Berichte aus dem Jahrbuch 1954 der Zeugen Jehovas
WESTDEUTSCHLAND
1942 1947 1952 1953
Predigende Verkündiger Verbot 20 811 38 653 43 565
Unsere deutschen Brüder haben ein weiteres strenges Jahr hinter sich, doch hat ihre Tätigkeit ihnen Freude gebracht, und sie haben großes Glück im Geben empfangen. Sie wissen, daß Geben beglückender ist als Nehmen, und da sie aus Jehovas Hand so viel empfangen haben, sind sie glücklich, die Wahrheit dem deutschen Volke sowohl in West- wie in Ostdeutschland zu predigen. Wir haben Ursache zur Freude, denn wir sehen hier Wohlfahrt in Jehovas Organisation. Auch wenn Hitler und jetzt der Kommunismus versucht haben, Jehovas Zeugen zu vernichten, wird doch das Wort Gottes weiterhin verkündigt. Daß sowohl in West- wie in Ostdeutschland ein vorzüglicher Geist am Werke ist, geht aus dem Bericht des Zweigdieners hervor. Auszüge folgen hier.
Bestimmt ist das größte Ereignis dieses Jahres 1953 der Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß in New York gewesen! Diesmal durften 287 aus Deutschland dabeisein, und mit welcher Begeisterung kehrten sie von diesem einzigartigen Fest zurück! Es war ein wirkliches Schmausen und Sattessen am Tisch Jehovas. Diese wunderbare Festversammlung fand ihren Abdruck in unserem Lande in den beiden Kongressen in Nürnberg für Westdeutschland und eine Woche darauf in Berlin für die Brüder dort und in der Ostzone. Es ist noch nicht so lange her, daß die Welt aufhorchte, wenn Hitler alljährlich die Elite seiner Partei nach Nürnberg rief und von dort dem deutschen Volke prahlerisch und ruhmredig seine Ziele und die die menschlichen Freiheiten immer mehr einschränkenden Gesetze bekanntgab und in Kraft setzte. Für diese Massenaufmärsche schuf er den bombastischen Hintergrund, die Szenerie auf der Zeppelinwiese. Was er damals baute, das steht noch, und auf dem gleichen Platze hielten dieses Jahr Jehovas Zeugen ihren Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß ab, den größten, der je in unserem Lande stattfand.
In vier Tagen rollten die Hauptpunkte des inhaltsreichen Programms der Neue-Welt-Gesellschaft-Versammlung ab, von den 43 074 Besuchern mit Hingabe und Spannung angehört und oft durch stürmischen Beifall unterbrochen. Der öffentliche Vortrag „Nach Harmagedon — Gottes Neue Welt“ sah nicht weniger als 55 240 Personen auf dem Festplatz. Mit großer Begeisterung wurde der Resolution am Schluß des Vortrags „Jetzt als eine Neue-Welt-Gesellschaft leben“ zugestimmt und mit dankbarer Freude das Buch „Dies bedeutet ewiges Leben“, das bei diesem Anlaß in deutscher Sprache freigegeben wurde, begrüßt. In vier Stunden, bis kurz nach Mitternacht, verließen die 29 Sonderzüge und Hunderte von Autobussen und Privatfahrzeugen den riesigen Platz, der wenige Stunden nach dem Abschluß des Kongresses wieder in tiefer Ruhe lag.
Es galt für uns, keine Zeit zu verlieren. Nach Nürnberg führte uns der Weg mit dem Flugzeug nach Berlin, um denselben Kongreß, d. h. dasselbe Programm, dort noch einmal durchzuführen. Auch der Sportpalast in Berlin ist eine historische Stätte: Er ist die Arena, in der der Nazipropagandachef Goebbels die Reichshauptstadt „für seinen Führer“ eroberte. Nun waren die verachteten Zeugen Jehovas darin und beteten Jehova, ihren Gott, an im Schmucke heiliger Ordnung. Wenn das die damaligen Machthaber geahnt hätten, sie hätten rechtzeitig dafür gesorgt, daß von den beiden Stätten kein Stein auf dem anderen geblieben wäre! Im Sportpalast Berlin versammelten sich 10 166 Zeugen, deren Menge am Sonntagnachmittag beim öffentlichen Vortrag auf 15 210 Zuhörer anwuchs, wieder eine so stattliche Menge! Tausende kamen aus Ostdeutschland, obwohl unendliche Schwierigkeiten den Weg und die Reise nach Berlin erschwerten! Einzelne legten bis zu 50 km zu Fuß zurück, dabei mußten 6 oder 8 scharfe Kontrollen der kommunistischen Polizei überstanden werden. Doch die Beschwerden lohnten sich. Mit tränenfeuchten Augen gingen die Tausende von Brüdern nach diesen vier glücklichen Tagen, die sie mit Gottes Neuer-Welt-Organisation verbracht hatten, auseinander, reich gestärkt und mit neuen Gelöbnissen in ihren dankbaren Herzen. In Nürnberg und Berlin bekundeten 2843 Personen ihre Hingabe an Jehova und ihr Verbundensein mit der Neuen-Welt-Gesellschaft durch die Taufe.
