-
Liegt es am Körper?Erwachet! 1982 | 22. Oktober
-
-
Liegt es am Körper?
Die Wurzeln der Gewalttätigkeit
● Professor Kenneth E. Moyer von der Carnegie-Mellon University (Pennsylvanien, USA) sagte, daß durch bestimmte Zustände in unserem Körper Systeme in unserem Gehirn stimuliert werden können, die einen starken Aggressionstrieb auslösen können.
Glauben Sie, daß eine Person ohne offensichtlichen Grund gewalttätig werden kann?
Darüber wird viel debattiert. Doch es hat schon zahlreiche Fälle gegeben wie den eines Mannes, dessen Haltung seiner Familie gegenüber immer feindseliger wurde. Er versuchte, seine Frau und seine Tochter zu erstechen, und wurde während eines Wutanfalls ins Krankenhaus gebracht. Man entdeckte einen Gehirntumor, und nachdem dieser entfernt worden war, hörten seine Aggressionen auf. Nicht alle Gehirntumoren rufen ein solches Verhalten hervor. Aber Experimente haben gezeigt, daß eine direkte elektrische Stimulierung gewisser Teile des Gehirns bei manchen Patienten Zorngefühle und gewalttätiges Verhalten bewirkt hat.
Welche gewaltfördernden Faktoren haben Sie bei Ihrer Forschung entdeckt?
Es gibt Anzeichen dafür, daß manche Personen durch einen Überschuß an männlichen Sexualhormonen, durch niedrigen Blutzucker und durch Allergien mehr zu Feindseligkeiten neigen.
Sind das automatische Auslösefaktoren?
Nein, denn unser Verhalten beruht nicht nur auf unseren inneren Empfindungen. Es gibt Personen, die dank ihrer Erfahrungen oder ihrer Umwelt auch bei starken feindseligen Gefühlen nicht gewalttätig werden.
Meinen Sie, daß es manchen schwerer fällt als anderen, nicht gewalttätig zu werden?
Ja. Zum Beispiel ging ein Mann wegen seiner gewalttätigen Neigungen zu einem meiner Kollegen. Durch Untersuchungen wurde eine Störung im Gehirn festgestellt, und man versuchte sie zu lokalisieren, indem man in sein Gehirn Elektroden einführte. Als man an einer bestimmten Stelle angelangt war, stand er auf und sagte: „Jetzt bringe ich meine Frau um!“ Auf die Bitten des Arztes hin willigte der Mann ein, daß sein Gehirn noch einmal elektrisch stimuliert wurde. Diesmal stimulierte der Arzt einen Bereich des Gehirns, der als gewalthemmend bekannt ist. Der Mann wurde sofort freundlich und sagte: „Ich schätze wirklich, was Sie getan haben. Sonst hätte ich bestimmt meine Frau umgebracht.“
Besteht die Lösung darin, die Gehirnfunktion oder die chemischen Abläufe im Körper zu steuern?
Auf bestimmte Personen trifft das wahrscheinlich zu. Ich glaube jedoch nicht, daß es die Lösung ist. Um alles gut unter Kontrolle zu halten, müssen die Umweltfaktoren beachtet werden, die Frustrationen hervorrufen, und muß man sich vergewissern, daß im Körper nichts gestört ist.
Können aggressionshemmende Medikamente helfen?
Medikamente, die das Gleichgewicht bestimmter Hormone regulieren, haben schon oft geholfen. Einige Medikamente können für manche Leute ganz nützlich sein, wenn es darum geht, ihnen über eine gewisse Lebensphase hinwegzuhelfen. Wenn die Anwendung dieser Medikamente gewissenhaft von einem Arzt überwacht wird, machen sie den Patienten nicht zu einem willenlosen Opfer, sondern es wird ein spezielles Problem im Gehirn behandelt.
Warum sagen Sie, daß wir, auf lange Sicht gesehen, lernen müssen, Aggressionen zu stoppen?
