Viele beantragen die Scheidung — Warum?
VOR einigen Jahren ist in vielen Ländern eine Epidemie ausgebrochen, die mit erstaunlicher Schnelligkeit um sich greift. In der Presse wird sie als „Scheidungsepidemie“ oder als „Scheidungsfieber“ bezeichnet.
In der Bundesrepublik sind die Eheschließungen in der Zeit von 1965 bis 1973 von 494 000 auf 396 000 abgesunken, die Ehescheidungen dagegen sind in dieser Zeit von 59 000 auf 92 800 hochgeschnellt, was einer Steigerung von 56 Prozent entspricht. In den Vereinigten Staaten betrug die Steigerung in dieser Zeit 90 Prozent. Im Jahre 1974 stieg dort die Zahl der Ehescheidungen auf 970 000 (1973 betrug sie 913 000), und man erwartete, daß die Zahl der jährlichen Ehescheidungen Ende 1975 eine Million überschreiten würde. Das wäre fast eine Ehescheidung auf je zwei Eheschließungen.
Die „Scheidungsepidemie“ beschränkt sich aber keineswegs nur auf die Bundesrepublik und auf die Vereinigten Staaten. In der Zeitschrift Oregon Journal konnte man Ende des Jahres 1973 lesen, daß nach amtlichen Berichten im Jahre 1970 in Ägypten die Zahl der Ehescheidungen die der Eheschließungen übertraf, das Verhältnis betrug zwei zu eins. Nach einer Meldung der Associated Press zeigen amtliche statistische Angaben aus Rußland, daß dort „jede vierte Ehe, vermutlich sogar jede dritte Ehe, geschieden wird“. In vielen Ländern, zum Beispiel in Italien, Portugal und Schweden, sind liberalere Ehescheidungsgesetze erlassen worden, und in der Bundesrepublik ist nach siebenjähriger Vorarbeit dem Bundestag ein neues Ehe- und Familienrecht vorgelegt worden (doch zur Zeit der Abfassung dieses Artikels war es noch nicht verabschiedet).
In Portugal ist die Scheidung jetzt erlaubt
Am 27. Mai 1975 trat in Portugal ein neues Scheidungsrecht in Kraft. In diesem Land können sich jetzt — nach fast fünfunddreißig Jahren — Paare, die katholisch getraut worden sind, wieder scheiden lassen.
Im Jahre 1940 wurde zwischen Portugal und dem Vatikan ein Konkordat unterzeichnet, durch das sich die Regierung verpflichtete, in das Eherecht eine Klausel einzubauen, nach der eine katholische Ehe nicht geschieden werden durfte. Darauf wurde dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Artikel 1790 beigefügt, der bestimmte, daß „katholische Ehen, die nach dem 1. August 1940 geschlossen worden sind, nicht geschieden werden dürfen“.
Dieses Gesetz verhinderte, daß katholisch getraute Paare sich scheiden lassen konnten, selbst wenn einer der Partner Ehebruch begangen oder sexuelle Beziehungen zu einem anderen Partner aufgenommen hatte. Aber der Artikel 1790 bewahrte die Ehepaare nicht davor auseinanderzugehen: Tausende von verheirateten Portugiesen beschlossen, in wilder Ehe zu leben. Die Folgen solcher Verbindungen waren offensichtlich unerwünscht. So galten zum Beispiel die Kinder, die in wilder Ehe lebenden Paaren geboren wurden, als unehelich.
Das neue Scheidungsgesetz (Nr. 261/75) hebt den erwähnten Artikel (1790) des Bürgerlichen Gesetzbuches auf. Nun können „kirchlich geschlossene Ehen zu denselben Bedingungen und aus denselben Gründen gerichtlich aufgehoben werden wie die standesamtlich geschlossenen Ehen“.
Einige Gründe
Die heutige Scheidungsfreudigkeit kann zu einem großen Teil damit erklärt werden, daß das Eherecht jetzt vielerorts sehr liberal ist. So ist in Kalifornien die Scheidungsziffer um 25 Prozent gestiegen, seitdem dort das „Zerrüttungsprinzip“ gilt. Ein liberaleres Scheidungsgesetz in Großbritannien hat bewirkt, daß sich die Zahl der Ehescheidungen in nur zweieinhalb Jahren mehr als verdoppelt hat.