Wie im Yankee-Stadion in New York, so wurde auch in unserem Lande, in Nürnberg und Berlin, laut und deutlich an jedes Glied der Neuen-Welt-Gesellschaft der Ruf gerichtet, den Dienst von Haus zu Haus aufzunehmen und ihm den ersten Platz im Königreichsdienst einzuräumen. Dieser Appell wurde mit herzlicher Zustimmung aufgenommen, und die Verwirklichung wird sich zweifellos zum Segen für das ganze Verkündigungswerk auswirken.
Das Erscheinen der Zeitschrift Erwachet! in der 32seitigen Originalausgabe in Deutsch seit dem 1. Januar 1953 hat große Freude ausgelöst und den Eifer im Zeitschriftendienst beträchtlich gehoben. Nicht zuletzt kann gesagt werden, daß die gesetzliche Grundlage für das Königreichswerk in allen Zweigen wesentlich gefestigt worden ist, nachdem einige hundert Rechtsfälle zu unseren Gunsten ausgegangen sind. Jehova hat uns reich gesegnet und unserer Arbeit Gelingen geschenkt; dafür ist sein Name hoch zu preisen!
OSTDEUTSCHLAND
1950 1951 1952 1953
Predigende Verkündiger 21 048 17 254 arbeiten weiter
Die Verfolgungsmaßnahmen von seiten der kommunistischen Machthaber gehen in Ostdeutschland weiter. Von Zeit zu Zeit verhaftet man Brüder oder Schwestern, indem man sie aus den Wohnungen holt oder unterwegs abfängt, wenn sie mit biblischer Literatur, dem Wachtturm oder auch nur mit Traktaten angetroffen werden. Kontrollen durch Volkspolizisten finden täglich in Eisenbahnzügen, an Straßenkreuzungen oder irgendwo an Verkehrspunkten statt. So ist die Versorgung unserer Brüder mit der notwendigen geistigen Speise beständig gefährdet; doch sie erhalten, was sie benötigen und haben noch etwas übrig, um damit die „anderen Schafe“ zu weiden und deren Hunger und Durst zu stillen.
Zur Zeit sind insgesamt 1016 Brüder und Schwestern ihrer Freiheit beraubt und teilen sich in eine Gesamt-„Strafzeit“ von 6865 Jahren. Das bedeutet im Durchschnitt nicht weniger als 6 3/4 Jahre für den einzelnen. Und dies nicht, weil sie Mörder, Diebe oder Räuber wären, sondern weil sie festhalten an ihrer Hingabe an Jehova, den Höherstehenden, und um seines Namens und ihres ewigen Lebens willen ihre Geradheit unverderbt zu erhalten wünschen. Der Vergleich mit früheren Zahlen zeigt, daß die Verfolgungen und Verhaftungen sich ständig mehren. Die Kommunisten hatten seinerzeit höhnisch gesagt: „Wir werden sehen, wer den längeren Atem behält.“ Wenn sie auch unseren Brüdern viel Schaden zufügen konnten, so ist es ihnen doch nicht gelungen, die theokratische Organisation zu zerschlagen oder die gute Botschaft zum Verstummen zu bringen. Sie selbst aber befinden sich nach dreijähriger Ausübung solch grausamer Verfolgungen bereits in großen Schwierigkeiten. Es mag sein, daß unsere Brüder hinter dem Eisernen Vorhang noch viel erdulden müssen. Aber alle sind sehr zuversichtlich, und sie erkennen bereits, wie die brutalen Maßnahmen ihrer Verfolger auf diese selbst zurückfallen. „Wer eine Grube gräbt, fällt hinein; und wer einen Stein wälzt, auf den kehrt er zurück.“ (Spr. 26:27) Interessant ist, daß von den seit Beginn des Verbots und der Verfolgungen in Ostdeutschland in Gefangenschaft gewesenen 2058 Brüdern und Schwestern sich trotz der Härte und Grausamkeit, trotz schlimmster Drohungen, nicht mehr als 49 zurückzogen, während alle anderen mit noch größerer Entschiedenheit für den Glauben kämpfen und ihre Lauterkeit zu bewahren suchen. Wir sind dankbar für das Vorrecht, ihnen in diesem Kampf mit den Hilfsmitteln der theokratischen Organisation beistehen zu dürfen.
