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Das Problem des Strafvollzugs — Wie kann es gelöst werden?Erwachet! 1977 | 8. August
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Gefängnisse, um all die Straftäter, die die Polizei festnimmt, unterzubringen. Und die Gefängniskosten, die dem Steuerzahler erwachsen, sind schwindelerregend hoch.
Ich war überrascht, als ich im vergangenen September in der New York Times las, daß „jeder Gefängnisinsasse einer New Yorker Strafanstalt den Staat im Jahr etwa 12 000 Dollar“ kostet. Das bedeutet, daß jährlich etwa 3 Milliarden Dollar aufgewendet werden müssen, nur um die 250 000 Häftlinge in den Strafanstalten der Bundesstaaten zu unterhalten! Und die Baukosten für neue Strafanstalten belaufen sich pro Häftling auf 40 000 Dollar.
Das Problem des Strafvollzugs ist sehr groß, besonders wenn man bedenkt, daß nach den Worten eines Gefängnisexperten die Zahl der Häftlinge der Bundesgefängnisse bis Mitte der 1980er Jahre auf 400 000 ansteigen könnte. Wie kann dieses Problem gelöst werden?
Resozialisierung wünschenswert
Seien wir ehrlich: Wir alle sähen es gern, wenn sich die Straftäter bessern und gesetzestreue, nützliche Bürger würden. Eine solche Besserung ist möglich, obschon die meisten in den Strafanstalten durchgeführten Resozialisierungsprogramme nicht den gewünschten Erfolg erzielen. Darüber sagte Norman Carlson, Leiter des US-Gefängniswesens, vor kurzem: „Von der Idee der Resozialisierung hat man sich zuviel versprochen. ... wir sind uns jetzt über die Tatsache im klaren, daß wir niemanden resozialisieren können — wir können ihm nur die Gelegenheit dafür bieten.“
Ich bin überzeugt, daß der eine oder andere Straftäter angeregt wird, sich zu ändern, wenn ihm die richtige Hilfestellung geboten wird. Ich sage das, weil ich, als ich in der Bundesstrafanstalt in Ashland (Kentucky) war, selbst erlebte, daß man auf das Herz eines Gefangenen einwirken kann und er sich grundlegend zu ändern vermag.
Ich freute mich auf meine Reise im November und darauf, mit eigenen Augen zu sehen, welche Ergebnisse im Gefängnis in Angola (Louisiana) erzielt werden. Das Areal dieses zweitgrößten staatlichen Gefängnisses der USA ist fast 73 km2 groß. Nach einer Pressemeldung, die ich 1975 las, faßt dieses Gefängnis 2 600 Insassen, gegenwärtig sind 4 409 darin untergebracht.
Bald kam der Tag herbei — Donnerstag, der 4. November —, an dem ich die geplante Reise antrat.
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Ein erfolgreiches ResozialisierungsprogrammErwachet! 1977 | 8. August
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Ein erfolgreiches Resozialisierungsprogramm
AM Donnerstagabend traf ich mit dem Flugzeug in Baton Rouge ein. Mein Freund holte mich ab, und dann fuhren wir in seine Wohnung in New Roads, einer in der Nähe gelegenen Ortschaft. An jenem Abend unterhielten wir uns ausgiebig über die Vorgänge in der Strafanstalt von Angola.
Mein Freund gehört zu einer Gruppe von sechs Christen, die in diesem Gefängnis regelmäßig Unterricht erteilen. Abwechselnd geht jeder dieser Männer einmal wöchentlich hin, um die Zusammenkünfte mit den Gefangenen zu leiten. Die Zusammenkünfte werden im Durchschnitt von etwa 40 Gefängnisinsassen besucht.
„Die Anregung für dieses Unterrichtsprogramm kam eigentlich aus dem Gefängnis“, berichtete mein Freund. Zu Anfang des Jahres 1973 gab es dort zwei Gefangene, die Schriften der Zeugen Jehovas lasen und dann brieflich darum baten, daß jemand sie besuche. Diese Häftlinge sprachen auch mit anderen Gefangenen und interessierten sie für das, was sie kennengelernt hatten.
