Jeder Fall ist für die nächste Zeit mir unter kurzer Darstellung des Sachverhaltes zu melden. Ich beabsichtige, in Zukunft bei einem solchen Fall das Gegenteil zu machen und der betreffenden Person zu sagen: ,Ich verbiete, daß Sie jetzt arbeiten. Sie sollen ein besseres Essen haben als die anderen und brauchen nichts zu tun.‘

      Denn während dieser Zeit ruht nämlich nach dem Glauben dieser gutmütigen Irren jeder Verdienst, im Gegenteil, es werden frühere Verdienste von Jehova abgezogen. ...

      Nun zu dem Vorschlag: Ich ersuche, den Einsatz der Bibelforscher und Bibelforscherinnen in die Richtung zu lenken, daß sie alle in Arbeiten kommen — in der Landwirtschaft z. B. —, bei denen sie mit Krieg und allen ihren Tollpunkten [das den Nationalsozialisten unverständliche Verhalten der Zeugen Jehovas] nichts zu tun haben. Hierbei kann man sie bei richtigem Einsatz ohne Aufsicht lassen, sie werden nie weglaufen. Man kann ihnen selbständige Aufträge geben, sie werden die besten Verwalter und Arbeiter sein.

      Nun noch eine Verwendung, und dies ist, wie oben erwähnt, der Vorschlag von Frau Kersten: Nehmen wir doch die Bibelforscherinnen als Personal in unsere Lebensbornheime [Heime, in denen Kinder aufgezogen wurden, die von SS-Männern zur Hervorbringung einer „Herrenrasse“ gezeugt worden waren], nicht als Pflegerinnen, aber als Köchinnen, Hausmädchen, Wäscherinnen und für derartige Aufgaben. Auch als Hausmeister, wo wir da und dort noch Männer haben, können kräftige Bibelforscherinnen genommen werden. Ich bin überzeugt, daß wir in den wenigsten Fällen mit ihnen Kummer haben werden.

      Auch mit sonstigen Vorschlägen, wie Abstellung einzelner Bibelforscherinnen in kinderreiche Haushalte, bin ich sehr einverstanden. Geeignete Bibelforscherinnen, die das Können dafür haben, bitte ich einzeln herauszusuchen und mir zu melden. Ich werde sie auf entsprechende Haushalte kinderreicher Familien persönlich verteilen. In solchem Haushalt dürfen sie dann allerdings keine Sträflingskleider tragen, sondern einen anderen Anzug, und man müßte den dortigen Aufenthalt ähnlich wie für die freigelassenen und internierten Bibelforscherinnen in Hartzwalde gestalten.

      Bei all diesen für solche Aufgaben abgestellten Halbfreigelassenen wollen wir schriftliches Abschwören oder sonstige Unterschriften vermeiden und lediglich die Verpflichtung auf Handschlag vornehmen.

      Ich ersuche um Vorschläge für die Durchführung und Bericht.“

      Und so kam es. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein beachtlicher Teil der Schwestern in SS-Haushalte, in Gärtnereien, auf Bauerngüter und auch in „Lebensbornheime“ geschickt.

      Es gab jedoch auch andere Gründe, weshalb die SS bereit war, Zeugen Jehovas in ihre Haushalte aufzunehmen. Die SS spürte den heimlichen Haß, der unter der Bevölkerung immer größer wurde. Es kam ihr zu Bewußtsein, daß man aufgehört hatte, sich in vertrauten Kreisen Witze über sie zu erzählen. Darum trauten viele selbst ihren Dienstmädchen nicht mehr und fürchteten, daß sie ihnen einmal Gift ins Essen geben oder sie auf eine andere Art umbringen könnten. Mit der Zeit wagten es hohe SS-Führer nicht mehr, zu irgendeinem Friseur zu gehen, weil sie befürchteten, er könnte ihnen die Kehle durchschneiden. Max Schröer und Paul Wauer wurden beauftragt, hohe SS-Offiziere regelmäßig zu rasieren, da sie wußten, daß sich Jehovas Zeugen nie rächen und ihre menschlichen Feinde umbringen würden.

      Die Brüder und Schwestern, die außerhalb der Konzentrationslager arbeiteten, erhielten sogar die Erlaubnis, Besuche von ihren Verwandten zu empfangen oder ihre Verwandten zu Hause zu besuchen. Einige erhielten zu diesem Zweck einige Wochen Urlaub. Dies bedeutete schließlich, daß die Brüder und Schwestern besser ernährt wurden, so daß sich ihr Gesundheitszustand schnell besserte und die Zahl der Todesfälle, die durch Hunger oder Mißhandlung verursacht wurden, erheblich zurückging.

      Wie sehr sich die Stimmung in den Konzentrationslagern zugunsten der Zeugen Jehovas änderte, geht aus einer Erfahrung hervor, die Reinhold Lühring machte. Im Februar 1944 wurde er plötzlich von seinem Arbeitskommando zur Lagerverwaltung gerufen. Das war der Ort, wo so viele mißhandelt worden waren und wo man so oft versucht hatte, die Brüder zu überreden, ihrem Glauben an Jehova abzuschwören. Wie überrascht war Bruder Lühring, als Offiziere, die ihm gegenübersaßen, fragten, ob er ein Gut verwalten und dort auch Arbeiter beschäftigen und richtig zur Arbeit anleiten könnte. Da er alle Fragen bejahen konnte, wurde er später zusammen mit fünfzehn anderen Brüdern in die Tschechoslowakei gebracht, um das Gut der Frau Heydrich zu verwalten.

      Ein anderes Arbeitskommando, das aus zweiundvierzig Brüdern, alles gute Handwerker, bestand, wurde zum Wolfgangsee, nach Österreich, gebracht, um dort ein Haus für einen hohen SS-Offizier zu bauen. Obwohl die Bauarbeiten an einem Bergabhang nicht leicht waren, erhielten die Brüder sonst viele Erleichterungen. Zum Beispiel wurde Erich Frost, der zu dieser Gruppe gehörte, die Erlaubnis gegeben, sich sein Akkordeon von zu Hause schicken zu lassen. Nachdem er es erhalten hatte, durfte er abends oft mit einigen Brüdern hinaus auf den See fahren, wo er Volkslieder und auch alte, bekannte Konzertstücke spielte, an deren Klängen sich nicht nur seine Brüder erfreuten, sondern auch diejenigen, die am See wohnten, einschließlich der SS, unter deren Aufsicht die Brüder arbeiteten.

      Es wurde auch immer leichter, die Brüder in den Konzentrationslagern mit geistiger Speise zu versorgen. Dr. Kersten spielte dabei keine geringe Rolle, da er oft zwischen seiner Wohnung in Schweden und seinem Gut in Hartzwalde hin- und herreiste. Er ließ seine Koffer immer von den Schwestern, die ihm Himmler zur Arbeit auf seinem Gut und in seiner Wohnung in Schweden zur Verfügung gestellt hatte, packen. Zwischen ihnen bestand die stillschweigende Vereinbarung, daß die Schwester in Schweden einige Ausgaben des Wachtturms in Kerstens Koffer legte, wenn sie ihn packte. Wenn er dann in Hartzwalde ankam, sagte er der Schwester, die in seinem Haushalt tätig war, sie möge den Koffer auspacken. Das ließ er sie immer allein tun. Nachdem die Schwestern diese Wachttürme sorgfältig studiert hatten, gaben sie sie in das nahe gelegene Konzentrationslager weiter.

      Der Besitz von Herrn Kersten in Hartzwalde lag ideal, etwa 35 Kilometer südlich vom Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und etwa 30 Kilometer nördlich vom Männerkonzentrationslager Sachsenhausen. Zu beiden Lagern wurden ständig irgendwelche Dinge transportiert, so daß es nicht schwierig war, geistige Speise für die Brüder und Schwestern in die Lager zu schmuggeln.

      So entstand ein immer engerer Kontakt zwischen den verschiedenen Lagern und den Privatwohnungen, wo unsere Schwestern zur Arbeit bei SS-Familien eingesetzt waren. Ilse Unterdörfer berichtet über diese interessante Zeit:

      „Da wir auf unseren Arbeitsplätzen ziemlich viel Freiheit hatten, gelang es uns, einige Briefe an unsere Angehörigen zu schicken, die nicht durch die Kontrolle gingen. Auch konnten wir briefliche Verbindung mit unseren Brüdern im Lager Sachsenhausen durch Brüder aufnehmen, die ebenfalls in Außenbetrieben oder bei hohen SS-Führern in Vertrauensstellungen arbeiteten und so mehr Freiheit hatten. Ja, es gelang uns sogar, Verbindung mit Brüdern in der Freiheit aufzunehmen und auf diese Weise den Wachtturm ins Lager zu bekommen. Nach den vielen Jahren, in denen wir nur von dem früher Gelernten und dem, was Zugänge an neuen Wahrheiten mitbrachten, zehren mußten, war es nach so langer Zeit eine wunderbare Erfrischung für uns, den Wachtturm selbst zu lesen. Ich persönlich war auf dem SS-Gut, das in der Nähe des Lagers Ravensbrück unter der Oberaufsicht des Obergruppenführers Pohl stand, als Anweisehäftling [Aufseherin] eingesetzt und trug somit die Verantwortung für die Arbeit, die unsere Schwestern dort verrichten mußten. Einige von uns schliefen sogar dort; sie kamen also gar nicht mehr in das Lager. So gelang es mir, mit Bruder Franz Fritsche aus Berlin in Verbindung zu kommen, mit dem ich mich am Abend in einem Wald, der zum Gut gehörte, zu einer über eine Schwester in Berlin brieflich vereinbarten Zeit traf. Von ihm erhielt ich immer eine ganze Reihe von Wachtturm-Ausgaben. Darüber hinaus bekamen wir aber noch auf einem anderen Weg geistige Speise ins Lager. Es waren zwei liebe Schwestern, die in einer Fabrik arbeiteten und uns ebenfalls weitere Wachtturm-Exemplare ins Lager brachten. So sorgte Jehova in liebevoller Weise für uns, als es am dringendsten wurde.“

      Jehova segnete die Brüder, die leichter Zugang zu geistiger Speise hatten und die sich bemühten, sie anderen zugänglich zu machen, wie dies aus dem Bericht von Franz Birk hervorgeht. Er gehörte zu denen, die auf das Gut Hartzwalde gebracht worden waren. Sie erfuhren bald, daß andere gefangene Brüder unter der Aufsicht eines Soldaten etwa zehn Kilometer entfernt in einem Wald ein Haus bauten. Da sich die Brüder auf dem Gut Hartzwalde bereits eines gewissen Maßes an Freiheit erfreuten, suchten sie nach einer Gelegenheit, mit diesen Brüdern im Wald Verbindung aufzunehmen.

      „An einem Sonntagmorgen“, berichtet Bruder Birk, „machten Bruder Krämer und ich mit den Fahrrädern eine Erkundungsfahrt zu unseren Brüdern. Als wir in einen Wald hineinfuhren, sahen wir bald eine Schneise, wo ein Neubau erstellt wurde. Wir beobachteten, wie ein Häftling über den Hof kam. Jetzt machten wir uns bemerkbar, indem wir ihm zuwinkten. Der Bruder hatte uns gesehen und kam sofort durch den Wald auf uns zu, und als wir seinen lila Winkel sahen, erkannten wir sofort, daß es ein Bruder war. Nachdem wir ihm gesagt hatten, daß wir vom Kommando Hartzwalde seien, nahm er uns sofort mit in den Neubau. Da wir neue Wachttürme bei uns hatten, begannen wir sofort mit einem Studium. Fortan besuchten wir jeden Sonntag unsere Brüder, die unter der Bewachung eines Feldwebels aus Freiburg standen, der den Brüdern aber gut gesinnt war. Kurz vor Weihnachten sagte ich zu dem Feldwebel: ,Herr Feldwebel, wie wäre es, wenn Sie über die Feiertage mit unseren Brüdern einen Besuch auf Gut Hartzwalde machen würden?‘, wozu er nachdenklich bemerkte, daß er in diesen Tagen mit den Männern irgendwo hingehen wollte, um ihnen die Haare schneiden zu lassen. Als er aber hörte, daß wir auch in Hartzwalde einen Friseur hätten, sagte er sofort zu. So kamen tatsächlich am ,1. [Weihnachts-]Feiertag‘ in aller Frühe unsere Brüder mit ihrem Feldwebel in unser Lager. Schwester Schulze aus Berlin, die die Küche verwaltete, nahm sich des Feldwebels besonders an, so daß wir eine ungestörte Gemeinschaft hatten. Am Nachmittag folgte dann eine schöne Zusammenkunft, während am Abend die Brüder, voller Freude über unser segensreiches Zusammentreffen, wieder mit ihrem Feldwebel zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Man bedenke: Dies geschah alles im Angesicht unserer Feinde.“

      Im Laufe der Zeit ergaben sich in allen Konzentrationslagern immer mehr Möglichkeiten, geistige Speise zu erhalten. Gertrud Ott und achtzehn weitere Schwestern, die in Auschwitz inhaftiert waren, wurden zur Arbeit in ein Hotel geschickt, in dem die Familien von SS-Männern lebten. Da dort auch andere Personen essen und trinken konnten, dauerte es nicht lange, bis Schwestern, die sich noch in Freiheit befanden, ihre Schwestern aus dem Konzentrationslager beim Fensterputzen entdeckten. „Wir sind auch Schwestern“, murmelten sie im Vorübergehen, ohne aufzuschauen. Drei Wochen später richteten sie es ein, daß sie sich in der Toilette trafen. Von da an kamen die Schwestern von draußen regelmäßig und brachten den Schwestern, die im Hotel arbeiteten, Wachttürme und andere Publikationen, die dann nach Ravensbrück weitergeleitet wurden.

      Anfang Dezember 1942 ergab sich eine besonders schöne Gelegenheit für etwa vierzig Brüder, die in Wewelsburg zurückgeblieben waren, um sich dort besonderer Arbeiten anzunehmen. Obwohl sie weiterhin als Lagerinsassen behandelt wurden, hatten sie doch etwas mehr Freiheit, denn es gab keinen elektrisch geladenen Stacheldraht und keine Postenketten mehr, die sie von der Außenwelt getrennt hätten.

      Bruder Engelhardt war zu dieser Zeit immer noch frei und hatte die Brüder, die in der Nähe wohnten, beauftragt, einen Weg ausfindig zu machen, wie man den Wachtturm ins Lager schaffen könnte. Nach Überwindung einiger Schwierigkeiten erkundeten Sandor Beier aus Herford und Martha Tünker aus Lemgo die Lage, indem sie einfach wie ein junges Paar durch das Gebiet spazierengingen. Bald nahmen sie mit den Brüdern Verbindung auf und versorgten sie später regelmäßig mit Ausgaben des Wachtturms. Das erstemal trafen sie die Brüder an einem bestimmten Grab auf einem Friedhof; das nächste Mal versteckten sie die Zeitschriften in einem Strohhaufen, oder sie lieferten sie den Brüdern um Mitternacht an einem vorher verabredeten Platz persönlich aus. Für die Übergabe wurde jedesmal ein anderer Platz verabredet. Nachdem Bruder Engelhardt und die Schwestern, die die Zeitschriften hergestellt und verbreitet hatten, verhaftet worden waren, entstand die Frage, wie diejenigen, die sich noch in Freiheit befanden, weiter mit geistiger Speise versorgt werden könnten.

      Diesmal suchten die Brüder in Wewelsburg selbst eine Lösung zu finden. Es gelang ihnen, sich eine Schreibmaschine zu beschaffen, auf der ein Bruder dann Matrizen schrieb. Ein anderer Bruder konstruierte einen primitiven Vervielfältigungsapparat aus Holz. Schwestern außerhalb des Lagers, mit denen sie noch Kontakt hatten, brachten den Brüdern das zum Vervielfältigen notwendige Material. Hier wurden schließlich so viele Exemplare des Wachtturms hergestellt, daß ein großer Teil Norddeutschlands damit versorgt werden konnte. Elisabeth Ernsting erinnert sich, daß sie immer fünfzig Exemplare erhielt, womit sie das Gebiet versorgte, das sie betreute. So war es fast zwei Jahre lang, bis zum Zusammenbruch des Regimes (im Jahre 1945), möglich, die Brüder in Westfalen und in anderen Gebieten mit dem Wachtturm zu versorgen.

      Die Versorgung der Brüder und Schwestern in den Konzentrationslagern mit geistiger Speise verbesserte sich so weit, daß man im Jahre 1942 in Sachsenhausen schon von einem kleinen Strom sprechen konnte. Bruder Fritsche aus Berlin, der kurz vor dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes zum Tode verurteilt, aber nicht hingerichtet wurde, war in der Lage, die Brüder über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren nicht nur mit allen neuen Zeitschriften, sondern auch mit einer Anzahl älterer Ausgaben sowie mit allen Büchern und Broschüren, die in der Zwischenzeit erschienen waren, zu versorgen. Es war so, als wären die Brüder auf fette Weiden geführt worden, denn jeder Bruder hatte ein Exemplar einer der Veröffentlichungen der Gesellschaft zum abendlichen Studium zur Verfügung. Welch ein Wandel! Aber das ist noch nicht alles. Die Organisation funktionierte so gut, daß Bruder Fritsche Briefe an die Verwandten der Brüder, in andere Lager oder an ausländische Zweigbüros weiterleiten konnte. So war es möglich, daß innerhalb von eineinhalb Jahren einhundertfünfzig Briefe aus dem Lager und fast genauso viele in das Lager geschmuggelt wurden. Die Briefe, die hinausgeschickt wurden, zeugten von der guten geistigen Verfassung der Brüder. Verständlicherweise wurden viele Abschriften dieser Briefe hergestellt. Einige wurden sogar vervielfältigt und dienten den Brüdern draußen und besonders den Verwandten derer, die inhaftiert waren, zur Ermunterung.

      MUTIGE ERKLÄRUNG DER THEOKRATISCHEN EINHEIT IN DEN LAGERN

      Alles ging ungefähr eineinhalb Jahre sehr gut, bis Bruder Fritsche im Herbst des Jahres 1943 verhaftet wurde. Berichte über Sachsenhausen, die bei Haussuchungen gefunden worden waren, hatten die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Die Polizei fand in seinem Besitz nicht nur Wachttürme und andere Publikationen, sondern auch einige Briefe von Brüdern, die er weiterleiten sollte. Die Polizei, die entdeckte, daß der Briefverkehr fast international geführt wurde, bekam nun Zweifel an der Fähigkeit oder Bereitschaft der Lagerleiter, ihre Pflichten zu erfüllen. Himmler ordnete daher an, daß alle verdächtigen Konzentrationslager sofort durchsucht werden sollten.

      Die Aktion begann Ende April. Eines Morgens kamen einige Beamte der Geheimpolizei nach Sachsenhausen. Der Überraschungsangriff auf die Brüder war gut geplant. Diejenigen, die im Lager arbeiteten, wurden von ihren Arbeitsplätzen abgerufen und mußten auf dem Appellplatz Aufstellung nehmen, wo sie über die Tagestexte befragt und dann einer Leibesvisitation unterzogen wurden. Man fand einige Schriften. Diese Aktion war wie gewöhnlich von Schlägen begleitet. Aber es gelang der Gestapo nicht, die Brüder zum Nachgeben zu veranlassen, denn Jehova hatte sie inmitten ihrer Feinde reichlich ernährt. Sie hatten eine klare Vision von ihrem Auftrag und fürchteten sich nicht, vereint für die theokratische Herrschaft einzustehen.

      Ernst Seliger war als Verbindungsmann zu Bruder Fritsche bekannt geworden, und daher wurde ihm besondere „Aufmerksamkeit“ geschenkt. Er hatte sich bemüht, nicht nur die fleischlichen, sondern auch die geistigen Wunden zu verbinden, und in seiner demütigen, väterlichen Weise hatte er sehr zu der Einheit beigetragen, die in diesem Lager herrschte. Aber er war sehr beunruhigt über den Ausgang seines ersten Verhörs, und er betete zu Jehova, er möge seine „Niederlage“, wie er meinte, in einen Sieg verwandeln. Doch dies sollte nicht eine Prüfung für einen einzelnen werden. Wilhelm Röger aus Hilden beschreibt die Situation folgendermaßen: „Jetzt galt es: Einer für alle und alle für einen!“ Alle Brüder bestätigten die Erklärung Bruder Seligers, der zugab, Tagestexte zu ihrer Ermunterung herausgegeben zu haben. Sie bestätigten ferner, daß sie die Literatur gelesen hatten, die Bruder Seliger ins Lager gebracht hatte, und daß sie einander weiterhin ermuntern und auch in der Zukunft über ihre Hoffnung sprechen würden.

      So vergingen vier Tage. Am Sonntagmorgen erschien Bruder Seliger vor der Lagerverwaltung, wo ein Protokoll aufgenommen werden sollte. Über sein Erlebnis berichtet er folgendes: „Ich gab erst in drei Krankensälen [wo er als Helfer eingesetzt war] ... Zeugnis. In dieser Freudigkeit ging ich erneut in die ,Höhle des Löwen‘. Ein Arzt und der Apotheker studierten gerade unsere nach draußen gesandten illegalen Briefe. Es gab noch zwei heiße Stunden. Als es nun so weit war, daß das Protokoll zum Abschluß gebracht werden konnte, sagte der Vernehmungsbeamte: ,Seliger, was werden Sie nun tun? Wollen Sie weiter Tagestexte schreiben und Ihre Brüder ermuntern? Und wollen Sie auch weiter hier im Lager unter anderen Häftlingen die Botschaft verkündigen?‘ ... ,Jawohl, das werde ich tun und nicht nur ich, sondern alle meine Brüder mit mir!‘ ... Um 2 Uhr wurde der Ausgang dieser Sache und die im Namen aller Brüder abgegebene Erklärung allen Brüdern zur Kenntnis gebracht, worauf die Brüder sich anschließend sofort voller Freude in den Verkündigungsdienst begaben“ — und zwar in die Baracken des Lagers.

      Die Brüder erinnerten sich daran, daß nun fast zehn Jahre vergangen waren, seit sie am 7. Oktober 1934 Hitler in einem Brief benachrichtigt hatten, daß sie trotz aller Drohungen nicht aufhören würden, zusammenzukommen und zu predigen. Nun erkannte die Gestapo nach fast zehn Jahren, daß der Kampfgeist des Volkes Gottes noch nicht gebrochen war, weder innerhalb der Konzentrationslager noch außerhalb. Davon legten die Briefe Zeugnis ab.