Die unter manchen Schwierigkeiten eingehenden Berichte über die Felddiensttätigkeit in Ostdeutschland zeigen, daß auch durch die Verfolgungen die Arbeit und das Wachstum nicht aufgehalten werden. Jehova gibt seine Überlegenheit und souveräne Oberhoheit über alle seine Feinde kund. Sie können nichts tun, was seinen theokratischen Vormarsch auf der Erde im geringsten beeinträchtigen oder verlangsamen könnte. Sie konnten nicht verhindern, daß die tausend ihrer Freiheit beraubten Brüder im Geiste mit der Neuen-Welt-Gesellschaft verbunden sind, ja auch nicht, daß sie anläßlich ihrer Kongresse ihren Ausdruck herzlicher Verbundenheit und Grüße der Liebe an die Hunderttausende in New York, Nürnberg und Berlin übermittelten.
Der Text, der im Yankee-Stadion für unser Land aufgemacht wurde, „Wenn auch geteilt — dennoch vereint“, drückt tatsächlich das wahre Empfinden aus!
FRANKREICH
1942 1947 1952 1953
Predigende Verkündiger 720 2 380 7 057 8 108
Unsere Brüder in Frankreich haben während des Dienstjahres 1953 fleißig gewirkt, und trotz örtlichem Widerstand und obwohl Der Wachtturm nicht mehr ins Land hineingelassen wird, geht das Werk voran. Die nach Wahrheit und Gerechtigkeit trachten, werden sie weiterhin suchen, und die die Wahrheit verbreiten, werden diese Suchenden finden. Die meisten Verkündiger in Frankreich waren früher römisch-katholisch und hatten niemals eine Bibel auch nur gesehen. Nun, da sie Zeugen Jehovas sind, schwingen sie bestimmt das „Schwert des Geistes“. Der große Ruf in Frankreich ist „Wir brauchen mehr Verkündiger!“ „Wir brauchen mehr Vollzeitdiener!“ Das Gebiet ist groß, und der Arbeiter sind wenige. Der Zweigdiener erstattet uns Bericht über das Werk in jenem Lande und sagt, was in fünf weiteren Besitzungen Frankreichs geschehen ist. Ihr werdet die folgenden Auszüge aus seinem Bericht mit Interesse lesen.
Viel von der Zunahme in Frankreich kann einem besseren Verständnis des Wertes der Versammlungsbuchstudien zugeschrieben werden. Während der letzten 6 Monate sind 200 neue Quartierstudien eingerichtet worden, wodurch sich in ganz Frankreich ein Durchschnitt von je 10 Verkündigern auf ein Studium ergibt. Als Ergebnis dieser Vorkehrung ist die Zahl der Besucher der Versammlungsbuchstudien im Vergleich zu jener vor 6 Monaten um 1300 Personen gestiegen. Im Norden Frankreichs, wo gut die Hälfte all unserer Verkündiger wohnt, besitzen kleine Nachbarstädte Versammlungen von je 100 Verkündigern, und das Gebiet wird alle 6-8 Wochen durchgearbeitet. Aber eine geschlossenere Organisation der Versammlungsbuchstudien hat eine wirksamere Durcharbeitung des Gebiets zur Folge gehabt, und trotz der Tatsache, daß die Leute so häufig besucht werden, konnten drei Versammlungen in diesem Gebiet in 6 Monaten eine Zunahme von 60% verzeichnen. Die Freigabe des Buches „Dies bedeutet ewiges Leben“ in Französisch anläßlich des Kongresses in New York wird die Versammlungsbuchstudien neu beleben.
Die Bibel heißt uns, das Wort „in günstiger Zeit, in unruhvoller Zeit“ zu predigen, und in Frankreich sahen wir das bemerkenswerte Beispiel eines Verkündigers, der „in unruhvoller Zeit“ predigte. Einem Bruder wurden bei einem Autounfall beide Beine abgeschnitten, und er erlitt schreckliche Brandwunden. Während der 43 Tage, die er im Krankenhaus zubrachte, litt er sehr, doch gab er seiner Krankenpflegerin, so gut er konnte, Zeugnis. Der Bruder starb, aber die Krankenschwester hatte von seinem Glauben und Mut einen solchen Eindruck empfangen, daß sie mit Jehovas Zeugen Fühlung nahm — und jetzt ist sie eine getaufte Königreichsverkündigerin!
