Der Standpunkt der Bibel
„Du wirst mit mir im Paradiese sein“ — Wo? Wann?
AUS dem Geschichtsbericht erfahren wir, daß ein Übeltäter, der neben Christus an einem Pfahl hing, kurz vor dessen Tod sagte: „Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Königreich kommst.“ Nach dem Bericht antwortete Jesus dem Übeltäter, der noch vor Sonnenuntergang sterben sollte: „Wahrlich ich sage dir heute du wirst mit mir im Paradiese sein“ (Luk. 23:42, 43, The Riverside New Testament [1934] von Professor W. G. Ballantine).
An was für ein Paradies mag Jesus gedacht haben: an ein irdisches oder an ein anderes? Ferner gilt es zu überlegen: Wann sollte jener Übeltäter (und auch andere) im Paradies sein? Was meinte Jesus mit dem Ausdruck „heute“? Die Antworten auf diese Fragen haben etwas mit deiner Hoffnung und deiner Zukunft zu tun.
Paradies — Wo?
Liest man verschiedene Kommentare von Geistlichen und Bibelgelehrten zu den Worten Jesu, die in Lukas 23:43 stehen, so stellt man fest, daß sie über das, was Jesus mit dem Ausdruck „Paradies“ meinte, ganz verschiedener Meinung sind. Einige Theologen behaupten, Jesus habe sich an eine vorherrschende jüdische Auffassung angelehnt, nach der sich die Toten, die auf die Auferstehung warten, in einem Teil des Scheols (Grab), „Paradies“ genannt, befinden. Andere glauben fest, Jesus habe dem Übeltäter verheißen, in den Himmel zu kommen. Wieder andere meinen, daß Jesus an ein irdisches Paradies, wie es der Garten Eden war, gedacht habe. Was meinst du dazu? Das ist nicht unwichtig, weil es auch dich betrifft.
Wir wollen uns nun mit der erstgenannten Auffassung näher befassen, nach der das Paradies ein Teil des Grabes (hebräisch: scheol; griechisch: hades) ist. Viele teilen die Meinung des Bibelübersetzers Ludwig Albrecht, der in seiner Übersetzung das Paradies „als die Stätte im Totenreiche, wo die Seelen der Gerechten bis zur Auferstehung weilen“, kommentiert. Das wird von vielen anerkannt, weil aus dem alten jüdischen Schrifttum hervorgeht, daß es eine Zeit gab, in der die jüdischen Rabbiner lehrten, im Scheol gebe es für die Gerechten einen Ort des Ausruhens und des Friedens. In dem Theologischen Begriffslexikon zum Neuen Testament (S. 998) kann man lesen, wie sich diese Lehre entwickelte: „Mit dem Eindringen der griech. Lehre von der Unsterblichkeit der Seele wird das Paradies die Wohnstätte der Gerechten während des Zwischenzustandes.“
Wir sollten uns jedoch fragen: Weiß man heute mit Sicherheit, ob jene Auffassung vom Paradies zu der Zeit, als Jesus auf der Erde war, unter den Juden allgemein verbreitet war? Selbst wenn dem so gewesen wäre, gilt zu beachten, daß Jesus, nicht der jüdische Übeltäter, vom Paradies sprach. Entscheidend ist somit, was Gottes Sohn aus den Hebräischen Schriften über das Paradies wußte. Man frage sich: Stimmte Jesus jemals den jüdischen Fabeln oder den heidnischen Lehren zu? Glaubst du im Ernst, Christus hätte sich zu einer Auffassung bekannt, die auf der Lehre der heidnischen Griechen von der Unsterblichkeit der Seele basierte?
Im Sprachgebrauch der Bibel ist Hades (oder Scheol) das allgemeine Grab der Menschheit und nicht die Unterwelt der griechischen Mythologie. Ferner geht aus der Bibel hervor, daß die Toten ohne Bewußtsein sind (Ps. 146:3, 4; Pred. 9:5, 10; Joh. 11:11-14). Als Jesus und der Übeltäter starben, kamen sie ins Grab; dort waren sie ohne Bewußtsein, unfähig, etwas wahrzunehmen. Mit dem Ausdruck „Paradies“ konnte Christus somit nicht den Teil des Scheols oder Hades gemeint haben, der als Zwischenbehausung für die Gerechten gilt. Ferner wird in der Bibel berichtet, daß Gott Jesus durch ein Wunder am dritten Tag aus dem Hades auferweckte, von dem Übeltäter aber wird nicht gesagt, daß er auferstanden sei (Apg. 2:31, 32).
