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Die Schule versagtErwachet! 1980 | 22. Februar
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Die Wirtschaft gibt 40 000 000 000 Dollar im Jahr aus, um das Versagen der Schule auszubügeln. Ein Firmensprecher klagte:
„Wir machen das, was die Schulen machen sollten. College-Absolventen können keine Berichte abfassen; High-School-Absolventen können kaum lesen oder schreiben; Schreibkräfte können nicht mehr als 150 Anschläge pro Minute tippen — und sie alle haben einen kleinen Wortschatz. Zwölf Jahre in der Schule zuzubringen, ohne das Grundlegende mitzubekommen, das ist viel vergeudete Zeit.“
Es ist ein trauriges Bild, daß eine Nation, die das Atom gespalten, Menschen zum Mond geschickt und mit Hilfe eines Raumschiffes Aufnahmen vom Jupiter gemacht hat, noch nicht einmal allen erwachsenen Bürgern beibringen konnte, wie man das Formular für eine Stellenbewerbung ausfüllt oder an der Kasse eines Supermarktes das Wechselgeld nachrechnet. Da muß es doch unbedingt ein Heilmittel geben!
Aber worin besteht es?
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Lehrer tätlich angegriffenErwachet! 1980 | 22. Februar
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Lehrer tätlich angegriffen
Einige sind zweifellos für ihren Beruf ungeeignet. Andere müssen als Sündenbock herhalten. Sie alle sind einem großen Berufsrisiko ausgesetzt.
„HANS und Susi können nicht lesen, schreiben und rechnen, weil ihre Lehrer es nicht können.“ Dieser Vorwurf war im vergangenen Jahr im Wall Street Journal zu lesen. Als Bestätigung wurden einige Beispiele angeführt. In New Orleans trugen streikende Lehrer ein Transparent, auf dem ein verkehrt geschriebenes Wort stand. In einer gedruckten Lernhilfe für Drittklässer steht ein Rechtschreib- und ein Grammatikfehler. Ein Lehrer in Alabama schrieb den Eltern eines Schülers eine Mitteilung und leistete sich dabei mehrere Rechtschreib- und Grammatikfehler. Nach einem Rechtschreibtest strich ein Lehrer im Testbogen eines Mädchens ein richtig geschriebenes Wort als Fehler an und „korrigierte“ es, indem er es falsch schrieb.
Unfähigkeit — wenn man sie auch nicht allen Lehrern nachsagen kann — ist eine landesweite Erscheinung. Daher will man jetzt in vielen US-Bundesstaaten neue Lehrer dazu zwingen, sich verschiedenen Eignungstests zu unterziehen. Einige Vertreter der Lehrergewerkschaft protestieren dagegen, daß die Lehrer zum Sündenbock für den landesweiten Leistungsschwund gemacht werden. Dieser Protest ist berechtigt. Das Versagen der öffentlichen Schulen hat nämlich mehr als nur eine Ursache, und viele Lehrer sind fähige Pädagogen. Allerdings gibt es auch viele, von denen man das nicht behaupten kann; es ist nicht verkehrt, durch Tests eine Auslese zu treffen.
Diese Tests verlangen nicht viel, nicht einmal in den Grundfertigkeiten. In der New York Post wurden sie als „Kinderspiel“ bezeichnet. „Der schriftliche Englischtest für künftige Lehrer an Stadtschulen ist so leicht, daß, wie eine Studie ergab, High-School-Schüler fast genauso gute Ergebnisse erreichen wie die künftigen Lehrer.“
Berufsrisiko
Viele Industriearbeiter sind krebserzeugenden Chemikalien ausgesetzt, was nach 20 bis 30 Jahren den Tod zur Folge haben kann. Lehrer sind Gefahren ausgesetzt, die unmittelbar Verletzungen und manchmal den Tod mit sich bringen können. Wie das National Institute of Education schätzt, werden jeden Monat 5 200 High-School-Lehrer tätlich angegriffen und 6 000 beraubt. Jeden Monat werden etwa 282 000 ihrer Schüler überfallen und 112 000 beraubt. Häufig begehen Eindringlinge, die keine Schüler sind, diese Gewalttaten.
