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Brauchen wir die Rechtsgelehrten?Erwachet! 1979 | 8. Juni
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Brauchen wir die Rechtsgelehrten?
„Das erste, was wir tun müssen, ist, daß wir alle Rechtsgelahrten umbringen“, läßt Shakespeare „Märten“ in dem Drama „König Heinrich VI.“ sagen. Und über Ivo (1253 bis 1303), den Schutzpatron der französischen Juristen, der wegen seiner tätigen Nächstenliebe und Verteidigung Hilfloser „Advokat der Armen“ genannt wurde, lesen wir: „Er war ein Rechtsgelehrter, aber kein Betrüger, was die Leute überraschte.“
Schon seit ältester Zeit besteht eine Abneigung gegen Juristen und Rechtsordnungen. Aber Bonmots wie die erwähnten sind nicht ganz objektiv. Es gibt viele gewissenhafte und tüchtige Juristen, die sich für Menschen, die unverschuldet in Schwierigkeiten geraten sind, einsetzen.
Rechtsgelehrte und Rechtsordnungen sind natürlich nicht imstande, alle Übel unserer modernen Zivilisation zu beseitigen. Wer mit der Rechtsordnung unzufrieden ist, beachte folgende Worte eines kanadischen Richters: „Das Durcheinander in der Rechtspflege spiegelt das Durcheinander in der Gesellschaft wider.“ Wie alle Institutionen der Menschen, so haben auch die Rechtsordnungen Licht- und Schattenseiten.
Zu den Schattenseiten zählt, daß der Zwang zur Befolgung der Gesetze lückenhaft und vielfach unwirksam ist. Die Statistik läßt unter anderem folgendes erkennen: überlastete Gerichte, teure Anwälte, unfaire Rechtsprechung, straflos ausgehende Delinquenten und Anstieg der Straftaten. Das Vertrauen der Öffentlichkeit schwindet.
Zu den Lichtseiten zählen die Gesetze und deren Durchsetzung. Beides ist für die Aufrechterhaltung einer Gesellschaftsordnung unerläßlich und für jedermann von Nutzen, nicht nur für Personen, die vor Gericht gehen. Die Tatsache, daß es einen Zwang zur Befolgung der Gesetze gibt — obgleich der Gesetzesvollzug seine Schwächen hat — schreckt manch einen davon ab, etwas Ungesetzliches zu tun. Das hat zur Folge, daß Leben und Eigentum des größten Teils der Bevölkerung verhältnismäßig sicher sind. Die Wirtschaft kann funktionieren — z. B. können Verbrauchsgüter, vor allem Lebensmittel, hergestellt werden —, weil es eine Rechtsordnung gibt, in der die Erfüllung von Verträgen und die Begleichung von Schulden erzwungen werden kann. Straftaten wie Mord, Einbruchdiebstahl und mutwillige Zerstörung werden zumindest bekämpft, wenn es nicht sogar gelingt, solch kriminellem Tun Einhalt zu gebieten.
Das zeigt, daß Juristen und Justiz — beides vielfach für selbstverständlich gehalten — den Menschen wertvolle Dienste leisten. Dennoch haben viele für Gerichte, Richter und Rechtsanwälte nicht viel übrig. Warum?
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Warum sie kritisiert werdenErwachet! 1979 | 8. Juni
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Warum sie kritisiert werden
Viele Leute betrachten die Juristen mit gemischten Gefühlen. Rechtsanwälte sind in ihrem Beruf gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die vielen nicht leichtfallen. Diese in Kanada, einem Land, das wie Großbritannien und die USA dem angelsächsischen Rechtskreis angehört, verfaßte Artikelreihe möchte einen sachlichen Einblick in diesen Beruf vermitteln.
LOIS G. FORER, Richter in Pennsylvanien, schrieb 1978 in einem Artikel, betitelt „Das Recht: übertriebene Versprechungen und mangelnde Erfüllung“: „Noch nie ist der Juristenstand so geringgeachtet worden wie heute ... Die Enttäuschung über die Rechtspflege und die Unzufriedenheit damit bedrohen Wohl und Lebenskraft unseres Volkes.“
Auch in England wird kritisiert und manch berechtigte Frage aufgeworfen. In der Einleitung zu einer Studie der Rechtsordnung in jenem Land wird behauptet:
„Wir werden gelehrt, der britischen Rechtsordnung volles Vertrauen zu schenken ... Darauf entgegnen wir, daß einige nie zu ihrem Recht kommen.“
Juristen üben überall Einfluß aus: in der gesetzgebenden Gewalt, der ausführenden Gewalt und der richterlichen Gewalt. Sie besitzen auch ein Monopol in bezug auf die Ausübung ihres Berufes. Der Juristenstand muß sich deshalb in gewissem Maße berechtigte Kritik gefallen lassen. Betrachten wir einige der häufig vorgebrachten Klagen:
Unterschiedliche Rechtsprechung für Reiche und für Arme
Im Jahre 1905 sagte US-Präsident Theodore Roosevelt:
„Viele der einflußreichsten und am besten bezahlten Anwälte ... arbeiten gewagte und raffinierte Methoden aus, die es ihren superreichen Klienten ermöglichen ..., die im Interesse des Volkes geschaffenen Gesetze zu umgehen.“
Fast sechs Jahrzehnte danach war die Situation immer noch so gut wie unverändert, denn der damalige Justizminister Robert Kennedy sagte: „Die Juristen müssen die Verantwortung dafür tragen, daß sich zwei Rechtsordnungen entwickelt haben und fortbestehen, nämlich eine für die Reichen und eine für die Armen.“
Natürlich sind die Juristen nicht dafür verantwortlich, daß es in unserer Welt Reiche und Arme gibt. Auch sind sie keineswegs die einzigen, deren Dienstleistungen vielfach mehr kosten, als ein Durchschnittsverdiener aufbringen kann. Aber die Anwaltsgebühren sind in Kanada oft so hoch, daß sich nicht einmal die Durchschnittsverdiener einen Anwalt leisten können.
