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Die gute Botschaft auf der ganzen Erde erschallen lassenDer Wachtturm 1977 | 15. Februar
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‘gründlich Zeugnis ablegen für die gute Botschaft von der unverdienten Güte Gottes’! (Apg. 20:24; Eph. 6:15). Ja, mögen wir uns ‘auf eine Weise betragen, die der guten Botschaft über den Christus würdig ist, so daß wir feststehen in e i n e m Geist, mit e i n e r Seele Seite an Seite für den Glauben der guten Botschaft streitend, und uns in keiner Hinsicht von unseren Gegnern erschrecken lassen’ (Phil. 1:27, 28). Die „gute Botschaft“ muß triumphieren! Mögen wir uns alle bemühen, die gute Botschaft auf der ganzen Erde erschallen zu lassen! Dadurch werden wir sowohl uns selbst als auch viele andere glücklich machen.
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Ich fand etwas, wofür zu kämpfen es sich lohntDer Wachtturm 1977 | 15. Februar
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Ich fand etwas, wofür zu kämpfen es sich lohnt
Von Laurier Saumur erzählt
DIE Luft war eisig kalt und klar. Der Schnee knirschte unter dem Schlitten, und die Pferde schnaubten, als sie den Weg entlangtrotteten, der sich zwischen Douglasfichten und Hemlocktannen hindurchschlängelte. Während wir die Bäume fällten und die Arbeitsgruppen die Stämme wegschafften, dankte ich Gott dafür, daß er die Erde so wunderbar gemacht hat.
Diese Gedanken gingen durch meinen jugendlichen Sinn an jenem typischen Wintertag auf der Farm meines Vaters, die im Hügelland des Gatineau lag, im Westen Quebecs. Das Leben war hart, aber gesund. Ich war eines von vierzehn Kindern einer katholischen frankokanadischen Familie.
Wie in anderen Gebieten Quebecs, so beherrschte die katholische Kirche auch das Leben in unserer kleinen Gemeinde. Ich ging regelmäßig zur Messe und zur Kommunion und beteiligte mich an vielen kirchlichen Aktivitäten. Ich hatte den Wunsch, Gott zu dienen, aber irgend etwas fehlte mir.
Das Schulwesen unterstand damals der katholischen Kirche, nicht dem Staat, und die Kirche war darauf bedacht, das Volk möglichst weitgehend in Unwissenheit zu halten, damit die Priester ihren Einfluß eher geltend machen konnten. Viele Menschen, auch mein Vater und zwei meiner Brüder, konnten daher weder lesen noch schreiben. Diese negative Einstellung zur Volksbildung gefiel mir nicht. Es mißfiel mir auch, daß es keine Bücher und keine Bibliotheken gab, denn ich war sehr wissensdurstig.
Im Jahre 1939, im Alter von achtzehn Jahren, ging ich nach Montreal, um mich weiterzubilden. Endlich konnte ich Bibliotheken besuchen und Bücher lesen! Oft las ich fast die ganze Nacht hindurch. Dadurch erfuhr ich von den Grausamkeiten der Inquisition, und ich begann, die Kirche in einem anderen Licht zu sehen.
Durch einen Cousin kam ich jedoch mit der Katholischen Aktion in Verbindung, einer politischen Organisation mit faschistischen Tendenzen und einer ausgeprägten antisemitischen Einstellung. Ihre Zusammenkünfte fanden in der katholischen Kirche unter der Leitung von Priestern statt. Die Botschaft der Katholischen Aktion war einfach: Hitler ist nicht so schlecht. Die Juden und die englisch sprechenden Protestanten bedrücken uns Frankokanadier. Als ich von Plänen für Gewaltaktionen hörte, war mir aber nicht mehr ganz geheuer, und ich zog mich kurzerhand zurück.
DIE HAFT MEINES BRUDERS HILFT MIR
Im Frühling 1943 gab mir eines Tages ein Freund in Montreal einen Zeitungsartikel und sagte: „Hier ist von einem Mann die Rede, der so heißt wie du. Ist er mit dir verwandt?“
Ich las den Bericht. Erstaunt sagte ich: „Was heißt ,mit dir verwandt‘? Das ist Hector, mein Bruder!“ Ich hatte jahrelang nichts von ihm gehört. Gemäß der Zeitung war er in Timmins (Ontario) gerade zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er ein Zeuge Jehovas war.
