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Herzinfarkt — Wie man dieser Zivilisationskrankheit begegnen kannErwachet! 1975 | 8. November
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Herzinfarkt — Wie man dieser Zivilisationskrankheit begegnen kann
Eine junge Frau schildert, wie dieser Mörder ihre Mutter anfiel und wie Wissen ihr geholfen hat, die Lage zu meistern
JEDES Jahr erleiden in den Vereinigten Staaten von Amerika weit über eine Million Menschen einen Herzinfarkt. Unter diesen war auch meine Mutter. Sie schilderte ihren Anfall wie folgt:
„Auf dem Weg zur Arbeit verspürte ich plötzlich einen Druck in der Brustbeingegend. Ich griff mir an die Brust und dachte: ,Was ist denn los? Habe ich etwas gegessen, was mir nicht bekommen ist?‘
Ich fühlte mich sehr elend und mußte längere Zeit stehenbleiben. Ich versuchte, tief zu atmen, aber wegen des starken Druckes gelang es mir nicht. Er schien vom Magen zu kommen, aber es war ein ganz anderes Gefühl, als ich je gehabt hatte.“
Mutter kann bestimmt froh sein, daß sie noch lebt — in den USA sterben nämlich jedes Jahr über 250 000 Menschen an einem Herzinfarkt. Herzerkrankungen fordern in diesem Land jährlich rund 750 000 Opfera. Bei weit über 50 Prozent der gesamten Todesfälle sind Herz- und Kreislauferkrankungen die Ursache.
Aber das Problem beschränkt sich nicht nur auf die Vereinigten Staaten — mit diesem Problem haben sämtliche Industrieländer der Welt zu kämpfen. Ich las folgende Worte des Harvardprofessors Dr. Jean Mayer: „Heute grassiert wieder eine Seuche wie in früheren Zeiten; denn in den westlichen Ländern stirbt fast die Hälfte der Männer an ein und derselben Krankheit (und bei den Frauen wächst die Zahl auch ständig).“
Man mag fragen: „Was ist die Ursache? Was kann ich tun, um einen Herzinfarkt zu verhüten? Oder was kann ich tun, wenn ich einen Infarkt erleide, um eine bessere Chance zu haben, ihn zu überstehen?“
Damals wußte ich es nicht, und seither habe ich festgestellt, daß nur wenig Menschen wissen, wie alles zusammenhängt. Das Erlebnis meiner Mutter veranlaßte mich, der Sache nachzugehen.
Der zweite Anfall
Meine Mutter merkte nicht, daß sie an jenem Freitagmorgen (Mai 1972) einen Herzinfarkt hatte. Sie glaubte, es sei eine Verdauungsstörung und sie sei außerdem übermüdet. Nachdem sie sich ein paar Minuten ausgeruht hatte, fuhr sie mit der U-Bahn zur Arbeit.
In der Woche darauf konsultierte meine Mutter den Arzt, aber er erkannte nicht, was sie hatte, daher ging sie wieder arbeiten. Sie erzählte mir, was ihr dann am Mittwoch passierte:
„Ich fühlte wieder den heftigen Druck in der Brust. Ich wand mich vor Schmerzen. Meine Kollegin, die es mit der Angst zu tun bekam, brachte mir ein Glas Wasser und fragte: ,Was ist denn los mit dir?‘
Ich entgegnete: ,Ich weiß es nicht, vielleicht sind es irgendwelche Blähungen. Ich habe das Gefühl, ersticken zu müssen.‘
Darauf sagte sie: ,Du solltest zum Arzt gehen.‘
Sie hatte recht. Die Werksklinik war nur zwei Häuserblocks weit entfernt. Während ich mit dem Fahrstuhl nach unten fuhr, steigerte sich der Druck in meiner Brust. Ich konnte kaum atmen, und mein Arm war so schwach, daß ich die Handtasche fast nicht zu tragen vermochte. Ich wankte wie eine Betrunkene, aber niemand kam mir zu Hilfe. Darauf betete ich zu Gott: ,Hilf mir, daß ich bis zum Arzt komme.‘ Es gelang mir gerade noch, die Tür zu öffnen, dann brach ich zusammen und war einen Augenblick bewußtlos.
