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  • Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich 1953
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Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich 1953
w53 15. 2. S. 116-121

Berichte aus dem Jahrbuch 1953 der Zeugen Jehovas

DEUTSCHLAND

Jehovas treue Diener in Deutschland stehen fest und freuen sich über ihre Dienstvorrechte. Wenn wir von Deutschland sprechen, meinen wir sowohl Ost- wie Westdeutschland; doch handelt der erste Teil dieses Berichts nur von Westdeutschland. Hier besteht Redefreiheit, und die Brüder können sich ohne Störung frei bewegen und von Haus zu Haus gehen. Hier haben die Brüder nicht Angst, von der Geheimpolizei verfolgt und gefangengenommen zu werden. Westdeutschland ist ein Teil des demokratischen Systems, wo den Menschen noch gestattet ist, frei zu leben und sich zu äußern und sich eine gewisse Individualität zu bewahren, während der Mensch in Ostdeutschland zu einer vom Staate getriebenen Maschine geworden ist. In Westdeutschland sind ausgezeichnete Fortschritte erzielt worden. Die Zeugen haben während des Jahres die ganz gute Zunahme von 11 Prozent erzielt, und 37 753 Verkündiger beteiligen sich nun jeden Monat regelmäßig am Felddienste. Ein Teil der Stadt Berlin gehört zu Westdeutschland, und eine Anzahl sehr schöne Versammlungen wurden dort während des Jahres abgehalten. Manche unserer Brüder von Ostdeutschland können nach Berlin kommen, weil dies ein kleines Stück Westdeutschland hinter dem Eisernen Vorhang ist. Wir sind dankbar, daß wir unseren Brüdern in Ostdeutschland von Berlin aus viel Hilfe und Trost zukommen lassen können. Die Berichte vom Zweigdiener sind sehr interessant, und etwas daraus wird hier veröffentlicht.

Das vergangene Jahr hat uns in diesem Lande viel Arbeit und viel Freude gebracht. Der Anbau unserer Druckerei ist beinahe vollendet. Viel schwere Arbeit bei Tag und zum Teil auch bei Nacht, im Schnee, Regen und Wind, wurde von den Brüdern geleistet. Bis 1. September konnten wir weit über 29 000 Stunden zählen, die nur zum Errichten des neuen Druckerei-Gebäudes gebraucht wurden. Die Rotationspresse, die aus der Schweiz hierher gesandt worden ist, steht nun startbereit. So werden wir binnen kurzem für größere Aufgaben gerüstet sein. Das neue Liederbuch wurde in unserer eigenen Druckerei hergestellt, und bald kann die Herausgabe der Zeitschrift Erwachet! bei uns beginnen. Diese wunderbare Ausrüstung wird uns ohne Zweifel instand setzen, den großen Bedarf an Königreichsliteratur in unserem Lande vom Zweigbüro aus zu decken. Wir sind Jehova und auch Dir, Bruder Knorr, für diese Ausdehnung dankbar, deren Ausmaß wir uns noch vor wenigen Jahren nicht vorzustellen gewagt hätten.

Die Arbeit, in den nichtzugewiesenen Gebieten erwies sich als ein großer Segen. Zahlreiche Briefe mit wunderbaren, ermutigenden Erfahrungen trafen in unserem Büro ein. Aus ihnen geht hervor, wie dringend und zeitgemäß es war, in diese brachliegenden Gebiete auszuziehen, und mit welcher Freude die Verkündiger die Möglichkeit begrüßten, in ein neues Gebiet zu gehen und Menschen zu treffen, die noch gar nicht oder nur sehr selten mit der Wahrheit Fühlung gehabt hatten. In einem Briefe heißt es: „Wir kommen in ein Haus, geben ein Zeugnis und dürfen bei einer Krankenschwester sofort ein Wachtturm-Studium beginnen. Nach einer Stunde … bat die Krankenschwester, mit uns im übrigen Teil des Dorfes arbeiten zu dürfen, da sie dort gut bekannt sei. Bei der darauffolgenden Kreisversammlung war sie zugegen.“

In einem anderen Briefe lesen wir: „Wir hatten ein Zeugnis gegeben und fanden hörende Ohren. Dann wurde uns gesagt, wir kämen nun zu einigen Notstandshäusern. Es wäre niemandem von uns eingefallen, jenen Weg zu gehen. Wir setzten in einem Hause drei Bücher ab; doch weit wichtiger war der Kontakt, den wir dabei mit einem gewissen jungen Mann erhielten. Ich begann ihm Zeugnis zu geben. Einige Minuten später lagen die Bibeln offen vor uns, und ein lebhaftes Gespräch über das Königreich war im Gange. Wir vereinbarten für jenen Abend ein Bibelstudium Bis dahin hatte der Jüngling bereits das Kapitel „Wer sind Jehovas Zeugen?“ gelesen. Die Erklärung: „Jehovas Zeugen bilden eine Körperschaft oder eine Gruppe von Menschen, die sich hingegeben haben, den Willen Gottes des Allmächtigen zu tun“, hatte ihm besonderen Eindruck gemacht. Am folgenden Sonntag erschien er zum öffentlichen Vortrag und zum Wachtturm-Studium. Beim Singen unserer Königreichslieder sang er laut mit und bemerkte darauf, er habe nie etwas Derartiges erlebt. Wiederholt gab er seiner Dankbarkeit Ausdruck und sagte, er erkenne in dem Umstand, daß wir ihn gefunden hätten, eine Antwort auf seine Gebete zu Gott. Wenn es Jehovas Wille ist, werde ich dort ein Heimbibelstudium durchführen.“

