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Was sind Menschenrechte?Erwachet! 1979 | 8. Dezember
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Was sind Menschenrechte?
„HEUTE beschäftigt man sich in der ganzen Welt, und zwar sowohl in den freien als auch in den totalitären Ländern, mit dem Thema ,Freiheitsrechte‘ bzw. ,Menschenrechte‘.“ Diese Behauptung stellte Patricia Dering auf, Mitarbeiterin des US-Amtes für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten.
Es stimmt, daß heute sehr viel über Menschenrechte gesagt und geschrieben wird. Vor kurzem wurde auf einer Juristenkonferenz, die von 140 Ländern beschickt war, erklärt: „Die Respektierung der Menschenrechte ist eine wichtige Garantie und wesentlich für die Verwirklichung der höchsten Aufgabe des Menschen: die Schaffung einer friedlichen Welt, in der es für alle Gerechtigkeit und Gleichheit gibt.“ Die Juristen forderten deshalb die Politiker auf, „die Würde des Menschen zu respektieren ... und in den Ländern, in denen sie regieren, dafür zu sorgen, daß die fundamentalen Grundrechte nicht verletzt und niemandem vorenthalten werden“.
Aber nicht nur auf solch hoher Ebene wird das Thema „Menschenrechte“ besprochen, sondern auch einzelne sowie Gruppen in den verschiedenen Ländern kämpfen für Rechte, die sie als Menschenrechte ansehen. So erfährt man, daß ältere Personen das „Recht auf Arbeit“ beanspruchen; andere Bürger kämpfen für die „Gleichberechtigung der Frau“, Abtreibungsgegner für das „Recht auf Leben“ des Kindes im Mutterleib; Todkranke fordern das „Recht, in Würde zu sterben“, und Homosexuelle kämpfen um das „Recht“, gleich behandelt zu werden wie Heterosexuelle.
Da so viel über sogenannte Menschenrechte gesagt und geschrieben wird, hat sich der eine oder andere vielleicht schon einmal gefragt: „Was sind eigentlich ,Menschenrechte‘? Warum nennt man sie so? Wer entscheidet, was ein ,Menschenrecht‘ ist? Werden die Menschenrechte je verwirklicht werden?“
Was sind Menschenrechte?
Nach der Brockhaus Enzyklopädie (Band 12) sind Menschenrechte unter anderem „die angeborenen und unveräußerlichen Rechte, die dem einzelnen unabhängig von staatl. Verleihung und von seiner Staatsangehörigkeit kraft seines Mensch-Seins zustehen“. Mit anderen Worten: Weil wir als Menschen geboren wurden, haben wir Anspruch auf die Erfüllung gewisser Mindestanforderungen und auf gewisse Freiheiten.
Über die Frage, warum den Menschen diese Rechte zustehen, ist schon viel diskutiert worden. Manche sagen, sie seien einfach Tradition. Andere stehen auf dem Standpunkt, sie gehörten zur „Natur“ des Menschen, seien ein Bestandteil seines Mensch-Seins. Zumindest ein Philosoph vertrat die Auffassung, daß sich die Menschen- oder Naturrechte aus den Geboten Gottes ergeben. Zum Beispiel gebietet Gott dem Menschen, nicht zu morden. Ein Recht des Menschen besteht somit darin, nicht ermordet zu werden.
Zu den umfassendsten Menschenrechtskatalogen gehört die von den UN im Jahre 1948 verkündete „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Darin wird unter anderem gesagt, daß jeder Mensch das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person hat; daß niemand in Sklaverei gehalten werden darf; daß niemand gefoltert oder erniedrigender Behandlung unterworfen werden darf; daß jeder Mensch überall Anspruch auf Anerkennung als Rechtsperson hat; daß niemand willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben ausgesetzt werden darf; daß jeder Mensch Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit hat; daß jeder Mensch Anspruch auf eine Lebenshaltung hat; die ihm und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden gewährleistet. Das sind nur einige der in diesem Dokument verkündeten Rechte.
Die Menschenrechte und der Staat
Beim Lesen der Liste muß man unwillkürlich an gewisse Probleme denken, die zeigen, daß die Menschenrechte kein einfaches Thema sind. Beispielsweise kämen die meisten Menschen nicht in den Genuß dieser Rechte, wenn sie nicht durch eine Obrigkeit gesichert würden, zum Beispiel durch eine Zentralbehörde, ausgestattet mit ausreichender Gewalt.
In der Vergangenheit sind die Schwachen meist von den Starken bedrückt worden, wenn keine starke Regierung ihre Rechte schützte. Es verhielt sich dann so, wie der niederländische Philosoph Spinoza schrieb: „Jeder hat so viel Recht, wie er Macht hat.“ Eine starke Regierung kann dafür sorgen, daß in einem Land Ruhe herrscht und geordnete Rechtsverhältnisse bestehen, so daß alle Bürger die Möglichkeit haben, in den Genuß einiger der in der Erklärung der Menschenrechte erwähnten Rechte zu kommen.
Gegenwärtig soll es mehr als 70 Länder geben, in denen die Menschenrechte der Bürger in einer Urkunde verankert sind. Bedeutet das, daß praktisch in allen diesen Ländern eine Regierung besteht, die die Menschenrechte schützt? Ein führender Staatsmann bemerkte vor kurzem: „Bills of Rights, Erklärungen der Menschenrechte, Verfassungen und Satzungen sind in den meisten Fällen das angestrebte Ideal, aber sie werden nicht realisiert.“ Mit anderen Worten: Sehr häufig kommt in diesen Urkunden das Wunschbild der Politiker zum Ausdruck, aber die Wirklichkeit sieht in ihrem Land jeweils ganz anders aus.
Menschenrechte und die Gemeinschaft
Ferner gilt es, daran zu denken, daß der Mensch die eigenen Rechte nicht so wichtig nehmen darf, daß er die Rechte anderer übersieht. In der Erklärung der Menschenrechte wird beispielsweise das Recht auf freie Meinungsäußerung verkündet. Aber was geschieht, wenn jemand aufgrund dieses Rechts einen anderen verleumdet? Er greift auf die Rechte seines Nächsten über.