In einer von der New York Times veröffentlichten Analyse des Anwaltsberufs konnte man lesen: „Kritiker innerhalb und außerhalb des Juristenstandes behaupten, daß es zu viele Gesetze und zu viele Juristen gibt und daß sich die Rechtsanwälte durch zu hohe Gebühren um ihre Stellung auf dem Markt bringen.“ Charles D. Breitel, Präsident des Berufungsgerichts des Staates New York, sprach ebenfalls von Rechtsanwälten, die „raffgierig sind“, und sagte dann warnend, sie mögen „die Gans töten, die die goldenen Eier legt“.
Nur teilweise erfolgreich waren die Bemühungen, die durch hohe Anwaltsgebühren entstandenen Ungleichheiten zu beseitigen, wie zum Beispiel durch die Errichtung von Organisationen, die Bedürftigen Hilfe in Rechtsangelegenheiten geben. Während durch solche Einrichtungen einige Ungleichheiten beseitigt werden, entstehen gleichzeitig andere. In England und in den Vereinigten Staaten haben sie dazu geführt, daß nun nur noch die ganz Reichen und die ganz Armen einen Prozeß führen können. Viele Angehörige des Mittelstandes, die keinen Anspruch auf solche Hilfe haben, können es sich nicht leisten, einen Anwalt zu nehmen.
Gerichtliche Verfahren — langsam und kompliziert
Durch die Kompliziertheit der modernen Gesellschaft und die zahlreicher werdenden Gesetze wächst die Zahl der Probleme, und die Gerichte werden belastet wie nie zuvor. Die lange Dauer der gerichtlichen Verfahren ist für Rechtsuchende häufig entmutigend. Warren Burger, Präsident des Obersten Bundesgerichts der USA, sagte diesbezüglich: „Menschen mit Problemen suchen genauso wie Menschen mit Schmerzen nach einer schnellen und möglichst preiswerten Hilfe.“ Doch da das selten gelingt, werden Gesetze und Gerichte kritisiert.
In der Zeitschrift Time wird noch ein anderer Grund für die Kritik an Rechtsanwälten genannt. Rechtsanwalt Fred Dutton, ehemaliger Präsidentenberater, wird darin wie folgt zitiert: „Anwälte werden bezahlt, um einen Fall zu komplizieren, in die Länge zu ziehen, um formale Spitzfindigkeiten herauszuarbeiten.“ Ein Prozeß, bei dem es um die Aufschrift auf Erdnußbuttergläsern ging, dauerte 12 Jahre. Zum Schluß zählten die Akten 75 000 Seiten und das Prozeßprotokoll 24 000 Seiten! Das bedeutet nicht, daß alle Rechtsanwälte in dieser Weise verfahren, aber es kommt doch so häufig vor, daß ein Eindruck erweckt wird, der dem Ansehen des Juristenberufs schadet.
Es gibt Rechtsanwälte, die zu viele Mandate übernehmen und die einzelnen Fälle nur vorantreiben, wenn der Klient drängt. Ein Anwalt gestand: „Wenn der Mandant den Anwalt bedrängt, kann er den Prozeß möglicherweise beschleunigen.“
Ein gewissenhafter, tüchtiger Anwalt, der keine übertrieben hohen Gebühren berechnet, kann seinem Mandanten ein beruhigendes Gefühl vermitteln und seinem Stand Ehre machen. Aber auch ein solcher Anwalt ist gezwungen, innerhalb einer unvollkommenen Rechtsordnung tätig zu sein, die, gerade weil sie unvollkommen ist, Ungerechtigkeiten Vorschub leistet.
Prinzip der streitenden Parteien: Behinderung der Rechtsprechung
Für manchen ist es frustrierend, zu erfahren, daß ein Fehlurteil gefällt wurde. Das mag mit der Tatsache zusammenhängen, daß das Prinzip der streitenden Parteien ein wichtiger Bestandteil des angloamerikanischen Rechts ist. Es beruht auf der Theorie, daß sich aus einer Auseinandersetzung zwischen zwei gegensätzlichen Standpunkten Recht und Wahrheit herauskristallisieren. Über dieses Prinzip sagte ein New Yorker Jurist namens Abraham Pomerantz:
„Wir sind stolz auf diesen Grundsatz. Er ist jedoch Unfug, denn anstatt zur Wahrheit zu führen vereitelt er die Wahrheitsfindung. Jede Seite trägt nur die für sie nützlichen Tatsachen vor und unterschlägt die anderen. Daraus entstehen Verwirrung und Verzerrung, und der Schlauere gewinnt.“
Jede Partei hat einen Anwalt, der für seinen Mandanten kämpft. In vielen Fällen ist weder die eine noch die andere Partei eindeutig im Recht oder im Unrecht. Aber das Prinzip der streitenden Parteien fördert die Tendenz, den sittlichen Standpunkt zu ignorieren und die Anwälte zu veranlassen, für den zu kämpfen, der sie honoriert.