Der Arzt untersuchte mich und wollte mich in ein Krankenhaus überweisen. Aber ich sagte: ,Ich fühle mich jetzt schon besser. Lassen Sie mich nach Hause gehen. Meine Tochter wird mich ins Krankenhaus bringen.‘ Da ich so beharrlich darum bat, ließ er mich gehen. Ich war so schwach, daß ich mich nur mit größter Mühe nach Hause zu schleppen vermochte.“
Erstaunlicherweise überlebt
Als ich nach Hause kam, stand Mutter am Spülstein und wusch Wäsche. Ich sagte: „Mama, was fehlt dir?“ Sie sah so blaß aus, so gelb. Wir wohnen schon beisammen, seitdem wir von Europa nach New York ausgewandert sind. Damals war ich noch ein kleines Mädchen. Mein Vater und unsere übrigen Verwandten sind im Zweiten Weltkrieg umgekommen.
Mutter redete kaum ein Wort und ging dann zu Bett. Etwa um 2 Uhr morgens rief sie mich. Sie hatte starke Schmerzen in der Brust und konnte kaum atmen. Ich stürzte ans Telefon und rief unseren Hausarzt an. Er sagte: „Geben Sie ihr etwas Whisky. Halten Sie sie schön warm, und beruhigen Sie sie, und wenn sie sich besser fühlt, bringen Sie sie ins Krankenhaus.“
Am darauffolgenden Morgen fuhren wir mit einem Taxi in ein New Yorker Krankenhaus. Mutter glaubte aber immer noch nicht, daß es ihr Herz sei, und wollte wieder nach Hause. Doch dann hatte sie einen weiteren Anfall. Sie stürzte zu Boden und rang nach Luft. Die Ärzte und Krankenschwestern kamen gelaufen.
Die Untersuchungen ergaben, daß es Mutters Herz war. Myokardinfarkt nannten die Ärzte es, und ihr Zustand war sehr ernst. Sie konnten es kaum glauben, daß sie noch lebte. Sie mußte vierundzwanzig Tage im Krankenhaus bleiben.
Als ich Mutter nach Hause holen durfte, war sie immer noch sehr schwach; die nächsten zwei Wochen verließ sie kaum das Bett. Was konnte ich für sie tun? Myokardinfarkt, Koronarverschluß, Koronarthrombose — ich wußte nicht, was diese Namen bedeuteten. Was war mit dem Herzen meiner Mutter nicht in Ordnung? Was verursachte diese Anfälle? Ich ging in die Bibliothek und holte mir einige Bücher, um es herauszufinden. Als ich kennenlernte, wie das Herz funktioniert, begann ich zu verstehen, was ihr fehlte.
Ein bewunderungswürdiges Organ
Ich erfuhr, daß das Herz im Grunde genommen unkompliziert gebaut ist. Es ist ein großer, in zwei Teile geschiedener Hohlmuskel. Jedes der beiden Abteile ist nochmals unterteilt. Der eine Abschnitt nimmt das Blut auf, und der andere stößt es aus. Der Abschnitt, in den das Blut einströmt, wird Vorhof genannt und der andere, aus dem das Blut ausgeworfen wird, Kammer. Es gibt somit einen rechten Vorhof und eine rechte Kammer und einen linken Vorhof und eine linke Kammer. Das Herz besteht also aus zwei getrennten Pumpen, die im gleichen Takt arbeiten.
Ich erfuhr, daß das Herz wie folgt funktioniert: Das Blut strömt vom Körper in den rechten Vorhof. Von dort gelangt es in die rechte Herzkammer. Nun zieht sich diese zusammen und treibt das Blut in die Lunge, wo der Austausch des Kohlendioxids gegen den Sauerstoff der Luft erfolgt. Von der Lunge fließt das mit Sauerstoff angereicherte Blut durch den linken Vorhof in die linke Herzkammer. Von dort wird es durch die Aorta oder Hauptschlagader in den Körper gepumpt.
Erstaunlicherweise hat jede einzelne der Millionen Zellen des Herzmuskels die Fähigkeit, sich selbständig zusammenzuziehen und zu erschlaffen. Dieses Zusammenziehen wird durch elektrische Impulse von dem sogenannten Sinusknoten gesteuert, der sich im rechten Vorhof des Herzens befindet. Das garantiert, daß sich die Muskelzellen im richtigen Rhythmus — etwa 70mal in der Minute — zusammenziehen. Die bei jeder Zusammenziehung ausgeworfene Blutmenge beträgt (in Ruhe) 30 bis 70 ccm (eine kleine Tasse voll). Je Minute werden vom Herzen 3 bis 4 l Blut ausgeworfen. Aber bei schwerer Muskelarbeit kann sich die Blutmenge auf 15 bis 30 l steigern.
