Eine freudige Einweihung auf Tahiti
FÜR Jehovas Zeugen auf Tahiti versprach der 15. April 1983 — ein Freitag — ein aufregender Tag zu werden. Auf diesen Tag war die Einweihung ihres neuen Zweiggebäudes festgesetzt worden. Es sollte der Förderung des Königreichspredigtwerkes auf den Inseln von Französisch-Polynesien dienen.
Der Tag rückte näher, und die Vorbereitungen liefen auf vollen Touren. Alle Beteiligten warteten gespannt auf die Gäste aus Fidschi und Neuseeland sowie auf die Ankunft eines Gliedes der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas, Lloyd Barry, und seiner Frau Melba. Doch jedem stellte sich unwillkürlich die quälende Frage, wie wohl das Wetter sein würde.
Eine Zeit der Wirbelstürme
Für Tahiti ist das Wetter gewöhnlich kein Problem. Sonnenschein, erfrischende Passatwinde und mehrere tropische Tiefs in der Regenzeit bilden die normale Wetterpalette. Doch im vergangenen Jahr war es anders. Zum erstenmal seit 1906 wurde Tahiti von mehreren verheerenden Wirbelstürmen heimgesucht. Schon im Dezember 1982 hatte der Hurrikan Lisa auf den Gesellschaftsinseln, deren größte Tahiti ist, Dächer abgerissen und Bäume entwurzelt. Kaum war die Ordnung einigermaßen wiederhergestellt, als Ende Januar 1983 der Hurrikan Nano, in dessen Zentrum Windgeschwindigkeiten von 130 Stundenkilometern erreicht wurden, weiteren Schaden anrichtete.
Ende Februar jagte ein schrecklicher dritter Hurrikan, Orama, mit einem riesigen Auge von über 70 Kilometern im Durchmesser und einer Windgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern über das Gebiet hinweg und zerstörte vieles von dem, was Nano verschont hatte. Die Ruhe schien wieder eingekehrt zu sein, da wurde den Bewohnern am 8. März ein neuer Hurrikan, Reva, gemeldet, bei dem Böen bis zu 180 Stundenkilometern auftraten. Als am 12. März das Zentrum dieses Hurrikans in einer Entfernung von 140 Kilometern an Tahiti vorüberzog, wurden in Papeete, der Hauptstadt der Insel, Bäume und Strommasten umgerissen.
Man machte sich daher Sorgen wegen des Wetters. War es der letzte Hurrikan für Tahiti? Würden die Gäste durch das Wetter daran gehindert zu kommen, und würde die Einweihung des neuen Zweigbüros verzögert werden? Die Antwort auf beide Fragen sollte ein Nein sein.
Die Gäste treffen ein
Tahiti hatte noch nicht seinen letzten Wirbelsturm erlebt. Am Montag, dem 11. April, wurde am Abend gemeldet, aus einem tropischen Tief namens Veena über den benachbarten Tuamotuinseln sei ein Wirbelsturm entstanden, der wahrscheinlich in Richtung Tahiti ziehe. Tatsächlich zog der Wirbelsturm, um dessen Auge Winde mit einer Geschwindigkeit von fast 200 Stundenkilometern fegten, in einer Entfernung von 40 Kilometern an der Südostküste Tahitis vorüber. Am frühen Morgen des Dienstags bekam die Insel den Orkan zu spüren.
Als er abgeklungen war, war von der Schönheit des Tropenparadieses Tahiti nicht mehr viel übrig. Wie es hieß, waren 3 043 Häuser zerstört und 3 199 beschädigt worden; 26 Schiffe waren gestrandet und 39 gesunken. Es gab 25 000 Obdachlose. Am 13. April erwachte Tahiti unter einem ungewöhnlichen Konzert von Hammerschlägen, die auf Holz und Blech widerhallten. Die Inselbewohner bauten wieder auf. Wie stand es aber mit der Bestimmungsübergabe des neuen Zweiggebäudes? Und was war mit den erwarteten Gästen? Würde es ihnen möglich sein, nach Tahiti zu kommen? Ein Flugzeug von Fidschi war bereits gezwungen gewesen umzukehren. Doch schließlich kam das Flugzeug, in dem sich die Gäste befanden, mit einigen Stunden Verspätung sicher an.
Donnerstag, der 14. April, war ein ausgefüllter Tag. Viele reparierten ihre beschädigten Häuser, und im neuen Zweiggebäude — das glücklicherweise unbeschädigt geblieben war — war man noch mit den allerletzten Vorbereitungen beschäftigt. Die Besucher hatten Gelegenheit, das neue tahitische Zweiggebäude zu besichtigen, das ungefähr 25 Kilometer von Papeete entfernt liegt. Sie betraten ein massives zweigeschossiges Haus, das Wohnraum für acht Personen bietet. Im Erdgeschoß befinden sich mehrere Büros, Lagerräume und eine Bibliothek, während im ersten Stock eine Küche, ein Eßzimmer, ein Wohnzimmer, eine Waschküche und vier Schlafzimmer untergebracht sind.
Das Einweihungsprogramm
Endlich war es Freitag, 15. April. Um 17 Uhr eröffnete Francis Sicari, ein Glied des tahitischen Zweigkomitees, als Vorsitzender das Programm mit Willkommensworten. Dann gab Alain Jamet, der Koordinator des Zweigkomitees, anhand von Lichtbildern einen Rückblick auf den Bau des Zweigbüros.
