Den Völkern von Indien der Weg zum Leben geöffnet
DAS Jahr 1912 war für die Völker Indiens ein höchst wichtiges Jahr. Damals war es unmöglich, daß jemand genau voraussah, von welcher Wichtigkeit es eigentlich war. Es kennzeichnete nämlich den Beginn einer Bewegung in Indien, die letzten Endes für viele seiner Bewohner ewiges Leben bedeuten wird.
Zu ewigem Leben ist ein Verständnis der Wahrheit über Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer, unerläßlich; aber diese Wahrheit ist nie populär gewesen, denn „die ganze Welt liegt in der Hand des Bösen“, Satans, des Teufels. Als „Gott dieses Systems der Dinge“ hat Satan „den Sinn der Ungläubigen verblendet …, damit der Lichtglanz der glorreichen guten Botschaft bezüglich des Christus, welcher das Bild Gottes ist, nicht hindurchstrahle“. (1. Joh. 5:19; 2. Kor. 4:4, NW) Daher ist eine Bewegung, die die Augen des Verständnisses jenen Verblendeten öffnet und ihnen den Weg zu ewigem Leben beleuchtet, bestimmt sehr wichtig. Gerade eine solche Bewegung nahm im Jahre 1912 in Indien ihren Anfang.
In jenem Jahr machte eine Reisegruppe von sieben Männern eine Weltreise. Das gehörte mit zu einer Aktion, die die heute als die Watch Tower Bible and Tract Society von Pennsylvanien bekannte Gesellschaft durchführte. Im Gehorsam und in Erfüllung der prophetischen Worte Jesu Christi, die in Matthäus 24:14 (NW) aufgezeichnet sind, gelobte diese Gesellschaft, die Botschaft von der Aufrichtung des Königreiches Gottes in der ganzen Welt zu verbreiten: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird gepredigt werden auf der ganzen bewohnten Erde, allen Nationen zu einem Zeugnis, und dann wird das vollendete Ende kommen.“
C. T. RUSSELL BESUCHT INDIEN
Jene sieben Männer waren Männer der Tat, Männer, die eine Hoffnung hatten. Diese Hoffnung gründete sich auf das zuverlässige Wort Gottes, das zu glauben und zu lehren die Christenheit vorgibt. Jene Männer wollten selbst feststellen, ob die christlichen Missionsgesellschaften tatsächlich das taten, was sie tun sollten, nämlich Zeugnis ablegen von dem nahenden Ende des alten Systems der Dinge und die Menschen die Wahrheit über das Königreich Gottes und die Segnungen lehren, die dieses Königreich der Erde bringen wird.
Aus diesem Grunde traten jene Männer ihre Reise an. Von Amerika begaben sie sich nach Hawaii, Japan, China und weiter durch Asien nach Indien. In Indien hielten sie biblische Vorträge in folgenden Städten: Triwandrum, Kottarakara, Nagercoil, Puram, Madras, Vizagapatam, Kalkutta, Benares, Lucknow und Bombay. Große Mengen Volkes hörten ihnen zu. Einige lauschten mit tieferem Interesse als andere. Einer besonders hörte mit mehr als nur vorübergehendem Interesse zu. Er erkannte die Wahrheit, wie er sie nie zuvor verstanden hatte. Daher bemühte er sich um ein persönliches Interview mit dem Vorsitzenden dieses Komitees von sieben Männern, Charles T. Russell. Trotz seines vollen Programms räumte Russell dem jungen Joseph, denn das war sein Name, ein halbstündiges Interview ein. Es dauerte jedoch zwei Stunden und führte zu einer bleibenden Einrichtung im Interesse der weiteren Verkündigung biblischer Lehren in Indien, was im Laufe der Zeit zur Folge hatte, daß viele demütige Menschen Indiens eine Hoffnung auf ewiges Leben erhielten.
Damals, nämlich im Jahre 1912, lernte man grundlegende Wahrheiten kennen, ohne eine theokratische Organisation bezüglich der Methode, sie zu predigen, zu haben. Jede Woche wurden Predigten abgehalten, und es wurden Studiengruppen organisiert. Einige der Eifrigeren wandten Zeit dafür auf, Traktate zu verteilen oder bei bekanntgemachten öffentlichen Vorträgen und auch privat von Haus zu Haus mit Leuten aus dem Publikum zu sprechen. Doch war dies erst der Anfang einer Bewegung in Indien, die wachsen sollte, um Gottes Werkzeug zu werden, durch das er seinen Willen und sein Vorhaben bekanntmacht.