„Die Rechtsanwälte, die durch ihre öffentliche Berufung eine große gesellschaftliche Verantwortung tragen, sagen, die Treue zu ihrem Mandanten sei ihre höchste Pflicht (mit der Treue zum Mandanten meinen sie in Wirklichkeit die Treue zu seinem Honorar)“, schreibt Jerold S. Auerbach, Professor der Rechtswissenschaft am Wellesley College. Er weist darauf hin, daß das ein grundsätzlicher Fehler des Prinzips der streitenden Parteien ist: „Es läßt wenig Raum für eine Berücksichtigung des Wohls der Gesellschaft über die implizierte Annahme hinaus, daß jeder Kampf und jeder Sieger für die Gesellschaft von Nutzen sei.“
Das ermöglicht es einem, zu verstehen, warum — vom Standpunkt des Laien aus gesehen — anscheinend absurde Urteile zustande kommen. Die in den Gesetzen verankerten guten Bestimmungen, die den Zweck haben, den Unschuldigen und Aufrichtigen so gut wie möglich zu schützen, können von gerissenen Juristen angewandt werden, um auch dem Schuldigen und Unehrlichen zu helfen. Das ist das Paradoxe an den von Menschen geschaffenen Rechtsordnungen. Die Schuld liegt also nicht nur bei den Rechtsanwälten. Gerechtigkeit wird zwar angestrebt, aber in der Praxis wird unter unvollkommenen Menschen häufig die Auffassung von Recht und Unrecht durch den Begriff „gesetzlich“ ersetzt. Jerold Auerbach, Professor der Rechtswissenschaft, schildert folgendes:
„Jedes Jahr werden fast 100 000 [amerikanische] Studenten gelehrt, juristisch zu denken. Einen Menschen, der 21 Jahre lang wie ein Mensch gedacht hat, zu lehren, juristisch zu denken, ist keine geringe Leistung. Es erfordert, daß die Auffassung vorübergehend verdrängt wird, daß Recht und Unrecht über das hinaus, was das Prinzip der streitenden Parteien und die Rechtsordnung bestimmen, eine Bedeutung hat.“
Das Dilemma des Juristen
Der gewissenhafte Jurastudent gerät durch eine solche Ansicht über sittliche Werte in ein Dilemma. „Es belastet mich, daß man auf der Harvarduniversität bei der Ausbildung der angehenden Juristen der Ethik nur geringe Aufmerksamkeit schenkt“, schrieb ein Jurastudent, der kurz vor dem Examen stand, in einem Aufsatz, den die New York Times veröffentlichte. „Auf dem Gebiet der Rechtsmoral und der persönlichen Moral überläßt man uns unserem eigenen Gefühl, das in meinem Fall völlig unzureichend ausgebildet ist.“
Ein anderer Gesichtspunkt des moralischen Dilemmas eines Juristen wird von dem New Yorker Strafverteidiger Seymour Wishman aufgezeigt: „Der oberste Grundsatz unseres Berufs besteht darin, sich so energisch und einfallsreich wie möglich für seinen Mandanten einzusetzen, um den Fall für ihn zu gewinnen. Je unwürdiger der Klient, desto größer die Bemühungen.“
Rechtsanwälte, die nach diesem Grundsatz handeln, verteidigen unter Umständen die schlimmsten Verbrecher, oder sie vertreten die sittlich fragwürdigen Ziele von Geschäftsleuten. „Viele meiner Mandanten sind Scheusale, die Ungeheuerliches verübt haben“, gesteht Rechtsanwalt Wishman. „Obschon der eine oder andere meiner Mandanten das Verbrechen, dessen man ihn beschuldigt, nicht begangen hat, haben sich doch fast alle irgendeines Unrechts schuldig gemacht.“ Viele dieser Personen laufen frei umher und können die Gesellschaft schädigen, weil sie sich die Dienste eines „guten“ Rechtsanwalts gesichert haben.
Über einen solchen Rechtsanwalt sagte ein in Texas tätiger Staatsanwalt: „Er ist gut, ja er ist sogar sehr gut. Aber er ist verantwortlich dafür, daß in Texas ungefähr zwei Dutzend Leute auf freiem Fuß sind, die, ohne mit der Wimper zu zucken, einen anderen abknallen würden. Er ist eine Gefahr für die Gesellschaft.“
Die Erwiderung dieses bekannten Rechtsanwalts zeigt deutlich die moralische Schwäche unserer unvollkommenen, von Menschen geschaffenen Rechtsordnungen: „Ich schlafe gut. Ich bin weder Richter noch Geschworener, sondern ich bemühe mich, im Interesse des angeklagten Bürgers mein Bestes zu geben.“ Es gibt aber Rechtsanwälte, denen dieses moralische Dilemma zu schaffen macht.
Doch sind offensichtlich viele Rechtsanwälte zu dem Schluß gekommen, daß es besser ist, sich des Urteils, ob ihre Mandanten im Recht sind oder nicht, zu enthalten und es denen zu überlassen, die die Aufgabe haben zu richten. Das Dilemma des Berufs des Rechtsanwalts ist, daß er unter Umständen jemand verteidigen muß, von dem er weiß, daß er schuldig ist.
Den Rechtsanwälten wird vorgeworfen, daß sie in der Praxis alles, was das Gesetz zuläßt, im Interesse ihres Mandanten einsetzen, er sei unschuldig oder schuldig. Darauf entgegnen die Rechtsanwälte: „Warum verurteilt man uns, wenn wir die Regeln anwenden, die gesetzlich festgelegt sind?“ Die Antwort hängt mit dem moralischen Dilemma zusammen, in dem sich die Vertreter des Anwaltsberufs befinden.
