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  • Streiflichter aus dem roten Paradies
    Der Wachtturm 1957 | 15. April
    • Streiflichter aus dem roten Paradies

      Augenzeugenberichte aus russischen Zwangsarbeitslagern widerlegen die Behauptung des Kommunismus, ein moderner, materialistischer Messias zu sein. Wie war es in diesen Lagern? Dieser Artikel gibt die Antwort.

      MINDESTENS ein Drittel der ganzen Erdbevölkerung lebt unter kommunistischer Herrschaft. Viele Völker wurden durch militärische Gewalt unterjocht, andere dagegen scheinen überzeugt worden zu sein, daß sie durch den Kommunismus bessere Zustände erhalten würden, als sie diese bisher hatten.

      Es stimmt, daß bei einigen Regierungen, die vom Kommunismus gestürzt wurden, ein Wechsel nötig war. Aber dort, wo das Volk den Kommunismus annahm, tauschte es nur eine Art der Bedrückung gegen eine andere ein. Das verheißene Paradies blieb aus. Statt dessen gab es Spitzel, und eine brutale Staatspolizei und ausgedehnte Zwangsarbeitslager wurden geschaffen. Diese Lager bestanden tatsächlich, und als der kommunistische Terror seinen Höhepunkt erreichte, mögen sie vielleicht mehr als zehn Millionen Insassen gehabt haben.

      Das ganze unter sowjetischer Herrschaft stehende System hat sich als ein Fehlschlag erwiesen, was die Freiheit des Volkes betrifft, besonders, wenn man an die Freiheit denkt, die der Marxismus dem Volke versprochen hatte. Selbst die Religionssysteme der Christenheit, die in jenen Gebieten vertreten waren, mußten sich der Roten Herrschaft beugen. Aber Tausende der Träger der wahren Religion, der Verkündiger der wahren messianischen Hoffnung, sind von den brutalen Herren des „Volksparadieses“ eingesperrt und gequält worden. Welche Martern haben sie ertragen müssen?

      DIE BOTSCHAFT GELANGT NACH RUSSLAND

      Man hat sich lange Zeit Gedanken darüber gemacht, wie die gute Botschaft yon Gottes aufgerichtetem Königreich den Eisernen Vorhang einmal durchdringen werde, aber die Russen selbst haben es möglich gemacht.

      Nach dem zweiten Weltkrieg annektierte die Sowjetregierung die Gebiete der Moldau, die West-Ukraine, Karpato-Ukraine, Weißrußland und die Baltischen Staaten, in denen mehrere Tausend Zeugen Jehovas lebten. Diese Christen begannen sogleich, die Wasser der Wahrheit in die mächtige kommunistische Wüste zu leiten und hatten so einen Anteil an dem weltweiten Predigtwerk, das Jesus für unsere Tage voraussagte. (Matth. 24:14) Diese Ströme der Wahrheit ergossen sich im Roten Reich nach allen Richtungen hin — nach Norden, Osten und Süden, in die Sklavenlager von Workuta und in Hunderte anderer Arbeitslager in der ganzen Sowjetunion.

      Allein im Jahre 1951 wurden mehr als 7000 dieser christlichen Zeugen „lebenslänglich nach Sibirien verbannt“, und sie mußten in diesem unwirtlichen Lande zu leben suchen, oder sie mußten sterben.

      Aber diese 7000 waren nicht die einzigen, denen es so erging. Ein Zeuge, der länger in den Zwangsarbeitslagern war als die meisten anderen, schreibt von den Martern, die er nur seiner Religion wegen erleiden mußte:

      „Am 10. April 1940 begann ich meine Wanderung durch die Gefängnisse und Lager des Roten ‚Paradieses‘, die vierzehn Jahre dauerte, und während dieser Zeit stand ich fünfmal vor Gericht.“ Er wurde mit Hunderten anderer Gefangener in einem Zug mit offenen Güterwagen, ohne irgendwelche Sitzgelegenheiten, Essen, Trinken oder Holz, in eine unbekannte Richtung verfrachtet. Oft fand er am Morgen Gefährten, mit denen er noch am Abend zuvor gesprochen hatte, erfroren vor. Kein Wunder, wenn er sagt: „Nicht viele überlebten diesen Transport.“

      In Wierchaturia, in der Wojewodschaft Swerdlowsk, begannen er und seine Gefährten, halb erfroren, schwach und am Rande des Verhungerns, einen viertägigen Fußmarsch. Sie wurden dazu gezwungen, Wald zu roden, Baracken zu bauen und dann ein Sägewerk zu errichten. Er schreibt: „Bretter dienten als Bett, die eigene Hose als Strohsack, die Mütze als Kopfkissen und die Jacke als Decke. Viele starben. Oft war ich Augenzeuge, wie manche dieser halbverhungerten Sklaven, die beinahe selbst vor Schwäche niedersanken, einen ihrer Gefährten auf Stangen wegtrugen, der bei der Arbeit erfroren oder vor Hunger gestorben war.“

      Später wurde dieser Zeuge Jehovas nach Syzran versetzt, wo er mit anderen Gefangenen Wald roden mußte. Dort dem Hungertode preisgegeben, konnte er wegen körperlicher Schwäche nicht genug arbeiten, und dadurch kam er mit dem Sowjetgesetz in Konflikt. Er wurde zu weiteren zehn Jahren verurteilt.

      Hierüber schreibt er: „Nach der Urteilsverkündung hatte ich keinen weiten Weg vor mir, denn in jenem Gebiet befand sich ein Lager neben dem anderen. Etwa ein Kilometer von der Wolga entfernt erstreckt sich ein riesiges Tal, welches ‚Gawrylow-Lichtung‘ genannt wird. Hier waren die Lager. Sowohl von den Gefangenen als auch von der freien Bevölkerung wird dieser Ort als das ‚Todestal‘ bezeichnet. Es war wirklich ein Lager, das der Massenliquidierung der Menschen durch den Hungertod diente. Sie starben wie die Fliegen dahin.“

      Erschütterte diese Verfolgung seinen Glauben? Er antwortet: „Je mehr ich litt, desto mehr predigte ich. Ich war zweimal zu zehn Jahren verurteilt worden, weil ich unter den Gefangenen predigte. In dem Augenblick, wo ein neues Urteil gefällt wird, wird das vorherige als ungültig erklärt. Solche Urteile erschreckten Hunderte von Anhängern der Pfingstgemeinde, Evangelisten, Baptisten, Apokalypsisten, Sabbatisten und andere, die ihre Ohren der guten Botschaft vom Königreiche gegenüber verschlossen. Aber sie haben ebenfalls viel Verfolgung erdulden müssen. Einer der Baptisten sang eines ihrer Kirchenlieder und wurde dafür zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.“