Im U.S. News & World Report vom 21. Mai 1979 wurden einige Gewaltakte geschildert:
„In Kalifornien wurde eine Lehrerin vor den Augen ihrer Zweitklässer von einem Eindringling mit Waffengewalt gezwungen, sich zu entkleiden, und wurde dann sexuell mißhandelt. Als der Täter wieder ging, nahm er ihre Kleidung und ihr Portemonnaie mit. Die Kinder bedeckten sie mit ihren Pullovern und Jacken.
In New Orleans sah eine Lehrerin zu, wie zwei Jungen ein kleineres Kind von einem Balkon im 1. Stock herunterwarfen. Sie wagte es nicht, einzuschreiten, da sie befürchtete, die Jungen würden sie sonst angreifen.
In einer High-School in Los Angeles beschossen Mädchen, die wegen ihrer schlechten Noten verärgert waren, ihre Lehrerin mit brennenden Streichhölzern, so daß ihr Haar Feuer fing. Die Lehrerin erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch.
In Alexandria (Virginia) zerschnitten Schüler die Reifen eines Polizeiautos, das auf dem Parkplatz einer High-School stand, beschmierten die Wände der Bibliothek, schleppten die Eingangstore der Schule fort, zerschlugen Fensterscheiben, ruinierten einen Teppich mit Klebstoff, ließen in der Raucherecke des Schulhofs Sprengstoff explodieren, schnitten große Löcher in den Drahtzaun des Schulgeländes, schütteten in einem Gang Motoröl aus, schnitten mit einem Rohrschneider die Fahnenstange der Schule ab und stießen die Stange durch ein Fenster des Rektorats. Die Schule wurde später wegen eines verheerenden Feuers geschlossen, das man auf Brandstiftung zurückführt.
In Austin (Texas) schoß der 13jährige Sohn von George Christian, einem ehemaligen Pressesekretär des Weißen Hauses, vor den Augen seiner 30 Klassenkameraden mit einem halbautomatischen Gewehr seinen Englischlehrer nieder. Der Lehrer hatte ihm eine schlechte Note gegeben.“
Den Lehrern wird bereits seit Jahren davon abgeraten, Gewaltakte zu melden, da sonst die Schule und somit auch die Schulverwaltung in ein schlechtes Licht gerate. Ein Sprecher des Expertenteams, das in New Jersey für die Bekämpfung schulischer Kriminalität zuständig ist, sagte: „Die Schulverwaltungen legen ihrem Lehrerkollegium nahe, gewalttätige Zwischenfälle zu vergessen.“ Sobald den Schülern bewußt ist, daß Gewaltakte die Polizei auf den Plan rufen, geht die Gewalttätigkeit drastisch zurück.
Rückzug vom „Schlachtfeld“
Viele Lehrer leiden an Kriegsneurose mit all den Angstzuständen und Erscheinungen, wie sie bei Soldaten auf dem Schlachtfeld zu beobachten sind. Einige sind dazu übergegangen, Polizeipfeifen, Behälter mit Tränengas oder Schußwaffen im Schreibtisch bereitzuhalten. Doch die meisten Lehrer sind passiv und idealistisch, nicht geeignet und nicht willens, sich an Ausschreitungen zu beteiligen. Sie ziehen es vor, das Feld zu räumen. In den vergangenen Jahren haben sich durch Resignation und vorzeitige Pensionierung die Reihen der erfahrenen, hingebungsvollen Lehrer stark gelichtet. Das ist ein Verlust für die Kinder, die Eltern, die Schule und die Gesellschaft. Sie sind auch alle an diesem Verlust schuld. Sie alle tragen dazu bei.
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