Oder man denke an die in Indien praktizierte religiöse Sitte der Witwenverbrennung. Nach dieser Sitte wurde die Witwe mit dem Leichnam ihres Mannes verbrannt. Da in Indien Kinderehen üblich waren, konnte es sich bei einer solchen Witwe auch um ein zehnjähriges Kind handeln! Diese Sitte wurde dann verboten. Doch dadurch wurde die Religionsfreiheit verletzt. Verheiratete Frauen, die mit einem solchen Tod rechnen mußten, waren aber zweifellos froh, daß diese Sitte abgeschafft wurde. Das zeigt, wie genau alles durchdacht sein will, wenn es darum geht, den verschiedenen Gruppen Rechte zu gewähren. Dazu ist wiederum eine Obrigkeit oder Regierung erforderlich.
Schließlich können Menschenrechte auch durch soziale Verhältnisse beeinflußt werden. Ein philippinischer Politiker namens Jose Leviste sagte: „In der Erklärung der Menschenrechte wird das Recht auf Nahrung genauso betont wie das Recht, daß niemand willkürlichen Eingriffen in seinen Briefwechsel ausgesetzt werden darf. Die meisten Menschen, die Probleme mit dem Briefgeheimnis haben, kennen keine Probleme in Verbindung mit der Ernährung, während die Millionen ..., die jeden Abend hungrig zu Bett gehen, wahrscheinlich keinen Eingriff in ihren Briefwechsel — wenn sie überhaupt einen solchen führen — zu befürchten haben. Das läßt erkennen, daß nicht alle Menschenrechte zu allen Zeiten für alle Menschen die gleiche Bedeutung haben.“
Die Frage der Menschenrechte ist daher recht kompliziert. Die Menschen sind indessen überzeugt davon, daß sie gewisse Rechte besitzen, und in Ländern, in denen der Lebensstandard steigt, werden von der Bevölkerung immer mehr Rechte gefordert. Viele teilen die Meinung von Dr. Keith D. Suter, Vorsitzender einer UN-Menschenrechtskommission in Australien, der sagte: „Die Zeit ist reif für den Gedanken, daß die Menschenrechte unbedingt geschützt werden müssen. Diese Idee ist aus der Vorstellung der heutigen Menschen nicht mehr zu tilgen.“
Ist dem so? Werden die Menschenrechte in dem gegenwärtigen System der Dinge jemals verwirklicht werden? Es wird lehrreich sein, einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der Menschenrechte zu halten.
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Der Kampf des Menschen um seine RechteErwachet! 1979 | 8. Dezember
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Der Kampf des Menschen um seine Rechte
IM Jahre 73 v. u. Z. entfloh aus einer Gladiatorenschule in Capua ein Sklave thrakischer Herkunft namens Spartakus und hielt sich darauf in den Schluchten des Vesuvs verborgen. Viele weitere Sklaven, die ihren Herren entlaufen waren, schlossen sich ihm an, bis schließlich ein ganzes Heer beisammen war. Dieses schlug bei zwei Gelegenheiten die von Rom entsandten Truppen, überrannte Süditalien und erfocht Siege in Norditalien. Inzwischen war das Heer auf etwa 90 000 Mann angewachsen. Spartakus machte seinen Leuten den Vorschlag, Italien den Rücken zu kehren, doch sie wollten nicht, sondern zwangen ihn, südwärts zu ziehen. Schließlich verlor Spartakus in einer Schlacht gegen den neuen Oberbefehlshaber Marcus Licinius Crassus das Leben.
Das ist, kurz zusammengefaßt, die Geschichte eines Mannes, der um ein Recht kämpfte, das heute zu den Menschenrechten zählt: das Recht auf Freisein von Sklaverei. Im Laufe der Geschichte wurden viele solche Kämpfe geführt.
Menschenrechte verwehrt
Der Ausdruck „Menschenrechte“ ist verhältnismäßig neu. Früher hat man diese Rechte „Naturrechte“ genannt. Und stets hat es der Mensch für notwendig erachtet, bestimmte dieser Rechte und Freiheiten, ganz gleich, wie sie genannt wurden, zu schützen. Das Gesetzbuch des babylonischen Königs Hammurabi, die Gesetze des athenischen Staatsmanns Solon und die „unwiderruflichen“ Gesetze der Meder und Perser hatten alle den Zweck, die Rechte der Bevölkerung zu schützen und eine gewisse Sicherheit zu gewähren.
Doch nicht immer konnten solche Gesetze den Zweck, zu dem sie geschaffen worden waren, erfüllen. Manchmal gelangte ein Tyrann an die Macht — wie zum Beispiel Nero —, der die Gesetze mit Füßen trat. Oder zur Zeit Mardochais suchte der niederträchtige Haman die Juden, die im Persischen Reich eine Minderheit darstellten, zu „liquidieren“, und das auf gesetzlichem Wege. Und Personen, die über großen Reichtum und große Macht verfügten, kümmerten sich wenig um die Gesetze.
Außerdem zeigt die Geschichte, daß es sehr viele Gruppen von Menschen gab, die den Schutz der Gesetze nicht genossen. Durch den Aufstand des Spartakus geriet das Elend der Sklaven im Römischen Reich ins Rampenlicht. Viele der Sklaven wurden gezwungen, in Arenen zur Belustigung des Volkes zu töten oder zu sterben; oder sie mußten sich in der Tiefe der Bergwerke oder an den Rudern der Galeeren buchstäblich zu Tode arbeiten. Im alten Athen gab es Zeiten, in denen die Frau eine wenig beneidenswerte Stellung innehatte, denn sie wurde als eine Art Sklavin angesehen, die nur dazu diente, Kinder zu gebären. Ferner wird über sie berichtet: „Sie war auf ihre häusliche Arbeit beschränkt und war ungebildet, sie besaß so gut wie keine Rechte und wurde von ihrem Mann fast wie ein Stück Vieh behandelt.“
Die von den Assyrern verübten Grausamkeiten und die von den Babyloniern durchgeführten Massendeportationen wecken in uns den Gedanken an eine weitere Gruppe von Menschen, um deren Rechte sich kaum jemand kümmerte: die Verlierer in den zahllosen Kriegen der Vergangenheit. Auch die Armen haben immer gelitten; und in neuerer Zeit sind die Rechte der kulturellen, sprachlichen und vor allem der rassischen und religiösen Minderheiten unterdrückt worden.