Zuerst beschränkte sich diese Bewegung auf den südlichen Teil Indiens, besonders auf Travancore, wie der heutige Staat Kerala damals genannt wurde. An vielen Orten wurden Bibelstudiengruppen organisiert, deren Glieder man — nach der Bezeichnung des britischen Zweiges dieser Weltgesellschaft, der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung — „Bibelforscher“ nannte. Bald darauf wurde ein Vertreter des amerikanischen Hauptbüros nach Indien gesandt, um das Werk dort zu fördern. Im Jahre 1914 brach jedoch der Weltkrieg aus, und es wurde bald für dienlich erachtet, daß der Betreffende heimkehrte. Nun blieb das Werk etwas zurück. Dann wurde ein anderer Bruder vom Hauptbüro hingesandt, und das Werk dehnte sich aus, doch wieder zwangen die Kriegsverhältnisse den Bruder, das Land zu verlassen. Für diese junge Bewegung begann eine kurze Zeit der Unruhe und der Sorgen. Im Jahre 1926 öffnete sich die Tür zu einem Vorstoß und zur Ausdehnung dieses lebengebenden Werkes von neuem.
HILFE FÜR DAS INDISCHE DIENSTFELD
Nach einem wichtigen Kongreß der Zeugen Jehovas in London, der im Monat Mai 1926 stattfand, wurden zwei Männer für das Werk in Indien ausgewählt. Der Gefährte eines dieser Brüder war in sein Predigtgebiet nach Süd-Wales zurückgekehrt und fragte sich, was ihm wohl jetzt, da sein Partner in den Auslandsdienst abberufen worden war, die Zukunft bringen werde. Nur ein oder zwei Tage später fand dieser junge Mann, F. E. Skinner, als er in seine Wohnung zurückkehrte, nachdem er Einladungen für einen biblischen Vortrag verteilt hatte, dort ein Telegramm vor.
Das Telegramm lautete: „Bruder Rutherford möchte dich sprechen.“ Bruder Rutherford war damals in London, und es war eine bekannte Tatsache, daß einige Brüder aus dem britischen Arbeitsfeld ins Ausland gesandt wurden, um das Predigtwerk dort zu organisieren. Somit war der erste Gedanke, mit dem sich dieser junge Mann beschäftigte, als er am nächsten Morgen mit der Bahn nach London fuhr: Was mag dies bedeuten? Bestimmt bedeutet es Auslandsdienst. Ich frage mich nur, wo? Eines stand für den jungen Mann aber fest: Wo immer es sein mag — ich bin bereit zu gehen.
In dieser Geistesverfassung traf er im Zweigbüro der Gesellschaft in London ein und fand Bruder Rutherford bald. „Willst du nur in einem ganz bestimmten Gebiet der Erde wirken?“ fragte ihn Bruder Rutherford. „Nein“, war die Antwort. „Wärest du bereit, nach Indien zu gehen?“ lautete die nächste Frage. „Wann soll ich abreisen?“ war die Antwort des jungen Mannes. So wurden also in wenigen Minuten Entscheidungen getroffen, und die beiden früheren Gefährten waren wieder miteinander im Hinblick auf noch größere Verantwortlichkeiten verbunden: sie sollten das Königreichswerk, das im Jahre 1912 in Indien begonnen worden war, organisieren und ausbreiten. George Wright, der erste der jungen Leute die mit der Erfüllung dieser Aufgabe betraut worden waren, wohnte in London, während die Heimatstadt seines Gefährten Sheffield war. So mußte sich George sogleich um die Pässe und die Schiffsplätze von London nach Bombay bemühen, während sein Gefährte schnell nochmals nach Sheffield fuhr, um von den Eltern und Freunden — für unabsehbare Zeit — Abschied zu nehmen! Alles glich ganz dem Rufe, wie er einst an Abram ergangen war: „Ziehe hinweg aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde.“ „Und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er käme.“ — 1. Mose 12:1; Heb. 11:8, NW.
