Berichte aus dem Jahrbuch 1958 der Zeugen Jehovas
DEUTSCHLAND
Die Rückkehr unserer deutschen Brüder aus den Konzentrationslagern, die am Schlusse des zweiten Weltkrieges erfolgte, ist uns noch gut in Erinnerung. Im Jahre 1946 erstatteten sie ihren ersten Bericht in der Nachkriegszeit. Nach der Neuorganisation verkündigten insgesamt nur 8895 Personen die gute Botschaft; aber im Jahre 1957 war eine durchschnittliche Zahl von 52 688 und eine Höchstzahl von 56 883 Verkündigern zu verzeichnen. Die Tausende der Zeugen Jehovas, die in Konzentrationslagern in Deutschland eingesperrt waren, zusammen mit vielen anderen, die man in anderen Ländern gefangengehalten hatte, müssen oft an den Text in Matthäus 28:19, 20 (NW) gedacht haben: „Geht daher hin und macht zu Jüngern Menschen aus allen Nationen, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und indem ihr sie lehrt, alle Dinge zu beobachten, die ich euch geboten habe.“ Wahrscheinlich fragten sie sich, wie sich diese Worte jemals erfüllen würden. Heute haben sie zusammen mit allen anderen Verkündigern der Neuen-Welt-Gesellschaft die volle Verwirklichung dieser Worte vor Augen. Der Zweigdiener berichtet uns über einige interessante Erfahrungen, die in Westdeutschland gemacht worden sind.
Im Königreichsdienst wurde angeregt, mehr Traktate in die Hände der Menschen zu legen. Wahrscheinlich weiß jener Verkündiger, der in gewissenhafter Befolgung der gegebenen Anregungen einem mohammedanischen Professor aus der Türkei den Traktat über die Dreieinigkeit gab, nicht, welche Wirkung er hatte. In der Meinung, hier handle es sich um etwas, das bedeutungsvoller sei als die Reformation, reiste jener Professor mehr als 400 Kilometer weit, um sich im Bethel persönlich das auf dem Traktat empfohlene Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ zu holen.
Ein Bruder sandte an eine Frau, die er im Ferngebiet kennengelernt hatte, eine Zeitschrift und erhielt von ihr folgenden Brief: „Sehr geehrter Herr P. Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie meiner gedachten, und ich danke für die mir zugesandte Zeitschrift Der Wachtturm. Ich habe sie gelesen und war restlos begeistert. Ich möchte die Zeitschrift Der Wachtturm beziehen, und wenn es möglich wäre, möchte ich am liebsten der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas beitreten, und dies aus reiner Überzeugung. Ich stehe mit keiner Kirche in Verbindung und bitte Sie, mir die Aufnahmebedingungen mitzuteilen.“
Ein Bruder, der in der Wahrheit noch sehr jung und darum noch etwas zögernd ist, war in einem exklusiven Heim zur Kur. Durch die wunderbaren Artikel angespornt, predigte er in diesem Heim, gab Zeitschriften ab und erweckte so viel Interesse, daß er zum Erstaunen der Verkündiger zusammen mit einer „großen Schar“ die Ortsversammlung besuchte.
Ein weiterer Bruder gab bei einer Frau die Sonderausgabe des Wachtturms vom 15. April ab. Als er jene Frau wieder besuchte, drückte sie ihre Begeisterung aus und sagte: „Schon immer habe ich nach so etwas gehungert, aber noch nie ist mir etwas Derartiges geboten worden. So etwas müßten alle Kirchenmitglieder lesen.“ Dann fragte sie den Bruder, ob er noch mehr Exemplare von dieser Ausgabe hätte. Als er dies bejahte, sagte sie: „Oh, bringen Sie mir doch 10—20 Stück davon mit. Diese Zeitschrift müssen unbedingt meine Verwandten und Bekannten lesen. Auch dem Pfarrer schicke ich eine und schreibe dazu, daß wir uns eine solche Erklärung der Bibel schon lange gewünscht hätten. Sie sollten sich nun endlich einmal daranmachen.“
Ein weiteres Ergebnis in diesem Berichtsjahr war der Besuch des Präsidenten der Gesellschaft am 29. und 30. November 1956. Der Besuch diente ausschließlich dem Zweck, die Voraussetzungen für einen 64 Meter langen Neubau zu schaffen, der jetzt bereits errichtet ist und 1958 bezugsfertig sein wird. Neue Maschinen werden unsere Ausrüstung vervollständigen und uns so in die Lage versetzen, die Brüder allezeit mit den notwendigen Hilfsmitteln für den Predigtdienst zu versehen.