      Die Gestapo überprüfte nun die anderen Konzentrationslager, um festzustellen, ob die vielbesprochene „theokratische Einheit“ auch dort vorhanden war. Das nächste Lager war Berlin-Lichterfelde, ein Zweiglager von Sachsenhausen. Bruder Paul Großmann, der als Verbindungsmann zwischen Sachsenhausen und Lichterfelde diente, berichtete später über die Untersuchung:

      „Am 26. April 1944 holte die Gestapo zu einem neuen großen Schlage aus. Um 10 Uhr morgens erschienen zwei Gestapobeamte in Lichterfelde, um bei mir als Verbindungsbruder zwischen dem Außenkommando Lichterfelde und dem Konzentrationslager Sachsenhausen eine strenge Durchsuchung vorzunehmen. Sie zeigten mir zwei illegale Briefe, die ich an Berliner Geschwister geschrieben hatte. Aus diesen Briefen war alles ersichtlich, wie die Sache bei uns lief. [Wir können daraus erkennen, wie unklug es ist, Briefe zu schreiben, die solche Informationen enthalten, denn es ist zu erwarten, daß die Beamten sie früher oder später bei Verhaftungen oder Haussuchungen finden werden.] Die Behörde war also über die Einzelheiten in unserer Organisation, unserer Arbeit im Lager und auch darüber hinaus genau informiert, daß wir laufend von der ,Mutter‘ Speise erhielten.

      Obwohl sie bei mir alles auf den Kopf stellten, fanden sie zunächst nur einen Wachtturm. Ich wurde ans Tor gestellt. Jetzt holte man die anderen Brüder von ihren Arbeitsstellen. Auch sie wurden untersucht und in zwei Meter Abstand ans Tor gestellt. Das gab eine Sensation im Lager, das eine solche Großaktion seit langem nicht erlebt hatte. Bei der Untersuchung fehlte es nicht an Stockschlägen, Stößen und Beschimpfungen gemeinster Art. Man fand noch Tagestexte und weitere Wachtturm-Abschriften, während ein großer Bericht über die Lagererfahrungen in Sachsenhausen, eine Bibel und anderes noch sichergestellt werden konnten. Die Brüder machten keinen Hehl daraus, daß sie aktiv für die Interessen der Theokratie gearbeitet und auch die verschiedenen Wachttürme gelesen hatten. So standen wir bis abends 11 Uhr am Tor. Inzwischen war die ,grüne Minna‘ vorgefahren, mit der die zwölf ,Haupträdelsführer‘ nach Sachsenhausen gebracht werden sollten. Das bedeutete, daß sie dort an einem Galgen zu Tode gebracht werden sollten. Darum mußten sie auch ihre Löffel, Eßschüsseln usw. abgeben. Aber der Transport ging aus unbekannten Gründen nicht ab, auch am folgenden Tag nicht, obwohl die Todesnachrichten an die Angehörigen schon ausgestellt worden waren. Am dritten Tag gab es eine Überraschung. Die zwölf Brüder wurden nicht hingerichtet, sondern wieder in den Arbeitsprozeß eingereiht.“

      Den Brüdern in Lichterfelde wurde dann eine Erklärung zur Unterzeichnung vorgelegt, in der es hieß: „Ich, ........., Zeuge Jehovas, im Lager seit ........., bekenne mich zu der ,theokratischen Einheit‘, die hier im KZ Sachsenhausen vorhanden ist. Auch habe ich alle Schriften und Tagestexte erhalten, gelesen und weitergegeben.“ Jeder unterschrieb dies nur allzugern.

      Ähnliche Razzien führte die Polizei mit dem gleichen Ergebnis auch in anderen Lagern durch, eine zum Beispiel am 4. Mai 1944 in Ravensbrück, weil aus den Briefen hervorging, daß zwischen Sachsenhausen und Ravensbrück eine Verbindung bestand. Gegen die „Rädelsführer“ in diesem Lager ergriff man harte Maßnahmen. Aber es dauerte nicht lange, bis die Schwestern auch hier an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren konnten, nachdem die zuständigen Abteilungsleiter sie angefordert hatten. Dies war ein Beweis dafür, daß die Macht des Tyrannen zu dieser Zeit schon ziemlich gebrochen war.

      Die Niederlage des deutschen Heeres an der Ostfront im Jahre 1944 forderte so viele Menschenleben, daß nicht nur alte Männer und die Hitlerjugend in das Kriegsgeschehen mit einbezogen wurden, sondern sogar Häftlinge die Gelegenheit erhielten, sich an der Ostfront zu bewähren. Aus diesem Grund kamen Kommissionen in die Konzentrationslager und machten politischen Häftlingen das Angebot, in die Division des degradierten Generals Dirlewanger einzutreten. Sollten sie sich dort bewähren, würden sie als freie Deutsche betrachtet werden. Es war jedoch interessant, daß alle Häftlinge, die einen lila Winkel trugen, immer in ihre Baracken geschickt wurden, bevor den anderen dieses Angebot unterbreitet wurde. Sie wußten, welche Antwort sie von Jehovas Zeugen erhalten würden, und hatten es daher aufgegeben, sie zu fragen.

      EILIGE EVAKUIERUNG DER LAGER

      So kam das Jahr 1945. Der pausenlose Bombenhagel der amerikanischen und der englischen Luftstreitkräfte bei Tag und bei Nacht und der Rückzug der deutschen Armee, der zuletzt fast den Charakter der Flucht hatte, machten jedem klar, daß das Ende des Zweiten Weltkrieges nahe war. Die SS hatte aufgehört, ihre Selbstsicherheit zur Schau zu stellen. Sie befand sich in keiner beneidenswerten Lage, wenn man bedenkt, daß Hunderttausende in den Konzentrationslagern fieberhaft auf die Befreiung warteten. Diese Massen waren unberechenbar, ja wie Explosivstoff geworden, so daß sich viele SS-Leute vor den Häftlingen fürchteten. Aber Himmler folgte weiterhin den Befehlen seines Führers und sandte folgendes Telegramm an die Kommandanten von Dachau und Flossenbürg: „Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes kommen. [Gez.] Heinrich Himmler.“ Ähnliche Anweisungen wurden auch an die anderen Lager gesandt.

      Dies war der letzte teuflische Plan, der noch einmal das Leben der treuen Diener Gottes in den Lagern gefährdete. Aber sie waren nicht übermäßig besorgt. Sie setzten ihr Vertrauen auf Jehova, ungeachtet dessen, was ihnen persönlich bevorstehen mochte.

      Die SS-Offiziere, die die Pflicht hatten, die Häftlinge zu liquidieren, standen vor einer unlösbaren Aufgabe. Bruder Walter Hamann, der in der SS-Kantine arbeitete, hörte zufällig einmal eine interessante Unterhaltung zwischen SS-Offizieren. Er erzählt: „Die Offiziere sprachen vom Vergasen aller Häftlinge. Doch die Einrichtung war für das ganze Lager viel zu klein. Dann hörte ich ein Telefongespräch über die Lieferung von Heizöl für die Verbrennungsöfen; aber auch dies konnte nicht mehr beschafft werden. Dann diskutierte man darüber, das Lager samt allen Insassen in die Luft zu sprengen. Es wurden bereits Sprengkisten an den Baracken aufgestellt, insbesondere am Krankenrevier. Aber auch diesen teuflischen Plan gab man wieder auf. Schließlich entschloß man sich, die 30 000 Häftlinge zu evakuieren; man sagte ihnen, sie kämen in ein neues, großes Lager, das aber gar nicht existierte, sondern man meinte damit das nasse Massengrab in der Lübecker Bucht, wo man uns auf Schiffe verladen und versenken wollte. Dazu brauchte man weder Gas noch Öl und auch nicht so viel Sprengstoff.“

      Inzwischen nahm das Tempo, mit dem die alliierten Streitkräfte aus dem Osten und aus dem Westen heranrückten, immer mehr zu. Die SS begann nun, um ihr eigenes Leben zu bangen, und wurde immer kopfloser, besonders nachdem die Entscheidung der Regierung, die Lager zu liquidieren, bekanntgeworden war. Da ihnen unüberwindliche Probleme entgegenstanden, trieben sie die Häftlinge einfach auf die Straßen und ließen sie, mit ganz wenig Proviant ausgerüstet, marschieren. Wer später einmal die Märsche, die zu Recht als „Todesmärsche“ bezeichnet wurden, auf der Landkarte verfolgte, konnte feststellen, daß sie alle dasselbe Ziel anstrebten. Ihr Ziel war die Lübecker Bucht oder irgendwo im Norden das offene Meer, wo die Häftlinge dann auf Schiffe geladen und vor dem Eintreffen der feindlichen Streitkräfte versenkt werden sollten.

      Bald gab es nichts mehr zu essen und manchmal nicht einmal einen Schluck Wasser. Dennoch wurden die hungernden Häftlinge gezwungen, tagelang bei strömendem Regen und bei einer Durchschnittstemperatur von 4 °C den ganzen Tag zu marschieren. Nachts durften sie sich im Wald auf den vom Regen durchtränkten Boden legen. Diejenigen, die mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit nicht Schritt halten konnten, wurden von der Nachhut der SS unbarmherzig durch Genickschuß liquidiert. Wie groß die Verluste an Menschenleben auf diesen Märschen waren, geht aus dem Beispiel von Sachsenhausen hervor. Von den 26 000 Häftlingen, die zur Zeit der Evakuierung noch am Leben waren, blieben auf dem Weg von Sachsenhausen nach Schwerin 10 700 erschossen liegen.

      In einer gefährlichen Situation befanden sich auch die wenigen Brüder, die in Mauthausen überlebt hatten. Dort waren einige große Stollen in den Berg hineingetrieben worden, wo die gefürchteten „V-2“-Raketen hergestellt wurden. Eines Tages wurde einer der Stollen zugemauert und vermint. Der Plan war, einen Fliegeralarm vorzutäuschen und darauf die 18 000 Häftlinge in den Stollen zu treiben, der dann in die Luft gesprengt werden sollte. Aber die Lagerverwaltung wurde von dem schnellen Vorrücken der russischen Panzer überrascht, und die SS zog es vor, die Häftlinge sich selbst zu überlassen und möglichst ihr eigenes Leben zu retten. Aber sie kam nicht sehr weit. Nur wenige Tage später wurde der Lagerkommandant, der durch seinen Ausspruch: „Ich will nur Totenscheine sehen!“ bekannt geworden war, von den Häftlingen erkannt und zu Tode getrampelt. Politische Häftlinge begannen nun, Rache an den Mithäftlingen zu nehmen, die als Lagerälteste, Blockälteste und Vorarbeiter viel Blutschuld auf sich geladen hatten.

      Der Todesmarsch der Insassen des Lagers Dachau führte durch Wälder, und wer nicht mehr Schritt halten konnte, wurde von der SS erschossen. Ihr Ziel waren die Ötztaler Alpen, wo alle, die das Ziel noch lebend erreichen würden, erschossen werden sollten. Die Brüder hielten zusammen und halfen einander, was manchen vor dem sicheren Tod bewahrte, bis sie Bad Tölz erreichten, wo sie befreit wurden. Bruder Ropelius kann sich noch daran erinnern, daß sie die letzte Nacht unter einer Schneedecke im Wald von Waakirchen verbrachten. Als der Tag graute, kamen Beamte der bayerischen Landespolizei auf sie zu und sagten ihnen, sie seien frei und die SS sei geflohen. Tatsächlich sahen die Brüder unterwegs mehrere an die Bäume gelehnte Waffen, aber es war kein SS-Mann mehr zu sehen.

      Die SS nahm den Befehl der Regierung, alle Häftlinge zu liquidieren, sehr ernst, und nur wenige Tage vor der Kapitulation wurden in Neuengamme Transporte zusammengestellt und auf ein Frachtschiff gebracht, das sie zu dem Luxusdampfer „Cap Arcona“ bringen sollte, der in der Neustädter Bucht vor Anker lag. Etwa 7 000 Häftlinge befanden sich bereits auf diesem 200 Meter langen Schiff. Die SS hatte vor, mit der „Cap Arcona“ auf die offene See zu fahren und sie dann mit den Häftlingen zu versenken. Aber das Schiff hatte immer noch die Kriegsflagge gehißt und wurde daher am 3. Mai 1945 von englischen Kampfflugzeugen versenkt. Auch der Frachter „Thielbeck“ ging mit 2 000 bis 3 000 Häftlingen an Bord unter. Etwa 9 000 Häftlinge fanden in der Neustädter Bucht ein nasses Grab. Es ist verständlich, daß die Überlebenden heute noch schaudern, wenn sie sich daran erinnern. Noch heute werden jährlich 12 bis 17 Skelette dieser ertrunkenen Häftlinge am Neustädter Strand von Badegästen oder bei Grabungen gefunden.

      Das gleiche Geschick hatte man auch den Häftlingen von Sachsenhausen zugedacht, unter denen sich 220 Brüder befanden. In einem mörderischen Gewaltmarsch legten sie in zwei Wochen ungefähr 200 Kilometer zurück.

      Die Zeugen hatten früh erkannt, welche Gefahr ihnen drohte, und so hatten sie ihre Schuhe repariert und eine Anzahl kleiner Wagen beschafft, auf denen das wenige Gepäck der Schwachen und auch die Schwächsten selbst transportiert werden konnten. Wenn diese Brüder den ganzen Weg hätten zu Fuß gehen müssen, wären sie unter den mehr als 10 000 Toten gewesen. Aber auf diese Weise konnten die Brüder, die körperlich nicht so schwach waren, die Schwachen mitnehmen. Auf dem Wege wurden dann andere auf die Wagen geladen, deren Kräfte verbraucht waren. Wenn sie nach einigen Tagen der Ruhe wieder genügend Kraft erlangt hatten, beteiligten sie sich auch wieder am Ziehen der Wagen. So blieben sie sogar auf diesem Todesmarsch alle als eine große Familie zusammen und erfreuten sich des Schutzes Jehovas bis zum Ende.

      Als dieser Zug flüchtender Häftlinge nur noch drei Tagereisen von Lübeck entfernt war, befahl die SS eines Nachmittags allen, in einem Wald in der Nähe von Schwerin ihr Lager zu beziehen. Die Brüder hatten sich inzwischen schon zu kleinen Gruppen zusammengetan und bauten mit ihren Decken kleine Hütten. Den Boden bedeckten sie mit Laub, um die Kühle der Nacht abzuhalten. In jener Nacht, in der die Kugeln der Russen um Ihre Köpfe pfiffen und in der die Amerikaner auf dem Vormarsch waren, brach dieser Teil der deutschen Front zusammen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl für die, die dabei waren, als plötzlich mitten in der Nacht ein Ruf erscholl, der sich wie ein Echo tausendfach fortpflanzte: „WIR SIND FREI!“ Die ungefähr 2 000 SS-Leute, die bis dahin die Häftlinge beaufsichtigt hatten, hatten unauffällig ihre Uniform ausgezogen und sich als Zivilisten getarnt, ja einige hatten sogar Häftlingsuniformen angezogen, um ihre Identität zu verbergen. Ein paar Stunden später wurden jedoch einige von ihnen erkannt und unbarmherzig hingemordet.

      Sollten die Brüder das Angebot der amerikanischen Offiziere, die inzwischen eingetroffen waren, annehmen und das Lager mitten in der Nacht abbrechen? Nachdem sie die Lage gebetsvoll geprüft hatten, entschlossen sie sich, bis zum Sonnenaufgang zu warten. Doch selbst dann blieben sie noch einige Stunden länger, denn ein Bauer, der sich den Flüchtlingen angeschlossen hatte, hatte den Brüdern zwei Zentner Erbsen geschenkt. Es wurde ein wunderbares Mahl zubereitet. O wie dankbar die Brüder doch waren! Nahezu zwei Wochen lang hatten sie fast nichts gehabt außer etwas Tee, den sie unterwegs gesammelt und abends im Wald gekocht hatten, sofern etwas Wasser zur Verfügung stand.

      Wie dankbar waren sie doch, als sie feststellten, daß keiner von ihnen fehlte! Aber wie sie später feststellten, hatten sie noch einen weiteren Grund, Jehova dankbar zu sein, denn während ihres Marsches in Richtung Norden waren sie einmal von der SS mehrere Tage in einem Wald festgehalten worden, weil man sich nicht sicher war, wo sich die Front befand. Das war gerade die Zeit, die noch erforderlich gewesen wäre, um Lübeck zu erreichen, bevor die Front schließlich zusammenbrach.

      Jetzt hatten sie es nicht mehr so eilig weiterzuziehen. Gleich dort, im Wald von Schwerin, begannen sie einen Bericht über ihre Erlebnisse auf einer Schreibmaschine zu schreiben, die Soldaten aus einem fahrbaren Büro geworfen hatten. Der Bericht enthielt auch eine Resolution, die sie unter dem unbeschreiblichen Gefühl, seit einigen Stunden wieder frei zu sein, aber auch aus Wertschätzung für Jehovas Schutz während der vielen Jahre ihres Aufenthaltes in der „Löwengrube“ verfaßten. Dies ist die Resolution:

      RESOLUTION

      „3. Mai 1945

      Entschließung der in einem Wald bei Schwerin in Mecklenburg versammelten 230 Zeugen Jehovas aus sechs verschiedenen Nationen.

      Wir versammelten Zeugen Jehovas senden unsere allerherzlichsten Grüße an das treue Bundesvolk Jehovas und seine Gefährten in aller Welt mit Psalm 33:1-4 und 37:9. Es sei Euch kund, daß unser großer Gott, dessen Name Jehova ist, sein Wort wahr gemacht hat an seinem Volke, insbesondere im Gebiet des Nordkönigs. Eine lange, harte Probezeit liegt nun hinter uns, und die aus dem Feuerofen hervorgezogenen Bewährten haben nicht einmal den Geruch des Brandes an sich. (Siehe Daniel 3:27.) Im Gegenteil, sie sind voller Kraft und Stärke Jehovas und warten brennend auf neue Befehle des Königs zur Wahrnehmung der theokratischen Interessen. Unsere Entschlüsse und [unsere] Dienstbereitschaft sind ausgedrückt in Jesaja 6:8 und Jeremia 20:11 (Menge-Übersetzung). Die Absicht des Feindes, Gottes treues Volk in diesem Lande durch unzählige teuflische Gewaltmethoden sowie tausend mittelalterliche Inquisitionsmethoden körperlicher und geistiger Art und auch durch vielerlei Schmeicheleien und Verführungskünste zur Untreue zu verleiten, ist dank des Herrn großer Hilfe und seines gnädigen Beistandes den dämonischen Hassern der Theokratie nicht gelungen. All das vielseitig Erlebte, dessen Schilderung viele Bände erfordern würde, ist kurz umschrieben in den Worten des Apostels Paulus in 2. Korinther 6:4-10, 2. Korinther 11:26, 27 und vor allem in Psalm 124 (Elberfelder Übersetzung). Satan und seine dämonisierten Werkzeuge stehen erneut als Lügner da. (Joh. 8:44) Die große Streitfrage ist wiederum zum Ruhme Jehovas ausgetragen worden. — Hiob 1:9-11.

      Zu unser und Euer aller Freude sei Euch noch besonders mitgeteilt, daß uns der Herr Jehova eine reiche Beute schenkte, indem er uns sechsunddreißig Menschen guten Willens hinzufügte, die bei unserem Auszug aus Sachsenhausen ... aus freien Stücken erklärten: „Wir wollen mit euch ziehen, denn wir haben gesehen, daß Gott mit euch ist.“ Hier erfüllt sich Sacharja 8:23. Wegen des übereilten Auszuges konnten viele Freunde der Theokratie sich uns nicht mehr anschließen, aber Jehova wird es überwalten, daß sie bald wieder den Weg zu uns finden werden.

      Wir, Jehovas Zeugen, erklären erneut unsere unbedingte Treue Jehova gegenüber und unsere restlose Hingabe an die Theokratie.

      Wir geloben, daß wir nur einen Wunsch haben, nämlich aus tiefster Dankbarkeit zufolge der langen Kette unendlich vieler Beweise wunderbarster Bewahrungen und Errettungen aus all den tausend Nöten, Kämpfen und Bedrängnissen während des Aufenthaltes in der Löwengrube Jehova und seinem großen König, Jesus Christus, willigen und freudigen Herzens [bis] in alle Ewigkeit zu dienen. Dies wäre unser schönster Lohn.

      Unsere Resolution schließen wir in der freudigen Gewißheit des baldigen Wiedersehens mit Psalm 48.

      Eure Mitarbeiter für Jehovas heiligen Namen“

      Erst als die Brüder ihre Dankbarkeit für Jehovas unverdiente Güte, für seinen Schutz und nun auch für die wiedererlangte Freiheit zum Ausdruck gebracht hatten, brachen sie von ihrem Lager auf. Obwohl in jener ersten Nacht der Freiheit 900 bis 1 000 Häftlinge umgekommen waren, erreichten die Brüder Schwerin völlig unversehrt. Da die Brücken über die Elbe zerstört worden waren, mußten sie jedoch zwei bis drei Monate dort bleiben. Sie fanden in dem Pferdestall einer Kaserne Unterkunft und konnten dort Wachttürme vervielfältigen und jeden Vormittag ein Wachtturm-Studium durchführen, um sich geistig auf das vor ihnen liegende Werk vorzubereiten. Gleichzeitig nahmen sie den Predigtdienst wieder auf, obwohl sie aufgrund der gegebenen Verhältnisse gezwungen waren, ihn in ihrer Häftlingsuniform zu verrichten. Schließlich konnten sie aber ihre Reise nach Westen fortsetzen, um mit ihren Verwandten wieder Kontakt aufzunehmen und um zu sehen, was alles in Verbindung mit der Neuorganisierung des Königreichswerkes getan werden konnte.

      EIN BERICHT DER LAUTERKEIT

      Dieser Bericht ist das Ergebnis der Bemühungen, einen wichtigen Zeitabschnitt in der neuzeitlichen Geschichte des Volkes Jehovas zu rekonstruieren. Aber nur ein kleiner Teil der interessanten Erfahrungen, die die Brüder und Schwestern in Deutschland während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gemacht haben, konnte berichtet werden. Viele, viele Bücher müßten geschrieben werden, wenn alles berichtet werden sollte, was geschah, weil die Zeugen an der wahren Anbetung festhielten und Jehovas Namen verteidigten. Mögen daher die aufgezeichneten Erlebnisse einzelner für die vielen sprechen, die der Erwähnung wert gewesen wären, doch nicht, um Menschen, sondern vielmehr, um Jehova dadurch zu rühmen und zu ehren. Er war es, der zur rechten Zeit Schritte unternahm, um sein Volk als Gruppe zu befreien, obwohl er zuließ, daß viele ihr Leben für seinen heiligen Namen niederlegten.