„Wer sind Jehovas Zeugen?“ fragte ich. „Ich habe noch nie von ihnen gehört.“
Mein Freund erwiderte: „Es ist eine religiöse Bewegung, die von der Regierung verboten wurde.“a
Nun war ich noch mehr erstaunt. Eine religiöse Bewegung? Hector war von unserer ganzen Familie am wenigsten an Religion interessiert gewesen. Ich schrieb ihm einen Brief, um zu erfahren, was geschehen war.
Daraufhin sandte mir Hector eine Bibel und einige Broschüren der Zeugen Jehovas. Ich hatte vorher noch nie eine Bibel gesehen. Die Priester hatten immer gesagt: „Die Bibel ist nichts für dich. Du würdest verrückt, wenn du sie lesen würdest!“ In meiner Naivität ging ich daher mit der Bibel zu einem Priester und fragte ihn, ob dies eine richtige Bibel sei. Unter dem Vorwand, sie für mich prüfen zu wollen, nahm er sie entgegen und weigerte sich danach, sie zurückzugeben.
Durch die Broschüren war mein Interesse aber so weit geweckt worden, daß ich mir in einer katholischen Buchhandlung eine andere französische Bibel besorgte. Begierig begann ich, darin zu lesen. Im Laufe des darauffolgenden Jahres las ich sie zweimal ganz durch. Was mich besonders fesselte, war das Leben Jesu und die Missionstätigkeit der Apostel.
Später im Jahre 1943 zog ich von Montreal nach Timmins, um mehr über Jehovas Zeugen zu erfahren, und auch, um Englisch zu lernen. Dort studierte ich mit den Zeugen die Bibel, aber ich ging nach wie vor in die katholische Kirche. Ich sprach mit dem Ortsgeistlichen und mit dem Bischof über die Höllenlehre sowie über die Lehre von der Dreieinigkeit und der Unsterblichkeit der Seele. Eines Tages fragte mich der Bischof, woher ich das, worüber ich spräche, wisse. „Von Jehovas Zeugen“, erwiderte ich. Darauf entgegnete er: „Ich habe keine Zeit mehr, mit Ihnen weiterzusprechen.“
Am darauffolgenden Sonntag hörte ich — da ich als pflichtbewußter Katholik wieder in der Kirche war — eine gemeine Hetzrede des Ortsgeistlichen gegen Jehovas Zeugen. Seine unverschämten Äußerungen und seine Verleumdungen ekelten mich an. Ich hatte genug. Ich war zum letztenmal in der katholischen Kirche gewesen. Bald danach stand mein Entschluß fest. Ich hatte die biblische Wahrheit gefunden und war entschlossen, sie ebenso zu verteidigen wie einst die ersten Nachfolger Christi. Am 1. Juli 1944 symbolisierte ich meine Hingabe an Jehova und meinen Entschluß, ihm zu dienen, indem ich mich taufen ließ.
DER KAMPF IN QUEBEC
Unter dem Einfluß der katholischen Kirche und ihres politischen Verbündeten, Premier Maurice Duplessis, nahmen die Schwierigkeiten, verbunden mit Verhaftungen und Belästigungen der Zeugen Jehovas, überhand. Im Juni 1945 nahm ich in Montreal, einer der bedeutendsten Städte in Quebec, den Vollzeitpredigtdienst auf. Das erstemal, als ich dort von Tür zu Tür predigte, wurde ich verhaftet. Das war ein Fingerzeig für das, was noch kommen sollte.
Der Kampf in Quebec war im Gange, und was für ein Kampf das war! Premier Duplessis verhieß, die Zeugen Jehovas aus der Provinz zu vertreiben; er kündigte „einen erbarmungslosen Krieg gegen die Zeugen“ an. Die ganze Macht des Staates wurde gegen uns aufgeboten. Eine Woge unvernünftigen Hasses und der Feindseligkeit ging über die gesamte Provinz hinweg. Ich persönlich wurde mehr als hundertmal verhaftet.
Eine führende kanadische Zeitung bezeichnete die Verfolgung als die „Wiederkehr der Inquisition“. Es hieß darin: „Die Verfolgung der als Zeugen Jehovas bekannten Sekte, die mit der begeisterten Unterstützung von Behörden und Gerichten zur Zeit in der Provinz Quebec im Gange ist, hat Formen angenommen, die den Eindruck erwecken, als ob die Inquisition in das französischsprachige Kanada zurückgekehrt sei“ (Toronto Globe & Mail, 19. Dezember 1946).