OSTDEUTSCHLAND
Die Verhältnisse, unter denen die Brüder in Ostdeutschland die gute Botschaft predigen, haben sich im Dienstjahr 1957 nicht viel geändert. Es gab keine öffentlichen Vorträge, keine Belieferung mit Literatur, keinen unbehinderten Felddienst, keine organisatorische Hilfe durch die Versammlungen oder durch reisende Diener. Was für unsere Brüder in Ostdeutschland getan worden ist, mußte ausschließlich unterirdisch getan werden. Obwohl eine Anzahl Brüder aus dem Gefängnis freigelassen wurde, werden doch noch ungefähr 450 hinter Gefängnismauern festgehalten, weil sie die gute Botschaft von Gottes Königreich gepredigt hatten, und im Laufe des Jahres sind neunundvierzig neue Verhaftungen vorgenommen worden. Durch die Resolution, die von Jehovas Zeugen im Jahre 1956 in der ganzen Welt zugunsten unserer Brüder hinter dem Eisernen Vorhang angenommen wurde, haben sich die kommunistischen ostdeutschen Behörden nicht bewegen lassen, das Unrecht gutzumachen, das den Zeugen Jehovas in ihrem Lande dadurch widerfahren ist, daß man sie ungerechterweise verfolgt hat. Doch ist von jener Resolution Kenntnis genommen worden, und sie wurde bei Verhören einiger unserer Brüder im Laufe des vergangenen Jahres erwähnt.
Die Kommunisten in Ostdeutschland behaupten, jedermann sei frei, zu glauben, was er wolle. Er dürfe sogar ein Zeuge Jehovas sein. Sie legen dabei den Begriff „Freiheit“ so aus, daß man ein „stummer Zeuge“ sein müßte.
Bei der Befragung einiger Brüder prahlten manchmal die Beamten der SSD damit, daß man in wenigen Monaten eine Organisation der Zeugen Jehovas von ihrer Art in Ostdeutschland mit ihrer eigenen Wachtturm-Literatur haben werde. Man versuchte, eine „Mißgeburt“, eine eigene Schöpfung, ins Dasein zu rufen, als man eine systematische Aktion mit vervielfältigtem Material begann, das dem Wachtturm zu gleichen schien und vielen Personen zugestellt wurde, die in Ostdeutschland als Zeugen Jehovas bekannt waren. Man änderte gewisse Texte ab und suchte zu zeigen, daß es recht sei, der Regierung das zu geben, was Gott gehört. Das war ihr großer Fehler. Sie suchten durch „ihren Wachtturm“ zu zeigen, daß die Gesellschaft den geraden Pfad der Wahrheit verlassen habe und sich jetzt mit Politik befasse, indem sie durch ihre Artikel, die den Kommunismus beleuchteten, für den Westen Partei ergreife. Dieser böse Plan der Kommunisten ist natürlich fehlgeschlagen, doch daraus geht hervor, wie sie mit dem Teufel Hand in Hand gehen, um eine Lüge zu stützen.
Eine treue Schwester in Ostdeutschland erzählt: „Wegen der vielen Dinge, derer ich mich täglich annehmen mußte, und auch wegen Krankheit dachte ich, ich könnte mich dafür entschuldigen, daß ich mich von der Erfüllung meines Hingabegelübdes zurückhielt. Bald aber fühlte ich mich unglücklich, und täglich mahnte mich mein Herz, Gott meine Schuld zu bezahlen. Ich begann, einen Ausweg zu suchen, denn ich fühlte, daß ich mich nicht immer so verhalten könnte. Nach aufrichtigen Gebeten dachte ich — weil ich doch täglich Einkäufe machte —, warum nicht die Bibel mitnehmen und jedesmal wenigstens bei einer Familie vorsprechen, wenn ich ausginge? Ich bin seither viel glücklicher geworden. Meine Gedanken über die Dinge der alten Welt nahmen bald wieder den richtigen Platz ein, nämlich einen untergeordneten, und das Königreich trat von neuem an die erste Stelle. Nun werde ich bald durch mein ganzes Gebiet gegangen sein, und das nur dadurch, daß ich jeden Tag einen einzigen Besuch machte, und in kurzem werde ich nach neuen Gelegenheiten ausblicken.“
Der Eifer unserer Brüder in Ostdeutschland gereicht jedem Zeugen Jehovas zur Ermutigung, und die Berichte, die über ihre Tätigkeit durchsickern, zeigen, daß sie eine bemerkenswerte Zunahme in der Zahl derer zu verzeichnen haben, die sich mit Gottes Volk verbinden und die gute Botschaft predigen. Die Bibelstudien, die sie mit anderen Menschen durchführen, sind sehr ermutigend, und die Leute, die sie finden, sind sehr dankbar, zu wissen, daß es noch Christen auf der Erde gibt, die anderen Menschen guten Willens Hilfe bieten wollen. Durch ihren Wortführer senden sie ihren Brüdern in der ganzen Welt liebe Grüße.
FRANKREICH
Es bereitet große Freude, das Werk in Frankreich und in dem Gebiet, das unter der Verwaltung des dortigen Zweigbüros steht, so gut voranschreiten zu sehen. Einer der glücklichen Augenblicke war in Paris der Moment, als entschieden wurde, ein neues Bethelheim zu bauen. Dieses neue Zweigbüro mit der Druckerei ist jetzt im Bau begriffen. Während es zum Zwecke der Durchführung einer noch vermehrten Tätigkeit errichtet wird, rückt die Organisation der Zeugen Jehovas gut voran. Da unsere Brüder in Frankreich ihren Sinn zuerst auf die Königreichsinteressen gerichtet halten, haben sie denselben Geist wie Jehovas Zeugen allüberall und sagen: „Um seinetwillen [Christi] habe ich den Verlust aller Dinge auf mich genommen, und ich sehe sie als eine Menge Unrat an, damit ich Christus gewinne.“ (Phil. 3:8, NW) Das französische Zweigbüro berichtet einige sehr gute Erfahrungen.
