-
Das Problem des Strafvollzugs — Wie kann es gelöst werden?Erwachet! 1977 | 8. August
-
-
Das Problem des Strafvollzugs — Wie kann es gelöst werden?
AM 16. August vergangenen Jahres erhielt ich in meinem Büro in Brooklyn (New York) einen Anruf. Ich erkannte sofort die Stimme eines alten Freundes. Er fragte: „Möchtest du im Gefängnis in Angola in Louisiana einige Vorträge halten?“
„Ob ich das möchte? Aber natürlich, mit Vergnügen.“ Ich freute mich, eine solche Gelegenheit zu erhalten.
Etwa ein Jahr zuvor hatte ich einiges über ein sehr erfolgreiches Resozialisierungsprogramm gelesen, das in diesem Gefängnis durchgeführt wird. Daher interessierte es mich, alles mit eigenen Augen zu sehena. Wir vereinbarten, daß ich am 4. November 1976 hinfliegen würde.
Der Resozialisierungsstrafvollzug interessiert mich sehr, hauptsächlich deshalb, weil ich selbst in den 1940er Jahren rund 24 Monate hinter Gittern zubrachte. Ich saß aber nicht wegen einer Straftat im Gefängnis, sondern weil ich aus Gewissensgründen keinen Kriegsdienst leisten konnte.
Das Gefängniswesen liegt schon lange im argen. Im Augenblick besteht das Hauptproblem wahrscheinlich in der Überbelegung der Strafanstalten. Die Denver Post schrieb im vergangenen Jahr: „Es sieht so aus, als würde sich der Bau von Strafanstalten zu dem Wirtschaftszweig entwickeln, der in den 1970er Jahren das größte Wachstum zu verzeichnen hat. ... Gegenwärtig werden die Baupläne für 524 neue Gefängnisse oder für die Vergrößerung von bestehenden Gefängnissen angefertigt“ (25. April 1976).
Wird das Problem durch den Bau weiterer Strafanstalten gelöst werden? Ist der Freiheitsentzug die beste Art, einen Rechtsbrecher zu bestrafen?
Mit Interesse habe ich auch die Diskussion verfolgt, die in den letzten Jahren über den eigentlichen Zweck der Gefängnisstrafen geführt worden ist.
Bestrafung oder Resozialisierung?
Dabei ging es um die Frage: Sollten die Strafvollzugsanstalten der Bestrafung oder in erster Linie der Resozialisierung des Rechtsbrechers dienen? Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt.
In alter Zeit waren Strafanstalten im heutigen Sinne unbekannt. Der Rechtsbrecher wurde entweder hingerichtet oder gezüchtigt, das heißt, er erhielt eine Körperstrafe: Er wurde ausgepeitscht, mit einem Brandmal versehen oder verstümmelt. Danach ließ man ihn frei.
Im 18. und 19. Jahrhundert verhängte man die Todesstrafe immer seltener, und die Körperstrafe wurde allmählich abgeschafft. Damals wurde in zunehmendem Maße der Freiheitsentzug als Strafe verhängt. In jener Zeit waren die Gefängnisse voll von Ungeziefer, schmutzig und überfüllt. Die Gefangenen erhielten wenig zu essen und mußten sehr lange arbeiten. Viele starben an den Folgen dieser unmenschlichen Behandlung. Die Gefängnisse waren in erster Linie Orte, die der Bestrafung der Rechtsbrecher dienten.
In neuerer Zeit begann man über den Zweck der Strafanstalten anders zu denken. Im vergangenen Jahrhundert wurde die Idee aufgebracht, daß die Strafanstalten in erster Linie zur Besserung und Resozialisierung der Gefangenen dienen sollten. Im Jahre 1970 kam die Sonderkommission für den Resozialisierungsstrafvollzug, die der damalige Präsident der USA, Nixon, eingesetzt hatte, zu dem Schluß, daß die Resozialisierung der Strafgefangenen in Zukunft das Hauptziel des Haftsystems sein sollte. Aber in letzter Zeit sind die Resozialisierungsbestrebungen scharf kritisiert worden. Dieser plötzliche Meinungsumschwung hat mich interessiert.
Ist das Ziel der Resozialisierung erreicht worden?
