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  • Das Leben läßt sich doch meistern — Warum wählt manch einer den Freitod?
    Erwachet! 1981 | 8. November
    • Das Leben läßt sich doch meistern — Warum wählt manch einer den Freitod?

      FINDEST du es immer schwieriger, deine Probleme zu meistern? Wenn du den nächsten Artikel, „Ich bin so froh, am Leben zu sein“, liest, wirst du erfahren, wie eine Frau ihre Probleme meistern lernte und was ihr half, einen Sinn im Leben zu sehen. Auch du kannst das Leben meistern. Allerdings zeigen die Tatsachen, daß immer mehr Menschen vor dieser Aufgabe kapitulieren.

      In der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich über 13 000 Selbstmorde verübt und etwa 20 000 Selbstmordversuche unternommen. In den Vereinigten Staaten beträgt die jährliche Zahl der Selbstmorde 25 000, und die der Selbstmordversuche wird auf mehrere 100 000 geschätzt.

      Es gibt Länder mit einer noch höheren Selbstmordrate als die Bundesrepublik Deutschland oder die Vereinigten Staaten. Weltweit gesehen, sind die Zahlen in alarmierendem Maße gestiegen. Lebensmüde gibt es sowohl unter den Reichen als auch unter den Armen — und ihre Zahl wächst und wächst.

      Warum glauben so viele, das Leben nicht mehr meistern zu können?

      Warum?

      „Dafür gibt es drei Ursachen: Glücklosigkeit, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit“, antwortet Dr. Calvin J. Frederick vom US-Institut für Psychohygiene, Abteilung Krisenintervention. Dem potentiellen Selbstmordkandidaten geht anscheinend alles schief. Er hat das Gefühl, der Gegenwart nicht mehr gewachsen zu sein, und glaubt nicht, daß sich in Zukunft etwas zu seinen Gunsten ändern werde. Was führt zu solcher Hoffnungslosigkeit? Es gibt verschiedene Gründe.

      Tiefste Armut treibt manchen zur Verzweiflung. Viele Leute sind so arm, daß sie ihr Dasein nur mit Mühe fristen können, ja daß es für sie ein ständiger Kampf ist, sich und die Familie zu ernähren. Und manch einer, der glaubt, nicht mit ansehen zu können, wie seine Familie langsam verhungert, wählt als Ausweg den Selbstmord.

      Es gibt aber auch viele, die es schwierig finden, mit einer chronischen, schmerzhaften Krankheit fertig zu werden. Der Gedanke, tagtäglich mit Schmerzen leben zu müssen, treibt den einen oder anderen dazu, seinem Leben ein Ende zu machen und damit auch seinen Leiden. Um solchen Personen behilflich zu sein, wurde vor noch nicht allzu langer Zeit ein Buch herausgegeben, das die Presse als „das erste Handbuch der Welt, das Tips gibt, wie man sich sicher und schmerzlos das Leben nehmen kann“, beschrieb.

      Auf einen weiteren Grund wies eine Sprecherin des Samariterbundes hin, einer englischen Organisation zur Verhütung von Selbstmorden. Sie erklärte: „Immer mehr Menschen werden depressiv, und ein Grund dafür mag die Arbeitslosigkeit sein“ (Kursivschrift von uns). Ein Beispiel: Jugendliche, die aus der Schule kommen und keine Arbeit finden, sowie Ältere, die abgeschoben worden sind, haben das gleiche Gefühl, nämlich abgelehnt zu werden. Ein solches Gefühl der Frustration führt schnell zu schweren Depressionen. Die Fürsorge- oder Arbeitslosenunterstützung löst dieses Problem nicht. Man denke an den Familienvater, der die Arbeit verliert, die es ihm jahrelang ermöglicht hat, seine Familie zu ernähren. Täglich sucht er nun den Stellenanzeiger durch. Er stellt sich immer und immer wieder vor, bekommt aber keine Arbeit. Doch die Familie will ernährt sein. Die Rechnungen häufen sich. Natürlich ist es nicht leicht, mit einer solchen Situation fertig zu werden.