      Jeder, der im Jahre 1945 mit denen sprach, die aus der Tyrannei befreit worden waren, wird sich daran erinnern, wie oft sie gemeinsam Jehova mit den Worten aus Psalm 124 priesen. Sie dachten an die wunderbaren Wachtturm-Artikel zurück, die am Anfang der Verfolgung erschienen waren und durch die sie Jehova auf jene schwierige Zeit vorbereitet hatte. Nun verstanden sie, was Jesus gemeint hatte, als er gesagt hatte, sie sollten sich nicht vor denen fürchten, die den Leib töten könnten. Sie wußten, was es bedeutete, in einen Feuerofen oder wie Daniel in eine Löwengrube geworfen zu werden. Aber sie erkannten auch, daß Jehova mächtiger ist und daß er ihre Stirn härter gemacht hatte als die ihrer Feinde. Selbst Außenstehende erkennen diese Tatsache an, und sie wird oft erwähnt, wenn Historiker über diesen Abschnitt der Geschichte Deutschlands sprechen. Zum Beispiel schrieb Michael H. Kater in dem Vierteljahresheft Zeitgeschichte, 1969, Heft 2:

      „Das ,Dritte Reich‘, das jeglichem inneren Widerstand stets nur mit brutalster Gewalt begegnen konnte und es selbst dann oft nicht vermochte, der Kräfte der Auflehnung im deutschen Volk Herr zu werden, hat auch das Problem der Ernsten Bibelforscher von 1933 bis 1945 nicht bewältigen können. Die Zeugen Jehovas gingen 1945 aus der Verfolgung geschwächt, aber ungebrochenen Sinnes hervor.“

      Auch in dem „Auszug aus dem Buch ,Kirchenkampf in Deutschland‘ “ von Friedrich Zipfel kann man lesen:

      „Es gibt wohl kaum eine Analyse oder ein Erinnerungsbuch über die Konzentrationslager, in dem nicht das gläubige Denken, die Arbeitsamkeit, Hilfsbereitschaft und das fanatische Märtyrertum der Ernsten Bibelforscher geschildert wird. Hingegen wird in der allgemeinen Widerstandsliteratur der den Inhaftierungen vorausgegangene Kampf der ,Zeugen Jehovas‘ nicht, oder allenfalls am Rande, erwähnt. Dabei handelt es sich bei der Tätigkeit und Verfolgung der Bibelforscher um einen ganz eigenartigen Vorgang. Die Mitglieder dieser kleinen Religionsgemeinschaft sind zu 97 %, d. h. nahezu ausnahmslos, zu Opfern von nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen geworden. Ein Drittel von ihnen fand dort ,durch Hinrichtung, sonstige Gewaltakte, Hunger, Krankheit oder Frondienst‘ den Tod. Diese beispiellose Härte der Unterdrückung ist das Ergebnis eines kompromißlosen Glaubens, der in unüberbrückbaren Gegensatz zu der nationalsozialistischen Ideologie treten mußte.“

      Wie war doch nun der Führer des zerschlagenen Deutschen Reiches gedemütigt worden! Goebbels hatte am 31. Dezember 1944 über ihn gesagt: „Wenn die Welt wirklich wüßte, was er ihr zu sagen und zu geben hat und wie tief seine Liebe über sein eigenes Volk hinaus der ganzen Menschheit gehört, dann würde sie in dieser Stunde noch Abschied nehmen von ihren falschen Göttern und ihm ihre Huldigung darbringen ..., dem Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat, sein Volk zu erlösen. ... Nie kommt ein Wort der Falschheit oder einer niedrigen Gesinnung über seine Lippen. Er ist die Wahrheit selbst.“ Doch dieser Mann, der ein Gott sein wollte, beging Selbstmord.

      Wie waren auch diejenigen gedemütigt worden, die ihr Vertrauen auf ihn gesetzt hatten — zum Beispiel Himmler, der gewissenlos Hitlers Befehle ausführte! Gerade Himmler hatte viele Jahre den treuen Dienern Jehovas das Leben schwergemacht. Für wie viel vergossenes Blut muß er die Verantwortung tragen! Im Jahre 1937 sagte er unseren Schwestern in Lichtenburg prahlerisch: „Ihr werdet auch noch nachgeben, euch kriegen wir schon noch klein. Wir halten es länger aus als ihr!“ Und wie niedergedrückt war er nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes, als er auf der Flucht Bruder Lübke in Hartzwalde traf und ihn fragte: „Na, Bibelforscher, was ist nun?“ Bruder Lübke gab ihm darauf ein gründliches Zeugnis und erklärte ihm, daß Jehovas Zeugen immer mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes und mit ihrer Befreiung gerechnet hätten. Himmler wandte sich wortlos ab. Nicht viel später vergiftete er sich, nachdem er von britischen Soldaten festgenommen worden war.

      Doch wie freuten sich diejenigen, die Jehova anbeteten, und das trotz der schwierigen Verhältnisse! Sie hatten das Vorrecht, dem souveränen Herrscher des Universums ihre Lauterkeit zu beweisen. Während Hitlers Herrschaft hatten 1 687 ihre Stellung verloren, 284 ihr Geschäft und 735 ihre Wohnung, und 457 war die Ausübung ihres Berufs verboten worden. In 129 Fällen wurden Grundstücke beschlagnahmt, 826 Rentnern wurde die Unterstützung entzogen, und 329 weitere erlitten sonstige Vermögensnachteile. 860 Kinder waren ihren Eltern fortgenommen worden. In 30 Fällen waren Ehen „von Amts wegen“ geschieden worden, in 108 Fällen auf Antrag des Ehegefährten, der ein Gegner der Wahrheit war. Insgesamt 6 019 waren verhaftet worden, einige davon zweimal, dreimal oder sogar noch öfter, so daß insgesamt 8 917 Verhaftungen registriert wurden. Sie waren zu insgesamt 13 924 Jahren und 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das ist zweieinviertelmal so lange, wie Zeit seit der Erschaffung Adams vergangen ist. Ins Konzentrationslager wurden 2 000 Brüder und Schwestern eingeliefert, wo sie 8 078 Jahre und 6 Monate verbrachten, das ist ein Durchschnitt von vier Jahren. Insgesamt 635 waren in der Haft gestorben, 253 waren zum Tode verurteilt worden, und 203 davon wurden tatsächlich hingerichtet. Welch ein Bericht der Lauterkeit!

      DER WIEDERAUFBAU BEGINNT

      Unmittelbar nach dem Krieg waren die Brüder im Schweizer Bethel die einzigen, die Verbindung zu den Brüdern in Deutschland hatten. Als sie erfuhren, daß selbst nach der Freilassung der Brüder aus den Lagern in vielen Versammlungen gewisse unerwünschte Tendenzen bestanden, sandten sie folgendes Rundschreiben an die Versammlungen:

      „An die lieben Mitverbundenen in Deutschland

      Liebe Geschwister in Christo,

      endlich seid Ihr vom nazistischen Joche befreit! — Manche von Euch haben Jahre hindurch sehr gelitten, indem sie sich entweder in Gefängnissen oder in Konzentrationslagern befanden oder sonstwie verfolgt wurden. ...

      Es wird sich aber auch niemand von denen, die besonderer Leiden um des Namens des Herrn willen wert geachtet wurden, etwas darauf einbilden und sich mit dem Nimbus eines Märtyrers umgeben oder sich über andere erheben, die nicht [Jahre] in Gefängnissen oder Konzentrationslagern zubringen mußten. ... Es sollte sich niemand von Euch vor den Mitmenschen wegen seiner Leiden brüsten oder besonders hervortreten. Man vergesse nicht, daß auch manche von den Geschwistern, die zu Hause zurückblieben, mit vielerlei Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und ebenfalls unter Druck gesetzt wurden. Der Christ kann sich seine Leiden nicht wählen. Der Herr bestimmt sie respektive läßt sie zu.

      Darum, liebe Geschwister, laßt uns nicht ungerecht und parteiisch sein, und laßt uns niemand verurteilen, der vielleicht in einiger Augen Kompromisse gemacht hat oder dazu bereit gewesen wäre. Der Herr ist der Beurteiler der Herzen. Vor ihm sind wir alle wie ein aufgeschlagenes Buch. ...

      Für Euer besetztes Gebiet wird Br. Erich Frost, Leipzig, beauftragt, nach dem Rechten zu sehen. Diese Verfügung hat jedoch, gemäß den Anweisungen des Präsidenten, provisorischen Charakter. Bruder Frost wird, insofern ihm dies möglich ist, dem Präsidenten regelmäßig direkt über den Stand des Werkes der Verkündigung berichten.

      Das Verkündigungswerk ist unter der Leitung des neuen Präsidenten der Gesellschaft, Bruder Nathan Homer Knorr, gründlicher als je organisiert worden und schreitet großartig voran! ...

      Bibelhausfamilie in Bern [gezeichnet] Fr. Zürcher“

      Die Brüder Frost, Schwafert, Wauer, Seliger, Heinicke und andere begaben sich unmittelbar nach ihrer Befreiung daran, das Eigentum der Gesellschaft zurückzugewinnen in der Annahme, daß das Werk wieder von dort aus geleitet werden könne. Dies erwies sich später wegen der feindseligen Haltung der russischen Behörden als unmöglich.

      Bruder Frost, der unterdessen zum Zweigaufseher eingesetzt worden war, bat Willi Macco aus Saarbrücken, Hermann Schlömer und Albert Wandres aus Wiesbaden und Konrad Franke aus Mainz, die Versammlungen in dem Gebiet Westdeutschlands, in dem sie während des Verbots Bezirksdienstleiter gewesen waren, neu zu organisieren und zu betreuen.

      Gleichzeitig bemühte sich Bruder Franke, in der Umgebung von Stuttgart Papier einzukaufen, damit kleine Auflagen des Wachtturms gedruckt werden konnten. Es wurden auch Vorkehrungen getroffen, einige Radiovorträge über die Sender Stuttgart, Frankfurt und Saarbrücken zu halten, um dadurch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Königreichsbotschaft zu lenken. Schließlich mietete Bruder Franke in Wiesbaden zwei Geschäftsräume und eine Woche später im gleichen Haus auch einen kleinen Wohnraum.

      Gegen Ende des Jahres 1945 fuhr Bruder Frost von Magdeburg nach Stuttgart und besprach mit treuen Brüdern, die bereit waren, den Vollzeitdienst als reisende Diener aufzunehmen oder im Bethel zu arbeiten, organisatorische Fragen. Da die Gesellschaft in Magdeburg (Ostdeutschland) eingetragen war, schien es notwendig zu sein, ein Zweigbüro in Stuttgart, also in Westdeutschland, zu eröffnen.

      Bald fuhr Bruder Frost in die Niederlande, um Bruder Knorr zu treffen und mit ihm zum erstenmal persönlich zu sprechen. Er machte auf diesem Wege in Wiesbaden Station, und nachdem ihm Bruder Franke die zwei gemieteten Geschäftsräume gezeigt hatte, beschloß er sofort, die Pläne für Stuttgart rückgängig zu machen und das Büro in Wiesbaden zu eröffnen. Das bedeutete, daß die beiden Geschäftsräume und der kleine Privatraum von Bruder Franke das Bethelheim werden sollten, wo bald zwanzig Brüder und Schwestern arbeiteten und verpflegt wurden.

      Ungefähr ein Jahr später wurde Bruder Franke wegen seiner Haft während des Verbots von der Stadt Wiesbaden eine Zweizimmerwohnung in der Wilhelminenstraße 42 angeboten, und so zog nicht nur Bruder Franke um, sondern auch das Bethel. Der größere der beiden Räume wurde als Bethelheim benutzt. Durch Jehovas unverdiente Güte war es möglich, im gleichen Haus ein weiteres Zimmer zu mieten, das einer Schwester gehörte, und dieses diente als Büro. Hier besuchte Bruder Knorr das erstemal die Brüder in Deutschland.

      Die Brüder hatten wiederholt beim Oberbürgermeister vorgesprochen, und obwohl er Räume, ja sogar ein ganzes Haus versprochen hatte, hatte er nie etwas Ernsthaftes unternommen. Nun nutzten sie die Gelegenheit und machten mit Nachdruck allen zuständigen Beamten den Besuch des Präsidenten der Watch Tower Bible and Tract Society bekannt, besonders jedoch dem Oberbürgermeister, den sie fragten, was sie dem Präsidenten der Gesellschaft, der ein Amerikaner sei, sagen sollten, wenn er sie fragen würde, welche Räumlichkeiten ihnen für die Durchführung ihrer Aufgaben zur Verfügung gestellt worden seien. Sie wiesen auf Hitlers Verbot und ihre lange Zeit der Haft hin und erinnerten die Beamten an die von den Behörden freiwillig übernommene Pflicht, das Unrecht wiedergutzumachen, das den Zeugen zugefügt worden war. Wie überrascht waren die Brüder, als der Oberbürgermeister sagte: „Dann nehmen Sie doch den Westflügel vom Kohlheck!“ Dieses Gebäude hätte eine Kaserne für die Luftwaffe werden sollen, aber es konnte vor Kriegsende nicht fertiggestellt und bezogen werden. Das war gerade das Gebäude, um das sie sich schon wiederholt erfolglos bemüht hatten.

      Glücklich über diese Information, sahen sie nun zuversichtlich dem Besuch Bruder Knorrs entgegen, während dessen Aufenthalt der Vertrag aufgestellt und von ihm als dem Präsidenten der Watch Tower Bible and Tract Society unterschrieben werden sollte.

      KONGRESS IN NÜRNBERG

      Während die Brüder eifrig bemüht waren, die Versammlungen zu reorganisieren und sie trotz der Papierknappheit mit geistiger Speise zu versorgen, wurde ihr Wunsch nach einem großen Kongreß immer größer. Aber es brachte in dieser Zeit sehr viele Probleme mit sich, einen solchen Kongreß zu organisieren, und zwar nicht nur wegen der Nahrungsmittelknappheit und des Mangels an Unterkünften, sondern auch wegen der Tatsache, daß Deutschland in vier militärische Zonen aufgeteilt worden war und es sehr schwierig war, von einer Zone in die andere zu reisen. Dennoch bat Bruder Frost Bruder Franke, Vorkehrungen für mindestens einen Bezirkskongreß in jeder Besatzungszone zu treffen und, wenn es möglich sei, den in der amerikanischen Zone in Nürnberg zu organisieren.

      Nachdem die ersten Bemühungen ergebnislos verlaufen waren, sprach ein Bruder bei den Behörden in Nürnberg persönlich vor und stellte fest, daß doch die Möglichkeit bestand, dort einen Kongreß zu veranstalten. Es wurden Vereinbarungen für den 28. und 29. September 1946 getroffen. Die Spannung unter den Brüdern wuchs noch mehr, als bekanntgemacht wurde, daß die Militärregierung uns schließlich die Zeppelinwiese in Nürnberg zur Verfügung gestellt hatte.

      Zu dieser Zeit fand der Prozeß gegen die sogenannten „Kriegsverbrecher“ in Nürnberg statt, und die Urteile sollten am 23. September verkündet werden. Dieses Datum war Wochen zuvor festgelegt und in der ganzen Welt bekanntgemacht worden.

      Als der Kongreß nun doch in Nürnberg stattfinden konnte, beschlossen die Brüder in letzter Minute, ihn um einen Tag zu verlängern, so daß er am Montag, den 30. September enden würde. Nachdem die Sonderzüge umorganisiert und alle anderen Vorbereitungen für diesen dritten Kongreßtag getroffen worden waren, wurde über Rundfunk und in den Zeitungen plötzlich der Welt angekündigt, daß die Urteile im Kriegsverbrecherprozeß in Nürnberg der Öffentlichkeit erst am 30. September bekanntgegeben würden. Dadurch entstanden eine Reihe Schwierigkeiten, denn die amerikanische Militärregierung befürchtete, es könnte zu Demonstrationen in Nürnberg kommen, und sie verhängte deshalb ein Ausgehverbot. Das bedeutete, daß es niemandem aus der Stadt möglich sein würde, den öffentlichen Vortrag am Montag zu besuchen, und so wurde er kurzfristig auf Sonntagabend, 19.30 Uhr vorverlegt. Bruder Frost sprach über das Thema „Christen im Feuerofen“. Unbeschreiblich war die Freude der 6 000 anwesenden Brüder, als sie hörten, daß 3 000 Einwohner Nürnbergs anwesend waren, um diesen Vortrag zu hören.

      Obwohl Beamte der amerikanischen Militärregierung zunächst versuchten, den Kongreß am dritten Tag wegen der Verurteilung der Kriegsverbrecher abzubrechen, setzten sich die Brüder durch. Nach langen Verhandlungen zogen die Beamten der Militärregierung ihre Aufforderung zurück. Wie konnten sie Jehovas Zeugen, die so viele Jahre denen, die jetzt vor Gericht standen, widerstanden hatten, verbieten, ihren Kongreß in Frieden und ohne Störung zu beenden?

      So erlebten die Brüder bei jenem Kongreß, der das Motto trug „Starken Herzens für die Nachkriegszeit“, einen weiteren Höhepunkt am Montagvormittag, als der Vortrag „Furchtlos trotz Weltverschwörung“ gehalten wurde.

      Wer kann die Gefühle der 6 000 versammelten Brüder beschreiben, als sie erkannten, wie Jehova alles gelenkt hatte? Man bedenke: Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes waren Jehovas Zeugen, die eine wirkliche Botschaft des Friedens für die Menschheit haben, die ersten, die sich auf diesem Feld versammeln durften, das einmal Hitlers Paradeplatz war. Und können wir uns vorstellen, wie ihnen zumute war, als sie daran dachten, daß an diesem dritten Tag ihres Kongresses die Todesurteile gegen diejenigen verkündet wurden, die das mörderische System vertraten, das versucht hatte, Jehovas Zeugen auszurotten? Der Vorsitzende des Kongresses sagte: „Allein diesen Tag zu erleben, der ein Vorgeschmack von dem Triumph des Volkes Gottes über seine Feinde in der Schlacht von Harmagedon ist, war es wert, neun Jahre ins Konzentrationslager zu gehen.“ Diese Äußerung wurde von der Presse aufgegriffen und um die ganze Erde getragen.

      HILFSMASSNAHMEN AUS DEM AUSLAND

      Im Jahre 1947 konnten Bruder Knorr, Bruder Henschel und Bruder Covington die Brüder in Deutschland besuchen. Während ihres Besuches wurden Vorkehrungen für einen Kongreß in Stuttgart getroffen, der Sonnabend, den 31. Mai und Sonntag, den 1. Juni stattfinden sollte. In der Stadt standen keine Säle zur Verfügung, da alles ausgebombt war, und so wurde in einem Vorort ein Platz für den Kongreß vereinbart. Ungefähr 7 000 Personen waren anwesend.

      Während seines Besuches erkannte Bruder Knorr, daß die Lebensmittel- und Kleiderlieferungen der Gesellschaft fortgesetzt werden mußten. Die Brüder in der Schweiz hatten viele Lebensmittel und Kleider gespendet, um den deutschen Brüdern in ihrer erbärmlichen Lage zu helfen, und hatten so ihre brüderliche Liebe gezeigt. Aber die Brüder in Deutschland taten Bruder Knorr so leid, daß er beschloß, die Brüder, die wenige Wochen später den Kongreß in Los Angeles besuchen würden, von ihrer Not zu unterrichten und zu ermuntern, Lebensmittel und Kleider zu spenden. Die deutschen Brüder waren sich jedoch ihrer Not gar nicht so sehr bewußt, denn sie waren so glücklich und dankbar, daß Jehova dieses geistige Festmahl für sie bereitet hatte, das darin seinen Höhepunkt fand, daß Bruder Knorr in ihrer Mitte war.

      Als er den Brüdern in den Vereinigten Staaten erzählte, was er in Deutschland gesehen hätte, und sie ermunterte, Lebensmittel zu spenden, spendeten die Brüder spontan 140 000 Dollar, eine Summe, die benutzt wurde, um 22 000 große Lebensmittelpakete von der CARE-Organisation zu kaufen und nach Deutschland zu schicken. Außerdem spendeten sie 220 Tonnen Kleidung — Anzüge, Kleider, Unterwäsche und Schuhe für Männer, Frauen und Kinder.

      Sobald bekanntgegeben wurde, daß die Lieferung unterwegs war, wurden im Bethel Vorbereitungen zur schnellen und reibungslosen Verteilung getroffen. In einem Vorort Wiesbadens mieteten die Brüder einen Raum in einem Gasthaus, wo sie die Kleidung sortierten und verteilten. Jeder Verkündiger, der mindestens sechs Monate im Predigtdienst tätig war — mit anderen Worten, der nicht nur berichtet hatte, um ein CARE-Paket zu erhalten —, wurde registriert, denn für jeden gab es ein großes Paket mit hochwertigen Lebensmitteln.

      Kaum hatte man mit der Verteilung begonnen, als im Zweigbüro Berge von Briefen eingingen, in denen die Brüder ihre Dankbarkeit zum Ausdruck brachten. Es war rührend zu sehen, mit welcher Dankbarkeit die Brüder diese Gaben entgegennahmen und wie sie sich Jehova und den Spendern, ihren Brüdern in Amerika, gegenüber zu Dank verpflichtet fühlten. Oft kam es vor, daß jemand die Arbeit unterbrechen und sich erst einmal die Tränen von den Augen wischen mußte, die ihm beim Lesen der Dankesbriefe kamen. Zum Beispiel kniete sich ein Vater, nachdem er das Paket geöffnet und seinen Inhalt gesehen hatte, mit seinem zwölfjährigen Sohn hin und dankte Jehova im Gebet für dieses liebevolle Geschenk seiner Brüder.

      Bruder Knorr traf auch die Vorkehrung, daß nahezu eineinhalb Millionen Exemplare der Bücher „Gott bleibt wahrhaftig“, Die Neue Welt und „Die Wahrheit wird euch frei machen“ als Geschenk nach Deutschland geschickt wurden. Mit dem Geld, das die Verbreitung dieser Bücher einbringen würde, sollte eine Grundlage für die Arbeit des Zweigbüros gelegt werden. So sorgte Jehova dafür, daß das Werk in Deutschland wieder beginnen konnte.

      VORWÄRTS TROTZ DER PROBLEME DER NACHKRIEGSZEIT

      Das Jahr 1948 begann wegen der schlechten Ernährungslage mit einer Streikwelle in Süddeutschland und im Ruhrgebiet. Fleisch- und Fettrationen waren weiter gekürzt worden. Während die UNO erklärt hatte, jeder benötige 2 620 Kalorien pro Tag, enthielten die Rationen an einigen Orten viel weniger — oft nur 1 000 und manchmal sogar nur 700 Kalorien. Fast jeder hungerte, und die Lage verschlimmerte sich ständig, was zu einer allgemeinen Erbitterung führte.

      Dennoch begann Jehovas Volk das neue Jahr voller Eifer und Begeisterung. In jeder Versammlung wurde am 1. Januar eine besondere Zusammenkunft abgehalten, die insgesamt von 38 682 Personen besucht wurde, und während des gleichen Monats berichteten 27 056 Verkündiger über ihren Predigtdienst. Das waren 2 183 mehr als einen Monat zuvor. In dieser Zeit sollte auch der jährliche Wachtturm-Feldzug beginnen, aber was wir hier in Deutschland wirklich benötigten, waren persönliche Exemplare des Wachtturms für uns selbst. Das war ein Problem, besonders angesichts der bedrängten Lage, in die uns die Papierknappheit außer anderen Problemen und Schwierigkeiten gebracht hatte. Durch eine Vorkehrung Bruder Knorrs wurde in der Schweiz eine genügend große Anzahl von Wachttürmen hergestellt und nach Deutschland geschickt, so daß im Januar nicht nur jeder Verkündiger seinen eigenen Wachtturm hatte, sondern in jeder Versammlung noch eine Anzahl übrig waren, und so war es vielen, die das Wachtturm-Studium besuchten, möglich, ein eigenes Exemplar zu erhalten. Für die geistige Speise war demnach gut gesorgt.