Selbstsucht und Menschenrechte
Die Rechtsordnungen des Menschen haben in der Vergangenheit nicht vermocht, allen Personen gleiche Rechte zu sichern. Das hat zu Kämpfen, Revolutionen und Aufständen geführt, weil viele für ihre Rechte gekämpft haben.
In all diesen Kämpfen spielte immer wieder eine bestimmte menschliche Eigenschaft eine Rolle: Selbstsucht oder Egozentrik. Diese Einstellung war ein großes Hindernis dafür, daß alle Menschen in den Genuß ihrer Rechte kamen. Daran muß der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel gedacht haben, als er sagte, Freiheit könne es nur in einem Land geben, dessen Bevölkerung nach bestimmten moralischen Normen lebe.
Was sich bei dem englischen Bauernaufstand zutrug, ist ein Beispiel dafür, wohin Egozentrik führen kann. Im Jahre 1381 zogen Scharen von Bauern unter der Führung Wat Tylers nach London, um mit dem König zu sprechen. Die Menschen hatten die schwere Pestzeit erlebt, und jetzt wehrten sie sich gegen die drückenden Abgaben und die Frondienste, die sie ihren Feudalherren, den Baronen, leisten mußten. Die Zahl der Aufständischen wurde auf 100 000 geschätzt. Der König war bereit, mit ihnen zu verhandeln und ihre Forderungen zu erfüllen, aber die Barone wollten nicht auf ihre Rechte verzichten. Wat Tyler wurde getötet, und keine der Forderungen der Bauern wurde erfüllt.
Die egozentrische Einstellung äußerte sich noch auf andere Weise. Häufig kam es vor, daß eine bestimmte Gruppe, wenn sie gewisse Rechte erkämpft hatte, nachher wenig Achtung vor den Rechten anderer bekundete.
Im Jahre 1789 schüttelten die Franzosen die bedrückende Herrschaft der Aristokratie ab und schufen die berühmte „Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers“. Darin wurden die Rechte aufgeführt, die jedem Franzosen zustehen. Zu diesen Rechten zählten vor allem „die Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit, der Widerstand gegen Unterdrückung“. Doch nicht viele Jahre danach führten die Franzosen unter Napoleon Eroberungskriege, die sich höchst nachteilig auf „die Freiheit, das Eigentum“ und „die Sicherheit“ der meisten Völker Europas auswirkten.
Es heißt, das englische Staatsgrundgesetz, die „Bill of Rights von England“, vom Jahre 1689 sei die erste bedeutende Formulierung von Rechten in einem politischen Dokument. Doch später, als England Kolonialmacht wurde, zeigte es wenig Achtung vor den Rechten vieler der von ihm unterworfenen Völker, beispielsweise der Ureinwohner Australiens und Tasmaniens.
Ähnlich verhält es sich mit der „Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten“, in der ganz deutlich zum Ausdruck gebracht wurde, daß jeder Amerikaner das Recht auf „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ besitze. Wie verhielt es sich aber mit dem „Leben“, der „Freiheit“ und dem „Streben nach Glück“ der Millionen Neger, die aus Afrika weggeschleppt und amerikanischen Pflanzern als Sklaven verkauft wurden? Und als die Weißen in Amerika nach Westen vordrangen und mit den verschiedenen Indianerstämmen zusammenstießen, wessen Rechte wurden da häufig mißachtet?
Kirchenführer und Menschenrechte
In der Geschichte der sogenannt christlichen Kirchen sind die Menschenrechte ein dunkles Kapitel. Zwei interessante geschichtliche Begebenheiten zeigen, wie sie zu diesen Rechten eingestellt waren.
Im Jahre 1215 mußte der englische König Johann ohne Land dem sich erhebenden Adel die „Magna Charta Libertatum“ gewähren. Sie gilt als Vorläufer der neuzeitlichen Menschenrechtsdokumente. Die darin verbrieften Freiheiten sind allerdings ziemlich begrenzt, dennoch brachte sie einen Durchbruch, weil in diesem Dokument das Verhalten des Königs seinen Untertanen gegenüber in bindendes Recht gefaßt wurde.
Papst Innozenz III. war über das Dokument entrüstet. Er sagte: „Wir mißbilligen und verdammen diesen Vertrag und gebieten dem König unter Androhung des Banns, ihn nicht einzuhalten, und den Baronen, seine Einhaltung nicht zu fordern. Wir erklären hiermit die Charta für alle Zeiten für null und nichtig.“
Diese verfassungsähnliche Urkunde konnte natürlich nicht einfach beiseite geschoben werden. Sie wurde wiederholt bestätigt, und sogar die katholische Kirche berief sich darauf, wenn sie glaubte, ihre Rechte seien gefährdet; auch spielte sie bei der politischen Entwicklung Englands und Amerikas eine wichtige Rolle.
Im Jahre 1524 brach in Deutschland der „Bauernkrieg“ aus. Auch in Deutschland, ähnlich wie beim Bauernaufstand in England, protestierten die Bauern gegen die immer härter werdenden Steuern und Dienste, die die Fürsten ihnen auferlegten. Martin Luther forderte die Bauern auf, die Waffen niederzulegen. Als sie sich weigerten, riet er den Fürsten: „Man soll sie [die Bauern] würgen und stechen ..., wie man einen tollen Hund totschlagen muß.“ Die Fürsten befolgten seinen Rat.
In der Christenheit wurden immer wieder Rechte, die man heute als „Menschenrechte“ bezeichnet, mit Waffengewalt verletzt. Die Niedermetzelung der irischen Katholiken durch den Puritaner Oliver Cromwell und die der französischen Hugenotten durch die Katholiken jenes Landes sind nur zwei Beispiele dafür, mit welch grausamer Unduldsamkeit man in sogenannt christlichen Ländern gegen die Rechte anderer verstieß. Weitere Beispiele sind die blutigen Kreuzzüge und die Inquisition; zu erwähnen wären noch die spanischen Konquistadoren, die mit dem Segen ihrer Geistlichen in vielen Ländern mordeten und plünderten; außerdem darf man die Frauen nicht vergessen — schätzungsweise 100 000 —, die im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen wegen angeblicher Hexerei verbrannt wurden.