Das Leistungsvermögen des Herzens überraschte mich. Die Ärzte sagen, wenn die Arbeit, die das Herz in einem siebzigjährigen Leben leiste, in eine einzige Kraftanstrengung gepreßt werden könnte, würde sie ausreichen, um zehn Schiffe (je 40 000 t) 1 m hoch zu heben. Es war ermutigend zu erfahren, wie leistungsfähig das Herz ist. Ich las auch, daß ein Herzspezialist sogar meint, daß der Blutkreislauf durch „Rekanalisierung“ der Gefäße, selbst wenn die ganze rechte Herzkammer ausfallen würde — durch Krankheit oder Verletzung —, wieder in Ordnung gebracht werden könne, worauf das Herz seine Arbeit fortsetzen würde. Er glaubt sogar, wenn über 75 Prozent des Muskelgewebes der linken Kammer zerstört würden, könne der übriggebliebene Muskel die Arbeit übernehmen und den ganzen Körper mit Blut versorgen.
Bedeutete das, daß der Herzmuskel bei meiner Mutter fast völlig zerstört war? Warum hatte ihr Herz beinahe versagt?
Die Ursache des Problems
Ich erfuhr, daß die Ursache des Problems eine ungenügende Ernährung des Herzmuskels war. Man mag jetzt fragen: „Wie ist das möglich, da doch täglich Tausende von Litern Blut durch das Herz strömen und es somit gewissermaßen im Blut ,schwimmt‘?“ Weil der Herzmuskel nicht durch das Blut ernährt wird, das durch seine Kammern strömt.
Man könnte das mit einem Tankwagen und dem Benzin vergleichen, das dieser für den Motor benötigt. Der Tankwagen mag Tausende von Litern Benzin zu den Tankstellen befördern, dennoch mag er plötzlich stillstehen, weil der Tank des Fahrzeuges leer ist. Das ist so, weil das Benzin, das der Tankwagen befördert, nicht den Motor des Wagens speist, sondern der Fahrer muß bei Tankstellen anhalten und tanken. So wird auch das Herz nicht durch das Blut, das durch seine Kammern strömt, ernährt, sondern durch das Blut, das in die Aorta ausgeworfen wird und durch die zwei Kranzgefäße des Herzmuskels zurückströmt.
Wenn das Blut in die Aorta ausgeworfen wird, fließt ein Teil sofort durch die Kranzarterien, die aus der Aortawurzel entspringen und so genannt werden, weil sie den oberen Teil des Herzmuskels ähnlich wie ein Kranz umgeben. Diese beiden Arterien verzweigen sich in kleinere Adern und schließlich in feine Haargefäße (Kapillaren), durch die der Sauerstoff und die chemischen Nährstoffe im Blut zu allen Teilen des Herzmuskels befördert werden. Von dem Blut, das das Herz in die Aorta auswirft, fließen etwa 5 bis 10 Prozent in die das Herz ernährenden Kranzgefäße. Ich erfuhr, daß es zu einem Herzinfarkt kommen kann, wenn diese Gefäße nicht in Ordnung sind.
Die Ursache des Problems sind Fettablagerungen in den Kranzarterien, die zu einem Leiden führen, das Arteriosklerose genannt wird. Die Ärzte veranschaulichen diesen Vorgang mit der Ablagerung von Rost in einer Heißwasserleitung. Mit der Zeit behindert der Rost den Durchfluß des Wassers.
Aber die Arteriosklerose bewirkt keine gleichmäßige Verengung der Blutgefäße. Die Ablagerungen kommen in gewissen Abständen vor, und an den übrigen Stellen mag das Lumen (der hohle Raum) des Blutgefäßes normal sein. Der eigentliche Blutstrom wird nicht unbedingt verlangsamt, da das Blut, nachdem es diese engen Stellen passiert hat, entsprechend schneller fließen mag. Aber ich konnte jetzt erkennen, wie die Arteriosklerose die Voraussetzungen für einen Herzinfarkt schaffen kann.
Wieso?