Die folgenden Erfahrungen geben uns ein Bild von der Freude, die die Brüder erleben, wenn sie den Rat und die Anweisungen des „treuen und verständigen Sklaven“ in die Tat umsetzen. Von einer Person, die die Arbeit in einem abgelegenen Gebiet aufnahm, wo Hilfe not tut, erhielten wir folgenden Bericht: „Einige Wochen vor dem Zeitpunkt, an dem wir die Arbeit in einem Gebiet in Südfrankreich aufnehmen sollten, begaben wir uns dorthin, um uns eine Unterkunft zu beschaffen. Eine andere Schwester begleitete uns, da sie uns auch bei unserer Tätigkeit unterstützen sollte. Wir suchten im ganzen Städtchen von Haus zu Haus und fanden schließlich für uns zwei Räumlichkeiten. Sie waren zwar etwas teuer, aber sie sahen sehr sauber aus und lagen direkt in der Stadtmitte. Das möblierte Zimmer kostet uns 9000 Francs (ca. 90 DM) im Monat. Als wir uns dann in der Stadt niederließen, mußten wir zunächst Arbeit suchen. So meldete ich mich zuerst auf dem Arbeitsamt. Auf die Frage, was für eine Stelle ich bekleiden könnte, erwiderte ich: „Eine Stelle als Ladenverwalter“, worauf man mir sagte, einen solchen Posten zu finden sei für mich aussichtslos. So beschloß ich, mich für irgendeine Arbeit, sei es als Maurer, Zimmermann, Maler oder für sonst etwas, zu melden. Der Büroangestellte sagte mir daraufhin, er könne mir als Maler Arbeit bei einem seiner Verwandten beschaffen. Seither habe ich als Maler gearbeitet.
Obwohl wir eine große Versammlung zurücklassen und andere Arbeit aufnehmen mußten, sind wir sehr glücklich, diesen Wechsel vorgenommen zu haben. Es ist uns möglich gewesen, während des Jahres allen größeren Versammlungen beizuwohnen, und so fühlen wir uns nicht so allein, obwohl wir brachliegendes Gebiet bearbeiten. Jehova hat unseren Dienst gesegnet, denn es haben sich uns bereits fünf neue Verkündiger angeschlossen, und im April waren wir im Durchschnitt 18 Stunden im Felddienst tätig und haben durchschnittlich 20 Zeitschriften abgesetzt. Meine Frau und ich haben nie so viele Stunden im Felddienst verbringen und dabei gleichzeitig für die irdischen Bedürfnisse sorgen können. Das Klima ist hier gut, und wir fühlen uns wohler und sind entschlossen, den freudigen Dienst fortzusetzen.“
Eine Pionierin fand im Dienst von Haus zu Haus eine Dame, die auf ihre Worte hin erwiderte: „Aber Mademoiselle, ich bin katholisch, und gerade diese Woche haben wir für die Einheit aller Religionen gebetet!“ Die Pionierin äußerte einige taktvolle Worte, so daß sich die Dame entschloß, ein gebundenes Buch, eine Broschüre und eine Zeitschrift entgegenzunehmen, nur um weiteres über unsere Religion zu erfahren. Nach einigen Nachbesuchen, konnte ein Heimbibelstudium begonnen werden. Diese Person guten Willens weinte jedesmal, wenn Schriftstellen nachgeschlagen wurden, die bewiesen, daß gewisse katholische Lehren falsch sind. Sie hat eine Tochter im Alter von zweiundzwanzig Jahren, die als Nonne abgeschlossen in einem Karmeliterinnenkloster lebte. Sie erfuhr nur, wie nutzlos es ist, ein so abgesondertes Leben zu führen. Bei jedem Studium benutzte sie drei verschiedene Übersetzungen der Bibel, um die Wahrheit des Dargelegten nachzuprüfen. Sie betete zu Gott, daß er sie die Wahrheit erkennen lasse. Nach einiger Zeit verließ sie die katholische Kirche und nahm auch ihre beiden Kinder mit, die sich gerade auf die erste Kommunion vorbereiteten. Ihr Handeln bewirkte, daß der Priester in aller Eile in ihr Haus kam, um sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Sie antwortete, sie habe mit Jehovas Zeugen die Bibel studiert und darin die Wahrheit gefunden und erkannt, daß die Lehren der katholischen Kirche nicht mit der Bibel übereinstimmen. „Wohlan“, sagte der Priester, „prüfen wir die Sache nach“, und er holte seine Bibel herbei. Doch diese Person guten Willens war es dann, die ihm anhand seiner eigenen Bibel zeigte, daß die Seele nicht unsterblich ist. Darauf verließ er sie wutentbrannt und schlug die Türe hinter sich zu. Die betreffende Dame wohnt mit ihren Kindern jetzt den Versammlungen der Zeugen Jehovas bei. Es ist ihr auch gelungen, ihre Tochter aus dem Karmeliterinnenkloster wegzuholen, was gar keine einfache Sache war. Die Mutter wurde bei dem Kongreß in Paris getauft.
