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  • Die Olympiade 1972 — ein Friedensfest?
  • Erwachet! 1973
Erwachet! 1973
g73 22. 1. S. 25-28

Die Olympiade 1972 — ein Friedensfest?

DIE Olympischen Spiele, die alle vier Jahre stattfinden, werden von Millionen, ja Milliarden Menschen als Weltfriedensfesttage angesehen. So wie in alter Zeit, so ist es auch bei den Olympischen Spielen der Neuzeit üblich, eine Art „Burgfrieden“ unter den Nationen zu halten. Dieser Brauch stammt aus der Tradition der Spiele im alten Griechenland, wo alle dem Ruf folgten:

„Das Fest des Zeus ist gekommen. Aller Streit soll ruhen, der Lärm der Waffen schweige. Frei mögen auf allen Wegen zu Wasser und zu Lande die Pilger herbeiziehen zur gastlichen Schwelle des Zeus!“

Dieser alte olympische Spruch zeigt, was man unter dem „olympischen Frieden“ zu verstehen hat. Im Griechenland des Altertums entwickelte sich aus uraltem Götterkult der Weihebezirk Olympia im nordwestlichen Peloponnes zu jener Feststätte, wo alle vier Jahre die männliche Jugend von ganz Hellas, aus dem Mutterland und den entlegenen Kolonien, zusammenströmte, um ihre Kräfte im Wettkampf zu messen. Bis heute weiß man nicht genau, in welche Zeit man den Anfang der Olympischen Spiele setzen soll. Doch man weiß, daß der erste namentlich bekannte olympische Sieger im Jahre 776 v. u. Z. Koroibos aus Elis war. Neuere Forschungen haben ergeben, daß diese Spiele noch wesentlich älter sind. Bedeutsam ist jedoch die Tatsache, daß es sich bei den Spielen um ein religiöses Fest handelte, dessen Höhepunkt das Brandopfer am Altar des Göttervaters Zeus war, das ursprünglich nur der schnellste Läufer entzünden durfte. Alles spielte sich in einem festlichen Rahmen ab, mit Götteropfern und kultischen Handlungen, bei denen z. B. dem Zeus hundert Stiere geopfert wurden.

Die Olympischen Spiele in München waren die XX. seit 1896, als Baron Pierre de Coubertin diese Spiele der Antike zu neuem Leben erweckte. Die religiöse Tradition wurde bis heute, wenn auch nicht mehr so offensichtlich, gewahrt, und so ist es nicht verwunderlich, daß für viele Menschen die Olympischen Spiele eine Religion geworden sind.

Beim Entzünden des Feuers auf dem olympischen Hain in den Ruinen des Hera-Tempels am 28. Juli 1972 bat eine als Hohepriesterin gekleidete Sportlerin um die Gnade des Zeus; 6 600 km hatte die „heilige Flamme“, das olympische Feuer, von Fackelläufern getragen, bis München zurückgelegt, um dort vom 26. 8. bis 10. 9. 1972 zu brennen.

Welche Vorbereitungen waren für die XX. modernen Spiele in München getroffen worden? Man hoffte, wenigstens für zwei Wochen Frieden zu haben, um diese als heiter geplanten Veranstaltungen durchzuführen. Im Jahre 1966 vergab das Internationale Olympische Komitee (IOK) bei einer Sitzung in Rom die Olympischen Sommerspiele des Jahres 1972 an München. Damit fiel die Wahl auf eine Stadt — im Volksmund auch „Millionendorf“ genannt —, die zu jenem Zeitpunkt außer sportbegeisterten Bürgern und einer reizvollen Umgebung nicht viel bieten konnte.

Die vorhandenen Sportstätten waren vollkommen ungenügend, und so begannen die Architekten und Baumeister auf dem Gelände eines ehemaligen Flughafens und früheren Truppenübungsplatzes die Bauten für die Spiele zu errichten. Es sollten die „Spiele der kurzen Wege“ werden, und die meisten Sportstätten wurden so angelegt, daß man bequem zu Fuß von einer zur anderen gehen konnte. Allein an den etwa 60 Bauprojekten für die Sportstätten waren 15 000 Bauarbeiter aus 23 Ländern beschäftigt. Zusammen mit 550 Architekten und Ingenieuren verwandelten sie das 3 000 000 qm große Gelände in eine olympische Landschaft, einen Park mit 4 750 Bäumen, 180 000 Sträuchern, Büschen und Stauden sowie einem künstlichen See von 11 000 qm. Es wurden 43 km Straßen und 32 Brücken gebaut, um die Verbindungswege zu schaffen.