Gefäßverschluß führt zum Infarkt
Wenn Blut durch eine ungewöhnlich kleine Öffnung gepreßt wird, lösen Stoffe im Blut den Gerinnungsvorgang aus, so daß sich Blutgerinnsel oder Blutpfropfe (auch Thromben genannt) bilden. Die Gerinnungsfähigkeit des Blutes bewahrt uns normalerweise davor, daß wir verbluten, wenn wir uns verletzt haben, und trägt dazu bei, daß Wunden heilen. Aber wenn die Gerinnungsstoffe in dem stark eingeengten Blutstrom aktiviert werden, kann der so entstehende Pfropf die Blutzufuhr unterbrechen. Manchmal löst sich etwas von der Fettablagerung und verstopft ein Blutgefäß. Wenn ein Gefäß des Herzmuskels verstopft wird, spricht man von einer Koronarthrombose oder einem Koronarverschluß.
Ich erfuhr, daß die Folge dieser schlagartigen Unterbrechung der Blutzufuhr Myokardinfarkt genannt wird. „Myo“ kommt von dem griechischen Wort myos, das „Muskel“ bedeutet, „kard“ von cardia, das Herz bedeutet, und „Infarkt“ von einem lateinischen Wort, das den Sinn von „hineinstopfen“ hat. Die Bezeichnung „Infarkt“ bezieht sich auf einen durch Unterbrechung der Blutversorgung abgestorbenen Gewebsbezirk. Wenn es sich bei dem verstopften Gefäß um eine Arterie handelt, die einen großen Teil des Herzmuskels versorgt, führt das Absterben des Muskelgewebes gewöhnlich zum Herzstillstand — zu einem tödlichen Herzinfarkt.
Für mich war es interessant zu erfahren, daß Arteriosklerose auch in einem anderen Körperteil einen Gefäßverschluß bewirken kann, aber aus irgendeinem Grund ist die Gefahr des Herzkranzgefäßverschlusses am größten. Wenn eine Arterie im Gehirn durch ein Gerinnsel verschlossen wird, kommt es zu einem Schlaganfall. Beim Herzmuskel dagegen führt ein Gefäßverschluß zum Myokardinfarkt, das heißt zum Herzinfarkt.
Herzinfarkt ohne Gefäßverschluß
Ich fand jedoch heraus, daß bei vielen Herzinfarkten — vielleicht bei der Mehrzahl — kein Blutgerinnsel die Ursache ist, sondern lediglich eine Verengung der Blutgefäße zufolge von Arteriosklerose. Es kann sogar zu einem tödlichen Infarkt kommen, wenn der Herzmuskel nur minimal beschädigt ist. Warum hören verhältnismäßig gesunde Herzen auf zu schlagen?
Offenbar benötigt in diesen Fällen das Herz mehr Blut, um eine körperliche oder seelische Notsituation zu meistern, doch die Blutzufuhr durch die verengten Gefäße ist ungenügend. Selbst wenn nur ein kleiner Teil des Herzmuskels eine Zeitlang kein Blut erhält, tritt eine Störung des Reizbildungssystems ein, so daß sich die Herzmuskelfasern nicht mehr rhythmisch zusammenziehen. Dann kommt es zu dem sogenannten Herzkammerflattern, auch Herzkammerflimmern genannt. Das ist eine ungewöhnliche und ernste Störung, bei der die Herzmuskelfasern sich ungleichmäßig zusammenziehen; das Herz stellt seine Tätigkeit ein, weil sie nicht mehr gesteuert wird. In wenigen Minuten tritt der Tod ein, wenn es nicht gelingt, die rhythmische Zusammenziehung der Herzkammern wiederherzustellen. Auf diese Weise versagen jedes Jahr Tausende von verhältnismäßig gesunden Herzen.
Unerkannte Anfälle und Genesung
Zu meiner Überraschung erfuhr ich, daß es auch Infarkte gibt, die fast unbemerkt ablaufen. Die Herzspezialisten schätzen, daß vielleicht 20 Prozent der ersten Anfälle von den Patienten gar nicht bemerkt werden. Es mag nicht plötzlich, sondern im Laufe von Wochen oder Monaten zum Verschluß eines Kranzgefäßes kommen. Später, wenn bei einer Routineuntersuchung ein EKG gemacht wird, wird der Herzschaden dann vom Arzt entdeckt.
