Wir waren begeisterte Fechter
IM Alter von dreizehn Jahren sah ich den Film „Die drei Musketiere“, der nach dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas gedreht worden war. Von der Fechtkunst und der gegenseitigen Freundschaft dieser drei Männer, deren Wahlspruch lautete: „Einer für alle und alle für einen“, war ich geradezu hingerissen.
Damals besuchte ich eine höhere Schule in einem osteuropäischen Land. Ich wurde Mitglied eines Fechtklubs. In meiner Begeisterung tat ich alles, was in meiner Kraft stand, um geschickt fechten zu lernen. Da ich gute Zeugnisse nach Hause brachte, hatten meine Eltern nichts gegen diese meine neue Lieblingsbeschäftigung einzuwenden.
Mit achtzehn Jahren begann ich mein Jurastudium an der Universität. Aber als erstes machte ich den Universitätsfechtclub ausfindig. Es gab dort ausgezeichnete Lehrer. Dem Klub gehörten sowohl Jungen als auch Mädchen an.
Maria, eines der Mädchen, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie zeigte außergewöhnliches Geschick und verstand es, ihrem Gegner ihren eigenen Stil aufzudrängen und absolut Herr der Lage zu sein. Ich war auf ein Duell mit ihr gespannt, da ich alle ihre raffinierten Tricks kannte, die sie beim Fechten anwandte.
Mit der Zeit schloß ich mit zwei Jungen im Klub enge Freundschaft. Johannes studierte Naturwissenschaft und Paul Mathematik und Physik. Beide waren mit Leib und Seele Fechter, obwohl sie diesen Sport erst verhältnismäßig kurze Zeit betrieben hatten.
Unsere Ferien verbrachten wir zum Teil gemeinsam in der malerischen Bergwelt. Und dort wurde auch unsere Freundschaft geboren. Wir entdeckten bald, daß wir uns sehr gut ergänzten. Johannes war leicht zu begeistern und manchmal sogar etwas ungestüm, was Paul durch seine realistischen Ansichten auszugleichen suchte. Wie die drei in dem Roman von Dumas wurden auch wir gute Fechter und unzertrennliche Freunde.
In den Ferien schmiedeten wir Pläne für die kommende Fechtsaison. Fast unsere ganze Freizeit war damit ausgefüllt, daß wir uns physisch und psychisch auf die Kämpfe vorbereiteten, die wir so sehr liebten.
Aber da war noch Maria. Sie übertraf uns tatsächlich in fechterischer Finesse und Eleganz und glänzte auf vielen bedeutenden Turnieren. Schließlich entstand unter uns vieren ein hervorragendes Verhältnis.
EINE BEDROHUNG UNSERER EINHEIT
Als ich zweiundzwanzig Jahre alt war, nahmen wir an einem Skiausflug teil, der von unserem Fechtklub veranstaltet wurde. Auf diesem Ausflug sprach Maria zu unserer Überraschung von Veränderungen, die sich auf die ganze Welt auswirken sollten, und sie zitierte dabei etwas aus der Bibel, aus dem 24. Kapitel des Matthäusevangeliums. Jeder von uns reagierte negativ darauf. Ich sagte einfach: „Es gibt bestimmte Werte in der Welt, die ich wegen einer fragwürdigen Prophezeiung nicht aufgeben werde.“
Als Maria ungefähr einen Monat später im Fechtklub erschien, sah sie ganz verändert aus. Wir kannten uns damals ungefähr zweieinhalb Jahre. Sie packte ihre Fechtausrüstung zusammen, sagte auf Wiedersehen und ging. Wir waren, gelinde gesagt, schockiert, denn sie schien für immer zu gehen. Wir riefen sie an und fragten, ob wir sie noch am selben Abend besuchen könnten. Sie war einverstanden.