Oft empfingen mich die Leute, wenn ich bei ihnen vorsprach, um mit ihnen über die Bibel zu sprechen, mit einer Tirade von Anklagen, die sie kurz vorher vom Ortsgeistlichen gehört oder in der französischen Zeitung gelesen hatten. Nicht selten wurde man am gleichen Tag zwei- bis dreimal verhaftet, und die gerichtlichen Vorladungen nahmen kein Ende. Das war besonders für Familienväter hart, denn oft konnten sie deswegen mehrere Tage nicht zur Arbeit gehen, und manchmal verloren sie sogar ihre Stelle. Doch wenn die Behörden die Beharrlichkeit der Zeugen Jehovas noch nicht kannten, so lernten sie sie jetzt aus erster Hand kennen.
Um die Verhaftung von Familienvätern zu vermeiden, benutzte ich ein Ablenkungsmanöver. Wenn ein Polizeiwagen angefahren kam, ging ich direkt darauf zu und verwickelte die Beamten in ein Gespräch. Das gab den Familienvätern, die in der Nähe tätig waren, Gelegenheit, sich zu entfernen. Dadurch nahm die Zahl meiner Verhaftungen natürlich weiter zu.
Im September 1945 kam es in Châteauguay, einem Städtchen westlich von Montreal, zweimal zu Ausschreitungen. Katholische Rowdys griffen eine Gruppe von Zeugen Jehovas, die auf einem Privatgrundstück eine Zusammenkunft abhielten, an, während die Polizei untätig zuschaute. Ich wurde jämmerlich verprügelt. Einer der Rowdys wurde ebenfalls verletzt — er brach sich das Handgelenk, als er mir einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf versetzte. Ich wurde buchstäblich grün und blau geschlagen, so daß ich einige Tage vor Schmerzen kaum gehen konnte.
Wir bemühten uns, das Geld für Kautionsleistungen aufzubringen, um nicht ins Gefängnis zu müssen; wir bemühten uns, an den Türen ruhig zu bleiben und die Tiraden von Falschanklagen über uns ergehen zu lassen, in der Hoffnung, schließlich noch einige freundliche Worte sagen zu können, um das Vorurteil abzubauen; wir bemühten uns, Menschenansammlungen aus dem Weg zu gehen; wir bemühten uns, Familienväter vor der Verhaftung zu schützen; wir bemühten uns, den Mut unserer christlichen Brüder und Schwestern zu stärken; wir bemühten uns, Räumlichkeiten zu finden, die wir für unsere Zusammenkünfte mieten konnten, denn viele Grundeigentümer hatten sich durch die „Hexenjagd“ einschüchtern lassen; wir bemühten uns, zu verhindern, daß Kinder von der Schule gewiesen wurden; wir bemühten uns, Kindern, die von der Schule gewiesen worden waren, Hausunterricht zu erteilen, und wir bemühten uns um die Bestattung unserer Toten, denn in einigen Fällen versuchten Geistliche, die Bestattung von Zeugen Jehovas zu verhindern.
Ein Zeuge Jehovas zu sein war damals nicht leicht, aber es war glaubensstärkend. Alle Zeugen bewiesen durch ihre Einstellung einen großen Glauben, Liebe und Entschiedenheit. Sie machten die gleiche Erfahrung wie der Apostel Paulus, der über die Stunde seiner Erprobung sagte: „Der Herr ... flößte mir Kraft ein, damit durch mich die Verkündigung völlig durchgeführt werde“ (2. Tim. 4:17).
Wir wurden tatsächlich oft auf ganz unerwartete Weise unterstützt und ermuntert. Zu meiner Freude konnte ich bald zweiundzwanzig Bibelstudien durchführen. Eines davon war ein außergewöhnlicher Fall.
Als ich einmal an einer Straßenecke stand und die Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! anbot, sprach mich eine Frau an. Da sie Analphabetin war, wären ihr die Zeitschriften keine Hilfe gewesen, und so erbat ich mir ihre Adresse und vereinbarte mit ihr einen Rückbesuch. Ich begann mit ihr sogleich ein Bibelstudium und führte es zwei- bis dreimal in der Woche durch. Sie nahm die biblischen Wahrheiten begierig in sich auf und lernte sogar auch Lesen. Laura Chabot wurde trotz der heftigen Verfolgung ein standhafter Zeuge Jehovas, und sie ist es heute — nach über dreißig Jahren — immer noch. Sie hat im Laufe der Jahre mit etwa fünfundvierzig Personen, die jetzt Zeugen Jehovas sind, die Bibel studiert.