      Diese Lager wurden „Erziehungslager“ genannt. Eine der „Erziehungs“-Methoden, die die Beamten anwandten, bestand darin, jemand, dessen man sich entledigen wollte, in eine Baracke zu werfen, wo die sexuell Perversen untergebracht waren, um ihn von den Perversen umbringen zu lassen. Der Zeuge sagt: „Meine Vorsteher waren erstaunt, als ich nach dreieinhalb Monaten lebend aus dieser Baracke herauskam. Dort hatte ich mich wie Daniel in der Löwengrube gefühlt. Durch die Art, wie ich mit diesen Leuten umging, vereitelte ich ihre Absichten, die sie mir gegenüber hegten. Ich kam lebend und wohlbehalten wieder heraus.“

      Die Führer dieses „Erziehungslagers“ schlugen die Gefangenen aus rein sadistischem Vergnügen braun und blau. „Erst im Jahre 1950“, sagt dieser christliche Prediger, „konnte ich Gras und Fischgräten von meiner Speisekarte streichen. Im Jahre 1955 waren die Verhältnisse beinahe menschlich geworden. Ich bin nicht mehr dort, aber es wird für jene, die noch dort sind, bestimmt leichter sein als für jene, die den Auftrag gaben, diese ‚Erziehungslager‘ zu bauen, weil ihrer die Strafe Gottes harrt.“

      Die Erfahrung dieses treuen Zeugen, der am 14. Juni 1955 entlassen wurde und jetzt im Krankenhaus liegt, straft die Behauptung, daß der Kommunismus ein Arbeiterparadies geschaffen habe, Lügen.

      ES WIRD WEITER GEPREDIGT

      Die Reihen des Volkes Gottes haben sich durch diese Verfolgung nicht gelichtet, sondern sie sind noch dichter geworden. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, daß es jetzt in der UdSSR kein Gebiet gibt, wo nicht Menschen leben, die die Wahrheit kennen. Es scheint, daß 40 % der Menschen, die die Wahrheit kennengelernt haben, diese in den Gefängnissen und Lagern kennenlernten. Unter ihnen befinden sich Offiziere der Roten Armee, Polizei- und Gefängnisvorsteher, Rechtsanwälte, Journalisten und andere.

      Warum hat die Sowjetregierung diese guten Menschen so verfolgt? Ein Grund besteht anscheinend darin, daß diese Herrscher es nicht leiden können, daß irgend jemand außer ihnen — selbst Gott inbegriffen — als Herr angesehen wird. Die Zeitung Radianska Ukraina, die am vergangenen 30. November in Kiew, UdSSR, erschien, kritisierte Jehovas Zeugen, weil sie nicht damit zufrieden seien, „religiöse Riten und Zeremonien zu beobachten“, was, wie sie sagt, erlaubt sei, sondern darauf bestehen, „reaktionäre Propaganda“ zu machen durch Lehren wie, „die Welt ‚wird durch den höchsten Souverän, Jehova, regiert‘, und die Menschen sind nur ‚seine Diener auf Erden, die seinen Willen tun‘“.

      Diese Lehren, die die Kommunisten als reaktionär betrachten, sind jedoch nur die Lehren der Bibel, in der wir lesen: „Damit sie erkennen, daß du allein, dessen Name JEHOVA ist, der Höchste bist über die ganze Erde.“ Ferner lesen wir darin auch das Gebet Jesu an seinen himmlischen Vater: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ — Ps. 83:18, Fußn.; Luk. 22:42.

      Die Sowjetregierung — oder irgendeine Regierung — würde tatsächlich nichts verlieren, wenn sie Jehovas Zeugen die fundamentalen Rechte der Gottesdienstfreiheit gewährte. Wenn die Russen jetzt glauben — wie es den Anschein hat —, daß Jehovas Zeugen nie etwas mit Spionage zu tun hatten, so besteht tatsächlich kein rechter Grund, warum ihnen nicht volle Religionsfreiheit gewährt werden sollte.

      Ob aber die Sowjets diese Freiheit gewähren oder nicht, so werden Jehovas Zeugen doch trotz aller Opposition fortfahren, die gute Botschaft von Gottes Königreich zu predigen. Sie wissen, daß weder Jesus noch seine Apostel, noch seine Jünger, noch die ersten christlichen Versammlungen von den jüdischen oder römischen Behörden „gesetzlich anerkannt“ wurden, daß sie aber dessenungeachtet vorangingen und trotzdem predigten. Sie waren von Gott anerkannt und brauchten keine andere Anerkennung. Jehovas Zeugen sind heute in der gleichen Lage.

      Ein Zeuge, der in Sibirien lebt, schrieb: „Wir können nicht aufhören, Gottes Königreich zu predigen. Wir haben uns an dieses Gebiet gewöhnt, und wir sind glücklich und fest entschlossen, den Herrn würdig zu vertreten und seine Herrlichkeit überall bekanntzumachen. Wir fühlen uns gedrungen, unseren Brüdern in der ganzen Welt die Zusicherung zu geben, daß wir innig mit ihnen verbunden sind, und wir hoffen, uns eines Tages noch mit ihnen versammeln zu können.“

      Ihre Brüder auf der ganzen Erde teilen diese Hoffnung mit ihnen.

      DIE LAGE ENTSPANNT SICH

      Mit der „Entherrlichung“ Stalins im Jahre 1956 konnte eine Besserung festgestellt werden, und viele der Zeugen, die lange Zeit eingesperrt waren, wurden mit einer schriftlichen Bestätigung, daß sie „von aller Schuld freigesprochen“ seien, entlassen.

      Einige der siebentausend „Sonderumsiedler“, die im Jahre 1951 in das Gebiet von Irkutsk in Sibirien gebracht wurden, sind jetzt frei, aber andere müssen sich jeden Monat bei den örtlichen Behörden melden. Viele dieser Freigesprochenen wollen mit Rücksicht auf das sich ausdehnende Werk nicht heimkehren.

      Es gibt viele Personen, die die Wahrheit in den Lagern kennenlernten und jetzt als freie Menschen die Botschaft des Königreiches in diesen Gebieten predigen. Im vergangenen Jahr wurde im hohen Norden, selbst in Workuta, mit der Arbeit von Haus zu Haus begonnen, und es werden regelmäßig Versammlungen abgehalten.