Wir trafen an jenem Abend einen völlig anderen Menschen an, einen Menschen, den wir nie zuvor gesehen hatten. Maria, die mit ihrem Florett stets meisterhafte Schläge auszuführen verstand, um Angriffe sofort zu parieren, sie, die stets mit uns lachen konnte, hatte nun Tränen in den Augen. Aber gleichzeitig erschien sie zuversichtlich. Sie schlug ihre Bibel auf und las mit einer ernsten Stimme die Worte: „Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden müssen und ihre Speere zu Winzermessern. Nation wird nicht gegen Nation das Schwert erheben, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen“ (Jes. 2:4).
Als sie damit zu Ende war, blickte sie uns an, und ein großes Fragezeichen stand in ihrem Gesicht. Ich glaube, sie rechnete mit unserer Zustimmung. Sie sagte: „Ich möchte Jehova, unserem Gott, dienen und nach den Grundsätzen der Bibel leben. Ich möchte nicht mehr kämpfen lernen, und Fechten ist ein Kampfsport.“
Ich war niedergeschmettert und fühlte, daß meine Vorstellung von der Freundschaft der Musketiere nur ein schöner Traum war. Später sagte ich zu Johannes, der mir am nächsten stand, daß wir Maria um jeden Preis in unsere Fechtschule zurückholen müßten.
„Ja, selbstverständlich“, meinte Johannes, „aber wie? Ich stimme natürlich nicht mit Marias Entscheidung überein, doch ich bewundere sie. Es erfordert Mut, eine solche Entscheidung zu treffen.“
BEMÜHUNGEN, MARIA UMZUSTIMMEN
Um Maria von ihrer Entscheidung abzubringen, borgte ich mir eine Bibel und begann darin zu lesen. Was ich suchte, entdeckte ich im Hohenlied, Kapitel 3, Vers 7 und 8, wo zu lesen ist: „Siehe! Es ist sein Ruhebett, dasjenige, das Salomo gehört. Sechzig starke Männer sind rings darum her, von den Starken Israels, sie alle im Besitz eines Schwertes, im Kriegführen unterwiesen, ein jeder mit seinem Schwert an seiner Hüfte wegen des Schreckens in den Nächten.“
Ich war stolz auf diese Entdeckung und sagte zu mir unwillkürlich: „Die Bibel verurteilt also gar nicht das Tragen von Waffen, sondern fordert uns sogar direkt dazu auf, sie zu gebrauchen!“ Ich schrieb Maria von meiner Entdeckung. Bald darauf erhielt ich ihre Antwort. Sie zeigte mir, daß Diener Gottes in alter Zeit, vor dem Kommen Christi, manchmal ermächtigt wurden, mit buchstäblichen Schwertern zu kämpfen, daß jedoch wahre Christen ganz andere Waffen hätten. In ihrem Brief hieß es:
„Lieber Robert, Gottes Diener gleichen einer Spezialarmee, die bereit ist, jede Aufgabe zu meistern. Und deshalb sind sie bewaffnet. Die Waffenrüstung der Diener Gottes gleicht derjenigen römischer Legionäre und wird vom Apostel Paulus in seinem Brief an die Epheser [6:14-17] in folgenden Worten beschrieben: ,Steht daher fest, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit und eure Füße beschuht mit der Ausrüstung der guten Botschaft des Friedens. Vor allem nehmt den großen Schild des Glaubens, mit dem ihr alle brennenden Geschosse dessen, der böse ist, auszulöschen vermögt. Auch nehmt den Helm der Rettung und das Schwert des Geistes, das ist Gottes Wort, entgegen.‘“
„Selbst diese Waffenrüstung“, so fuhr sie fort, „genügt an sich noch nicht. Wir müssen es lernen, nach den Grundsätzen zu leben, die in Gottes Wort niedergelegt sind. Nur dann werden wir jenem Mann gleichen, von dem Jesus sprach, als er in Matthäus [7:24-27] sagte: ,Jeder nun, der diese meine Worte hört und danach handelt, wird mit einem verständigen Mann verglichen, der sein Haus auf den Felsen baute. Und der Regen strömte hernieder, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und schlugen gegen jenes Haus, aber es stürzte nicht ein, denn es war auf den Felsen gegründet worden. Ferner wird jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, mit einem törichten Mann verglichen, der sein Haus auf den Sand baute. Und der Regen strömte hernieder, und die Fluten kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus, und es stürzte ein, und sein Zusammensturz war groß.‘“
Dennoch konnte ich aus Marias Worten keinen zwingenden Grund dafür erkennen, daß ich mit dem Fechten aufhören sollte. Auch Paul unternahm alles, was er konnte, um Maria umzustimmen. Er fing sogar an, unter der Anleitung von Jehovas Zeugen die Bibel zu studieren. Da wir seine rein materialistische Einstellung kannten, befürchteten wir nicht, daß er beeinflußt werden könnte.