Ja, die Menschenrechte sind in der Geschichte ein dunkles Kapitel. Die Gesetze des Staates oder auch „christliche“ Gesetze, die dem Wohl des Menschen dienen sollten, sind manchmal unzureichend oder für die Menschen direkt nachteilig gewesen. Es hat viele Gruppen gegeben, die rechtlos waren; und die selbstsüchtigen Neigungen der Menschen haben die Bemühungen, den Rechtlosen zu helfen, behindert. Immer wieder hat sich das alte Bibelwort bewahrheitet: „Der Mensch [hat] über den Menschen zu seinem Schaden geherrscht“ (Pred. 8:9).
Was bedeutet das für uns heute? Hat sich die Situation geändert? Besteht heute mehr Aussicht als früher, daß die Menschenrechte verwirklicht werden? Was zeigen die Tatsachen?
[Herausgestellter Text auf Seite 7]
Häufig kam es vor, daß eine bestimmte Gruppe, wenn sie gewisse Rechte erkämpft hatte, nachher wenig Achtung vor den Rechten anderer bekundete.
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Wie steht es mit den Menschenrechten heute?Erwachet! 1979 | 8. Dezember
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Wie steht es mit den Menschenrechten heute?
„In der ganzen Welt werden die Menschenrechte immer häufiger mit Füßen getreten, und die Normen des internationalen Verhaltens werden so oft verletzt, daß man von einer Menschenrechtskrise sprechen kann.“
Diese Worte äußerte der US-Abgeordnete Donald M. Frazer.
Manch einer, der diese Worte liest, mag überrascht sein. Vielleicht hat er bis dahin gedacht, in unserer Zeit sei viel zum Schutz und zur Sicherung der Menschenrechte getan worden. Welche von den beiden Ansichten ist zutreffend?
Fortschritte in unserer Zeit
In unserer Zeit ist auf internationaler Ebene viel im Interesse verschiedener Gruppen getan worden — sicherlich mehr als zu irgendeiner früheren Zeit. Die Vereinten Nationen sind bemüht gewesen, eine internationale Norm aufzustellen, indem sie im Jahre 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ formuliert haben. Später folgten zwei weitere Pakte: der „Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“ und der „Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte“.
Die Erklärung der Menschenrechte stellte lediglich ein Bekenntnis zu diesen Rechten dar und wurde deshalb von fast allen Mitgliedern der UN unterzeichnet. Die beiden Pakte dagegen zielten darauf ab, die in der Erklärung dargelegten Rechte zu einem Bestandteil des Völkerrechts zu machen, das dann für die Unterzeichner bindend wäre. Die Staaten waren deshalb nicht ohne weiteres bereit, sie zu unterzeichnen.
Ferner haben die Vereinten Nationen Fragen behandelt wie Genozid (Mord an nationalen, rassischen oder religiösen Gruppen), Flüchtlinge, politische Rechte der Frau, die Rechte der Kinder und Weltgesundheit.
Außer den Vereinten Nationen sind noch andere internationale Organisationen — zum Beispiel Amnesty International — bemüht, überall in der Welt die Achtung vor den Menschenrechten zu fördern. Die „Europäische Kommission für Menschenrechte“ wurde gegründet, um als erste Instanz bei Verletzungen der „Europäischen Konvention der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ zu dienen. Eine Sonderorganisation der UN, die „Internationale Arbeitsorganisation“, sucht die Abschaffung der Zwangsarbeit zu erreichen und die Arbeitslosigkeit zu verhindern.
Viele Regierungen haben Gesetze zum Schutz der Rechte und des Lebensstandards der arbeitenden Bevölkerung erlassen. Sogar führende Geistliche der Christenheit treten für die Menschenrechte ein. Und in jüngster Zeit haben die Vereinigten Staaten die Menschenrechte zu einem wichtigen Teil ihrer Außenpolitik gemacht, in der Hoffnung, durch ihre wirtschaftliche und politische Macht andere Länder dazu zu bringen, die Rechte ihrer Bürger zu respektieren.
Ungelöste Probleme
Bedeuten diese Bemühungen, daß die Menschenrechte in unserer Zeit, während die gegenwärtige Weltordnung noch besteht, verwirklicht werden? Leider hört man immer wieder — wie der US-Abgeordnete Frazer durchblicken ließ —, daß die Menschenrechte in vielen Ländern verletzt werden. Im Jahre 1976 sagte der damalige amerikanische Außenminister: „Kein Land, kein Volk, ja auch kein politisches System hat auf dem Gebiet der Menschenrechte eine weiße Weste.“
Aus Anlaß des 30. Jahrestages der Bekanntgabe der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ sagte Papst Johannes Paul II.: „In der Welt, in der wir heute leben, gibt es zahllose Beispiele für Ungerechtigkeit und Bedrückung.“ Die Canberra Times zitierte folgende Worte von Amnesty International: „In den meisten Ländern, ganz gleich, wie sie regiert werden und nach welcher Ideologie sie ausgerichtet sind, werden die Menschenrechte verletzt.“ Warum?
Eine Schwierigkeit liegt darin, daß es Verletzungen von Menschenrechten gibt, über die die Staatsregierungen keine Kontrolle haben. Keine Regierung möchte, daß die Rechte ihrer Bürger durch Verbrecher verletzt werden, doch heute wird in den meisten Ländern zufolge des Überhandnehmens des Verbrechens das Recht der Bürger auf „Sicherheit der Person“ verletzt.