Eine Schlagzeile im National Observer vom 4. Januar 1975 lautete: „Man bemüht sich seit 150 Jahren, die Verbrecher zu resozialisieren, doch jetzt geben sogar die Reformer zu, daß ... DAS ZIEL DER REFORM NICHT ERREICHT WORDEN IST.“
In der Zeitschrift Science hieß es: „Die Enttäuschung über die ,Resozialisierung‘, jedenfalls in ihrer jetzigen Form, ist so groß, daß deshalb viele prominente Sozialwissenschaftler und Strafrechtswissenschaftler im Laufe weniger Jahre ihre Lieblingsphilosophien aufgegeben haben“ (23. Mai 1975).
Die Zeitschrift Newsweek schrieb: „Immer mehr Fachleute auf dem Gebiet des Gefängniswesens teilen die Auffassung, daß ... die eigentliche Aufgabe des Strafvollzugs darin bestehen sollte, den Rechtsbrecher durch Freiheitsentzug zu bestrafen und die Gesellschaft vor seinen Verbrechen zu schützen“ (10. Februar 1975).
Als Einwohner der Stadt New York bin ich ganz dafür, daß das Schwergewicht wieder auf den Schutz der Gesellschaft vor den Verbrechern gelegt wird. Thomas Maloney, Bürgermeister von Wilmington (Delaware), hatte leider recht, als er sagte: „Heute sitzen die Bürger wie Gefangene in ihrer mit Ketten, Schlössern, Stangen und Gittern gesicherten Wohnung, während die Verbrecher frei umherlaufen.“
Viele würden es begrüßen, wenn man sich wiederum in erster Linie um die Rechte der unschuldigen Opfer der Verbrecher kümmern würde. Weil man die Verbrecher für ihre Taten nicht verantwortlich macht, werden sie zu noch schlimmeren Verbrechern. Natürlich erhebt sich nun die Frage: Kann die wachsende Zahl von Rechtsbrechern mit Freiheitsentzug bestraft werden?
Das Problem der Unterbringung
Die Bemühungen, der Verbrecher habhaft zu werden, haben in Amerika bereits zu einer Überfüllung der Gefängnisse geführt. Die Zahl der Insassen der Bundesstrafanstalten ist vom Januar 1973 bis zum Januar 1977 um 45 Prozent gestiegen, von 195 000 auf 283 000! Das Wall Street Journal meldete: „In den meisten Bundesstaaten sind die vorhandenen Vollzugsanstalten bereits mehr als überfüllt. Die Gefangenen schlafen auf dem Mauervorsprung über den Toiletten, in Duschräumen und in Turnhallen“ (20. Juli 1976).
Außer den großen Strafanstalten der Bundesstaaten gibt es noch Tausende von Gefängnissen in den Counties und Städten. Im Juni 1976 schrieb die New York Times, daß in den acht Gefängnissen der Stadt New York jährlich 60 000 Männer und Frauen eine Freiheitsstrafe absitzen. Und ein Kriminologe sagte, daß jedes Jahr über zwei Millionen Personen in den Gefängnissen der USA eine Strafe verbüßen.
Wie ungeheuer groß dieses Problem ist, erkennt man, wenn man erfährt, daß der Polizei jährlich über zehn Millionen Verbrechen gemeldet werden — in den vergangenen drei Jahren weit über 30 Millionen! Es gibt nicht einmal genügend Gefängnisse, um all die Straftäter, die die Polizei festnimmt, unterzubringen. Und die Gefängniskosten, die dem Steuerzahler erwachsen, sind schwindelerregend hoch.
Ich war überrascht, als ich im vergangenen September in der New York Times las, daß „jeder Gefängnisinsasse einer New Yorker Strafanstalt den Staat im Jahr etwa 12 000 Dollar“ kostet. Das bedeutet, daß jährlich etwa 3 Milliarden Dollar aufgewendet werden müssen, nur um die 250 000 Häftlinge in den Strafanstalten der Bundesstaaten zu unterhalten! Und die Baukosten für neue Strafanstalten belaufen sich pro Häftling auf 40 000 Dollar.
Das Problem des Strafvollzugs ist sehr groß, besonders wenn man bedenkt, daß nach den Worten eines Gefängnisexperten die Zahl der Häftlinge der Bundesgefängnisse bis Mitte der 1980er Jahre auf 400 000 ansteigen könnte. Wie kann dieses Problem gelöst werden?