Ein Pionierbruder arbeitete auf einer Insel und konnte in sieben Tagen 23 Bücher, 34 Broschüren, 52 Nummern des Wachtturms abgeben und dazu ein Wachtturm-Abonnement aufnehmen. Er schreibt: „Ich konnte in jedem Hause etwas zurücklassen, und oft wurde der Wunsch nach einer Versammlung ausgedrückt, wo man gegenseitige Auferbauung im Glauben und Studium finden und lernen könnte, den Namen Jehovas zu lobpreisen“

OSTDEUTSCHLAND

In Ostdeutschland ist der Eiserne Vorhang der Unfreiheit tief heruntergelassen. Die Überwachung durch den Staat erfaßt alle öffentlichen Einrichtungen, Fabriken, Geschäftsfirmen und Verkehrsmittel. Der Staat dringt direkt in den engeren Familienkreis ein, und bestimmt erfüllen sich heute in diesem Lande und in vielen anderen die Worte von Matthäus 10:36 (NW): „In der Tat, eines Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“ Ein grausames Terror-Regime in dem von den Kommunisten beherrschten Ostdeutschland hält die Bevölkerung vom Staate abhängig und in völliger Sklaverei und dauernder Furcht. Es wäre sehr unweise, wollte die Gesellschaft die Zahl der Zeugen Jehovas in Ostdeutschland bekanntgeben. Daher lassen wir die Zahlen aus diesem Teil des Berichtes aus. Doch ist es eine Freude, euch wissen zu lassen, daß dort eine Zunahme zu verzeichnen ist, ja eine wesentliche Zunahme in der Zahl der sich mit Jehovas Zeugen verbindenden Menschen. Wir wollen hier nun einige Erfahrungen wiedergeben, wie sie der Zweigdiener berichtet hat. Unsere Brüder in Ostdeutschland haben ihre Hände nicht erschlaffen lassen, obwohl sie bestimmt unter recht widrigen Verhältnissen wirken.

Unter diesen ungesunden Verhältnissen, wo man ihnen beständig nachspürt und sie bedroht, müssen die Verkündiger ihre Versammlungen und ihren Felddienst organisieren. Bevor sie einander aufsuchen, müssen sie sich vergewissern, daß ihnen niemand nachstellt. Das Werk des Predigens von Haus zu Haus scheint aus diesem Grunde fast unmöglich zu sein. In Dörfern und kleineren Städten ist es unmöglich, weil jeder Verkündiger als Zeuge Jehovas bekannt und, wo immer er weilt, unter Beobachtung ist. Außerdem weiß man nie, wen man vor sich hat. Wie passend sind da die Worte Jesu: „Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; erweiset euch darum so vorsichtig wie Schlangen und doch so unschuldig wie Tauben. Hütet euch vor den Menschen.“ — Matth. 10:16, 17, NW.

Überall werden Anstrengungen gemacht, die kostbare „Speise zur rechten Zeit“, den Wachtturm und andere Veröffentlichungen, selbst unter Gefahren zu erlangen. Wegen der strengeren Überwachung der Post, auch jedes Briefes und jedes Paketes, ist der Postversand fast unmöglich geworden. Wenn jemand im Besitz biblischer Literatur ertappt wird, kann er sicher sein, zwei oder drei Jahre Gefängnis wegen „Verbreitung von Hetzschriften“ zu erhalten. Wie kostbar ist da Der Wachtturm! Welche Wertschätzung für diese glaubensstärkende Speise haben doch diese verfolgten Diener Gottes, eine Wertschätzung, wie sie die Bewohner der belagerten Stadt Jerusalem für das kostbare Wasser aus der Quelle Gihon hatten. Überall suchen sie das regelmäßige Studium fortzusetzen, auch wenn ihrer nur einige sehr wenige sind.

Während des vergangenen Jahres war das Hauptproblem für die theokratische Organisation in Ostdeutschland auch die Stärkung der Gruppen-Organisationen und die Sorge um die Reife der Verkündiger, damit sie fähig werden möchten, dem zunehmenden Druck standzuhalten. Hunderte von Dienern befinden sich wegen ihrer Treue zu Jehova hinter Gefängnismauern. Überall fehlt es deshalb an reifen Brüdern. Manche der neuen Verkündiger haben nie eine Gelegenheit gehabt, richtig von Haus zu Haus zu wirken.

Der Feldzug während der drei Sommermonate in nichtzugewiesenen Gebieten erwies sich als große Hilfe. Die Verkündiger waren dort nicht bekannt und fühlten sich freier, von Haus zu Haus Dienst zu tun.

Hier folgt der Bericht eines Gruppendieners über einige Erfahrungen. „Wir sind glücklich, sagen zu können, daß dies ein großer Erfolg war. In der Zeit von drei Wochen arbeiteten wir in 22 größeren und kleineren Städten und gaben viele Traktate und andere Schriften ab. Die schwächeren Verkündiger und auch Interessierte wurden durch den Beistand von seiten der reiferen Verkündiger angespornt. Vielen Leuten gingen zum erstenmal die Augen auf, als sie predigen hörten, wer Jehovas Zeugen in Wirklichkeit sind. Einem Herrn, mit dem ich sprach, kamen Tränen in die Augen, als er sah, daß selbst junge Leute für die Theokratie wirkten.“