      Ein Insasse von Workuta schrieb: „Hier wird nun das Werk des Säens ausgiebig getan. Das Feld, das lange Zeit nicht bearbeitet wurde, ist jetzt empfänglicher für den Samen und verspricht, Früchte hervorzubringen. Orte, die viele Jahre lang wie eine Wüste waren, blühen jetzt auf. Das Klima hat sich hier geändert, und das Wetter eignet sich besser für die Arbeit im Felde.“

      In einem Brief, der aus dem Gebiet von Tomsk in Sibirien einging, heißt es: „Der Zweck unserer Übersiedlung in diese entfernten Gebiete war uns zuerst verborgen und unbegreiflich, aber unaussprechliche Freude erfüllt unsere Herzen, wenn wir hören, daß auch die Einheimischen jetzt sagen: ‚Komm!‘ Ich wurde zur Arbeit in ein Gebiet versetzt, das weit entfernt war von unserer Siedlung, und in meinem Bemühen, das in mir brennende Feuer auf andere zu übertragen, fand ich dort eine Familie von sechs Personen, die jetzt die Wahrheit liebt. Ich gab ihnen eine Bibel, und nachdem ich einige Monate mit ihnen zusammengearbeitet hatte, begannen sie ebenfalls Zeugnis zu geben und fanden auch interessierte Personen. Am Abend begeben wir uns immer auf die Straße unseres Dörfchens und singen mit lauter Stimme unsere Lieder, die in den sibirischen Wäldern widerhallen.“

      Ein repatriierter polnischer Gefangener berichtet: „Als endlich der Tag kam, an dem ich nach Polen zurückkehren sollte, kam der Kommandant und sagte mit bewegter Stimme: ‚Ich sehe, daß die Hand des großen Jehovas über euch ist, denn andernfalls würdet ihr als hartnäckige Zeugen Jehovas Sibirien nie verlassen können. Möge euch euer Gott segnen.‘“ Welch überwältigendes Zeugnis ist also bei den Sowjetoffizieren in Sibirien hinterlassen worden!

      Viele Zeugen wurden während des Jahres 1956 freigelassen, andere befinden sich immer noch in Gefangenschaft. Für Tausende, die im Jahre 1951 nach Sibirien verschickt wurden, besteht noch keine Möglichkeit, Bibeln oder biblische Literatur zu bekommen. Diesen Zeugen ist es, obwohl sie unschuldige, friedliebende Menschen sind, verboten, Verbindung miteinander zu haben oder Versammlungen zu bilden. Wie kommt es denn, daß die russisch-orthodoxe Kirche, die Baptisten und andere Religionen sich einer gewissen Freiheit erfreuen? Nur deshalb, weil sie eingewilligt haben, dem Cäsar mehr zu gehorchen als Gott. Jehovas Zeugen weigern sich, dies zu tun, weil es Treulosigkeit Gott gegenüber wäre.

      IN POLEN UND ANDERSWO

      Diese Bedrückung unschuldiger Christen hat sich nicht nur in Sowjetrußland gezeigt, sondern auch in allen Satellitenländern — in Ungarn, der Tschechoslowakei, in Polen und anderswo.

      In Polen hat das Volk unter einem feudalistischen System gelitten, das von der Kirche unterstützt wurde und das die Armen und Bedürftigen nur mit dem vagen Versprechen einer Belohnung nach dem Tode tröstete. Die Bauern zahlten mit Leid und Elend für das verschwenderische Leben der Bevorrechteten und waren nur dem Namen nach keine Leibeigenen mehr. Unter dem Kommunismus, der das verhaßte alte System stürzte, litten die Polen nun unter dem gleichen Terror, wie er in Rußland herrschte.

      Aber trotz dieser Schwierigkeiten findet man auch hier die religiöse Verfolgung als ein ausgeprägtes Merkmal eines totalitären Staates. Mit Wucht stürmte der totale Staat gegen die Tätigkeit der Zeugen Jehovas an. Und zum ersten Mal stießen die polnischen Kommunisten auf ein Volk, das geschlossen standhielt. Es war so entschlossen, seinen Glauben auszuüben, daß die Behörden ganz bestürzt waren.

      Tausende bescheidener, ehrlicher Männer, Frauen und Kinder (Arbeiter, Bauern und Hausfrauen), die alle ohne Grund der Spionage verdächtigt oder angeklagt waren, gaben den brutalen Männern, die sie verhafteten, Zeugnis von ihrer Königreichshoffnung. Alle sprachen das gleiche. Sie legten ein gewaltiges Zeugnis ab für den Namen Jehovas, für seinen König, Christus Jesus, und für Gottes neue Welt der Gerechtigkeit. Selbst die fanatischsten kommunistischen Beamten mußten, nachdem sie immer und immer wieder das gleiche gehört hatten, einsehen, daß ihre Anklagen in nichts zusammenfielen. Die Mehrheit der Verhafteten wurde, nachdem sie einige Stunden oder ein paar Tage verhört worden war, wieder entlassen, aber Hunderte solch unschuldiger Menschen wurden in jenem „Paradies“ brutaler Bedrückung, Gewalt und des Blutvergießens im Gefängnis behalten.

      Natürlich hatten auch andere Menschen einen gewissen Widerstand geleistet, aber keine Gruppe hatte einen solch unerschütterlichen, felsenfesten Standpunkt eingenommen. Es war so, als hätten sich Jehova und Satan in der Person ihrer irdischen Diener und Anbeter gegenübergestanden. Selbst die größte Unterdrückung vermochte die Zeugen nicht zu lähmen oder zu zerstreuen. In Freiheit wie in Gefangenschaft fuhren sie fort, ihren Schöpfer zu verherrlichen und allen, die ihnen Gehör schenkten, sein Vorhaben zu erklären.

      Viele Personen lernten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gefängnismauern die Wahrheit kennen. Hunderte und Tausende hießen die Zeugen willkommen und waren bereit, sich von Jehova belehren zu lassen. Sie hatten erkannt, daß die Behauptung der katholischen Geistlichkeit, Jehovas Zeugen seien mit den Kommunisten verbündet, eine Verleumdung, und die Beschuldigung der Kommunisten, sie seien Spione, eine Lüge war.

      Gewalttaten und Martern vermochten sie nicht zu erschüttern. Der Zweigdiener der Watch Tower Society und andere verantwortliche Diener wurden monatelang nach den Methoden Berijas verhört, aber sie gingen ungebrochenen Geistes daraus hervor, obwohl sie körperlich oft schwer verletzt waren. Mehrere Zeugen kamen um; sie wollten lieber den Märtyrertod sterben als Lügen gegen die Männer, die Gottes Werk in Polen durchführten, zu bestätigen.