Ein weiteres sehr schwer zu lösendes Problem ist der Welthunger. Millionen Menschen hungern und kommen deshalb in den Genuß ganz weniger Rechte. Jemand formulierte das wie folgt: „Was haben Menschen, die arm sind und hungern, von ihrem Recht auf gute Lebensbedingungen und einen angemessenen Lebensstandard?“
In den Nachrichten hörte man in den vergangenen Monaten immer wieder von den „Bootsleuten“, den Vietnamflüchtlingen. Sozusagen jedermann wird die Auffassung teilen, daß sie nach Artikel 14 der Erklärung der Menschenrechte das Recht haben, „in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen und zu genießen“. Ihr Auftauchen an der Küste bestimmter Länder hat indessen große Bestürzung ausgelöst. Man behauptet, die Flüchtlinge seien eine Gefahr für die Wirtschaft dieser Länder. Es gingen Meldungen durch die Presse, nach denen die Flüchtlinge wieder zurück aufs Meer geschickt wurden, was in einigen Fällen tragische Folgen hatte.
Ein weiteres Problem sind widersprüchliche Interessen oder Rechte. Ruben Santos Cuyugen, ein philippinischer Pädagoge, erklärte das wie folgt: „Der Schutz kultureller Rechte einer Minderheit mag im Widerspruch zu dem stehen, was die größere Gemeinschaft oder die Region zu ihrer Entwicklung benötigt. Ähnlich ist es mit den Eigentumsrechten einer privilegierten Gruppe; würde man sie schützen, könnte das eine Unterdrückung der Rechte der benachteiligten Gruppen zur Folge haben.“
Was bedeutet das? Man denke an ein Land, dessen Reichtum zum größten Teil in den Händen einiger weniger privilegierter Personen ist, während die große Masse des Volkes in Armut lebt. Die Regierung ist nun bemüht, den Reichtum des Landes neu zu verteilen, um den Lebensstandard der Mehrheit anzuheben und ihre Rechte zu schützen. Doch dabei verletzt sie die bestehenden Rechte der reichen Minderheit.
Und schließlich geht es noch um die Frage der Interpretation. Manche westliche Länder weisen oft auf die Rechte hin, die ihre Bürger besitzen; einige sozialistische Länder dagegen werfen ihnen Menschenrechtsverletzungen vor. Wie die New York Times berichtete, äußerte Fidel Castro beispielsweise die Meinung, die sogenannte Freiheit der westlichen Länder sei nichts anderes als das bürgerliche Recht auf Ausbeutung des Menschen und die Erhaltung des Klassensystems.
Nichtkommunistische Länder werfen den kommunistischen Ländern viele Verletzungen der Menschenrechte vor, zum Beispiel wird auf die Zwangsarbeitslager hingewiesen und auf die Not der Dissidenten, über die die Presse soviel berichtet hat. Wie die französische Zeitung La Croix indessen meldet, hat „die Sowjetunion ... den Jahrestag der Verkündung der ,Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte‘ groß gefeiert und dabei ... die außergewöhnlichen Rechte ihrer Bürger gerühmt“.
Man hat den Eindruck, sie würden von Verschiedenem sprechen, und vielleicht tun sie es auch. Dr. Edward Norman, Dekan von Peterhouse, einem der Colleges der Universität Cambridge, sagte: „Solche Vorwürfe [wegen der Menschenrechte] erheben die westlichen Demokratien, wenn sie die autoritären Regime kritisieren ... Die sozialistischen Staaten erwidern bei ihrer Ablehnung des westlichen Liberalismus ebenfalls mit der Sprache der Menschenrechte. Beide reden also von Menschenrechten, aber die Bedeutung des Vokabulars ist je nach Ideologie oder Klasse verschieden.“
Folter und Genozid
Vielleicht schlimmer als die erwähnten sozialen Probleme und ideologischen Unterschiede sind die vielen Fälle, in denen die Regierungen ihre eigenen Bürger bedrücken. Die Zeitschrift Time veröffentlichte vor zwei Jahren einen Bericht von Amnesty International, in dem es hieß, daß in den vergangenen zehn Jahren die Regierungen von 60 Ländern die Folter angewandt hätten. Allein im Jahre 1975 sollen in 40 Ländern Bürger gefoltert worden sein. Außerdem wird mehreren Ländern vorgeworfen, Personen aus politischen Gründen gefangenzuhalten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Welt entsetzt, als sie erfuhr, daß in Europa sechs Millionen Juden und Millionen weiterer Menschen ermordet worden waren. Viele sagten: „Das darf sich nicht wiederholen!“ Doch immer wieder erfahren wir, daß in verschiedenen Teilen der Welt Menschen zu Tausenden, ja zu Millionen hingeschlachtet werden. Der Regierung eines kleinen afrikanischen Landes wird vorgeworfen, jeden sechsten Bürger ihres Landes umgebracht zu haben. Auf einer tropischen Insel sollen bei einer Invasion 100 000 Menschen ums Leben gekommen sein. In einem asiatischen Land sind Berichten gemäß aus politischen Gründen mehr als eine Million Menschen ermordet worden.
Wenn man solche Berichte liest, mag man sich fragen: Warum unternimmt man nichts dagegen? Warum wird niemand in diese Länder geschickt, um zu überprüfen, ob diese Berichte stimmen, und um dem Morden ein Ende zu machen? Die Antwort ist in den Worten des englischen Juristen Lord Wilberforce zu finden, der von dem „unlösbaren Dilemma in Verbindung mit den Menschenrechten“ sprach — nämlich, daß einerseits die Menschenrechte seit der Verkündung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ zu den internationalen Angelegenheiten zählen, daß aber andererseits die Art und Weise, wie ein Staat seine Bürger behandelt, eine ausschließlich innerpolitische Sache ist.
Professor W. J. Stankiewics (University of British Columbia) erklärte die Sache noch ausführlicher: „Selbst wenn man in einem Land der Überzeugung ist, daß in einem anderen Land die Menschenrechte verletzt werden, so verbietet doch das Völkerrecht ein Eingreifen, auch das Eingreifen im Verein mit anderen Staaten. Nach dem Völkerrecht wäre ein Eingreifen, um zu verhindern, daß die Menschenrechte weiterhin verletzt werden, ein Angriff auf dieses Land. Menschenrechte gibt es, und sie werden auch anerkannt, aber es ist kaum möglich, sie zu schützen.“
Wie können die Menschenrechte verwirklicht werden?
