-
Fürchtest du Menschen oder Gott?Der Wachtturm 1957 | 1. Februar
-
-
Fürchtest du Menschen oder Gott?
VIELE Menschen machen sich Sorgen über das, was andere Menschen denken mögen. Wenn sie etwas verkehrt machen können, ohne daß Menschen es sehen, so tun sie es. Jehova Gott aber sieht es. Doch wird dies nicht ernstlich in Betracht gezogen. Sie machen sich Sorgen, wenn Menschen es herausfinden, sind aber gleichgültig Gott gegenüber. Wie verkehrt dies doch ist! Sie möchten gut erscheinen in den Augen der Menschen, sind aber unbekümmert darüber, wie sie vor Gott dastehen. Menschen zählen in Wirklichkeit nicht; Gott gilt alles. Wie kommt es denn, daß die Menschen so versagen, indem sie Menschen fürchten und Gott vergessen?
Vielleicht denken sie, Gott sei barmherziger und verständnisvoller gegenüber ihrer Schwachheit und werde ihnen vergeben, während die Menschen nicht so milde seien. Aber noch wahrscheinlicher ist in solchen Fällen der Gedanke, daß, wenn Menschen etwas nicht wissen, sie wegen ihrer Missetat nicht Strafe erleiden werden. In Prediger 8:11-13 lesen wir: „Weil das Urteil über böse Taten nicht schnell vollzogen wird, darum ist das Herz der Menschenkinder in ihnen voll, Böses zu tun; weil ein Sünder hundertmal Böses tut und doch seine Tage verlängert — obgleich ich weiß, daß es denen, die Gott fürchten, wohlgehen wird, weil sie sich vor ihm fürchten; aber dem Gesetzlosen wird es nicht wohlgehen, und er wird, dem Schatten gleich, seine Tage nicht verlängern, weil er sich vor Gott nicht fürchtet.“ Die Menschen sollten sich mehr über den Gedanken Sorge machen, daß Gott es sieht, wenn sie Übles tun, als sich davor zu fürchten, daß Menschen etwas sehen.
In den Tagen Jesu waren die heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer besonders auf ihre äußere Erscheinung bedacht, um vor Menschen gut auszusehen, kümmerten sich aber nicht um die innere Unsauberkeit, die Gott sah. Jesus sagte zu ihnen: „Ihr reiniget das Äußere des Bechers und der Schüssel, inwendig aber sind sie voll von Raub und Unenthaltsamkeit.“ In Hesekiels Tagen argumentierten die Übeltäter wie folgt: „Jehova sieht uns nicht; Jehova hat das Land verlassen.“ Sie waren wie jene, die hundertfünfzig Jahre früher, zur Zeit Jesajas, lebten: „Wehe denen, welche ihre Pläne tief verbergen vor Jehova, und deren Werke im Finstern geschehen, und die da sprechen: Wer sieht uns, und wer kennt uns?“ — Matth. 23:25, NW; Hes. 8:12; Jes. 29:15.
Jehova sieht, was wir tun. Er sieht, ob wir gut oder schlecht handeln, und er belohnt uns zu seiner eigenen Zeit. Heuchler, die ihre üblen Taten vor Menschen verbergen, posaunen irgend etwas Gutes, das sie tun, aus, „damit sie von Menschen verherrlicht“, von ihnen also beobachtet werden. „Sie haben ihren Lohn schon völlig“, sagte Jesus. Er gab seinen Nachfolgern den Rat, ihre Gaben der Barmherzigkeit ohne Gepränge darzubringen und ihren religiösen Dienst still und ohne Fanfarengeschmetter zu tun, denn dann wird „dein Vater, der im Verborgenen sieht, dir vergelten“. Personen, die sich vor Menschen fürchten, verbergen ihre Übeltaten vor Menschen, stellen aber ihre guten Taten zur Schau, damit die Menschen sie sicherlich sehen und loben möchten. — Matth. 6:2-4, 16-18, NW.
„Menschenfurcht legt einen Fallstrick“, aber „die Furcht Jehovas ist der Erkenntnis Anfang“. Bisweilen ertappen sich selbst wahre Christen bei einer fleischlichen Schwachheit, bei etwas Falschem, das sie tun, weil Menschen es nicht sehen und weil es daher von Menschen weder kritisiert noch bestraft wird. Wenn wegen Unrechter Taten nicht sogleich Leid über uns kommt, geraten wir bisweilen in die starke Versuchung, solche zu begehen, und denken nicht immer an eine künftige Zeit, in der Jehova uns darüber zur Rechenschaft zieht. Nur einer ist zu fürchten — Gott, nicht Menschen, und das kennzeichnet den Beginn der Erkenntnis, die uns recht leitet und uns Leben erlangen hilft. — Spr. 29:25; 1:7.
-
-
War Jesus ein Gottmensch?Der Wachtturm 1957 | 1. Februar
-
-
War Jesus ein Gottmensch?
UNTER Inkarnation versteht man in der Christenheit die Lehre, nach der „in der Person Jesu Christi Gott Mensch und der Mensch Gott gewesen“ sei. Dieser Glaubenssatz wird als „die Zentrallehre des Christentums“ bezeichnet. Die katholische Kirche und die meisten protestantischen Kirchen lehren deshalb, daß Jesus ein Gottmensch gewesen sei. Aber wie verschiedene andere Lehren der Geistlichkeit, so entbehrt auch diese jeder Vernunft und Folgerichtigkeit. Selbst Theologen geben zu, daß keine menschliche Philosophie sie völlig erklären könne. Sie ist widerspruchsvoll und verwirrend. Die Bibel sagt jedoch, daß ‚Gott nicht der Urheber von Verwirrung ist‘. Deshalb mögen folgende Fragen unser Interesse finden: Wie ist die Lehre von der Inkarnation entstanden? Lehrt die höchste Autorität, Gottes Wort, tatsächlich, daß Jesus der allmächtige Gott in der Gestalt eines Menschen gewesen sei? — 1. Kor. 14:33.
Die Lehre, daß Jesus ein Gottmensch gewesen sei, tauchte erst lange nach seinem Tode auf und entwickelte sich allmählich. Auf dem Konzil zu Nizäa, im Jahre 325, nahm sie dann feste Formen an. Dieses Konzil tagte unter dem Vorsitz des heidnischen Kaisers Konstantin. Merrill sagt in seinen Essays in Early Christian History (Abhandlungen über die Geschichte des Urchristentums): „Es hat nicht den Anschein, daß Konstantin viel daran gelegen war, welche Lehre bei den Diskussionen und Abstimmungen den Sieg davontragen würde. Er trachtete auch nicht, wie Heinrich VIII. von England, danach, Theologe zu sein, sondern war aus politischen Gründen auf die Eintracht innerhalb der Kirche bedacht … Er hoffte zweifellos von vornherein, daß man zu Entscheidungen komme, die für beide Seiten annehmbar wären.“
Ein bekannter amerikanischer Theologe, Henry P. Van Dusen, wirft in seinem Buch World Christianity (Weltchristentum, S. 72) noch mehr Licht auf das, was seinerzeit in Nizäa geschah: „Im Osten gärte es; denn es waren noch heftigere Auseinandersetzungen in bezug auf die genaue theologische Erklärung der Person Christi entstanden. Deshalb forderte Konstantin im Jahre 325 sämtliche Bischöfe der Kirche auf, sich in Nizäa zu versammeln. Die 318 Bischöfe, die der Aufforderung Folge leisteten, stellten nur etwa ein Sechstel der Bischöfe des ganzen Reiches dar. Wie auf allen ökumenischen Konzilen kamen
-