Die Reise nach Indien brachte viele neue, einzigartige Erlebnisse mit sich, während das Schiff Meile um Meile, Tag für Tag durch immer wärmere Wasser, durch das wunderbar blaue Mittelmeer nach Port Said fuhr. Hier erhaschte man schon den ersten Schimmer von dem Leben im Osten, doch hatte man erst die Hälfte der Reise zurückgelegt. Vorwärts ging es durch den Suezkanal, an der schrecklich unfruchtbaren, graslosen Bergwüste des Sinais vorüber, an dem schon das Volk Israel auf seinem Wege aus Ägypten in das Verheißene Land vorbeigezogen war, dann hinab durch das lange Rote Meer bis nach Aden und darauf quer durch das Arabische Meer nach Bombay, an die Westküste Indiens. Dort am Kai wartete ein indischer Bruder, jener Bruder Joseph, mit dem Pastor Russell vierzehn Jahre zuvor in Berührung gekommen war. Nachdem unsere beiden englischen Gefährten ein bis zwei Tage damit verbracht hatten, mit ihm Zukunftspläne zu besprechen, blieben sie danach in der großen Stadt Bombay sich selbst überlassen, um das wichtige Werk in Gang zu bringen, zu dem sie beauftragt worden waren, nämlich die Botschaft vom ewigen Leben, das durch Jehovas Königreich Wirklichkeit werden soll, den Millionen der Bewohner Indiens zu überbringen.
Das war nicht leicht. Sogleich wurde geplant, zwei öffentlich bekanntzumachende Bibelvorträge mit den aufsehenerregenden Themen „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!“ und „Wo sind die Toten?“ zu halten. Eine gemischte Zuhörerschaft fand sich zu diesen Vorträgen ein. Immerhin hinterließen einige Personen ihre Namen, damit man weiter mit ihnen sprechen könnte, und sie wurden auch besucht. Etwas später wurde in einem Betrieb für Eisenbahnarbeiter eine Vortragsserie bekanntgemacht. Diese Vorträge führten zur Organisierung regelmäßiger wöchentlicher Bibelstudiengruppen, und von denen, die diesen Vorträgen das erste Mal beiwohnten, sind heute noch einige stämmige Diener Gottes als Zeugen Jehovas eifrig tätig. Es war ein Werk, durch das der Sinn der Menschen von religiösen Überlieferungen abgebracht und auf das reine Wort Gottes hingelenkt wurde, und die Hörenden erhielten die Hoffnung auf ewiges Leben auf einer paradiesischen Erde.
Die Bewegung sollte sich aber weder auf Bombay noch auf Travancore beschränken. Ganz Indien mußte die Gelegenheit erhalten, die Botschaft zu hören. An verschiedenen Orten in Indien gab es alleinstehende Personen und kleinere Gruppen, die besucht werden mußten. Daher wurden Anstalten getroffen, daß unsere beiden Gefährten in Bombay abwechselnd das Land bereisen sollten, um diese Alleinstehenden zu besuchen. Nach Norden, Süden, Osten und Westen zogen sie meistens in die Städte, in denen Engländer oder Personen von britischer Abstammung (Anglo-Inder) wohnten.
TRANSPORTPROBLEME
Ganz offensichtlich konnte ein Land mit einer so riesigen Bevölkerung von zwei oder drei Menschen niemals genügend bearbeitet werden. Daher erging der Ruf nach weiteren Arbeitern. Zwei weitere Verkündiger trafen dann auch im Jahre 1928 ein und im Jahre 1929 nochmals zwei. Doch auch das genügte noch nicht. Überdies mußte man sich sehr unbequemer Transportmittel bedienen, die Unterkünfte in den kleineren Städten und Dörfern gar nicht zu erwähnen! Um also das Transportproblem zu überwinden, wurde ein Ford, das berühmte Modell A, ein geschlossener Personenwagen, gekauft und so eingerichtet, daß man darin schlafen und kochen konnte. Dadurch waren die Reisenden wenigstens nicht mehr von Hotels abhängig, denn oft gab es überhaupt keine.