Das alles zeigt, wie schwierig die Verwirklichung der Menschenrechte im gegenwärtigen System der Dinge ist. Gibt es eine Möglichkeit, diese Rechte zu verwirklichen? Wenn man den Kampf, den der Mensch bisher um seine Rechte geführt hat, untersucht, zeigt es sich, daß mindestens zweierlei erforderlich wäre:
Erstens müßten die Menschen ein hohes sittliches Niveau haben: Sie dürften nicht nur Wert darauf legen, daß ihre eigenen Rechte gewahrt werden, sondern müßten auch selbstlos die Rechte der anderen achten. Zweitens wäre eine Regierung erforderlich, die über so viel Weisheit verfügte, daß sie die Rechte der verschiedenen Gruppen sorgsam aufeinander abstimmen würde und die Widersprüche zwischen verschiedenen Ideologien in Verbindung mit den Menschenrechten lösen könnte. Die Regierung müßte zudem über so viel Macht verfügen, daß sie soziale Probleme wie Verbrechen und Armut, durch die die Menschen daran gehindert werden, in den Genuß ihrer Rechte zu kommen, lösen könnte. Sie müßte außerdem supranational sein, das heißt Gewalt über die Völker haben, so daß keine irdische Macht die Möglichkeit hätte, Bürger zu ermorden, zu foltern, ungerechterweise einzusperren oder in anderer Weise zu bedrücken.
Im gegenwärtigen System der Dinge gibt es natürlich kein Volk, das so ist, und keine Regierung, die über solche Macht verfügt. Bedeutet das, daß jeder, der die Verwirklichung der Menschenrechte erhofft, unrealistisch ist? Nein; wir können überzeugt sein, daß die Menschenrechte in der ganzen Welt verwirklicht werden — und zwar bald. Es lohnt sich, die im folgenden Artikel unterbreiteten Tatsachen zu prüfen.
[Herausgestellter Text auf Seite 9]
„Kein Land, kein Volk, ja auch kein politisches System hat auf dem Gebiet der Menschenrechte eine weiße Weste.“
[Herausgestellter Text auf Seite 10]
„Was haben Menschen, die arm sind und hungern, von ihrem Recht auf gute Lebensbedingungen und einen angemessenen Lebensstandard?“
[Herausgestellter Text auf Seite 11]
Erstens müßten die Menschen ein hohes sittliches Niveau haben ...
[Herausgestellter Text auf Seite 11]
Zweitens wäre eine Regierung erforderlich, die über so viel Weisheit verfügte, daß sie die Rechte der verschiedenen Gruppen sorgsam aufeinander abstimmen würde.
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Menschenrechte — Werden sie je verwirklicht werden?Erwachet! 1979 | 8. Dezember
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Menschenrechte — Werden sie je verwirklicht werden?
MAN denke einmal kurz über folgende Gebote nach:
„Du sollst nicht morden.“
„Du sollst nicht stehlen.“
„Du sollst nicht falsch zeugen als Zeuge gegen deinen Mitmenschen.“
„Einerlei richterliche Entscheidung sollte für euch gelten. Der als Fremdling Ansässige sollte wirklich so sein wie der Einheimische.“
Diese Gesetze gehören zu einem Recht, das vor rund 3 500 Jahren geschaffen wurde und 1 500 Jahre lang das Leben eines Volkes regelte. Gewiß kannte sich der Schöpfer dieses Rechts auf dem Gebiet der Menschenrechte gut aus. Diese Gebote erinnern uns an einige der in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verkündeten Grundsätze, zum Beispiel an Artikel 3, in dem es heißt, daß jeder Mensch das Recht „auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ hat, oder an Artikel 7, wo wir lesen: „Alle Menschen sind vor dem Gesetze gleich.“ Hielt man sich damals an dieses Recht, so waren „Leben, Freiheit und Sicherheit“ des Volkes so ziemlich gewährleistet (2. Mose 20:13, 15, 16; 3. Mose 24:22).
Die erwähnten Gesetze gehören zu dem Recht, das das Volk Israel zur Zeit Mose erhielt. Natürlich besaßen auch andere Völker ein Recht. Aber das Gesetz Mose unterschied sich außer in seinen moralischen Forderungen und Bestimmungen noch in einer anderen Hinsicht ganz gewaltig von all den übrigen Gesetzbüchern: Es war nicht das Werk eines Menschen. Moses zeigte, daß es aus einer übermenschlichen Quelle stammte, als er zu den Israeliten sagte: „Du wirst auf die Stimme Jehovas, deines Gottes, hören, um seine Gebote und seine Satzungen zu halten, die in diesem Buche des Gesetzes geschrieben sind“ (5. Mose 30:10).
Das zeigt, daß es eine höhere Macht gibt, der die Rechte, die heute als „Menschenrechte“ bezeichnet werden, am Herzen liegen. Diese höhere Macht ist niemand anders als der Schöpfer des Menschen, Jehova Gott. Er hat verheißen, daß die Zeit kommen wird, in der alle Rechte des Menschen zum Wohle jedes einzelnen verwirklicht werden. Diese Zeit ist nicht mehr fern.
Der Schöpfer und die Menschenrechte
In der Bibel wird berichtet, wie Gott mit den Menschen gehandelt hat. Allerdings ist der Ausdruck „Menschenrechte“ darin nicht zu finden. Doch die Rechte, die man heute als „Menschenrechte“ bezeichnet, werden in der Heiligen Schrift vielfach erwähnt.
Nach der Erschaffung des ersten Menschenpaares segnete Jehova Gott den Menschen mit „Leben, Freiheit und Sicherheit“. Er erschuf das erste Menschenpaar, Adam und Eva, vollkommen. Das bedeutete, daß sie überhaupt nicht hätten sterben müssen — ein solches Leben kann heute kein Staat seinen Bürgern in Aussicht stellen.
Sie waren auch frei, denn sie besaßen einen freien Willen, und außerdem stand ihnen die ganze Erde als Wohnraum zur Verfügung. Gott gewährte ihnen unter anderem das Recht, ‘fruchtbar zu sein, viele zu werden und die Erde zu füllen und sie sich zu unterwerfen’.