Es ist wunderbar, so viele junge Leute zu sehen, die ‚ihres Schöpfers gedenken in den Tagen ihrer Jugendkraft‘, und ihre guten Werke tragen zur Mehrung der Theokratie bei. Wir denken dabei an folgendes Beispiel: Drei junge Mädchen im Alter von 11, 15 und 17 Jahren lernten die Wahrheit von Jehovas Zeugen kennen und begannen zur Versammlung zu kommen. Ihre Eltern suchten sie davon zurückzuschrecken, indem sie die Bücher der Gesellschaft vernichteten, aber die Mädel überwanden diesen Widerstand, indem sie draußen im Stall studierten. Bald begann Lucienne, die jüngste, ihren Freundinnen vom Königreich zu erzählen, und als der Dorfprediger sie im Katechismus unterwies, sagten sie: „Aber, Herr Pfarrer, Lucienne sagt, das sei nicht so in der Bibel geschrieben.“ Dasselbe geschah Woche um Woche, bis eines Tages der Priester, aufs höchste gereizt, alle seine Pfarrkinder vor der kleinen Lucienne warnte. Aber das Mädelchen fuhr fort zu reden, und so ging der Priester schließlich zu ihrer Mutter und sagte: „Madame, Sie sollten Ihre Kinder davon zurückhalten, mit anderen über dieses zu reden. Wenn sie darauf beharren, die Bibel kennenzulernen, so sollten sie dies für sich behalten, ich warne Sie!“ Aber die Mutter erwiderte: „Konnten Sie je ein Mädel am Reden hindern?“ Natürlich konnte sie nichts daran hindern, von dem Guten überzusprudeln, das sie gelernt hatten, und bei der folgenden Kreisversammlung wurden die drei Mädchen getauft.
Eines ist sicher: die Geistlichkeit muß den Eifer der Zeugen Jehovas anerkennen. Die Bewohner eines Städtchens sagten zu den vorsprechenden Zeugen: „Monseigneur hat gegen euch gepredigt. Er sagt, ihr hättet großen Eifer, und wir sollten hierin eurem Beispiel folgen. Er sagt, ihr werdet errettet, weil Gott mit euch sei, aber er hat uns davor gewarnt, irgendeine von euren Schriften anzunehmen, weil sie der Heiligen Schrift eine falsche Auslegung gäben.“ Doch trotz dieser Warnung gab ein Herr einem Bruder 100 Franken und sagte: „Was Sie sagten, ist die Wahrheit. Nehmen Sie dieses Geld und verwenden Sie es für Ihr Werk. Ich habe den Vatikan besucht, aber diese Leute vertreten nicht Gott. Als ich in Paris war, beobachtete ich Jehovas Zeugen sowie die Art, wie sie handeln, und ich bin überzeugt, daß ihr die einzigen wahren Christen seid.“ Er nahm die angebotenen Schriften freudig entgegen.
Oft erfordert der Predigtdienst viel Takt. Folgendes ist ein Beispiel hiervon. Eine Schwester, die ein Kolonialwarengeschäft in einem Vorort von Paris betreibt, gab einem Reisenden jedesmal, wenn ihn seine Geschäfte in ihren Laden führten, Zeugnis. So ging es etwa ein Jahr lang, und der Reisende bekundete immer mehr Interesse. Bald begann er seiner Frau von der Wahrheit zu erzählen, und er wurde dabei so erregt, daß sie dachte, er werde noch den Verstand verlieren. Die Sache kam so weit, daß die Wahrheit im Hause trennend wirkte, und doch war der Mann überzeugt, daß seine Frau die Wahrheit annähme, wenn man sie ihr nur richtig darlegen könnte. Daher wurde veranlaßt, daß ein Verkündiger, der in der Nähe wohnte, sie daheim besuche, wie wenn er von Tür zu Tür ginge. Die Frau bekundete echtes Interesse an der Botschaft, und sie ergriff die Initiative und bat den Verkündiger, er möchte doch wiederkommen. Der Ehemann war überglücklich, daß seine kleine List gewirkt hatte, und nun ist die Wahrheit für jenes Haus ein Segen, und sie sind vereint wie nie zuvor. Beide wohnen dem Versammlungsbuchstudium und den Versammlungen bei und haben den Königreichsdienst aufgenommen.
Ich kann diesen Bericht nicht abschließen, ohne den wunderbaren Kongreß zu erwähnen, der in New York stattfand. Ein ganzes Jahr lang drehte sich all unser Denken und Reden nur um dieses großartige Treffen. Schließlich konnten 72 Brüder als französische Delegierte den Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß besuchen. Sie sind voll Freude nach Frankreich zurückgekehrt, gestärkt mit einer noch klareren Vision der theokratischen Organisation.