      Trotzdem nahm die Zahl der Zeugen monatelang ununterbrochen zu. Während all dieser Verfolgungen litten sie keinen geistigen Hunger. Sie versammelten sich in kleinen Gruppen und versäumten so ihr Zusammenkommen nicht. Ihre „öffentlichen Vorträge“ waren die Begräbnisansprachen, die sie hielten. Jeder Leichenzug, der aus Hunderten von Personen bestand, die ohne Priester durch Dörfer und Städte zogen, war stets eine Sensation und lieferte einen klaren Beweis dafür, daß Jehovas Zeugen alles andere als „liquidiert“ waren.

      Einige Zeugen hatten sogar in gewissen Dörfern Dienst von Haus zu Haus getan, und seitdem die Entstalinisierung eingesetzt hat, gehen Zehntausende von ihnen mit der einzigen Botschaft, die es wirklich wert ist, heute gepredigt zu werden, von Haus zu Haus.

      Sie sehen den bedeutenden Unterschied — und hoffen, daß auch du ihn siehst — zwischen den eitlen, von Menschen vorgeschlagenen Mitteln zur Lösung der Weltprobleme und dem einzig wahren Mittel, das nun bald die richtige Lösung herbeiführen wird. Diese richtige Lösung wird nicht auf politischem Wege erzielt, sondern durch Gottes Königreich.

  • An die Kommunistenführer eingereichte Petition
    Der Wachtturm 1957 | 15. April
    • An die Kommunistenführer eingereichte Petition

      „ICH werde Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.“ Diese Worte sprach Jehova Gott zur Schlange im Garten Eden. Die Feindschaft hat denn auch bis in unsere Zeit hinein bestanden. Heute tritt sie in dem Haß, den die kommunistischen Herrscher gegen Jehovas Zeugen hegen, besonders zutage. — 1. Mose 3:15, NW.

      Es handelt sich hierbei in der Tat um eine solch erbitterte Feindschaft, daß man jahrelang nichts über das Los der Zeugen Jehovas in Rußland und Sibirien erfuhr. In den letzten Jahren sind jedoch die Beweise dafür, daß es in jenen Gebieten und auch in anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang Tausende von Zeugen Jehovas gibt, immer zahlreicher geworden.

      Bis zum Jahre 1949 wurde diesen Zeugen kaum irgendwelche Aufmerksamkeit zuteil. Im Juli jenes Jahres fand in der „Waldbühne“ in Berlin eine Bezirksversammlung der Zeugen Jehovas statt. Damals wurde von den 18 000 Versammelten eine Resolution angenommen, in der gegen die kommunistische Bedrückung der Zeugen in Ostdeutschland protestiert wurde. Im folgenden Jahr nahmen anläßlich eines internationalen Kongresses der Zeugen Jehovas im Yankee-Stadion (New York) 85 000 Kongreßteilnehmer eine Resolution an, die einen Protest „gegen die Verfolgung der Zeugen Jehovas durch die kommunistischen und andere Regierungsmächte“ enthielt.

      Seither sind viele Meldungen über die Tätigkeit und die Leiden der Tausende von Zeugen, die sich hinter dem Eisernen Vorhang befinden, durchgesickert. Diese Meldungen erschienen in der Weltpresse und in den Zeitschriften der Watch Tower Society.

      Die Zeugen hinter dem Eisernen Vorhang haben sich danach gesehnt, mit ihren Brüdern in der übrigen Welt in Verbindung zu gelangen. Sie haben an die Regierungsstellen appelliert, erfuhren jedoch keine Besserung ihrer Lage. Deshalb haben sie sich an die in anderen Ländern lebenden Zeugen gewandt, mit dem Wunsche, daß sie sich bei der russischen Regierung für sie verwenden möchten. Angesichts der sich häufenden Berichte über die Verfolgung dieser Zeugen schien es angebracht zu sein, bei der höchsten Stelle der russischen Regierung eine Petition einzureichen.

      So wurde denn in der Zeit vom Sommer 1956 bis etwa Februar 1957 bei Anlaß von 199 Bezirksversammlungen der Zeugen Jehovas, die in der ganzen Welt stattfanden, eine solche Petition angenommen. Insgesamt 462 936 Personen stimmten bei diesen Anlässen begeistert für ihre Annahme. Die erste der von diesen 199 Bezirksversammlungen nach Moskau gesandten Petitionen wurde in Finnland angenommen und wird hier in Deutsch wiedergegeben.

      DIE ANGENOMMENE PETITION

      An den Herrn Ministerpräsidenten Nikolai A. Bulganin,

      Vorsitzender des Ministerrates der Sowjetunion

      Moskau, UdSSR

      Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

      Wir, 1136 Delegierte, die aus vielen Versammlungen der Zeugen Jehovas zu einer Bezirksversammlung in Kemi, Lappland (Finnland), heute, den 30. Juni 1956, zusammengekommen sind, fassen hiermit den Beschluß, durch die nachfolgende Darlegung Ihre Aufmerksamkeit auf unsere Mitchristen zu lenken, die, wie Ihnen bekannt ist, in Ihrem ausgedehnten Lande nach vielen Tausenden zählen.

      Im Laufe der vergangenen zwei Jahre sind uns durch bemerkenswerte Pressemeldungen und durch Heimkehrer Nachrichten aus Rußland zugegangen, die besagen, (1) daß etwa 2000 Zeugen Jehovas im Straflager von Workuta weilen oder geweilt haben; (2) daß Anfang April des Jahres 1951 etwa 7000 Zeugen Jehovas aus den Baltischen Staaten bis hinab nach Bessarabien verhaftet und in Frachtzügen in ein fernes, zwischen Tomsk und Irkutsk liegendes Gebiet sowie in die Nähe des Baikalsees in Sibirien weggeführt wurden; (3) daß Zeugen Jehovas in mehr als fünfzig Lagern zurückgehalten werden, und zwar vom europäischen Rußland bis nach Sibirien und nordwärts bis zum Nördlichen Eismeer, ja sogar auf der arktischen Insel Nowaja Semlja, und daß (4) eine Anzahl von diesen Zeugen Jehovas, besonders von den 7000 schon Erwähnten, wegen Unterernährung im Laufe der ersten zwei Jahre ihres Aufenthaltes in Sibirien starben.

