-
Verkehrswege über die Schweizer AlpenErwachet! 1978 | 22. Oktober
-
-
sei der „übliche Weg der Pilger, die vom Norden nach Rom ziehen“.
Jahrhundertelang benutzten die Reisenden drei bis viereinhalb Meter breite Saumpfade, die mit flachen Granitsteinen und Granitplatten gepflastert waren. Der Gotthardpaß barg außerdem viele Gefahren — Schneefälle, Lawinen, Steinschlag, Gewitter und Stürme. Dadurch gab es Verzögerungen, und manch ein Reisender verlor dabei sein Leben oder die Händler ihre Waren. Im Winter blieb der Paß monatelang geschlossen. Der Gotthard war der gefährlichste aller Alpenpässe.
Vom Jahre 1831 an, als die Straße, an der man zehn Jahre gebaut hatte, fertig war, kamen auch schwere Postkutschen über den Gotthardpaß. Für die etwas mehr als 150 Kilometer von Flüelen bis Lugano brauchte man rund 22 Stunden. Am 31. Mai 1882, als ein Eisenbahntunnel durch den Gotthard eröffnet wurde, fuhr die Postkutsche zum letzten Mal über den Paß, und weil der Verkehr jetzt durch den Tunnel ging, herrschte auf der Paßhöhe zwischen den verschneiten Gipfeln tiefe Stille, aber nicht für immer.
Heute sind die Alpenstraßen, obschon sie in gutem Zustand sind, wegen des starken Verkehrs während der Sommermonate und der zahllosen Kurven gefährlich. Im Herbst und im Frühjahr kommen noch Schnee und Eis hinzu. Zufahrtsstraßen können durch Erdrutsche oder Lawinen plötzlich unbefahrbar werden. Der Autofahrer kann sich jedoch bei einem der Automobilklubs nach den Straßenverhältnissen erkundigen, oder er erhält darüber Auskunft, wenn er eine bestimmte Telefonnummer wählt. Im Jahre 1975 sind die Schweizer Pässe länger als in anderen Jahren geschlossen gewesen, weil es im Mai noch so stark geschneit hatte.
Die Simplonstraße ist die älteste Kunststraße der Alpen. Napoleon gab den Befehl zum Bau dieses Passes, der die Beförderung von Kanonen ermöglichen sollte. Man wählte diesen Paß, weil er verhältnismäßig niedrig ist (2 005 m) und die Schneedecke im Verhältnis zu anderen Pässen nicht so mächtig ist. Die acht Meter breite Straße hat eine maximale Steigung von 9 Prozent. Jetzt ist dieser Paß das ganze Jahr offen, früher allerdings war er von Dezember bis Mai zugeschneit. Niemand wird sich der Schönheit dieser Paßstraße verschließen können, die den geographischen Gegebenheiten sehr gut angepaßt und reich an malerischen Szenerien ist.
Im Jahre 1974 umfaßte das Alpenstraßennetz der Schweiz rund 1 100 Kilometer. Etwa die Hälfte dieser Straßen sind gut ausgebaut. Es gibt so viele Paßstraßen, daß man sie gar nicht alle beschreiben kann. Doch bevor wir von einer anderen Möglichkeit sprechen, die Alpen zu überqueren, sollten wir noch die gelben Postautos erwähnen, die die kurvenreichen Bergstraßen befahren. Ihre Dreiklanghupe erinnert jeden daran, daß diese Postbusse immer Vorfahrt haben.
Eisenbahnverbindungen
Mit dem Aufkommen der Eisenbahn entwickelte sich der Gotthard bald zu „Europas Drehscheibe“. Im Jahre 1869 wurde zwischen der Schweiz und Italien ein Staatsvertrag über die Gotthardlinie abgeschlossen, und auch Deutschland unterzeichnete einen Vertrag. Zehn Jahre lang wurde an dem 15 Kilometer langen Gotthardtunnel gearbeitet, dessen Scheitelhöhe 1 154 Meter beträgt. Seit der Eröffnung dieses Tunnels im Jahre 1882 donnern Tag und Nacht Züge hindurch.