Resozialisierung wünschenswert
Seien wir ehrlich: Wir alle sähen es gern, wenn sich die Straftäter bessern und gesetzestreue, nützliche Bürger würden. Eine solche Besserung ist möglich, obschon die meisten in den Strafanstalten durchgeführten Resozialisierungsprogramme nicht den gewünschten Erfolg erzielen. Darüber sagte Norman Carlson, Leiter des US-Gefängniswesens, vor kurzem: „Von der Idee der Resozialisierung hat man sich zuviel versprochen. ... wir sind uns jetzt über die Tatsache im klaren, daß wir niemanden resozialisieren können — wir können ihm nur die Gelegenheit dafür bieten.“
Ich bin überzeugt, daß der eine oder andere Straftäter angeregt wird, sich zu ändern, wenn ihm die richtige Hilfestellung geboten wird. Ich sage das, weil ich, als ich in der Bundesstrafanstalt in Ashland (Kentucky) war, selbst erlebte, daß man auf das Herz eines Gefangenen einwirken kann und er sich grundlegend zu ändern vermag.
Ich freute mich auf meine Reise im November und darauf, mit eigenen Augen zu sehen, welche Ergebnisse im Gefängnis in Angola (Louisiana) erzielt werden. Das Areal dieses zweitgrößten staatlichen Gefängnisses der USA ist fast 73 km2 groß. Nach einer Pressemeldung, die ich 1975 las, faßt dieses Gefängnis 2 600 Insassen, gegenwärtig sind 4 409 darin untergebracht.
Bald kam der Tag herbei — Donnerstag, der 4. November —, an dem ich die geplante Reise antrat.
-
-
Ein erfolgreiches ResozialisierungsprogrammErwachet! 1977 | 8. August
-
-
Ein erfolgreiches Resozialisierungsprogramm
AM Donnerstagabend traf ich mit dem Flugzeug in Baton Rouge ein. Mein Freund holte mich ab, und dann fuhren wir in seine Wohnung in New Roads, einer in der Nähe gelegenen Ortschaft. An jenem Abend unterhielten wir uns ausgiebig über die Vorgänge in der Strafanstalt von Angola.
Mein Freund gehört zu einer Gruppe von sechs Christen, die in diesem Gefängnis regelmäßig Unterricht erteilen. Abwechselnd geht jeder dieser Männer einmal wöchentlich hin, um die Zusammenkünfte mit den Gefangenen zu leiten. Die Zusammenkünfte werden im Durchschnitt von etwa 40 Gefängnisinsassen besucht.
„Die Anregung für dieses Unterrichtsprogramm kam eigentlich aus dem Gefängnis“, berichtete mein Freund. Zu Anfang des Jahres 1973 gab es dort zwei Gefangene, die Schriften der Zeugen Jehovas lasen und dann brieflich darum baten, daß jemand sie besuche. Diese Häftlinge sprachen auch mit anderen Gefangenen und interessierten sie für das, was sie kennengelernt hatten.
Im Oktober 1973 wurde in diesem Gefängnis zum erstenmal mit 18 Häftlingen eine Zusammenkunft durchgeführt. Nach einiger Zeit wurden jeden Mittwoch und jeden Sonntag Zusammenkünfte abgehalten. Immer mehr Gefängnisinsassen nahmen daran teil, manchmal 60 und mehr. Warum interessierten sich so viele dafür?
Das Unterrichtsprogramm
Mein Freund erklärte mir, daß die Zusammenkünfte im großen und ganzen so durchgeführt werden wie in den Königreichssälen der Zeugen Jehovas. Am Sonntag wird ein einstündiger biblischer Vortrag gehalten. Gewöhnlich spricht ein Gast aus einer Nachbarversammlung. Dann folgt ein Bibelstudium anhand eines Artikels in einer der neuesten Ausgaben der Zeitschrift Der Wachtturm.
Am Mittwochabend wird die Theokratische Schule durchgeführt. Das ist ein Kursus, der den Zweck hat, den Teilnehmern biblisches Wissen zu vermitteln und ihnen zu helfen, ihre Redefähigkeit zu verbessern. Auch eine „Dienstzusammenkunft“ wird abgehalten. Darin wird besprochen, wie die Botschaft der Bibel den anderen Insassen dieses Gefängnisses am besten übermittelt werden kann.
Ich staunte darüber, wie fleißig diese Häftlinge mit anderen über den christlichen Glauben, den sie im Gefängnis kennengelernt hatten, sprachen. Es gab Monate, in denen sie jede Woche mit mehr als 50 Häftlingen ein Bibelstudium durchführten. Und im vergangenen Jahr verbreiteten sie im Gefängnis fast 5 000 Exemplare der Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet! sowie gebundene Bücher, in denen die Vorsätze Gottes erklärt werden.
Die Häftlinge, die als erste die biblische Wahrheit kennengelernt hatten, steckten diejenigen, mit denen sie Studien durchführten, mit ihrer Begeisterung an, und das hat zum Erfolg des Programms beigetragen.