      P E T I T I O N

      Eine objektive Untersuchung der Sache der Zeugen Jehovas wird offenbaren, daß sie es nie verdienten, eingesperrt, deportiert und in Straflager gesandt zu werden. Darum erachten wir es jetzt als höchst zeitgemäß, an Ihre Regierung eine PETITION zu richten mit dem Ersuchen, diese aufrichtigen Christen, die sich durch ihre glühende Liebe zur Gerechtigkeit, zur Wahrheit und zum Frieden auszeichnen, (a) freizulassen und (b) sie zu ermächtigen, sich zu christlichen Versammlungen zu organisieren, ferner zu Kreisen und Bezirken, die alle diese Versammlungen im ganzen Lande umfassen, wobei ihnen verantwortliche Prediger und Diener gemäß demselben Muster dienen, dem in allen anderen Ländern gefolgt wird; (c) sie zu autorisieren, reguläre Beziehungen mit der christlichen leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas in Brooklyn, New York, Vereinigte Staaten von Amerika, aufzunehmen und (d) sie zu ermächtigen, die Zeitschrift Der Wachtturm in Russisch, Ukrainisch und, je nach Bedarf, in anderen Sprachen zu empfangen und zu veröffentlichen, desgleichen weitere biblische Schriften, wie sie von Jehovas Zeugen in der ganzen Welt verwendet werden.

      DARLEGUNG DES TATBESTANDES

      Jehovas Zeugen sind eine christliche Gemeinschaft, die heute mehr als 640 000 Prediger umfaßt und ihre Tätigkeit in rund 160 Ländern ausübt, also sozusagen in jedem Land der Erde. Ihre Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! werden halbmonatlich in einer Auflage von insgesamt über 4 000 000 Exemplaren gedruckt und in 44 Sprachen veröffentlicht.

      Obwohl Jehovas Zeugen aus allen Nationen stammen, haben sie, soweit es sie selbst betrifft, das Problem der friedlichen, universellen und dauernden Koexistenz vollständig gelöst. In ihren Reihen haben sie alle rassischen, nationalen und religiösen Schranken und Vorurteile überwunden und sind eine Gemeinschaft von Brüdern, von Nachfolgern Christi, geworden, die sich alle von den zwei größten Geboten leiten lassen, dem Gebot der Liebe zu Gott und dem der Liebe zu ihrem Nächsten. Deswegen werden und können sie sich nicht von Zeit zu Zeit auf den Schlachtfeldern töten, wie es Katholiken, Protestanten und Glieder anderer Religionssysteme tun.

      Zum römischen Statthalter Pontius Pilatus sagte Jesus Christus: „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“, wodurch er zeigte, daß das Römische Reich, dessen Vertreter Pilatus in Palästina war, wegen seiner religiösen Tätigkeit nicht beunruhigt zu sein brauchte. Er bekämpfte die machthabende politische Regierung nicht. Er verfolgte keine politischen Interessen und Ziele. Er war kein politischer Parteiführer, kämpfte nicht für die Juden gegen die Römer oder umgekehrt. Nein, aber er wies auf die Wurzel alles Bösen hin und führte ein Programm geistigen Heilens durch, das bis heute fortgesetzt worden ist und das durch den Predigtdienst seiner wahren Nachfolger alle Nationen erreicht. Zu Pilatus sprach Jesus ferner: „Ich bin dazu in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.“ (Me) Darauf sagte Pilatus zu der jüdischen Geistlichkeit, die heuchlerisch und fälschlich Anklage gegen Jesus erhob: „Ich finde keinerlei Schuld an ihm.“ — Johannes 18:36-38.

      Unter Jehovas Zeugen von heute sind keine Verbrecher zu finden. Sie gehorchen Gottes Geboten: „Ihr seid meine Zeugen, spricht Jehova.“ (Jesaja 43:10, 12) Sie bringen vor allem Gott das dar, was Gott gehört, und dann dem politischen Herrscher auf Erden das, was ihm gehört. (Matthäus 22:21) Gemäß Christi Lehre bilden sie eine universelle Bruderschaft, bestehend aus Russen, Chinesen, Finnen und aus Gliedern vieler anderer Nationen, und ihre Bruderschaft nimmt auf der ganzen Erde rasch zu. Jehovas Zeugen schaden niemandem. Sie bleiben neutral gegenüber den Streitigkeiten dieser Welt. Sie befassen sich weder mit irgendeiner umstürzlerischen Tätigkeit noch mit Spionage. Sie sind nicht Nationalisten, nicht selbstsüchtige Kapitalisten, nicht Imperialisten. Als wahre Christen könnten sie das gar nicht sein, noch könnten sie für irgendwelche politischen Lehren oder Ideologien kämpfen, seien diese nun kommunistisch, demokratisch oder kapitalistisch. In Amerika und anderen westlichen Ländern sind Jehovas Zeugen als „Kommunisten“ bezeichnet worden und in den Ländern, die unter kommunistischer Herrschaft stehen, als „Imperialisten“, weil sie den Weltangelegenheiten gegenüber eine neutrale Stellung einnehmen. Kommunistische Regierungen haben die Anklage gegen sie erhoben, sie seien „imperialistische Spione“, haben sie vor Gericht gestellt und sie bis zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Und doch haben sie sich nie an irgendeiner umstürzlerischen Tätigkeit, noch in irgendeinem Falle an Spionage beteiligt.

      Aus obigen Gründen ist es ein absolutes Unrecht und eine Verletzung elementarster Rechtsbegriffe, sie gefangenzusetzen, zu internieren und zu deportieren, geschehe es nun für einen Tag oder für fünfundzwanzig Jahre.

      Nicht nur in westlichen Ländern, sondern auch in kommunistisch beherrschten werden Jehovas Zeugen als zuverlässige, vertrauenswürdige, gewissenhafte Arbeiter anerkannt. Sie erfüllen ihre richtigen Pflichten als Bürger des Landes, in dem sie leben. Sie sind intelligente Menschen, die nicht daran glauben, daß all die Bedrückung und die unrichtige Unterweisung durch falsche Religionen Erfolg haben. Sie stehlen nicht und betrinken sich nicht, wodurch der Produktionsgang verlangsamt werden könnte, und sie beteiligen sich niemals an irgendwelchen Sabotagehandlungen. Sie folgen den Lehren der Heiligen Schrift, deren Drucklegung und Verbreitung in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken die Regierung der UdSSR vor kurzem genehmigt hat.

      Ein bemerkenswerter Punkt, in dem Jehovas Zeugen als Nachfolger Christi von ihren Mitmenschen abweichen, besteht darin, daß sie gehorsam weiterhin das tun, was Christus zu tun geboten hat, als er sprach: „Diese gute Botschaft vom Königreich wird gepredigt werden auf der ganzen bewohnten Erde, allen Nationen zu einem Zeugnis, und dann wird das vollendete Ende kommen.“ (Matthäus 24:14, NW) Folglich tun dies Jehovas Zeugen heute unter allen Nationen, und sie werden es trotz Verfolgung und Gegnerschaft und auf die Gefahr hin, ihr Leben zu verlieren, weiterhin tun, wie Jesus es gesagt hat: „Ihr werdet von allen Nationen gehaßt werden um meines Namens willen“ und „Siehe! ich sende euch aus wie Schafe unter Wölfen.“ — Matthäus 24:9; 10:16, NW.