Es muß allerdings auch erwähnt werden, daß solche formalen Spitzfindigkeiten zweifellos manch einen ehrlichen und unschuldigen Menschen davor bewahrt haben, verurteilt zu werden. Es hat Fälle gegeben, in denen die Rechtsanwälte von der Unschuld ihres Mandanten so überzeugt waren, daß sie alle gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpften, um ihm zu helfen. Hätten sie es nicht getan, wäre vielleicht ein Unschuldiger verurteilt worden.
Viele sind dennoch der Meinung, es sei so, wie Harry Blackmun, Mitglied des Obersten Bundesgerichts der USA, sagte: „Man hat das Gleichgewicht verloren. Der Kompaß zeigt nicht mehr richtig an.“ Er empfahl den Rechtsanwälten dringend, sich wieder für das, „was recht und sittlich sowie gerade noch gesetzlich ist“, zu engagieren.
Doch manch einer benötigt die Dienste von Gerichten und Rechtsanwälten. Was kann er in dieser Hinsicht am besten tun? Das wird im folgenden Artikel behandelt.
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„Menschen mit Problemen suchen genauso wie Menschen mit Schmerzen nach einer schnellen und möglichst preiswerten Hilfe“ (Warren Burger, Präsident des Obersten Bundesgerichts der USA).
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„Ich brauche einen Rechtsanwalt!“Erwachet! 1979 | 8. Juni
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„Ich brauche einen Rechtsanwalt!“
WAS machst du, wenn du einer Rechtsfrage gegenüberstehst? Dann merkst du wahrscheinlich schnell, daß du fachkundige Hilfe brauchst.
Angenommen, jemand hat dein Auto gestohlen und es gegen einen Baum gefahren. Zwar sitzt der Dieb im Gefängnis, aber wer kommt für den Schaden auf, z. B. wer zahlt den Mietwagen, bis dein Auto repariert ist?
Ein anderer Fall: Dein Sohn ist irrtümlich verhaftet worden. Wie kannst du erreichen, daß er aus der Untersuchungshaft entlassen wird? Wie beweist du, daß er unschuldig ist?
Wie kann eine Frau, die von ihrem Mann böswillig verlassen wurde, Unterhaltsansprüche für sich und ihre Kinder geltend machen und durchsetzen? Wie kann sie im Falle einer Scheidung eine gerechte Verteilung des Hausrats und der Vermögensgegenstände erreichen?
Die Zahl der Probleme, die sich die Menschen teilweise selbst schaffen, ist unendlich groß. Personen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, mögen böse Überraschungen erleben. Ein tüchtiger Rechtsanwalt kann oft solche Probleme und viele andere Rechtsfragen lösen, mit denen die Menschen in der heutigen komplizierten Welt konfrontiert werden.
Warum ein Rechtsanwalt helfen kann
Ein Rechtsanwalt hat ein jahrelanges Jurastudium hinter sich. Er besitzt grundlegende Kenntnisse der Rechtsordnung. Nach einer praktischen Ausbildung ist er in der Lage, das Recht richtig anzuwenden. Ferner erwirbt ein tüchtiger Rechtsanwalt das Vertrauen von Beamten, Richtern und Geschäftsleuten, die seine Rechtschaffenheit und sein gutes Urteilsvermögen schätzen. Um seine Aufgaben gut erfüllen zu können, benötigt der Rechtsanwalt eine Bibliothek mit juristischer Fachliteratur, außerdem ein Büro mit Bürovorsteher und Rechtsanwaltsgehilfinnen.
Ein Rechtsanwalt stellt somit nicht nur seine Zeit zur Verfügung. Beim Festlegen der Gebühren können im angloamerikanischen Rechtskreis diese Umstände berücksichtigt werden. Es wäre somit unfair, die Höhe des Anwaltshonorars zu kritisieren, nur weil man nicht alles versteht oder nicht alles sieht, was der Anwalt für seinen Mandanten tuta.
Wenn jemand einem Rechtsanwalt ein Mandat übertragen möchte, sollte er einiges über die verschiedenen Rechtsgebiete wissen, so daß er ermessen kann, ob sein Fall in das Rechtsgebiet gehört, auf das sich der Rechtsanwalt spezialisiert hat. Die Spezialisierung auf ein bestimmtes Rechtsgebiet wird in Ländern wie Kanada und in den USA immer häufiger und ist eine Folge der Kompliziertheit unseres Alltags- und Geschäftslebens. Ein Rechtsanwalt, der z. B. zur Zufriedenheit eines Mandanten einen Hauskauf getätigt oder einen Erbstreit ausgefochten hat, mag nicht geeignet sein, eine Klage wegen Körperverletzung oder wegen eines groben ärztlichen Kunstfehlers zu führenb.
Die Tätigkeit des Rechtsanwalts
Ein Teil der Arbeit des Rechtsanwalts betrifft die Beratung und vorprozessuale Tätigkeit, z. B. die Aufsetzung von Kauf- und Darlehensverträgen, die Mahnung säumiger Kunden, die Beratung bei Gründung von Firmen und die Absetzung von Gesellschaftsverträgen. Hierbei ist zu beachten, daß in manchen Ländern, z. B. in der BRD, bestimmte Verträge oder Urkunden von Notaren protokolliert werden müssen, wie Kaufverträge über Grundstücke und Testamente.