Wir befaßten uns weiter mit dem Fechten. Ich ging so sehr darin auf, daß ich sogar mein Jurastudium vernachlässigte. Paul ermunterte mich, mehr zu studieren. Ich wies seine Ermahnung zurück, mußte aber meine Haltung damit bezahlen, daß ich ein ganzes Jahr Studium zu wiederholen hatte. Paul hingegen hatte ausgezeichnete Noten, was mich veranlaßte, ihm gegenüber noch zurückhaltender zu werden. Als ich mich bei Johannes darüber beklagte, erwiderte er, daß Paul im Gegensatz zu uns eben mehr Wert auf sein Studium legte.
ERNEUTES ZUSAMMENTREFFEN MIT MARIA
Nachdem wir Maria drei Monate nicht gesehen hatten, nahmen Johannes und ich uns vor, sie zu besuchen. Sie hörte uns aufmerksam zu, als wir ihr Neuigkeiten aus der Fechtschule berichteten, und seufzte dann: „Schade, daß wir nicht mehr so zusammen sind, wie wir es gewohnt waren. Was würdet ihr davon halten, wenn wir uns regelmäßig treffen und gemeinsam etwas Nettes lesen, vielleicht sogar die Bibel? Ich weiß, daß ihr spannende Lektüre liebt.“ Wir waren damit einverstanden.
Wir begannen mit dem Lesen des Matthäusevangeliums. Aber wir begnügten uns nicht nur mit spannender Lektüre, sondern besprachen auch die Bedeutung des Gelesenen. Einmal fragte ich, worin wohl die Verantwortung des Menschen gegenüber dem Gott der Bibel bestehe. Johannes unterbrach mich mit den Worten: „Hör zu, Robert, woher hatte Jesus die moralische Kraft, denen zu vergeben, die ihm ein so großes Unrecht zufügten?“
Eine solche Frage konnte ich nicht beantworten, erkannte aber, daß es irgendwie mit Jesu Verhältnis zu Gott zusammenhängen mußte. Weil wir die richtige Antwort auf diese religiösen Fragen erhalten wollten, fingen wir an, unter der Anleitung eines Zeugen Jehovas, den uns Maria empfohlen hatte, die Bibel zu studieren. Als Hilfsmittel diente uns dabei das Buch Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt.
ERNSTHAFTES STUDIUM
Wir hielten Paul ständig auf dem laufenden über das, was wir aus dem Studium lernten. Er erläuterte uns, zu welchen Ergebnissen er durch einen Vergleich der Bibel mit der Mathematik und der Physik gekommen war. Oft unterhielt er sich mit Johannes über die Frage, inwieweit die Bibel mit der Biologie übereinstimmt.
Einmal führten meine beiden Freunde eine heftige Debatte über die Frage, ob die Bibel der Existenz von Brontosauriern widerspricht. Es ging so weit, daß sie beschlossen, ihr Studium der Bibel aufzugeben. Ich war darüber so entsetzt, daß ich versuchte, ihrer Debatte mit den Worten ein Ende zu machen: „Seht, ich denke, daß in diesem Fall nicht der wissenschaftlichen, sondern der sittlichen Frage die größte Bedeutung zukommt. Ich werde das Studium so lange fortsetzen, bis ich das Problem der Verantwortung deutlich erkannt habe.“
Auf diese Weise gelang es mir, ihre hitzige Debatte so weit zu kühlen, daß sie sich ebenfalls entschlossen weiterzustudieren. Nun war Johannes der Meinung, daß wir zuviel Zeit mit Fechten verbrachten, und sorgte dafür, daß das Bibelstudium immer nach dem Fechten stattfand. Mir gefiel das nicht besonders, denn es bedeutete daß wir mit dem Fechten stets zwei Stunden früher als sonst aufhören mußten.