      Wünscht Ihre Regierung einen Anteil zu haben an der Verantwortung, die die Erfüllung dieser Worte mit sich bringt, die der Begründer des wahren Christentums gesprochen hat?

      VORSCHLAG ZU EINER BESPRECHUNG

      Es würde uns sehr freuen, die Angelegenheiten durch Vertreter unserer leitenden Körperschaft, der Watch Tower Bible and Tract Society, mit Ihnen weiter besprechen zu können, sei es nun durch Ihren ersten Vertreter in den Vereinigten Staaten von Amerika oder direkt mit Ihrer Regierung in Moskau.

      Sie haben gestattet, daß viele Delegationen von westlichen Ländern Ihre Hauptstadt und Ihr Land besuchen. Somit möchten wir den Gedanken äußern, daß Sie auch die Möglichkeit erwägen, einer Delegation von Jehovas Zeugen zu gestatten, nach Moskau zu kommen, damit sie Ihnen weitere Aufschlüsse gebe, die für Sie erforderlich sein mögen, und die Sie um die Erlaubnis bitten kann, in den verschiedenen Lagern unsere christlichen Brüder zu besuchen, die, wie wir hoffen, durch eine Verfügung Ihrerseits binnen kurzem freigelassen werden.

      Inzwischen können wir nichts weiter tun, als die Welt über die in russischen Gefängnissen, Straflagern und Deportationszentren weilenden Zeugen Jehovas zu unterrichten, da wir es ihnen, als unseren Freunden und Glaubensbrüdern, schuldig sind, die Welt über ihre Lage aufzuklären. Doch möchten wir der Welt lieber mitteilen, daß Sie, die Regierung von Rußland, die Verfügung getroffen haben, Jehovas Zeugen die Freiheit zu schenken und sie aus all diesen Orten zu entlassen, damit sie in die Lage versetzt werden, als freie Bürger Ihres Landes zu arbeiten und ein ruhiges und stilles Leben zu führen, das nach ihrer Glaubensüberzeugung mit dem von Jesus Christus gegebenen Beispiel übereinstimmt. — 1. Timotheus 2:1-6.

      Im Vertrauen darauf, daß Sie diese Petition berücksichtigen und die Bedeutung dieses Falles in Betracht ziehen und daß wir eine günstige Antwort erhalten werden, zeichnen wir, sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

      In aller Aufrichtigkeit

      Jehovas Zeugen

      Kalle Salavaara

      Antrag zur Annahme dieser Resolution, vorgebracht durch

      Matti K. Tiainen, Versammlungsadministrator.

      Unterstützt durch

      Erkki Kankaanpää, Versammlungsvorsitzender.

      Einstimmig angenommen durch die Bezirksversammlung in Kemi,

      wie bestätigt durch

      Väinö Pallari, Pressebeamter,

      am 30. Juni 1956 in Kemi, Lappland (Finnland).

      WIE SIE AUFGENOMMEN WURDE

      Bei jeder Bezirksversammlung unterzeichneten vier Zeugen Jehovas im Namen der Anwesenden drei Exemplare der Petition. Ein Exemplar wurde direkt an Ministerpräsident Bulganin nach Moskau gesandt, ein anderes an den russischen Gesandten des Landes, in dem die Versammlung stattfand, ein weiteres an das Zentralbüro der Watch Tower Society, und weitere Abschriften davon wurden der Presse zur Verfügung gestellt, die im allgemeinen gute Berichte darüber veröffentlichte.

      Wie reagierte die russische Regierung auf diese Petition? Bis heute hat sie sie ignoriert. Nicht ein Wort ist darüber laut geworden. Daß wenigstens ein Exemplar in Moskau eingetroffen ist, wird durch einen Empfangsschein eines Postamtes in den Vereinigten Staaten bestätigt, der zeigt, daß die Petition der russischen Regierung übergeben und von ihr auch entgegengenommen worden ist.

      Es wurden ferner Anstrengungen gemacht, die Petition den russischen Gesandten in den verschiedenen Ländern persönlich zu überreichen. In den meisten Fällen war es jedoch nicht möglich, den Gesandten selbst zu sprechen. In Uruguay erklärte der Sekretär des Gesandten, die Petition sei voller Lügen, und lehnte es kategorisch ab, etwas damit zu tun zu haben. Er behauptete beharrlich, daß in Rußland die Religionsfreiheit gewährleistet sei. Ähnliche Bemühungen in anderen Ländern, zum Beispiel in Österreich, den Niederlanden und der Schweiz, führten zu ziemlich gleichen Ergebnissen.

      In Frankreich nahm der Sekretär des Gesandten die Petition entgegen. Er konnte jedoch nicht verstehen, weshalb ‚Franzosen, die in Frankreich leben, sich um Russen kümmerten, die in Rußland leben‘! Offenbar war es für seinen kommunistisch geschulten Sinn unfaßbar, daß Loyalität und Treue nationale Schranken und Unterschiede überwinden können.

      Da in den Vereinigten Staaten der Gesandte abwesend war, wurde eine Verabredung mit der ihm am nächsten stehenden Amtsperson, einem Herrn Striganow, getroffen. Im Laufe der Unterhaltung legten die Zeugen Jehovas den Zweck ihres Besuches dar, erklärten, welche Stellung sie einnehmen, und wiesen darauf hin, daß es im Interesse der russischen Regierung wäre, wenn sie ihre feindselige Haltung den Zeugen gegenüber aufgäbe. Sie betonten auch, daß zweifellos Mißverständnisse und Falschdarstellungen die russische Regierung veranlaßt hätten, eine solche Haltung einzunehmen, und empfahlen ihr das Verhalten der polnischen Regierung, die eine Untersuchung über die Zeugen durchgeführt hatte und, nachdem es sich herausstellte, daß die gegen sie erhobenen Anschuldigungen nicht begründet waren, die Zeugen aus dem Gefängnis entließ.

      Herr Striganow behauptete jedoch, daß eine Menge Lügen über Rußland in Umlauf gesetzt worden seien und daß niemand dort wegen seiner Religion, sondern wenn er gegen das Gesetz verstoße, eingesperrt werde. Er kritisierte die Haltung der Zeugen dem Kriege gegenüber und beharrte darauf, daß das Gesetz Rußlands über dem Gesetz Jehovas stehe und in Rußland befolgt werden müsse. Er spottete wiederholt, als der Name Jehovas erwähnt wurde, und lehnte es ab, die Petition entgegenzunehmen, ja, er tat, als ob es Dynamit wäre, und wollte sie nicht einmal in die Hand nehmen.