Die schwierigen Umstände zwingen die Brüder zur größten Einheit, zur Fürbitte füreinander und zur Beseitigung von Unreinheit aus ihrer Mitte, was alles nur zu ihrem Besten gereicht. Die durchschnittliche Zahl der Verkündiger hat im Vergleich zum vorigen Jahr um 33 Prozent zugenommen. Bei der Gedächtnismahlfeier waren sechsundzwanzig Prozent mehr als im Jahre 1951 anwesend. Trotz allerlei Hindernissen wurde eine große Menge biblischer Schriften verbreitet. Die Botschaft wurde an Orte hingetragen, die seit dem Verbot der theokratischen Tätigkeit vollständig brach gelegen hatten, da es dort keine Verkündiger gab. Die Gruppen wurden gestärkt, und viele von ihnen sind zu wirklich unabhängigen theokratischen Bollwerken geworden. Wenn ein Diener verhaftet wird, nimmt gern jemand anders seinen Platz ein. Sofern kein reifer, fähiger Bruder mehr da ist, erweckt der Geist Jehovas eine Debora. Wie ist ein solcher Erfolg denn möglich gewesen? „Jehova der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsere Zuflucht.“ Auch während des vergangenen Dienstjahres hat er die Liebe und den Eifer der ihm ergebenen Sklaven reich gesegnet. Er hat sich als eine ‚gar gegenwärtige‘ Hilfe erwiesen, die ‚sich in Nöten wohlbewährt erfunden hat‘. Unsere Herzen sind weiterhin dem großen Theokraten zugewandt.

FRANKREICH

Die Brüder in Frankreich haben allen Grund zur Freude, denn das Werk geht dort gut voran. Wir stellen eine Zunahme von 11 Prozent in der Zahl der Verkündiger fest, die sich der Königreichsinteressen annehmen. Sie haben nun 6740 Verkündiger, die jeden Monat einen Dienstbericht abgeben, im Vergleich zu 6073 im Vorjahr. Bei ihrer Gedächtnisfeier im Jahre 1952 waren 10 361 Personen zugegen. Dies läßt uns leicht erkennen, daß sie für eine weitere Zunahme gute Aussichten haben. Im Laufe des Jahres haben 541 Personen Gott ihr Leben hingegeben, was sie durch die Wassertaufe symbolisierten. Im vorigen Berichtsjahr hatte Frankreich große Zunahmen zu verzeichnen; viele waren daher noch jung in der Wahrheit und mußten zur Reife gebracht werden, und unsere Brüder in Frankreich haben sich ihrer sehr gut angenommen. Überdies freuten sie sich am Wirken in den nichtzugewiesenen Gebieten, wovon es in Frankreich noch viele gibt. Der Zweigdiener erstattet uns einen interessanten Bericht, nicht nur über Frankreich selbst, sondern auch über andere Länder, die unter der Verwaltung des Pariser Büros stehen, über das Saargebiet, Algerien und Tunis.

Zu Beginn des Dienstjahres 1952 waren mindestens ein Viertel der Verkündiger noch einjährige „Kleinkinder“. Wir schätzten daher die Richtlinien des Büros in Brooklyn um so mehr, gemäß denen wir uns ganz besonders darauf konzentrieren sollten, den Neuen zu geistigem Wachstum zu verhelfen.

Die reichhaltige Speise, die uns im Laufe des Jahres durch die Zeitschrift La Tour de Garde zuging, bedeutete uns hierin eine große Hilfe. Um in der französischen Ausgabe des Wachtturms mehr Stoff aus der englischen Ausgabe erscheinen lassen zu können, traf Bruder Knorr eine neue Anordnung in bezug auf deren Inhalt. Die Brüder haben diese Änderung sehr begrüßt, da sie sich dadurch nun vieler Nebenartikel und Antworten auf Fragen von Lesern erfreuen können. Zudem ist die Zeitschrift heute viel ansprechender zum Anbieten bei den Leuten. Dies erklärt den Enthusiasmus, mit dem die Brüder den 14. jährlichen Wachtturm-Feldzug unternahmen. Im ersten Monat des letztjährigen Feldzuges wurden 796 neue Abonnements erlangt, während im Januar dieses Jahres über 1300 und im ganzen Feldzug mehr als 5000 aufgenommen wurden.

Folgende Erfahrung veranschaulicht treffend, wie wirksam die Zeitschrift La Tour de Garde sein kann, selbst dann, wenn kein Verkündiger da ist, um deren Inhalt zu erklären. Zwei junge Mädchen hatten ein Abonnement aufgegeben und wurden demzufolge zum Besuch eines in ihrer Nähe stattfindenden Gruppenbuchstudiums eingeladen. Sie besuchten es einige Wochen, kamen dann aber nicht mehr, weil — wie sie sagten — ihr Vater sehr streng sei und ihnen nicht erlaube, am Abend auszugehen. Es traf sich nun, daß ein Ehepaar, das in der Wahrheit ist, im selben Etagenhaus wohnte, und eines Tages sprach der „strenge“ Vater der beiden Mädchen das Ehepaar an und plauderte mit ihnen, ohne zu wissen, daß sie Zeugen Jehovas waren. Man kam auf die Weltverhältnisse zu sprechen, und plötzlich rief der monsieur aus: „Es überrascht einen nicht, daß es so zugeht, da doch Satan diese Welt regiert!“ Auf die Frage, wieso er diese wichtige Wahrheit wisse, fuhr er fort: „Eh bien! Meine beiden Töchter haben vor einiger Zeit eine Zeitschrift, La Tour de Garde, abonniert, haben sie aber nie gelesen. Sie gehen lieber ins Kino. Eines Tages griff ich zu einer Nummer und fand sie sehr interessant. Seither nehme ich die Zeitschrift regelmäßig mit zur Arbeit und lese sie in der Untergrundbahn. So habe ich erfahren, daß Satan diese Welt beherrscht, erfuhr aber auch, daß Gott eine neue Welt herbeiführen wird. Dann wird alles très bien sein!“

Der Sommerfeldzug zur Bearbeitung nichtzugewiesener Gebiete wurde mit Energie und Begeisterung unternommen. Wir haben in Frankreich nämlich mehr nichtzugewiesene Gebiete als solche, die den Gruppen und Pionieren zugeteilt sind! Millionen Menschen haben noch nie etwas von der Botschaft gehört! Der Feldzug ins Landgebiet brachte es also mit sich, daß Tausende der Landbevölkerung zum ersten Mal etwas von der Wahrheit hörten.