Aus den Baugruben wuchsen im Laufe der Zeit das Olympia-Stadion, eine Schwimmhalle, ein Radstadion sowie Sporthallen für Turnen, Boxen und Ballspiele empor, außerdem das olympische Dorf für 12 000 Sportler und ihre Betreuer, eine Pressestadt für 4 000 Journalisten und Techniker mit einem Radio- und Fernsehzentrum.

Ins Auge stach dabei besonders ein Bauwerk, das zugleich Kunstwerk sein sollte: das bizarre Zeltdach, das Teile des Stadions, der Schwimmhalle und der großen Sporthalle überdeckt. Es war eine umstrittene Konstruktion, bei der sich Baufachleute, Kunstsachverständige und Finanzexperten nicht einig wurden und ihre gegensätzlichen Meinungen auch lautstark zum Ausdruck brachten, vor allem deshalb, weil die Kosten, ursprünglich mit ungefähr 16 000 000 DM veranschlagt, im Laufe der Bauzeit auf rund 200 000 000 DM (um mehr als das 12fache) anstiegen. Mit 74 800 qm (so groß wie 12 Fußballplätze) wurde es zum größten und teuersten Dach der Welt. Weitere Sportanlagen im Großraum München wurden angelegt.

Neue Verkehrseinrichtungen, U- und Schnellverkehrsbahnen wurden gebaut, neue Straßen und Autobahnen entstanden. Milliardensummen wurden ausgegeben, um alle Einrichtungen zu schaffen, die für die Spiele notwendig waren. Innerhalb weniger Jahre wurden Projekte verwirklicht, München und seine Umgebung betreffend, für deren Ausführung sonst viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, gebraucht worden wären. Die Politiker jeder Richtung, die Bürger und die Veranstalter waren sich vielfach nicht darüber einig, was nun wirklich notwendig war und was nicht, und viel Geld wurde aufgewendet und vielleicht auch vertan, nur um dieses 16 Tage dauernde Spiel durchführen zu können.

Wie sollte dieses Mammutprogramm, von dem hier ja nur ein Teil aufgeführt ist, finanziert werden? Nach offiziellen Angaben sollten die Kosten ungefähr 2 Milliarden DM betragen und zu einem Drittel aus Steuermitteln der Stadt München, des Landes Bayern und der Bundesrepublik Deutschland finanziert werden. Der weitaus größte Teil, nämlich 1,4 Milliarden DM, sollte aus sogenannten olympiabedingten Einnahmen stammen, wie z. B. Vergabe von Fernsehrechten, Verkauf von Eintrittskarten, Lotterieveranstaltungen usw. Auch die Kosten für den weiteren Unterhalt der Anlagen werden jährlich in die Millionen gehen. Eines steht fest: Es waren die teuersten Spiele, die es je gab!

Aber nicht nur die Sportstätten selbst wurden für die Olympiade vorbereitet, sondern auch die Sportler in aller Welt bereiteten sich jahrelang auf diese Spiele vor. Viele stellten Studium und Berufsausbildung zurück und opferten große Summen sowie Kraft und Zeit, nur um wenigstens die Teilnahme zu erreichen. In manchen Ländern sind die Erfolge der Sportler nationale Angelegenheit, das bedeutet, daß auch der Staat in die Vorbereitungen eingreift.

Politiker und Staatsmänner planten, die Spiele zu besuchen, um hier untereinander Gespräche zu führen. Politik spielte auch bei der weltweiten Auseinandersetzung über das Für und Wider der Teilnahme Südafrikas und Rhodesiens an den Spielen wegen ihrer Politik der Rassentrennung eine große Rolle. Südafrika wurde nicht eingeladen, während die Teilnahme Rhodesiens in letzter Minute durch Boykottdrohungen der afrikanischen Länder verhindert wurde, obwohl sich diese vorher, durch einen Kompromiß zufriedengestellt, einverstanden erklärt hatten.