Dann, im Jahre 1931, meldeten sich drei weitere Freiwillige, Briten, für den Dienst in Indien, und so wurde die Mannschaft verstärkt. Auch wurde ein weiteres „Wohnauto“ gekauft, und das Reisewerk nahm zu. Nicht lange danach kaufte ein ortsansässiger Bruder ein „Wohnauto“, und ein weiterer Bruder kaufte noch eines. Im Jahre 1933 reiste ein Pionier das ganze Jahr hindurch allein im „Wohnauto“, das mit einem Kinoapparat ausgestattet war, und führte „Das Photo-Drama der Schöpfung“ vor. So erhielten viele Tausende von Menschen ein gründliches Zeugnis von der Königreichshoffnung. Somit waren um das Jahr 1934 in Indien beständig vier „Wohnautos“ unterwegs, und dadurch wurden die Druckschriften, die die Botschaft vom ewigen Leben enthielten, verbreitet.
Im Jahre 1937 wurde das Buch Reichtum in vier indischen Lokalsprachen veröffentlicht, und durch diese Bibelstudienhilfen konnten viele Menschen eine gute Erkenntnis der Wahrheit erlangen. Ein Bericht aus dem Pandschab vom Jahre 1937 besagte: „Das Buch Reichtum in Urdu kann man in den Händen jedermanns, der Urdu lesen kann, in den christlichen Dörfern um Khanewal herum sehen.“ In jenem Jahre predigten 28 Pioniere und 365 Versammlungsverkündiger die gute Botschaft von Gottes Königreich in Indien.
Bis 1939, also bis zu der Zeit, da der zweite Weltkrieg ausbrach, hatte diese kleine Arbeitsgruppe weit mehr als eine halbe Million Bücher und Broschüren verbreitet und dabei in den meisten der größeren Städte und in vielen Dörfern dieses ausgedehnten Subkontinents gearbeitet. So gelangten die grundlegenden Wahrheiten über Gottes Vorhaben in die Reichweite vieler Millionen Menschen.
Die Pioniere machten in jenen Tagen, bevor es Tankstellen an den Landstraßen gab, viele verschiedenartige Erfahrungen. Oft waren die Wege einfach nur Spuren von Ochsenwagen. Die Flüsse waren ausnahmslos ohne Brücken, und mehr als einmal mußten die „Wohnautos“ mitten im Fluß abgeladen und die Hinterräder, die etwa einen Fuß tief im Schlamm des Wassers steckengeblieben waren, aus dem Schlamm herausgezogen werden, damit man ans andere Ufer kommen konnte. Oder man mußte während der Trockenzeit eine lange Strecke heißen Sandes überqueren, so daß man die Luft zur Hälfte aus den Reifen herauslassen mußte, um nicht im Sande einzusinken; dann mußte man sie auf der anderen Seite des Flusses wieder mit einer Fußpumpe aufpumpen. Im Laufe des Jahres 1940 mietete eine Pioniergruppe in Travancore ein Schiff und bereiste damit die Dörfer, die fernab, an einsamen Orten, lagen. Etwa tausend Personen hörten die Vorträge, und etwa sechshundert Bücher und Broschüren wurden bei den Menschen zurückgelassen. Im selben Jahr bat der Leiter des Talkie-Kinos um gewisse Schallplatten der Serie „Herrschaft und Frieden“, die er während der Pausen bei der Vorführung des Films „Nazispion“ abspielen lassen wollte. Demzufolge konnten viele Bücher abgesetzt werden.
„DER WACHTTURM“ ERREICHT DIE MENSCHEN TROTZ DES VERBOTES
Im Laufe des zweiten Weltkrieges wurde in Indien der Import sämtlicher Schriften der Gesellschaft verboten. In Kalkutta wurden den Pionieren die Schriften der Gesellschaft weggenommen. Die Behörden konnten jedoch nicht die Wahrheit verbieten, denn dieses Werk war von Gott verordnet, und nichts konnte es aufhalten. Obwohl Der Wachtturm verboten war, fehlte uns keine einzige Ausgabe. Ja, mehr als das, wir druckten Exemplare jeder Ausgabe und legten sie in die Hände derer, die sie lesen wollten.
Im Jahre 1944, gegen Ende des Krieges, griffen einige Glieder der Gesetzgebenden Versammlung den Rechtsfall, das Verbot unserer Literatur betreffend, auf. Und nicht lange danach erklärte der Innenminister das Verbot für aufgehoben. Ein Kongreß wurde unter großem Jubel in Jubbulpore abgehalten, denn nun war es wieder möglich, einen öffentlichen Bibelvortrag anzukündigen und, ohne Gefahr zu laufen, daß die Polizei Maßnahmen ergriff, bibelerklärende Schriften zu verbreiten.