Eine Sonderpionierin schreibt folgendes: „Wie dankbar sind wir doch unserem Kreisdiener, denn er ist in unsere Versammlung gekommen und hat uns geholfen, unser Dienstvorrecht zu erkennen. Wir bedauern es nie, daß wir unsere hübsche kleine Wohnung, die gute Stellung, die vielen Brüder, die wir so sehr lieben, und die Versammlung, in der wir uns so daheim fühlten, verlassen haben. Dies alles ist ja wunderbar, aber hier in Frankreich gibt es viele große Städte, aus denen ein dringender Ruf nach Hilfe ergeht. Nachdem wir nun sechs Monate in unserem Gebiet gearbeitet haben, berichten drei neue Verkündiger, die im Monat 17 Stunden Felddienst leisten, und zwei davon sind bereits getauft worden. Jehova segnet unsere Anstrengungen tatsächlich, und wir wissen, daß unsere Mühe nicht umsonst ist.
Zuerst befürchtete ich, daß ich die Quote, nämlich 150 Stunden, 110 Zeitschriften und 50 Nachbesuche, nicht erreichen würde. Es schien eine gewaltige Aufgabe zu sein. Außerdem mußte ich mein Kind betreuen und für meinen Mann sorgen, der weggehen und den ganzen Tag arbeiten mußte. Ich konnte von ihm tagsüber keine Hilfe erwarten. Dadurch aber, daß ich sorgfältig plante, zeigte es sich, daß ich gleich von Anfang an die Quoten erreichte und trotzdem genügend Zeit fand, mich meiner Familie anzunehmen, so wie ich es getan hatte, ehe ich Sonderpionierin geworden war. Ich kann sagen, daß ich meinen Pionierdienst erfülle, ohne meine Pflichten der Familie gegenüber zu versäumen oder mein persönliches Studium zu vernachlässigen.“
LUXEMBURG
Dieses kleine Land in Europa, Luxemburg, ist ein sehr katholisches Land. Dennoch haben Jehovas Zeugen große Freude gehabt, die Aufmerksamkeit der dort lebenden Menschen auf die Wahrheit zu lenken. Sie empfinden so wie auch einst Petrus: „In dem Verhältnis, wie jeder eine Gabe empfangen hat, gebraucht sie, indem ihr einander dient als rechte Verwalter der unverdienten Güte Gottes, die auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommt.“ (1. Pet. 4:10, NW) Jehova hat sich seines Volkes auf verschiedene Weise bedient, um seine unverdiente Güte zum Ausdruck zu bringen, und jeder muß die Gabe, die er empfangen hat, bestimmt dazu gebrauchen, anderen beizustehen. In Luxemburg haben die Brüder gerade dies getan und haben vielen Menschen im Dienstjahr 1957 Hilfe geboten. Hier folgen einige interessante Erfahrungen.
Daß Jehovas Zeugen ihre Predigttätigkeit jetzt auf das ganze Land ausgedehnt haben, scheint den religiösen Führern unangenehm zu sein, denn von Zeit zu Zeit veröffentlichte die katholische Tageszeitung Warnungen vor den Zeugen und ihren, wie sie schrieb, „landesfremden“ Predigtmethoden. Sie sagte, Jehovas Zeugen seien eine Belästigung, und jedermann wurde angewiesen, diesen Hausierern freundlich, aber bestimmt, die Türe zu weisen. Diese häufig wiederkehrenden Verleumdungen über unser Werk verlangten eine Richtigstellung. So sandten Jehovas Zeugen der Redaktion eine Entgegnung. Der Versuch, diese Entgegnung nicht zu veröffentlichen, scheiterte an den gesetzlichen Bestimmungen. Und so konnten die Luxemburger in ihrer katholischen Zeitung lesen, daß Jehovas Zeugen keine Hausierer sind, sondern der urchristlichen Predigtmethode folgen und wie Paulus die gute Botschaft von Haus zu Haus predigen, ferner daß die luxemburgischen Gerichte Jehovas Zeugen längst von der falschen Anklage, sie seien Hausierer, freigesprochen haben. Viele Luxemburger waren erstaunt, daß diese mächtige katholische Zeitung die Entgegnung der Zeugen veröffentlichen mußte. So haben uns ihre priesterlichen Redakteure, statt die Verkündigung der Botschaft zu hindern, Gelegenheit zu einem weiteren Zeugnis gegeben.
Ein 18 Jahre alter Bruder berichtete uns, wie er ein Zeuge Jehovas wurde: „Meine Eltern waren seit einem halben Jahr getauft, als sie sich entschlossen, eine Bezirksversammlung zu besuchen. Da sie meinen Bruder und mich nicht allein zu Hause lassen wollten, beschlossen sie, uns mitzunehmen, und wir mußten, wenn auch widerwillig, mitfahren. Heute bereue ich nicht, daß ich an jener Versammlung teilnehmen mußte. Ich konnte dort die Liebe und die Einheit bewundern, die unter den Zeugen Jehovas herrscht, und das gefiel mir. Bis dahin hatte ich mich nicht für die Botschaft der Zeugen interessiert. Ich hatte nur ab und zu aus Neugierde zugehört, wenn ein Zeuge mit meinen Eltern ein Bibelstudium durchführte, jetzt aber wollte ich selber ein Heimbibelstudium haben. Das war im August. Im November, also drei Monate später, symbolisierte ich meine Hingabe an Jehova durch die Wassertaufe, und seither bin ich ein glücklicher Zeuge für Jehovas Namen.“ Zu jener Zeit studierte der junge Bruder an einer höheren Schule. In der Versammlung hörte er, wie die Briefe der Gesellschaft über den Pionierdienst vorgelesen wurden. Er mußte sich entscheiden. Er wählte den Pionierdienst als sein Lebensziel. Im April, sechs Monate nach seiner Taufe, wurde er Pionier, und im August ernannte ihn die Gesellschaft zum Sonderpionier, und dies alles innerhalb eines Jahres.