DIE STADT QUEBEC — EIN NEUES GEBIET
Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas war damals in der Stadt Quebec, der Hauptstadt der Provinz, noch nicht organisiert. Deshalb wurden wir Ende 1945 zu fünft dorthin geschickt. In Quebec herrschte eine ganz andere Atmosphäre als in dem kosmopolitischen Montreal.
In Quebec nahm die Kirche die Stellung eines Alleinherrschers ein. Überall sah man Priester in der Soutane. Es herrschte eine mit Furcht und Bedrückung geschwängerte Atmosphäre. Sowohl der Kardinal als auch der diktatorische Duplessis wohnten hier. Ob wir in diesem Bollwerk des Katholizismus wohl hörende Ohren finden würden?
Zuerst waren die Menschen in der Stadt Quebec sehr freundlich und hörten uns gern zu, wenn wir sie bei unserer Tätigkeit von Haus zu Haus besuchten. Mein Partner John How und ich gaben im ersten Monat dort über hundert bibelerklärende Schriften ab. Bei einem Besuch, der mit einer interessierten Frau vereinbart worden war, waren zehn ihrer Angehörigen zugegen. Es kam zu einer langen, sehr lebhaften und offenen Diskussion. Die Anwesenden waren alle dem Namen nach katholisch, standen aber mit der Kirche auf Kriegsfuß. Bevor ich wegging, verteilte ich eine ganze Tasche voll Literatur, unter anderem auch mehrere Exemplare des Buches Feinde. Eines dieser Bücher nahm Alphonse Beaudet, ein Bruder der Wohnungsinhaberin, entgegen.
Einige Tage später sprach mich jemand auf der Straße an. Es war dieser Alphonse Beaudet. „Könnte ich mit Ihnen zu jemandem gehen, mit dem Sie über die Bibel sprechen?“ fragte er.
„Selbstverständlich, warum nicht?“ erwiderte ich. Unterwegs erzählte er mir seine Geschichte.
Nach meinem Besuch bei seinen Angehörigen am vorhergehenden Sonntagabend war Alphonse nach Hause zurückgekehrt und hatte die ganze Nacht in dem Buch Feinde gelesen. In drei Tagen hatte er es verschlungen. Nachdem er es durchgelesen hatte, suchte er alle Heiligenbilder, Kruzifixe und Statuen in seinem Haus zusammen und vernichtete sie vor den Augen seiner katholischen Nachbarn. Das war aber noch nicht alles.
Danach ging er zum Bischof und erklärte seinen Austritt aus der katholischen Kirche. Dann suchte er mich. Seither sind über dreißig Jahre vergangen, aber Alphonse ist immer noch bemüht, Menschen in Quebec über die Bibel zu belehren, und sein außergewöhnlicher Eifer und seine Hingabe haben schon vielen geholfen, Jehova Gott treu zu dienen.
Schon nach kurzer Zeit wurde damals in Quebec eine Versammlung gegründet, und wir hielten regelmäßig unsere Zusammenkünfte ab. Doch die friedlichen Verhältnisse hielten nicht lange an. Schon bald begannen die Priester, die Kanzel und die katholische Presse zu benutzen, um einen Sturm der Feindseligkeit heraufzubeschwören. Die Folge war eine ganze Reihe von Verhaftungen und Verurteilungen.
Der Stadtrichter Jean Mercier gab bekannt, daß die Polizei angewiesen worden sei, „jeden bekannten oder vermutlichen Zeugen Jehovas, der gesehen wird, festzunehmen“. Plötzlich wurde die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Quebec von Küste zu Küste bekannt. Die Nachricht löste in den übrigen Gebieten Kanadas einen Sturm der Entrüstung aus, denn man konnte nicht begreifen, daß ein Richter, den man bisher für unparteiisch gehalten hatte, so ungerecht sein sollte.
In den Jahren 1946/47 gab es in der Stadt Quebec so viele Verurteilungen, Vorladungen, Berufungsverfahren und Prozesse, daß in der Presse von einer „Schlacht“ die Rede war. Insgesamt war ich aufgrund von Anklagen wegen „öffentlicher Ruhestörung“, „Hausierens ohne Genehmigung“ usw. vier Monate im Gefängnis.