Die Bedingungen erfüllen
Die Zusammenkünfte werden in einem Raum des Gefängnisschulgebäudes abgehalten, der, wie man mir erzählte, wie ein normales Klassenzimmer aussieht. Aber nur wenn der Name eines Gefangenen auf der sogenannten „Aufrufliste“ steht, darf er teilnehmen. Steht sein Name darauf, dann darf er seine Zelle in dem gewaltigen Gefängniskomplex verlassen und sich hier mit den andern, die ebenfalls auf dieser Liste stehen, einfinden.
Ich war überrascht, zu erfahren, daß die Zeugen Jehovas selbst entscheiden, wer diesen Zusammenkünften beiwohnen darf. Das ist nämlich nicht jedem erlaubt, und dafür gibt es Gründe. Gewöhnlich schließen sich die Häftlinge irgendeiner Gruppe an, in der Hoffnung, auf diese Weise schneller aus dem Gefängnis herauszukommen. Wie ermitteln Jehovas Zeugen, ob ein Strafgefangener es ehrlich meint und somit berechtigt ist, die Zusammenkünfte zu besuchen?
Sie führen zuerst ein Bibelstudium mit ihnen durch. Nur wenn er aufrichtiges Interesse zeigt, wird er auf die Aufrufliste gesetzt. Versäumt er ohne triftigen Grund — ein solcher Grund wäre z. B. Krankheit — mehr als vier Zusammenkünfte im Monat, wird die Gefängnisverwaltung verständigt, und der Name dieses Gefangenen wird von der Aufrufliste gestrichen. Es wird ihm erst wieder erlaubt, die Zusammenkünfte zu besuchen, wenn er während einer gewissen Zeit bewiesen hat, daß er es ernst meint.
Die ersten Erfolge
Ich wußte von den ersten Erfolgen des Programms, denn ich hatte in dem Bericht über die Bezirkskongresse, der im Wachtturm (deutsch: 15. Januar 1975) erschienen war, darüber gelesen. Darin hieß es:
„Eine ergreifende Szene ereignete sich auf dem Kongreß in Baton Rouge (Louisiana). Einige Monate lang hatten Zeugen Jehovas mit Insassen eines Zuchthauses in Angola die Bibel studiert. Viele dieser Männer hatten Fortschritte in ihrer Bibelkenntnis gemacht und hatten Gefängnisbeamte durch einen radikalen Wandel ihres Benehmens in Erstaunen versetzt. Acht von ihnen wurde daher erlaubt, den Kongreß in Baton Rouge zu besuchen. Es war ein ergreifender Augenblick, als diese Männer mit ihren Fußketten und Handschellen aus den Wagen stiegen und hineingeführt wurden, damit sie zusammen mit den anderen Taufanwärtern Platz nehmen konnten.“
Wer als ein Zeuge Jehovas getauft werden möchte, muß aber einem hohen biblischen Maßstab entsprechen. Und jeder einzelne wird geprüft, um festzustellen, ob er die erforderlichen Voraussetzungen dafür besitzt. Er muß wenigstens achtzig Fragen über grundlegende biblische Lehren beantworten können, so zum Beispiel:
„Was ist das Königreich Gottes?“ „Worin besteht Gottes Vorhaben für die Erde?“ „Wie lautet der einzige biblische Scheidungsgrund, der zu einer Wiederverheiratung berechtigt?“ „Warum darf man nicht lügen?“ „Was sagt die christliche Lehre über Trunkenheit?“ „Was sagt die Bibel über Hurerei, Ehebruch und über unzüchtige Handlungen zwischen Personen gleichen Geschlechts sowie über zügellosen Wandel? Darf eine Person, die solche Dinge tut, getauft werden?“
Die letzte Frage muß mit Nein beantwortet werden. Aber der Leser wird wissen, daß viele Leute, die nicht im Gefängnis sitzen, solche Dinge tun und glauben, es wäre ganz in Ordnung. Aber diese acht Gefängnisinsassen akzeptierten einen höheren Sittlichkeitsmaßstab und lebten danach. Bald schlossen sich diesen Häftlingen weitere an.
