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Mein Lebensziel verfolgendDer Wachtturm 1957 | 1. Februar
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Kaution wurden dann zuerst die Älteren und jene, die Familien hatten, entlassen. So blieben zwei von uns noch übrig. Sechs Tage vergingen, und wir wußten immer noch nicht, wann wir an die Reihe kämen. Schließlich wurde eine weitere Kaution geleistet, doch nur für eine Person. Die französische Schwester, die bei mir war, sagte: ‚Beide oder keine‘, und verzichtete auf die sofortige Freilassung, um bei mir zu bleiben. Ich war ihr dafür so dankbar, daß ich es in Worten gar nicht ausdrücken könnte. Mit der Zeit wurden Jehovas Zeugen wegen ihres Kampfes um die Freiheit sehr geachtet, denn alle Versuche, uns zu entmutigen, schlugen fehl. Die Bemühungen, unseren Eifer zu dämpfen, spornten uns nur noch zu größerer Entschlossenheit an, unser Werk fortzusetzen und in diesem Gebiet nach den „Schafen“ zu suchen.
Das war jedoch nicht unser größtes Problem, vielmehr war es die französische Sprache. Wir sahen ein, daß wir den französisch sprechenden Leuten erst dann eine Hilfe wären, wenn wir uns mit ihnen in ihrer Sprache unterhalten könnten, und da wir jetzt zu einer Familie gezogen waren, die keine Kenntnisse des Englischen hatte, machten wir uns an diese Aufgabe heran. Wir bedienten uns so fleißig der Wörterbücher, daß sie fast zerfielen. Wir wandten jedes neue Wort, das wir lernten, an, bis wir allmählich den Sinn der Wörter, darauf den Sinn gewisser Ausdrücke und schließlich den Sinn ganzer Sätze erfaßten. Wir mußten oft herzhaft lachen über unsere Versuche, aber die französisch sprechenden Leute waren sehr hilfreich und erklärten uns alles, was wir wissen wollten.
Bruder Knorrs Besuch in Montreal Ende 1946 bedeutete für die Pioniere in Quebeck sehr viel. Sechsundsechzig von uns wurden eingeladen, die neunte Klasse (1947) der Gileadschule zu besuchen, um für das Sonder-Missionarwerk in der Provinz Quebeck geschult zu werden.
In Gilead wurden wir in der französischen Grammatik und in all den anderen erforderlichen Fächern unterwiesen. Dies gab uns gerade den nötigen Antrieb, um mit neuer Kraft den Felddienst wieder aufzunehmen, gewappnet mit weiteren Argumenten zur Widerlegung irriger Ansichten und ausgerüstet mit vermehrten Kenntnissen. Was wir dort an Einheit und Liebe erfuhren, schulte uns auch für unser Alltagsleben. Das junge Mädchen, das mich damals, als ich aus der Kirche kam, um nie mehr dorthin zurückzukehren, so ermuntert hatte, absolvierte mit mir dieselbe Gileadklasse. Diese Schule besucht zu haben bedeutete, daß von uns nun noch mehr verlangt wurde. Aber da uns Jehovas Geist, sein Wort und seine Organisation beistanden (wofür wir fortwährend Dank sagen), konnten wir alle Hindernisse überwinden und uns weiterhin der Segnungen des Vollzeitpionierdienstes erfreuen.
Im Oktober 1949 wurden meine Schwester und ich nach St. Hyacinthe (Quebeck), einem entlegenen Gebiet etwa fünfunddreißig Meilen außerhalb Montreals, gesandt. Eine Freundin fuhr uns mit dem Wagen hin, damit wir eine Unterkunft suchen konnten. Überall, wo wir uns erkundigten, sagte man uns: „Ich muß zuerst meinen Pfarrer anrufen und fragen, ob ich Nichtkatholiken ein Zimmer vermieten darf.“ Nachdem wir es an verschiedenen Orten versucht hatten, kamen wir schließlich zu einer Frau, die bereit war, uns ihr Vorderzimmer zu vermieten, wobei sie — wie sie uns später bekannte — die Absicht hegte, uns zum katholischen Glauben zu bekehren.