Eine Gruppe berichtet, daß sie bei ihrem ersten Ausflug in nichtzugewiesenes Gebiet ein solch „verlorenes Schaf“ gefunden habe. Eine Frau hatte vor dem Krieg manche Bücher der Gesellschaft gelesen und sogar einigen Versammlungen in Paris beigewohnt. Zufolge der Besetzung durch die Nazi hatte sie dann aber den Kontakt mit uns verloren. Nach der Befreiung begab sie sich an die Adresse, wo die Gesellschaft vor dem Kriege ihre Büros hatte, aber der Concierge sagte ihr, La Tour de Garde sei aufgelöst. Darauf suchte sie uns durch eine der Bibelgesellschaften ausfindig zu machen — ohne Erfolg. Und nun — während des Sommerfeldzuges — kamen Jehovas Zeugen wieder in ihre Heimatstadt und führten in einem Saal dicht neben ihrem Haus einen Zyklus öffentlicher Vorträge durch! Fast hätte sie den Verkündiger umarmt, der nun bei ihr vorsprach, und war hocherfreut, als sie beim öffentlichen Vortrag einige fand, die den Versammlungen schon vor dem Kriege beigewohnt hatten und heute noch tüchtig mitmachen. Sie nahm schnell sämtliche Publikationen entgegen, die seither in Französisch veröffentlicht worden sind, und abonnierte die Zeitschriften La Tour de Garde und Réveillez-vous!. Weitere ähnliche Erfahrungen sind im Laufe des Sommerfeldzuges gemacht worden. Der Gute Hirte weiß, wo seine Schafe sind, und Erfahrungen wie diese bestätigen uns, daß er es ist, der das Werk leitet.

Eine Gruppe von zwölf Brüdern beschloß, einige Tage auszuziehen, um eine kleine Stadt in nichtzugewiesenem Gebiet durchzuarbeiten. Als sie im Gasthof des Ortes Unterkunft zu erhalten suchten, musterte die Wirtin die Zwölf, die mit ihren Taschen und verschiedenen Bücher-Kartons erschienen, etwas mißtrauisch. Ihr Gesicht hellte sich aber auf, als sie hörte, daß sie hergekommen seien, um Gottes Königreich zu verkündigen. „Sie erinnern mich an die zwölf Apostel!“ bemerkte sie. Die Brüder machten an jenem Ort interessante Erfahrungen, wiewohl einige von Gendarmen verhaftet wurden. Als der Bürgermeister jedoch erfahren hatte, was für ein Werk sie taten, ließ er sie frei und sagte ihnen, die katholischen Ortsgeistlichen hätten sie verhaften lassen. Am Abend stellte die Wirtin ein Zimmer für eine öffentliche biblische Diskussion zur Verfügung, und sie und vierzehn weitere Personen waren zugegen. Am Schluß dieser Besprechung bemerkte ein katholischer Schullehrer: „Es ist phantastisch, wie die Kirche einen dazu verleiten kann, solche Lügen zu glauben.“

Die Tätigkeit im Landgebiet hatte auch ihre humoristischen Seiten. So fand eine Gruppe Verkündiger, die in einem Dorf übernachten wollte, um es am nächsten Tag fertig zu bearbeiten, nirgends Unterkunft als in einer Scheune. Sie erzählten, es sei ein besonderes Erlebnis gewesen, auf einem etwa sechs Meter hohen Heustock zu schlafen und sozusagen auf ‚dem unteren Deck‘ die Kühe und Pferde zu haben! Doch mußten sie wenigstens nicht Hunger leiden, denn sie kamen tagsüber zu manchen Bauersleuten, die die Bücher gerne im Tausch, das heißt, einen Satz von drei Büchern gegen sechs Eier, einen Topf Konfitüre und ein Kaninchen, entgegennahmen. Die Brüder in Frankreich gingen mit dem festen Willen, alle Hindernisse zu überwinden, an den Sommerfeldzug heran, und ein großes Zeugnis ist gegeben worden.

Der Katholizismus und der Protestantismus können die Schafe nicht bei sich behalten. Ja, selbst dem gottlosen Kommunismus entrinnen die von ihm gefangengehaltenen Menschen guten Willens. Eine Frau, die einige unserer Bücher genommen hatte, konnte bei sich zu Hause wegen ihres Mannes, der Kommunist war, kein Studium haben. Eines Tages jedoch war ihre Schwägerin zugegen, als der Verkündiger einen Nachbesuch machte, und interessierte sich dermaßen für die Botschaft, daß sie ein Studium in ihrer Wohnung wünschte. Es wurde eingerichtet, und bald nahm noch eine andere Schwägerin daran teil. Nun war das Studium eine solche Familienangelegenheit geworden, daß der kommunistische Mann der ersten Frau sich die Sache einmal selbst anschaute. Jetzt ist eine der Schwägerinnen getauft, die anderen fahren mit dem Studium fort, und der kommunistische Mann will kein Wort gegen Les témoins de Jéhovah hören und hat der Botschaft gegenüber wirklich guten Willen bekundet.