      Zu dieser Zeit waren die meisten deutschen Städte nichts weiter als Trümmerhaufen. Das traf auch auf Kassel zu. Diese Stadt war fast vollständig zerstört worden, und nach den ersten Schätzungen der Planungskommission, die eingesetzt worden war, um sich der Räumungsarbeiten anzunehmen, würde es allein dreiundzwanzig Jahre dauern, die Stadt von den Trümmern zu reinigen. Hier wollten wir nun einen Kongreß abhalten. Die Stadt konnte für unseren Kongreß nichts anderes zur Verfügung stellen als die große Karlswiese, eine Wiese, in der es über fünfzig große Bombentrichter gab. Aber die Brüder begaben sich mit der Erfahrung, die sie im Konzentrationslager erworben hatten, freudig an die Arbeit, und dies trotz der häufigen skeptischen Kommentare der verantwortlichen Beamten. Mit primitiven Methoden schafften sie etwa 10 000 Kubikmeter Steine und Trümmer von den zerstörten Häusern in der Nachbarschaft heran und füllten damit die Bombentrichter aus. Diese Arbeit nahm fast vier Wochen in Anspruch.

      Die Wochen erwiesen sich als eine Prüfung, denn kaum hatten die Brüder mit der Arbeit begonnen, fing es zu regnen an, und der Regen hörte nicht auf, bis der Kongreß begann. Obwohl sie durchnäßt waren, ließen sie ihre Stimmung weder durch die harte Arbeit noch durch den Regen dämpfen. Als man ihnen sagte, es sei unmöglich, bei diesem Wetter einen solchen Kongreß auf der Karlswiese abzuhalten, antworteten sie optimistisch, wenn der Kongreß beginne, hätten sie auch schönes Wetter.

      Mitten im Verlauf der rasch vorangehenden Vorbereitungsarbeiten wurde eine Währungsreform angekündigt. Es waren Schwierigkeiten unangenehmster Art zu erwarten. Am 21. Juni trat die neue Währung in Kraft, und jeder Bürger der drei westlichen Zonen erhielt gegen 60 alte Reichsmark 40 Mark der neuen Währung. Einen Monat später wurden dann weitere 20 Deutsche Mark ausgezahlt. Die Bankkonten wurden auf ein Zehntel des alten Reichsmarkbetrages reduziert und in den meisten Fällen erst einmal eingefroren.

      Bald erkannte man den Wert der neuen Währung. Lagervorräte, die bis dahin zurückgehalten worden waren, wurden nun zum Verkauf angeboten, und viele notwendige Dinge, auf die man jahrelang verzichten mußte, waren nun in den Läden zu kaufen. Aber unsere Brüder waren sich ihrer geistigen Bedürfnisse bewußt und waren bereit, ihren Besitz an Deutschen Mark für den Besuch des Kongresses zu investieren. Viele verkauften wertvolle Gegenstände wie Kameras, um die Kosten bezahlen zu können. Jehovas Hand war nicht zu kurz, um denen zu helfen, die die Königreichsinteressen an die erste Stelle setzten. Zum Beispiel berichtet Schwester Neupert aus München: „Meine Bienenzucht stand in Gefahr, weil ich keinen Zucker hatte und auch keinen kaufen konnte, da ich kein Geld hatte, aber Kassel war mir wichtiger. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Nach meiner Rückkehr aus Kassel hatten die Bienen so fleißig heimgetragen, daß ich in jenem Jahr etwa 20 Zentner Honig ernten konnte.“

      Als die verantwortlichen Brüder aus dem Zweigbüro in Kassel eintrafen, wurden sie mit den Worten aus Jesaja 12:3 begrüßt: „Mit Wonne werdet ihr Wasser schöpfen.“ Die Brüder hatten diese Worte auf ein Banner geschrieben und es über den Eingang zur Karlswiese gehängt. Andere, die immer noch Wasser aus den übriggebliebenen Bombentrichtern schöpften, damit der Boden schneller trocknen konnte, begrüßten sie mit ihrer Fassung des Schrifttextes: „Mit Wannen werdet ihr Wasser schöpfen.“

      Siebzehn Sonderzüge trafen in Kassel ein, und am Freitagmorgen, nachdem es wochenlang in Strömen geregnet hatte, begann die Sonne am blauen Himmel über den mehr als 15 000 Anwesenden zu strahlen. Am zweiten Tag waren es 17 000 Anwesende, und beim Höhepunkt dieses Bezirkskongresses, beim öffentlichen Vortrag, zählten die Ordner 23 150 Personen, nicht eingerechnet die Schwärme von Kasseler Bürgern, die auf den Straßen um das Kongreßgelände standen. Die Kasseler Zeitungen berichteten daher von „25 000 bis 30 000 Menschen auf der Karlswiese“.

      Sogar der Oberbürgermeister war anwesend und hielt den Brüdern, deren Arbeit ihn sehr beeindruckt hatte, eine kurze Ansprache. Das gute Wetter hielt sich, und der katholische Polizeichef sagte den Brüdern während eines Besuches auf dem Kongreßgelände am zweiten Tag: „Ihr scheint bei dem da oben eine gute Nummer zu haben!“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Eine bessere als wir.“

      Einer der vielen Höhepunkte des Kongresses kam, als jeder Anwesende ein kostenloses Exemplar des Buches „Die Wahrheit wird euch frei machen“ und zwei Exemplare der Broschüre Freude für alles Volk erhielt. Ein weiterer Höhepunkt war der Predigtdienst. Die Brüder wurden mit Sonderzügen zum Predigtdienst in die umliegenden Städte gefahren, ja sogar bis Paderborn, so daß diese Bischofsstadt an einem Tag vollständig bearbeitet wurde. Bei diesem Kongreß wurden 1 200 Personen getauft.

      Da Jehovas Volk bereit war, die geistigen Interessen an die erste Stelle zu setzen, waren Frieden, Einheit und Mehrung die Folge. Während des Kongreßmonats Juli berichteten 33 741 Verkündiger über ihren Predigtdienst, und diese Zahl stieg im August auf 36 526. Das Dienstjahr schloß mit einer 83prozentigen Zunahme. Die Zahl der Versammlungen wuchs, und am 15. Oktober wurden die Kreise neu eingeteilt, so daß es nun 70 Kreise gab.

      Im Jahre 1948 wurden auch die ersten Flachpressen im Bethel Wiesbaden aufgestellt. Da gleichzeitig eine große Sendung Papier als Geschenk aus Brooklyn eingetroffen war, war es möglich, hohe Auflagen zu drucken. Eine Zeitlang liefen zwei Maschinen Tag und Nacht. Aber viele Außenstehende interessierten sich dafür, wie es uns möglich war, an diese zwei Maschinen zu gelangen, da damals keine Firma in der Lage war, sie herzustellen. Diese Pressen hatten einem früheren Millionär gehört und waren bei einem Bombenangriff in Darmstadt schwer beschädigt worden. Nach 1945 gruben dieser Mann und sein Bürochef die Eisenteile aus den Trümmern und brachten sie zur Fabrik nach Johannisberg am Rhein, wo sie ursprünglich hergestellt worden waren. Glücklich, etwas zu haben, womit man die Arbeiter beschäftigen konnte, stellte man diese Maschinen vollständig wieder her. Inzwischen lernte die Sekretärin dieses einst reichen Druckers, die bald seine Frau wurde, die Wahrheit kennen und benutzte ihren Einfluß, so daß dieser Mann die Maschinen der Gesellschaft zu einem unglaublich niedrigen Preis verkaufte.

      Doch schon davor konnten die Brüder etwa eineinhalb Jahre lang in einer kleinen Druckerei in Karlsruhe monatlich etwa 4 000 bis 6 000 Zeitschriften drucken. Diese Druckerei hatte Nationalsozialisten gehört und war von der amerikanischen Besatzungsmacht übernommen und Personen zur Verfügung gestellt worden, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt worden waren. Da auch Bethelmitarbeiter zu dieser Gruppe gehörten, wurde ihnen die kleine Druckerei unter der Bedingung übergeben, daß sie die Verwaltung selbst übernehmen würden. Erwin Schwafert wurde als Betriebsleiter eingesetzt und hatte die Verantwortung, dafür zu sorgen, daß Der Wachtturm dort so lange gedruckt würde, bis wir die Arbeiten in unserer eigenen Druckerei fortsetzen könnten.

      Ein besonderes Problem war die Verteilung der Zeitschriften. Zwar wuchs die Zahl der Verkündiger von Monat zu Monat, aber die Militärregierung konnte uns nicht mehr Papier geben. So mußten wir jeden Monat einen neuen Verteilerplan aufstellen, gemäß dem jedem sechsten oder siebten Verkündiger ein Wachtturm zur Verfügung stand. Dies war auch einer der Gründe, weshalb Bruder Knorr so große Anstrengungen unternahm, die Gesellschaft in Wiesbaden als Zweigorganisation der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania eintragen zu lassen. Wenn das einmal erreicht wäre, würde sich leicht Papier aus dem Ausland beschaffen lassen, um den ständig wachsenden Bedarf der Brüder an Studienmaterial zu decken. Aber sie benötigten auch Literatur für ihre Arbeit von Haus zu Haus. Den Brüdern standen bis zum Jahre 1948 nur wenige Schriften, hauptsächlich Broschüren, zur Verfügung, und diese wurden für ein oder zwei Wochen ausgeliehen.

      Im Jahre 1949 stand immer mehr Papier zur Verfügung, und so war es möglich, immer höhere Auflagen zu drucken. Am 1. Januar 1949 wurden 40 000 Exemplare des Wachtturms gedruckt. Die Auflage stieg ständig und erreichte für die Ausgabe vom 15. April 80 000, für die Ausgabe vom 1. Mai 100 000 und für die Ausgabe vom 15. Mai 150 000 Exemplare.

      Während im Jahre 1947 beim Gedächtnismahl in allen vier Zonen Deutschlands zusammen 35 840 Personen anwesend waren, waren es ein Jahr später 48 120, und im Jahre 1949 war die Zahl der Anwesenden beim Gedächtnismahl auf 64 537 Personen angestiegen. Auch hier galt es manchmal, Probleme zu überwinden. Zum Beispiel wurde das Gedächtnismahl 1948 in Holzheim bei Göppingen unter Polizeiaufsicht durchgeführt. Wie kam es dazu? Bruder Eugen Mühleis erklärt: „Dem Pfarrer wurde verboten, das Abendmahl in der evangelischen Kirche zu feiern, weil Typhus im Ort ausgebrochen war. Der Rektor der Schule wollte nun ebenfalls verhindern, daß in der Schule unser Gedächtnismahl durchgeführt werden konnte, wie es vorgesehen war. Das Gesundheitsamt in Göppingen allerdings gab die Erlaubnis, jedoch mußten einige Auflagen erfüllt werden, um eine Übertragung der ansteckenden Krankheit zu verhindern. Ein Polizist wurde beauftragt, der Gedächtnismahlfeier beizuwohnen und zu beobachten, ob alle Erfordernisse erfüllt wurden.“

      Anfang 1949 wurde die Druckerei in Wiesbaden vergrößert; 8 Druckmaschinen arbeiteten nun, und 2 davon liefen Tag und Nacht. Während dieses Jahres wurden etwa eineinhalb Millionen gebundene Bücher aus Brooklyn geschickt, und durch die Verbreitung dieser Bücher wurde eine breitere Grundlage für neue Rückbesuche und Bibelstudien geschaffen. Die Reihen der Verkündiger wuchsen von Monat zu Monat, und im August 1949 berichteten 43 820 Verkündiger. In diesem Dienstjahr wurde eine 33prozentige Zunahme an Verkündigern erreicht.

      OPPOSITION IM KOMMUNISTISCHEN OSTDEUTSCHLAND

      Ganz anders war die Entwicklung des Werkes im Ostsektor Berlins und in Ostdeutschland, das am Ende des Zweiten Weltkrieges von der Sowjetunion besetzt und von der sowjetischen Militärverwaltung regiert wurde. Die Beamten der Militärregierung wußten nicht viel über Jehovas Zeugen, außer daß sie der grausamen Verfolgung von seiten der Nationalsozialisten widerstanden hatten. Anfangs gab es verhältnismäßig wenig Schwierigkeiten, aber als die Versammlungen zu blühen begannen und viele Menschen anfingen, Interesse an der Königreichsbotschaft zu zeigen, wurde die sowjetische Militärverwaltung unserem Werk gegenüber mißtrauisch, da es ihr aus der Kontrolle zu geraten schien. Oft wurden unsere öffentlichen Zusammenkünfte besser besucht als die politischen Versammlungen der kommunistischen Partei, die von der Militärregierung unterstützt wurden.

      Bald begannen sowjetische Beamte, die Tätigkeit der Versammlungen und einzelner Verkündiger zu beschneiden. Einige Geistliche der Christenheit sahen hier eine Gelegenheit, sich den Kommunisten als gute Freunde zu zeigen. Sie verleumdeten die Brüder und sagten, sie würden der Obrigkeit Widerstand leisten und die Menschen dadurch, daß sie Gottes Königreich als die einzige Hoffnung für die Menschheit verkündigten, auffordern, den Bemühungen der Militärregierung, die zusammengebrochene Wirtschaft in Ostdeutschland wiederanzukurbeln, passiven Widerstand entgegenzusetzen.

      Diese Behinderungen veranlaßten die Brüder, die im Büro der Gesellschaft in Magdeburg arbeiteten, beim Hauptquartier der Sowjetischen Militäradministration, die ihren Sitz in Ost-Berlin hatte, vorzusprechen. Zuerst wollte man mit ihnen nach dem allgemein praktizierten Grundsatz: „Nichts verboten, nichts erlaubt“ verfahren. Aber den Brüdern gelang es schließlich, vom Hauptquartier eine Bescheinigung zu erhalten, die bestätigte, daß Jehovas Zeugen legal tätig seien. Wenn es zu Behinderungen kam, half es in einigen Fällen, dieses Dokument vorzuweisen, aber andere Beamte schienen zu meinen, das Hauptquartier sei weit weg und sie seien ihr eigener Herr.

      Nach dem Krieg wurde Berlin, die frühere Hauptstadt des Deutschen Reiches, von den alliierten vier Siegermächten in vier Sektoren aufgeteilt mit teilweise selbständiger, teilweise gemeinsamer Verwaltung. Doch bald kamen Unstimmigkeiten unter den Verbündeten auf und nahmen heftige Formen an, als die Russen nach der Währungsreform im Jahre 1948 eine Blockade über die westlichen Sektoren Berlins verhängten. Die westlichen Alliierten durchbrachen den Blockadering, indem sie von ihrem Recht auf die Luftkorridore Gebrauch machten und so die Bevölkerung in den drei Sektoren durch eine „Luftbrücke“ mit den lebensnotwendigen Bedarfsgütern versorgten. Als sich die Alliierten schließlich wieder einigten und die Russen die Blockade aufhoben, wurde Berlin endgültig eine geteilte Stadt — Ost-Berlin unter kommunistischer Herrschaft und West-Berlin mit gewissen Bindungen an die Bundesrepublik Deutschland.

      Im Jahre 1948 sollte ein Kongreß in Leipzig stattfinden, aber die russischen Militärbehörden verweigerten die Genehmigung. So wurde die schön gelegene Waldbühne, die im britischen Sektor Berlins lag, dafür vorgesehen. Doch es gab laufend Schwierigkeiten. Nicht nur die Währungsreform und das schlechte Wetter bereiteten Probleme, sondern die wichtigste Frage war: Wie werden die Tausende aus allen Teilen Ostdeutschlands in das blockierte Berlin gelangen können? Schließlich wurden Sonderzüge nach Berlin bewilligt, so daß trotz der kritischen politischen Lage am ersten Tag fast 14 000 Personen versammelt waren. Am dritten Tag waren über 16 000 anwesend, und der öffentliche Vortrag am Sonntagnachmittag wurde von über 25 000 besucht. Die Zahl der neuen Verkündiger, die ihre Hingabe durch die Taufe symbolisierten, betrug 1 069. Jehova erwies sich als ein gütiger Gastgeber, der seinem Volk mitten im Brennpunkt des Streites der beiden Nationenblocks einen Tisch mit Fettspeisen bereitete.

      Wie stand es um diese Zeit um das Eigentum der Gesellschaft in Magdeburg, im kommunistischen Ostdeutschland? Die Gebäude in der Wachtturmstraße 17-19 waren 1945, gleich nach Kriegsende, zurückgegeben und bereits zu 95 Prozent wieder instand gesetzt worden, und das Eigentum in der Leipziger Straße 16 war zu 90 Prozent repariert worden. Unsere Brüder hatten das zerstörte Eigentum durch freiwillige und unbezahlte Arbeit wieder aufgebaut. Aufgrund des Beschlusses der Landesregierung Sachsen vom 24. Juni 1949 wurde auch das restliche Eigentum, Fuchsberg 5-7 und Wachtturmstraße 1-3, der Gesellschaft zurückgegeben. In diesem Monat betrug die Gesamtzahl der Verkündiger in Ostdeutschland, die vom Zweigbüro in Magdeburg aus betreut wurden, 16 960.

      Der Hunger nach der biblischen Wahrheit war sehr groß. Reisende Aufseher berichten, daß oft 100 bis 150 Personen bei den Zusammenkünften für die Öffentlichkeit anwesend waren, und das in Versammlungen, die nur 30 bis 40 Verkündiger zählten. In Großstädten wurden die Vorträge oft von über 1 000 Personen besucht. Viele Bibelstudien wurden eingerichtet; in einer Versammlung führte jeder Verkündiger durchschnittlich 3,8 Bibelstudien durch. Die reisenden Aufseher hatten es nicht immer leicht. Einige von ihnen fuhren mit alten, geliehenen Fahrrädern, von denen manche statt mit Gummibereifung nur mit Metallfelgen versehen waren. Sie mußten weite Entfernungen zurücklegen. Zudem gab es noch das Problem der Lebensmittelkarten. Ein Kreisaufseher berichtet, daß ihm die vom Arbeitsamt ausgestellte Bescheinigung als „Prediger“ nicht mehr verlängert wurde und er daraufhin keine Lebensmittelmarken mehr erhielt.

      Ein anderer Kreisaufseher berichtet: „Bei jedem Vortrag waren mehrere Spitzel zugegen, um Anklagegründe zu finden. Bei einem Zivilisten waren sich die Brüder nicht ganz sicher. So redete ich ihn vor dem Vortrag mit den Worten an: ,Ach, Herr Wachtmeister, können Sie uns die genaue Uhrzeit geben?‘ Er tat es, und wir wußten, daß er, da er nicht widersprach, ein Polizist in Zivil war.“

      Die Feindseligkeiten der russischen und der deutschen kommunistischen Behörden nahmen immer mehr zu. Für den 29. bis 31. Juli 1949 wurde für unsere Brüder, die in Ostdeutschland lebten, wieder ein Kongreß in Berlin, und zwar in der Waldbühne, organisiert. Er stand unter dem Schatten der sich anbahnenden Verfolgung, doch man konnte auch die Entschlossenheit unserer Brüder erkennen, Jehova weiterhin ganzherzig zu dienen. Alle Vorbereitungen wurden so still und unauffällig wie möglich getroffen. Es hatte bereits zahlreiche kommunistische Angriffe auf die Glaubensfreiheit in Ostdeutschland gegeben. Zum Beispiel war ein Kreiskongreß in Sachsen in letzter Minute verboten worden, und durch gewalttätige Handlungen waren einige Zeugen Jehovas verletzt worden.

      Es gelang uns, acht Sonderzüge zu organisieren. Etwa 8 000 Personen hatten bereits über 100 000 Mark für die Fahrkarten bezahlt, als die Züge wenige Stunden vor der Abfahrt abgesagt wurden. Die Bahnverwaltung weigerte sich, das Fahrgeld vor Ablauf von zwei Wochen zurückzuzahlen. Tausende von Zeugen warteten auf den Bahnhöfen auf die Sonderzüge und mußten erfahren, daß sie abgesagt worden waren. Die Polizei sperrte alle Zufahrtswege nach Berlin ab und durchsuchte sämtliche Autos, Omnibusse und Lastwagen nach Personen, die zum Kongreß fuhren. Aber am Abend des ersten Kongreßtages waren mindestens 16 000 Personen anwesend. Der öffentliche Vortrag am Sonntag wurde von über 33 000 besucht. Die bösen Anschläge und Bemühungen des Feindes wirkten sich zu einem großartigen Zeugnis aus.

      Diese diktatorischen Maßnahmen gegen uns wurden bald bekannt, und obwohl keine Einladung an die Presse erging, erschienen dennoch zahlreiche Reporter und schrieben Sensationsberichte über die Versuche der Kommunisten, die Zeugen daran zu hindern, nach Berlin zu reisen. Am Sonnabendabend las der Zweigaufseher, Erich Frost, den versammelten Tausenden eine Resolution vor, die am gleichen Abend über den amerikanischen Sender RIAS in Berlin bekanntgegeben wurde. Bruder Frost umriß die mutige Einstellung der Zeugen Jehovas mit den Worten: „Ist der Bolschewismus schöner als andere Systeme? Glaubt die SED, daß das, was Hitler begonnen hat, von ihr vollendet werden müsse? Wir fürchten die SED ebensowenig, wie wir die Nazis gefürchtet haben!“

      Die auf dem Berliner Bezirkskongreß gefaßte Resolution enthielt auch einen scharfen Protest gegen die undemokratischen und verfassungswidrigen Verbote und die Einschränkungen ihrer Gottesdienste in Sachsen und die Beschlagnahme der hierfür benutzten Räume. Diese Resolution wurde zusammen mit einem Begleitschreiben am 3. August an die Sowjetische Militäradministration in Deutschland, die ihren Sitz in Berlin hatte, gesandt. Außerdem wurde sie an 4 176 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und an Vertreter von Tageszeitungen, Rundfunkanstalten und Nachrichtenbüros in Berlin sowie in West- und Ostdeutschland gesandt. So wurde die Aufmerksamkeit aller auf das Treiben der Kommunisten und auf die Standhaftigkeit wahrer Christen gelenkt. Im August, einen Monat nach dem Kongreß, erzielten Jehovas Zeugen in Ostdeutschland eine neue Verkündiger-Höchstzahl; es berichteten 568 mehr als je zuvor!

      Die Entfachung einer Kampagne gegen Jehovas Zeugen nahm immer größere Ausmaße an. Die Gottesdienstfreiheit wurde immer mehr eingeschränkt. Verbote, Bibelstudien durchzuführen, wurden verhängt, polizeiliche Auflösungen von Gottesdiensten durchgeführt, Brüder wurden aus staatlichen oder kommunalen Stellungen wegen ihrer Glaubenseinstellung entlassen. Am 18. Februar 1950 wurde bei der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik eine Petition zur Gewährleistung wahrer Gottesdienstfreiheit eingereicht. Aber es kam zu weiteren widerrechtlichen Auflösungen von Gottesdiensten, zur Beschlagnahmung von Literatur und zur Verhaftung mehrerer leitender Prediger. Am 27. Juni wurde nochmals eine Petition der Zeugen Jehovas aus Deutschland der Regierung zu Händen des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übergeben. Dann schlug die grausame Hand des Kommunismus zu.