Ferner kommt es oft vor, daß die Symptome nicht als Infarktsymptome erkannt werden, wie zum Beispiel bei meiner Mutter. Sie dachte, wie viele andere Infarktpatienten, sie hätte sich den Magen verdorben. Typische Symptome können Übelkeit, Müdigkeit und auffällige Blässe („graue“ Haut) sein. In einem Bericht wurde folgender charakteristische Fall angeführt:
Ein Mann Mitte Siebzig ging wegen anhaltender Herzbeschwerden zum Arzt. Das EKG zeigte zwei alte Koronarverschlüsse — ein Pfropf hatte bewirkt, daß ein Teil des Herzmuskels abgestorben war. Der Mann erinnerte sich daran, etwa 25 Jahre vorher einen Anfall gehabt zu haben, den er aber für eine heftige Verdauungsstörung gehalten hatte. Etwa zwei Jahre danach hatte er einen weiteren Anfall gehabt, war aber nicht zum Arzt gegangen. Dennoch wurde er über 70 Jahre alt. Die Ärzte sagen, daß es Tausende solche Fälle gebe.
Die Ärzte können wenig tun, was zur Heilung des betroffenen Herzmuskelbezirks beitragen würde. Wenn das Herz den Infarkt übersteht — wenn es also nicht zu dem tödlichen Kammerflimmern kommt —, muß dem Herzmuskel Zeit gelassen werden zu vernarben. Der Patient braucht zuerst und vor allem strengste Bettruhe, damit die „Herzwunde“ heilen kann. Dadurch werden die lebenden Muskelfasern so nahe wie möglich zusammengezogen, so daß sie ohne das abgestorbene Gewebe funktionieren können.
Der Arzt zeigte uns Mutters EKG und erklärte uns, woran man erkennen könne, daß ein Pfropf die Koronararterie verstopft und bewirkt habe, daß ein Bezirk des Herzmuskels abgestorben sei. Sie müsse, sagte er, vor allem ruhen und das Herz möglichst wenig belasten, damit es heilen könne. Mutter begriff nicht, wie wichtig diese Genesungszeit für einen Herzpatienten ist. Doch durch ein furchtbares Erlebnis wurde es ihr dann klar.
Eine weitere Krise
Mutter konnte dieses Nichtstun kaum aushalten; sie wollte unbedingt arbeiten gehen. Es schien ihr auch wieder gutzugehen; wir waren sogar eine Woche auf dem Land in Urlaub gewesen. Aber offenbar hatte sie sich zuviel zugemutet.
Als ich ein paar Tage später abends nach Hause kam, hatte sie heftige Schmerzen — ihr linker Arm und die ganze linke Seite waren gelähmt. Ich rief den Arzt an, der sie im Krankenhaus behandelt hatte. Er sagte, ich solle sofort mit ihr ins Krankenhaus kommen. Aber Mutter war der Meinung, das sei nutzlos. Da ich sie nicht zwingen konnte, bat ich den Arzt, zu uns zu kommen. Aber er sagte, er könne nicht kommen.
Darauf fragte ich: „Was kann ich denn tun?“
„Abwarten und Tee trinken und mit dem Schlimmsten rechnen“, entgegnete er, „sie mag gelähmt bleiben, einen Schlaganfall erleiden oder sogar sterben. Sie können da nichts tun.“
Darauf rief ich den Herzspezialisten an, der sie vorher untersucht hatte. Er zeigte mehr Mitgefühl, sagte aber ebenfalls, er könne leider nicht kommen. Es war zum Verzweifeln. Ich war so aufgeregt, daß ich nicht mehr denken konnte.
Darauf kniete ich nieder und betete. Ich bat Gott, mir Kraft zu geben und mich zu leiten. Als ich aufstand, war ich wieder ruhig. Ich nahm eines der Gesundheitsbücher zur Hand, die ich immer noch hatte, und schlug darin nach.
Hilfe in Notfällen
Darin hieß es, man solle dem Patienten wenigstens drei bis vier Tage keine feste, sondern nur flüssige Nahrung geben. Ich gab Mutter also alle zwei bis drei Stunden eine knappe halbe Tasse Pampelmusen- oder Apfelsinensaft. Einige Tage später begann ich, ihr zum Mittagessen eine ganz kleine Portion gekochtes und zerdrücktes Gemüse zu geben.
In dem Buch hieß es auch, man solle den Patienten warm halten, ihm Einläufe und zweimal täglich ein heißes Senffußbad machen; vor allem aber solle man dem Patienten nicht erlauben, sich aufzusetzen oder gar zur Toilette zu gehen. Wir, meine Mutter und ich, sind jetzt der Meinung, daß es vielleicht Mutters Tod bedeutet hätte, wenn ich in jener Nacht versucht hätte, sie ins Krankenhaus zu bringen.