DAS SAARGEBIET
1946 1947 1952 1953
Predigende Verkündiger 127 186 605 637
Der Einfluß der Katholischen Kirche auf die Verwaltungsbehörde erschwert den Zeugen Jehovas ihr Werk im Saargebiet. Dies verhält sich besonders so in den kleineren Städten und Dörfern. Wir werden „falsche Propheten“ genannt, und es ist sozusagen unmöglich, Schriften bei den Leuten zurückzulassen. Gesuche um die Benutzung von Sälen für öffentliche Vorträge werden stets glatt abgelehnt.
Ein Pionier schreibt: „Ich kam mit einem älteren Herrn in Berührung, der zwei Abonnements aufgab. Sogleich konnte ich mit ihm ein Heimbibelstudium vereinbaren. Auch seine Frau wohnte diesem bei, und sie waren sehr freundlich. Der Mann schien jedoch die Wahrheit nicht so leicht zu erfassen. Er sah immer gedankenvoll aus, wenn wir eine Grundlehre der Bibel besprachen. Eines Tages jedoch, als wir das Studium begannen, war ich überrascht, zu sehen, daß er ein kleines Notizbuch mit Schrifttexten angelegt hatte, die nach den studierten Themen gruppiert waren. Er bat mich, das Notierte nachzuprüfen, um zu sehen, ob es recht sei. Alles war richtig vermerkt. Wie froh war er, sein Verständnis bestätigt zu sehen! Kurz danach begann er, ausgerüstet mit seiner Bibel und dem kleinen Notizbuch, den Leuten seines Dorfes zu predigen. Er lud die Leute in sein Haus ein, wo ich vor 9 Personen eine öffentliche Ansprache hielt. Auch der Bürgermeister wohnte einer der in seinem Hause stattfindenden Studien bei. Er half uns zudem, in der Nachbarstadt einen Saal zu mieten, wo wir öffentliche Vorträge abhalten konnten. Der Besuchte ist jetzt ein regelmäßiger Königreichsverkündiger und wurde bei unserer letzten Kreisversammlung getauft.“
Eine weitere Erfahrung lautet: „In unserem nichtzugewiesenen Gebiet fand ich ein junges Ehepaar, das mich bat, wiederzukommen und das Buch ‚Dies bedeutet ewiges Leben‘ mit ihnen zu studieren. Nach drei Malen des Studiums besuchten sie eine Kreisversammlung. Danach ging das Studium mit noch mehr Begeisterung weiter, denn alles, was sie anläßlich dieser Versammlung gehört hatten, hatte ihnen sehr gefallen. Bald sagten sie mir, e i n Studium in der Woche genüge ihnen nicht. Ich lud sie ein, ein weiteres Studium zu besuchen, das 8 km von ihrem Hause entfernt stattfand. Auch diesem wohnten sie bei. Als ich sie einlud, zu unserem Versammlungsbuchstudium zu kommen, konnten sie es indes nicht versprechen, da die Entfernung zu groß sei. Vor zwei Wochen nun zeigten sie mir ihr neues Motorrad — ah, damit also hatten sie die Entfernung überwunden! Jetzt besuchen sie regelmäßig unsere Versammlungen, und es ist nichts Ungewöhnliches, beim Ausziehen in den Felddienst das Rattern ihres Motorrades zu hören!“
SCHWEIZ
1942 1947 1952 1953
Predigende Verkündiger 1 353 1 645 3 011 3 309
Die Watch Tower Bible and Tract Society hat ein Büro und eine Druckerei in Bern, Schweiz, wo viel Arbeit getan worden ist, um eine Anzahl Orte in Europa mit Schriften zu versehen. Die Schweizer Brüder haben sich der Arbeit im nichtzugewiesenen Gebiet ihres Landes gut angenommen und auch der Einladung der Gesellschaft, zum Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß in New York zu erscheinen, großartig Folge geleistet. Auch führen sie einen wirklichen Kampf um die Freiheit, damit diese gute Botschaft vom Königreich nach allen Teilen der Schweiz hindringe. Der Zweigdiener gibt uns einen interessanten Überblick über das, was im letzten Jahr geschehen ist.