Im Laufe der Kriegsjahre eröffnete die Gesellschaft eine Bibelschule in Amerika, die als die Watchtower Bible School of Gilead (Wachtturm-Bibelschule Gilead) bekanntwurde. Sie sollte dem Zwecke dienen, Männer und Frauen für den Missionardienst in fremden Ländern zu schulen. Sollte auch Indien Anteil an dieser Vorkehrung erhalten? Ja, tatsächlich. Eines Abends erhielt der Zweigdiener, F. E. Skinner, anläßlich einer wöchentlichen Dienstversammlung in der Versammlung Bombay ein Telegramm. Er dachte, es sei eine dringende Literaturbestellung von einem Pionier, aber als er öffnete, las er: „Besuche Gilead!“
Obwohl der Krieg vorbei war, war doch für das allgemeine Publikum noch kein regulärer Schiffsdienst eingerichtet. So war es ein Problem, in der kurzen Zeit, die bis zum Schulbeginn der nächsten Klasse Gileads verblieb, von Indien nach Amerika zu gelangen. Schließlich konnte ein Platz auf einem Truppentransporter bestellt werden, der für zivile Reisende eingerichtet worden war. Die Reise ging von Indien aus ostwärts über den Pazifischen Ozean via Singapore und Schanghai. Und welche beglückende Freude war es dann, in San Francisco ans Land zu kommen und im Heim eines amerikanischen Bruders herzliche Gastfreundschaft zu genießen! Dann ging es quer durch das Festland Amerikas nach Chikago, Buffalo und weiter nach Ithaca, New York, und zur Gileadschule.
Nach der Gileadschulung folgten sechs Monate im Kreisdienst in Amerika, indem Versammlungen besucht wurden. Hernach wurden von Gilead Jahr für Jahr weitere Missionare nach Indien gesandt, und die Hoffnung auf ewiges Leben wurde in die Herzen vieler Menschen gepflanzt. Von etwa 300 Gliedern der Neuen-Welt-Gesellschaft, die es im Jahre 1950 in Indien gab, wuchs die Zahl bis zum Jahre 1960 auf weit über 1500 an.
EIN NEUES ZWEIGBÜROGEBÄUDE
Das Werk erhielt durch die Besuche des Präsidenten der Watch Tower Society noch weiteren Ansporn. Dann kam ein anderer wichtiger Schritt nach vorn: Indien sollte ein eigenes, neues Gebäude für die Unterbringung des Zweigbüros und auch die des Büropersonals erhalten. Die Arbeit zur Grundlegung eines geräumigen Gebäudes für das Zweigbüro wurde in einem der Vororte Bombays, in der Nähe des Meeres, in einem sauberen, stillen Stadtviertel, begonnen. Nach und nach erstand ein sehr schöner Bau aus Beton, und die Frage war nun: Wann und von wem sollte er offiziell eröffnet und für Jehova, den eigentlichen Geber, geweiht werden?
Es war nun November 1960, und es war Brauch, daß ein reisender Vertreter der Gesellschaft Indien im Dezember besuchte. Ja, der erwartete Besuch wurde angekündigt. Wie passend war es da, daß er dieses neue Gebäude einweihen sollte! Nun wurde ein Einweihungsprogramm aufgestellt. Zufällig war auch der Bezirksdiener, Bruder Sanderson, auf Urlaub; er konnte für den Anlaß leicht nach Bombay kommen, und so wurde auch er eingeladen, zu den fröhlich Versammelten zu sprechen.
Als erster eines Symposiums sprach der Zweigdiener. Er besprach die vom Propheten Sacharja beschriebene Vision, in der Jehovas Organisation durch eine Stadt dargestellt wird, die wegen der Menge des Volkes das sich darin befindet, keine Mauern hat, jedoch beschützt wird durch eine „feurige Mauer … ringsum“, nämlich von Jehova selbst, dessen Herrlichkeit die Stätte erfüllt. Er skizzierte die frühen Anfänge des Königreichswerkes in Indien, ferner dessen Wachstum bis zu diesem Tage und führte die weitere Prophezeiung Sacharjas an, in der er beschreibt, wie „zehn Männer“ den Rockzipfel eines Mannes ergreifen, der ein Jude (ein geistlicher Israelit) ist, weil es eine erkennbare Tatsache geworden ist, daß „Gott mit euch ist“. — Sach. 2:4, 5; 8:23.