Wir sammelten damals bei der Bevölkerung Unterschriften für eine Petition, in der eine schriftliche kanadische „Bill of Rights“ (Urkunde über Freiheitsrechte) gefordert wurde. In der ersten Woche gaben die meisten Leute ihre Unterschrift, da sie zustimmten, daß jedermann das Recht auf Religionsfreiheit besitze. Doch nach der Sonntagspredigt änderte sich das Bild. Der Ortsgeistliche gab bekannt, daß niemand unterschreiben dürfe; er bezeichnete uns als „Kommunisten“, als die im Gleichnis erwähnten ‚törichten Jungfrauen‘ usw. Unsere Zimmervermieterin wurde, nachdem wir zwei Wochen bei ihr gewohnt hatten, aufgefordert, uns zu kündigen. Eines Morgens sagte sie uns, wir müßten das Haus innerhalb zweier Stunden verlassen, sonst stelle sie unsere Sachen auf die Straße. Sie weinte, als sie uns dies mitteilte, und fügte hinzu, sie tue es nicht von sich aus. Wir stellten unsere Sachen in den Gepäckschließfächern im Bahnhof ein und machten uns wieder auf die Suche nach einer Unterkunft, doch umsonst. Wir mußten nach Montreal zurückkehren. Drei Tage lang wanderten wir auf der Suche nach einem anderen Zimmer zwischen den beiden Städten hin und her. Und wir fanden schließlich eines in einem Vorort der Stadt bei sehr aufgeschlossenen Leuten, die sich, selbst nachdem sie in den lokalen Zeitungen beschimpft worden waren, weigerten, uns auf die Straße zu setzen.
Nach einiger Zeit wurden wir verhaftet und des Verkaufs von Bibeln angeklagt. Wir kamen vor Gericht und gewannen den Fall. Dadurch hörten die Pöbelangriffe, die eine tägliche Erscheinung geworden waren, auf, und wir genossen von da an auch den Schutz der Polizei. Später schlossen sich uns zwei weitere Missionarinnen an, und nach einer gewissen Zeit hatten wir die Freude, eine neue Versammlung zu gründen. Mehrere Personen traten standhaft für die Wahrheit ein und mußten die Stadt verlassen und anderswo Arbeit suchen. Für uns wurde sie jedoch zur wirklichen Heimat, und da die Bevölkerung fast ausschließlich Französisch sprach, machten wir Fortschritte im Erlernen der Sprache. Oft kam es vor, daß die Leute uns ins Pfarrhaus führten, damit wir mit ihren Ortsgeistlichen sprechen könnten, denn sie wollten nicht glauben, daß wir die ‚richtige Bibel‘ besäßen. Diese Diskussionen dienten uns zur Stärkung, da wir sehen konnten, wie wenig diese in Seminaren und theologischen Fakultäten geschulten Männer von der Heiligen Schrift wußten. Einer entgegnete sogar einmal: „Wie können Sie von mir erwarten, daß ich über die Bibel spreche? Ich bin doch Priester, nicht Bibelforscher.“ Ein anderer, ein Dominikaner-Pater, schleuderte uns Flüche entgegen, als wir ihm während einer Diskussion, die in einer Einsiedelei stattfand, in seiner eigenen Bibel zeigten, daß sein Beweis für die „Dreieinigkeit“ aus 1. Johannes 5:7 ein Einschiebsel sei. Dem jungen Mann, der uns dort hingeführt hatte, fiel es wie Schuppen von den Augen; er hatte uns nämlich erklärt, daß, wenn auch er nicht imstande sei, auf unsere Fragen zu antworten, es doch bestimmt die „Pater“ tun könnten.