Außerdem genossen sie nicht nur Sicherheit der Person, sondern auch wirtschaftliche Sicherheit. Ihr Wohl war in keiner Weise gefährdet. Da den ersten Menschen die Herrschaft über „die Fische des Meeres und die fliegenden Geschöpfe der Himmel ... und jedes lebende Geschöpf, das sich auf der Erde regt“, übertragen wurde, war auch die Tierwelt für sie keine Bedrohung (1. Mose 1:28).
Gott selbst bürgte mit seiner Macht für diese Segnungen. Aber Adam und Eva mußten ihn als ihre Obrigkeit anerkennen. Unterstellten sie sich einer anderen Obrigkeit, so waren diese Segnungen nicht mehr gewährleistet. Jehova erlegte dem ersten Menschenpaar nur eine einzige Freiheitsbeschränkung auf: „Von jedem Baum des Gartens darfst du bis zur Sättigung essen. Was aber den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse betrifft, davon sollst du nicht essen, denn an dem Tage, da du davon ißt, wirst du bestimmt sterben“ (1. Mose 2:16, 17).
Der eine oder andere mag nun einwenden, daß Gott Adams Freiheit eingeschränkt habe. Aber menschliche Rechte oder Freiheiten können nie uneingeschränkt sein. So, wie Adams Leben davon abhing, daß er aß, trank und schlief, so hing es auch davon ab, daß er der Obrigkeit gehorchte, die sein Glück gewährleisten konnte.
Die Menschheit des Segens Gottes beraubt
Doch diese glückliche Zeit endete für Adam und Eva abrupt, als ein unsichtbares Geistgeschöpf, das als Satan bekannt wurde, an Eva herantrat und sie versuchte. Zum erstenmal zeigte sich jenes selbstsüchtige Denken, das eine so große Rolle in der Geschichte der Menschheit spielen sollte.
Eva hörte auf die irreführenden Worte Satans und „sah“ dann, „daß der Baum [der Erkenntnis von Gut und Böse] gut war zur Speise und daß er etwas war, wonach die Augen Verlangen hatten, ja der Baum war begehrenswert zum Anschauen. So begann sie von seiner Frucht zu nehmen und zu essen“ (1. Mose 3:6). Eva und später auch Adam wandten sich von der Obrigkeit, die ihnen ihr Glück gewährleisten konnte, ab. Sie folgten den verlockenden Einflüsterungen desjenigen, dem ihr Wohl nicht am Herzen lag.
Das Ergebnis war, wie Jesus Christus später sagte, katastrophal. Von Satan erklärte er: „Jener war ein Totschläger, als er begann“ (Joh. 8:44). Adam und Eva starben zwar zufolge ihrer Sünde, aber Satan war genauso schuld an ihrem Tod, als ob er sie selbst ermordet hätte. Er war schuld daran, daß sie das Leben, mit dem sie gesegnet worden waren, verloren. Jesus sagte: „Jeder, der die Sünde tut, ist ein Sklave der Sünde“ (Joh. 8:34). Somit verloren sie auch ihre Freiheit. Nun waren sie Sklaven der Sünde und unterstanden Satan, der sie bedrücken würde. Schließlich büßten sie auch die Sicherheit der Person ein. Kain, ihr ältester Sohn, tötete Abel, seinen Bruder; und die Geschichte ihrer Nachkommen zeigt, daß es schließlich immer schlechter um die Sicherheit bestellt war.
Was heute geschieht, ist eigentlich nur die Folge der Handlungsweise Adams und Evas. Der Mensch hat sich bisher immer noch nicht der Herrschaft desjenigen untergeordnet, der sein Glück gewährleisten und ihn mit Rechten segnen kann, die heute als „Menschenrechte“ bezeichnet werden. Solange sich der Mensch ihm nicht unterordnet, wird er nicht in den Genuß dieser Rechte kommen.
Die Menschenrechte werden verwirklicht werden
Besteht Aussicht auf eine bessere Zukunft? Ja, weil der Schöpfer immer noch am Wohl des Menschengeschlechts interessiert ist. Jehova Gott läßt nicht zu, daß der Mensch für immer die Erde regiert. Er hat einen König eingesetzt, der die Menschen regieren soll. Dieser König wird dafür sorgen, daß die Menschen wieder in den Genuß all der Rechte oder der Segnungen kommen, die sie einst empfingen.
Auf diesen Regierungswechsel wird in Jesaja 32:1 wie folgt hingewiesen: „Siehe! Für Gerechtigkeit wird ein König regieren; und was Fürsten betrifft, sie werden für das Recht selbst als Fürsten amten.“ Bei dem König handelt es sich um Jesus Christus, und die Fürsten, die er einsetzen wird, werden zu Gottes bestimmter Zeit dafür sorgen, daß auf der ganzen Erde Recht und Gerechtigkeit herrschen wird.
Diese Regierung wird, wie die Bibel zeigt, binnen kurzem die vielen verschiedenen Regierungsformen, die es heute gibt, ersetzen, und damit wird eine neue Epoche anbrechen, in der alles nach göttlicher Weise getan werden wird. Jahrhundertelang haben Christen gebetet: „Unser Vater in den Himmeln, dein Name werde geheiligt. Dein Königreich komme. Dein Wille geschehe.“ Wenn dieses Gebet Erhörung gefunden haben wird, werden die Menschenrechte auf der Erde gewahrt werden wie nie zuvor (Matth. 6:9, 10).
Das „Recht auf Leben“ wird in einer Weise realisiert werden, wie man es sich jetzt kaum vorzustellen vermag. Jesus sagte: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einziggezeugten Sohn gab, damit jeder, der Glauben an ihn ausübt, nicht vernichtet werde, sondern ewiges Leben habe“ (Joh. 3:16). Auch der eifrigste Kämpfer für die Menschenrechte könnte niemals ewiges Leben gewährleisten. Gott jedoch wird das tun; und in Offenbarung 21:4 lesen wir über die Qualität dieses Lebens folgendes: „Er [Gott] wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen.“
Dann wird es keine Staaten mehr geben, die ihre Bürger foltern, massakrieren oder bedrücken. Die göttliche Regierung verfügt über so große Macht, daß sie solche Dinge verhindern und die Menschen mit Ruhe und Frieden beglücken kann. „Er wird gewißlich Recht sprechen unter vielen Völkern und die Dinge richtigstellen hinsichtlich mächtiger Nationen in der Ferne. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden müssen und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht werden sie das Schwert erheben, Nation gegen Nation, auch werden sie den Krieg nicht mehr lernen. Und sie werden tatsächlich sitzen, ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und da wird keiner sein, der sie aufschreckt; denn der Mund Jehovas der Heerscharen selbst hat es geredet“ (Micha 4:3, 4).
