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Was ist mit den Gefängnissen nicht in Ordnung?Erwachet! 1972 | 8. April
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gezüchtigt, was Prügel, Brandmarkung oder Verstümmelung einschließen konnte.
Einige Verbrecher wurden bestraft, indem man sie in den Stock legte, der aus einem Holzgestell bestand, das mit Löchern versehen war, in die die Beine und manchmal die Handgelenke gesteckt wurden. Auf diese Weise war der Schuldige, der so sitzen mußte, dem öffentlichen Spott ausgesetzt, und dann wurde er freigelassen. Der Pranger war etwas Ähnliches; an einem Pfosten war ein Holzrahmen mit Löchern für den Kopf und die Hände des Straffälligen angebracht, der in stehender Haltung verharren mußte. Dadurch wurde er ebenfalls eine kurze Zeit dem öffentlichen Spott ausgesetzt, und danach wurde er freigelassen. Manchmal wurden Verbrecher verurteilt, als Sklaven zu arbeiten, oft auf Galeeren. Dies waren Schiffe, die zum Antrieb mit Ruderbänken ausgestattet waren. Der Straffällige mußte, meistens in Ketten, eine Zeit am Ruder verbüßen.
In den Vereinigten Staaten und in England wurde Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Todesstrafe auf über zweihundert verschiedene Straftaten angewandt. Für geringere Verbrechen wurden die Straffälligen körperlich gezüchtigt, zum Beispiel durch Prügel, Verstümmelung oder indem sie in den Stock gelegt wurden. Aber danach wurden sie freigelassen. Nur sehr wenige verbüßten eine Strafe, die heute als Gefängnisstrafe bekannt ist.
Im alten Israel sah das Gesetz, das Gott durch Moses gab, überhaupt keine Gefängnisse vor. Personen wurden nur dann vorübergehend in Gewahrsam gehalten, wenn ein Fall besonders schwierig war und noch erst geklärt werden mußte. (3. Mose 24:12; 4. Mose 15:34) Aber in der frühen Geschichte des alten Israel verbüßte niemand jemals eine Gefängnisstrafe.
Die Anwendung dieser frühen Methoden auf Verbrecher bedeutete, daß sehr wenig öffentliche Gelder für Straffällige ausgegeben wurden. Es brauchten wenig Gefängnisse oder Wärter unterhalten zu werden.
Änderung der Auffassung über die Bestrafung
Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert begann sich die Methode der Behandlung von Gesetzesübertretern aufgrund von Reformbewegungen zu ändern. Durch diese Reformen wurde die Todesstrafe für viele Verbrechen allmählich abgeschafft. In den letzten Jahren haben viele Länder ganz auf die Todesstrafe verzichtet. Auch die körperliche Züchtigung wurde allmählich abgeschafft. An die Stelle der Todesstrafe und der körperlichen Züchtigung traten Gefängnisstrafen.
Das bedeutete, daß es in den Gefängnissen nun Platz für viele Menschen geben mußte, in einigen Fällen für eine lange Zeit. Daher mußten viele Gefängnisse errichtet werden, in denen diese Straffälligen Platz hatten. Einige Gefängnisse, die in den Vereinigten Staaten erbaut wurden, hießen Zuchthäuser, auf englisch „penitentiaries“, was wörtlich etwa „Bußhäuser“ bedeuten würde, da man dachte, der Verbrecher würde dort bußfertig werden.