So „schwarz“ gewisse Teile der katholischen Schweiz auch sein mögen, wirken Jehovas Zeugen unter der katholischen Bevölkerung doch nicht umsonst. „Ich bleibe katholisch“, erklärte eine Frau der Pionierin, die ihr das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“ überbracht hatte und nun einen Nachbesuch bei ihr machte. „Tun Sie das, was Ihr Gewissen Sie tun heißt“, entgegnete die Pionierin, und damit war der Weg zum Beginn eines Bibelstudiums gebahnt. Im Verlaufe dieses Studiums wurden viele Fragen beantwortet, und bald besuchte die Frau die Versammlungen; dennoch ging sie nach wie vor in ihre Kirche. Aber sie verglich nun die Predigten und Zeremonien mit dem, was sie aus der Bibel gelernt hatte, und eines Tages fragte sie, ob sie wohl die Messe besuchen dürfe? „Tun Sie stets das, was Ihr Gewissen Sie tun heißt, nachdem Sie über einen Gegenstand eine Erkenntnis aus der Heiligen Schrift gewonnen haben“, antwortete die Pionierin. Dann kam das Studium des Kapitels „Lösegeld“. Nach der Beendigung desselben war sie vom Inhalt so überwältigt — besonders von dem Gedanken, daß die Messe eine sich stets wiederholende Opferung Jesu darstellt, während doch durch Jesu Opferung seiner selbst die Versöhnung ein für allemal bewirkt wurde —, daß sie ausrief: „Wissen Sie, warum ich all diese Dinge lernen will?“ — Warum? — „Damit ich sie anderen erzählen kann!“ Drei Wochen später gestand sie, sie habe die Messe seither nicht mehr besucht, und sie könne dies auch nicht mehr tun. Die Kreisversammlung nahte, und siehe da! sie, die erklärt hatte, ‚katholisch zu bleiben‘, bekundete dort ihre Hingabe an Jehova! Nach ihrem eigenen Willen ist sie nicht mehr katholisch, sondern eine Verkündigerin der neuen Welt.
„Der Wachtturm verkündet als einzige Zeitschrift Jehovas gekommenes Königreich!“ rief ein Zeuge Jehovas in seinem Dienst auf einem verkehrsreichen Platz in B. Ein Herr schritt geradewegs auf ihn zu: „Den Wachtturm muß ich haben; ich interessiere mich sehr für Jehovas Königreich. Kürzlich erhielt ich in O. bereits das Buch ‚Gott bleibt wahrhaftig‘.“ Eine lebhafte Diskussion entwickelte sich. „Was, Sie waren Mönch?“ rief der Zeuge überrascht aus. „Jawohl“, entgegnete der Herr, „und weil ich die Wahrheit von Kindheit an liebte und sie suchte, erkannte ich bald, daß die katholische Religion nicht das Richtige sein kann“. Ein Nachbesuch wurde verabredet, bei welcher Gelegenheit viele biblische Fragen beantwortet wurden, wobei der Zeuge erfahren konnte, daß dieser ehemalige Mönch, enttäuscht von seiner Religion, das Kloster verlassen hatte und von einer Sekte zur anderen gegangen war. Durch den Kontakt mit Jehovas Zeugenvolk weitete sich bald sein geistiger Horizont, er erfaßte spontan die Wahrheit, und bald besuchte er das Wachtturm-Studium der Versammlung, wo er sich am Antwortgeben rege beteiligte. Zwei Monate später folgte die Kreisversammlung: der ehemalige Mönch ist dabei, zieht in den Felddienst mit, ist begeistert von der theokratischen Arbeit und dem ganzen Kreisversammlungsverlauf. Soeben trifft seine Quartieranmeldung für den Landeskongreß ein mit dem Vermerk: „Ich melde mich zur Taufe an“.
Das Hauptereignis dieses Dienstjahres bildete bestimmt der Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß der Zeugen Jehovas im Yankee-Stadion in New York vom 19.-26. Juli. Welch ein gewaltiges Ereignis für die 100 Besucher aus der kleinen Schweiz! Davon stammten 30 allein aus der Bethelfamilie, von denen manche wegen ihrer mehr als 20jährigen Tätigkeit im Berner Bethel von Dir, Bruder Knorr, dank der wunderbaren Freigebigkeit unserer amerikanischen Brüder zum Kongreßbesuch eingeladen worden waren. Groß war ihre Wertschätzung für dieses Vorrecht und besonders auch dafür, mit der Brooklyner Bethelfamilie zusammen wohnen zu dürfen.
Während des vergangenen Dienstjahres wurden unserem Büro 32 Fälle gemeldet, wo Verkündiger wegen ihrer Predigttätigkeit von der Polizei aufgeschrieben worden waren. Sechs dieser Fälle wurden brieflich oder durch persönliche Vorsprache mit Erfolg erledigt; 12 Fälle wurden vor Gericht gezogen, 7 davon zu unseren Gunsten entschieden, 3 gegen uns, und in 2 Fällen ist das Urteil noch ausstehend. Gleichwie in den Vorjahren hat wiederum die Falschanwendung des Hausiergesetzes die meisten Schwierigkeiten hervorgerufen.
Zweifellos das wichtigste Ereignis im Rechtskampf des vergangenen Dienstjahres ist der Sieg, den uns Jehova nach 5jährigem Kampf im Kanton Waadt schenkte, der eingehend in der Zeitschrift Erwachet! vom 22. November 1953 beschrieben worden ist.