      Jehovas Zeugen lassen sich jedoch nicht so leicht entmutigen. Sie geben den Kampf nicht ohne weiteres auf. Als Beweis für ihr aufrichtiges, unnachgiebiges Bemühen, ihren unterdrückten Brüdern hinter dem Eisernen Vorhang zu helfen, sandten sie am 1. März 1957 folgende gemeinsame Petition an die Kommunistenführer.

      An den Herrn Ministerpräsidenten Nikolai A. Bulganin,

      Vorsitzender des Ministerrates der Sowjetunion

      Moskau, UdSSR

      Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

      Hiermit wendet sich die leitende Körperschaft der in der ganzen Welt wirkenden Gruppe von Christen, Jehovas Zeugen genannt, an Sie.

      Unter der Leitung der Watch Tower Bible and Tract Society von Pennsylvanien, einer fortwährend zunehmenden Organisation christlicher Prediger, unterrichten Jehovas Zeugen in 162 Ländern, Republiken und Kolonien auf der ganzen Erde die Menschen über das Wort des allmächtigen Gottes, Jehovas, des Schöpfers des Universums. Sie sind wahre Christen, die sich in ihrer echten Anbetung Gottes, Jehovas, von den in der Heiligen Schrift niedergelegten gerechten Maßstäben und Grundsätzen leiten lassen.

      Innerhalb der Grenzen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken befinden sich Tausende dieser Zeugen Jehovas. Sie bemühen sich treulich, dem höchsten Gott, Jehova, unter prüfungsvollen Umständen zu dienen. Viele von ihnen wurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Andere sind von ihren Wohnstätten weit weg in die Verbannung nach Sibirien geschickt worden. Dies geschah nicht etwa, weil sie irgendein Verbrechen begangen oder sich in irgendeiner Weise politisch betätigt hätten. Jehovas Zeugen sind die friedlichste, gesetzestreueste Gruppe Menschen auf Erden. Sie sind einzig und allein deshalb bestraft worden, weil sie Gott hingegebene Christen sind, die sich aufrichtig bemühen, den Anordnungen Jesu Christi nachzukommen. Sie trachten allerdings in erster Linie nach dem Königreiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, weil Christus, laut Matthäus 6:33, alle Christen anwies, dies zu tun. Dabei aber befolgen sie auch alle Gesetze des Landes, in dem sie leben, ausgenommen, es werde ein Gesetz erlassen, das im Widerspruch mit dem höchsten Gesetz des Schöpfers steht. Sie sind gewissenhaft und achten sorgfältig darauf, ‚Cäsars Dinge dem Cäsar zurückzuzahlen, Gottes Dinge aber Gott‘. — Matthäus 22:21, NW.

      Jahrelang haben nun Jehovas Zeugen in der Sowjetunion große Schwierigkeiten und heftige Verfolgung erduldet. Sie haben Komitees und Delegationen von Predigern aus ihrer Mitte gebildet, die sich in Übereinstimmung mit den bestehenden Vorschriften um die gesetzliche Eintragung ihrer Religionsorganisation bemühten, aber jedesmal wurden sie abgewiesen, und statt die Eintragung ihrer christlichen Organisation zu erlauben, ließ man einige der Prediger ihrer Delegation verhaften. Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, daß sich in der Sowjetunion Tausende von Zeugen Jehovas wegen ihres christlichen Glaubens im Gefängnis befinden oder nach Sibirien verbannt worden sind.

      Alle Zeugen Jehovas gehen feierlich ein Gelübde ein, Jehova Gott als Prediger zu dienen, und sie dürfen davon nicht abweichen. Sie haben den bestimmten Auftrag erhalten, die gute Botschaft von Gottes Königreich zu verkündigen. Sie müssen Gott ebenso treu sein und sich von den gleichen theokratischen Gesetzen leiten lassen wie ihre Vorbilder, die Apostel Jesu Christi, die um ihres Gottesdienstes willen viel Widerstand und körperliche Leiden erduldeten. In der Heiligen Schrift finden wir in Apostelgeschichte 5:17-40 eines der vielen Beispiele dafür, wie die ersten Christen vor Gericht gestellt wurden. Bei jener Gelegenheit legte der bekannte, nichtchristliche Rechtsgelehrte Gamaliel dem Hohen Rat einen Grundsatz vor, der bis auf den heutigen Tag Gültigkeit hat und auf den wir Sie in Verbindung mit den gegenwärtigen Freiheitsbeschränkungen, unter denen die Zeugen Jehovas in der Sowjetunion leiden, respektvoll aufmerksam machen möchten: „Wenn dieser Plan und dieses Werk von Menschen ist, wird es niedergerissen; wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht niederwerfen können.“

      Jehovas Zeugen sind Gottes Diener. Ihr Werk ist Gottes Werk. Deshalb müssen und werden Jehovas Zeugen mit der Hilfe Gottes, Jehovas, auch künftig in allen Ländern, einschließlich der Sowjetunion, ein christliches Leben führen und dem Höchsten dienen.

      Wahre Christen lieben einander und sind um ihre Mitchristen sehr besorgt. In Zeiten der Not unterstützen sie sich gegenseitig, erfordere das nun materielle oder geistige Hilfe. Jehovas Zeugen sind solche Christen, und aus diesem Grunde haben sie sich in den vergangenen neun Monaten an Sie als eine Persönlichkeit gewandt, die in der Sowjetunion eine geehrte Stellung einnimmt, und haben Sie ersucht, über das Unrecht, das man ihren Genossen, den Zeugen Jehovas in Ihrem Lande, zugefügt hat, Untersuchungen anzustellen und ihnen, nämlich unseren Brüdern in Christus, Gottesdienstfreiheit zu gewähren.

      Die Petition wurde Ihnen in vielen Sprachen von 199 Bezirksversammlungen der Zeugen Jehovas zugestellt. Jedes Exemplar wurde als eingeschriebener Luftpostbrief versandt. Um sicher zu sein, daß Ihnen diese wichtige Angelegenheit zur Kenntnis komme, wurden ferner den diplomatischen Vertretern der Sowjetunion in jedem Land Abschriften der Petition übermittelt.

      Insgesamt 462 936 Zeugen Jehovas in der ganzen Welt haben diese Petition angenommen und erwarten nun, Nachrichten darüber zu erhalten, welche Schritte von der Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zur Befreiung der leidenden christlichen Zeugen Jehovas dort unternommen werden.