Mit großer Freude fügen wir dieses Jahr den Bericht über ein neuerschlossenes Gebiet, nämlich die Insel Korsika, bei. Diese Mittelmeer-Insel, die 150 Kilometer von der Riviera entfernt liegt, wird als zu Frankreich gehörend betrachtet Es gab auf der Insel keine Verkündiger bis zum Juli 1952, als zwei Sonderpioniere dorthin geschickt wurden. Diesen schlossen sich in den Sommermonaten Gruppenverkündiger an, welche die Insel vom Festland aus besuchten, und alle zusammen verbreiteten sie 446 Bücher, 1274 Broschüren, 282 Zeitschriften und machten 266 Nachbesuche, aus denen sich fünf Heimbibelstudien ergaben. Diese ausgezeichneten Ergebnisse erzielte man trotz der Opposition der Geistlichkeit. Die Priester verboten ihren Pfarrkindern, unsere Schriften abzunehmen oder zu lesen, doch der vorangehende Bericht zeigt, wieviel Beachtung die Leute dem Verbot schenkten.

So können wir denn, wenn wir auf das Dienstjahr 1952 zurückblicken, Jehova danken für den Segen, den er uns gegeben hat. Die Verkündigerzahl hat nicht so auffallend zugenommen wie in den vorangegangenen Jahren, doch sind wirkliche Fortschritte erzielt worden, indem den Neuen zur Reife verholfen wurde. Zudem ist durch den Sommerfeldzug die Botschaft zu Tausenden von Menschen hingelangt, die vorher nie etwas davon gehört hatten, und es werden entschiedene Anstrengungen gemacht, den Kontakt zwischen diesen zerstreuten Schafen und der Organisation aufrechtzuerhalten.

DAS SAARGEBIET

Das vergangene Jahr ist für die im Saargebiet lebenden Brüder ein schwieriges, doch auch gesegnetes Dienstjahr gewesen. Das Saarland ist in der Tat ein wahres Bollwerk des Katholizismus, wo die Menschen in Furcht gehalten werden vor den Priestern, die ihnen die Exkommunikation androhen, wenn irgend jemand nicht ohne Widerrede die Lehren der römischen Kirche annimmt und dem Priester nicht rückhaltlos gehorcht. Jehovas Zeugen sind die besondere Zielscheibe der katholischen Hierarchie, die sich durch nichts zurückhalten läßt in ihrem Bemühen, die Predigttätigkeit dieser treuen Zeugen zu vereiteln.

Ein Pionier, der auch Gruppendiener ist, schreibt: „Als unsere Gruppe abgelegenes neues Landgebiet übernahm, gab es nur zwei Schwestern in jener Gegend, und jede war alleinstehend. Ich beschloß, mich jeden Mittwoch und Sonntag in die Stadt zu begeben, die dem Wohnort beider Schwestern am nächsten liegt, um ein Buchstudium und ein Wachtturm-Studium mit ihnen abzuhalten. Auch arbeitete ich mit ihnen von Haus zu Haus, machte Nachbesuche und hielt Heimbibelstudien ab. Dann, während einiger Monate, fuhr die ganze Gruppe jeden Sonntag regelmäßig in einem speziell gemieteten Bus in jenes Gebiet. Die schwierigste Aufgabe bestand darin, in der wichtigsten Stadt jener Gegend einen Saal für die öffentlichen Vorträge zu finden. Überall verweigerten die Saaleigentümer die Benutzung ihrer Säle, weil die Amtspersonen der Stadt, unter dem Einfluß der Geistlichkeit, dagegen waren. Bei einer Gelegenheit warteten sechzig Personen, um den öffentlichen Vortrag zu hören. Viele waren von weither gekommen. Ein 70jähriger Mann war drei Stunden zu Fuß unterwegs gewesen. Fünfzehn Minuten bevor die Ansprache beginnen sollte, weigerte sich der Eigentümer des Saales, uns eintreten zu lassen. Unerschrocken beschlossen wir, die Versammlung in der Wohnung einer Schwester abzuhalten, und die Wartenden wurden dorthin eingeladen und in zwei Wagen gruppenweise in die Wohnung geführt. So konnten vierzig Personen die Königreichsbotschaft hören. Es war ein großartiger Erfolg! Trotz aller Schwierigkeiten sind dreißig Heimbibelstudien abgehalten worden, und acht Menschen guten Willens haben für Jehovas Königreich Stellung bezogen und sind nun Verkündiger, entschlossen, das Predigtwerk voranzutreiben, um die anderen Schafe zu finden und zu weiden. Wir erwarten, daß sich dort bald eine neue Gruppe bilden wird.“

Ein Gruppendiener schreibt: „Wir arbeiteten in neun Dörfern und konnten 9 Bücher, 90 Broschüren, 33 Wachtturm-Exemplare, 8 Erwachet!-Zeitschriften und natürlich eine ziemliche Zahl Briefe für Leute, die ‚nicht daheim‘ waren, abgeben. Wir senden Euch 22 Namen und Adressen von Personen guten Willens, bei denen Nacharbeit zu leisten ist. Wir konnten die Namen und Adressen vieler anderer nicht erlangen, weil sie Furcht hatten vor der Kirche und ‚Seiner Eminenz‘. In dreien von diesen Dörfern rottete sich der Pöbel gegen uns. Nach zwölf Uhr, als die Kirchgänger aus der Kirche kamen, war es fast unmöglich, von Haus zu Haus zu wirken. Mit einer Wucht, als ob es Hagel wäre, bewarfen sie uns mit einer Menge von Äpfeln und Birnen. Indes hatten am Morgen zwischen neun und zwölf Uhr einige Leute froh der guten Botschaft gelauscht, es aber nicht gewagt, sich auszusprechen oder uns Fragen zu stellen. Nur wenige nahmen Schriften entgegen, und dies nur, wenn sie gratis abgegeben wurden. Dessenungeachtet hoffen wir, daß der ausgesäte Same eines Tages Früchte trage. Wir haben das Gefühl, daß Jehova diesen Feldzug gesegnet hat, und sind sicher, daß er in die Mauer der katholischen Autorität eine Bresche schlug.“