      Einsamkeit ist für viele ein Problem, dem sie sich nicht gewachsen fühlen. Jahrelang waren sie glücklich verheiratet, doch dann starb der Ehepartner. Für manche ist der Gedanke, ohne den Partner leben zu müssen, unerträglich.

      Manche Forscher sind der Meinung, bei älteren Personen sei der Selbstmord eine Reaktion auf eine Reihe von Verlusten: ihr Ehegefährte ist gestorben; ihre Kinder haben das Elternhaus verlassen; sie gehen in Rente oder werden dazu gezwungen; sie müssen mit einer bestimmten Summe auskommen, während die Preise ständig steigen; ihr Erinnerungsvermögen läßt nach; ihre Kräfte verfallen allmählich; sie verlieren die Selbstachtung, weil sie immer stärker von anderen abhängig werden. So scheiden sie freiwillig aus dem Leben, um anderen nicht zur Last zu fallen oder um nicht den Rest ihres Lebens in einem Pflegeheim zubringen zu müssen.

      Kinder- und Jugendselbstmorde — Warum?

      Am alarmierendsten ist der Anstieg der Kinder- und Jugendselbstmorde. In der Bundesrepublik Deutschland legen in einem Jahr etwa 800 Kinder und Jugendliche Hand an sich selbst; in den Vereinigten Staaten unternehmen schätzungsweise jede Stunde 57 einen Selbstmordversuch. In Kanada stieg die Zahl der Jugendselbstmorde seit den 1950er Jahren um das Vierfache. Ähnliche Tendenzen werden aus Japan und Schweden berichtet. Warum glauben so viele junge Menschen, das Leben nicht mehr meistern zu können?

      Als einer der Hauptgründe wird die hoffnungslose Zukunft genannt. Dr. Diane Syer, Leiterin des Kriseninterventionsteams des East-General-Krankenhauses in Toronto, sagte, daß junge Leute, die sich das Leben nehmen wollen, das Gefühl hätten, „ihre Welt werde nicht mehr besser und deshalb habe es keinen Sinn weiterzuleben“.

      Der an den Schulen und Universitäten herrschende Leistungs- und Notenkult treibt ebenfalls viele junge Leute zur Verzweiflung. In der Bundesrepublik Deutschland und in Japan nehmen sich viele Jugendliche das Leben, weil sie sich dem schulischen Leistungsdruck nicht mehr gewachsen fühlen. Manchmal sind es die Eltern, die die Kinder unter Druck setzen und von ihnen nicht nur erwarten, daß sie lernen, sondern daß sie sich darin hervortun. Viele zwingen ihre Kinder ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten oder ihre Neigungen, einen bestimmten Beruf zu ergreifen. Dr. Richard Seiden von der Universität von Kalifornien sagte: „Es gibt Eltern, die ihre Kinder zu Leistungen anspornen, um ihr Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit zu kompensieren.“

      Viele Forscher sind der Meinung, daß ein weiterer wichtiger Grund zerrüttete Familienverhältnisse sind. Wenn sich die Eltern scheiden lassen, glaubt manch ein Kind, es sei schuld an der Scheidung. Aber nicht nur das macht das Kind unsicher, sondern auch die Freizügigkeit der Erwachsenen. Die jungen Menschen müssen selbst entscheiden, wie sie sich in bezug auf Sex, Drogen und Alkohol verhalten wollen, sind dieser Anforderung aber gar nicht gewachsen. Sie sehen in dieser Freizügigkeit einen Mangel an elterlichem Interesse. Deshalb kommen einige auf den Gedanken, ihren Eltern würde es ohne sie bessergehen.

      „Ein weiterer Faktor ist die Entwertung des Lebens“, erklärte Dr. Herbert Hendin, außerordentlicher Professor der Psychiatrie an der Columbia-Universität in New York (Kursivschrift von uns). Was trägt zur „Entwertung des Lebens“ bei? „Im Alter von 15 Jahren hat ein Jugendlicher im Fernsehen bereits 14 000 Morde oder andere Gewaltakte erlebt“, sagte Dr. Seiden. Dazu kommen noch die Schlager, in denen das Thema „Selbstmord“ besungen wird.

