-
Die Kirchen als UnternehmerErwachet! 1970 | 22. Mai
-
-
die Wahrheit des Wortes Gottes, durch die sie frei werden, zu predigen und zu lehren und verwickelt sich nicht in geschäftliche Unternehmungen. Sie beachtet die Belehrungen der Bibel und verwickelt sich nicht „in die Geschäfte des Lebens“. — 2. Tim. 2:4.
-
-
Die Sprache, die man „Pidgin“ nenntErwachet! 1970 | 22. Mai
-
-
Die Sprache, die man „Pidgin“ nennt
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Neuguinea
DIE Insel Neuguinea liegt nördlich von Australien; nach Grönland ist sie die größte Insel der Erde. Das gebräuchlichste mündliche Verständigungsmittel ist hier die Sprache, die man „Pidgin“ nennt oder, genauer ausgedrückt, „Melanesisch-Pidgin“.
Melanesisch-Pidgin ist eine verhältnismäßig neue Sprache, denn sie ist erst etwa einhundert Jahre alt. Sie besteht aus weniger als 2 000 Wörtern. Deshalb mag man meinen, sie enthalte einfach nicht genügend Wörter, um die gewünschten Gedanken ausdrücken zu können. Verwendet man die vorhandenen Wörter jedoch geschickt, erweist sich das Melanesisch-Pidgin als eine Sprache, in der man sich klar und deutlich ausdrücken kann.
Wie hat sich diese Sprache entwickelt? Welchem Zweck dient sie? Wie sagt man in dieser Sprache etwas, wenn man für eine bestimmte Sache, über die man sprechen möchte, kein passendes Wort hat? Wie ist man gegenüber Melanesisch-Pidgin eingestellt?
Ihr Ursprung
Pidgin ist eine Sprache, die sich hauptsächlich durch den Handel entwickelt hat, denn das Wort „Pidgin“ soll angeblich eine Verzerrung des englischen Wortes „business“ (Geschäft) sein. Im siebzehnten Jahrhundert hatten englische Kaufleute und Eingeborene entlang der chinesischen Küste eine Verkehrssprache entwickelt, die „Pidgin“ genannt wurde. Im Laufe der Zeit entwickelten sich dann in verschiedenen Gegenden viele Pidgin-Dialekte; sie dienten im allgemeinen dem gleichen Zweck.
Im Jahre 1788 begannen englische Einwanderer, Australien zu besiedeln, und bald darauf entwickelten sie ein australisches Pidgin, damit sie sich dort mit den Eingeborenen verständigen konnten. Das Werk Encyclopædia Britannica berichtet, wie sich diese Mischsprache von dort ausbreitete:
„Pidgin entwickelte sich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts entlang der Ostküste Australiens, lange bevor die Inseln des Pazifischen Ozeans für den Handel erschlossen wurden; deshalb muß man Australien als das Ursprungsland des pazifischen Pidgin betrachten. ... Das australische und das neuguineische Pidgin ähneln sich deshalb sehr. Der Wortschatz der Eingeborenen Neuguineas enthält viele Wörter, die aus dem australischen Pidgin stammen.“
Noch vor etwa hundert Jahren war die Insel Neuguinea der Außenwelt so gut wie unbekannt. Doch dann kamen immer mehr Kaufleute, Missionare und Siedler. Damals entstand das Melanesisch-Pidgin. Diese Sprache enthält viele Wörter, die aus dem Englischen stammen, und Lehnwörter aus dem Deutschen, Melanesischen, Polynesischen und Malaiischen.
Ihr Wert
Da diese Sprache recht unlenksam ist und „wie Unkraut wuchert“, hat man sich schon seit langem bemüht, Pidgin zu unterdrücken. Doch bereits im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts stellten deutsche Kaufleute fest, daß diese Sprache so fest in Neuguinea verwurzelt war, daß die Eingeborenen sich einfach weigerten, deutsch zu sprechen. Das ärgerte Ernst von Hesse-Wartegg, und er drang darauf, daß dieser „Pidgin-Unsinn“ durch ein vernünftiges Deutsch ersetzt werde. Doch alle Bemühungen in dieser Richtung bewirkten lediglich, daß einige deutsche Wörter in die Pidginsprache aufgenommen wurden.