      Am frühen Morgen des 30. August 1950 drangen kommunistische Polizeibeamte unter der Leitung zweier russischer Offiziere in unser Bethel in Magdeburg ein. Sie verhafteten alle Brüder bis auf einen, den sie als „Hausmeister“ einsetzten. Der Brief des Innenministeriums an die Wachtturm-Gesellschaft in Magdeburg, durch den sie von dem Verbot in Kenntnis gesetzt wurde, trägt das Datum vom 31. August. Dieser Brief wurde aber erst am 3. September vom Präsidenten der Volkspolizei dem zurückgelassenen Bruder, dem „Hausmeister“, überreicht.

      Einige Schwestern im Bethel, die Augenzeugen dessen waren, was an jenem Morgen des 30. August geschah, berichten: „Morgens gegen fünf Uhr ertönte das Alarmsignal. Schnell zog ich mich an. ... Als ich die Tür öffnete, um hinunterzulaufen, standen schon zwei Kriminalbeamte vor mir und sagten, ich solle in meinem Zimmer bleiben. Dann trat ein Beamter in mein Zimmer und sagte, ich solle den Schrank öffnen. Ich weigerte mich so lange, bis er sich als dazu berechtigt auswies. Alles wurde durchwühlt. ...“ Wie waren diese Volkspolizisten ins Bethel gelangt? Eine andere Schwester berichtet: „Ich schaute in Zimmer 23 aus dem Fenster und bemerkte gerade, wie Polizisten über das Tor kletterten und andere sich auf dem Grundstück befanden. Die Nachtwächter hatten das Tor nicht freiwillig geöffnet. Nach meiner Schätzung war das Polizeikommando etwa 25 bis 30 Mann stark, alle in Zivil.“

      Schwester Bender, die damals im Bethel Magdeburg diente und heute noch treu im Bethel Wiesbaden dient, erzählt ihre Erfahrung: „Am 30. August 1950 brach morgens zwischen 4 und 5 Uhr die Geheimpolizei der Ostzone ins Bethel in Magdeburg ein. ... Alle Bethelmitarbeiter mußten auf die Zimmer zurück und durften diese nicht verlassen. Gegen 10 Uhr morgens habe ich das Bethel unbemerkt verlassen, indem ich die Feuerleiter vom Balkon des ersten Stockes benutzte und durch den Zaun, der das Nachbargrundstück vom Bethelgarten trennte, hindurchging. Obwohl ich feststellte, daß Polizei auf der Straße war, ging ich ganz langsam vom Grundstück des Nachbarn weg und holte bei Brüdern, bei denen die Akten abgelegt waren, diese ab, und ein Bruder fuhr mich dann nach Berlin.“ So war es möglich, einige Unterlagen zu retten.

      Sämtliche Literatur wurde beschlagnahmt und mit dem Lastwagen der Gesellschaft abtransportiert. Das gleiche geschah mit den Lebensmitteln, die in der Küche gelagert waren. Nur die Schwestern durften ihre Lebensmittelkarten behalten. Eine Augenzeugin berichtet: „Die Brüder hatte man in der Zwischenzeit — wie beobachtet wurde — jeweils zu zweit stillschweigend abgeführt. ...“

      Eine Welle der Verfolgung hatte eingesetzt. Als die Polizei kam, um einen Bruder zu verhaften, empfing er sie in den gestreiften „Zebra-Kleidern“, die er im Konzentrationslager der Nazis getragen hatte. Schauprozesse wurden durchgeführt, und das Werk der Zeugen Jehovas mußte wieder im Untergrund durchgeführt werden.

      Lothar Wagner war einer der Brüder, die im Jahre 1950 zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wurden. Er beschreibt lebhaft, wie es ihm gelang, während sieben Jahren Einzelhaft seine Lauterkeit zu bewahren:

      „30. 8. 1950 in Plau (Mecklenburg) verhaftet. 4. 10. 1950 vom Obersten Gericht der DDR in Berlin zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Anläßlich der Unruhen in Ungarn 1956 wurde die Strafe auf 10 Jahre herabgesetzt.

      Diese 10 Jahre und die 6 Wochen Untersuchungshaft, die nicht auf die Strafe angerechnet wurden, befand ich mich im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Dort wurde ich am 3. 10. 1960 entlassen.

      Während dieser Zeit verbrachte ich 7 Jahre in Einzelhaft. In den ersten 3 Jahren bestand die einzige Verbindung zur Außenwelt in einem Brief, Format DIN A5, von 15 Zeilen, den ich einmal im Monat schreiben und empfangen konnte — vorausgesetzt, der Inhalt war der Volkspolizei genehm. Bis 1958 war Arbeit eine Vergünstigung — da durfte ich nicht arbeiten. Ab 1958 war Arbeit eine Strafe — da mußte ich arbeiten.

      Wenn man so viele Jahre in Einzelhaft ist, hat man es neben vielen anderen Anfechtungen hauptsächlich mit einem ,Feind‘ zu tun: der Zeit. Die Zeit gilt es zu besiegen.

      Ich habe das Problem auf folgende Weise gelöst: Einheit macht stark, das gilt auch in bezug auf die Zeit. Wenn man sein ganzes Strafmaß von 15 Jahren in einem Stück betrachtet hat, ist man von dieser Masse Zeit fast erdrückt worden, weil das einfach unsere Vorstellungskraft übersteigt und diese riesige Zeitspanne einem wie ein Ungeheuer gegenübersteht. Man muß also versuchen, die Oberhand über die Zeit zu gewinnen und sie sich untertan zu machen. Wenn Herrscher dieser Welt eine große Menge Menschen beherrschen wollen, der sie nicht gewachsen sind, handeln sie oft nach dem Grundsatz: Teile und herrsche!

      In bezug auf die Zeit habe ich das gleiche Prinzip angewandt; ich habe die Zeit geteilt. Ich habe nicht mehr mit Jahren oder Monaten, ja noch nicht einmal mit Wochen oder Tagen gerechnet, sondern höchstens mit Stunden. Ich stellte mir beispielsweise morgens um 7 Uhr nicht die Frage: ,Was mache ich heute?‘, sondern: ,Was mache ich bis 9 Uhr?‘

      Plötzlich sah das ganz anders aus. Ein oder zwei Stunden hatten nichts Furchteinflößendes mehr an sich, die konnte ich schon beherrschen und in den Griff bekommen. Aber trotzdem war da noch ein anderes Problem: Womit sollte man die Zeit ausfüllen? Schreibzeug und Papier haben wir nie bekommen. Die einzige wirkliche Beschäftigung bestand in dem Sauberhalten der Zelle und dem Essen. Wenn ich auch beides ganz gründlich und so langsam wie möglich verrichtete, reichte es doch nicht aus, den ganzen Tag damit zu verbringen. Selbstverständlich wurden alle Zweige des theokratischen Dienstes, vom persönlichen Studium bis zum internationalen Kongreß, vom Haus-zu-Haus-Dienst bis zum öffentlichen Vortrag, so gut es ging, in Gedanken durchgeführt. Trotz alledem blieb noch die eine oder andere Stunde am Tag unausgefüllt, und diese Stunden waren die gefährlichsten, weil es leicht geschehen konnte, daß in dieser Zeit durch Unachtsamkeit, Mutlosigkeit oder Niedergeschlagenheit all das wieder niedergerissen wurde, was man während des ganzen Tages mühsam aufgebaut hatte.

      Eines Tages entdeckte ich eine ,Uhr‘, die mir dann jahrelang half, diese gefährliche, unproduktive Zeit nutzbringend zu verwenden. Ich stellte einmal fest, daß bis zum Mittagessen noch zwei Stunden Zeit waren. Ich lief in der Zelle auf und ab, fünf Schritte hin, fünf Schritte her, und dabei habe ich Königreichslieder gesungen. Als ich das 30. Lied beendet hatte, ging die Tür auf, und das Mittagessen kam. Ich hatte mich auf den Text der Lieder konzentriert und dabei gar nicht bemerkt, wie die Zeit verging. Das war eine Entdeckung, die mich jahrelang vor Langeweile und Niedergeschlagenheit bewahrte. Einige Wochen war ich damit beschäftigt, mein Repertoire an Königreichsliedern zu vervollständigen. Wo ich den Text nicht genau kannte, habe ich einfach ein oder zwei Strophen hinzugedichtet. Aus Melodien von weltlichen Liedern, die mir gefielen, habe ich Königreichslieder gemacht, indem ich ihnen einen theokratischen Text unterlegte. So hatte ich schließlich 100 Königreichslieder zusammengestellt und numeriert, die ich nun singen konnte. Ein Lied dauerte etwa vier Minuten, so daß ich mir genau ausrechnen konnte, wie viele Lieder ich singen mußte, um eine bestimmte Zeit zu überbrücken. Über Jahre hinweg habe ich mindestens zwei Stunden täglich gesungen, das heißt also dreißig Königreichslieder. Ich hatte nun sogar die Möglichkeit, einmal einen ganzen Tag, an dem ich mich zu nichts anderem aufraffen konnte, von früh bis abends zu singen. Welch eine Fülle ermunternder und auferbauender Gedanken doch unsere Königreichslieder enthalten! Wenn man den Text eines jeden Liedes als Disposition betrachtet, kann man sogar leicht aus jedem Lied einen Vortrag machen — eine weitere Möglichkeit, Zeit zu verbringen, ohne geistig Schaden zu nehmen. Man kann wirklich sagen: Unsere Königreichslieder sind Speise zur rechten Zeit.

      Ich bin Jehova sehr dankbar, daß ich mit Hilfe seines Geistes diese zehn Jahre völliger Abgeschnittenheit von seiner Organisation geistig gesund überstehen konnte. Ich möchte jeden ermuntern, die rechte Wertschätzung für a l l e geistige Speise, die uns zuteil wird, zu bekunden, da wir nicht wissen, auf welche Weise sie uns einmal von Nutzen sein wird. Wenn wir regelmäßig alle geistige Speise zur rechten Zeit in uns aufnehmen, wird sie uns helfen, in Zeiten besonderer Schwierigkeiten, in denen wir auf uns allein gestellt sind, unser Vertrauen auf Jehova zu setzen und standhaft auf seiner Seite auszuharren.“

      In der Zeit vom 1. September 1955 bis zum 31. August 1961 unterhielt die Gesellschaft ein schönes Zweigbüro in West-Berlin, und dadurch war es möglich, den besonderen Verhältnissen dieser geteilten Stadt besser Aufmerksamkeit zu schenken. Es diente auch dazu, eine enge organisatorische Verbindung zwischen West-Berlin und Ostdeutschland herzustellen.

      Diese Verbindung der in Ostdeutschland und Ost-Berlin lebenden Zeugen Jehovas mit dem Westen wurde im Jahre 1961 durch eine Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen, mit der sie selbst nichts zu tun hatten. Schon kurze Zeit nach dem Ende des Krieges hatte ein ständig wachsender Flüchtlingsstrom von Ostdeutschland nach West-Berlin und Westdeutschland eingesetzt, und zwar im allgemeinen aus Unzufriedenheit mit der Politik des Regimes. Da die ostdeutschen Behörden ihren Bürgern nicht erlaubten, aus dem Land auszureisen, gingen sie heimlich als Flüchtlinge über die „grüne Grenze“. Die Behörden suchten diesem Flüchtlingsstrom durch verstärkte Überwachung der Grenzen, Personenkontrollen in der Eisenbahn und auf den Straßen sowie durch scharfe Gesetze gegen „Republikflucht“ entgegenzuwirken. Doch man konnte durch den Ostsektor der Stadt Berlin immer noch verhältnismäßig leicht in den Westen gelangen. Bis zur ersten Hälfte des Jahres 1961 war der Flüchtlingsstrom auf monatlich 20 000 Personen angewachsen; im Juli waren es über 30 000. Insgesamt hatten mehr als 3 000 000 Einwohner, ein Sechstel der Gesamtbevölkerung, ihr Hab und Gut in Ostdeutschland zurückgelassen und waren nach West-Berlin und Westdeutschland geflohen.

      Um ein weiteres Abwandern aus ihrem Gebiet zu verhindern, griffen die kommunistischen Behörden zu einem rigorosen Mittel. Am 13. August 1961 begannen sie frühmorgens, entlang der 50 Kilometer langen Sektorengrenze zwischen den Westsektoren und dem Ostsektor der Stadt sowie entlang der 120 Kilometer langen Grenze zwischen den drei Westsektoren und Ostdeutschland eine Mauer aus Beton und Stacheldraht mit eingeebnetem „Todesstreifen“, automatischen Alarmanlagen und stets schußbereiten Doppelwachtposten zu errichten. Mit dieser Abschnürung West-Berlins dämmten sie schlagartig den trotz aller Kontrollerschwernisse noch lebhaften Verkehr zwischen beiden Teilen der Stadt nahezu völlig ein. Für die in Ostdeutschland wohnenden Zeugen Jehovas hörte damit die Möglichkeit auf, sich durch Reisen nach West-Berlin mit Literatur zu versorgen und mit dem dortigen Zweigbüro in Verbindung zu treten. Auch konnten sie keine Kongresse mehr in Westdeutschland besuchen.

      Natürlich war bis dahin die Beschaffung der Literatur für sie durchaus nicht einfach gewesen. Die Mitnahme von Literatur in die Ostzone war von den kommunistischen Behörden verboten worden und war daher strafbar. Wenn bei Kontrollen an den Grenzübergängen biblische Schriften der Gesellschaft bei Brüdern entdeckt wurden, mußten sie mit langjährigen Freiheitsstrafen rechnen. Solche Reisen erforderten deshalb großen Glauben und volles Vertrauen zu Jehova.

      Vom Beginn der Verfolgung im Jahre 1950 an bis zum Bau der „Berliner Mauer“ im Jahre 1961 wurden von den ostdeutschen Behörden 2 891 Zeugen Jehovas verhaftet; 2 202 von ihnen, darunter 674 Schwestern, wurden vor Gericht gestellt und zu insgesamt 12 013 Jahren Haft verurteilt, was eine durchschnittliche Strafe von etwa 5 1⁄2 Jahren für jeden einzelnen ergab. In der Haft verstarben infolge Mißhandlungen, Krankheit, Unterernährung und hohen Alters 37 Brüder und 13 Schwestern. Zwölf Brüder wurden ursprünglich zu lebenslänglicher Haft verurteilt, doch diese Urteile wurden später auf 15 Jahre Zuchthaus ermäßigt.

      Die ostdeutschen Brüder paßten sich schnell der durch die „Berliner Mauer“ entstandenen neuen Situation an. Sie wurden auf anderen Wegen mit der notwendigen geistigen Speise versorgt und setzten ihren christlichen Predigtdienst voller Eifer fort. Das hatten die kommunistischen Behörden offensichtlich nicht erwartet. Sie suchten nun Spitzel in die Reihen der treuen Brüder einzuschleusen, die Personen besuchten, die als Zeugen Jehovas bekannt waren, und die sich als Brüder ausgaben, die von der Gesellschaft zu ihnen gesandt worden seien, um ihnen zu helfen und das Werk den veränderten Verhältnissen anzupassen. Doch die Brüder waren gut geschult; sie erkannten die Abgesandten sogleich als Spitzel.

      In den folgenden Jahren ging die Zahl der Verhaftungen und Verurteilungen von Brüdern stark zurück. Im Jahre 1963 wurden nur 15 Zeugen Jehovas verhaftet und im Jahre 1964 9, wohingegen während dieser zwei Jahre 69 und 48 Brüder nach längerer Haftzeit entlassen wurden. Im Sommer des Jahres 1964 erlebten vier Brüder, die lange Jahre gefangengehalten worden waren, eine ungeahnte Überraschung. Sie waren ursprünglich zu lebenslanger Haft verurteilt worden, und nun wurden sie plötzlich entlassen und nach Westdeutschland abgeschoben. Sie trafen gerade rechtzeitig ein, um einen Kongreß mitzuerleben. Sie kamen sich wie Träumende vor. Nur wenige Tage zuvor waren sie in trostloser Haft in Ostdeutschland gewesen, wo man höchstens davon träumen konnte, sich einmal mit Brüdern in Freiheit zu versammeln. Und nun erlebten sie die plötzliche Erfüllung dieses heimlichen Herzenswunsches. Zwei dieser Brüder, Friedrich Adler und Wilhelm Engel, waren Glieder der Bethelfamilie in Magdeburg gewesen. Friedrich Adler war schon 1950 verhaftet und eingesperrt worden, zwei Monate bevor das Werk verboten wurde, während Wilhelm Engel einer derjenigen war, die bei dem Überfall auf das Bethel am 30. August 1950 verhaftet worden waren. Bruder Engel wurde an der Berliner Sektorengrenze wegen seines schlechten Gesundheitszustandes dem Roten Kreuz übergeben. Er wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht, wo er einige Wochen später verstarb. Diese Brüder waren schon in der Zeit des Hitlerregimes bis zu 9 Jahre eingekerkert gewesen und hatten so wegen ihres Glaubens bis zu 23 Jahre Haft ertragen. Friedrich Adler nahm wieder den Betheldienst auf, diesmal in Wiesbaden. Er konnte auf ein langes, ereignisreiches Leben im Vollzeitdienst zurückblicken, denn er hatte schon in den 1920er Jahren als Pilgerbruder gedient. Durch die lange Haft geschwächt, beendete er seinen irdischen Lauf im Dezember 1970.

      Im November 1964 holten die kommunistischen Behörden zu einem neuen Schlag gegen die Brüder in Ostdeutschland aus. Einige Zeit zuvor war die allgemeine Wehrpflicht für alle Bürger eingeführt worden. Die jungen Brüder hatten den Wehrdienst abgelehnt, wurden aber im allgemeinen nachsichtig behandelt, und ihre Einstellung wurde respektiert. Doch nun wurden frühmorgens im Schutz der Dunkelheit plötzlich 142 Brüder verhaftet. Diese überraschende Veränderung in der Behandlung ihrer Fälle war für diese jungen Brüder eine Glaubensprüfung. Sie wurden in ein Arbeitslager gebracht. Zuerst versuchte man, sie zu bewegen, den Dienst als „Bausoldaten“, eine Art Ersatzdienst für den Militärdienst, zu leisten, doch sie lehnten dies einmütig ab. Trotz Bestrafung blieben sie standhaft, und so gab man es auf, sie zu zwingen. Sie mußten nun schwere Arbeiten beim Gleisbau leisten und von 4 Uhr morgens bis 9 Uhr abends arbeiten. In ihrer Freizeit erhielten sie eine Schulung, in der man ihnen einreden wollte, die verantwortlichen Männer bei Jehovas Zeugen seien Spionageagenten des Westens. Die meisten dieser jungen Brüder hatten die Wahrheit erst in der Verbotszeit kennengelernt, und die Behörden waren erstaunt, trotz der massiven Bearbeitung der Jugend mit kommunistischen, atheistischen Ideen so viele junge Leute zu finden, die furchtlos für die Grundsätze des wahren Christentums eintraten.

      Während des Jahres 1965 nahm die Beobachtung und Belästigung unserer Brüder durch Spitzel und Geheimpolizisten des Ministeriums für Staatssicherheit wieder stark zu. Bei vielen Familien wurden Haussuchungen durchgeführt, andere Brüder wurden auf der Straße abgefangen und zu Vernehmungen mitgenommen. Geheime Abhöranlagen wurden in Autos und Wohnungen, ja sogar in Schlafzimmern der Brüder eingebaut. Die Behörden bemühten sich, den Brüdern den Eindruck zu vermitteln, sie könnten keinen Schritt tun, ohne daß es die Behörden wüßten.

      Natürlich gelang es den Behörden durch ihr stilles „Zuhören“, den arglos geführten Unterhaltungen der Brüder manche Einzelheiten zu entnehmen. Bei Verhören versuchten die Geheimpolizisten, den Anschein zu erwecken, sie hätten ihre Kenntnisse über das Werk aus der „kapitalistischen Welt“ erhalten, und unterschoben damit den Brüdern dort eine gewisse Gedankenlosigkeit. Dadurch wollten sie Zweifel und Mißtrauen gegen die leitende Körperschaft und gegen die Mitarbeiter in den Büros der Gesellschaft säen. Aber die Brüder ließen sich nicht erschüttern, und im Laufe der Zeit erkannten sie immer mehr, welch ein enges Spionagenetz man um sie gezogen hatte.

      Dies wurde besonders offenbar, als eines Tages, im November 1965, im ganzen Land die Wohnungen von Brüdern von je acht Beamten besetzt und mehrere Stunden durchsucht wurden. Fünfzehn Brüder, die man für die Hauptverantwortlichen hielt, wurden festgenommen und zwischen 9 und 13 Monate in Untersuchungshaft gehalten, bis sie angeklagt und vor Gericht gestellt wurden. Im Jahre 1966 erhielten sie Freiheitsstrafen bis zu 12 Jahren, im Durchschnitt mehr als 7 Jahre.

      Während diese Brüder wie Schwerverbrecher behandelt wurden, suchte die Geheimpolizei andere Brüder auf, die ebenso wie die verurteilten Brüder die gute Botschaft gepredigt und sich in kleinen Gruppen zur Anbetung Jehovas versammelt hatten. Sie unterbreitete ihnen das Angebot, sie könnten sich weiter in kleinen Gruppen versammeln, ihre biblische Literatur haben und auch mit ihren Brüdern in anderen Ländern die Verbindung aufrechterhalten, wenn sie bereit wären, dem Ministerium für Staatssicherheit über ihre Tätigkeit zu berichten und die Namen der daran Teilnehmenden zu nennen. Aber die Brüder lehnten das unaufrichtige Angebot der Behörden ab. Einem der Beamten entfuhr der Ausruf: „Wir dachten, wir hätten eure Führer weggenommen, doch haben wir jetzt nur euer Werk aus den Augen verloren.“

      Im Laufe des Jahres 1969 wurden nach etwa vierjähriger Haft 14 der 15 Brüder, die bei der Kampagne im Jahre 1965 verhaftet worden waren, plötzlich entlassen. Die meisten wurden nach Westdeutschland abgeschoben. Der letzte dieser Gruppe wurde willkürlich noch ein Jahr länger, bis zum September 1970, im Gefängnis festgehalten.

      Seitdem hat die Geheimpolizei ihre Taktik geändert, und gegenwärtig zieht sie mehr die reguläre „Volkspolizei“ und andere Einrichtungen des Staates heran, um den Brüdern Schwierigkeiten zu bereiten. In manchen Gegenden belegte die Polizei die Brüder wegen angeblicher Erregung öffentlichen Ärgernisses mit hohen Geldstrafen, wenn sie predigten oder sich versammelten. Einer Reihe Brüder gelang es, die Aufhebung dieser Geldstrafen zu erreichen, indem sie sich auf die verfassungsmäßig garantierte Freiheit des religiösen Bekenntnisses beriefen und eine Gegenüberstellung mit den Zeugen verlangten, die sich angeblich belästigt gefühlt hatten. Solche Zeugen gab es natürlich nicht.