      Sehr häufig sagen Angehörige oder Freunde eines Selbstmörders: „Wenn ich es nur gewußt hätte ...“ Gibt es Anzeichen dafür, daß ein Familienglied glaubt, das Leben nicht mehr meistern zu können? Wie kann man ihm helfen?

      Hilfe — Von wem? Von wo?

      Es ist wichtig, zu erkennen, daß die Art und Weise, wie wir unsere Mitmenschen — unsere Angehörigen und unsere Freunde — behandeln, viel dazu beiträgt, ob ihnen das Leben lebenswert erscheint oder nicht. Eine 16jährige, die sich mit Selbstmordgedanken getragen hatte, schrieb: „Vielleicht würde es uns allen bessergehen, wenn Eltern und Kinder freundlicher zueinander wären, wenn die Lehrer verständnisvoller wären, wenn es weniger Streberei gäbe und wenn wir uns mehr auf echte Freundschaften und weniger auf den Sex konzentrieren würden.“ Aber wo kann jemand Hilfe erhalten, wenn ihm das Leben nicht mehr lebenswert erscheint?

      Kindern und Jugendlichen sollten selbstverständlich die Eltern helfen. Aber auch Erwachsene, die mit dem Leben nicht mehr fertig werden, brauchen jemand, an den sie sich wenden können, von dem sie wissen, daß er sie versteht, an jemand, der ihnen vernünftigen und praktischen Rat gibt. Was verrät, daß ein Angehöriger sich mit dem Gedanken trägt, sein Leben wegzuwerfen?

      Fachleute weisen auf folgende Alarmzeichen hin, die der Tat vorausgehen: Selbstmordandrohungen; Selbstisolierung; plötzliche Verhaltensänderung, zum Beispiel, wenn eine mitteilsame Person plötzlich in sich gekehrt ist; wenn jemand Dinge, die ihm bisher lieb und teuer waren, weggibt; depressives Verhalten. Auch Schlafstörungen, Eßstörungen und Vernachlässigung der Schularbeiten sollten nicht übersehen werden, wenn diese Symptome plötzlich auftreten, länger anhalten und für den Betreffenden nicht charakteristisch sind. Doch wie kann man helfen?

      „Es kann schon von Nutzen sein, wenn man sich geduldig hinsetzt und dem Hilfsbedürftigen Gelegenheit gibt, sich auszusprechen“, schrieb der Selbstmordforscher Dr. Mark Solomon. Bekunde Anteilnahme. Sage nicht: „Ach, deine Probleme können doch nicht so ernster Natur sein.“ Sei bereit zuzuhören. Mache Lösungsvorschläge; hilf ihm erkennen, daß sich seine Situation ändern läßt. Schrecke nicht davor zurück, offen mit ihm zu reden. Das mag ihm helfen, sich dir anzuvertrauen.

      Manche, die bei ihren Angehörigen kein williges Ohr finden, wenden sich an Selbstmordverhütungs- oder an Kriseninterventionszentren. Einige dieser Einrichtungen verfügen über ein „Sorgentelefon“, das 24 Stunden in Betrieb ist. Ein Selbstmordverhütungszentrum in Los Angeles (USA) beantwortet in einem Jahr etwa 18 000 Anrufe. In England notierte der Samariterbund im Jahre 1979 — in jenem Jahr wurden 4 192 Selbstmorde begangen — 1 500 000 Telefonanrufe. In vielen europäischen Städten werden im Rahmen der Telefonseelsorge Aussprachemöglichkeiten und Beratung für potentielle Selbstmörder geboten.