Im Saargebiet wie in vielen anderen Ländern müssen viele „Schafe“ gefunden und ernährt werden, damit sie zur Reife gelangen. Somit haben unsere Brüder im Saarlande noch viel Arbeit vor sich, und bestimmt freuen sie sich über dieses Dienstvorrecht, während sie sich mit ihren Brüdern von allen Nationen vereinen und zu den Gefangenen sagen: „Gehet hinaus!“

ÖSTERREICH

Österreich ist oftmals von Armeen überflutet worden. Das Volk hat viel Leid und Weh durchmachen müssen. Doch gibt es Zeugen Jehovas in Österreich, und sie sind glücklich, diesem bedrängten Volk eine trostreiche Botschaft zu überbringen. Viele nehmen sie an. Es ist gut, die Zunahme der Zahl der anderen Schafe zu sehen, welche sich mit Jehovas Organisation verbinden. Um es genau zu sagen, hatten sie eine Zunahme von 9,6 Prozent, und es gibt dort nun 2772 regelmäßige Verkündiger im Felde und eine Höchstzahl von 2937 wurde erzielt. Viele wohnten der Gedächtnisfeier bei, nämlich 4350. Die Brüder in Österreich sind sehr eifrig und suchen allen Menschen in jenem Lande zu einer Erkenntnis der Wahrheit zu verhelfen. Wie andere Zeugen Jehovas begaben sie sich hinaus in neue, nichtzugewiesene Gebiete und erzielten wunderbare Resultate. Es gibt dort nun 160 organisierte Gruppen. Der Zweigdiener berichtet uns über einige der guten Erfahrungen, über welche sich die Verkündiger in Österreich freuten.

Wir hatten eine Verkündiger-Zunahme von nur 10 Prozent, doch kann gesagt werden, daß jene, die treulich am Werke teilnahmen, die Reife erlangten. Dies trat offen zutage während des Sommerfeldzuges, als große Anstrengungen gemacht wurden, die nichtzugewiesenen Gebiete zu erreichen. Eine Anzahl Verkündiger arbeiteten extra Überstunden, um genügend Geld zu verdienen für die regulären Reisen aufs Land mit der Bahn oder im Bus; andere fuhren stundenweit mit dem Fahrrad, und einige begaben sich in bergiges Gebiet, wohin sie manchmal bis fünf Stunden weit wandern mußten, um die Leute zu erreichen. Aus allen Teilen des Landes wurde berichtet, daß der Widerstand der Geistlichkeit sehr stark gewesen sei, und daß zur Überbringung der Botschaft wahre Reife und viel theokratischer Takt erforderlich war.

In einem Dorfe mußte der Kreisdiener die öffentliche Ansprache in einer Privatküche halten. Zwanzig Personen kamen herbei und hörten mit großem Interesse zu. Als der Bruder erklärte, wie nötig es sei, das Vorhaben Gottes, so wie es in der Bibel zum Ausdruck kommt, völlig zu erfassen, verstanden sie ihn gut, und sechs Personen abonnierten den Wachtturm gleich nach dem Vortrag.

Ein Landwirt, sehr an der Wahrheit interessiert, doch immer noch ein Mitglied der römisch-katholischen Kirche, traf den Geistlichen auf der Straße. Dieser fragte ihn sogleich, wann er wohl seine Kirchensteuer bezahlen wolle, die seit langem fällig sei. Der Landwirt benutzte schnell diese Gelegenheit, den Geistlichen auf die Probe zu stellen. Er sagte: „Sie haben nun eine günstige Gelegenheit, die Hälfte meiner Kirchensteuer zu verdienen, wenn sie mir aus der Bibel nachweisen, daß dem Menschen eine unsterbliche Seele innewohnt. Wenn Sie es aber nicht beweisen können, werde ich nichts zahlen.“ Der Priester war etwas verwirrt und erwiderte, er könne das nicht auf der Straße tun, war aber einverstanden, den Landwirt in seinem Hause zu besuchen. Er erschien auch wirklich und suchte mit seiner Philosophie Eindruck zu machen. Der Bauer aber öffnete einfach seine Bibel und zeigte dem Geistlichen den Text in Hesekiel 18:4. „Dies ist eine unechte Bibel!“, schrie der Priester in großem Zorn und bestand darauf, obwohl ihm der Landwirt zeigte, daß sie von dem römisch-katholischen Priester Leander van Ess übersetzt wurde. „Gut“, sagte der Landwirt lächelnd, „wir haben noch eine andere Bibel, die wir nachschlagen können“, und seine Frau brachte eine Bibel, die sorgfältig in Papier eingewickelt war. Wieder schauten sie Hesekiel 18:4 nach, und als der Geistliche las: „Die Seele, die sündigt, die soll sterben“, schrie er noch erregter: „Auch dies ist eine unechte Bibel!“ Der Landwirt lächelte wieder und sprach: „Wir werden sehen, was für eine Bibel es ist.“ Er öffnete den Deckel, und auf der ersten Seite stand der Name des Geistlichen selbst geschrieben, es war seine eigene Bibel, die sich der Landwirt für diese Diskussion geborgt hatte! Er hatte es indes durch eine andere Person getan, um ihn zu überraschen. Totenbleich geworden, riß der Geistliche seine Bibel aus den Händen des Landwirts und verließ das Haus unter Fluchen und Lästern. Nun war der Landwirt völlig davon überzeugt, die Wahrheit zu besitzen, und bezog offen Stellung für Jehova.