Ich wurde in die neunte Klasse der Bibelschule Gilead eingeladen. Doch als ich mich im Februar 1947 hätte einschreiben sollen, war ich immer noch im Gefängnis. Ich war sehr dankbar, als ich gerade noch zur rechten Zeit gegen Kaution entlassen wurde, um den Kurs zu beginnen. Ich konnte ihn aber nicht beenden, da das kanadische Bundesgericht meine Berufung und meine Kaution zurückwies.
Leider mußte ich darauf die wunderbare christliche Gemeinschaft in Gilead verlassen und nach Quebec in das Gefängnis zurückkehren. Der Registrator der Schule sandte mir die Liste der Prüfungsfragen ins Gefängnis, und ich schickte sie nach der Beantwortung zur Bewertung zurück. Auf diese Weise konnte ich den Kurs beenden, aber an der Abschlußfeier konnte ich nicht teilnehmen.
Selbst das Gefängnis hatte seine Vorteile. Ich konnte im Gefängnishof mehrmals einen biblischen Vortrag halten, und oft waren bis zu zwanzig Häftlinge zugegen. Einer wurde später ein Zeuge Jehovas.
EINE NEUE AUFGABE
Im Herbst 1947 erhielt ich eine neue Aufgabe. Ich wurde als reisender Vertreter der Zeugen Jehovas, jetzt Kreisaufseher genannt, eingesetzt. Ich diente in der Provinz Quebec, wo es nur einen Kreis mit etwa einem Dutzend meist sehr kleinen Versammlungen gab.
Häufig wurden Zusammenkünfte mit Missionargruppen und ein oder zwei Interessierten durchgeführt. Ich wurde beauftragt, die Pioniere (wie die Vollzeitverkündiger des Königreiches genannt werden) zu besuchen, um sie zu ermuntern, doch als ich sah, wie standhaft sie allen Anfeindungen entgegentraten, wurde ich selbst ermuntert und gestärkt. Im Jahre 1949 heiratete ich Yvette Ouellette, eine treue Pionierschwester aus Montreal, und sie begleitete mich im Kreisdienst.
Zuerst besuchte ich als Kreisaufseher die Gruppe in Ste. Germaine Station im Hügelland südlich der Stadt Quebec. Sie bestand aus einer einzigen Familie: Aime Boucher, seiner Frau und seinen drei Kindern — arme, bescheidene und liebenswerte Menschen, die ein kleines Anwesen mit steinigem Land bewirtschafteten. Bruder Boucher holte mich mit einem von einem Ochsengespann gezogenen zweirädrigen Karren am Bahnhof ab. Trotz schwieriger Umstände war Aime Boucher ein mutiger und sehr erfolgreicher Zeuge für die Wahrheit.
SIEGE IM RECHTSKAMPF
Im Jahre 1950 gewannen Jehovas Zeugen die ersten fünf Siege vor dem kanadischen Bundesgericht, den ersten im Fall Aime Boucher. Der günstige Entscheid war ein wichtiger Durchbruch durch die in Quebec herrschende tyrannische Verbindung von Kirche und Staat.
Jehova schlug den feindlichen Angriff noch weiter zurück, als einer meiner eigenen Fälle vor das kanadische Bundesgericht kam. Der günstige Entscheid, der im Oktober 1953 in diesem Präzedenzfall gefällt wurde, brachte einen Sieg in 1 100 weiteren Fällen, in denen es im wesentlichen ebenfalls um den Grundsatz der Religionsfreiheit ging. Dadurch begann in Quebec eine neue Ära der Ausbreitung der wahren Anbetung Jehovas.
Obwohl durch die Gerichtsentscheide unsere rechtliche Lage verbessert wurde, mußte noch viel getan werden, um die vorherrschende Furcht und die bestehenden Vorurteile zu überwinden. Einige Besitzer von Sälen fürchteten sich immer noch, ihre Gebäude an Zeugen Jehovas zu vermieten. Ein freundlicher Polizeibeamter gab mir daher eine Bescheinigung mit dem Briefkopf der Polizei, in der es hieß, daß Jehovas Zeugen eine gesetzliche Organisation seien und daß ihnen Säle vermietet werden dürften. Von da an erhielten wir von protestantischen und katholischen Schulbehörden die Genehmigung, Gebäude für unsere Kreiskongresse zu benutzen.