Selbst heute noch ist Pidgin in den Schulen Neuguineas verboten. Einflußreiche Kräfte versuchen weiterhin, diese Sprache zu unterdrücken. Doch man kann nicht bestreiten, daß trotz allen Widerstandes das Melanesisch-Pidgin einen praktischen Zweck erfüllt. Welchen? Nun, betrachten wir die Verhältnisse in dieser abgelegenen Gegend.
Neuguinea ist eine Insel der hohen Berge, Hochebenen und versteckten Täler, die zum Teil noch kein Weißer erforscht hat. Hier wohnen viele Stämme, und die Eingeborenen sprechen über 500 verschiedene Sprachen! Manchmal bilden nur 5 000 Personen schon eine Sprachgruppe.
Früher hat es zwischen den Stammesgruppen nur wenige Handelsbeziehungen gegeben. Aber das ändert sich jetzt. Man benötigt deshalb ein Verständigungsmittel, das man leicht und schnell erlernen kann. Das Melanesisch-Pidgin erfüllt diesen Zweck. Immer mehr Angehörige verschiedener Stämme können sich nun miteinander verständigen, je weiter diese Sprache in die am schwersten zugänglichen Gebiete vordringt. In kurzer Zeit beherrschen sie die Sprache; eine verwickeltere Sprache zu lernen würde ihnen dagegen schwerer fallen.
Beschränkten Wortschatz geschickt gebrauchen
Die Zahl der Wörter in Melanesisch-Pidgin erhöht sich; doch es sind immer noch weniger als 2 000. Ältere Sprachen haben gewöhnlich einen weit größeren Wortschatz. Aber selbst mit dem begrenzten Wortschatz kann man sich klar und deutlich ausdrücken. Man muß nur lernen, die vorhandenen Wörter richtig zu gebrauchen.
Beachte, wie das Wort für Brot, nämlich „bret“, gebraucht wird. Da es kein Wort für Bäckerei gibt, sagt man „haus bret“, buchstäblich: „Brothaus“. Der Bäcker ist der „man bilong wokim bret“, d. h. „ein Mann, der Brot macht“. Ein Laib Brot ist einfach ein „hap bret“, was nicht einen halben Laib Brot bedeutet, sondern „ein Stück“ Brot. Ein in Scheiben geschnittenes Brot? Nun, das ist „bret ol i-katim pastaim“ oder „Brot, das vorher geschnitten worden ist“.
Es gibt zwar Dinge, für die man in Melanesisch-Pidgin kein passendes Wort hat, doch man kann gewöhnlich den Gedanken hinreichend klar ausdrücken. Obwohl es kein Wort für „Schöpfer“ gibt, ist es möglich, auszudrücken, was jener Titel bedeutet, nämlich „Man bilong wokim olgeta samting“, was buchstäblich bedeutet: „Derjenige, der alles macht“.
Melanesisch-Pidgin jetzt auch Schriftsprache
Es ist schwierig, literarische Werke in Melanesisch-Pidgin zu übersetzen. Teile der Bibel jedoch, das beste aller literarischen Werke, sind in diese Sprache übersetzt worden: die vier Evangelien, die Apostelgeschichte und einige Briefe des Paulus. Es ist anerkennenswert, daß die Bewohner Neuguineas diese Bücher erwerben und studieren.
Jetzt werden in Melanesisch-Pidgin immer mehr Druckerzeugnisse hergestellt. Öffentliche Bekanntmachungen, Merkblätter und Zeitungen erscheinen, und eine Anzahl Bücher sind jetzt in Melanesisch-Pidgin veröffentlicht worden. Auch die international verbreitete Zeitschrift Der Wachtturm wird in Melanesisch-Pidgin gedruckt, etwa 3 800 Exemplare je Ausgabe.
Heute geht es vor allem darum, daß sich Angehörige aller Rassen und Nationen miteinander verständigen können, und die Sprache, die man „Pidgin“ nennt, dient in Neuguinea diesem Zweck.
-