Ich nahm eine Woche frei und pflegte Mutter Tag und Nacht. Als ich wieder arbeiten ging, übernahm eine Freundin von uns die Pflege. Drei Wochen lang ließen wir Mutter nicht aufstehen. Allmählich fühlte sie sich besser, und sie durfte aufstehen.
Wir können dankbar sein, daß bei Mutter das Kammerflimmern nicht aufgetreten ist. Wenn das passiert wäre, hätte ich mir keinen Rat gewußt. Inzwischen aber habe ich die Methode der äußeren Herzmassage und der Mund-zu-Mund-Beatmung kennengelernt. Diese Methoden wurden in der Erwachet!-Ausgabe vom 8. November 1973 besprochen. Im vergangenen Jahr sagte ein Arzt, der der New York Heart Association angehört, daß von den 14 000 Infarkttodesfällen, die es jährlich in New York gebe, ungefähr 4 000 durch die Anwendung dieser Methode vermieden werden könnten.
Aber ich fragte mich, was wohl die Ursache dieser modernen Seuche sei — eine Frage, die sich bestimmt auch andere stellen, die unmittelbar davon betroffen werden. Mich interessierte, was zu den Ablagerungen in den Arterien führt, die dann Herzinfarkte auslösen können.
Unsicherheit und einander widersprechende Ansichten
Ich erfuhr, daß die Fachleute noch in mancher Hinsicht unsicher sind. Das zeigen die unterschiedlichen Schlußfolgerungen, die sie aus den Forschungsergebnissen ziehen. Bei den Ablagerungen in den Arterien und deren Verhärtung spielen jedoch Cholesterin und Fette (Glyceride) eine Rolle. Es gibt eine Reihe von Nahrungsmitteln, die Cholesterin enthalten. Aber auch unsere Leber und andere Organe produzieren Cholesterin. Bei vielen Personen lagern sich Fettstoffe in den Arterien ab, was sich katastrophal auswirkt. Warum?
Nach einer verbreiteten Ansicht, die auch die American Heart Association vertritt, erhöht sich der Cholesterinspiegel des Blutes durch übermäßigen Genuß von gesättigten Fetten und Cholesterin, und dieser erhöhte Fett- und Cholesteringehalt des Blutes ist für die Arteriosklerose verantwortlich. Doch ist jetzt auch erwiesen, daß der Cholesterinspiegel ebensosehr durch seelische Belastungen beeinflußt werden kann. Bei einem Versuch mit Buchhaltern zeigte es sich, daß ihr Cholesterinspiegel vor dem 15. April, dem Datum, an dem sie die Steuerbilanz fertig haben mußten, höher war als im Mai und Juni, zu einer Zeit also, in der sie nicht mehr unter Druck standen.
Aber es gibt auch andere Ansichten. So soll ein übertriebener Zuckergenuß eine anormale Produktion gewisser Hormone auslösen, besonders von Insulin. Das soll bewirken, daß der Blutfettgehalt (Triglyceride) steigt; dadurch sollen sich in den Arterien Fettstoffe ablagern. Nach anderen Experten soll hauptsächlich das Chlor im Trinkwasser für die Ablagerung von Fett verantwortlich sein.
Über eine Anzahl Faktoren, die einen Herzinfarkt begünstigen, sind sich die meisten Fachleute im großen und ganzen einig. Zu diesen Faktoren zählen außer psychischen Belastungen und einer zu fett- und zu cholesterinreichen Kost die Vererbung, das Rauchen, ein hoher Blutdruck und der heute so verbreitete Bewegungsmangel. Aber wie zugegeben wird, weiß man immer noch nicht, wie es zu der Arteriosklerose, der Ursache der meisten Herzinfarkte, kommt. Sehr wahrscheinlich spielt das Zusammentreffen mehrerer Faktoren eine Rolle, und möglicherweise sind es bei dem einen Patienten diese und bei dem anderen jene Faktoren.
Was man tun kann
Dennoch kann man, wie ich erfuhr, vernünftige vorbeugende Maßnahmen ergreifen. Der berühmte Herzspezialist Paul Dudley White sagte: „Die Menschen müssen sich das Schlemmen, das Faulenzen und das Rauchen abgewöhnen.“
Da weder Mutter noch ich rauchten, brauchten wir uns in dieser Hinsicht nichts abzugewöhnen. Aber nach dem, was ich gelesen hatte, mußten wir uns im Essen umstellen. Das bedeutete vor allem anstatt drei Hauptmahlzeiten mehrere kleine Mahlzeiten. Auch essen wir jetzt salzlos und verzichten auf Zucker und Kaffee. Und nur ganz selten essen wir Nahrungsmittel, die viel Cholesterin enthalten, zum Beispiel Milch, Butter, Speiseeis, Eier und fettes Fleisch.
