Das Luftkissenfahrzeug — ein modernes Verkehrsmittel
Vom „Awake!“-Korrespondenten auf den Britischen Inseln
AM 30. April 1966 wurde durch zwei kleine Luftkissenfahrzeuge, die je achtunddreißig Passagiere befördern konnten, eine neue Verkehrsverbindung zwischen England und dem europäischen Kontinent hergestellt. Die Fahrzeuge fuhren weder wie ein Schiff über die Straße von Dover (ein Teil des Ärmelkanals), noch flogen sie wie ein Flugzeug hoch über dem Wasser. Statt dessen glitten sie mit einer Geschwindigkeit von fünfundvierzig Kilometern pro Stunde auf einem Luftkissen über das Wasser.
Heute macht das neueste Luftkissenfahrzeug während der Hauptsaison mehrere Fahrten am Tag und befördert dabei jeweils 282 Passagiere und 38 Autos mit einer Geschwindigkeit von etwa 100 km/h auf der gleichen Strecke.
Experiment mit Kaffeedosen
Vor etwa zwanzig Jahren stellte ein Elektronikingenieur mit Hilfe zweier leerer Kaffeedosen, von denen die eine etwas kleiner war als die andere, und eines kleinen Gebläses ein Versuchsmodell her. Der Ingenieur, Christopher Cockerell, nahm die größere Dose und bohrte ein Loch in den Boden, das groß genug war, damit der Stutzen des Gebläses hineinpaßte. Als nächstes befestigte er die kleinere Dose innerhalb der größeren so, daß zwischen beiden Wänden ein Zwischenraum blieb. Nun mußte die Luft, die in das Loch der größeren Dose geblasen wurde, durch den Zwischenraum zwischen beiden Dosen strömen und als ringförmiger, nur einen Bruchteil eines Zentimeters breiter Luftvorhang am anderen Ende der Dosen heraustreten.
Der Apparat wurde an einem Ständer befestigt, so daß der komprimierte Luftstrom auf die Waagschale einer Küchenwaage gerichtet werden konnte. Auf diese Weise hatte Cockerell nun die Möglichkeit, dem Druck der austretenden Luft ungefähr zu messen. Wie erwartet, hatte sich der Druck des Luftstroms auf seinem Weg durch den Zwischenraum mehr als verdreifacht. Daraus schloß Cockerell, daß ein so erzeugter ringförmiger Luftstrom, wenn er auf eine feste Grundlage gerichtet wäre, nicht nur das Gewicht des Apparates, sondern auch noch eine zusätzliche Last tragen könnte. Wenn dann der Apparat noch irgendwie angetrieben werden könnte, würde er sich zusammen mit einer Last auf einem kontrollierten Luftkissen ziemlich sicher in irgendeine Richtung fortbewegen. Damit war das Luftkissenfahrzeug geboren.
Entwicklung
Im Jahre 1959 zeigte die National Research and Development Corporation (NRDC, Nationale Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft) Interesse an dem Prinzip des Luftkissenfahrzeuges. Das ist eine von der britischen Regierung geförderte Gesellschaft, die die Aufgabe hat, vielversprechende Erfindungen so weit zu entwickeln, daß sich die Herstellung lohnt. Bald beauftragte die NRDC eine Firma, sich des Projektes anzunehmen, und es wurde ein Vertrag zur Herstellung abgeschlossen. So wurde das erste Luftkissenfahrzeug der Welt gebaut. Dieses Fahrzeug wurde in East Cowes auf der Insel Wight in Betrieb genommen. Es wog dreieinhalb Tonnen und hatte eine 440 PS starke Maschine, die nicht nur das Luftkissen erzeugte, sondern auch das Fahrzeug durch zwei Düsen antrieb, die an beiden Seiten angebracht waren.
Zunächst wurde das Luftkissenfahrzeug auf dem Land getestet, aber nach einem Monat unternahm man auch Versuche auf See. Und eines Tages staunten die Fahrgäste der Solent Ferry, die zwischen Southampton und der Insel Wight verkehrte, als sie von einem seltsamen Fahrzeug überholt wurden, das sich mit einer überraschend hohen Geschwindigkeit, nämlich mit 40 km/h, fortbewegte.