      An anderen Orten suchten die Behörden Druck auf die Brüder auszuüben, indem sie ihnen die Wohnung wegnahmen und ihnen schlechtere Wohnungen zuwiesen, eine geringer bezahlte weltliche Arbeit zuteilten und jüngeren Brüdern eine Fachausbildung für verschiedene Berufe versagten.

      Ein junger Bruder hatte nur noch sechs Monate seiner Lehrzeit vor sich, als ihm befohlen wurde, an einer vormilitärischen Ausbildung teilzunehmen. Er lehnte dies aus Gewissensgründen ab. Sein Lehrvertrag war abgeschlossen worden, bevor die Teilnahme am vormilitärischen Schulungsprogramm zu einer gesetzlichen Pflicht gemacht worden war. Dennoch wurde sein Lehrvertrag aufgelöst, und er wurde fristlos entlassen. Seine Unterweiser und sein Meister gaben ihm das beste Zeugnis, aber sie konnten die Einstellung der politischgesinnten Personalfunktionäre nicht ändern. Der junge Bruder ist standhaft geblieben und vertraut darauf, daß Jehova für ihn sorgen wird, wenn er nun auch gezwungen ist, mit einem geringeren Lebensunterhalt als „ungelernter“ Arbeiter vorliebzunehmen.

      Seit der Abschnürung des Werkes in Ostdeutschland durch den Bau der „Berliner Mauer“ im Jahre 1961 haben viele Tausende die gute Botschaft gehört, die Wahrheit kennengelernt, sich Jehova hingegeben und sich taufen lassen. Sie sind ein lebendiger Beweis dafür, daß Jehovas Geist nicht zurückgehalten werden kann, selbst wenn Menschen Mauern und Befestigungen errichten. So können Jehovas Zeugen in Ostdeutschland, die nun seit mehr als dreiundzwanzig Jahren unter Verbot und großen Schwierigkeiten leben und wirken, wie König David sagen: „Mit meinem Gott kann ich eine Mauer erklimmen.“ — Ps. 18:29.

      ERFOLGREICHE PREDIGTFELDZÜGE

      In Westdeutschland wurde in dieser Zeit immer wieder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Königreichsbotschaft gelenkt. Der Wachtturm-Feldzug im Jahre 1949 legte eine Grundlage dafür, daß geistige Speise regelmäßig in die Wohnungen Zehntausender Personen gelangte. Jedem, der das Wachtturm-Studium besuchte, und allen interessierten Personen sollte Der Wachtturm im Abonnement angeboten werden. Wurde das Ziel erreicht? Im Dienstjahr 1949 wurden 59 475 Abonnements aufgenommen, eine Zahl, die seither nie wieder erreicht worden ist.

      Der Straßendienst mit den Zeitschriften war eine weitere Methode, durch die die wichtige Botschaft von Gottes Königreich den Menschen vor Augen gehalten wurde. Auch diese Tätigkeit war der Geistlichkeit ein Dorn im Auge. Im katholischen Bayern wurden Versuche gemacht, den Straßendienst mit den Zeitschriften mit Hilfe der Vorschriften der Straßenverkehrsordnung zu unterdrücken. Man behauptete, religiöse Bevölkerungskreise fühlten sich belästigt. Aber die Geistlichkeit wurde zum Schweigen gebracht, als die Länder Bayern und Hessen im Jahre 1954 eine Anordnung an alle Polizeiorgane erließen, die besagte, daß der Missionsdienst, wie ihn Jehovas Zeugen ausüben, keiner gesetzlichen Einschränkung unterliegt.

      In den Sommermonaten Juli und August des Jahres 1956 wurde ein besonderer Feldzug geplant, um alle nichtzugeteilten Gebiete durchzuarbeiten. Die Brüder gingen mit einer Begeisterung ohnegleichen an die Arbeit, und so wurden mindestens 80 Prozent des nichtzugeteilten Gebietes bearbeitet. In jenem Jahr gab es nur wenige Menschen in Westdeutschland, die nicht von einem Prediger der guten Botschaft aufgesucht wurden. Allerdings gab es auch Widerstand, besonders in den Landgebieten, wie dies aus folgendem Bericht hervorgeht: „Die ganze Ortschaft war voller Aufregung. Die Dorfjugend zog vor uns her, von Haus zu Haus, und meldete uns an, mit der Absicht, daß man uns abweise. Es war uns nicht möglich, auch nur ein Buch in dieser Ortschaft zu lassen.“

      Eine Woche später arbeitete die gleiche Versammlung ein anderes Dorf in dieser Gegend durch. Die Verkündiger trafen sich am Bahnhof, betrachteten gemeinsam den Tagestext und besprachen, wie sie ihr Zeugnis einleiten wollten. Ein Mann stellte sich zu den Verkündigern und hörte zu. Ihm wurde Zeugnis gegeben, wie das Jehovas Zeugen sonst an den Türen der Menschen tun. Als der Bruder geendet hatte, holte der fremde Mann seinen Geldbeutel hervor und sagte: „Diese Bücher möchte ich haben.“ Wie es sich herausstellte, wohnte dieser Mann in dem Dorf, in dem eine Woche zuvor nicht ein einziges Buch abgegeben worden war. Trotz des Widerstandes in den Landgebieten, in denen die Geistlichkeit immer noch einen gewissen Einfluß auf die Dorfbevölkerung hatte, wurden während dieser beiden Monate 166 Prozent mehr Bücher und 60 Prozent mehr Zeitschriften abgegeben als während der gleichen Monate im Vorjahr.

      Außer diesen Feldzügen gab es auch Feldzüge mit Traktaten und Broschüren. Anläßlich des internationalen Kongresses „Göttlicher Wille“, der 1958 in New York stattfand, wurde eine eindrucksvolle Resolution angenommen. Im Monat Dezember sollte sie weltweit verbreitet werden, und es wurden 70 Millionen Exemplare in 50 Sprachen gedruckt; 7 Millionen davon in Deutsch. Diese Traktate wurden den Wohnungsinhabern persönlich mit ein paar einleitenden Worten überreicht. Als die Priester in katholischen Gegenden erkannten, was unter ihren Gläubigen verbreitet wurde, warnten sie die Bevölkerung. Aber nach vier Wochen eifriger Tätigkeit war die Freude und der Jubel groß, denn dies war eine gute Gelegenheit gewesen, Neue in den Predigtdienst einzuführen, und die meisten Versammlungen konnten eine Mehrung an Verkündigern von 10 bis 50 Prozent berichten, so daß im ganzen Land ein Wachstum von 11,6 Prozent erreicht wurde.

      „DIE ZUNGE DER BELEHRTEN“ ERHALTEN

      Während immer mehr willige Arbeiter in die Organisation strömten, sorgte Jehova durch seine Klasse des „treuen Sklaven“ dafür, daß alle, alt und jung, die notwendige Schulung erhielten. Das Ergebnis war, daß seine Diener „die Zunge der Belehrten“ erhielten. (Jes. 50:4) Dies war ein Faktor, der ebenfalls zur Ausdehnung beitrug. Auch die Welt hat die Auswirkungen, die diese Schulung auf Jehovas Zeugen hat, zur Kenntnis genommen. Eine Zeitung berichtete zum Beispiel, daß der elfjährige Ingo Rücker einen Vorlesewettbewerb in Recklinghausen gewann. „Überrascht sein werden nur Außenstehende, denn im Grunde war sein Sieg gar nicht zu verhindern. Pluspunkte für diesen Wettbewerb hatte der elfjährige Ingo Rücker bereits seit drei Jahren gesammelt: in der Predigtdienstschule der Zeugen Jehovas. ... An der Josef-Schule erwies er sich als der beste Leser, allerdings erst in einem Stechen mit einem Mädchen, das ebenfalls die Predigtdienstschule besucht.“ Ein Kreisaufseher schrieb nach seinem Besuch in der Versammlung Lörrach: „Am Dienstagabend hatten wir in der Predigtdienstschule ein besonderes Erlebnis. Als die Aufgaben der Schwestern gelöst wurden, bestieg ... eine ältere Schwester das Podium. Sie hat nicht nur ein fließendes Gespräch geführt, und zwar vollkommen ohne Notizen, nur mit der Bibel in der Hand, sondern sie hat auch alle Regeln beachtet. Als wir die Schwester nach ihrem Alter fragten, sagte sie uns, daß sie vor wenigen Wochen 90 Jahre alt geworden sei.“

      Als eine wichtige Einrichtung in dieser fortschreitenden Schulung begann am 13. November 1960 die erste Klasse der Königreichsdienstschule, die den Aufsehern der Versammlungen eine fortgeschrittene Schulung vermitteln sollte. Heute gibt es drei Schulen: eine in Wiesbaden, eine in Hamburg und eine in München.

      1948 — UND ZWANZIG JAHRE DANACH

      Es gab Jahre, in denen die Zahl der Verkündiger der guten Botschaft beachtlich wuchs, aber auch einige Jahre ohne Mehrung. Das Dienstjahr 1948 endete mit einer 83prozentigen Zunahme. Der monatliche Durchschnitt im Zeiteinsatz betrug 16 Stunden pro Verkündiger. Die Mehrung hielt in den folgenden Jahren an; 1949 gab es eine 33prozentige, 1950 eine 23prozentige und 1951 eine 26prozentige Zunahme.

      Unterdessen hielten auch die wirtschaftlichen Spannungen und Schwierigkeiten an, und die Zahl der Arbeitslosen stieg bis Mitte Februar 1950 auf über zwei Millionen. Gegen Ende September 1952 betrug die Zahl der Arbeitslosen immer noch 1 249 000. Von da an ging die Arbeitslosenziffer zunächst langsam, dann aber immer schneller zurück.

      Es wurde auch eine andere Änderung offenbar. Die Zahl der aktiven Versammlungsverkündiger wuchs weiterhin von Jahr zu Jahr, aber die Zahl der Vollzeitprediger der guten Botschaft hielt nicht Schritt. Im Gegenteil, 1955 gab es 200 Pioniere weniger als 1950, während es 21 641 Verkündiger mehr gab, fast zweimal soviel wie 1950. Der Tiefstand in dieser Entwicklung wurde 1956 erreicht; während 1950 4,4 Prozent aller Verkündiger im Vollzeitdienst standen, waren es jetzt nur noch 1,6 Prozent.

      Im Laufe der Zeit wurde Deutschland eine Wohlstandsnation. Es gab nun wieder Vollbeschäftigung, und es kam zu dem vielgepriesenen „Wirtschaftswunder“. Diese Entwicklung beeinflußte das Denken einiger, die mit Jehovas Zeugen verbunden waren. Von April bis Juli 1963 gab es einen Rückgang in der Zahl der Verkündiger und in der Zahl der Stunden, die im Predigtdienst verbracht wurden. Im Juli waren 6 000 Verkündiger weniger tätig, und es wurden über 40 000 Stunden weniger im Predigtwerk eingesetzt als im April.

      Die Mehrheit der Brüder beharrte natürlich im Dienst und konnte auch den Segen ihrer Arbeit verspüren. Von 1965 bis 1967 wurden 9 325 Personen getauft, aber der Durchschnitt der Verkündigerzahl im Jahre 1967 war nur um 400 höher als im Jahre 1965, während die Verkündiger-Höchstzahl um 437 Verkündiger niedriger lag. Offensichtlich hatten einige Verkündiger aufgrund ihres Verlangens nach materiellen Dingen ihre Hände erschlaffen lassen und in ihrem Eifer nachgelassen, indem sie den Dingen, die die Welt zu bieten hatte, mehr Raum gaben. Andere wurden sogar untätig. Außerdem mußte im Dienstjahr 1964 569 Personen die Gemeinschaft entzogen werden, meistens wegen Unsittlichkeit. Nur 95 Personen baten darum, wiederaufgenommen zu werden.

      Das Dienstjahr 1968 sah dann eine Wendung. Der harte Kampf, der gegen den Materialismus geführt wurde, trug dazu bei, daß die Verluste nicht mehr so hoch waren wie sonst. Auf allen Gebieten waren gute Zunahmen zu verzeichnen. Wir hatten nun 466 Sonderpioniere, die Zahl der allgemeinen Pioniere war auf 2 651 gestiegen, und wir erreichten eine Höchstzahl von 7 163 Personen, die irgendwann während des Jahres im Vollzeitpredigtwerk dienten. Das Dienstjahr endete mit einer 3prozentigen Mehrung, nachdem es drei Jahre lang überhaupt keine Mehrung gegeben hatte. Von nun an ging es wieder aufwärts.

      Vom 4. Juli bis zum 11. August 1968 hatten wir elf Bezirkskongresse. Dabei wurde das Buch Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt freigegeben. Dank der Hilfe des Brooklyner Büros konnte jedem Verkündiger ein eigenes Exemplar übergeben werden und darüber hinaus fünf weitere Exemplare zur Verbreitung. Bei dem Feldzug im August wurden 139 471 Bücher abgegeben — eine neue Höchstzahl. Die Nachfrage war groß. Bis Ende März 1973 druckten wir in unserer Fabrik in Wiesbaden 2 900 115 Exemplare in Deutsch und 1 715 338 in vier weiteren Sprachen. Wegen seiner Wirkung und der blauen Farbe wurde das Buch von vielen bald „die blaue Bombe“ genannt.

      Schon bei den nächsten Kreiskongressen konnten interessante Erfahrungen in Verbindung mit der Wirksamkeit dieses Buches erzählt werden. Eine Schwester berichtete: „Als wir auf dem Bezirkskongreß unser Wahrheits-Buch erhielten, ahnte ich noch nicht, welch ein kostbares Bibelstudienhilfsmittel wir in die Hände bekamen. Einmal begann ich in unserem Ort beim Haus-zu-Haus-Dienst die Leute zu fragen, ob sie bereit wären, mit mir mittels dieses Buches in kurzer Zeit die Grundlehren der Bibel kennenzulernen. Und wie erstaunt war ich, als ich zu einer sehr religiösen Dame kam, von der man wußte, daß sie und ihre Schwester den Kirchenchor leiteten, und sie mir erklärte: ,Es war schon immer mein Wunsch, die Bibel kennenzulernen. Ich hatte nie die Gelegenheit dazu, und ich freue mich, daß Sie bereit sind, mir zu helfen.‘ Ich konnte es kaum fassen. Jetzt studiert sie schon zwei Monate regelmäßig und macht wunderbare Fortschritte. ... Eine sehr angesehene und begüterte Frau war ebenfalls bereit, mit mir die Bibel zu studieren. Letzte Woche sagte sie mir: ,Dieses Buch spricht wirklich für sich. So ein gut verständliches Buch habe ich noch nie gelesen.‘ Nun wurde eine wahre Kettenreaktion ausgelöst. Voll Eifer ging ich zu meinen Nachbarn, um auch ihnen zu helfen. Eine Frau hat diesen Monat begonnen zu studieren, und nicht weniger als vier Personen warten darauf, daß eine neue Sendung Bücher eintrifft und sie einen passenden Zeitpunkt ausmachen können. ... Ich kann sagen, in unserem Dorf spricht es sich herum, daß es modern ist, mit Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren.“

      Mit diesem Buch war es nun leichter geworden, Heimbibelstudien einzurichten, was man daran erkennen kann, daß 1969 die Zahl der Bibelstudien auf 47 691 anstieg. Während dieses Jahres wurden 6 678 Personen getauft. Das war das beste Resultat seit 1955. Im Mai 1970 erreichten wir 86 222 Verkündiger und damit nicht nur die fünfte aufeinanderfolgende Höchstzahl, sondern es war auch das erstemal, daß wir im Mai mehr Verkündiger hatten als im Vormonat April. Im Oktober jenes Jahres erreichten wir eine weitere Höchstzahl, diesmal 86 489 Verkündiger. Dies bedeutete eine Zunahme von 7 718 Verkündigern im Vergleich zur Verkündigerzahl des Jahres 1968. Diese schnelle Zunahme spiegelte den Segen Jehovas wider, den er seinen irdischen Dienern schenkt. Bestimmt hatte das Wahrheits-Buch keinen geringen Anteil an dieser Mehrung.

      KONGRESSE TRAGEN WESENTLICH ZUM ZEUGNIS BEI

      Kongresse haben wesentlich dazu beigetragen, daß Jehovas Name in Deutschland bekanntgemacht worden und die Zahl der Königreichsverkündiger gewachsen ist. Von dem ersten Nachkriegskongreß in Nürnberg, der von 9 000 Personen besucht wurde, und dem Kongreß in Kassel im Jahre 1948 an bis zu den Kongressen der neueren Zeit mit über 100 000 Anwesenden gab es viele organisatorische Änderungen, und es mußten viele Probleme gelöst und neue Ideen entwickelt werden.

      Vom 24. bis 26. August 1951 versammelten sich in Frankfurt (Main) Delegierte aus vierundzwanzig Ländern, um den Kongreß „Reine Anbetung“ zu erleben. Aber bevor sich am Freitagmorgen 34 542 Delegierte versammeln konnten, mußten noch große Probleme gelöst und bange Stunden durchlebt werden. Wieso? Eine städtische Großküche hatte zuerst zugesagt, das Essen zu liefern, doch je näher die Zeit des Kongresses heranrückte, desto weniger war sie bereit, für uns zu kochen. Was sollte man tun? Die Gesellschaft kaufte 51 große Kochkessel, die 300 Liter faßten, einige davon für Gas-, andere für Kohlenfeuerung und einige für Dampfbetrieb, und baute ihre eigene Küche. Alle Kessel für Gasfeuerung umzubauen war nicht möglich, weil kein passendes Material vorhanden war, und so mußten alle Kessel für Dampfbetrieb umgebaut werden. Viele Tage Schweißarbeit waren notwendig, um die Rohrleitungen herzustellen, deren Material man nur mühsam bei den Schrotthändlern erwerben konnte. Manche Kesselwände waren dünn wie Papier, und auf diese Stellen wurden Flicken aufgeschweißt. Die nächste große Frage war, woher man den nötigen Dampf beschaffen sollte. Wir verhandelten mit der Eisenbahnverwaltung, und es wurde uns eine Lokomotive zur Verfügung gestellt, die auf einem unbenutzten Nebengleis abgestellt wurde. Diese Lokomotive gab jedoch keinen Dampf für Niederdruck, und so mußten wir einen Weg finden, den Dampfdruck auf ein Vierundzwanzigstel seiner sonstigen Stärke zu reduzieren. Schließlich wurde das Problem gelöst, der Dampf wurde eingeschaltet, und innerhalb von fünfzehn Minuten waren die Dampfkessel fertig zur Benutzung. Die Presse war über das erstaunt, was wir geleistet hatten. Ihre Berichte und die eifrige Predigttätigkeit der Brüder trugen dazu bei, daß 47 432 Personen anwesend waren, um Bruder Knorrs öffentlichen Vortrag „Ist die Religion der Weltkrise gewachsen?“ zu hören.

      Das große Ereignis des Jahres 1953 war zweifellos der „Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß“ in New York. Wie begeistert waren doch die 284 Brüder aus Deutschland, die dabeisein durften! Der New Yorker Kongreß fand sein Gegenstück in Deutschland in den beiden Kongressen in Nürnberg für Westdeutschland und eine Woche darauf in Berlin für die Brüder dort und in Ostdeutschland. In Nürnberg wurden 38 Zelte für Massenunterkünfte und über 1 000 Privatzelte aufgestellt. Außerdem wurden Privatunterkünfte gesucht, und das brachte für die Geistlichen der Stadt Probleme mit sich. Das Nürnberger Evangelische Gemeindeblatt druckte einen Artikel mit der Überschrift „Vorsicht beim Kongreß der Zeugen Jehovas“. Es hieß dort auszugsweise: „Ein besonderes Problem ist dadurch entstanden, daß einige evangelische Gemeindeglieder von Nürnberg in gutem Glauben Freiquartiere für auswärtige ,Zeugen Jehovas‘ zur Verfügung gestellt haben. Wer das getan hat, ist meist schon von den Pfarrämtern gebeten worden, diese Einladung zurückzuziehen.“ Aber dies wirkte wie ein Bumerang. Viele Personen boten uns daraufhin noch bereitwilliger Unterkünfte an. Das war wirklich ein Problem für die Geistlichkeit!

      Zwei Jahre später fand in der gleichen Stadt auf demselben Gelände, der Zeppelinwiese, der große internationale Kongreß „Triumphierendes Königreich“ statt. Es war ein sehr eindrucksvoller Kongreß; zweiundsechzig Nationen waren vertreten. Eine außergewöhnliche Bühne beherrschte das riesige Zeppelinfeld. Die Steintribüne war 300 Meter lang, und eine Treppenflucht von 75 Stufen führte zu einer Säulenhalle mit 144 Säulen empor.

      Außer den Unterkünften in Hotels und Privatwohnungen gab es eine riesige Zeltstadt für Massenunterkünfte, in der 37 000 Personen untergebracht werden konnten. Es wurden große Zelte, in denen je 600 Personen schlafen konnten, aufgestellt. Strohsäcke dienten als Matratzen.

      Am Freitagmorgen fand eine Massentaufe statt, und 4 333 Personen symbolisierten ihre Hingabe durch die Wassertaufe. Unter diesen neuen Brüdern befanden sich einige aus Ostdeutschland, denn über 4 000 waren von dort gekommen. Am Freitagabend hörten die Kongreßbesucher eine Sendung eines von Kommunisten kontrollierten Rundfunksenders in Ostdeutschland, in der die Drohung ausgesprochen wurde, alle Zeugen Jehovas aus Ostdeutschland, die die internationalen Kongresse in Nürnberg und Berlin besuchten, würden bei ihrer Rückkehr verhaftet werden. Aber die Tausende von Brüdern aus Ostdeutschland ließen sich dadurch nicht erschrecken.

      Wie gut wurde der groß angekündigte Vortrag Bruder Knorrs besucht? In der Zeitschrift Neue Illustrierte vom 20. August konnte man lesen: „Das ,Zeppelinfeld‘, auf dem Hitler einst die Ausrottung der ,Zeugen Jehovas‘ proklamierte, war voll besetzt.“ Tatsächlich hörten 107 423 Personen aufmerksam dem Thema „Weltbesiegung nahe — durch Gottes Königreich“ zu. Mehr als 20 000 Nürnberger waren erschienen. Gerade als der Präsident anfing, seine „Schlußgedanken“ zu äußern, fing es an zu regnen, ja zu gießen, aber die Zuhörer blieben auf ihren Sitzen, und als Bruder Knorr zu sprechen aufhörte, hatte es auch aufgehört zu regnen. Dann geschah etwas, was diejenigen, die damals dabei waren, nie vergessen werden. Am Himmel erschien ein gewaltiger Regenbogen. Welch ein erhebender Anblick! Zum Abschied winkte Bruder Knorr mit seinem Taschentuch, und als Antwort verwandelte sich die ganze Menge in etwas, was einem Feld wogender weißer Blumen glich. Viele hatten Tränen in den Augen. Im Glauben gestärkt und für den künftigen Dienst besser ausgerüstet, traten die vielen tausend Besucher ihre Heimreise an.