Diese ersten Gefängnisse waren jedoch oft Schreckenskammern. Anfangs wurden sowohl die Verurteilten als auch diejenigen, die auf ihre Verhandlung warteten (einschließlich der Unschuldigen), Männer und Frauen, Alte und Junge, Gesunde und Kranke, nicht vorbestrafte Personen und verstockte Verbrecher zusammen eingesperrt. Die Gefängnisse waren gewöhnlich von Ungeziefer verseucht, schmutzig und überfüllt. Sie wurden rasch zu Zentren körperlicher und sittlicher Entartung. Über ein typisches Gefängnis in England hieß es in der Zeitschrift The Gentleman’s Magazine aus dem Jahre 1759:
„Es ist in all seinen Teilen zu einer Schule der Verderbtheit geworden. Sobald der unbeschäftigte Anfänger in die Besserungsanstalt eingeliefert wird, kommt er in die Gesellschaft von Straßenräubern, Einbrechern, Taschendieben und umherbummelnden Prostituierten, er wird Zeuge der abscheulichsten Gottlosigkeit und liederlichsten Unzüchtigkeit und läßt im allgemeinen jede gute Eigenschaft, die er mit hereingebracht hat, zusammen mit seiner Gesundheit zurück.“
Im Jahre 1834 fuhr ein Beamter nach der Insel Norfolk Island, einer Sträflingskolonie etwa 1 400 Kilometer nordöstlich von Sydney (Australien). Er wurde dorthin geschickt, um einige Männer zu trösten, die hingerichtet werden sollten. Über sein Erlebnis schrieb er:
„Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß die Männer, die sterben sollten, einer nach dem anderen, während ich ihren Namen aussprach, auf die Knie fielen und Gott dankten, daß sie von jenem schrecklichen Ort [durch Hinrichtung] erlöst werden sollten, während die anderen, deren Urteilsvollstreckung ausgesetzt werden sollte, stumm dastanden und weinten. Es war die schrecklichste Szene die ich je erlebt habe.“
Noch im zwanzigsten Jahrhundert sind die Verhältnisse in den Gefängnissen selbst in den Vereinigten Staaten oft abscheulich gewesen. Nach einer Gefängnisinspektion Anfang der 1920er Jahre war ein Beamter über die Behandlung der Gefangenen so entsetzt, daß er erklärte: „Wir hatten es mit Greueltaten zu tun.“
Statt also für die Untersuchungshaft dazusein, wurden die Gefängnisse während des größten Teils der letzten Jahrhunderte immer mehr zu Strafanstalten. Die Haft, die Verhältnisse, die Einstellung gegenüber den Gefangenen, all das war eine schreckliche Qual. Aber die meisten Menschen akzeptierten dies anscheinend als die bessere Methode, andere vor der Verübung von Verbrechen abzuschrecken und auch den, der eine Strafe verbüßt hatte, davor abzuschrecken, weitere Verbrechen zu begehen. Man glaubte, er würde diese Qual nicht noch einmal mitmachen wollen. Aber es wurde wenig oder gar nichts versucht, die Straffälligen zu bessern, damit sie nützlichere Glieder der Gesellschaft würden.
In dieser Phase der Behandlung von Gesetzesübertretern wurden Gefängnisse also als bedauerliches, aber notwendiges Übel betrachtet. Wenn andere die Härten verdammten, unter denen Gefangene zu leiden hatten, hörte man häufig als Antwort: „Sie hätten aufpassen sollen, damit sie nicht dorthin gekommen wären.“
Doch erwiesen sich die Gefängnisse entsprechend dieser Auffassung als ein besseres Abschreckungsmittel gegen Verbrechen? Waren sie besser als die früheren Methoden, nämlich die Todesstrafe und die körperliche Züchtigung?
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Erfüllen Gefängnisse ihren Zweck?Erwachet! 1972 | 8. April
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Erfüllen Gefängnisse ihren Zweck?
NEIN, die Auffassung, eine Gefängnisstrafe hindere Menschen daran, Verbrechen zu begehen, erwies sich nicht als richtig. Die Verbrechen nahmen sogar zu.
Auch war eine Gefängnisstrafe denen, die sie verbüßt hatten, nicht zum Nutzen. Gewöhnlich hatte das Gefängnis eine negative Wirkung. Das war eine Ironie, denn die Gesellschaft sperrte den Straffälligen ein, weil er für die betreffende Gesellschaft ein schlechter Mensch war, aber die bedauernswerte Umgebung machte den Straffälligen gewöhnlich noch schlechter. Dann wurde er entlassen und kam in die Gesellschaft zurück, und oft gelangte er schließlich wieder ins Gefängnis, und zwar für eine noch längere Zeit!
In neuerer Zeit erfuhr der Grundgedanke hinsichtlich der Gefängnisse einen weiteren bedeutenden Wechsel. Der neue, von aufrichtigen Reformern geförderte Gedanke war der, die Wiedereingliederung, die Besserung der Gefangenen, zu einem Hauptziel im Gefängnisleben zu machen.
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