      Die erwähnten Zentren bemühen sich nicht nur, das Leben des Anrufers zu retten, sondern verweisen ihn auch an gewisse Stellen, wo man ihm helfen wird, seine Probleme zu lösen. Sie mögen ihn an einen Beratungsdienst verweisen, ja ihm vielleicht sogar behilflich sein, jemand für die Betreuung der Kinder zu erhalten oder eine Stelle zu finden.

      Bei Selbstmordgefahr wenden sich einige auch anderswohin, wie folgendes Beispiel zeigt:

      Vor ein paar Monaten rief ein junger Mann die Wachtturm-Gesellschaft in London an. Er erklärte, er und seine Frau seien mit einer Frau befreundet, die im Begriff stehe, Selbstmord zu begehen, und bat darum, daß jemand so schnell wie möglich komme.

      Als ein Vertreter der Ortsversammlung der Zeugen Jehovas die betreffende Wohnung aufsuchte, fand er eine junge Frau vor, die eine Abtreibung hinter sich hatte und nun an schweren Depressionen litt. Der Zeuge Jehovas las der Frau Texte aus der Bibel vor, die zeigten, daß Gott barmherzig ist, und half ihr verstehen, wie die christlichen Grundsätze im Leben anzuwenden sind. Die Frau war dankbar für die Ermunterung, einen neuen Anfang zu machen.

      Warum haben ihre Freunde Jehovas Zeugen angerufen? Weil sie überzeugt waren, daß ihre Freundin von jemand besucht würde, der den Wunsch hätte, ihr zu helfen, und sie mit Hilfe der Bibel trösten würde (1. Thess. 5:14).

      Du wirst es meistern!

      Bist du wegen eines oder mehrerer der erwähnten Probleme bedrückt, deprimiert? Hast du je das Gefühl gehabt, weiterzuleben habe keinen Sinn mehr? Dein Kummer mag zu einem Teil berechtigt sein. Aber verzweifle nicht — du wirst damit fertig! Wie?

      Bemühe dich, positiv zu denken. Für die meisten Probleme gibt es eine Lösung. Wenn du für deine Probleme keine Lösung siehst, warum dich nicht jemandem anvertrauen, den du kennst und dessen Rat du respektierst? Eine ältere, mitfühlende Person, mit der du befreundet bist, hat vielleicht ähnliche Schwierigkeiten gehabt und sie überwunden. Möglicherweise gibt es eine ganz einfache Lösung. Manchmal ist es notwendig, lediglich seine Einstellung zu ändern.

      Ist Arbeitslosigkeit zum Beispiel die Ursache deiner Depressionen? Hast du dich vielleicht vergeblich bemüht, eine andere Arbeit zu finden? Was für eine Arbeit suchst du? Möchtest du die gleiche Stellung haben, die du verloren hast, und das gleiche Gehalt? Vielleicht wäre es besser, deinen Stolz zu überwinden und eine Arbeit anzunehmen, die nicht ganz so gut bezahlt wird wie die, die du hattest, oder sogar eine, die schlecht bezahlt wird.

      Ist Einsamkeit dein Problem? Dann kapsle dich nicht ab. Bemühe dich, dich nicht selbst zu bemitleiden. Die Einsamkeit kann man am besten bekämpfen, indem man anderen Gutes tut. „Aber ich brauche doch Hilfe“, magst du einwenden. „Wie kann ich anderen helfen?“ Jesus sagte: „Beglückender ist Geben als Empfangen“ (Apg. 20:35). Warum es nicht ausprobieren? Bestimmt wird es dich froh machen, wenn du anderen gibst. Allerdings wird die Ursache deines Problems dadurch nicht beseitigt, aber eine solche Handlungsweise kann dir helfen, es zu meistern.

      Vielleicht denkst du, dein Problem sei unlösbar. Doch es gibt jemand, der dir helfen kann, sogar mit anscheinend unlösbaren Problemen fertig zu werden. Wer ist das? Es ist eine Person, die viel mehr weiß und weit besser helfen kann als ein Mensch. Ja, es ist Gott.

      Manche spotten über einen solchen Gedanken. Doch wird bestimmt jeder zugeben, daß die Zahl der Leute, die Probleme haben, groß ist. Und sind denn Personen, die sich nicht an Gott wenden, besser imstande, ihre Probleme zu meistern?