Nach dieser interessanten Vorführung kehrte Francis Sicari auf die Bühne zurück und schilderte die Entwicklung des Predigtwerkes in Französisch-Polynesien. Er erinnerte die 702 Anwesenden daran, daß Anfang der 50er Jahre ein paar Samenkörner auf den Inseln zu sprossen begannen. Im Jahre 1957 rief Nathan H. Knorr, der damalige Präsident der Watchtower Society, auf einem Kongreß in Los Angeles (USA) Freiwillige dazu auf, nach Tahiti zu gehen und dort zu dienen, wo Hilfe dringender benötigt wurde. Einige folgten diesem Aufruf, und das Wachstum wurde beschleunigt.
Um Versammlungen gründen zu helfen, sorgte die Gesellschaft dann dafür, daß von Zeit zu Zeit Vollzeitdiener Tahiti besuchten. Zu ihnen gehörten John und Helene Hubler, die das Werk im Jahre 1954 in Neukaledonien eröffnet hatten und heute noch in Neuseeland im Bezirksdienst stehen. Die Hublers waren als Gäste bei der Einweihung zugegen und wurden eingeladen, einige Erfahrungen zu erzählen. Helene beschrieb mit bewegten Worten die erste Gedächtnismahlfeier, der sie auf Tahiti beiwohnte. Die Feier fand unter einem wolkenlosen Himmel im Freien statt; der Vollmond schien durch die Kokospalmen, während die Luft vom Duft der Blumen erfüllt war und ein leichter Passatwind wehte. Dieses Bild hatte sich ihrem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt.
Auch Donald Clare, der Koordinator des Zweigkomitees von Fidschi, war anwesend. Er hatte das Werk in Polynesien mehrere Jahre mit beaufsichtigt, bevor Tahiti ein eigener Zweig wurde, und er erzählte nun einige Erfahrungen, die er auf seinen verschiedenen Reisen nach Tahiti gemacht hatte. Die Ungezwungenheit und Herzlichkeit der ersten Vollzeitprediger auf Tahiti zählen, wie er sagte, zu seinen liebsten Erinnerungen.
Den Hauptvortrag hielt Lloyd Barry. Die einheimischen Zeugen, die unter den Wirbelstürmen gelitten hatten, wurden dadurch sehr ermuntert. Die letzten Tage des gegenwärtigen Systems der Dinge würden sich durch Katastrophen auszeichnen, sagte er, doch Jehova könne, wenn er wolle, sein Volk am Leben erhalten. Wichtig sei, das Werk zu verrichten, das Jehova uns geboten habe, und zwar ungeachtet der Umstände (Matthäus 24:14; 28:19, 20). Viele ermutigende Erfahrungen aus allen Teilen der Welt würden uns zeigen, wie gut dieser Auftrag erfüllt werde und daß Jesus Christus und die Engel diese Tätigkeit unterstützten.
Warum errichtet die Gesellschaft solche Gebäude, wenn doch die Weltlage so unsicher ist? fragte Bruder Barry. Er erklärte, Jehovas Organisation erwarte, diese schwierige Zeit zu überleben. Gottes Volk werde ausgerüstet und organisiert, um in den abschließenden Jahren, bevor Harmagedon das Ende des Systems der Dinge herbeiführe, das größtmögliche Zeugnis zu geben. Und man hoffe, viele der neuen Gebäude in dem großen Reorganisationswerk nach Harmagedon zu verwenden.
Der Redner verglich das Einweihungsprogramm mit dem jüdischen Laubhüttenfest in alter Zeit. Für Gottes Diener war dieses Fest ein Anlaß großer Freude (5. Mose 16:13-15). Desgleichen sei es für die Versammelten ein Anlaß großer Freude, daß das neue Gebäude auf Tahiti ausschließlich dem Dienst für Jehova übergeben werde. Zum Schluß brachten alle Anwesenden ihre Entschlossenheit zum Ausdruck, weiterhin fest auf Jehovas Verheißungen zu vertrauen.
Ein weiterer Wirbelsturm
Durch das Einweihungsprogramm wurden alle sehr gestärkt und ermutigt. Die Gäste verschwanden fast unter den zahllosen Girlanden, mit denen sie von ihren tahitischen Freunden überhäuft worden waren. Am Montag, dem 18. April, zog dann der Hurrikan William vorüber und wütete besonders auf den östlichen Tuamotuinseln. Ungeheure Wellen gingen über die Atolle hinweg, und heftige Winde zerstörten Dörfer und Kokosnußplantagen. Auch dieser Hurrikan richtete großen Schaden an.
Die 496 Zeugen Jehovas, die unter der Aufsicht des Zweigbüros auf Tahiti tätig sind, waren glücklich, daß die Pause zwischen den Wirbelstürmen lang genug war, so daß die Einweihung ihres neuen Zweiggebäudes termingemäß stattfinden konnte. Sie waren darauf vorbereitet worden, ihren Mitmenschen noch eifriger die gute Botschaft vom Königreich zu verkündigen. Und sie freuten sich besonders, darauf hinweisen zu können, daß trotz Naturkatastrophen ‘in der Furcht Jehovas ein starkes Vertrauen liegt und es für seine Söhne eine Zuflucht geben wird’ (Sprüche 14:26).