Im Frühherbst des Jahres 1974 waren wieder acht Insassen so weit, daß sie sich taufen lassen konnten. Mein Freund erzählte: „Wir dachten, es wäre schön, wenn wir im Gefängnis eine Taufe mit Besuchern von außerhalb veranstalten könnten.“
Sie erkundigten sich, ob das möglich wäre, und die Gefängnisleitung, die von den Ergebnissen des Unterrichtsprogramms tief beeindruckt war, gab die Erlaubnis. Diese Sonderveranstaltung wurde am 5. Oktober 1974 durchgeführt. Die Zeitschrift Erwachet! berichtete darüber unter anderem folgendes:
„Einen ungewöhnlichen Anblick bildeten die Gäste von außerhalb. Insgesamt fanden sich 337 Personen am Gefängnistor ein, alles gutgekleidete Männer, Frauen und Kinder, sowohl Schwarze wie Weiße. Einige waren sogar mehr als 1 100 Kilometer gefahren.
Man hakte die Namen in der Liste ab, und dann wurden die Besucher eingelassen. Busse brachten sie zum drei Kilometer weit einwärts gelegenen riesigen Gebäudekomplex der Strafanstalt. Durch Stahltore gelangten sie in einen großen Vortragssaal.“
Ich hatte diesen Bericht in der Zeitschrift Erwachet! mit großem Interesse gelesen. Aber ich hatte wenig über die weiteren Ergebnisse dieses Resozialisierungsprogramms erfahren. Wir machten es uns daher nach dem Abendessen im Wohnzimmer bequem, und mein Gastgeber erzählte mir alles Wissenswerte darüber, während ich aufmerksam zuhörte.
Bemerkenswertes Wachstum
„Durch jenen Kongreß im Oktober erhielt unser Programm einen richtigen Auftrieb“, begann mein Freund. „Die rund 100 anwesenden Häftlinge waren von der Liebe und der Herzlichkeit der Hunderte von Besuchern beeindruckt.“
Das hatte zur Folge, daß viele dieser Häftlinge ebenfalls anfingen, die Bibel zu studieren, und dann gute Fortschritte machten. Mein Freund berichtete weiter: „Bald nahmen eine Anzahl dieser Häftlinge die notwendigen Änderungen in ihrem Leben vor und schufen so die Voraussetzungen für die Taufe. Darauf planten wir einen weiteren, noch größeren Kongreß, als es der erste gewesen war. Die Gefängnisleitung gab wieder die Genehmigung. Sie erlaubte uns sogar, das Rodeo-Stadion des Gefängnisses zu benutzen. Am frühen Samstagmorgen, am 26. April 1975, trafen Hunderte von Zeugen Jehovas mit dem Auto in Angola ein.“
Diesmal gestattete man ihnen, mit ihrem eigenen Fahrzeug bis in die Nähe des Rodeo-Stadions innerhalb des Gefängnisareals zu fahren. Am Wachhaus wurde lediglich die Frage gestellt: „Führen Sie Waffen mit?“ Dann durften die Autos weiterfahren. Insgesamt waren es 2 602 Besucher. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Taufe der zwölf Gefängnisinsassen. Einer von ihnen war ein Mörder, der in einer der Todeszellen saß. Er wurde gefesselt hergebracht, um getauft zu werden. Dieser Mann hatte ein Jahr lang mit den Zeugen Jehovas in der Todeszelle die Bibel studiert.
Den Gefängnisbeamten gefiel es, daß dieser eintägige Kongreß so reibungslos ablief und daß er sich so vorteilhaft auf die Gefangenen auswirkte. Sie begrüßten es daher, daß für den Herbst ein weiterer eintägiger Kongreß geplant wurde. Dieser sollte am Samstag, den 29. November 1975 stattfinden. Zu diesem Kongreß waren 3 200 Besucher anwesend. Und acht weitere Gefängnisinsassen wurden getauft.
„Am Samstag wird nun unser nächster Kongreß in diesem Gefängnis stattfinden“, sagte mein Freund. „Wir freuen uns sehr darüber, daß es dir möglich war, ebenfalls zu kommen.“
Ich konnte es kaum erwarten, im Gefängnis einen Besuch abzustatten. Es war erstaunlich, daß sich bereits 36 Häftlinge taufen ließen und daß sich am Samstag sechs weitere taufen lassen wollten. Mein Freund hatte die Absicht, am nächsten Tag (Freitag) mit mir nach Angola zu fahren, damit ich mich dort umsehen und mit einigen Gefängnisbeamten sprechen könnte.
Mit eigenen Augen
Wir brachen nach dem Mittagessen auf. Die Straße führte etwa anderthalb Stunden lang durch ein Sumpfgebiet, und dann überquerten wir mit der Fähre den Mississippi. Danach ging die Fahrt ein Stück weit durch ein Hügelland, und schließlich langten wir beim Haupteingang des Gefängnisses an. Die Wachen kannten meinen Begleiter offensichtlich. Es fielen einige witzige Bemerkungen, und dann ließ man uns passieren.