      In 2. Timotheus 3:16, 17 heißt es: „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert und nützlich zum Lehren, zum Zurechtweisen, zum Richtigstellen der Dinge, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes völlig tauglich sei, vollständig ausgerüstet für jedes gute Werk.“

      Ja, die Bibel ist ein Buch, das Gott den Menschen zur Unterweisung gegeben hat. Wenn man sie erforscht und das Gelernte im Leben anwendet, kann man mit den verschiedensten Problemen fertig werden. Sie gibt Dienern Gottes die Zusicherung, daß Gott sich liebevoll um sie kümmert, wenn sie schweren seelischen Belastungen ausgesetzt sind. Und allen, die glaubensvoll Jehova Gott um Hilfe bitten, um Hilfe, die im Einklang mit seinem Willen ist, wird liebevoll geholfen, so daß ihre Bedürfnisse voll und ganz befriedigt werden (1. Petr. 5:7; 1. Joh. 5:14).

      Außerdem sind die gegenwärtigen Weltprobleme, wie wir anhand der Bibel erkennen können, ein Beweis dafür, daß wir in den „letzten Tagen“ leben (2. Tim. 3:1). Bald wird Gott eine neue Ordnung der Dinge errichten, durch die alle Probleme derer, die ihn lieben, gelöst werden. Auf die heutigen Weltverhältnisse Bezug nehmend, sagte Jesus: „Wenn aber diese Dinge zu geschehen anfangen, dann richtet euch auf und hebt eure Häupter empor, denn eure Befreiung naht“ (Luk. 21:28; 2. Petr. 3:13).

      Dieses Wissen vermittelt Hoffnung. Und diese Hoffnung stärkt den Lebenswillen. Warum sich nicht näher damit befassen? Jehovas Zeugen sind dir gern dabei behilflich.

  • Ich bin so froh, am Leben zu sein
    Erwachet! 1981 | 8. November
    • Ich bin so froh, am Leben zu sein

      DREIMAL habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen. Aber jetzt bin ich so froh, am Leben zu sein.

      Ich stamme aus einer zerrütteten Familie. Meine Eltern führten, soweit ich mich erinnern kann, nie eine glückliche Ehe. Als sie sich schließlich scheiden ließen, kam ich in ein Internat. Die Schulferien verbrachten meine Schwester und ich bei verschiedenen Verwandten, weil mein Vater, der als Matrose bei der Handelsmarine arbeitete, sich nicht um uns kümmern konnte. Wir wuchsen auf mit dem Gefühl, unerwünscht zu sein.

      Schon als Teenager trat ich aus der katholischen Kirche aus, weil mir die Lehren widerspruchsvoll erschienen. Ich konnte nicht glauben, daß die Bösen in eine Hölle und die Guten in den Himmel kommen. Nach meiner Ansicht war der Tod lediglich ein friedlicher Zustand. Und sollte das menschliche Leben irgendeinen Sinn haben, so traf das auf mein Leben jedenfalls nicht zu.

      Auch meine Heirat befreite mich nicht von meinen Problemen. Die Dinge begannen mir über den Kopf zu wachsen. Ab und zu ging ich zu Leuten, mit denen ich befreundet war. Aber oft wurde mir gesagt: „Ach, wir wollten gerade weggehen!“ Oder: „Könntest du mir einen Gefallen tun?“ Ich ging immer zu diesen Leuten hin, aber sie kümmerten sich nicht so um mich, wie ich es gern gehabt hätte.

      Ich verbrachte fast den ganzen Tag mit Lesen. Zum Kochen und Backen hatte ich keine Lust mehr. Auch unterhielt ich mich nicht mehr mit anderen Leuten und tat nur noch das Allernotwendigste. Die Menschen in meiner Umgebung ignorierten mich — wenigstens glaubte ich das. Es war alles so merkwürdig. Ich fühlte mich elend, einsam und hätte dringend jemand gebraucht, mit dem ich hätte sprechen können. Aber da war niemand. Ich hatte mich gegen meine Umwelt völlig abgekapselt. Das führte zu meinem ersten Selbstmordversuch.