Eine ähnliche Sachlage entstand im katholischen Kanton Solothurn, als das Obergericht dieses Kantons zwei günstige Entscheide von Bezirksgerichten, wodurch unsere Verkündiger von der Anklage auf Hausieren ohne Patent freigesprochen worden waren, umstieß. Dasselbe Obergericht änderte aber seine Praxis am 18. September 1952, als es zum drittenmal diese Hausierfrage zu behandeln hatte.
Das Polizeidepartement dieses Kantons, das seit Jahren eine unfreundliche Haltung gegen Jehovas Zeugen einnimmt, war über diese Wendung der Dinge nicht erbaut. Im Januar 1953 wurden vier Verkündiger von der Polizei aufgeschrieben, als sie im Dorfe Schnottwil predigten, wo sie während Jahren gewirkt und niemals Schwierigkeiten gehabt hatten. Ein Sekretär vom Polizeidepartement verriet das Motiv, als er sagte: „Es ist wahr, Sie haben gewonnen, soweit es das Hausiergesetz angeht; deshalb müssen wir es halt jetzt mit dem Kollektiergesetz versuchen.“ Und sie versuchten es. Am 11. Mai fand die Verhandlung vor dem Bezirksgericht statt, wo trotz der offenkundigen Beweise, die die Anklage auf Kollektieren widerlegten, das Gericht alle vier Verkündiger mit der Begründung bestrafte, das Kollektiergesetz übertreten zu haben. Es war nur allzu offensichtlich, daß das Gericht eine Verurteilung wünschte. Wir reichten Kassationsbeschwerde ein.
Am 2. September 1953 kam der Fall vor dem Obergericht zur Behandlung. Unser Rechtsbeistand, ein Mitglied der Bundesversammlung, legte den drei Richtern wirkungsvoll dar, in welchen Punkten das betreffende Urteil falsch und willkürlich sei. Er zeigte, daß durch dieses Urteil eine Tätigkeit, deren einziger Zweck es ist, religiöse Ansichten zu verbreiten, als eine Tätigkeit klassiert worden sei, deren einziger Zweck es ist, Geld zu sammeln. Am Schlusse seiner Rede lud er das Obergericht ein, mitzuhelfen, die kostbaren Freiheiten zu stützen und die Tendenz zu bekämpfen, eine religiöse Tätigkeit unter dem Deckmantel eines nunmehr 150jährigen Sammelgesetzes zu verhindern.
Dann kam die Überraschung. Statt für die Polizei zu plädieren, trat der Staatsanwalt ebenfalls für Umstoßung des Urteils und für die Freisprechung der Verkündiger ein, indem er die Argumente unseres Rechtsanwaltes unterstützte! Darauf fällte das Obergericht das Urteil, und zwar: Umstoßung des Urteils der unteren Instanz, Befreiung der Rekurrenten von aller Schuld und Strafe, Auferlegung der Kosten an den Staat und Kostenentschädigung an die Angeklagten. Durch Jehovas unverdiente Güte war vor dem Solothurner Obergericht ein weiterer Sieg im Interesse der Glaubensfreiheit errungen! Wird das Polizeidepartement ihn anerkennen oder nach einer weiteren, vielleicht noch älteren Verordnung fahnden? Die Zukunft wird es zeigen.
ÖSTERREICH
1945 1947 1952 1953
Predigende Verkündiger 421 941 2 937 3 410
Es ist bestimmt nötig, daß wir uns an dem pastoralen Werk mit dem Hirtenfürsten beteiligen. Die beste Art, dieses Werk durchzuführen, besteht darin, von Haus zu Haus zu gehen und die Leute zu besuchen. Unsere Brüder in Österreich tun gerade dies, und Jehova segnet sie reich mit großartiger Zunahme. Hier folgen Berichte über glückliche Erfahrungen, die zeigen, wie schnell die wahren Schafe Folge leisten, wenn sie die Stimme des Rechten Hirten hören. Diese Auszüge sind dem Bericht des Zweigdieners entnommen.