Im Oktober 1973 wurde in diesem Gefängnis zum erstenmal mit 18 Häftlingen eine Zusammenkunft durchgeführt. Nach einiger Zeit wurden jeden Mittwoch und jeden Sonntag Zusammenkünfte abgehalten. Immer mehr Gefängnisinsassen nahmen daran teil, manchmal 60 und mehr. Warum interessierten sich so viele dafür?
Das Unterrichtsprogramm
Mein Freund erklärte mir, daß die Zusammenkünfte im großen und ganzen so durchgeführt werden wie in den Königreichssälen der Zeugen Jehovas. Am Sonntag wird ein einstündiger biblischer Vortrag gehalten. Gewöhnlich spricht ein Gast aus einer Nachbarversammlung. Dann folgt ein Bibelstudium anhand eines Artikels in einer der neuesten Ausgaben der Zeitschrift Der Wachtturm.
Am Mittwochabend wird die Theokratische Schule durchgeführt. Das ist ein Kursus, der den Zweck hat, den Teilnehmern biblisches Wissen zu vermitteln und ihnen zu helfen, ihre Redefähigkeit zu verbessern. Auch eine „Dienstzusammenkunft“ wird abgehalten. Darin wird besprochen, wie die Botschaft der Bibel den anderen Insassen dieses Gefängnisses am besten übermittelt werden kann.
Ich staunte darüber, wie fleißig diese Häftlinge mit anderen über den christlichen Glauben, den sie im Gefängnis kennengelernt hatten, sprachen. Es gab Monate, in denen sie jede Woche mit mehr als 50 Häftlingen ein Bibelstudium durchführten. Und im vergangenen Jahr verbreiteten sie im Gefängnis fast 5 000 Exemplare der Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! sowie gebundene Bücher, in denen die Vorsätze Gottes erklärt werden.
Die Häftlinge, die als erste die biblische Wahrheit kennengelernt hatten, steckten diejenigen, mit denen sie Studien durchführten, mit ihrer Begeisterung an, und das hat zum Erfolg des Programms beigetragen.
Die Bedingungen erfüllen
Die Zusammenkünfte werden in einem Raum des Gefängnisschulgebäudes abgehalten, der, wie man mir erzählte, wie ein normales Klassenzimmer aussieht. Aber nur wenn der Name eines Gefangenen auf der sogenannten „Aufrufliste“ steht, darf er teilnehmen. Steht sein Name darauf, dann darf er seine Zelle in dem gewaltigen Gefängniskomplex verlassen und sich hier mit den andern, die ebenfalls auf dieser Liste stehen, einfinden.
Ich war überrascht, zu erfahren, daß die Zeugen Jehovas selbst entscheiden, wer diesen Zusammenkünften beiwohnen darf. Das ist nämlich nicht jedem erlaubt, und dafür gibt es Gründe. Gewöhnlich schließen sich die Häftlinge irgendeiner Gruppe an, in der Hoffnung, auf diese Weise schneller aus dem Gefängnis herauszukommen. Wie ermitteln Jehovas Zeugen, ob ein Strafgefangener es ehrlich meint und somit berechtigt ist, die Zusammenkünfte zu besuchen?
Sie führen zuerst ein Bibelstudium mit ihnen durch. Nur wenn er aufrichtiges Interesse zeigt, wird er auf die Aufrufliste gesetzt. Versäumt er ohne triftigen Grund — ein solcher Grund wäre z. B. Krankheit — mehr als vier Zusammenkünfte im Monat, wird die Gefängnisverwaltung verständigt, und der Name dieses Gefangenen wird von der Aufrufliste gestrichen. Es wird ihm erst wieder erlaubt, die Zusammenkünfte zu besuchen, wenn er während einer gewissen Zeit bewiesen hat, daß er es ernst meint.
Die ersten Erfolge
Ich wußte von den ersten Erfolgen des Programms, denn ich hatte in dem Bericht über die Bezirkskongresse, der im Wachtturm (deutsch: 15. Januar 1975) erschienen war, darüber gelesen. Darin hieß es:
„Eine ergreifende Szene ereignete sich auf dem Kongreß in Baton Rouge (Louisiana). Einige Monate lang hatten Zeugen Jehovas mit Insassen eines Zuchthauses in Angola die Bibel studiert. Viele dieser Männer hatten Fortschritte in ihrer Bibelkenntnis gemacht und hatten Gefängnisbeamte durch einen radikalen Wandel ihres Benehmens in Erstaunen versetzt. Acht von
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