      Als leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt sind wir ermächtigt, Ihnen hiermit eine gemeinsame Petition bezüglich der Probleme der Zeugen Jehovas in der Sowjetunion zu unterbreiten. Als Diener des höchsten Gottes, Jehovas, obliegt uns vor ihm die Verpflichtung, Sie zu bitten, diesem ernsten Problem Ihre Beachtung zu schenken. Wir sind immer noch bereit, unsere Delegation zu den vorgeschlagenen Besprechungen nach Moskau zu entsenden.

      Im Namen der 462 936 Zeugen Jehovas, die die Petition angenommen haben, ersuchen wir Sie respektvoll um eine baldige Antwort. Vor dem höchsten Gott, Jehova, ruht die Verantwortung nun auf Ihnen: „Sonst mögt ihr gar als solche erfunden werden, die in Wirklichkeit gegen Gott kämpfen.“ — Apostelgeschichte 5:39, NW.

      Unterbreitet von den Direktionsmitgliedern:

      WATCH TOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA

      N. H. Knorr, Präsident

      F. W. Franz, Vizepräsident

      Grant Suiter, Sekretär-Kassier

      H. H. Riemer, stellvertretender Sekretär-Kassier

      T. J. Sullivan, Direktionsmitglied

      L. A. Swingle, Direktionsmitglied

      M. G. Henschel, Direktionsmitglied

      Jehovas Zeugen kamen dadurch, daß sie diese Frage derart in den Vordergrund rückten, einer dreifachen Verpflichtung nach: Sie legten Zeugnis ab für Jehovas Oberhoheit; sie machten Jehovas Feinde auf die Verkehrtheit ihres Handelns aufmerksam, und sie bemühten sich, ihren Brüdern hinter dem Eisernen Vorhang zu helfen.

      Und nun vertrauen sie auf die Verheißung Jesu: „Sollte Gott seinen Auserwählten nicht Recht verschaffen, die Tag und Nacht laut zu ihm schreien, auch wenn er langmütig ist gegen sie? Ich sage euch: Er wird ihnen eilends Recht verschaffen.“ — Luk. 18:7, 8, NW.

  • Fragen von Lesern
    Der Wachtturm 1957 | 15. April
    • Fragen von Lesern

      ● Warum glauben Jehovas Zeugen, daß Menschengeschöpfe ewig auf Erden leben werden, wenn es doch in der Bibel heißt, daß die Erde verbrannt werde?

      Es stimmt, daß die Bibel sagt: „Die jetzigen Himmel aber und die Erde sind durch sein Wort aufbewahrt, für das Feuer behalten auf den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen.“ Die Bibel sagt aber auch: „Die Erde besteht ewiglich.“ Somit scheint hier ein Widerspruch vorzuliegen. Richtig verstanden, widersprechen sich diese Worte jedoch nicht. — 2. Pet. 3:7; Pred. 1:4.

      Darüber, wie sich Spötter in den letzten Tagen verhalten werden, lesen wir in 2. Petrus 3:5-7 (NW): „Ihrem Wunsche gemäß entgeht diese Tatsache ihrer Kenntnis, daß es in alten Zeiten Himmel gab sowie eine Erde, die, festgeworden, aus dem Wasser herausragte und sich inmitten des Wassers befand durch das Wort Gottes, und dadurch wurde die damalige Welt vernichtet, als sie mit Wasser überflutet wurde. Aber durch dasselbe Wort werden die jetzigen Himmel und die Erde aufbewahrt für das Feuer, aufbehalten für den Tag des Gerichts und der Vernichtung der gottlosen Menschen.“

      Der Apostel Petrus weist hier auf die Flut der Tage Noahs hin. Die „damaligen“ Himmel und die Erde wurden durch Wasser vernichtet, sagt Petrus. Doch durch jene Flutwasser wurden weder die buchstäblichen Himmel noch der buchstäbliche Planet Erde vernichtet, denn diese bestehen heute noch. Was wurde denn vernichtet? Das dämonische System oder die Einrichtung Satans, wodurch er über die Menschen herrschte, sowie die Gottlosen auf Erden. Sie wurden sinnbildlich als „Himmel“ und „Erde“ bezeichnet. Wir lesen, daß „die ganze Erde das Angesicht Salomos suchte, um seine Weisheit zu hören“. Die Erde hat keine Ohren, um zu hören; das Volk ging hin, um Salomo zu hören. „Es freue sich der Himmel, und es frohlocke die Erde!“ schrieb der Psalmist und meinte damit die Bewohner des Himmels und der Erde. — 1. Kön. 10:24; Ps. 96:11.

      Folglich bestehen die „jetzigen Himmel und die Erde“, die aufbehalten werden für die Vernichtung, aus den unsichtbaren bösen Himmeln — Satan und seinen Dämonen — und den Gottlosen auf Erden. Von diesen bösen Himmeln und der Erde heißt es in Offenbarung 20:11 (NW): „Vor ihm entflohen die Erde und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden.“ Sie werden ersetzt durch die „neuen Himmel und die eine neue Erde, die wir nach seiner Verheißung erwarten, und in diesen wird Gerechtigkeit wohnen“. Damit ist nicht ein neues Sternenzelt gemeint, sondern es sind darunter neue symbolische Himmel zu verstehen, bestehend aus Christus und seinen Miterben, die vom Himmel her regieren; es ist damit auch nicht ein neuer Planet gemeint, sondern eine neue symbolische Erde, bestehend aus gehorsamen Menschen, die der Gerechtigkeit ergeben sind. Übrigens, wenn die Erde, die verbrannt werden soll, die buchstäbliche Erde wäre, so müßten auch die Himmel, die mit der Erde in Rauch aufgehen sollen, die buchstäblichen Himmel sein — wie könnten dann aber jene gerettet werden, die durch eine Entrückung in den Himmel diesem Feuer zu entgehen hoffen? — 2. Pet. 3:13, NW.

      Da es sich also bei den Himmeln und der Erde, die durch Feuer vernichtet werden sollen, ebenso um symbolische Himmel und eine symbolische Erde handelt wie damals, als Himmel und Erde durch die Flut vernichtet wurden, so widerspricht sich die Bibel nicht, wenn sie andererseits sagt, daß die buchstäbliche ‚Erde ewiglich besteht‘. Und wenn die Erde ewig bestehen soll, dann wird sie auch ewiglich bewohnt werden, denn „also spricht Jehova, der Schöpfer des Himmels, der Gott, der die Erde gebildet und bereitet hat — er hat sie nicht erschaffen, daß sie leer sein soll, sondern

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