      Warum Selbstmord?

      Für den, der sich mit dem Gedanken trägt, Selbstmord zu begehen (viele bereiten ihn sehr sorgfältig vor), gibt es drei Kategorien von Menschen. Erstens solche, die er sehr liebt, die er aber, wie er meint, enttäuscht hat. Er denkt, diese geliebten Menschen seien ohne ihn besser daran. Zu der zweiten Kategorie gehören die, gegen die sich seine Aggressionen richten. Er hat das Gefühl, von ihnen tief verwundet worden zu sein und sich nur dadurch rächen zu können, daß er sich selbst umbringe — dann würden sie sicherlich von Gewissensbissen gequält werden. Zur dritten Gruppe zählen Personen, von denen er glaubt, daß er ihnen völlig gleichgültig sei und es ihnen nichts ausmache, wenn ihm etwas zustoße. Wenn ich jetzt zurückblicke, erkenne ich, daß alle drei Gruppen in meinem Denken eine Rolle spielten.

      Dann kam die Zeit, da ich mich meinen Aufgaben nicht mehr gewachsen fühlte. Ich liebte meine Kinder, aber ich kam zu der Überzeugung, daß es ihnen ohne mich bessergehen würde, weil ich so unfähig sei. Nach einem Streit mit meinem Mann sagte ich mir, mein Tod wäre sicherlich ein Schlag für ihn. Und außerdem gab es keinen Menschen, der sich für mich interessierte und mit dem ich über meine Probleme hätte sprechen können.

      Ich bereitete meinen Selbstmord sorgfältig vor. Dann drehte ich den Gashahn auf und legte mich zum Sterben hin. Merkwürdigerweise rief mein Mann in diesem Augenblick an, weil er sich wegen des Streites entschuldigen wollte. Da niemand den Hörer abnahm, fuhr er sofort nach Hause und kam gerade noch zur rechten Zeit. Er roch das Gas und ahnte, was vorgefallen war. So brach er die Tür auf und rettete mir das Leben.

      Als ich zu mir kam, geriet ich außer mich vor Wut. Ich war dermaßen frustriert, daß ich bald wieder einen Selbstmordversuch unternahm. Wiederum hatte ich mich mit meinem Mann gestritten, aber anstatt meine Probleme anzupacken, lief ich vor ihnen davon. Hätte ich nur gewußt, wie ich sie bewältigen konnte!

      Ich zog den dicksten Mantel an, den ich besaß, und ging an die kilometerweit entfernte Themse. Mein Gedanke war: Der schwere Mantel würde sich mit Wasser vollsaugen und da ich Nichtschwimmerin war, würde ich bald im Wasser versinken. Die Überlegung war schon richtig. Aber zufällig befand sich ein Polizeiboot in der Nähe der Brücke, von der ich ins Wasser sprang. Fünf oder sechs Minuten später zog man mich an Bord. Die Polizisten sagten, wären sie nur ein wenig später gekommen, wäre ich zufolge der nassen Kleidung untergegangen.

      Beim Sprung ins Wasser hatte ich mich verletzt und mußte deshalb monatelang im Krankenhaus liegen. Meine Kinder wurden vom Jugendamt aus in Pflege gegeben. Man war auch bemüht, mir zu helfen, und versuchte es mit Pfarrern, Psychologen und Psychiatern. Aber sie hatten nicht viel Erfolg.

      Nach meiner Entlassung nahm ich Pillen, um mich munter zu machen, andere, um mich zu entspannen, wieder andere, um einschlafen zu können — täglich bis zu 20 verschiedene Pillen! Ich konnte sehen, daß meine Kinder gestört waren. Ich durfte sie nur einmal in der Woche nach Hause holen, aber schon das schadete ihnen. Deshalb beschloß ich, sie von mir zu befreien, indem ich mir das Leben nehmen würde.