Ein Verkündigerehepaar besuchte nach seiner Taufe alle früheren Freunde und Bekannten, um ihnen zu sagen, daß sie jetzt Zeugen Jehovas seien, und um sie ebenfalls mit der Königreichsbotschaft bekanntzumachen. So konnten sie mit einer Familie ein Heimbibelstudium beginnen. Während sie eines Abends zusammen studierten, kam ein junger Mann aus der Nachbarschaft zu Besuch. Er pflegte sonst immer mit dieser Familie Karten zu spielen, aber an diesem besonderen Abend wurde er eingeladen, am Bibelstudium teilzunehmen. Um nicht unhöflich zu sein, hörte er zu. Er wurde für das nächste Studium eingeladen und erhielt auch eine Zeitschrift zum Lesen. Um seine Freunde nicht zu beleidigen, kam er auch das nächste Mal wieder. Nach etwa zehn Abenden wollte er sich zurückziehen. Doch die Zeugen sagten ihm, er solle doch zuerst noch eine Zusammenkunft der Versammlung besuchen. So kam er denn am nächsten Sonntag zum Wachtturm-Studium und verließ es ganz begeistert. Eine solche Atmosphäre der gegenseitigen Achtung hatte er noch nirgends gefunden. Hier fühlte er sich wohl. Er kam schon am nächsten Wochenende mit in den Felddienst, besucht seither regelmäßig die Versammlungen und ist ein eifriger Königreichsverkündiger geworden. Zwei Monate später wurde er bei der Kreisversammlung getauft.
ÖSTERREICH
Der Psalmist sagt: „Nicht habe ich gesessen bei falschen Leuten [Menschen der Unwahrheit, NW], und mit Hinterlistigen ging ich nicht um.“ (Ps. 26:4) Ebenso handeln unsere Brüder in Österreich. Sie suchen nach den anderen Schafen, und es ist ihnen nicht daran gelegen, an der Wohlfahrt teilzuhaben, die in ihrem Lande seit dem Ende des zweiten Weltkrieges neu erlangt worden ist. Obwohl der Wohlstand, den man in Österreich heute haben kann, gering sein mag im Vergleich zu dem Wohlstand, der in anderen Ländern besteht, ist er doch für den Österreicher etwas Neues, und seine Lebensweise verändert sich dadurch. Menschen, die in Ländern leben, die von Zeit zu Zeit unter Krieg gelitten haben, denken, es sei das Beste, zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein, weil sie schon morgen tot sein können; doch viele sind nicht so rückständig, daß sie sich zu Menschen der Unwahrheit und zu denen hinsetzen, die all die irdischen Güter, die man haben kann, besitzen möchten. Solche Menschen zu bewegen, sich von der Welt zu trennen und Menschen von Lauterkeit zu werden, die sich nicht mehr zu den Bösen hinsetzen, erfordert von seiten der Zeugen Jehovas viel Zeit und Kraft, doch machen unsere österreichischen Brüder gute Fortschritte, und sie sind für das Vorrecht, das sie besitzen, die gute Botschaft zu verkündigen, wirklich dankbar. Sie freuten sich sehr, diesen Sommer die Bezirksversammlungen „Lebengebende Weisheit“ zu besuchen und die reiche nährende Speise zu erhalten, die ihnen durch die Erklärung der verschiedenen Bücher der Bibel zuteil wurde. Unsere Brüder in Österreich haben im Laufe des Jahres ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Der Zweigdiener berichtet uns einige davon, und sie werden Jehovas Zeugen überall ermutigen.
Eine Sonderpionierin kam zu einem älteren Herrn, einem Doktor der Philosophie. Nach einigen Worten rief er aus: „Endlich kann ich mit jemandem über Religion sprechen. Seit Jahren suche ich die Wahrheit. Können Sie mir sagen, was die Wahrheit ist?“ Nach einer einstündigen Unterhaltung fragte er: „Wollen Sie mir helfen, zu der Überzeugung zu gelangen, die Sie selbst haben?“ Er abonnierte sogleich den Wachtturm, und ein Studium wurde mit ihm begonnen. Die Schwester schreibt: „Es ist rührend, zu hören, wie dieser Mann, der fünfunddreißig Jahre lang Lehrer gewesen ist, jetzt am Anfang des Studiums sagt: ‚Nun, Fräulein, ich habe die Sache gelernt und das Kapitel studiert.‘“ Er hat das, was er gelernt hat, nicht für sich behalten, sondern hat schon bald seinen Verwandten, Freunden und allen, mit denen er zusammengekommen ist, ein Zeugnis gegeben und ihnen auch Schriften der Gesellschaft überreicht. Öfters äußert er seine Dankbarkeit darüber, „daß es eine Organisation gibt, die den Menschen auf solch wunderbare Weise Hilfe bietet“.