Es mußten noch einige Verbesserungen vorgenommen werden, da das erste Luftkissenfahrzeug über Hindernisse (Wellen und Unebenheiten des Bodens), die höher als fünfundvierzig Zentimeter waren, nicht ruhig hinweggleiten konnte. Schließlich wurde rund um den Boden des Fahrzeuges eine flexible, in Segmente unterteilte Gummischürze angebracht, durch die der Austritt der Luft aus der Düse verzögert werden sollte. Dadurch wurde nicht nur die Wirksamkeit des Luftabschlusses erhöht, sondern das Fahrzeug erhielt außerdem noch einen stärkeren Auftrieb, der nötig war, damit es größere Hindernisse nehmen konnte. Tatsächlich wurde die Gummischürze einer der wichtigsten Faktoren in der Entwicklung des Luftkissenfahrzeuges, und sie ermöglichte es, daß aus einem besseren Spielzeug ein nützliches Fahrzeug wurde, das große Lasten transportieren kann.
Andere Verwendungsmöglichkeiten
Das Prinzip des Luftkissenfahrzeuges ist seit seiner Entdeckung auf verschiedenen Gebieten angewandt worden. Zum Beispiel hat es der Luftkissen-Lastenschlepper ermöglicht, schwere Lasten auf eine Luftkissenplattform zu laden, sie dann an ein konventionelles Schleppfahrzeug zu koppeln und die Last an einen anderen Ort zu befördern. Im Juli 1967 wurden mit Hilfe dieser Methode zwei riesige Vorratstanks, die zu einem Depot in der Nähe von Manchester (England) gehörten, je siebzig Tonnen wogen und einen Durchmesser von fünfzehn Metern hatten, 200 Meter weit an ihren neuen Standort transportiert. Die Luft, die in einen Luftkissen-Lastenschlepper gepumpt wurde; bis sie einen Druck von neunundzwanzig Pond pro Quadratzentimeter erreichte, hob jeden Tank fast zwanzig Zentimeter über den Erdboden. Der Transport verlief reibungslos, obwohl das Fahrzeug einen Zickzackkurs einschlagen mußte.
Heute werden mit der gleichen Methode Transformatoren, die 200 Tonnen wiegen, auf öffentlichen Straßen transportiert, ohne daß die Brücken, die sie überqueren, verstärkt werden müssen. In kleinerem Umfang werden regelmäßig Luftkissen-Paletten benutzt, um in Fabriken und Warenhäusern schwere Lasten zu befördern.
Das Prinzip des Luftkissenfahrzeuges hat auch in der Medizin seine Anwendung gefunden. Im Juni 1967 berichtete ein Artikel in der britischen Ärztezeitschrift The Lancet von zwei Patienten, die schwere Verbrennungen erlitten hatten und die erfolgreich auf einem Luftkissenbett behandelt wurden, das am besten mit einem umgekehrten Luftkissenfahrzeug verglichen werden könnte.
Das Luftkissenbett hat einen starren Rahmen, in den ein mit Nylon bezogener Sack eingehängt ist. An der Oberseite des Sackes befinden sich zwei Reihen fingerähnlicher Taschen, die der unterteilten Gummischürze eines Luftkissenfahrzeuges ähneln. Warme sterile Luft, die mit einem Druck von 17 bis 23 Pond pro Quadratzentimeter in den Sack gepumpt wird, bläst die „Finger“ auf, die dann einen Verschluß bilden, indem sie sich an der Oberseite in der Mitte treffen.
Wenn der Patient auf das Bett herabgelassen wird, kommt sein Körper zwischen die Enden der aufgeblasenen Finger. Er wird dann allein von dem Luftkissen unter ihm getragen, und die Finger bilden einen Verschluß, indem sie automatisch den Konturen seines Körpers folgen.