Eine weitere wichtige Maßnahme, einem Herzinfarkt vorzubeugen, ist körperliche Betätigung. Etwas vom Besten sind regelmäßige Wanderungen in flottem Tempo. Dadurch wird offenbar die Durchblutung des Herzmuskels gefördert. Wenn jemand eine sitzende Beschäftigung hat, mögen sich die Arterien, die die Muskeln mit Blut versorgen, verengen, und viele kleine Blutgefäße mögen ganz verschwinden. Die Blutzufuhr zu den Muskeln mag deshalb verringert werden und entsprechend auch die Sauerstoffzufuhr.
Durch regelmäßige körperliche Betätigung erweitern sich jedoch die Arterien und können so mehr Blut befördern. Im Muskelgewebe bilden sich auch mehr Blutgefäße, was bedeutet, daß neue Bahnen für den Sauerstofftransport zur Verfügung stehen. Das ist besonders beim Herzmuskel ein Vorteil, denn selbst wenn eine Arterie „verstopft“ wird, mag durch die zusätzlichen Bahnen genügend Blut zum Herzmuskel befördert werden, so daß er nicht aus Mangel an Sauerstoff zu arbeiten aufhört.
Ganz langsam, im Laufe von Monaten, steigerte Mutter ihre körperliche Tätigkeit. Jetzt kocht sie wieder, putzt, wäscht usw. Ich bin überzeugt, daß sie sich — wie die Ärzte erstaunt feststellten — wieder so gut erholt hat, weil wir die erwähnten Ratschläge genau beachtet haben.
Ich glaube, daß zu den Faktoren, die bei meiner Mutter zu einem Herzinfarkt geführt haben, auch Mangel an Ruhe, falsche Ernährung und ganz besonders ihre Gewohnheit, sich zuviel Sorgen zu machen, zählten. Nach ihrem Herzinfarkt kaufte ich ihr daher einen kleinen Wellensittich und lehrte ihn die Worte sagen: „Mach dir keine Sorgen, Mutti. Sei fröhlich!“ Auch aus Gottes Wort, der Bibel, geht hervor, daß eine solche Einstellung wichtig ist. Wir lesen: „Angstvolle Besorgtheit im Herzen eines Mannes wird es niederbeugen“, aber: „Ein Herz, das freudig ist, tut Gutes als Heiler“ (Spr. 12:25; 17:22; 14:30).
Ich weiß, daß es wegen der Not und des Elendes in der heutigen Welt für viele schwierig ist, sich über etwas zu freuen. Aber ich habe festgestellt, daß es trotzdem Gründe genug gibt, glücklich zu sein; denn das zuverlässige Wort Gottes zeigt, daß die gegenwärtigen schlechten Verhältnisse ein Beweis dafür sind, daß die Zeit nicht mehr fern ist, da Gott, der Allmächtige, das bestehende System der Dinge beseitigen und alle am Leben erhalten wird, die ihm dienen (Matth. 24:3-14; 1. Joh. 2:17).
Dann wird sich die zuverlässige Verheißung, die Gott dem Menschen gegeben hat, erfüllen: „Er [Gott] wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen“ (Offb. 21:4). Wie schön wird es sein, wenn sich die Menschen einmal nicht mehr vor dieser Zivilisationskrankheit, dem Herzinfarkt, zu fürchten brauchen! (Eingesandt.)
[Fußnote]
a In der BRD betrug diese Zahl im Jahre 1972 rund 192 000.
[Diagramm auf Seite 17]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
DAS HERZ DES MENSCHEN
(Vorderansicht; Pfeile zeigen Strömungsrichtung des Blutes)
in den Körper
Aorta
Lungenarterie
in die Lungen
vom Körper
von der Lunge
rechter Vorhof
linker Vorhof
rechte Kammer
linke Kammer
vom Körper
[Diagramm auf Seite 18]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
ARTERIOSKLEROSE
1. Gesunde Arterie
2. Beginnende Arteriosklerose
(Fettablagerungen)
3. Fortgeschrittene Arteriosklerose
(die eingelagerten fettigen Massen verstopfen beinahe die Arterie)
[Diagramm auf Seite 19]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
KORONARTHROMBOSE
Blutpfropf (Thrombus) in Arterie
von der Blutversorgung abgeschnürter Bezirk des Herzmuskels (Infarkt)
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Du benötigst KaliumErwachet! 1975 | 8. November
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Du benötigst Kalium
KALIUM ist eines der leichtesten Metalle und ist so weich, daß es sich mit einem Messer schneiden läßt. Obwohl der menschliche Körper nur zu einem drittel Prozent daraus besteht, wird es als „Makromineral“ bezeichnet, weil dieser Prozentsatz im Vergleich zu anderen wichtigen Mineralien wie Eisen und Kupfer sehr groß ist.