Ein Mann, der 22 Jahre lang aktiver Kommunist gewesen ist (in den letzten zehn Jahren war er Kassierer der Ortsorganisation gewesen), nahm das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“ an der Tür von einer Schwester entgegen. Er lächelte über die Botschaft, da er Frieden, Sicherheit und Wohlfahrt vom Kommunismus erwartete, doch er wollte sich tolerant zeigen. Das Buch bewies ihm, daß Menschen nicht dauernde Wohlfahrt herbeiführen können, und nachdem er begonnen hatte, die Versammlungen der Zeugen Jehovas zu besuchen, fing er an, seine Hoffnung auf Gottes Königreich zu setzen. Die freimütigen Zeugnisse, die er und seine Frau gaben, kamen dem Pfarrer zu Ohren, der ihnen gestattet hatte, auf einem Grundstück, das der Kirche gehörte, ein Haus zu bauen. Einem Kommunisten war dies erlaubt worden — denn zwei Jahre lang hatte dieser an dem Haus gebaut, bevor er von der Wahrheit hörte —, jetzt aber zwang ihn der Pfarrer, sich zu entscheiden, entweder diesen Glauben aufzugeben oder von dem Grundstück der Kirche zu verschwinden. Er sagte: „Ich will nicht den größten Feind, einen Zeugen Jehovas, in dieser Siedlung haben.“ Das Ehepaar verteidigte die Wahrheit gut, und der Pfarrer wollte ihnen noch zwei Wochen Zeit zum Überlegen geben. Die beiden erklärten aber sogleich, daß es nichts mehr zu überlegen gebe, und so gingen sie des fast fertiggestellten Hauses verlustig, ohne daß sie irgendwelche finanzielle Entschädigung erhielten. Beide sind aber glückliche Glieder der Neuen-Welt-Gesellschaft und bedauern es nicht, ihren materiellen Besitz gegen den Schatz umgetauscht zu haben, nun Diener Jehovas sein zu dürfen.
Ein weiteres großes Ereignis in diesem Jahr war der Ankauf eines Hauses, in dem wir mehr Platz haben werden und das in jeder Hinsicht dienlicher sein wird als die jetzigen gemieteten Räume. Ich hoffe aufrichtig, daß Du in nicht allzu ferner Zeit das neue Bethel in Wien besuchen wirst.
POLEN
Das im vergangenem Jahr in Polen geleistete Werk der Zeugen Jehovas zeichnet sich durch Fortschritte und vermehrte Reife aus. Es ist auffallend, wie in Zeiten der Bedrängnis viele Neue eingesammelt werden. In Polen besteht eine vorzügliche Organisation von Predigern, und das Land wird von Jehovas Zeugen, die die gute Botschaft vom Königreich predigen, gut bedient. Es wird angenommen, daß in diesem Jahr der Grund zu einer noch rascheren Zunahme und zur Einsammlung weiterer Schafe im kommenden Jahr gelegt worden ist. Der Zweigdiener wurde letztes Jahr auf freien Fuß gesetzt und hatte die Gelegenheit, zusammen mit anderen Aufsehern sich des Werkes anzunehmen. Am 13. September 1957 jedoch wurden er und mehrere seiner Mitbrüder ins Gefängnis zurückgeholt. Man nimmt an, daß dadurch das Zeugniswerk nicht verzögert werden wird, sondern daß die Brüder entschlossener denn je die gute Botschaft predigen werden. Es hat im Fortschritt des Werkes niemals einen Stillstand gegeben, seitdem im Sommer 1950 die polnische Regierung die Organisation verboten hatte, und dies trotz der Gefangennahme der verantwortlichen Diener.
In Polen hat man genau das gleiche getan wie in anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, das heißt, die Regierung hat die verantwortlichen Brüder aufgefordert, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Organisation gesetzlich einzutragen. Daraufhin wurden am 29 April 1957 von einer aus Brüdern bestehenden Abordnung ihre Statuten, die denjenigen der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania entsprechen, dem Direktor des Zentralbüros für religiöse Angelegenheiten in Warschau unterbreitet. Die bei diesem Anlaß erfolgte Diskussion zeigte, daß die Ansichten, wie sie beide Seiten vertraten, beträchtlich auseinandergingen. Schließlich sagte der Direktor, unsere Statuten würden sorgfältig studiert werden und wir würden bezüglich einer weiteren Betrachtung der Angelegenheit wieder von ihm hören. Er hob hervor, daß die Interessen des Staates gewahrt werden müßten. Seit jener Zeit gab es keine weitere Fühlungnahme mit dieser Regierungsbehörde. Etwas ist indes eingetreten, nämlich die Verhaftung und Gefangensetzung verantwortlicher Diener, doch etwas später wurden einige wieder freigelassen. Was das bedeutet, wissen wir nicht; doch wir sehen voraus, daß die Organisation weiterhin sprunghaft zunehmen wird, so wie vorher, als sie verboten war.