Die prozessuale Tätigkeit des Rechtsanwalts erstreckt sich auf sämtliche Rechtsgebiete, in denen die Parteien sich außergerichtlich nicht einigen können. Die Zivilgerichtsbarkeit umfaßt Schadenersatzansprüche aus Verkehrsunfällen, Scheidungsverfahren, Unterhaltsangelegenheiten, Durchsetzung von Verträgen und anderes mehr. Je nach Land werden die Streitigkeiten über Steuern vor den Finanzgerichten verhandelt, während die Verwaltungsgerichte für Bauangelegenheiten usw. zuständig sind. Darüber hinaus gibt es noch weitere Rechtsgebiete — z. B. Arbeitsrecht und Sozialrecht —, in denen der Rechtsanwalt tätig ist.
Ein Urteil in diesen Rechtsgebieten richtet sich in der Regel gegen das Vermögen einer Person.
Eine weitere Tätigkeit für den Rechtsanwalt ist das Strafrecht. Es enthält Strafandrohungen für strafbare Handlungen gegen die Öffentlichkeit wie Diebstahl, Betrug, Gewalttaten, Drogenhandel und Mord. Die Strafen sind Geldstrafen, Freiheitsstrafen oder — je nach Land — die Todesstrafe. Die Anwendung des Strafgesetzes schützt die Gesellschaft vor Straftätern, die die öffentliche Ordnung bedrohen.
Den richtigen Rechtsanwalt finden
Benötigst du einen Rechtsanwalt, kennst aber keinen, so laß dir einen empfehlen. Erkundige dich bei der Rechtsanwaltskammer oder bei einer Rechtsauskunftsstelle. Vielfach kann dir auch ein ortsansässiger Geschäftsmann, ein Steuerberater oder ein Bekannter einen tüchtigen Rechtsanwalt empfehlen.
Hast du von einem Rechtsanwalt einen Termin erhalten, so fühle dich dennoch nicht verpflichtet, gleich den ersten, den du aufsuchst, mit der Wahrnehmung deiner Interessen zu betrauen. Lege ihm kurz dein Problem dar, und frage ihn, was die Beratung kostet. Du kannst dir dann die Sache überlegen oder auch noch einen anderen Anwalt konsultieren, bevor du entscheidest, welchem Rechtsanwalt du das Mandat erteilen willst.
Es sollte dir nicht unangenehm sein, zu fragen, wieviel der Anwalt für seine Dienste berechnen wird. Würdest du ein Auto kaufen, ohne nach dem Preis zu fragen? Handelt es sich um eine Beratung über den Kauf eines Hauses oder die Gründung einer Firma, wird es einfach sein, die Höhe der Beratungsgebühren zu berechnen. Bei einem Prozeß dagegen läßt sich gewöhnlich nicht von Anfang an genau festlegen, wie hoch das Anwaltshonorar sein wird. Aber auch in einem solchen Fall sollte es dem Rechtsanwalt möglich sein, wenigstens ungefähr die Kosten des Rechtsstreits abzuschätzen.
Man sollte bei Rechtsanwälten vorsichtig sein, die mit großer Selbstsicherheit Erfolg in einem Rechtsstreit verheißen. Der Ausgang eines Prozesses ist im besten Fall ungewiß.
Vielerorts haben Anwaltsvereine, Gerichte, Gewerkschaften oder Gemeinden Rechtsauskunftsstellen für Bedürftige errichtet. Auch in den USA gibt es ähnliche Einrichtungen, doch sie werden oft von den Rechtsanwälten kritisiert mit dem Hinweis, wegen der niedrigen Preise könne keine gute Arbeit geleistet werden.
Eine vor kurzem von der Universität Miami durchgeführte Befragung der Kunden einer solchen Rechtsauskunftsstelle ergab jedoch, daß „die Qualität der Dienste nicht unbedingt schlechter ist, im Gegenteil, in einigen Fällen ist sie sogar besser“. Timothy Muris, Professor der Rechtswissenschaft, sagte: „Wenn sich die Beratungsstellen mehr spezialisieren und eine bessere Kontrolle über die Zahl der Fälle haben, kann sich die Qualität ihrer Dienste durchaus verbessern.“ Doch in Kanadac ist für manch einen, der in eine Lebenskrise geraten ist, die Möglichkeit, einem mehr persönlich orientierten Rechtsanwalt alles erzählen zu können, was ihn bedrückt, und von ihm Beistand zu erhalten, die zusätzlichen Kosten wert.
Ohne Anwalt auskommen
Kannst du dein eigener Anwalt sein? Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, z. B. von deinem Problem, von deiner Persönlichkeit und von deinen Fähigkeiten. Wenn du keine Erfahrung hast und der Fall wichtig ist, solltest du vorsichtig sein.
Man sollte auch daran denken, daß ein Rechtsanwalt unbeteiligt ist und die Umstände sachlich beurteilt. Gefühle können die wichtigen Fragen verdunkeln und das Urteilsvermögen beeinträchtigen.
Testamentsangelegenheiten sind sehr schwierig. Läßt man Testamente jedoch durch einen Notar errichten, so macht sich das oft mehr als bezahlt. Es ist deshalb vernünftig, die eigenen Fähigkeiten nicht zu überschätzen, wenn man die Frage erwägt, ob man sich einen Rechtsanwalt oder Notar nehmen soll oder nicht.
Wenn jemand meint, sein Fall liege so, daß es seine geistigen und seelischen Kräfte nicht übersteigt, wenn er den Fall selbst führt, kann er (in Kanada) sich in einem Schreibwarenladen, der Formulare für Rechtsangelegenheiten führt, Blankoformulare holen.