Ein allgemeiner Pionier erzählt uns von den erhaltenen Segnungen: „In einem Dorf von nur 800 Einwohnern traf ich zwei interessierte Familien, die den Wachtturm abonnierten. In einer dieser Wohnungen machte ich wie gewöhnlich einen Nachbesuch am Montagmorgen und wurde mit großer Freude empfangen. Nach einigen Minuten klopfte es an die Türe, und Verwandte und Freunde, die von dieser Familie guten Willens eingeladen worden waren, kamen ebenfalls daher, um etwas von der Wahrheit zu hören; es waren ihrer 7, und sie hörten mit großem Interesse zu. Als ich weggehen mußte, wollten sie mich nicht gehen lassen, und ich mußte versprechen, am nächsten Sonntagnachmittag wiederzukommen. Der Sonntag kam, und nach einem warmen Willkommen klopften weitere an die Tür, und Verwandte und Freunde traten ein wie das letzte Mal. Doch konnte ich es kaum glauben: immer noch mehr neue Gesichter erschienen, und als die Tür hinter dem letzten zuging, waren insgesamt 16 Personen versammelt, die mich alle freundlich und erwartungsvoll anschauten. Welche Überraschung für mich, da wir alle aus Erfahrung ja wohl wissen, wie schwierig es ist, eine Person zu einer Versammlung zu bringen. Nun waren alle diese gekommen, ohne daß ich irgend etwas getan hatte. Meine Freude war am Ende dieses Nachbesuchs noch größer, als alle diese Leute ohne Ausnahme echtes Interesse bekundeten. Als Beweis hierfür erschienen 14 davon zum nächsten öffentlichen Vortrag, zu dem sie eine Stunde mit dem Fahrrad fahren mußten. Ein regelmäßiges Heimbibelstudium ist eingerichtet worden, und alle Teilnehmer nehmen an Verständnis rasch zu. Sie waren begeistert vom Wachtturm und baten mich, mit ihnen außer dem Buchstudium doch ein Wachtturm-Studium abzuhalten. Sechs gaben ihr Abonnement auf, so daß in diesem kleinen Ort 8 Wachtturm-Abonnenten wohnen, und zum Studium kommen mindestens 15 jedesmal. Zwei dieser Leute guten Willens wurden bald regelmäßige Verkündiger und haben im ersten Monat schon 25 Stunden im Felddienste verbracht.“
Ein Kreisdiener suchte ein einzelnes alleinstehendes „Schaf“ zu finden, und hier beschreibt er, wie er es gefunden hat: „Als ich Euren Brief erhielt, worin Ihr mir von einem alleinstehenden Interessierten sagtet, der mehr über die Taufe wissen wollte, bat ich einen jungen Bruder vom Orte, mich doch die 27 km lange Strecke in die Gebirgsgegend zu begleiten, wo dieser Mann wohne. Wir gingen um 9 Uhr morgens weg, aber wegen eines Defektes am Fahrrad mußten wir zu Fuß gehen und erreichten unseren Bestimmungsort erst spät am Nachmittag. In einem sauberen, strohbedeckten Häuschen wurden wir freundlich aufgenommen und von der Frau und zwei Kindern bewirtet. Der Mann war nicht daheim, aber wir besprachen verschiedene Schrifttexte mit der Familie und so verflossen rasch zwei Stunden. Es tat uns leid, daß wir den Mann nicht treffen konnten, aber wir gingen fort mit dem Versprechen, wiederzukommen. Auf unserem Heimweg schien der Mond hell, und der Himmel stand voller Sterne. Gerade als wir aus einem Walde traten, stießen wir auf einen Mann, und — welch glückliche Überraschung! — es war gerade jener, den wir hatten sehen wollen! Welche Freude! Sein Gesicht strahlte, als er uns sagte, er komme eben von einem Bibelstudium, das er regelmäßig mit einem jungen Manne im nächsten Dorfe abhalte, und dieser junge Mann wolle nun in den Pionierdienst eintreten. Bestimmt hatten wir allen Grund, überrascht zu sein, denn hier sprach ein Mann, der nie zuvor einer Versammlung der Zeugen Jehovas beigewohnt hatte. Er hatte bloß seit einiger Zeit den Wachtturm gelesen, da er Abonnent geworden war, nachdem ein Bekannter zu ihm davon gesprochen hatte. Am nächsten Tage kam er zur Versammlung herüber, und über das Wochenende nahm er eifrig am Felddienst teil. Er erwies sich als reif in der Wahrheit und wurde bei der Kreisversammlung getauft, welche in der folgenden Woche stattfand.“
Der Neue-Welt-Gesellschaft-Kongreß im Yankee-Stadion ist natürlich das hervorragende Ereignis für Jehovas Zeugen auf der ganzen Erde gewesen. So hatte denn auch in Österreich seine Ankündigung große Freude ausgelöst, und monatelang waren unsere Herzen vereint in dem Gebet, daß Jehova alle Vorbereitungen zur größten Zusammenkunft von Christen, die je stattgefunden hat, segnen möge. Das erste Mal war es möglich, daß 19 Delegierte von Österreich einen Kongreß in den Vereinigten Staaten besuchen konnten. Alle Zurückgekehrten werden teilhaben an den drei Bezirksversammlungen im September und werden ihren Brüdern von den wunderbaren Dingen erzählen, die sie gesehen und gehört haben.