Auch Portugals neues Eherecht ist äußerst liberal. Danach kann eine Ehe nicht nur aufgrund „absoluter Scheidungsgründe“ wie etwa Ehebruch geschieden werden, sondern durch einfache Vereinbarungen der Partner. Nach § 1778 des portugiesischen Bürgerlichen Gesetzbuches kann eine Ehe geschieden werden, wenn die häusliche Gemeinschaft der Ehegatten schon mehr als fünf Jahre aufgehoben ist. Nach § 1793 genügt eine schriftliche Eingabe an das Gericht, um zu erwirken, daß eine gesetzliche Trennung in eine Ehescheidung umgewandelt wird.
Bemerkenswert ist auch, daß vielerorts die Bestimmungen über die Ehefähigkeit die Eheschließung erleichtern. Deshalb sind Tausende von Frühehen geschlossen worden. Doch die jungen Leute sind den Aufgaben, die die Ehe mit sich bringt, nicht gewachsen. Daher suchen viele sich durch eine Scheidung von diesen Pflichten zu befreien.
Ein weiterer Grund für die hohen Scheidungsquoten ist die heutige lockere Moral. Früher galt eheliche Untreue als eine Verletzung des Gesetzes Gottes. Jetzt dagegen gibt es immer mehr Leute, die ohne die geringsten Gewissensbisse Ehebruch begehen.
Andere Gründe, weshalb oft geschieden wird, sind: sexuelle Gründe, Unvereinbarkeit des Charakters und der Anschauungen, Zanksucht, Probleme mit den Verwandten des Ehepartners und körperliche Mißhandlung. Gelegentlich besteht auch eine Beziehung zwischen den Scheidungsgründen und den Gründen, warum geheiratet wird. So schreibt Sydney J. Harris:
„Heute heiraten mehr junge Menschen aus negativen als aus positiven Gründen — negative Gründe aber reichen nicht aus, um eine Ehe zusammenzuhalten. ... Viele Paare heiraten zum Beispiel, um einem bestimmten Zustand zu entrinnen: Sie heiraten, weil sie einsam sind, weil sie sich fürchten, weil sie kein schönes Elternhaus haben, weil sie sich nirgends geborgen fühlen. Sie laufen vor etwas weg. Viele versuchen auf diese Weise, einem Gefühl der Isolierung und Vereinsamung zu entfliehen.“
Trägst du dich mit dem Gedanken zu heiraten? Hast du dir genau überlegt, warum du eine Ehe eingehen möchtest, und bist du ganz sicher, daß du genügend auf die Aufgaben, die Ehe und Elternschaft mit sich bringen, vorbereitet bist?
Bevor man sich entschließt zu heiraten, sollte man alles mit seinem künftigen Lebensgefährten gründlich besprechen und auch Personen um Rat fragen, die schon lange eine glückliche Ehe führen. In der Bibel wird empfohlen, alles gut zu überdenken. Wir lesen dort: „Die Pläne des Fleißigen gereichen sicherlich zum Vorteil, aber jeder Hastige geht sicherlich dem Mangel entgegen“ (Spr. 21:5).
Es gibt jedoch einen Grund, der nicht ohne weiteres offenkundig sein mag, aber häufig zur Scheidung führt.