Einer der beiden Patienten hatte sich ein Drittel seiner Körperfläche ernsthaft verbrannt, bei dem andern war es nur die rechte Seite. Der erste mußte fünfzehn Stunden auf dem Luftkissenbett bleiben und der zweite sechs Stunden lang. Beide hatten an ihrem Körper ausgedehnte Flächen, die näßten, aber in beiden Fällen trockneten die Verbrennungen sehr schnell aus. Dem Luftkissenbett ist es zuzuschreiben, daß die Leiden der Patienten sehr erleichtert werden konnten.
Willkommen an Bord!
Schon viele sind mit einem Luftkissenfahrzeug gefahren. Du auch? Mache doch einmal mit uns zusammen eine Fahrt! Es ist eine hilfsbereite Stewardeß da, die jedem einzelnen Aufmerksamkeit schenkt, und sie führt uns zu unserem Sitz, erklärt, wie man im Notfall die Schwimmweste anzieht, und zeigt uns, wie und wo wir unser Handgepäck verstauen können. Nun kann der Flug beginnen.
Gleich nachdem die Maschinen angelaufen sind, bemerken wir eine Bewegung. Wir spüren, wie sich das Fahrzeug fast unmerklich auf sein Luftkissen hebt. Das Luftkissenfahrzeug ist nicht mehr mit dem Boden in Berührung und wird so lange schweben, bis das Ziel erreicht ist. Nun bewegt es sich so sanft vorwärts, daß nur der Wasserschaum, der an den Seiten aufspritzt, zeigt, daß wir vom Land aufs Wasser gelangt sind.
Da die See heute ruhig ist, wird uns das Luftkissenfahrzeug auf der direkten Route von Pegwell Bay nach Calais (Frankreich) bringen. Dabei muß man die Goodwin-Sandbänke überqueren, die in nordsüdlicher Richtung in der Straße von Dover liegen. Diese Sandbänke sind für konventionelle Schiffe sehr gefährlich, besonders wenn sie nur dicht unter dem Wasserspiegel liegen, doch für das amphibische Luftkissenfahrzeug bilden sie kein Problem. Bei schlechtem Wetter ändert das Luftkissenfahrzeug den Kurs leicht, indem es so lange wie möglich über das ruhigere Wasser an der Küste gleitet und dann an der engsten Stelle den Kanal überquert.
Während der vierzig Minuten dauernden Fahrt über die Straße von Dover hat man Zeit nachzudenken. Was passiert, wenn die Maschinen ausfallen? Wird das Luftkissenfahrzeug untergehen? Wird es auf dieser verkehrsreichsten Wasserstraße der Welt mit hoher Geschwindigkeit mit einem anderen Schiff zusammenstoßen? Wenn man sich die Broschüre durchgelesen hat, die den Flug beschreibt, ist man beruhigt. In dem unwahrscheinlichen Fall, daß alle Maschinen gleichzeitig aussetzen, soll das Fahrzeug auf seinem Schwimmtank schwimmen können. Selbst wenn nur noch eine Maschine funktioniert, kann es mit geringer Geschwindigkeit an Land fahren. Aber wie steht es mit all den anderen Schiffen, die die Route des Luftkissenfahrzeuges kreuzen? Der Kapitän wird ständig über die Position des Fahrzeuges informiert, und der zweite Offizier bedient zwei Radargeräte, die die Position aller anderen Schiffe in der Umgebung anzeigen, sogar bei dickem Nebel.
Bei unserer Ankunft in Calais an der französischen Küste verläßt das Luftkissenfahrzeug das Wasser und gleitet auf die Landeplattform. Kein Stoß ist zu spüren, und keine Bremsen quietschen; nur ein zufriedener Seufzer, als würde sich jemand in einem bequemen Lehnstuhl zurücklehnen, ist zu hören, während sich das Luftkissen auflöst.
Der Flug mit dem modernsten Verkehrsmittel der Welt ist vorüber. Wir sind auf einem Luftkissen über Land und See gereist.