Im September (1951) begann eine weitere Mutprobe in unserem Missionarleben. Wir wurden zusammen mit einer Klassenkameradin und fünf weiteren Missionarinnen, die eben die 17. Gileadklasse absolviert hatten, der dreiundachtzig Meilen nördlich von Montreal gelegenen Stadt Trois-Rivières (Quebeck) zugeteilt. Wir waren uns zu Anfang völlig fremd, doch, da wir nur zwei Zimmer fanden und dort zu acht wohnen mußten, dauerte es nicht lange, bis wir uns kannten. Am ersten Tage unseres Dienstes statteten wir zunächst dem Chef der Ortspolizei einen Besuch ab. Wir wollten ihn von unserer Ankunft und unseren Absichten in Kenntnis setzen, damit seine Leute für die Untersuchung der falschen Anschuldigung, wir seien „Kommunisten“, nicht unnütz Zeit verlören. Es war zu erwarten, daß man diese Anklage telephonisch erheben würde. Nachdem wir ihm unsere Arbeitsmethode erklärt hatten, wünschte er uns viel Erfolg. Das tägliche Wirken der acht Missionarinnen veranlaßte bald zu der Bemerkung, es sei eine ganze Armee in die Stadt eingedrungen. Zuerst suchten die Priester verschiedene Mittel anzuwenden, um unserer Tätigkeit ein Ende zu bereiten; sie folgten uns sogar von Tür zu Tür, um die Leute zu warnen. Eines Tages wurde die Polizei telephonisch herbeigerufen, um uns zu verhaften, doch mißlang dieser Anschlag, denn als die Polizisten feststellten, um wen es sich handelte, fuhren sie an uns vorbei. Als wir eine größere Wohnung fanden, wurde unser Heim zu einem Königreichssaal.
Viele Leute, die wir besuchten, äußerten sich anerkennend darüber, daß acht Mädchen in Frieden beisammenwohnten. Das allein war für sie ein Beweis, daß wir einer friedlichen Organisation angehörten, in der Gottes Geist herrscht. Da wir so eng beisammenwohnten, lernten wir manches und stellten dabei fest, daß die persönliche Art, wie jemand gewisse Dinge tut, nicht immer das Richtige ist; so paßten wir uns gegenseitig an, um besser miteinander auszukommen. Wir fanden, daß gute Organisation Frieden zeitigte. Da wir über zwei Jahre zusammenlebten, wurden wir wie eine richtige Familie miteinander verbunden, und als die Zeit kam, da wir uns trennen sollten, erkannten wir, welch enge Bande uns verknüpften.
Nun erwartete uns etwas Neues: eine neugegründete Versammlung. Treue Pioniere hatten sehr hart gearbeitet, um diese unter prüfungsreichen Verhältnissen aufzubauen. Wie Mose fühlten wir uns unfähig, die Aufgabe zu übernehmen, doch wissend, daß Jehova unsere Stärke ist, übernahmen wir die Verantwortlichkeiten gebetsvoll. Wir stellten bald fest, daß die Verkündiger willig waren und mithalfen, die Königreichsinteressen zu fördern, und so schrumpfte unser „Berg“ zu einem „Maulwurfshügel“ zusammen. Nach einem Jahr hatten wir eine weitere Zunahme zu verzeichnen, und wir freuten uns sehr, Gemeinschaft mit diesen „anderen Schafen“ zu haben, denen noch so manches mangelte, obwohl sie allmählich zur Reife heranwuchsen.
Meine Schwester, die über zehn Jahre mit mir zusammen war, befindet sich nun mit einem anderen Angehörigen unserer Familie, nämlich mit meinem Schwager, in einem anderen Gebiet; doch an ihrer Stelle kamen meine jüngere Schwester (die drei Jahre im Pionierdienst war) und ihr Mann (der seit fünf Jahren im Vollzeitdienst stand) nach der Provinz Quebeck. Das Vorrecht gehabt zu haben, auf diese Weise von Jehova gebraucht zu werden, hat mich sehr glücklich gemacht. Indem ich mein Lebensziel als Missionarin verfolgte, habe ich dies erfahren dürfen.
Nun verfolge ich mein Lebensziel in einer anderen Eigenschaft. Nachdem ich einige Zeit im Bethelheim in Toronto tätig war, heiratete ich und wurde ein Glied der Bethelfamilie in Brooklyn. Da bin ich nun und tue meinen Dienst als Frau C. A. Steele.
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Verfehle nicht, den Nachbesuch zu machen!Der Wachtturm 1957 | 1. Februar
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Verfehle nicht, den Nachbesuch zu machen!