Nur kurze Zeit vorher wäre eine solche Entscheidung undenkbar gewesen, aber das Studium der Bibel reizte uns immer mehr. Ja, es fesselte uns so sehr, daß wir Bibeltexte, die uns sehr gefielen, mit Buntstiften unterstrichen. Und weil uns alle Texte, die wir erklärt bekamen, zusagten, schillerte unsere Bibel bald in allen Farben.
WÜRDE AUCH ICH DAS FECHTEN AUFGEBEN?
Allmählich wurde meine Frage in bezug auf die Verantwortung gegenüber Gott beantwortet. Maria erwies sich dabei als sehr hilfreich, und so sagte ich ihr etwa nach fünf Monaten, daß ich ernsthaft erwog, mich Jehova hinzugeben, doch noch auf Paul und Johannes warten wollte.
Maria sagte: „Sieh einmal, Robert, ich machte mit dem Fechten weiter, um eine Gelegenheit zu haben, mit euch zu sprechen, doch keiner von euch nahm mich ernst, bis ich aufhörte. Dann habt ihr euch plötzlich gewundert, weshalb ich es tat — und heute studiert ihr alle die Bibel.“ Dieses Gespräch mit ihr beschleunigte meinen Entschluß, mich Jehova hinzugeben, erheblich.
Nun stand ich vor demselben Problem wie einst Maria: Sollte auch ich das Fechten aufgeben? Noch einmal dachte ich über die Worte der Bibel nach, die ich zum erstenmal vor sechzehn Monaten gehört hatte: „Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden müssen und ihre Speere zu Winzermessern. Nation wird nicht gegen Nation das Schwert erheben, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen“ (Jes. 2:4).
Zehn Jahre Fechtsport zogen an meinen Augen vorüber: das frühe Aufstehen, die Betreuer, die bitteren Niederlagen und seit kurzem meine Erfolge und die Chance, es in dieser Sportart sogar noch weiterzubringen. Doch ich kam zu dem Ergebnis, daß Maria recht hatte. Und ich verstand ihre Tränen voll und ganz, weil auch mir nun Tränen in den Augen standen. Aber ich hatte auch dieselbe Zuversicht wie sie.
WIE WÜRDEN SICH JOHANNES UND PAUL VERHALTEN?
Johannes und Paul waren über meinen Entschluß sehr erstaunt. Doch man stelle sich meine Freude vor, als auch sie sich entschlossen, die Stahlklingen in die Ecke zu stellen und mit mir das Fechten aufzugeben! Johannes und Paul kamen zu unseren christlichen Zusammenkünften, aber sie fühlten zu dieser Zeit noch nicht die Notwendigkeit, sich Jehova Gott hinzugeben und dies durch die Wassertaufe zu symbolisieren.
Ein Jahr nach meiner Taufe trafen wir uns alle vier erneut. Welch ein freudiges Wiedersehen! Wir alle waren nun Gott hingegebene Christen! Einst waren wir begeisterte Fechter, voller Zielstrebigkeit und Ehrgeiz. Doch als wir Gottes Willen kennenlernten, stellten wir unsere Stahlklingen zur Seite und griffen zum Schwert des Geistes, welches Gottes Wort ist (Eph. 6:17).
Wir verspürten an uns selbst, daß ‘das Wort Gottes lebendig ist und Macht ausübt und schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert und durchdringt selbst bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und ihrem Mark und imstande ist, die Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen‘ (Hebr. 4:12). Mit diesem geistigen Schwert zur Ehre und Verherrlichung Jehovas zu kämpfen ist das Schönste, und dies zu tun ist nun unser größter Wunsch und unser ständiges Bemühen. (Eingesandt.)