Wer seinen Fall selbst führt und später die Erfahrung macht, daß die Sache doch zu kompliziert ist, kann immer noch einen Anwalt bitten, den Fall zu Ende zu führen. Ein erfahrener Anwalt sagte jedoch warnend: „Es kostet fast immer weniger, den Anwalt schon von Anfang an zu bemühen als erst dann, wenn die Sache schon weitgehend verfahren ist.“
Vielleicht möchte man einen Rechtsstreit wegen einer verhältnismäßig kleinen Summe vor dem Amtsgericht für Bagatellsachen selbst führen. In diesem Fall ist es nützlich, vor dem Prozeß schon einmal bei einer Gerichtsverhandlung zugegen gewesen zu sein und zugesehen zu haben, wie sie abläuft. Manche Richter sind Personen gegenüber sehr freundlich, die versuchen, ohne Rechtsvertreter auszukommen.
Ein junger Mann in den USA, der ein Vermögen erbte, hielt die Gebühr, die der Anwalt für die Abwicklung der damit verbundenen Geschäfte verlangte, für zu hoch. Der junge Mann sprach mit einem befreundeten Rechtsanwalt darüber, und dieser machte ihn darauf aufmerksam, inwiefern die Gebühren zu hoch waren. Der junge Mann bereitete sich sorgfältig auf die Gerichtsverhandlung vor und trat dann gut gewappnet, entschlossen und furchtlos auf. Der Richter reduzierte die Anwaltsgebühren um 6 000 US-Dollar.
In gewissen Fällen kann man also sein eigener Rechtsanwalt sein. Dagegen gibt es viele Fälle, in denen die Fachkenntnisse und Dienste eines Rechtsanwalts unerläßlich sind. Vielleicht sind dir diese Darlegungen nützlich, wenn du dich nach einem tüchtigen Rechtsanwalt umsehen mußt.
Wird es je eine Zeit geben, in der niemand mehr einen Rechtsanwalt benötigen wird, in der der Anwaltsberuf der Vergangenheit angehören wird? Im nachfolgenden Artikel wird besprochen, wie schon jetzt Schritte in dieser Richtung unternommen werden.
[Fußnoten]
a In der BRD richtet sich die Rechtsanwaltsgebühr allein nach dem Streitwert.
b In der BRD gibt es eine solche Spezialisierung nicht.
c In der BRD gibt es eine gesetzliche Gebührenordnung.
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Das Gesetz anerkennen — jetzt und für immerErwachet! 1979 | 8. Juni
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Das Gesetz anerkennen — jetzt und für immer
IN EINIGEN Ländern gibt es Extremisten, die der Rechtsordnung gegenüber negativ eingestellt sind und sie am liebsten zerstören würden. Obschon Rechtsordnungen viele Schwächen haben, erkennen Leute, die fair sind, an, daß selbst diese unvollkommenen Rechtsordnungen für die Völker von Nutzen sind. Gesetze und Gerichte ermöglichen die Beseitigung vieler Ungerechtigkeiten. Gewissenhafte Richter, die ihr Amt ernst nehmen, bekunden oft große Weisheit und Einsicht beim Lösen von Rechtsproblemen.
Selbst die Bibel erkennt an, daß der Staat das Recht besitzt, Gesetze zum Wohle der Bevölkerung zu erlassen und durchzusetzen.
„Wer das Gute tut, braucht die Herrschenden nicht zu fürchten. Das müssen nur die, die Böses tun. ... die Staatsgewalt steht im Dienst Gottes um euch beim Tun des Guten zu helfen. Wenn ihr aber Unrecht tut, müßt ihr euch vor ihr fürchten“ (Röm. 13:3, 4, Die Gute Nachricht).
Der gute Bürger erkennt an, daß das Recht einen wichtigen Beitrag zum Wohl des Volkes leistet. Nach besten Kräften unterstützt er Polizisten, Richter und andere gewissenhafte Beamte bei ihren Bemühungen, für Recht und Ordnung zu sorgen — wichtige Voraussetzungen für eine Gesellschaftsordnung.
Nicht gleich vor Gericht gehen
Der Staatsbürger kann außerdem die Gerichte entlasten, indem er sich bemüht, wenn immer möglich, Streitigkeiten außergerichtlich zu schlichten oder Probleme anders zu lösen. Viele Streitigkeiten könnten von vornherein vermieden werden, wenn Vereinbarungen schriftlich festgehalten würden. Was uns gesagt wird, kann leicht vergessen oder mißverstanden werden. Eine schriftliche Vereinbarung braucht kein komplizierter, von einem Rechtsanwalt aufgesetzter Vertrag zu sein. Ein Hauseigentümer zum Beispiel, der mit einem Handwerker (einem Maler, Schreiner, Mechaniker oder Klempner) mündlich bestimmte Vereinbarungen getroffen hat, könnte — angenommen, es handelt sich um Malerarbeiten — diese folgendermaßen zu Papier bringen: „Hiermit bestätige ich unser Gespräch vom vergangenen Donnerstag. Sie erklärten sich bereit, mein Haus (Straße, Hausnummer, Ort) zweimal mit weißer Latexfarbe und die Verzierungen mit grüner Farbe zu streichen. Sie haben sich verpflichtet, Farben von guter Qualität zu liefern. Die Entlohnung beträgt 750 Dollar und ist nach Abschluß der gesamten Malerarbeiten fällig. Die Arbeit ist bis zum 31. Juli 1979 vollständig auszuführen.“ Ein solch einfaches Schriftstück könnte in vielen Fällen einen unnötigen und bedauerlichen Streit verhindern.