Die Frage der Religion
Nun mag sich die Frage erheben: Doch wie wird es sich mit der Religionsfreiheit verhalten? Und wie wird erreicht werden, daß die Menschen ein so hohes sittliches Niveau haben werden, daß jeder die Rechte seines Nächsten respektiert? Diese beiden Fragen stehen in enger Beziehung zueinander.
Dann wird Religionsfreiheit in dem Sinne bestehen, daß jeder einzelne die Freiheit besitzt, ungehindert den wahren Gott anzubeten. Aber Christus Jesus wird nicht jede Art von Religion zulassen. Als Beispiel diene folgendes: Früher gab es in Indien die Thags; sie gehörten einer religiösen Bruderschaft an und opferten der Göttin Kali Menschen, die sie vorher erdrosselt hatten. Sie waren aufrichtig überzeugt davon, daß diese Göttin solche Opfer forderte. War es falsch, die Religionsfreiheit dieser Menschen zu beschneiden und diesen Kult zu verbieten? Natürlich nicht.
Aber das war nicht die einzige anstößige religiöse Praktik in der Geschichte. Sollten religiösen Eiferern Übergriffe auf die Rechte anderer erlaubt werden? Sollte man zulassen, daß sie Andersdenkende bei Inquisitionsprozessen foltern oder sie in einem Krieg oder auf Kreuzzügen umbringen oder die Menschen Dinge lehren, die nicht wahr sind? Nein. Die wahre Religion ist für den Menschen ein Bedürfnis wie Essen und Atmen; aber die falsche Religion schadet dem Menschen ebenso, wie wenn er Gift essen und Giftgase einatmen würde. Der Mensch muß daher wissen, welche Religion vom Standpunkt Gottes aus die wahre ist, und er muß die Freiheit besitzen, sie zu praktizieren.
Genauso wird es vor sich gehen. Jesus Christus, der Sohn Gottes, wird dafür sorgen, daß allen geholfen werden wird, die wahre Anbetung kennenzulernen und zu praktizieren. Das wird zur Folge haben, daß die Menschen ein hohes sittliches Niveau und demzufolge Achtung vor den Menschenrechten haben werden. Die Bibel verheißt: „Sie werden keinen Schaden stiften noch irgendwie Verderben anrichten auf meinem ganzen heiligen Berge; denn die Erde wird gewißlich erfüllt sein mit der Erkenntnis Jehovas, wie die Wasser das ganze Meer bedecken“ (Jes. 11:9).
Erscheint dir diese Aussicht realistisch? Oder meinst du, es sei realistischer, von den Regierungen dieses Systems der Dinge die Verwirklichung der „Menschenrechte“ zu erwarten? Warum nicht an die Herausgeber dieser Zeitschrift schreiben, um mehr über die Art und Weise zu erfahren, wie Christus Jesus schließlich für die Verwirklichung der „Menschenrechte“ sorgen wird, und um zu erfahren, wie auch du schon jetzt zeigen kannst, daß du zu den Menschen gehören möchtest, die das erleben werden?
[Herausgestellter Text auf Seite 14]
Jehova Gott läßt nicht zu, daß der Mensch für immer die Erde regiert.
[Bild auf Seite 13]
Die ersten Menschen genossen völlige Sicherheit der Person. Auch die Tierwelt war für sie keine Bedrohung.
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Der rechte Weg zum Leben unter einer guten RegierungErwachet! 1979 | 8. Dezember
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Der rechte Weg zum Leben unter einer guten Regierung
„WIR waren ausgerüstet mit Gummiknüppeln, mit bleiummantelten Schlagstöcken, mit denen wir Autos demolierten, mit Ketten und sogar mit Schußwaffen“, erzählte ein ehemaliger Parteimann aus Italien. Dieser junge Italiener setzte sich Ende der 1960er Jahre durch Anwendung von Gewalt und Teilnahme am „Stadtkrieg“ für seine politischen Ideale ein. Wie er berichtete, lag „eines der Hauptziele des Stadtkrieges darin, Schaden anzurichten, um es später dann so hinzustellen, als sei die Gegenpartei dafür verantwortlich“.
Aber dann geschah etwas, was den Italiener veranlaßte, anders über Politik zu denken. Ein junger Mann besuchte ihn in seiner Wohnung und fing an, mit ihm die Bibel zu studieren. Der ehemalige Parteimann berichtete, durch dieses Studium habe er vor allem gelernt, daß Gott „aus e i n e m Menschen jede Nation der Menschen gemacht“ habe (Apg. 17:26). Der junge Italiener, der so gewalttätig gewesen war, sagte auch daß solche biblischen Grundsätze ihm halfen, den Haß abzubauen, den er gegen Leute mit einer anderen politischen Gesinnung hatte. Er fuhr fort:
„Nun fragte ich mich: Wie soll es dem Menschen gelingen, seine Probleme mit Hilfe der Politik zu lösen, da die Politik das größte Problem doch selbst geschaffen hat: die Entzweiung der Menschheit? Damit die Menschheit e i n e Familie werden kann, müssen die Ursachen der Entzweiung beseitigt werden. Bei Jehovas Zeugen habe ich gesehen, daß das möglich ist: Schwarze und Weiße wurden im gleichen Wasser getauft; in Irland haben Protestanten und Katholiken, die Zeugen Jehovas wurden, aufgehört, einander zu hassen; während des Sechstagekrieges haben Araber und Juden in den Zusammenkünften der Zeugen nebeneinandergesessen. Und ich habe gelernt, Menschen zu lieben, die zu hassen ich gelehrt worden war. Niemand kann mit Recht sagen, daß Gottes Königreich, das Jehovas Zeugen erwarten, eine Utopie sei, denn schon jetzt sind Menschen, die in allen Ländern verstreut leben, unter diesem Königreich vereint.“
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