Das Bild, das sich uns auf dem Weg zum Rodeo-Stadion bot, erinnerte mich an eine riesige Plantage. Links und rechts der Straße waren fast durchweg neue Holzzäune gezogen. Überall sahen wir bebaute Felder. Ich erfuhr, daß die Gefangenen praktisch Selbstversorger sind. Schließlich erreichten wir den Eingang zur absoluten Sicherheitszone. Wir passierten eine Anzahl Tore und betraten dann durch den Hintereingang das Rodeo-Stadion.
Am einen Ende des Stadions war eine Bühne im Bau. Hier arbeiteten einige der Häftlinge, die Zeugen Jehovas geworden waren. Sie waren schon fast fertig. Allerdings wollten sie einiges noch streichen, und auch den Boden wollten sie noch mit einem Teppich belegen. Ich freute mich, sie kennenzulernen. Die 14 Männer waren herzliche, freundliche und mitteilsame Personen. Ich erfuhr, daß sie von der Gefängnisleitung eine Sondergenehmigung erhalten hatten, das Stadion für den Kongreß, der am folgenden Tag stattfinden sollte, vorzubereiten.
Ervin St. Amand, ein Häftling, der das Unterrichtsprogramm, das im Gefängnis durchgeführt wird, leitet, hatte mit einigen Gefängnisbeamten Interviews vereinbart. Wir trennten uns daher und beeilten uns, diese einzuhalten. Es erschien mir seltsam, daß Ervin nicht mit uns fahren durfte, aber das verlangte die Gefängnisvorschrift, die wir natürlich auch bereitwillig einhalten wollten. Trotz seiner Beinprothese (er hatte sein Bein bei einem Fluchtversuch, den er vor Jahren unternommen hatte, verloren) ging er sehr schnell neben dem Wagen her und war vor uns da, wo wir hinwollten.
Als wir das Auto abgestellt hatten, kamen wir an anderen Gefangenen vorbei. Es fiel mir auf, daß diese ganz anders aussahen als die, die wir kurz zuvor getroffen hatten. Einige lagen auf der Erde, gleichgültig, andere saßen da und starrten ins Leere. Anscheinend hatten sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden, und es fehlte ihnen jegliche Zukunftshoffnung. Welch ein Gegensatz!
Das Lob der Beamten
Als wir beim Verwaltungsgebäude ankamen, führte man uns in das Büro von Major Richard A. Wall (inzwischen zum Oberstleutnant befördert). Wall, ein mitteilsamer Mensch, war offensichtlich mit unserem Unterrichtsprogramm zufrieden. Er ist seit vielen Jahren im Gefängniswesen tätig und weiß, daß viele der Resozialisierungsbemühungen fehlgeschlagen sind. Unser Programm konnte er indessen nicht genug loben.
Ich kannte die Vergangenheit Ervins — er hatte ständig Schwierigkeiten gemacht und war recht bösartig gewesen. Ich fragte Wall daher ganz offen: „Vertrauen Sie diesem Mann?“
„Ich habe absolutes Vertrauen zu St. Amand“, gab er zurück und fügte hinzu: „Mir gefällt Ihre Organisation, weil Sie auf Ihre Leute achtgeben. Wenn einer anfängt, falsch zu handeln, versuchen Sie, ihm zu helfen. Aber wenn er damit fortfährt, schließen Sie ihn aus Ihrer Organisation aus. Wir können Ihnen vertrauen, daß Sie das, was Sie sagen, auch tun.“
Die Gefängnisinsassen, die Zeugen Jehovas geworden waren, müssen auf diesen Beamten offensichtlich einen tiefen Eindruck gemacht haben. Wir hatten aber noch mit anderen Beamten Verabredungen.
Die nächste war mit Lawrence Watts, der die Gefängniswäscherei leitet. Er hatte sich 1973 bereit erklärt, sich für unser Unterrichtsprogramm im Gefängnis einzusetzen. Er sagte zu mir: „Das gute Beispiel der Gefängnisinsassen, denen Sie geholfen haben, ist ein wenig ansteckend gewesen. Ich meine, daß sich als Folge davon das Verhalten der Gefangenen im allgemeinen gebessert hat. Ich weiß, daß dem so ist.“
Was er sagte, ließ uns deutlich erkennen, daß er das, was wir durch unsere Tätigkeit in diesem Gefängnis erreichten, schätzte. Nach einem sehr netten Gespräch verließen wir ihn und fuhren zum Rodeo-Stadion zurück, um uns von den Häftlingen zu verabschieden. Wir sagten ihnen auf Wiedersehen und kehrten dann nach Hause zurück.