In manchen Ländern, insbesondere in den USA, tragen viele ihre Streitigkeiten vor Gericht aus. „Kann es dem Wohl einer Gesellschaft förderlich sein, wenn ihre Mitglieder so prozeßfreudig sind?“ Diese Frage stellte Maurice Rosenberg, Professor der Rechtswissenschaft an der Columbia-Universität. „In Amerika werden immer häufiger verschiedene Kränkungen und Belästigungen als Rechtsprobleme angesehen, die früher als Begleiterscheinung einer unvollkommenen Welt hingenommen wurden.“
Es gibt viele Probleme, die die Rechtspflege nicht beseitigen kann. Ein Gericht mag anordnen, daß ein Ehemann für den Unterhalt seiner Familie aufkommen muß, aber es kann ihn nicht zwingen, weiterzuarbeiten, um das erforderliche Geld zu verdienen. Auch gibt es kein Gesetz, das Männer und Frauen zwingen kann, liebevolle, gütige und warmherzige Eltern zu sein und so für die nötige Nestwärme zu sorgen. In diesem menschlichen Bereich den Verpflichtungen nachzukommen setzt Bereitwilligkeit des einzelnen voraus.
Warum sich jedoch an Rechtsanwälte und Richter wenden, um Probleme zu lösen, die vernünftige Leute selbst entscheiden könnten? Personen, die wegen solcher Fragen vor Gericht gehen, weichen oft der Verpflichtung aus, die eigentlich jeder Mensch hat, nämlich seinen Mitmenschen gegenüber gerecht, vernünftig und gütig zu sein (Matth. 22:39). Ist das der Fall, kann mit Recht gesagt werden: „Wenn sich die Prozesse mehren, verfällt die Zivilisation.“
„Viele Rechtsanwälte denken sehnsüchtig an die Zeiten zurück, in denen die Menschen einen Streit mit dem Nachbarn oder einem Händler allein schlichten konnten“, hieß es in einer von der New York Times veröffentlichten Analyse dieses Problems. Allerdings sind jetzt in Ländern wie in den USA Bemühungen im Gange, die Gerichte zu entlasten, indem viele Fälle in einem Schiedsgerichtsverfahren behandelt werden.
In solchen Fällen hört sich der Schiedsrichter beide Parteien an und versucht eine für beide Teile annehmbare Lösung zu finden. Können sie sich nicht einigen, fällt nach vorheriger Abmachung der Schiedsrichter eine Entscheidung, die er für gerecht hält und die dann bindend ist. „Der Grundgedanke ist jahrhundertealt“, schrieb die Zeitschrift The Wall Street Journal. „Bei den Naturvölkern ist es schon immer üblich gewesen, Streitigkeiten zwischen einzelnen von Dorfältesten oder sogar von Angehörigen entscheiden zu lassen.“
Ein Prozeß sollte somit nur angestrengt werden, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind und keine Übereinstimmung durch Verhandeln zu erzielen ist. Unter solchen Umständen mag jemand Klage einreichen, sofern es sich um eine schwerwiegende Sache handelt und er die Aussicht hat, den Prozeß zu gewinnen.
Aber selbst wenn der Prozeß läuft, ist es immer noch gut, auf vernünftige Vergleichsvorschläge einzugehen. Der bekannte amerikanische Rechtsanwalt und Schriftsteller Louis Nizer schrieb kurz und bündig: „Es gibt eine Zeit zum Schlichten und eine Zeit zum Kämpfen, und die Fähigkeit, in einem Fall vernünftig zu entscheiden, gehört zu den unschätzbaren Eigenschaften eines Beraters.“
Der juristische Rat, den Jesus Christus in seiner Bergpredigt gab, enthielt Grundsätze, die heute noch Gültigkeit haben:
„Sei bereit, dich mit dem, der dich beim Gericht verklagt, eilends zu verständigen ... Und wenn jemand mit dir vor Gericht gehen und dein inneres Kleid in Besitz nehmen will, so überlasse ihm auch dein äußeres Kleid“ (Matth. 5:25, 40).
Um eine Verständigung herbeiführen zu können, müssen beide Parteien einsichtig sein. Es gibt selten einen Prozeß, bei dem eine Partei 100 Prozent im Recht und die andere 100 Prozent im Unrecht ist.
Streitigkeiten innerhalb der Christenversammlung
Die Bibel ist ganz realistisch, indem sie voraussetzt, daß es auch unter Gläubigen, die der Christenversammlung angehören, zu Streitigkeiten kommen kann, und liefert gütigerweise Richtlinien, um solche Auseinandersetzungen beizulegen.
Jesus zeigte, daß eine Aussprache — zuerst unter vier Augen und dann, wenn nötig, in Anwesenheit von anderen als Zeugen — zur Schlichtung eines Streites führen kann. (Siehe Matthäus 18:15-17.) Dieses Verfahren ist sehr zweckmäßig. Praktisch denkende Rechtsanwälte geben das zu. Beide Parteien erhalten so die Gelegenheit, offen die Tatsachen des Falles zu behandeln. Wenn sie nicht bereit sind, die Tatsachen anzuerkennen, kann der Fall von der Versammlung, das heißt von einem aus Ältesten bestehenden Rechtskomitee, behandelt werden.
Ähnlich gingen die Dorfgerichte im alten Israel vor. Laien, erfahrene und kluge ältere Männer der Gemeinde, erledigten die Rechtsfälle rasch und auf praktische Weise. Sie erklärten sich bereit, Streitfragen zu entscheiden, und erwarteten im Gegensatz zu Juristen unserer Zeit keinen Anteil an dem, was der Fall einbrachte (2. Mose 18:13-26).