ERFREULICHE REAKTION AUF DIE KÖNIGREICHSVERKÜNDIGUNG
Nach zwölfjähriger Tätigkeit in Quebec wurde ich im Jahre 1957 gebeten, ganz Ostkanada als Bezirksaufseher zu bedienen. Die Aufgabe eines Bezirksaufsehers besteht darin, die Kreise der Zeugen Jehovas zu besuchen und zu bedienen sowie auf ihren Kreiskongressen Ansprachen zu halten. Danach war ich drei Jahre als Bezirksaufseher in Britisch-Kolumbien (Westkanada) tätig.
Meine Liebe zu Quebec ist jedoch nie erloschen. Ja, ich habe so viele Brüder angespornt, nach Quebec zu ziehen, wo noch viele Königreichsprediger gebraucht wurden, daß man mir den Spitznamen „Rattenfänger von Quebec“ gab. Viele, mit denen ich im Westen sprach, sind später nach Quebec gezogen, haben Französisch gelernt und leisten nun dort gute Arbeit, indem sie die Versammlungen des Volkes Jehovas stärken.
Im Jahre 1969 kehrten Yvette und ich nach Quebec zurück, wo ich bis zum Jahre 1972 als Bezirksaufseher tätig war. In jenem Jahr zwangen uns Familienpflichten, uns in Montreal niederzulassen, wo wir nun schon seit vier Jahren als Sonderpioniere dienen. Während dieser Zeit haben sich vierundvierzig Personen, mit denen wir die Bibel studierten, als Zeugen Jehovas taufen lassen.
Im Jahre 1974 erhielt ich das Vorrecht, nach St. Pierre und Miquelon (kleine französische Inseln im Nordatlantik) zu gehen, um dort das Werk der Zeugen Jehovas zu eröffnen. Die Priester erfuhren von meinem Besuch und sprachen darüber im Rundfunk, um ihre Gemeindemitglieder zu warnen. Doch das wirkte wie ein Bumerang. Viele Wohnungsinhaber begrüßten mich herzlich mit den Worten: „Ah! Herr Saumur, wir haben von Ihnen gehört. Bitte kommen Sie herein.“
In wenigen Wochen konnte ich acht Bibelstudien beginnen und legte so den Grund zur weiteren Tätigkeit der Zeugen Jehovas. Nach meiner Abreise wurden zwei Missionare aus Frankreich dorthin gesandt, um die gute Botschaft von Gottes Königreich weiter zu verbreiten.
Ein einzigartiges Erlebnis hatte ich im Jahre 1975. Ich lernte einige einflußreiche Mitglieder einer kleinen französischen Glaubensgemeinschaft kennen, die etwa 1 500 Anhänger hatte und als „La Mission de l’Esprit Saint“ (Die Mission des Heiligen Geistes) bekannt war. Einer dieser Männer fragte mich nachdem ich ein längeres Gespräch mit ihm gehabt hatte, ob er und einige seiner Freunde mich einmal besuchen könnten. „Selbstverständlich“, sagte ich. Einige Tage später kam er mit ihnen und ihren Frauen — insgesamt 40 Personen!
Nach einiger Zeit schlossen sie ihre Kirche und ihre Schule, und ihre „Diener“ legten alle ihr Amt nieder. Sie sagten ihren Mitgliedern, sie sollten von nun an mit Jehovas Zeugen die Bibel studieren. Plötzlich wünschten tausend Personen ein Bibelstudium!
In zwei Monaten gab ich unter ihnen 1 300 bibelerklärende Schriften ab. Viele Studien wurden später wieder eingestellt, aber nahezu hundert Personen, die dieser ehemaligen Glaubensgemeinschaft angehörten, sind heute getaufte Zeugen Jehovas, und vierhundert weitere studieren noch oder besuchen die Zusammenkünfte in den Königreichssälen. Es ist zu erwarten, daß sich bald noch mehr taufen lassen.
Ich muß sagen, in den über dreißig Jahren, in denen ich als Vollzeitprediger tätig war, bin ich reich belohnt worden. Es gab zwar auch Probleme aber Jehova hat uns gestärkt und uns geholfen, jedes Hindernis zu überwinden. Die Bibel sagt über Gottes Diener treffend: „Welche Waffe es auch immer sei, die gegen dich gebildet sein wird, sie wird keinen Erfolg haben“ (Jes. 54:17).