Ein Sonderpionier hatte viel Freude, als er hingesandt wurde, um einer kleinen, schwachen Gruppe beizustehen. Schon im ersten Monat konnte er 12 Bibelstudien einrichten, eines mit einer sehr intelligenten jungen Frau, deren siebenjähriger Sohn ebenfalls sehr interessiert war. Nach dem ersten Studium kam sie mit dem Jungen zur Versammlung und beim nächsten Studium abonnierte sie den Wachtturm. Als sie das Buch „Ausgerüstet für jedes gute Werk“ sah, bemerkte sie: „Das muß ich haben, denn ich habe so viel zu lernen.“ Eine Nonne war jahrelang ihre vertraute Freundin gewesen und versuchte alles, sie in die Kirche zurückzubringen. Aber die Frau blieb standhaft und verteidigte mutig die wahre Anbetung. Bald wurde sie eine sehr eifrige Verkündigerin und symbolisierte ihre Hingabe durch die Taufe bei der nächsten Versammlung.

Obwohl Der Wachtturm schon einen eingehenden Bericht über unseren Kongreß gebracht hat, als Ihr, lieber Bruder Knorr und Bruder Henschel, uns besuchtet, möchte ich doch diese Gelegenheit benutzen, um meine Wertschätzung und Dankbarkeit für Euren Besuch auszudrücken. Der Kongreß, der gerade zu Beginn dieses Dienstjahres stattfand, war gleichsam der erste Schritt auf dem Wege zur Reife. Als Du uns im Jahre 1933 das erste Mal besuchtest, waren nur wenige Hunderte bei jener Versammlung zugegen, während sich im letzten September mehr als 4400 zum Kongreß einfanden. Dieses Jahr sind 449 getauft worden, 197 davon allein beim Kongreß.

Ich möchte auch meiner tiefen Dankbarkeit für das neue Buch „Dies bedeutet ewiges Leben“, von dem Du uns eine große Sendung zukommen ließest, Ausdruck geben. Außer diesem druckten wir hier mit Deiner Erlaubnis die Broschüren Ist die Religion der Weltkrise gewachsen? und Evolution gegen die Neue Welt.

Wir erkennen völlig das große Vorrecht, Jehova hierzulande zu dienen, und beten um seinen Segen für Dich und sein ganzes Volk auf Erden.

SCHWEIZ

Die Gesellschaft hat in Bern (Schweiz) ein sehr schönes Bethelheim und eine Druckerei. Hier werden von unseren Brüdern Zeitschriften, Bücher, Broschüren, Traktate und andere Drucksachen hergestellt, die zur Durchführung des Werkes in verschiedenen Ländern Europas benötigt werden. Achtundsechzig Prozent der 2 058 368 in Bern gedruckten Zeitschriften und 52 Prozent von den 454 854 dort hergestellten Büchern und Broschüren wurden in andere Länder versandt. Der Zweigdiener schickte einen interessanten Bericht ein, aus welchem wir nachstehend einiges veröffentlichen.

Die ersten drei Monate des Dienstjahres führten nacheinander zu neuen Höchstzahlen, und im April überschritten wir mit der noch nie zuvor erreichten Verkündiger-Höchstzahl von 3011 zum ersten Mal die Zahl von 3000. Die durchschnittliche Verkündigerzahl nahm um 12 Prozent zu.

Das Hauptereignis im Werk des Predigens des Evangeliums in diesem Jahr war die Tätigkeit in den „nichtzugewiesenen Gebieten“. Viele freudige Berichte gingen im Laufe des Feldzuges von den Gruppen ein, worin oft die Überraschung zum Ausdruck kam, daß die Arbeit so gut vonstatten ging, trotzdem die Gebiete ziemlich abgelegen waren und man gegen religiöse Vorurteile zu kämpfen hatte. Da hierzulande verhältnismäßig wenig Verkündiger ein Auto besitzen, mußten die meisten mit der Bahn oder dem Autobus in ihr Gebiet reisen. Dessenungeachtet erhielten wir Briefe, in denen es hieß: „Der Dienst in unserem Gebiet hat uns überrascht, denn in dieser streng katholischen Gegend hatten wir viel Erfolg. Etwa zwanzig Bücher konnten abgegeben werden. Wir danken Jehova für seine Güte und seinen reichen Segen.“ Die ‚falschen Hirten‘ widersetzten sich gar bald dieser ‚Invasion‘ ihrer Weiden. Sie ließen in der katholischen Presse Warnartikel erscheinen mit Überschriften, wie: „Achtung! Die sogenannten Zeugen Jehovas sind am Werk!“ Von den Kanzeln verlasen sie kirchliche Rundschreiben, worin sie ihre ‚Herde‘ ernstlich ermahnten, keine Schriften abzunehmen, oder sie zu verbrennen und die Verkündiger der Polizei anzuzeigen. In einem Dorf gingen etwa fünfzig junge Katholiken von Haus zu Haus und zogen sämtliche zurückgelassenen Schriften ein. An einigen Orten wurden die Verkündiger bedroht und körperlich angegriffen, und in verschiedenen Gegenden suchte die Polizei, unter dem Druck von Geistlichen, die Tätigkeit aufzuhalten, und beschlagnahmte die Literatur. Dennoch wurden einige hörende Ohren gefunden. Ein Verkündiger berichtet, daß ein Mann, nachdem er ihm ein Zeugnis gegeben hatte, die Polizei rief und sich über unser Werk beschwerte. Die Antwort des Polizisten lautete: „Lassen Sie diese Leute nur ruhig weitermachen; sie kennen das Gesetz besser als wir und wissen genau, was sie tun dürfen und was nicht.“