Wenn man nicht mehr miteinander spricht
Die Frau eines Lehrers erzählte, wie sich in ihrem Leben eine Leere entwickelte:
„Die Welt meines Mannes beginnt und endet mit der Oberschule. Ich interessiere mich zwar für seine Arbeit und möchte auch an allem, was er tut, Anteil nehmen, aber kurz nach der Geburt unseres zweiten Töchterchens entdeckte ich, daß ich das Bedürfnis hatte, mit ihm auch über andere Dinge zu sprechen. ... Gewiß, während der geschlechtlichen Begegnung fühle ich mich meinem Mann sehr nahe, aber sonst habe ich das Empfinden, daß er mit seinen Gedanken immer bei einem Lehrbuch oder im Klassenzimmer ist und daß ich für ihn lediglich ein belebter Zierat im Haus bin.“
Das grundlegende Problem in diesem Fall war das fehlende Gespräch. Dieser Grund steht an der Spitze zweier Listen der Gründe für Eheschwierigkeiten. Wenn man nicht mehr miteinander redet, werden Dinge zu Problemen, z. B., ob man Kinder haben möchte oder wie sie erzogen werden sollten. Und eine von der Zeitschrift McCall veranstaltete Umfrage ergab, daß viele Ehepaare in Geldfragen uneinig sind, weil sie sich nicht aussprechen. Der Grundsatz, der in Sprüche 15:22 enthalten ist, gilt sicherlich auch für die Ehe: „Pläne scheitern, wo es kein vertrauliches Gespräch gibt.“
Mann und Frau sollten sich aber nicht nur über Haushaltsangelegenheiten unterhalten. Denke einmal an deine Verlobungszeit zurück. Habt ihr beide euch nicht öfter gesagt, wie sehr ihr euch liebt, wie dankbar ihr seid, einander zu haben, und daß ihr einander braucht? Wie bedeutungsvoll war doch damals dieses „Liebesgeflüster“!
Aber was geschieht, wenn man verheiratet ist? Viele Ehepaare versäumen es, den Partner wissen zu lassen, wie sehr sie ihn lieben. Welch tragische Folgen das haben kann, zeigt ein Artikel, der in der Zeitung New York Sunday News erschienen ist. Unter anderem konnte man darin lesen: „Allgemein wird behauptet, der Mann, der fremdgehe, sei auf sexuellem Gebiet zu anspruchsvoll. Aber das stimmt nicht. Viel größer ist die Zahl der Männer, die nicht wegen sexueller Wünsche fremdgehen, sondern weil es ihre Frau an Liebe und an Anhänglichkeit fehlen läßt.“ Dasselbe gilt für Frauen, die von ihrem Mann kein liebes Wort mehr hören.
Es kann aber sein, daß die Probleme in einer Ehe noch eine tiefere Ursache haben.
„Jeder will mehr“
Ist es dir aufgefallen, daß heutzutage immer größerer Nachdruck auf das eigene Ich gelegt wird? Erica Abeel schrieb in der Zeitschrift New York: „Die Ehen werden brüchig, weil man sich nur mit einer vollkommenen Verbindung zufriedengeben will. Keiner will ausgleichen oder dem anderen entgegenkommen — jeder will mehr. Der Gedanke, ,mehr‘ zu fordern, stammt größtenteils aus der Psychotherapie. ... In der Ehe bedeutet ,mehr‘ leider oft ,mehr für mich‘, nicht ,mehr für uns‘. Und die Frau mag sich unter ,mehr‘ etwas anderes vorstellen als der Mann.“
Das stimmt mit dem überein, was Joseph Epstein, Verfasser des Buches Divorced in America (1974), schreibt:
„Therapie ist die neue Religion, und die Therapie dreht sich um unser Ich ... Wie schneide ich ab? Im neuen Zeitalter der Psychologie wird dir gesagt, du sollst dich in erster Linie um dich selbst kümmern. Das aber ist sehr nachteilig für die Ehe.“
Der heutige Trend, dem eigenen Ich so große Bedeutung beizumessen, verleitet viele Ehepaare, die sich weiter keine Gedanken machen, zu der Auffassung, sie kämen zu kurz, weil sie den Gipfel der persönlichen Befriedigung nicht erreichten. Es langweilt sie, ihren Pflichten am Arbeitsplatz und zu Hause nachzukommen. Dann taucht das Verlangen nach größerer Befriedigung beim Geschlechtsverkehr auf — in allem „wirkliche Erfüllung“ zu finden. Und was geschieht, wenn ein solches Verlangen nicht befriedigt wird?
Man gilt als mutig, wenn man die Scheidung beantragt. In einem Artikel der Zeitschrift Atlantic konnte man lesen: „Für viele Leute ist die Scheidung eine Art Dr. phil., ein Augenblick des Reifens, der Selbstanalyse und des Wandels, eine Gelegenheit, der Ehe eine lange Nase zu machen.“
Wäre die Ehescheidung für dich ein „Augenblick des Reifens“? Oder gibt es einen besseren Weg, deine Eheprobleme zu lösen?