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Kann ein Blinder „sehen“?Der Wachtturm 1985 | 1. Februar
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an Regentagen drei Hände. In der einen Hand trug ich meine Aktentasche und in der anderen meinen Stock. Aber wohin mit dem Schirm? Wie sehr schätzte ich doch die „dritte Hand“, die mir meine christlichen Brüder, die mich im Predigtdienst begleiteten, boten! Es entstanden auch Schwierigkeiten, wenn ich in Gebieten arbeitete, wo mir die Straßen unbekannt waren, aber auch hier halfen mir verständnisvolle Brüder.
Wie fand ich mich überhaupt in meinem Predigtdienstgebiet zurecht? Normalerweise hatte ich damit keine Probleme, da ich an einem Kurs teilgenommen hatte, der Blinden helfen sollte, sich zurechtzufinden. Ich lernte, meinen Stock richtig zu gebrauchen, mein Gehör und meinen Tastsinn zu schulen, in Busse ein- und auszusteigen und Treppen hinauf- und hinunterzugehen. Der Kurs half mir, viele kleine Dinge zu lernen, die für einen Sehenden selbstverständlich sind. Ich merkte mir die Namen der Straßen und zählte dann, wie viele ich überquert hatte. Ich lernte auch, im Geiste Notizen von jedem Haus einer Straße zu machen, und kann so Rückbesuche bei Personen durchführen, die an einem Bibelstudium interessiert sind. Ich habe keine Probleme, allein zum Königreichssaal zu gelangen, obwohl wir zweieinhalb Kilometer davon entfernt wohnen.
In diesem Zusammenhang sagte ein reisender Aufseher einmal: „Bei meinem Besuch in dieser Versammlung war ich wirklich beeindruckt, als ich mit Bernardo zusammenarbeitete. Er kennt die Straßen und sogar die Häuser, kann Treppen steigen und bergauf und bergab gehen. Ich staune nur, wie er die Wohnungen der Personen wieder findet, mit denen er Bibelstudien durchführt. Wir gingen zu einem Studium im vierten Stock eines Wohnhauses, und er hatte keinerlei Schwierigkeiten, uns dorthin zu führen.“
Vorbereitung und Anstrengungen belohnt
Mein Haus-zu-Haus-Dienst erfordert eine besondere Vorbereitung. Bevor ich in den Dienst gehe, lerne ich die Bibeltexte auswendig, die ich verwenden möchte, und merke mir auch die Seitenzahlen in der Bibel. An den Türen bitte ich den Wohnungsinhaber, die Texte vorzulesen, und gebe ihm dann die Seitenzahlen an; falls er es nicht tun möchte, zitiere ich die Texte aus dem Gedächtnis.
Wenn ich Bibelstudien leite, ermuntere ich den Studierenden, sich gut vorzubereiten. Beim Studium muß er mir zuerst die Frage vorlesen, dann den Absatz und dann noch einmal die Frage. So kann ich feststellen, ob seine Antwort korrekt ist. Auf diese Weise konnte ich schon zwei Personen zur Hingabe und zur Taufe führen. Ich studiere gegenwärtig mit drei Familien.
Schon seit Jahren beteilige ich mich in unserer Versammlung an der Theokratischen Predigtdienstschule. Wenn ich mich auf meine Ansprachen vorbereite, liest mir jemand den Stoff vor und nimmt ihn gleichzeitig auf Tonband auf. Dann höre ich mir die Aufnahme an, arbeite im Geiste einen Redeplan aus und lerne die dazugehörigen Bibeltexte auswendig. Damit ist die Vorbereitung für meine Ansprache abgeschlossen. Und ich habe noch nie Rat erhalten, weil ich mich zu sehr auf meine Notizen gestützt hätte! Ich kann mich auch regelmäßig am Kommentargeben beim Wachtturm-Studium beteiligen, da ich bei der Vorbereitung des Stoffes dieselbe Methode anwende.