Es ist notwendig, daß sich unsere Brüder hinter dem Eisernen Vorhang unterirdisch betätigen wie in allen anderen Ländern, die mit dem kommunistischen Leichentuch bedeckt sind. Nun folgt eine interessante Erfahrung:
Irrtümlich wurde ein Gebiet am gleichen Tage dreimal von drei verschiedenen Versammlungen besucht, wie das geschehen kann, wenn sich Verkündiger unterirdisch betätigen. Die Verkündiger der ersten Versammlung bearbeiteten das Gebiet am Morgen, die der zweiten um die Mittagsstunde, und die der dritten kamen am Abend in das Gebiet. Am Abend sagte ein Mann zu dem dritten Zeugen, der an jenem Tage bei ihm vorsprach: „Einer von Ihnen war diesen Morgen hier, ein zweiter um die Mittagszeit, und ich habe beide weggeschickt. Jetzt aber denke ich, daß es sich um etwas Ernstes handeln muß, da der dritte von Ihnen noch am Abend kommt. Bitte, treten Sie ein und sagen Sie mir genau, worum es geht, damit ich die Größe Ihrer Botschaft verstehen kann.“
Ein anderer Verkündiger berichtete, daß er in einem Dorfe überall beträchtliches Interesse gefunden habe. Nachdem er beim ersten Hause vorzusprechen begonnen hatte, scharte sich jung und alt um ihn, und man folgte ihm von Haus zu Haus, um noch mehr von der guten Botschaft zu hören, die er den Menschen erzählte. Beim letzten Haus des Dorfes angelangt, hatte sich eine ganze Menge Menschen um ihn versammelt. Es tat ihm leid, daß die Zeit zum Heimgehen für ihn gekommen war. Da beschloß er, eine Ansprache zu halten. Alle hörten aufmerksam zu, bis er zu Ende war. Dabei mußte er unwillkürlich an die Volksmengen denken, die vor neunzehnhundert Jahren Jesus nachgefolgt waren, weil sie ihn hören wollten. Die Bevölkerung von Polen hungert bestimmt nach der Wahrheit.
Eine weitere Erfahrung wird berichtet, die ein Zeuge machte, der in einer Kleinstadt arbeitete und einen Studenten traf, der echtes Interesse bekundete. Der Grund hierfür war — wie der Student sagte — die Tatsache, daß „unser Professor der ganzen Klasse gesagt hatte, wir sollten einem Zeugen Jehovas, dem wie begegnen würden, mit Achtung begegnen. Dies seien Leute, die recht tun, die offen und ehrlich handeln und sich nicht in die Politik einmischen.“ Von diesem Augenblick an — so sagte er — habe er den Wunsch gehabt, einen Zeugen Jehovas zu treffen, und er war sehr froh, daß er an diesem Tage einen getroffen hatte. Es wurde ein Heimbibelstudium mit ihm begonnen.
Ein Zeuge Jehovas, der in einem kleinen Dorfe arbeitete, fand dort ziemlich viel Interesse. Wegen der Tätigkeit der Zeugen setzte ein katholischer Pfarrer eine Aktion gegen sie in Gang. Er hieß die Dorfbewohner, nicht mehr auf sie zu hören, sondern sie aus dem Dorfe zu jagen, wenn sie kämen. Nun ist es in jenem Dorfe Brauch, daß die Bauern der Reihe nach jede Woche den Priester mit dem Pferdewagen ins Nachbardorf fahren, damit er dort seinem Amt als Priester nachkommen kann. Jetzt war ein Landwirt, der sich für die Wahrheit interessierte, an der Reihe, den Priester mitzunehmen. Unterwegs fragte er den Pfarrer: „Sind Jehovas Zeugen ebenfalls Christen?“ „Ja“, erwiderte der Priester. „Ist Jehova der Name des wahren Gottes?“ „Ja“, war die Antwort. „Sind Jehovas Zeugen kluge Leute?“ „Gewiß, das sind sie“, sagte der Geistliche. „Warum sollten wir also nicht mit klugen Leuten sprechen?“ Nun begann sich der Priester darüber zu beschweren, daß Jehovas Zeugen den Katholizismus stürzen könnten. „Und wenn wir uns nicht verteidigen“, sagte er, „werden sie bald ihre Botschaft selbst von unseren Kanzeln herab predigen. Wir müssen uns verteidigen, sonst sind wir verloren.“
Im Dienstjahr 1957 wurden die polnischen Brüder mit geistiger Speise reich versorgt, und in den Fällen, in denen sie Not litten, da sie Kleider brauchten, konnten die Brüder in der Schweiz und in Schweden Kleiderpakete senden, die ein Gewicht von ungefähr 1850 kg ausmachten, was den Bedürftigen sehr zustatten kam. Unsere Brüder in Polen blicken vertrauensvoll dem neuen Jahr entgegen. Sie sind nicht beängstigt, weil einige der Aufseher wieder eingesperrt worden sind. So wie David werden sie sagen: „Ich aber werde in meiner Lauterkeit wandeln.“
SCHWEIZ
Christliche Gastfreundschaft trägt stets Frucht. Wir sollten daher an jeder Türe, an der wir vorsprechen, einen gastfreundlichen Geist offenbaren. Da wir die alte Welt verlassen haben, müssen wir uns mit der richtigen Erkenntnis über die neue Welt ausrüsten. Jeder Christ muß die Anweisungen beachten, die Paulus dem Timotheus gab. „Halte an mit dem Vorlesen, mit dem Ermahnen, mit dem Lehren. Bedenke dieses sorgfältig; lebe darin.“ (1. Tim. 4:13, 15) Heute befassen sich Jehovas Zeugen weit und breit damit, die Menschen, mit denen sie zusammenkommen, in biblischen Sinne zu ermahnen. Ohne Frage unterweisen sie sie außerdem, und bei ihren Bibelpredigten lesen sie ihnen auch viele Bibeltexte vor. Dies alles bewirkt Gutes. Hier folgen nun einige der guten Erfahrungen, die in der Schweiz gemacht worden sind.