Wie steht es mit der zweiten Auffassung, nach der Jesus dem Übeltäter versprochen haben soll, in den Himmel zu kommen? Ulrich Wilckens, Professor für Neues Testament, sagt zu Lukas 23:43 in seinem Kommentar in der Übersetzung des Neuen Testaments: „Das ,Reich‘ Jesu ist das erneuerte Paradies der Endzeit, der himmlische Bereich der ewigen Nähe Gottes.“ Erscheint dir diese Auslegung vernünftig? Wird sie von der Bibel gestützt?
Die Bibel zeigt, daß kein Mensch — auch die Apostel nicht — himmlisches Leben empfangen konnte, bevor Jesus sein Leben geopfert hatte, in den Himmel aufgefahren war und so den Weg in den Himmel geöffnet oder „eingeweiht“ hatte (Hebr. 10:12, 19, 20; 1. Kor. 15:20, 23). Erst zu Pfingsten 33 u. Z., zehn Tage nach Jesu Himmelfahrt, wurde der heilige Geist ausgegossen, durch den die Jünger „wiedergeboren“ bzw. zu geistigen Söhnen Gottes gezeugt wurden — eine Bedingung für alle, die in das himmlische Königreich Gottes eingehen (Joh. 3:3, 5; Apg. 1:3-9; 2:1-4). Der Übeltäter, der neben Christus am Pfahl hing, war über einen Monat vor der Ausgießung des heiligen Geistes gestorben und war somit nicht „wiedergeboren“. Demnach konnte der Übeltäter (sowenig wie Johannes der Täufer, der ebenfalls starb, ehe Jesus sein Leben opferte und so die Voraussetzung für himmlisches Leben schuf) nicht zum himmlischen Königreich berufen gewesen sein (Matth. 11:11)a.
Beide der erwähnten Auslegungen sind problematisch. Der Jesuit George MacRae schrieb: „Seit der Zeit der Kirchenväter können sich die Ausleger des Lukasevangeliums nicht einigen.“ Bedeutet das, daß man die Verheißung Jesu, die durch Gottes Willen in die Bibel aufgenommen wurde, nicht verstehen kann?
Es ist interessant, daß eine Anzahl führender Bibelgelehrter das Wort „heute“ zum ersten Teil der Äußerung Jesu gezogen hat. L. Reinhardt gibt diesen Text beispielsweise wie folgt wieder: „Wahrlich, ich sage dir heute: Mit mir wirst du im Paradiese sein.“ Auch Michaelis gibt diesen Text so wieder. (In der englischen Sprache sind als Beispiele die Übersetzung von J. B. Rotherham, von G. Lamsa und von Dr. W. Cureton zu nennen.) Hat Jesus das gesagt und auch das gemeint?
Das Problem der Zeichensetzung
Nach dem griechischen Text wären nach grammatischen und linguistischen Gesichtspunkten beide Wiedergaben möglich, das Komma vor oder nach „heute“. Wohin hat Lukas, der diesen Satz niederschrieb, das Komma gesetzt? Er hat gar keins gesetzt! In seinem Buch Die Überlieferung der Bibel schreibt Oscar Paret über die Schrift, in der das „Neue Testament“ geschrieben wurde: „Das ist eine ausschließlich aus Großbuchstaben bestehende Schrift. Die einzelnen Buchstaben sind lose nebeneinander gesetzt ohne Zeichen für Worttrennung und Satztrennung. In dieser Schrift sind die griechischen Bücher bis ins 9. Jahrhundert nach Christus geschrieben worden.“ Deshalb hat W. G. Ballantine, Professor des Hebräischen und Griechischen, diesen Text ohne Satzzeichen wiedergegeben: „Wahrlich ich sage dir heute du wirst mit mir im Paradiese sein“ (The Riverside New Testament).