      Der nächste große internationale Kongreß fand 1961 in Hamburg, der größten Hafenstadt Deutschlands, statt. Doch dieser Kongreß verursachte nicht wenig Kopfzerbrechen. Das Hauptproblem war das Kongreßgelände, das nichts weiter als eine große Rasenfläche (80 000 Quadratmeter) in Hamburgs größtem Park war. Der Kongreß begann bei strömendem Regen, und die Festwiese verwandelte sich bald in Matsch und Schlamm. Und es regnete weiter — vom ersten bis zum letzten Tag. Es war begeisternd zu sehen, wie dennoch jeden Tag Zehntausende zum Kongreßgelände strömten und dem Programm unter einem Wald von Regenschirmen lauschten. Ja, zum großen Erstaunen anwesender Zeitungsreporter und Kameraleute wurde der Kongreß durch Regen und Schlamm nicht ernsthaft beeinträchtigt. Die Hamburger Morgenpost schrieb: „Sie sehen fast alle fröhlich aus, auch in Schlamm und Regen, das muß man ihnen einräumen. Sie sind bunt bekleidet. Erstaunlich viele junge Menschen sind unter ihnen. ...“ Ein Polizeibeamter erklärte einem Vertreter des Kongreßbüros: „Wenn es auch die größte Versammlung ist, die bis jetzt in Hamburg stattgefunden hat, sind wir doch nicht in Sorge über ihren reibungslosen Verlauf. Wir wissen, daß Sie auch ohne Polizei auskommen, aber wir meinen, daß es für unsere Beamten eine gute Schulung ist, und hoffen deshalb, daß Sie nichts dagegen haben, wenn sie unter Ihnen sind.“

      Dies war die letzte Gelegenheit für unsere ostdeutschen Brüder, einen Kongreß zu besuchen. Einige Tausend von ihnen waren anwesend. Ein paar Tage später wurde die „Berliner Mauer“ gebaut, und der Eiserne Vorhang wurde nun dichter denn je.

      Der Regen spielte dem Rasen des Parks übel mit, aber nachdem der Kongreß vorüber war, füllten Brüder das ganze Gelände wieder mit Humusboden auf und säten es neu ein. Nun wurde der Park schöner als vorher, und dies zum Vorteil der Behörde und der Hamburger Bevölkerung. Das Herrichten der Stadtparkwiese und auch das Ausharren unserer Brüder während der Regentage hinterließen bei der Hamburger Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck.

      Im Jahre 1963 ging der Kongreß „Ewige gute Botschaft“ rund um die Welt. In Deutschland sollte er in München, der Hauptstadt Bayerns, stattfinden. Als „Königreichssaal“ diente ein Teil der Theresienwiese, bekannt durch das alljährliche Oktoberfest. Das Kongreßgelände war einen Kilometer lang und einen halben Kilometer breit. An den Seiten wurden Tribünen gebaut, 14 Sitzreihen hoch, mit 25 892 Sitzplätzen. In der Mitte des Platzes gab es dann noch 78 800 Plätze auf Stühlen und Bänken, und so standen insgesamt 104 692 Sitzplätze zur Verfügung. Das Programm wurde in Deutsch, Französisch und Niederländisch dargeboten, da auch die Brüder aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden nach München eingeladen worden waren. Für sie wurden große Säle auf dem nahe gelegenen Ausstellungsgelände zur Verfügung gestellt.

      Die Vorbereitungsarbeiten wie auch der Kongreß selbst hinterließen in München einen tiefen Eindruck, auch bei den Geschäftsleuten und bei den Behörden. Ein Polizeiobermeister, der auf dem Kongreßgelände Dienst tat, erzählte einem Bruder: „Wissen Sie, ich bin gern hier. Ich fühle mich hier wohl. Wenn man Ihren Leuten in die Augen schaut — diese Offenheit gefällt mir. Das ist ganz im Gegensatz zu dem Eucharistischen Kongreß, der vor zwei Jahren hier stattfand.“ Gegenüberstellungen dieser Art wurden oft von aufrichtigen Beobachtern gemacht und auch freimütig geäußert. Solche Eindrücke verblassen nicht so schnell. Drei Jahre später erzählte ein Münchner Geschäftsmann einem Bruder, daß seine Kollegen in einem großen Münchner Kaufhaus bei jeder Großveranstaltung in München ein gewaltiges Ansteigen der Kaufhausdiebstähle beobachtet hatten. Sie waren auch bei unserem Kongreß darauf gefaßt und stellten mit Erstaunen fest, daß sich der Kongreß in dieser Hinsicht überhaupt nicht auswirkte. Das war ihnen ein Rätsel. So half der Kongreß „Ewige gute Botschaft“ ebenso wie alle früheren Kongresse, Jehovas Namen und sein Vorhaben zu verkündigen und sein Volk bekannt zu machen.

      DIE GUTE BOTSCHAFT MUSS MENSCHEN ALLER NATIONEN GEPREDIGT WERDEN

      Deutschland ist nur ein Teil des weltweiten Feldes, auf dem die gute Botschaft gepredigt werden muß. (Mark. 13:10) Die Wachtturm-Bibelschule Gilead hat sich als eine erfolgreiche Einrichtung erwiesen, Missionare auszubilden und sie in verschiedene Teile dieses weltweiten Feldes zu senden. Der erste Gileadabsolvent, der nach Deutschland geschickt wurde, Filip Hoffmann, traf 1949 ein.

      Vier weitere folgten im Jahre 1951. Wenn sie heute zurückblicken, denken sie oft mit Schmunzeln daran, wie Bruder Frost empfunden haben muß, als sie im Bethel auftauchten. Er hatte Bruder Knorr gebeten, einige Absolventen nach Deutschland zu schicken, damit sie bei dem Werk helfen könnten. Aber als er die vier sah, müssen sie ihm wie Jungen erschienen sein, denn sie waren alle Anfang Zwanzig. In den darauffolgenden Jahren erhielten schließlich insgesamt 13 ausländische Missionare eine Zuteilung für Deutschland. 11 von ihnen sind immer noch in verschiedenen Ländern im Vollzeitdienst tätig (eine Missionarin starb 1972 nach zwanzig Jahren treuen Dienstes in ihrer Zuteilung), und 9 von diesen 11 sind immer noch in Deutschland tätig, entweder im Bethel oder im Reisendendienst. 3 von ihnen kamen 1956 aus der Schweiz, als die Übersetzungsabteilung von Bern nach Wiesbaden verlegt wurde, und sie dienen immer noch in dieser Eigenschaft.

      Alice Berner gehört zu dieser Gruppe langjähriger Vollzeitdiener. Wir wollen kurz hören, welche interessante Laufbahn sie gehabt hat: „Im Januar 1924 begann ich meinen Vollzeitdienst in der Schweiz als Pionier. Schon nach etwa sechs Monaten wurde ich aber in das Bethel in Zürich gerufen. Bald folgte die Versetzung ins neue Bethelheim nach Bern. Dort arbeitete ich im Laufe der Jahre in verschiedenen Abteilungen. Im Jahre 1932 führte mich eine neue Zuteilung nach Paris, doch wurde mein Dienst dort oft unterbrochen, da ich bisweilen das Land verlassen und einige Zeit in Belgien als Pionier tätig sein mußte, weil die Behörden in Frankreich mir kein Dauervisum gaben. Auf diese Weise blieb ich etwa drei Jahre in Paris. Im Jahre 1935 nahm die Gesellschaft an der Weltausstellung in Brüssel teil, und so erhielt ich das Vorrecht, an ihrem Literaturstand zu dienen. Von Brüssel wurde ich nach Bern zurückgerufen, wo ich zehn Jahre diente, bis im Jahre 1946 der großartige Ruf an mich erging, die achte Klasse Gileads zu besuchen. Danach hieß es: Wieder zurück in die Schweiz, wo ich weitere zehn Jahre freudigen Dienstes verbrachte, worauf drei von uns eine neue Zuteilung nach Deutschland erhielten. Ich möchte Jehova danken für all seine Güte mir gegenüber, denn er hat mich ein glückliches und reiches Leben haben lassen, erfüllt mit wunderbaren Gelegenheiten in seinem Dienste.“ Schwester Berner dient noch heute zur Ermunterung der Bethelfamilie, während sie unermüdlich als Übersetzerin tätig ist.

      Die Missionare, die nach Deutschland gesandt wurden, waren für viele deutsche Brüder ein Ansporn, ebenfalls den Wunsch zu entwickeln, die Gileadschule zu besuchen und den Missionardienst aufzunehmen. Bis jetzt haben 183 Brüder und Schwestern aus Deutschland die Gileadschule absolviert. Davon kehrten 29 in ihr Heimatland als Sonderpioniere, reisende Diener oder als Glieder der Bethelfamilie zurück, während die anderen in vielen Ländern der Erde eine neue Heimat fanden.

      Für diejenigen, die daran interessiert waren, die Gileadschule zu besuchen, wurde eine besondere Vorkehrung getroffen, die ihnen helfen sollte, ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Bis zum Frühling des Jahres 1973 gab es 16 englischsprachige Versammlungen in Deutschland mit insgesamt 450 Verkündigern und 130 Vollzeitdienern. Diejenigen, die sich auf Gilead vorbereiten, werden diesen Versammlungen zugeteilt, wo sie an den Zusammenkünften teilnehmen und im englischsprachigen Gebiet in den Predigtdienst gehen können. Seit der Gründung der ersten englischen Versammlung in Wiesbaden im Jahre 1967 sind rund 250 Personen getauft worden.

      In den letzten Jahren sind etwa fünfundneunzig Sonderpioniere aus Deutschland in europäische oder in afrikanische Länder geschickt worden, um dort ihre Tätigkeit als Sonderpioniere fortzusetzen. Einige waren bereit, im Auslandsgebiet zu arbeiten, obwohl sie die Fremdsprache, die sie dort benötigen würden, nicht beherrschten. Sie waren jedoch willens, besondere Anstrengungen zu unternehmen, um eine neue Sprache zu lernen, um so in Ländern dienen zu können, in denen ihre Hilfe benötigt würde. Vier Sonderpioniere erhielten zum Beispiel im Bethel Wiesbaden einen einwöchigen Schnellkurs in Französisch, bevor sie nach Tschad (Afrika) geschickt wurden. Sie mußten dort natürlich weiterlernen, aber sie waren bald in der Lage, sich zu verständigen, und konnten ihren Dienst unter der glühenden Sonne Afrikas fortsetzen.

      Seit einigen Jahren ziehen sehr viele Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland. Wegen des großen wirtschaftlichen Aufschwungs beschloß die Regierung, ausländische Arbeiter ins Land zu holen, und die guten Löhne, die ihnen angeboten wurden, lockten manch einen „Gastarbeiter“ an. Im Jahre 1962 waren hier schon 700 000 Personen aus Italien, Jugoslawien, Griechenland, der Türkei, Spanien und Portugal beschäftigt. In den meisten dieser Länder kann das Predigtwerk nur unter großen Schwierigkeiten durchgeführt werden. Dies war daher für uns ein neues Betätigungsfeld, das sich immer weiter vergrößerte. Die Statistik für September 1972 zeigte, daß zu jener Zeit 2 352 392 Ausländer in Deutschland beschäftigt waren. Davon waren zum Beispiel 474 934 aus Jugoslawien und 511 104 aus der Türkei gekommen.

      Viele Brüder waren bereit, Fremdsprachen zu erlernen, um so diesen Menschen helfen zu können, die Königreichsbotschaft zu hören und zu verstehen. Der Hunger nach der Wahrheit war unter diesen Gastarbeitern wirklich groß, und es gibt viele interessante Erfahrungen. Ein Kreisaufseher berichtet, daß er sich etwas spanische Literatur besorgt hatte und innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeit über 100 Broschüren und 6 Bücher abgeben konnte. Er sagt: „Die meisten Spanier, denen ich die Broschüren anbot, nahmen gleich alle 15 verschiedenen Broschüren, die ich zur Verfügung hatte.“

      Bald wurden fremdsprachige Versammlungen gegründet, zuerst eine griechische Versammlung in München am 1. Mai 1962. Bis Mai 1973 gab es 1 560 griechisch sprechende Verkündiger, die in zwei Kreise aufgeteilt waren. Die erste spanische Versammlung wurde 1964 in Frankfurt gegründet und die erste italienische Versammlung in Köln. Bis zum Sommer des Jahres 1973 war der spanische Kreis auf 660 Verkündiger angewachsen, und der italienische Kreis berichtete 1 000 Verkündiger plus 45 Vollzeitdiener. Wir haben auch türkische und jugoslawische Gruppen. Für viele hat sich das „wirtschaftliche Paradies“, das sie in Deutschland gesucht hatten, als ein noch viel wertvolleres, als ein „geistiges Paradies“, erwiesen.

      Viele unserer neuen Brüder kehrten, nachdem sie die Wahrheit kennengelernt hatten, in ihr Heimatland zurück, erfüllt von dem Wunsch, ihrer Familie und ihren Nachbarn die Wahrheit zu bringen. Zum Beispiel ließ sich ein Bruder aus Sizilien im Oktober 1965 in Köln taufen. Im Dezember besuchte er seine Familie und sprach natürlich mit ihr und mit all seinen Verwandten und Bekannten über die Wahrheit. Gegen Ende April 1966 mußte er nach Deutschland zurückkehren, um seinen Paß stempeln zu lassen. Aber er berichtete, daß er vier Personen gefunden habe, die so sehr an der Wahrheit interessiert seien, daß er sofort nach Hause zurückkehren müsse, um das Studium mit ihnen fortzusetzen. Sein Ziel war es, dort ein Versammlungsbuchstudium einzurichten. In dem Dorf war bis dahin noch nie gepredigt worden. Der nächste Zeuge Jehovas wohnte etwa 100 Kilometer entfernt.

      AUSDEHNUNG — VOM STANDPUNKT DER BETHELFAMILIE AUS GESEHEN

      Das Zweigbüro der Watch Tower Society in Wiesbaden hat zufolge der Arbeit, die Jehovas Zeugen in ganz Deutschland leisten, sehr viel zu tun. Da die Literatur dort hergestellt wird, sind die Brüder an der Arbeit interessiert, die dort verrichtet wird, und viele kommen, um das Bethelheim und die Fabrik zu besichtigen. Der Bruder, der in der Anmeldung arbeitet, wird dir sagen können, daß besonders an Feiertagen Tausende von Besuchern das Bethelheim und die Fabrik besichtigen. Einmal kamen mehr als 4 000. Einundfünfzig Busse standen damals auf der Straße. Auch Brüder aus dem Ausland machen hier gern halt, um uns zu besuchen. Einmal nahm ein Herr an einer Führung teil und wurde anschließend zu einem Bibelstudium ermuntert. Ein Briefwechsel entstand zwischen einem Bethelmitarbeiter und diesem gewissen Herrn, der dann später die Wahrheit annahm, getauft wurde, den Vollzeitdienst aufnahm und heute als Kreisaufseher dient.

      Diejenigen, die im Bethel leben und arbeiten, haben sich im Laufe der Jahre vieler Segnungen erfreut. Sie haben gesehen, wie die Räumlichkeiten der Gesellschaft vergrößert wurden, wie neue Arbeiten in Angriff genommen und wie besondere Tätigkeiten vorbereitet wurden — und es ist ihr Vorrecht gewesen, sich im Zentrum all dieser Tätigkeit zu befinden. Manchmal sind auch andere gebeten worden auszuhelfen. Im Winter 1951/52 zum Beispiel wurde ein neues Druckereigebäude angebaut. Die Brüder arbeiteten den ganzen Tag und manchmal bis in die Nacht, und das bei Schnee, Regen und Wind. Ungefähr zwanzig Brüder wurden ins Bethel gerufen, um mitzuhelfen. Abends, nach der regulären Arbeitszeit, beteiligten sich noch viele Glieder der Bethelfamilie an den Bauarbeiten.

      Groß war dann die Freude, als vom Schweizer Zweigbüro in Bern eine Rotationsmaschine eintraf. Aber das war nicht irgendeine Rotationsmaschine! Es war die erste Presse, mit der damals, im Jahre 1928, im Zweigbüro Magdeburg Bücher gedruckt wurden. Nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten wurde sie nach Prag (Tschechoslowakei) transportiert, und von dort wurde sie ein paar Jahre später nach Bern gebracht, damit sie nicht den Nationalsozialisten in die Hände fiel. Nun wurde sie ins deutsche Zweigbüro zurückgebracht, und auch heute druckt sie trotz ihres Alters immer noch Bücher oder bis zu 7 000 Zeitschriften in der Stunde.

      Ein anderer Grund zur Freude war das Erscheinen der Zeitschrift Erwachet! als 32seitige Ausgabe am 8. Januar 1953. Mit dieser Ausgabe begann die Verbreitung der Zeitschrift Erwachet! in Deutschland. Sie trug sehr dazu bei, den Eifer der Brüder im Zeitschriftendienst zu mehren.

      Das Bethelheim in Wiesbaden dehnte sich weiter aus. Im Jahre 1956 wurde eine Höchstzahl von 50 530 Verkündigern erreicht, die etwa 1,3 Millionen Schriften verbreiteten. Im darauffolgenden Dienstjahr betrug die Verkündiger-Höchstzahl 56 883. Ende November 1956 kam Bruder Knorr zu einem kurzen Besuch von weniger als 24 Stunden nach Wiesbaden. Der Grund? Er selbst gab die Erklärung, wie es in seinem Bericht, der im Wachtturm vom 1. Juli 1957 veröffentlicht wurde, nachzulesen ist: „Auch dieser Besuch diente dem Zweck, mich mit dem Ausdehnungsproblem zu beschäftigen. Unser Bethelheim und die gegenwärtige Druckerei sind zu klein geworden. Ein Bruder, der Architekt ist, wurde herbeigerufen. Mit ihm arbeiteten wir den ganzen Tag am Entwurf für eine vergrößerte Druckerei und ein vergrößertes Bethelheim. Die Gesellschaft konnte von der Stadt Wiesbaden ein Grundstück kaufen, und nach eingehender Diskussion willigte die Stadtbehörde ein, eine Straße zu verlegen, so daß wir unser neues Gebäude direkt an das schon bestehende anbauen können, wobei die Straße außerhalb unseres neuen Gebäudes zu liegen kommt. ... Der Bau wird groß genug sein, damit noch einige neue Druckpressen, die jetzt im Bau begriffen sind, darin untergebracht werden können, und die vorgesehene Höhe des Baues wird uns reichlich ... [Spielraum] lassen.“

      Statt des sonst üblichen Richtfestes mit reichlich alkoholischen Getränken wurde für die Bauarbeiter und die Bauleitung ein schmackhaftes Mahl zubereitet und im Speisesaal des Bethelheimes serviert. Sie wurden von unseren Brüdern bedient und saßen an weißgedeckten Tischen. Sie hörten eine Ansprache, in der der Zweck des Gebäudes, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas im allgemeinen und auch die Finanzierung des Baues erklärt wurde. Einige Glieder der Bethelfamilie boten ein Musikprogramm. Die meisten Gäste bekamen dadurch eine ganz andere Meinung über Jehovas Zeugen und über ihre Tätigkeit. Das gute Essen und die Tatsache, daß sie alle gleich behandelt wurden, waren etwas, worüber die Bauarbeiter in Wiesbaden noch Jahre später sprachen. Zum Abschluß erhielt jeder von ihnen ein Buch und eine Broschüre als Geschenk. Einige der Arbeiter, die wegen Vorurteilen nicht am Essen teilgenommen hatten, kamen am nächsten Tag und fragten, ob sie wenigstens das Büchergeschenk haben könnten. Daß sie das Essen verpaßt hatten, war ihre eigene Schuld; nun aber lag es an ihnen, die geistige Speise mit Hilfe der geschenkten Publikationen in sich aufzunehmen.

      Im Januar 1959 begannen verschiedene Abteilungen in das neue Gebäude umzuziehen.

      „Unterdessen“, so erzählt Günter Künz, der Fabrikaufseher, „erhielten wir bessere Maschinen zum Herstellen von Büchern, Zeitschriften und anderen Druckerzeugnissen. Im Jahre 1958 hatten wir die Buchbindereimaschinen, die früher in Bern benutzt worden waren, erhalten. Es war möglich, damit täglich bis zu 5 000 Bücher zu binden. Im Laufe der Jahre gab Bruder Knorr jedoch die Erlaubnis, die meisten dieser Maschinen zu ersetzen, die schon vierzig Jahre in Gebrauch gewesen waren.“ So war es möglich, daß im Jahre 1973 die Produktion an Büchern wesentlich erhöht wurde.

      Die Brüder im Produktionsbüro rechneten einmal aus, daß die in den letzten Monaten des Jahres 1966 hergestellten 61 622 Exemplare des Babylon-Buches, die 500 796 Exemplare des Buches „Dinge, in denen es unmöglich ist, daß Gott lügt“ und die 98 885 Jahrbücher übereinandergestapelt einen Turm von fünfzehn Kilometer Höhe ergeben würden. Das war eine begeisternde Leistung. Die Produktion lief oft auf Hochtouren, damit die Versammlungen mit der nötigen Literatur versorgt werden konnten. Im Frühling 1968 wurden zweiundzwanzig zusätzliche Arbeiter aushilfsweise ins Bethel gerufen, um bei der Herstellung des Buches Hat sich der Mensch entwickelt, oder ist er erschaffen worden? mitzuhelfen. Die Buchbinderei arbeitete in zwei Schichten, und es wurden täglich 10 000 Bücher hergestellt. Sie wurden sogleich an die Versammlungen verschickt, damit dieses neue Buch während des Mai-Feldzuges dazu benutzt werden konnte, den Menschen die Wahrheit über dieses Thema bekanntzumachen. Die harte Arbeit machte sich bezahlt, denn es wurden 136 525 Bücher abgegeben — die beste Bücherverbreitung seit 1963.

      Im Jahre 1968 besuchte Bruder Knorr Wiesbaden zweimal. Das erstemal kam er im Juni, und zur Freude der Familie kündigte er an, daß eine neue Rotationsmaschine und drei neue Maschinen für die Buchbinderei unserer Fabrik gekauft wurden. Bald darauf wurden zwei dieser Maschinen aufgestellt und in Betrieb genommen. Während seines Besuches im November traf Bruder Knorr umfangreiche Vorkehrungen zur Ausdehnung der Arbeiten, die wir in der Fabrik verrichteten. Die Brüder begannen in zwei Schichten zu arbeiten, und etwa 15 bis 20 Brüder arbeiteten nachts. Bruder Knorr hatte darauf aufmerksam gemacht, daß es wichtig sei, das Geistiggesinntsein zu bewahren, und so wurde eine besondere Versammlung zum Nutzen der Brüder, die Nachtschicht arbeiteten und sonst keine Zusammenkunft hätten besuchen können, gegründet. Ihre Zusammenkünfte wurden tagsüber abgehalten. Die Produktion der Buchbinderei wurde gesteigert, und wir konnten die Produktion der Bücher für die niederländischen, dänischen, norwegischen und schwedischen Brüder übernehmen. Mit zusätzlichen neuen Maschinen konnten in zwei Schichten täglich etwa 20 000 Bücher hergestellt werden. Das Jahr 1969 war ein weiteres arbeitsreiches und produktives Jahr, in dem die Produktion auf Hochtouren lief und nie dagewesene Höchstzahlen erreicht wurden.