Aber nicht nur der Sport sollte während der olympischen Tage eine Rolle spielen. Es wurde ein überaus umfangreiches kulturelles Rahmenprogramm für die XX. Olympischen Spiele vorbereitet. Große Konzerte, Opernaufführungen und Schauspiele sowie Sonderausstellungen in den Museen standen im Zeichen der fünf Ringe. Angefangen bei einer Ausstellung von Olympia-Münzen über eine Sammlung buddhistischer Kunst bis zu der Großausstellung „Weltkulturen und moderne Kunst“, wo auf rund 4 000 qm Ausstellungsfläche 2 500 Exponate aus Asien und Afrika, Ozeanien, Afro- und Indo-Amerika zu einer Begegnung mit der europäischen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts zusammengetragen wurden, wurde alles geboten, was man sich nur vorstellen konnte; sogar die Mode gab sich olympisch. Dazu kam ein internationales Folklore-Festival, bei dem Volkskunstgruppen von allen fünf Kontinenten sich mit Tänzen, Liedern und musikalischen Darbietungen vorstellten, in denen die Kulturen, Bräuche und Sonderheiten der verschiedenen Länder lebendig wurden. Eine olympische Spielstraße wurde eingerichtet, auf der bei freiem Eintritt täglich freischaffende Künstler ein Programm darboten, das von Artistik bis zum Aktionstheater reichte.

Neben den Vorbereitungen für die Veranstaltungen waren jedoch auch die Probleme hinsichtlich der Sicherheit der Sportler und Besucher, aber auch deren Verpflegung zu lösen. Insgesamt etwa 15 000 Polizeibeamte aus allen Ländern der Bundesrepublik und Berlin wurden eingesetzt, um für einen reibungslosen und störungsfreien Ablauf der Dinge außerhalb der Sportstätten zu sorgen und Verbrechen zu verhüten. Es war ein offenes Geheimnis, daß die Sicherheit gefährdet war, denn Drohungen extremistischer Gruppen aus aller Welt und aller politischen Richtungen waren bekanntgeworden. Das größte Polizeiaufgebot in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sollte den olympischen Frieden bewahren helfen. Spezialisten und Experten der Morduntersuchung, renommierte Taschendiebfahnder und kriminaltechnische Wissenschaftler standen zum Einsatz bereit. Diese Polizeimacht erregte selbst in internationalen Fachkreisen Aufsehen, so daß ausländische Polizeidelegationen Planung und Einsatz studierten.

Umfangreiche Vorbereitungen waren auch für die Verpflegung der aktiven Sportler, der Berichterstatter und Hilfskräfte notwendig. Für diese rund 40 000 Personen waren, nur um einige Beispiele zu nennen, folgende Mengen geplant: etwa 800 000 kg Fleisch- und Wurstwaren (einschließlich Wild und Geflügel), 600 000 kg Kartoffeln und Kartoffelerzeugnisse und etwa 3 Millionen Stück Eier.

Für das leibliche Wohl aller war tatsächlich gut gesorgt, vom einfachsten Gericht bis zu den ausgesuchtesten Delikatessen. Auch an Sonderwünsche war gedacht worden; so brauchten die Vegetarier unter den Sportlern nicht auf ihre gewohnten Gemüse und Früchte zu verzichten. Mit Hilfe von Ernährungswissenschaftlern wurden Menüs zusammengestellt, die sowohl einem Nordamerikaner wie auch einem Mongolen schmecken konnten.

Es waren gewaltige Anstrengungen, doch schon der Erfolg der Eröffnungsfeier schien sie zu rechtfertigen. Die 80 000 Anwesenden im Olympia-Stadion und die vielen Millionen Menschen an den Rundfunkgeräten und Fernsehschirmen waren begeistert von der beschwingten Feierlichkeit der Darbietungen. Es war ein gelungener Beginn für die geplanten „heiteren Spiele“, und die Organisation erschien perfekt von A bis Z.

Achttausend Pressevertreter berichteten über Fernsehen und Rundfunk ganztägig von den nun beginnenden sportlichen Wettkämpfen, die in einer gelösten Atmosphäre, bei besten klimatischen Bedingungen, einen nicht erwarteten erfolgreichen Verlauf nahmen. Organisation und Technik feierten Triumphe. Man sprach sogar von einem Festival der Computer. Computergesteuerte Informationssysteme mit umfangreichen Datenspeichern, gekoppelt mit völlig neuartigen elektrooptischen Meß-Systemen, gaben diesen Spielen eine neue Dimension bis in die 1/1 000 sec.