Ist es angebracht, daß Christen heute irgendwelche Streitigkeiten vor einem weltlichen Gericht ausfechten? Der Apostel Paulus wies ausdrücklich darauf hin, daß die Christengemeinde Streitigkeiten zwischen Christen selbst schlichten sollte: „Wenn einer von euch mit einem Mitchristen Streit hat, wie kann er da vor ungläubige Richter gehen, anstatt die Gemeinde entscheiden zu lassen? ... Hat unter euch keiner soviel Verstand, daß er einen Streit zwischen Brüdern schlichten kann? Muß wirklich ein Bruder gegen den anderen prozessieren, und das auch noch vor Ungläubigen? Es ist schon schlimm genug, daß ihr überhaupt Prozesse gegeneinander führt. Warum laßt ihr euch nicht lieber Unrecht tun?“ (1. Kor. 6:1-7, GN).
Natürlich bedeutet das nicht, daß Christen in keinem Fall das Gericht anrufen. Geht es beispielsweise um einen Anspruch auf Schadenersatz, um eine Erbangelegenheit oder um eine andere Sache, bei der man ohne Gericht nicht auskommt, so gerät die Christenversammlung dadurch, daß man das Gericht anruft, nicht in ein schiefes Licht, denn es handelt sich ja nicht um einen Streit zwischen christlichen Brüdern. Für Streitigkeiten zwischen Christen dagegen stehen männliche Angehörige der Christenversammlung, die eine gute Kenntnis der biblischen Grundsätze besitzen, zur Verfügung. Solche Männer helfen jetzt schon vielen, derartige Schwierigkeiten zu bereinigen, ohne daß die Öffentlichkeit etwas davon merkt und ohne daß ein Gericht bemüht wird, was ja nur ein schlechtes Licht auf die Christen werfen würde. Die christliche Liebe mag den einen oder anderen in gewissen Fällen sogar dazu antreiben, sich „lieber Unrecht tun“ zu lassen, als die Versammlung bei Außenstehenden in Verruf zu bringen.
Wenn wahre Gerechtigkeit geübt wird
In der heutigen Welt spielt die menschliche Unvollkommenheit sowohl in den Rechtsordnungen als auch in der Rechtspflege eine große Rolle. Aber das wird nicht immer so bleiben. Der Schöpfer des Menschen hat verheißen, dem Übelstand, daß es den Regierungen nicht gelingt, dafür zu sorgen, daß jeder zu seinem Recht kommt, bald abzuhelfen. Unter dem Königreich Gottes wird vollkommene Gerechtigkeit geübt werden, weil die Rechtspflege nicht mehr in der Hand von Menschen liegen wird.
Der Beruf des Juristen und die von Menschen geschaffenen Rechtsordnungen werden dann der Vergangenheit angehören. Der von Gott auserwählte Richter, Jesus Christus, der über mehr Einsicht verfügt als die Menschen, „wird nicht nach dem bloßen Augenschein richten noch einfach gemäß dem zurechtweisen, was seine Ohren hören. Und mit Gerechtigkeit wird er die Geringen richten“ (Jes. 11:3, 4).
Die Menschen werden die Juristen nicht vermissen. Sie werden sich freuen, daß für immer wahre Gerechtigkeit geübt wird. „Er wird ... regieren, und seine Herrschaft wird für immer Bestand haben, weil er sich an die Rechtsordnungen Gottes hält“ (Jes. 9:6, GN).
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„Kann es dem Wohl einer Gesellschaft förderlich sein, wenn ihre Mitglieder so prozeßfreudig sind?“ (Maurice Rosenberg, Professor der Rechtswissenschaft an der Columbia-Universität).
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„Hat unter euch keiner soviel Verstand, daß er einen Streit zwischen Brüdern schlichten kann?“ (1. Kor. 6:5, „Die Gute Nachricht“).
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Knorrig, verdreht, knotig und schönErwachet! 1979 | 8. Juni
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Knorrig, verdreht, knotig und schön
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Spanien
Was ist knorrig, verdreht, knotig und schön? Was sorgt für Brennholz, um winterliche Kälte zu vertreiben, spendet Schatten, um sommerliche Hitze zu mildern, und liefert Öl für deinen Salat, Balsam für deine Wunden und sogar Brennstoff, um die Nacht zu erhellen? Das ist der zähe alte Ölbaum, unter Experten als „Olea europaea“ bekannt.
Hast du jemals einen Ölbaum gesehen? Wenn du im Mittelmeerraum lebst, dann bestimmt, denn diese Bäume scheinen sogar in den trockensten und unwirtlichsten Gebieten zu gedeihen. Ein Fachmann drückte es wie folgt aus: „Die einzigartige Bedeutung dieser Pflanze liegt vor allem in ihrer charakteristischen Beständigkeit, ... bringt sie doch unter den schwierigsten Bedingungen Früchte hervor. Sie überdauert lange Zeit fast völlige Vernachlässigung und erholt sich schnell von kritischen Zuständen, die durch klimatische Unfälle oder Probleme bei der Pflege entstehen.“
Der kultivierte Ölbaum hat üppiges Laub. Die langen, schmalen Blätter sind auf der Oberseite blaßgrün und auf der Unterseite graugrün. In den Ölhainen des südspanischen Andalusien erstrecken sich meilenweit Reihen gut instand gehaltener Bäume. Sobald eine Brise weht, entsteht durch
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