      „Ist es später, als du denkst?“ war der Titel der Erwachet!-Sonderausgabe vom 8. April 1969. Ständig gingen Bestellungen von den Versammlungen ein, und es mußten immer mehr Zeitschriften gedruckt werden. Ja, in unserer Fabrik wurden 10 241 250 Exemplare gedruckt. Die Brüder der beiden Schichten waren sogar bereit, Überstunden zu arbeiten, denn außer den Zeitschriften mußten auch noch eine große Menge Bücher hergestellt werden (bis zum Ende des Dienstjahres 1969 3 343 304 Bücher, sechsmal soviel wie 1966). Unsere Maschinen liefen praktisch rund um die Uhr. Einige Monate lang arbeiteten wir in zwei Schichten, aßen in zwei Schichten und schliefen in zwei Schichten. Es war eine sehr arbeitsreiche, aber auch sehr befriedigende und freudige Zeit.

      Der Bruder am Pioniertisch freute sich sehr, als er feststellte, daß im April neben den 1 959 allgemeinen Pionieren 11 454 Pioniere auf Zeit tätig waren.

      Während des Dienstjahres 1969 wurden etwa 40 Millionen Zeitschriften, Bücher und Broschüren hergestellt. Der Versand von etwa 2 000 Tonnen Zeitschriften und Büchern außer weiteren Druckerzeugnissen war natürlich sehr kostspielig. Um diese Kosten niedrig zu halten, begannen wir am 3. Dezember 1959, die Literatur mit unseren eigenen Lastwagen auszuliefern. Albert Kamm, der von Anfang an in dieser Abteilung mitgearbeitet hat, erzählt: „Überall interessieren sich die Menschen dafür, was wir wohl in unseren Wagen transportieren: die Polizei, die Tankwarte, die Zollbeamten, selbst die Personen, die wir ansprechen, um eine Adresse zu erfragen. Sehr erstaunt sind sie, wenn sie erfahren, daß der ganze Wagen mit Wachtturm- und Erwachet!-Ausgaben beladen ist. Wenn man solchen Personen im Verlaufe eines Gesprächs erzählt, daß wir 5 von diesen und 2 etwas kleinere Wagen haben, die alle mit unseren Zeitschriften beladen sind, dann sieht man ihnen deutlich an, daß sie erstaunt sind. Oft kann man ein gutes Zeugnis geben, und selbst wenn wir vierzehn Tage später wiederkommen, haben die meisten es noch gar nicht ganz verdaut, daß Der Wachtturm schon wieder da ist.“

      Wiesbaden liegt sehr zentral, und so haben wir elf Touren in Deutschland. Bei den größeren Touren sind 1 200 bis 1 500 Kilometer zurückzulegen. Jeder Lastwagen fährt in einem Jahr etwa 70 000 bis 80 000 Kilometer. Die in Wiesbaden gedruckten Bücher werden auch nach Luxemburg, in die Niederlande, nach Belgien, in die Schweiz und nach Österreich gebracht.

      Während die Arbeiten in der Fabrik auf Hochtouren liefen, wurden im Jahre 1969 weitere Bauarbeiten verrichtet. Das Dachgeschoß des älteren Teiles des Gebäudes wurde umgebaut, und es wurden dreizehn neue Zimmer eingerichtet. Brüder, die sich freuten, ihre Zeit, Kraft und Fähigkeit eine Zeitlang im Bethel zur Verfügung zu stellen, verrichteten diese Arbeit. Die Möbel für die Zimmer, zum Beispiel die Betten und die Schränke, wurden in unserer Schreinerei gebaut.

      Trotz dieser Erweiterung war das Bethelheim immer noch zu klein. Im Mai 1970 besuchten uns Bruder Knorr und Bruder Larson, der Fabrikaufseher in Brooklyn, für etwa eine Woche. Nachdem sie das Heim und die Fabrik überprüft hatten, kam Bruder Knorr zu dem Schluß, daß es im Interesse des Werkes wäre, das Gebäude zu vergrößern. Das bedeutete für Richard Kelsey, der seit Herbst 1969 als neuer Zweigaufseher dient, eine Menge Arbeit. Eine weltliche Firma wurde beauftragt, den Rohbau herzustellen, während die Innenarbeiten von Brüdern vorgenommen werden sollten. In der Schreinerei machte sich Ferdinand Reiter schon bereit, Möbel für die neuen Zimmer herzustellen. Das war für ihn nichts Neues mehr, denn er hatte bereits 1947 mitgeholfen, als damals begonnen worden war, das nackte Steingebäude mit Fenstern und Türen zu versehen. Inzwischen ist er etwas älter geworden, aber trotz seiner achtzig Jahre (er ist der zweitälteste der Familie) ist er immer noch rüstig und arbeitet jeden Tag, wodurch er ein gutes Beispiel gibt. Selbst junge Brüder sagen: „Es ist nicht leicht, mit Ferdinand mitzuhalten.“

      Diese Erweiterung war wirklich notwendig. Im April 1971 war eine neue Höchstzahl von 89 706 Verkündigern erreicht worden, und 145 419 Personen hatten das Gedächtnismahl besucht. Im Juni hatten wir den besten Stundendurchschnitt seit 1954. Bis zum Ende des Dienstjahres 1971 hatten wir 19 Millionen Bibeln, Bücher, Broschüren und Zeitschriften abgegeben. Das bedeutete, daß im Durchschnitt jede Familie in Westdeutschland und in West-Berlin ein Bibelstudienhilfsmittel erhalten hatte.

      Der 11. November 1972 war ein denkwürdiger Tag. Warum? Um 10 Uhr früh trafen die ersten Exemplare der deutschen Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift aus Brooklyn ein. Welch eine Freude! Sogleich wurden Vorkehrungen für einen Bibelfeldzug in den Monaten Mai und Juni getroffen. Die Versammlungen übergaben den Zeitungen in ihrem Gebiet Nachrichtenfreigaben. Diese Artikel halfen, die Öffentlichkeit auf die Neue-Welt-Übersetzung aufmerksam zu machen. Einige Schlagzeilen lauteten: „Sturm auf neue Bibelübersetzung“, „96 000 Prediger veranstalten einen ,Bibelfeldzug‘ “, „Zeugen Jehovas bringen jeder Familie eine Bibel“. Selbst kirchliche Zeitungen und Gemeindeblätter reagierten und halfen auf ihre Art mit, ihre Gemeindemitglieder auf die Bibel hinzuweisen. So schrieb zum Beispiel das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg: „Die erste Auflage dieser deutschen Fassung wurde in der ungewöhnlichen Höhe von 1 Million Exemplaren gedruckt. Der Jahresbedarf an Luther-Bibeln liegt in Deutschland bei etwa 500 000 Stück. Die Zeugen Jehovas haben sicher nicht die Absicht gehabt, sich auf lange Zeit hinaus mit ihren Bibeln einzudecken. Bei ihrer gewohnten Aktivität ist damit zu rechnen, daß sie die Neuerscheinung zu einem ausgedehnten Feldzug benutzen werden. ... Neben der Bibel, die nur 5 DM kostet, ... wird den Käufern ein Heimbibelstudium empfohlen und angeboten, das von den Verkäufern dann in der Wohnung des Käufers durchgeführt werden soll.“ Das Katholische Sonntagsblatt veröffentlichte den gleichen Artikel. Die Freigabe der Neuen-Welt-Übersetzung und ihre Verbreitung war wirklich ein Höhepunkt im Dienstjahr 1972.

      Anfang des Dienstjahres 1973 gab es in Westdeutschland und in West-Berlin 95 975 Verkündiger der guten Botschaft, und die Produktion von Literatur erreichte eine neue Höchstzahl. Während des Dienstjahres wurden in der Wiesbadener Fabrik 17 neue Bücher gedruckt und gebunden, einige davon für Deutschland und andere für die skandinavischen Länder und die Niederlande. Man stelle sich die Begeisterung der Bethelfamilie vor, als die Jahresproduktion ausgerechnet wurde — es waren über 3 500 000 Bücher in nur einem Jahr!

      Man konnte die guten Auswirkungen sehen, die diese Publikationen auf das Leben derer hatten, die sie erhielten. Ein zwölfjähriger Junge zum Beispiel war von dem, was er lernte, so bewegt, daß er den Zeugen, der mit seiner Mutter und ihm studierte, bat, ihn in den Predigtdienst mitzunehmen. Der Zeuge erklärte ihm natürlich, zuerst müsse er Babylon die Große verlassen und seinen Namen aus dem Kirchenregister streichen lassen. Gleich am nächsten Tag ging der Junge, der die Dringlichkeit der Sache erkannte, während der Schulpause zum Amtsgericht, um das entsprechende Formular auszufüllen. Der Beamte sagte, der Junge solle ein andermal wiederkommen, da er der Sache im Moment keine Aufmerksamkeit schenken könne. Noch am gleichen Nachmittag, als die Schule aus war, ging er wieder zum Amtsgericht. Wieder versuchte der Beamte, ihn abzuweisen, und sagte, seine Mutter müsse das Formular unterzeichnen, so solle er ein andermal kommen. Der Junge bat den Beamten darauf eindringlich, seine Mutter anzurufen und sie zu bitten, gleich zu kommen. Der Beamte rief sie an, schlug ihr aber vor, zu irgendeiner passenden Zeit mit dem Jungen zu kommen, um die Angelegenheit zu erledigen. Darauf rief der Junge laut protestierend ins Telefon: „Nein, Mama, komm gleich!“ Das tat sie, und sie brachte auch ihren jüngeren Sohn mit. Das Formular wurde ausgefüllt und unterschrieben. Dann sagte sie: „Nun, da wir schon einmal hier sind, können wir auch gleich alle austreten.“

      Im Büro der Gesellschaft verfolgten die Brüder mit großem Interesse die Berichte, die im Laufe des Jahres eingingen. Beim Gedächtnismahl waren 150 313 Personen in Westdeutschland und 7 911 in West-Berlin anwesend. Monat für Monat stieg die Zahl der Täuflinge beachtlich. Bis zum Juli waren es bereits 5 209, verglichen mit den 3 812 während der gleichen Zeit im Vorjahr. Am Ende des Dienstjahres 1973 belief sich die Gesamtzahl auf 6 472 Personen, die auf Jehovas Seite Stellung bezogen hatten. Zu dieser Zeit beteiligten sich 98 551 Personen in Westdeutschland und West-Berlin an der öffentlichen Verkündigung des Königreiches Gottes als einzige Hoffnung der Menschheit.

      FRIEDE AUF ERDEN — ABER NUR DURCH GOTTES KÖNIGREICH

      Im Jahre 1939 hatte Adolf Hitler „Frieden“ als Motto für seinen jährlichen Reichsparteitag gewählt. Gedenkmünzen und Sonderbriefmarken wurden für diesen „Reichsparteitag des Friedens“ herausgegeben. Aber die Feier wurde wegen des Ausbruchs des Krieges abgesagt. Dreißig Jahre später, im August 1969, fand auf der Zeppelinwiese in Nürnberg, also auf dem gleichen Gelände, auf dem dreißig Jahre zuvor der „Reichsparteitag des Friedens“ gefeiert werden sollte, der internationale Kongreß „Friede auf Erden“ der Zeugen Jehovas statt.

      Für insgesamt 130 000 Delegierte wurden Unterkünfte beschafft. Um dies zu ermöglichen, mieteten die Zeugen ein Jahr im voraus 48 Großzelte mit einer Gesamtfläche von 60 000 Quadratmetern. Etwa eineinhalb Jahre im voraus stellten sie auch bei der Stadt Nürnberg den Antrag, sämtliche Schulen und Turnhallen der Stadt als Schlafgelegenheiten zu mieten. Im Frühherbst des Vorjahres wurde auch mit den Vorbereitungsarbeiten für die Cafeteria begonnen.

      Als der Kongreß anfing, waren Delegierte aus 78 verschiedenen Ländern anwesend. Das Kongreßprogramm selbst wurde nicht nur in Deutsch dargeboten, sondern auch in Griechisch, Serbokroatisch, Niederländisch, Slowenisch und Türkisch. Hier hatten sich Menschen aus allen Teilen der Erde versammelt, die in Frieden zusammen wohnten und sich der herzlichen Bande christlicher Brüderlichkeit erfreuten.

      Von der gigantischen Steintribüne, auf der die Führer der Nationalsozialistischen Partei einst von einem „tausendjährigen Reich“ träumten, hielt Bruder Knorr vor 150 645 Zuhörern den öffentlichen Vortrag „Tausend Jahre Frieden nahen“. Aber er ermunterte seine Zuhörer nicht, von dem zu träumen, was Menschen versprechen mögen zu erreichen. Er wies auf das einzige Mittel hin, durch das die Menschheit ewigen Frieden erlangen kann, nämlich auf Gottes Königreich in den Händen seines Sohnes, Jesus Christus. Und er zeigte aus der Heiligen Schrift, daß diese Friedenszeit nun nahe bevorsteht.

      VORBEREITUNG AUF DEN GÖTTLICHEN SIEG

      In der festen Überzeugung, daß die Zeit, in der Gott über alle seine Feinde siegen wird, unmittelbar bevorsteht, planten Jehovas Zeugen für das Jahr 1973 eine Serie internationaler Kongresse, die unter dem Motto „Göttlicher Sieg“ stehen sollten. Zwei dieser Kongresse fanden in Deutschland statt, und es waren Delegierte aus mindestens 75 Ländern anwesend. Am letzten Tag, als der Vortrag „Göttlicher Sieg — was bedeutet er für die bedrängte Menschheit?“ im Rheinstadion in Düsseldorf gehalten wurde, waren 67 950 Zuhörer anwesend. Zu dem gleichen Vortrag, der während des fünftägigen Kongresses im Olympiapark in München gehalten wurde, waren 78 792 anwesend — eine Gesamtanwesendenzahl von 146 742!

      Fünfzig Jahre zuvor hatte Hitler in München versucht, durch einen Putsch an die Macht zu gelangen. Nun sind er und sein nationalsozialistisches Regime nicht mehr, aber Jehovas Zeugen nehmen immer mehr zu und weisen weiterhin zuversichtlich auf den Triumph des Königreiches Gottes hin.

      Ebenfalls in München fanden 1972 die Olympischen Spiele statt, zu denen Athleten aus vielen Ländern kamen, um ihre Wettkämpfe auszutragen. Dieses Ereignis wurde als „Friedensfest“ bezeichnet, aber wenn man darauf zurückblickt, erinnern sich viele hauptsächlich an das Blutvergießen, das es dort gab und durch das die Zwietracht unter den Nationen deutlich zum Ausdruck kam. Ein Reporter erinnerte an dieses Ereignis, als er im Münchener Anzeiger schrieb: „Als ich einen Tag vor Beginn des Kongresses ,Göttlicher Sieg‘ auf den leeren Rängen des Stadions stand und von der Einsatzbereitschaft der hier werkenden Helfer (insgesamt 7 000) beeindruckt war, mußte ich unwillkürlich an den 5. September 1972 denken. Damals schlich sich Gewalt und Mord in das Gelände, dieser Tage sind es Gläubige, die nach ihrer Überzeugung das Gute und Edle bei ihrem Mitmenschen zu wecken suchen.“ Jehovas Zeugen kamen nicht zum Olympiapark, um miteinander zu wetteifern und um zu versuchen, zu beweisen, daß eine Nation besser sei als die anderen. Vielmehr ‚wandeln sie im Namen Jehovas‘, des ‚Gottes, der Frieden gibt‘. Die Liebe zu ihm veranlaßte sie, aus vielen Ländern zu diesem Kongreß zu kommen, und die gleiche Liebe bewegt sie, vereint Jehovas Namen zu verherrlichen und dem Tag entgegenzublicken, an dem er von aller Schmach befreit wird. — Micha 4:5; Röm. 15:33.

      Auf diesen Kongressen wurde hervorgehoben, daß es für jeden einzelnen wichtig ist, ‚die Gegenwart des Tages Jehovas fest im Sinn zu behalten‘, des „Tages“, an dem Gott sein Urteil an den Bösen vollstrecken und seine Diener belohnen wird, des „Tages“ des göttlichen Sieges. (2. Petr. 3:11, 12) Sie wurden daran erinnert, daß sie sich wie Jesus Christus als einzelne als Sieger über die Welt erweisen müssen, falls sie Gottes Gunst haben möchten, wenn jener „Tag Jehovas“ hereinbricht. (Joh. 16:33) Sie dürfen nicht zulassen, von der Welt geformt zu werden, und nicht so handeln wie die Welt, noch dürfen sie zulassen, daß sie aufgrund von Gleichgültigkeit oder Furcht vor der Reaktion der Welt abgehalten werden, den Willen Gottes zu tun.

      Jehovas Zeugen verließen den Kongreß nicht mit dem Gefühl, daß sie nun in ihrem Predigtwerk nachlassen könnten, da der göttliche Sieg so nahe sei. Im Gegenteil, sie wurden ermuntert, vollen Gebrauch von der verbleibenden Zeit zu machen, und es wurden ihnen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, mit denen sie arbeiten können. Es wurde eine Vorkehrung für die intensive weltweite Verbreitung eines Traktats umrissen, das die Schlagzeile trägt „Läuft die Zeit für die Menschheit ab?“ Sie wurden auch mit einem neuen Buch ausgerüstet, das den aufrüttelnden Titel Gottes tausendjähriges Königreich hat sich genaht trägt. Ebenfalls erhielten sie das Buch Wahrer Friede und Sicherheit — woher zu erwarten?, das die Aufmerksamkeit auf die große Streitfrage der universellen Souveränität lenkt, eine Streitfrage, mit der sich jedes vernunftbegabte Geschöpf befassen muß. Schon jetzt vermitteln sie diesen Aufschluß anderen Menschen. Ungeachtet dessen, welche Verhältnisse sich in dieser unruhigen Welt noch entwickeln werden, bevor das Ende kommt, sind Jehovas Zeugen entschlossen, in dem Werk voranzudrängen, das Gott ihnen aufgetragen hat, nämlich mit dem Predigen der guten Botschaft von seinem Königreich.

      Im Laufe der Jahre sind Jehovas Zeugen in Deutschland wie auch anderswo auf die Probe gestellt worden. Sie sind nicht überrascht worden. Sie wissen, daß ihr Herr und Meister, Jesus Christus, von bösen Menschen verfolgt wurde, und sie erwarten das gleiche. (Joh. 15:20) Jehovas Zeugen verstehen die Streitfrage völlig. Sie wissen, daß Satan, der Teufel, die Rechtmäßigkeit der Souveränität Jehovas in Frage gestellt hat. Satan hat offen die Anklage erhoben, diejenigen, die Jehova dienen, würden dies nicht aus Liebe zu Gott tun, sondern aus Selbstsucht und um persönlicher Vorteile willen. Satan hat behauptet, niemand würde Jehovas Souveränität loyal unterstützen, wenn er unter Druck gesetzt würde. Und dieser Widersacher Gottes und des Menschen gebraucht die Menschen, die sich ihm unterwerfen, um zu versuchen, zu beweisen, daß er in der Streitfrage recht hat. — Luk. 22:31.

      Im Gegensatz dazu haben Jehovas Zeugen erkannt, daß alles, was sie haben, und all ihre Hoffnungen auf die Zukunft Jehovas unverdienter Güte zuzuschreiben sind. Von echter Liebe zu ihrem Schöpfer angetrieben, betrachten sie es als ein Vorrecht, ihre Lauterkeit ihm gegenüber zu beweisen, ganz gleich, was es sie kosten mag. Weil sie sich weigern, mit einer gottlosen Welt Kompromisse zu schließen, haben viele ihre Arbeitsstelle und ihre Wohnung verloren. Einige haben den Verlust ihrer Kinder und ihres Ehepartners ertragen. Andere sind mit Stahlruten bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen worden, sind verhungert oder von Exekutionskommandos hingerichtet worden.

      Aber wer ist aus all diesen Prüfungen als Sieger hervorgegangen? Nicht der Teufel. Auch nicht die Welt, die in seiner Macht liegt. Statt dessen sind es Jehovas christliche Zeugen, die ihren Glauben in den allein wahren Gott und in seinen Sohn gesetzt haben. Es ist so, wie der Apostel Johannes schrieb: „Jeder von Gott Gezeugte besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt: unser Glaube. Wer aber ist der, der die Welt besiegt, wenn nicht der, der da glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist?“ (1. Joh. 5:4, 5, Herder-Bibel) Es ist wahr, einige von ihnen verloren durch Feinde Gottes ihr Leben, aber da sie die Hoffnung hatten, Miterben mit Christus in seinem himmlischen Königreich zu sein, und da sie zu der Zeit seiner Gegenwart lebten, wurden sie „in einem Nu, in einem Augenblick“, zu unsterblichem himmlischen Leben auferweckt — sie haben die Welt besiegt. (1. Kor. 15:51, 52) Andere, die die Hoffnung auf irdisches Leben in Gottes neuer Ordnung hatten, müssen nun eine Zeitlang ruhen, doch sie hatten die Zuversicht, daß Gott, der nicht lügen kann, sie unter der gerechten Herrschaft seines Königreiches wieder zum Leben erwecken wird. Tausende weitere Zeugen haben mit der Hilfe Gottes die grausamen Angriffe Satans und seiner sichtbaren Helfer überlebt. Viele von ihnen leben noch heute und predigen immer noch die gute Botschaft und beweisen immer noch ihre Loyalität gegenüber Jehova. Und sie sind fest entschlossen, in diesem treuen Lauf zu verharren, ganz gleich, welche Prüfungen sie in den kommenden Tagen noch erleben mögen.

      Möge dieser Bericht jeden, der ihn liest, ermuntern, treu auszuharren. Behalte folgende inspirierten Worte des Apostels Paulus im Sinn: „Laßt uns frohlocken, während wir in Drangsalen sind, da wir wissen, daß Drangsal Ausharren bewirkt, Ausharren aber einen bewährten Zustand, der bewährte Zustand aber Hoffnung, und die Hoffnung führt nicht zur Enttäuschung, weil die Liebe Gottes durch den heiligen Geist, der uns gegeben wurde, in unser Herz ausgegossen worden ist.“ (Röm. 5:3-5) Laß dich von Gottes Liebe anspornen, den Willen Gottes als das Wichtigste im Leben zu betrachten und voller Zuversicht dem göttlichen Sieg entgegenzusehen, der nun so nahe bevorsteht.

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