Genauso war es in Quebec! Im Jahre 1945 verkündeten dort 356 Personen Gottes Königreich, und heute sind es über 8 000. Aus den acht Versammlungen, die es 1945 in Quebec gab, sind 149 geworden. Während es 1947 nur e i n e n kleinen Kreis gab, gibt es heute zehn Kreise. Ja, ‘die geistige Wildnis blüht wie der Safran’ (Jes. 35:1). Wenn ich auf diese ereignisreichen Jahre zurückblicke, möchte ich um keinen Preis, daß sie anders gewesen wären. Es war damals und ist auch heute noch ein Vorrecht, für die wahre Anbetung zu kämpfen.
[Fußnote]
a Siehe Erwachet! vom 22. August 1973.
[Bild auf Seite 115]
Der Verfasser und seine Frau heute
[Bild auf Seite 117]
Sie hat vielen Menschen geholfen, die Bibel zu verstehen, obwohl sie früher Analphabetin war.
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Nachrichten und ihre tiefere BedeutungDer Wachtturm 1977 | 15. Februar
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Nachrichten und ihre tiefere Bedeutung
Homosexuelle abgelehnt
● George Sullivan, der Bürgermeister von Anchorage (Alaska), lehnte es ab, die Homosexuellenvereinigung von Alaska in das sogenannte Blaue Buch der Stadt aufzunehmen. Seine Entscheidung wurde von Richter Justin Ripley in höherer Instanz gerichtlich überprüft. Die Homosexuellenvereinigung vertrat den Standpunkt, der Entscheid „verletze das ihren Mitgliedern verfassungsmäßig zustehende Recht der Rede- und Versammlungsfreiheit“, berichtete „The National Observer“. Gemäß diesem Blatt soll Bürgermeister Sullivan gesagt haben: „Meines Wissens verstoßen Homosexualität und Inzucht immer noch gegen die staatlichen Gesetze. Ich hielt es daher nicht für richtig, in einer kommunalen Publikation derartige Eintragungen erscheinen zu lassen.“
Offensichtlich war es in den Augen des Bürgermeisters mit den bestehenden Staatsgesetzen nicht zu vereinbaren, eine Homosexuellengruppe in ein städtisches Adreßbuch von Organisationen des öffentlichen Dienstes aufzunehmen. Doch selbst wenn es heute keine Gesetze gegen Homosexualität und Blutschande gäbe, bliebe doch die Tatsache bestehen daß die höchste Autorität gegen solche Handlungen ist. Unter Gottes Volk in alter Zeit waren derartige Handlungen verboten (3. Mose 18:5-30). Überdies brachte der Apostel Paulus den für Christen geltenden Maßstab Jehovas mit den Worten zum Ausdruck: „Weder Hurer noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Männer, die für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer, die bei Männern liegen, ... werden Gottes Königreich ererben“ (1. Kor. 6:9, 10).
„Die größte Katastrophe“
● Der Nobelpreisträger Linus Pauling war der Hauptredner bei einem Treffen, das Anfang April 1976 in New York anläßlich des 100. Jahrestages der Gründung der American Chemical Society stattfand. Dr. Pauling sagte gemäß den „Chemical & Engineering News“, daß in 25 bis 50 Jahren „die größte Katastrophe in der Weltgeschichte eintreten werde“. In dem Blatt hieß es weiter: „Doch er rechnet damit, daß die Menschheit überlebt, und bis 2076 hat sie vielleicht ihre Probleme gelöst.“
Aus dem einen oder anderen Grund äußern sich gut unterrichtete Männer nicht sehr optimistisch über die Zukunft der Menschheit. Ganz sachlich betrachtet, weiß natürlich niemand von sich selbst, ob er morgen noch am Leben ist. Der Jünger Jakobus schrieb: „[Ihr wißt nicht,] was euer Leben morgen sein wird. Denn ihr seid ein Dunst, der für eine kleine Weile erscheint und dann verschwindet“ (Jak. 4:14).
Anders verhält es sich jedoch mit der Menschheit im allgemeinen. Über ihre Zukunft äußert sich die Bibel recht deutlich. Sie zeigt, daß die Menschheit innerhalb der heutigen Generation Gottes Krieg von Harmagedon erleben wird, in dem die Bösen vernichtet werden (Matth. 24:34; Offb. 16:14-16). Die Erde wird jedoch bestehenbleiben, und gerechtgesinnte Menschen werden überleben. Der Psalmist sagte: „Die Gerechten selbst werden die Erde besitzen, und sie werden immerdar darauf wohnen“ (Ps. 37:29).
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