Dieses Jahr brachte wiederum eine ganze Reihe von Fällen, wo die Polizei in unser Predigen des Evangeliums störend eingriff; meistens lautete die Anklage auf Hausieren oder Sonntagsruhestörung. Die Tätigkeit in den vorwiegend katholischen „nichtzugewiesenen Gebieten“ hat ihren Teil zu den Rechtsfällen beigetragen. Im ganzen wurden dem Büro 62 Fälle gemeldet, von denen fünf vor Gericht kamen. Ein Fall vom letzten Jahr führte zu einem unserer ersten Siege, als das Bezirksgericht Aarau am 17. Oktober 1951 einen Freispruch fällte. Durch dieses wurde eine anläßlich einer Kreisversammlung erhobene Anklage, die auf Hausieren lautete, abgewiesen. Im Gerichtsentscheid hieß es: „Das Hausiergesetz findet nämlich auf die durch die Angehörigen der ‚Zeugen Jehovas‘ ausgeübte Tätigkeit gar keine Anwendung … Zweck und Ziel ihrer Tätigkeit besteht darin, das biblische Wort zu verbreiten, keineswegs beabsichtigten sie aber … einen finanziellen Gewinn zu erzielen.“

Der Kampf in der Hausierfrage nahm im Kanton Waadt, wo Ende des letzten Berichtsjahres sowohl ein Entscheid des Obergerichts als auch ein solcher des Schweizerischen Bundesgerichts gegen uns stand, seinen Fortgang. Schlag auf Schlag folgten sich die einzelnen Phasen dieses Kampfes. Eröffnet wurde er am 3. September 1951 vor dem Bezirksgericht in Lausanne, wo sich ein Pionier wegen Hausierens zu verantworten hatte. Zu unserer Überraschung folgte das Gericht unserer Verteidigung, fällte einen Freispruch und erklärte die Praxis des Bundesgerichts als unbefriedigend. Der Staatsanwalt erhob keine Einsprache! Am 27. März 1952 kam vor dem Bezirksgericht in Aigle ein weiterer Fall zur Verhandlung, und zwar vor Gerichtspräsident de Haller, der früher schon zweimal zu unseren Gunsten entschieden hatte, wovon aber ein Entscheid durch das Obergericht, bzw. Bundesgericht wieder umgestoßen wurde. Was würde der Richter nun in diesem neuen Fall, bei dem es sich um einen Pionier handelte, tun? In einem klar abgefaßten Urteil entschied er, der Pionier sei kein Hausierer, sondern ein Evangelist, der nicht daran interessiert sei, Gewinn zu machen, sondern der das Evangelium predigen wolle. Der Staatsanwalt legte auch dieses Mal keine Berufung ein! Dann folgte am 30. Juni 1952 der Entscheid des Bezirksgerichts in Rolle, der feststellte, daß der angeklagte Gruppenverkündiger kein Hausierer sei. Diesmal rekurrierte nun der Staatsanwalt, und am 20. August 1952 sah sich das Obergericht zum dritten Mal dieser Frage gegenübergestellt. Vor diesem Gericht ist es in solchen Fällen nicht möglich, mündlich zu plädieren; man ist auf eine schriftliche Eingabe beschränkt. Sich auf den Bundesgerichts­entscheid stützend, urteilte das Obergericht gegen uns, mit der Begründung, es sehe nicht ein, weshalb es seine Praxis ändern sollte.

Im mehrheitlich katholischen Kanton Solothurn entstand ein ähnlicher Kampf in der Hausierfrage. Im letzten Berichtsjahr entschied ein Bezirksgericht zu unseren Gunsten, obwohl das Obergericht einen Entscheid gegen uns gefällt hatte. Als dann das Polizeidepartement Berufung einlegte, entschied das Obergericht nochmals gegen uns. Dann kam am 25. Juli 1952 ein Pionier vor das Bezirksgericht in Balsthal, wo der Richter, ein praktizierender Katholik, seine Überraschung darüber ausdrückte, daß wir trotz der gegen uns gefällten Urteile immer noch kämpften. Nachdem er die Verteidigung angehört hatte, entschied er schließlich doch zu unseren Gunsten. Die Polizei legte wiederum Berufung ein, und bei Abschluß dieses Berichts mußte sich das Obergericht des Kantons Solothurn am 18. September 1952 zum dritten Mal mit einer Berufung befassen. Unser Anwalt, ein Mitglied des schweizerischen Parlamentes, verteidigte den Fall geschickt, indem er zeigte, daß es bei dem Werk der Zeugen Jehovas nicht darum geht, Gewinn zu erzielen, sondern ausschließlich darum, das Evangelium zu verbreiten. Der Angeklagte sei kein Hausierer. Der Anwalt lud die drei Richter dieses Gerichts, von denen zwei katholisch sind, ein, von ihrer früheren Gerichtspraxis abzugehen und zu erklären, daß Jehovas Zeugen dem Hausiergesetz nicht unterstehen. Nach einer halbstündigen Beratung verkündete der Gerichtspräsident das Urteil. Es lautete zugunsten des Pioniers und erklärte, das Werk der Zeugen Jehovas falle unter diesen Umständen nicht unter das Hausiergesetz. Ein neuer Sieg!

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