Als eine Wirkung der immer intensiver werdenden Verkündigung der neuen Welt nimmt auch die Opposition der Geistlichen beider Konfessionen zu. Es erscheinen in Kirchenblättern zahlreiche Artikel gegen Jehovas Zeugen. Diese vermögen oft viele Menschen vorübergehend zu beeinflussen, aber sie können auch das Gegenteil bewirken, wie folgende Erfahrung zeigt: Zwei junge Pioniere sprachen an einer Türe vor. Eine junge Dame öffnete, hörte einige Minuten aufmerksam der Predigt zu und sagte dann: „Kommen Sie doch herein, das interessiert auch meinen Mann.“ Die Pioniere predigten etwa eine Stunde lang über die neue Welt, und das Ehepaar folgte ihnen mit ungewöhnlichem Interesse. Die Verkündiger überreichten dann das Buch „Gott bleibt wahrhaftig“, eine Broschüre und Zeitschriften. Noch bevor sie einen weiteren Besuch vorschlagen konnten, fragte man sie: „Wann kommen sie wieder? Das ist wirklich interessant.“ In der nächsten Woche sprach der eine Pionier wieder vor, und sofort wurde ein regelmäßiges Bibelstudium eingeführt. Beim dritten Studium sagte der Mann: „Wissen Sie, weshalb ich Ihnen so interessiert zugehört habe?“ „Nein“, erwiderte der Pionier. „Nun, ich las im ‚Kirchenboten‘ einen kleinen Artikel über Euch, die Zeugen Jehovas. Dort hieß es, man solle, wenn zwei junge Leute an die Türe kämen, gut gekleidet und taktvoll und mit Bibelauslegungen Ihrer Richtung, ihnen nicht zuhören, sondern die Türe schließen mit der Erklärung, daß man die Kirche habe und der Herr Pfarrer uns schon alles sage. Ich aber bin ein freier Mensch und möchte alles prüfen, und deshalb habe ich Ihnen zugehört.“ Das war im November 1956. Zwei Monate später besuchten beide bereits alle Vorträge und das Wachtturm-Studium. Im April kamen sie zum erstenmal mit in den Felddienst, und im Juli symbolisierten sie anläßlich des Kongresses in Zürich bereits ihre Hingabe an Jehova. Beide sind seither regelmäßige Verkündiger. So hat sich der Fluch im Kirchenblatt in Segen umgewandelt.
Wir haben immer noch mit Schwierigkeiten rechtlicher Natur zu kämpfen. Ein Fall entwickelte sich im Kanton Waadt und wurde vor Gericht gebracht. Im Oktober 1956 wurden drei Verkündiger von der Polizei aufgeschrieben und angezeigt. Sie wurden beschuldigt, ohne Patent hausiert und vor allem das Bundesgesetz über die Handelsreisenden übertreten zu haben. Der Angriff kam also dieses Mal von einer anderen Seite und richtete sich gegen das Anbieten von Zeitschriften-Abonnements. Jedem Verkündiger wurde eine Geldstrafe von 30 Franken auferlegt. Gegen diese Verfügung wurde Einspruch erhoben, und deshalb wurde der Fall dem Bezirksgericht überwiesen.
Zur Unterstützung ihrer Anklage führte die Polizei in ihrem Rapport acht Zeugen an, darunter auch die Frau des protestantischen Pfarrers jenes Dorfes. Als die Gerichtsverhandlung angesetzt wurde, ersuchten wir das Gericht, alle Zeugen der Polizei und dazu noch fünf weitere vorzuladen. Anläßlich der Gerichtsverhandlung marschierten daher insgesamt 13 Zeugen auf. Sogar die Frau Pfarrer sagte zugunsten der Verkündiger aus. Der Pfarrer begleitete seine Frau in den Gerichtssaal, und obschon er nicht als Zeuge geladen worden war, erhob er sich während der Verhandlung und erklärte, er sei für die Glaubensfreiheit eingestellt und sei nicht so engherzig, zu glauben, daß niemand anders im Dorfe predigen dürfe als er. Andere Zeugen sagten ebenfalls zugunsten der Verkündiger aus, und der Richter, der die ganze Verhandlung sehr sachlich und liebenswürdig leitete, erhielt von unserem Werk einen guten Eindruck.
In seinem Urteil sprach der Richter alle drei Verkündiger von Schuld und Strafe frei und erklärte, daß weder das Hausiergesetz noch das Bundesgesetz über die Handelsreisenden in diesem Falle angewandt werden könne, weil kein Handel vorliege und die ganze Tätigkeit nur der religiösen Werbung diene.