EIN englischer Flieger erlangte eine Erkenntnis der Wahrheit und bezog dementsprechend Stellung. Er mußte dreimal vor Gericht erscheinen und wurde auf jeder Reise von demselben Militärpolizisten begleitet. Natürlich erklärte er den Grund, weshalb man ihn vor Gericht gestellt hatte, und gab ein gutes Zeugnis. Sein Begleiter bekundete beträchtliches Interesse, und es wurde ihm das Versprechen gegeben, daß sein Name der Versammlung eingesandt werde, damit die Brüder des Ortes Fühlung mit ihm nehmen könnten.
Der Polizist wartete geduldig einige Wochen darauf, daß der nächste Zeuge bei ihm in der Wohnung vorspreche. Während dieser Zeit gelang es ihm, auch Interesse bei seiner Frau zu erwecken, die dreißig Jahre lang ein Glied der Christadelphianer gewesen war. Die Zeit verging. Doch niemand kam vorbei, um die Verbindung mit dem Ehepaar aufzunehmen. Aber dieses sollte die Wahrheit trotzdem erhalten.
Etwa vier Monate später war die Weihnachtszeit da. Das Heim des Polizisten war mit bunten Papiergirlanden geschmückt, und der Christbaum stand in seinem Schmuck da. Die Tochter brachte eine ihrer Spielkameradinnen mit nach Hause, um ihn ihr zu zeigen. Die kleine Besucherin erwiderte auf die Frage der Tochter, welche Art Schmuck sie zu Hause hätten, geradeheraus, bei ihnen daheim gebe es nichts derartiges, denn dies sei heidnisch und nicht gemäß der Bibel; sie seien Jehovas Zeugen und gingen in den Königreichssaal. Als die Mutter dies hörte, schrieb sie sogleich einige Zeilen, die das Kind seiner Mutter überbringen sollte, mit denen sie anfragte, ob sie ihr die neuste Broschüre der Zeugen Jehovas und ein Liederbuch senden würde. Als die Schwester diese Zeilen empfing, schien es ihr eine sonderbare Bitte, und so ging sie hin, um zu sehen, was da los sei. Auf diese Weise kamen die Leute wieder mit der Wahrheit in Berührung.
Gerade in jener Woche besuchte ich anläßlich meines regulären Kreisbesuches die Ortsversammlung. Man berichtete mir von der Familie, und man hatte Anstalten getroffen, daß ich sie besuchen und den Mann sprechen konnte, der extra von seinem militärischen Standort herreiste, um diese Zeugen zu sehen, auf die er so lange gewartet hatte. Ich verbrachte zwei wunderbare Stunden mit ihnen, und als ich sie verließ, hatte ich ein regelrechtes Studium mit der Frau begonnen und den Mann mit Literatur versehen, die er mit ins Lager nehmen konnte, unter anderem auch mit dem Buche „Make Sure of All Things“, da er bereits den Feldgeistlichen „in Angriff genommen“ hatte. Sie waren voll Wißbegierde über die Wahrheit und bedauerten die verlorene Zeit, während der sie auf den Besuch der Zeugen gewartet hatten.
Vier Monate später hörte ich beim nächsten Besuch des Kreises, daß der Mann den Dienst in der Luftwaffe aufgegeben und damit begonnen hatte, sich zusammen mit seiner Frau an der regulären Predigttätigkeit zu beteiligen, und daß sie darauf warteten, bei der nächsten größeren Versammlung getauft zu werden. Dies alles wäre nicht eingetreten, wenn der Kontakt nicht wieder durch einen unserer kleineren Zeugen hergestellt worden wäre. Was mit dem Adreßzettel des Interessierten geschah, werden wir nie wissen, doch hebt dies bestimmt die dringende Notwendigkeit hervor, alle Namen von Interessierten, die wir nicht selbst betreuen können, zu melden (denn dies gehört zu unserer Verantwortung), das heißt diese Neuen nicht zu vergessen, bis wir sicher sind, daß andere Brüder mit ihnen Fühlung genommen haben und sie betreuen. — Bericht von einem reisenden Beauftragten der Watch Tower Society aus London.
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