Golym, so wurde ein Computer genannt, war mit einigen hunderttausend Informationen gespeist worden. Alles konnte man von ihm erfahren, was sich mit Olympia verband: von den Regeln des Volleyballspiels bis zu den persönlichen Daten der einzelnen Athleten und Trainer sowie den Ergebnissen früherer Spiele.

Bis zum frühen Morgen des 5. September 1972 waren es tatsächlich heitere Spiele, die in ihrer Stimmung selbst die Organisatoren überraschten. Doch dann war es mit einem Schlag vorbei! Eine Gruppe Araber war in das olympische Dorf eingedrungen, hatte die Wohnräume der männlichen israelischen Sportler besetzt und die Athleten als Geiseln festgehalten; zwei Sportler wurden dabei getötet. Die Araber versuchten damit, die Freilassung palästinensischer Gefangener in Israel zu erreichen. Bei den anschließenden Auseinandersetzungen mit den Polizeibehörden fanden sämtliche Geiseln, fünf der Araber und ein Polizeibeamter den Tod. Die Olympiade, die so vielversprechend begonnen hatte, war als Friedensfest gescheitert! Nur elf Tage hatte der Frieden gewährt. Und dann? Die gedrückte Stimmung und die Ernüchterung kamen treffend in einem Zeitungskommentar zum Ausdruck:

„Waren wir betäubt, daß wir ihm ernsthaft getraut haben, dem olympischen Frieden? ... Wie konnten wir uns so rasch und so widerstandslos in wenigen Tagen der Abwendung vom sonstigen Weltgeschehen der Illusion ergeben, daß dieser olympische Friede eine verläßliche Wirklichkeit sei? Vielleicht, weil dieser Gedanke gar so schön ist ...“

Aus München, der „Weltstadt mit Herz“, war über Nacht eine „Weltstadt mit Herzstechen“ geworden. Obwohl die Meinungen über die Fortsetzung der XX. Olympischen Spiele weit auseinandergingen, wurden sie mit 24stündiger Unterbrechung zu Ende geführt.

Wie wird es nun mit den Olympischen Spielen in der Zukunft weitergehen? Das fragen sich nicht nur die Veranstalter, Offiziellen und Sportler, sondern auch alle anderen Menschen, die dem Geschehen in der Welt und der zukünftigen Entwicklung der Dinge interessiert gegenüberstehen. Wird man planen, die Spiele in der Zukunft militärisch zu bewachen, um so den Frieden zu bewahren und gewalttätige Störungen zu vermeiden? Aber mit Militär hat man auf die Dauer noch nie den Frieden sehr lange und dauerhaft gesichert. Auch hier kann der Frieden nicht durch menschliche Anstrengungen gewonnen werden; der Regenbogen, ein Symbol des Friedens, der bei der Schlußfeier aufgezogen wurde, war künstlich, so künstlich wie der scheinbare Frieden während der ersten Tage der Olympiade.

Es ist so, wie ein lokaler Journalist schrieb:

„Die olympische Idee ist eine Idee von großer Macht, doch nicht allmächtig, und der olympische Friede war eine Hoffnung, die enttäuscht wurde, weil es wohl nicht anders sein konnte.“

In Kenntnis der Tatsache, daß nur Gottes Königreich wahren Frieden bringen kann, und weil Jehovas Zeugen sich in den Dingen, die die Welt betreffen, neutral verhalten, haben sie in München die Gelegenheit der Olympischen Spiele wahrgenommen, Zeugnis von dem friedenbringenden Königreich abzulegen. Etwa 1 000 Verkündiger aus 47 Versammlungen konnten rund 12 000 Bibeln und bibelerklärende Literatur in 28 Sprachen an Gäste und Besucher abgeben, so z. B. an ein jüdisches Ehepaar, das anfänglich überrascht, doch dann sehr erfreut war, von dieser guten Botschaft in hebräischer Sprache zu erfahren. Auch an viele arabisch sprechende Personen wurden Schriften abgegeben, so daß auch sie erfahren konnten, daß der Frieden des Königreiches Gottes gesichert ist und nicht enttäuschen wird.

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