Der Mensch benötigt jeden Tag etwas Kalium. Das liegt daran, daß der menschliche Körper täglich etwa 3 Gramm ausscheidet, die ihm wieder zugeführt werden müssen. Kalium ist für das Leben der Körperzellen unerläßlich. Wenn der Kaliumgehalt der Zellen zu niedrig wird, dringt Natrium aus der Flüssigkeit ein, die sich um die Zellen herum befindet, wie Wissenschaftler erklären. Dadurch wird das Säure-Base-Gleichgewicht in den Zellen verändert, und es tritt eine Vergiftung ein, die zum Tode führen kann.
Ein weiterer Grund, weshalb Kalium notwendig ist, ist die führende Rolle, die es bei der Verwertung von Eiweiß und Kohlenhydraten spielt. Kalium ist auch für die Muskelbewegungen erforderlich, besonders für die des unermüdlichen Herzens.
Wenn du nicht genügend Kalium erhältst, kann es sein, daß Muskelschwäche, Reflexstörungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Verstopfung oder Schlaflosigkeit eintreten. Vielleicht stellst auch du fest, daß du zu Teilnahmslosigkeit, Lustlosigkeit, Depressionen oder geistiger Verwirrung neigst oder sogar Herzanfälle bekommst. All das könnte auf einen Mangel an Kalium zurückzuführen sein. Tatsächlich sagen Sachverständige, daß Kaliummangel weit häufiger vorliegt, als man früher meinte.
Um sicherzugehen, daß dein Körper genug Kalium hat, solltest du dich vor einigen Dingen hüten. Achte zum Beispiel darauf, daß du nicht fast ausschließlich von Nahrungsmitteln lebst, die wenig oder kein Kalium enthalten. Dazu gehören alle stark verfeinerten Nahrungsmittel, zum Beispiel solche, die hauptsächlich aus weißem Mehl und weißem Zucker bestehen.
Doch noch wichtiger ist es, sparsam im Gebrauch von Nahrungsmitteln zu sein, die als Kalium-„Räuber“ bekannt sind. Der bekannteste Dieb ist Natriumchlorid, besser bekannt als gewöhnliches Tafelsalz. Salz ist zwar nötig, aber man sollte nur bescheiden davon Gebrauch machen. Ein anderer Kalium-„Räuber“ ist Lakritze.
Dann gibt es einige Arzneimittel, die dem Körper Kalium entziehen, zum Beispiel solche, die den Nieren helfen sollen und die als Diuretika bekannt sind, sowie gewisse Hormone, die als Heilmittel verabreicht werden, wie zum Beispiel Cortison.
Nahezu alle Nahrungsmittel enthalten etwas Kalium, aber wenn du sichergehen willst, daß du genug von diesem Mineral erhältst, dann solltest du dir darüber Gedanken machen, welche Nahrungsmittel eine hohe Konzentration Kalium enthalten. Rindfleisch, Lammfleisch, Leber und Truthahn stehen ganz oben in der Liste, aber auch einige Fischarten wie Kabeljau.
Einige der Gemüsesorten, die einen hohen Kaliumgehalt haben, sind rote Bete, Möhren, Sellerie, Spargel, Blumenkohl, Kartoffeln und Spinat. Eine sehr angenehme Art, an Kalium zu kommen, ist, Obst zu essen, zum Beispiel Aprikosen, Bananen, Apfelsinen, Pfirsiche, Pflaumen und getrocknete Feigen. Alle Nüsse enthalten ebenfalls viel Kalium. Nicht zu übersehen sind Nahrungszusätze wie Knochenmehl, Hefe, Melasse, Sonnenblumenkerne und Weizenkeime.
Da du Kalium benötigst, lohnt es sich, wenn du darauf achtest, daß du genug davon bekommst.
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