Die Schweizer sind stolz auf „ihre“ Gotthardlinie, die wie fast das ganze übrige schweizerische Eisenbahnnetz vollständig elektrifiziert ist. Die Reisenden bewundern einerseits die großartigen Kunstbauten (die Brücken und Kehrtunnels), und andererseits können sie sich an der schönen Alpenwelt, die sie in vier oder fünf Stunden in einem bequemen Zug durchqueren, nicht satt sehen. Auf der Nordseite des Gotthardtunnels ist das Wetter oft trüb oder gar regnerisch. Doch welch eine Überraschung, auf der anderen Seite des Tunnels einen strahlendblauen Himmel anzutreffen! Und nach wenigen Kilometern erblickt der Reisende Reben, Edelkastanien und Feigen sowie Pfirsichbäume — alles Pflanzen, die nördlich der Alpen nicht so ohne weiteres wachsen, während sie hier, im milden südlichen Klima, üppig gedeihen. Eine Fahrt mit der Gotthardbahn ist ein unvergeßliches Erlebnis.
Im Jahre 1906 wurde der Simplontunnel, der länger ist als der Gotthardtunnel, eröffnet. Mit dem Bau dieses Tunnels, der eine direktere Verbindung zwischen Frankreich und Italien über die Schweiz schaffen sollte, begann man 1898. Der erste, eingleisige 19,8 Kilometer lange Tunnel wurde 1906 dem Verkehr übergeben. Von 1912 bis 1922 wurde ein knapp 20 Meter längerer Paralleltunnel angelegt. Zufolge des Ersten Weltkrieges konnte er erst 1922 eröffnet werden. Der Scheitel des Simplontunnels, des längsten Tunnels der Alpen, liegt 700 Meter über dem Meer, und die maximale Höhe des Gesteins über der Tunnelröhre beträgt 2 135 Meter. Der Bau dieses Tunnels war besonders schwierig, weil die Arbeiten wegen des Einsickerns von Wasser mehrere Male unterbrochen werden mußten.
Nicht wenige Schweizer denken wehmütig an den „Simplon-Orientexpreß“ zurück. Dieser internationale Zug wurde 1919 in Betrieb genommen und für einen Teil der Strecke London — Istanbul eingesetzt. Er benötigte etwa 60 Stunden, um die längste europäische Eisenbahnstrecke von 3 000 Kilometern — von Paris via Schweiz (durch den Simplontunnel), Italien, Jugoslawien und Bulgarien bis Istanbul (Türkei) — zu bewältigen.
Straßentunnels
Von den verschiedenen Alpenstraßentunnelprojekten sind zwei bereits verwirklicht: der mit privaten Mitteln erbaute Große-St.-Bernhard-Tunnel und der Straßentunnel am San-Bernardino-Paß. Der 1964 eingeweihte St.-Bernhard-Tunnel ist 5,8 Kilometer lang und ist ein Mauttunnel. Der San-Bernardino-Tunnel, etwa 6 Kilometer lang, wurde am 1. September 1967 eröffnet. Da dieser Tunnel zum schweizerischen Nationalstraßennetz gehört, ist er gebührenfrei.
Gegenwärtig ist man dabei, den Gotthard-Straßentunnel zu erbauen. Der Straßentunnel liegt ganz in der Nähe des Eisenbahntunnels. Er wird eine Länge von mehr als 16 Kilometern haben und so der längste Straßentunnel der Welt werden. Er sollte 1977 fertig werden, doch da verschiedene Schwierigkeiten auftraten, konnte der Zeitplan nicht eingehalten werden.
Bis zur Eröffnung weiterer Straßentunnels bleibt den Autofahrern jedoch die Möglichkeit, die Alpen zu überqueren, indem sie einen Autoreisezug benutzen. Dieser nimmt die Autos sozusagen „huckepack“ — Fahrer und Mitfahrer können im Fahrzeug sitzen bleiben — und befördert die Wagen in 15 Minuten durch den Tunnel.
Dem Reisenden, der es eilig hat, stehen natürlich auch mehrere Fluglinien zur Verfügung, und die Flugzeuge fliegen sozusagen bei jedem Wetter. Es werden täglich mehr als 250 Flüge ausgeführt. Doch wenn jemand die Alpenfahrt wirklich genießen möchte, kommt er voll und ganz auf seine Rechnung, wenn er dazu den Zug oder das Auto benutzt.
-
-
Der Größte und der KleinsteErwachet! 1978 | 22. Oktober
-
-
Der Größte und der Kleinste
● Der größte lebende Vertreter der Hirschfamilie ist der in Alaska beheimatete Riesenelch. Er erreicht oft eine Schulterhöhe von mehr als zwei Metern. Der kleinste Hirsch wird Pudu genannt. Der Pudu kommt in Chile vor und wird kaum mehr als 30 Zentimeter groß.
-