Das Jahr 1977 war ein Meilenstein in meinem Leben als ein Gott hingegebener Christ. Ich wurde zum allgemeinen Pionier ernannt, zum Dienstamtgehilfen und zum Versammlungsbuchstudienleiter. Dieser Vorrechte erfreue ich mich noch heute. Beim Versammlungsbuchstudium gehe ich genauso vor wie bei einem Heimbibelstudium.
Was meinst du: Kann ein Blinder „sehen“? Ich kann die Erfüllung so vieler biblischer Prophezeiungen in unseren Tagen sehen, und ich habe erkannt, daß man vielen weiteren Personen helfen muß, die Wahrheit kennenzulernen, die zu ewigem Leben führt (Johannes 17:3). In geistiger Hinsicht habe ich die Erfüllung von Jesaja 35:5 erfahren: „Zu jener Zeit werden die Augen der Blinden aufgetan werden.“ Ich bin fest davon überzeugt, daß sich diese Prophezeiung zu Jehovas bestimmter Zeit an den Tausenden, die wie ich ihr Augenlicht verloren haben, auch buchstäblich erfüllen wird. Bis dahin ist es mein Wunsch, fortzufahren, Gottes Willen zu tun, so gut ich es kann, und so würdig zu sein, in seiner neuen Ordnung der Gerechtigkeit zu leben.
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Entschlossen, sich zu versammelnDer Wachtturm 1985 | 1. Februar
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Entschlossen, sich zu versammeln
„DIE schwersten Regenfälle seit 80 Jahren forderten 28 Menschenleben“, lauteten die Schlagzeilen am nächsten Tag. In nur 6 Stunden, von 2 Uhr nachts bis 8 Uhr morgens, waren in Nordtaiwan insgesamt 25 cm Niederschlag gefallen. Besonders schwer hatte es die Stadt Taipeh getroffen. Die in diesen wenigen Stunden gefallenen Niederschläge, die der normalen Niederschlagsmenge eines ganzen Monats entsprachen, verursachten stellenweise Hochwasser bis zu vier Metern. Aber ausgerechnet an jenem Tag wollten die Zeugen Jehovas aus Nordtaiwan in Taipeh zu einem Kongreß zusammenkommen. Wäre es ihnen trotzdem möglich, sich an diesem zweiten Tag ihres halbjährlich stattfindenden Kreiskongresses zu versammeln?
Als meine Frau und ich am 3. Juni 1984 erwachten, bemerkten wir zuerst gar nicht, wie heftig der Sturm war. Starke Regenfälle sind in der Monsunzeit nichts Ungewöhnliches, und wir machten uns darüber kaum Gedanken. Allmählich trat allerdings eine ungewöhnliche Ruhe ein. Die Stadtbusse, die normalerweise alle paar Minuten vor dem Wohnblock hielten, wo wir untergebracht waren, fuhren nicht. Als dann um 7.30 Uhr der elektrische Strom ausfiel, kamen wir nach und nach zu der Erkenntnis, daß das kein üblicher Monsunregen war. Ich machte mir Sorgen wegen des Kongresses, der um 9.55 Uhr beginnen sollte, und rief daher den Bruder an, der für die Lautsprecheranlage verantwortlich war, um sicherzustellen, daß batteriebetriebene Verstärker und Taschenlampen zur Verfügung stehen würden, falls der Strom während des Programms ausfallen sollte.
Inzwischen erfuhren wir von unseren Nachbarn und Freunden, daß es in unserem Stadtteil zu großen Überschwemmungen gekommen war. Da wir entschlossen waren, rechtzeitig zum Vormittagsprogramm auf dem Kongreßgelände zu sein, fuhren wir kurz nach 8 Uhr mit unserem Motorrad los. Normalerweise hätten wir bis zur Kongreßhalle etwa 20 Minuten gebraucht. Als wir allerdings in die nächste Straße einbogen, stellten wir fest, daß wir Probleme haben würden voranzukommen. In den tiefer gelegenen Stadtteilen
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