Einige argumentieren, es sei unmöglich, das Wörtchen „heute“ zu „wahrlich, ich sage dir“ zu ziehen, denn der Gebrauch der Formel „Wahrlich, ich sage dir“ lasse eine solche Erweiterung nicht zu. Stimmt das? Dazu schreibt Dr. George Lamsa:
„Der aramäischen Ausdrucksweise entsprechend fällt in diesem Text der Nachdruck auf das ,heute‘, und die Übersetzung sollte folgendermaßen lauten: ,Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradiese sein!‘ [So lautet der Text in der Neuen-Welt-Übersetzung.] ... Es ist eine Besonderheit der orientalischen Ausdrucksweise, daß man beim Geben eines Versprechens auch gleichzeitig den Tag erwähnt an dem dies geschieht. Dann ist die spätere Erfüllung auch mit aller Sicherheit gewährleistet“ (Die Evangelien in aramäischer Sicht).
In den Hebräischen Schriften findet man mehrere Beispiele dieser feierlichen Formel, die das Wort „heute“ enthält (Sach. 9:12; 5. Mose 4:26, 39 sowie 40 weitere Fälle allein im 5. Buche Mose).
Die englische Companion-Bibel sagt in ihrem Anhang unter dem Stichwort „heute“, dieses Wort lasse sich in seiner Zugehörigkeit dann leichter bestimmen, wenn hoti (= daß) im Satz vorkomme. Fehle aber das Wörtchen „daß“, müsse das „heute“ nach dem Kontext oder Zusammenhang eingeordnet werdenb.
Der Kontext — Welches Paradies?
Was läßt der Kontext erkennen? Und in welchem Zusammenhang steht das mit deiner Hoffnung auf ein künftiges Paradies? In der bereits erwähnten Companion-Bibel wird weiter ausgeführt:
„Wenn der Messias herrschen wird, wird sein Königreich das Verheißene Land in ein Paradies verwandeln. ... Seine [des Übeltäters] Bitte bezog sich auf das Kommen des Herrn und sein Königreich; und wenn der Herr direkt geantwortet hat, dann muß sich das Versprechen auf dieses Kommen und dieses Königreich beziehen und nicht auf etwas, was geschehen würde an dem Tag, an dem diese Worte gesprochen wurden.“
Ähnlich argumentiert auch der Bibelübersetzer L. Reinhardt, wenn er in einer Fußnote zu Lukas 23:43 unter anderem schreibt: „Die jetzt übliche Interpunktion dieser Stelle ist ohne allen Zweifel falsch und widerspricht der ganzen Denkweise Christi und des Schächers. ... Christus ... hat aber unter dem Paradies sicher nicht eine Unterabteilung des Totenreiches, sondern nur die Wiederherstellung des Paradieses auf Erden ... verstanden.“
Als Jesus vor 1 900 Jahren dem Übeltäter das Versprechen gab, war die Zeit für die Errichtung der messianischen Königsherrschaft über die Erde noch nicht gekommen (Offb. 11:15; Apg. 1:6, 7). Aber all das, was sich heute ereignet und wodurch die biblischen Prophezeiungen in Erfüllung gehen, läßt erkennen, daß für Christus die Zeit nun bald gekommen ist, in der er als eingesetzter König das Böse von der Erde beseitigen wird (Matth. 24:3-22). Dann wird die Erde zu einem Paradies gemacht werden, wodurch die messianischen Prophezeiungen, die dem jüdischen Übeltäter gut bekannt gewesen sein mögen, in Erfüllung gehen werden. Durch das Wunder der Auferstehung werden viele — auch jener Übeltäter — im irdischen Bereich des Königreiches leben dürfen. So werden sich Jesu Worte, die er vor langer Zeit gesprochen hat, erfüllen: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradiese sein.“
[Fußnoten]
a Man beachte, daß Jesus weder an dem Tag, an dem er starb, noch an dem Tag, an dem er auferweckt wurde, in den Himmel auffuhr. Kurz nach seiner Auferstehung sagte er zu Maria: „Ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren.“ Das steht auch im Zusammenhang mit der Frage: Wann erfüllt sich das, was Jesus zu dem Übeltäter sagte? (Joh. 20:17).
b Beispiele für Stellen, in denen das Wort hoti im griechischen Text gebraucht wird, sind Jesu Worte in Lukas 4:21; 19:9; Markus 14:30; Matthäus 5:20, 22, 28, 32 (Kingdom Interlinear Translation).