Als nächstes folgte eine Ansprache des Bezirksdieners, der über das gegenwärtige Werk der Verkündigung der guten Botschaft in Indien sprach. Er hob hervor, wie wichtig es ist, unter Schwierigkeiten die Lauterkeit zu bewahren, und führte Beispiele davon an, wie Brüder das tun. Er erzählte von einem Bruder, der am Wegesrand eine Brieftasche mit einem ansehnlichen Geldbetrag fand. Dieser sah dann, wie ein römisch-katholischer Priester langsam des Weges kam, offenbar niedergeschlagen, und wie er zuerst hierher und dann dorthin blickte. Der Bruder näherte sich dem Priester und fragte ihn, ob er etwas suche. Ja — gab dieser zur Antwort —, er habe seine Brieftasche verloren! Der Bruder gab dem Priester zu dessen großer Erleichterung die verlorene Brieftasche zurück. Als dieser ihn fragte, wer er sei, erwiderte der Bruder: „Früher war ich römisch-katholisch, und wenn ich es noch wäre, hätte ich diese Brieftasche behalten und nichts gesagt, jetzt aber bin ich ein Zeuge Jehovas: hier Ihre Brieftasche!“
Bruder Dower, ein Glied des Büropersonals in Bombay, sprach dann über das Thema „Für die Zukunft bauen“. Er wies darauf hin, daß Gott nicht in Tempeln wohnt, die mit Händen gemacht sind, daß es ihm aber beliebt, Gebäude zu benutzen, um sein Vorhaben durchzuführen. Dann kam die Einweihungsansprache des Zonendieners, G. D. King. Er brachte darin auf treffende Weise Jehova, dem Geber dieses schönen neuen Gebäudes, seine Dankbarkeit zum Ausdruck und erklärte, daß es ausschließlich dem Zwecke geweiht werde, Gottes Willen zu tun. Darauf folgte ein Gebet. Anschließend hielt Bruder King vor den 263 Anwesenden, die aus den verschiedenen Versammlungen der Zeugen Jehovas von Bombay stammten, eine Dienstansprache.
Das Gebäude selbst ist ein zweistöckiger Betonbau, der mit Backsteinen ausgemauert ist. Das Klinkermauerwerk der Vorderfront verleiht dem Bau Schönheit und Würde. Auf der einen Seite befindet sich der Haupteingang, flankiert von Paneelen grauen Marmors, und auf beiden Seiten der Treppe sind Fächer für Blumen eingebaut worden. Die Eingangshalle bildet eine Art von Empfangsraum und ist mit einem Paneel aus Glas geschmückt, das ein schönes Bild von der paradiesischen Erde darstellt. Im Parterre liegen ein Eßsaal, die Küche und allgemeine Lagerräumlichkeiten. Im oberen Stockwerk befinden sich sechs Schlafzimmer und ein geräumiger, gutbeleuchteter Königreichssaal, der 250 Personen faßt. Oben auf dem Gebäude bietet die Dachterrasse hinreichend Platz für Zusammenkünfte unter freiem Himmel. Das ganze Gebäude ist von einem Garten umschlossen, der im Laufe der Zeit zu paradiesischer Schönheit heranwachsen wird.
So hat die Bewegung zugenommen, die in Indien im Jahre 1912 von klein auf begann. In Indien ist es üblich, zu sagen: „Alle Religionen lehren dasselbe“ — „Jede Religion ist gut“ — „Alle führen zum selben Ziel“. Ist dem aber wirklich so? Nein, denn Jesus sagte: „Geht ein durch die enge Pforte; denn breit und geräumig ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele gibt es, die auf ihm dort hingehen. Doch schmal ist die Pforte und eingeengt der Weg, der zum Leben führt, und wenige gibt es, die sie finden.“ (Matth. 7:13, 14, NW) Das ist der schmale Weg, der, im Gegensatz zu dem „breiten Weg“ dieser Welt, zu ewigem Leben in der neuen Welt führt. Ja, es war eine höchst wichtige Bewegung, die im Jahre 1912 dadurch ihren Anfang nahm, daß den Bewohnern Indiens dieser schmale Weg gezeigt wurde.
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Neues Zweigbürogebäude in Indien