      Spätabends ging ich an einen sehr einsamen Ort, den einsamsten Ort, den ich kannte, und schluckte meine sämtlichen Pillen — alle auf einmal. Normalerweise würde ich nicht mehr leben, um die Geschichte zu erzählen. Aber am frühen Morgen wurde ein Mann, der in der Nähe wohnte, von seinem Hund geweckt, worauf er mit ihm spazierenging. Er fand mich im Gras liegend. Ich wurde auf dem schnellsten Weg in ein Krankenhaus gebracht, wo man mir den Magen auspumpte.

      Als ich aufwachte, brach ich in Tränen aus. Ich war fassungslos, fühlte mich elend. Es war, als befände ich mich in einem stockdunklen Raum. Meine Einsamkeit war riesengroß. Es gab niemanden, an den ich mich wenden konnte. Man hatte mir das Leben gerettet, aber wozu? Ich wünschte nichts sehnlicher, als zu sterben.

      Mein Rettungsanker — das Gebet

      Mein Mann richtete liebevoll eine neue Wohnung für mich und die Kinder ein, und ich nahm mir vor, für sie zu sorgen, bis sie alt genug wären, es selbst zu tun. Danach würde ich mir überlegen, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich hatte immer noch eine defätistische Einstellung.

      Eines Tages unterhielt sich mein Mann mit einem Zeugen Jehovas. Als der Zeuge auf Einladung meines Mannes wiederkam, sprach ich mit ihm. Ich hatte schon immer Achtung vor der Bibel gehabt und staunte über das Bibelwissen dieses Mannes. Jede Frage, die ich ihm stellte, beantwortete er mir anhand der Bibel.

      Damals war ich sehr niedergeschlagen. Instinktiv wußte ich zwar schon immer, daß es ein höheres Wesen gab, aber ich wußte nicht, wie man mit diesem Wesen in Verbindung treten konnte. Dieser Mann konnte beten — und er lehrte auch mich beten. Ich erinnere mich noch, daß ich ihn fragte: „Warum muß man im Namen Jesu beten? Warum muß man zu Gott beten? Warum kann man nicht zu Jesus Christus oder zu Maria beten?“ Aus der Bibel las er mir Antworten vor, die mich befriedigten. Es war so, als hätte mir jemand eine Tür geöffnet, und dankbar ging ich hindurch (Matth. 6:9; Joh. 16:23, 24).

      Schon nach wenigen Wochen begann ich zu beten, wie ich nie zuvor gebetet hatte. Ich merkte, daß ich nicht auf mich selbst angewiesen war. Ich brauchte nicht alles selbst zu tun (Phil. 4:6, 7). Damals rauchte ich noch täglich 60 bis 70 Zigaretten. Aber schon nach drei bis vier Wochen hatte ich mir das Rauchen abgewöhnt. Ich brauchte diese Krücke nicht mehr.

      Kurz danach fing ich an, auch andere Menschen mit der „guten Botschaft“, die mich getröstet hatte, zu trösten. Das bereitete mir Freude und schenkte mir Zufriedenheit. Eine Kraftquelle waren außerdem die Zusammenkünfte im Königreichssaal der Zeugen Jehovas. Sechs Monate später, im Mai 1975, gab ich mich Jehova Gott hin.

      Es sind nun schon mehr als 10 Jahre her, daß ich zum erstenmal versuchte, mir das Leben zu nehmen. Es passiert mir immer noch gelegentlich, wenn mir alles über den Kopf zu wachsen droht, daß ich niedergeschlagen bin; doch vermutlich ist das jeder ab und zu. Aber jetzt besitze ich eine „Kraft, die über das Normale hinausgeht“ (2. Kor. 4:7, 8). Jehova steht mir bei. Ich kann noch so deprimiert sein, stets klopft er an meine Tür — natürlich nicht buchstäblich, doch in dieser oder jener Weise sagt er sozusagen zu mir: „Du bist nicht allein!“

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