Der Kongreß
Am nächsten Tag war es kalt. Wir trafen schon um 7.30 Uhr im Rodeo-Stadion ein, zwei Stunden vor Programmbeginn. Ich wollte die sechs Männer, die zur Taufe bereit waren, kennenlernen. Als ich mit ihnen sprach, staunte ich über ihre Aufrichtigkeit und die Wertschätzung, die sie für das Wort Gottes bekundeten.
Die Zeit verflog im Nu, und das Programm begann. Um 10 Uhr sprach ich über das Thema „Gottes Wille oder Eigenwille?“ Darauf folgte die Taufansprache, und danach wurden die Männer in einem Behälter, der in der Nähe der Bühne plaziert war, so daß die 1 970 Besucher sie sehen konnten, getauft. Jedesmal, wenn einer der Täuflinge aus dem Wasser stieg, brach ein Beifallssturm los. Ich werde immer den Mann vor mir sehen, der, noch ganz naß, so über das ganze Gesicht strahlte, daß man ohne weiteres verstehen konnte, was er empfand: „Das ist der glücklichste Tag meines Lebens!“
Nach der Taufe gab es eine zweistündige Pause. Die Versammlung New Roads hielt für alle eine Mahlzeit zu einem ganz geringen Preis bereit. Freiwillige Helfer aus der Zuhörerschaft teilten das Essen aus. Die Häftlinge durften nicht gemeinsam mit den Anwesenden von außerhalb essen. Ihnen wurde das Essen in einem gesonderten Raum neben der Bühne serviert.
Ich durfte mich auf dem Anstaltsgelände, wo sich die Häftlinge aufhielten, frei bewegen. Das gab mir die Gelegenheit, mit einigen, die begonnen hatten, sich für das Werk der Zeugen Jehovas zu interessieren, zu sprechen. Einer sagte zu mir: „Sie brauchen die Lehren Ihres Glaubens gar nicht zu predigen. Es reicht schon, wenn Sie jemandem Freundschaft erzeigen; mit der Zeit werden Sie ihn ganz bestimmt durch Ihre Handlungsweise und Ihre Freundlichkeit gewinnen.“
Die beiden Stunden vergingen schnell, und bald wurde das Programm fortgesetzt. Der öffentliche Vortrag hieß „Gottes Königreich — eine Realität“. Anschließend führten getaufte Häftlinge ein abgekürztes Wachtturm-Studium durch. Ihre Darbietung war hervorragend.
Um 16 Uhr wurde die Veranstaltung mit einem Lied und einem Gebet abgeschlossen. Eine Glaubensschwester, die schon seit Jahren Zeugin Jehovas ist, faßte in Worte, was viele von uns empfanden. Sie sagte: „Wir hatten das Gefühl, daß hier noch mehr Herzlichkeit und Liebe vorhanden waren als auf irgendeinem anderen Kongreß, den wir bisher besucht haben.“
In der in diesem Gefängnis des Staates Louisiana erscheinenden Zeitung The Angolite hieß es: „Das war der vierte Kongreß, den Jehovas Zeugen in Angola durchgeführt haben. Und da sie weiterhin bestrebt sind, zum Herzen weiterer Gefangener zu sprechen, haben sie vor, noch mehr solche Kongresse zu veranstalten. Von allen religiösen Gruppen bemühen sie sich am meisten und am beharrlichsten, die Gefangenen davon zu überzeugen, daß sie sich bessern und ein sinnvolleres Leben führen sollten, und sie helfen ihnen auch dabei“ (November/Dezember 1976).
Ein einzigartiges Programm?
Was ich sah und erlebte, beeindruckte mich tief. Als ich nach New York zurückkehrte, begann ich, Unterlagen durchzusehen und Briefe zu schreiben, um zu ermitteln, ob in anderen Gefängnissen ähnliche Unterrichtsprogramme durchgeführt werden. Dabei stellte ich fest, daß die Vorgänge im Gefängnis in Angola lediglich in bezug auf das Ausmaß und den Erfolg einzigartig sind. Ich möchte nur einige wenige Beispiele anführen:
Jeden Mittwoch besucht ein Ältester der Zeugen Jehovas die Strafanstalt Chillicothe (Ohio). An dem Bibelstudium, das er durchführt, nehmen durchschnittlich 8 bis 14 Häftlinge teil. Zwei haben sich taufen lassen, und zwei haben die Absicht, es zu tun.
In der Strafanstalt in London (Ohio) mit 1 700 Strafgefangenen führen Jehovas Zeugen seit fast zwei Jahren jede Woche vier Zusammenkünfte durch, und drei Strafgefangene haben sich bis jetzt taufen lassen. Ein weiterer Häftling, der sich taufen lassen wollte, wurde am ersten Tag des Jahres entlassen.
Ein sehr erfolgreiches Programm wird in der Strafanstalt von Lucasville (Ohio) durchgeführt. Es begann im Herbst 1972. Die durchschnittliche Besucherzahl bei diesen Zusammenkünften beträgt ungefähr 22, und bei einer Sonderveranstaltung waren vor kurzem 33 anwesend. Im April 1975 und im März 1976 wurden in einem Becken, das für diese Veranstaltung gekauft wurde, 7 Häftlinge getauft.
Gegen Ende des Jahres 1973 wurde im Staatsgefängnis von Maryland ein ausgezeichnetes Programm gestartet. Kurz darauf wurden mit vielen Häftlingen Bibelstudien abgehalten, und nach einiger Zeit begannen Älteste der Zeugen Jehovas, regelmäßig Zusammenkünfte durchzuführen. Bisher haben sich 8 Personen taufen lassen (wobei die Badewanne der Gefängniskrankenstation benutzt wurde).
Auf Rikers Island (New York) führen acht Älteste jede Woche mit Häftlingen Bibelstudien durch. Auch andere Gefängnisse der Stadt New York werden besucht.
Heißt das, daß dieses Unterrichtsprogramm der Zeugen Jehovas die eigentliche Lösung der gewaltigen Probleme des Strafvollzugs und der Kriminalität ist? Keineswegs. Ihr Beitrag zur Lösung dieser Probleme ist zugegebenermaßen gering. Ich glaube jedoch, daß es einen Schlüssel zur eigentlichen Lösung dieser Probleme darstellt.
[Herausgestellter Text auf Seite 6]
„Die Zusammenkünfte werden in einem Raum des Gefängnisschulgebäudes abgehalten.“
[Herausgestellter Text auf Seite 7]
„Am Wachhaus wurde lediglich die Frage gestellt: ,Führen Sie Waffen mit?‘“
[Herausgestellter Text auf Seite 9]
„Wir können Ihnen vertrauen, daß Sie das, was Sie sagen, auch tun.“
[Bild auf Seite 9]
Vor dem Redner die sechs Taufanwärter kurz vor der Taufe; im Hintergrund ein Teil der Zuhörerschaft
[Bild auf Seite 10]
Häftling nach der Taufe, noch ganz naß; er strahlt vor Glück.
-
-
Worin besteht die Lösung?Erwachet! 1977 | 8. August
-
-
Worin besteht die Lösung?
MINDESTENS für eine beschränkte Anzahl von Gefängnisinsassen ist das biblische Unterrichtsprogramm die Lösung gewesen. Der moralisch heilsame Aufschluß, der ihnen übermittelt wurde, hat bewirkt, daß sie sich nicht nur oberflächlich, sondern grundlegend geändert haben.
In den vergangenen drei Jahren haben sich in dem Gefängnis von Angola 42 Insassen taufen lassen. Von diesen sind seither 14 auf freien Fuß gesetzt worden. Ich wollte gern wissen, wie sich diese Leute außerhalb des Gefängnisses zurechtfinden, und erkundigte mich deshalb danach. Nur einer ist rückfällig geworden.
Die anderen fügen sich sehr gut in die Gesellschaft ein. Mindestens einer von ihnen erfüllt in einer Versammlung die Aufgaben eines Dienstamtgehilfen. Wie bereits erwähnt, ist dieses biblische Unterrichtsprogramm, das im Gefängnis durchgeführt wird, nicht die Lösung des Gesamtproblems. Es stellt lediglich eine Gelegenheit dar, die dem Häftling, der dazu bereit ist, hilft, an sich zu arbeiten.
Für die Bestrafung von Rechtsbrechern findet man in der Bibel eine präzise Anleitung. Würde sie befolgt, hätte man wahrscheinlich weit weniger Probleme mit dem Strafvollzug und der Kriminalität.
Ersatzleistung für Opfer
Das Gesetz, das Gott dem Volk Israel gab, sah keine Gefängnisstrafen vor. Wenn sich jemand
-