Die Anwendung von Gehirnstimulierung oder Medikamenten ist sehr begrenzt. Sie erweist sich als nutzlos, wenn jemand zwar gewalttätig ist, aber keine persönliche Feindseligkeit gegenüber dem Opfer hegt, wie zum Beispiel ein bezahlter Mörder oder der Pilot eines Bombenflugzeugs. Es ist auch Schulung erforderlich, um positive Beispiele von Personen zu schaffen, die nicht gewalttätig sind.
-
-
Liegt es an der Ernährung?Erwachet! 1982 | 22. Oktober
-
-
Liegt es an der Ernährung?
Die Wurzeln der Gewalttätigkeit
● Bei einem Interview mit Barbara Reed, der verantwortlichen Bewährungshelferin von Cuyahoga Falls (Ohio, USA), kam zutage, daß sie schon seit mehr als zehn Jahren Straftäter, die geringfügigere Verbrechen einschließlich Gewalttaten in der Familie verübt haben, durch eine Umstellung der Ernährung behandelt.
Wie erfolgreich ist Ihre Arbeit?
Wir haben innerhalb von fünf Jahren etwa 1 000 Fälle, die von unserer Abteilung behandelt wurden, statistisch aufgearbeitet. Nachdem wir mit unserem eigenen und vier anderen Gerichten Rücksprache genommen hatten, stellten wir fest, daß 89 Prozent nicht rückfällig geworden waren.
Was ist das Besondere an Ihrem Vorgehen?
Wir beraten nicht nur in der üblichen Weise, sondern erkundigen uns auch nach der Ernährung und der körperlichen Betätigung des Straftäters und geben ihm Empfehlungen.
Welche Fehler stellen Sie gewöhnlich fest?
Die meisten frühstücken nicht. Gewöhnlich nehmen sie täglich 30 bis 150 Teelöffel Zucker in Form von Gebäck, Süßigkeiten, Eiscreme und Limonade zu sich. Im Durchschnitt trinken sie am Tag 3 bis 16 0,5-Liter-Flaschen Limonade. Gemüse essen sie nur selten. Manche sind allergisch gegen Milch oder gewisse Nahrungsmittel.
Welche Verbindung besteht zwischen Ernährung und Verbrechen?
Kriminelle Handlungen werden nicht nur durch e i n e n Faktor verursacht. Ständig Nahrung zu sich zu nehmen, die Koffein, Alkohol oder weißen Zucker enthält, ruft im Körper eine Streßsituation hervor. Die Nebennieren, die darauf mit Adrenalinstößen reagieren, sind nach einiger Zeit nahezu erschöpft. Aber wenn jemand streitet oder ein Verbrechen begeht, fließt das Adrenalin wieder. Ich glaube, daß sich manche einer kriminellen oder feindseligen Betätigung zuwenden, um diesen Energiestoß zu erhalten. Zudem kann schlechte Ernährung einen reizbar und eher gewalttätig machen.
Kann ein Gewalttätiger seiner Ernährung die Schuld geben?
Jeder hat die Verantwortung, einen klaren Verstand zu behalten. Wenn jemand weiß, daß bestimmte Nahrungsmittel Probleme hervorrufen, und sie dennoch ißt, ist er ebenso verantwortlich wie ein Alkoholiker, der Alkohol trinkt. Ihm ist bewußt, was passieren wird. Natürlich wissen die meisten Menschen nichts von diesem Problem.
Warum werden einige, die sich in derselben Weise ernähren, nicht kriminell?
Jeder ist anders. Mancher trinkt jahrelang Alkohol und wird kein Alkoholiker. Der eine reagiert auf Zucker oder Koffein empfindlicher als der andere. Die Neigung zur Sucht könnte erblich bedingt sein. Wir haben in 50 von 150 unserer Fälle festgestellt, daß die Eltern oder Großeltern Diabetes oder Hypoglykämie hatten.
Wird durch eine bessere Ernährung die Gewalttätigkeit in der Familie zurückgehen?
Gewiß. Wir hatten noch nie einen Fall von Gewalttätigkeit innerhalb einer Familie, in der nicht die Ernährung ein wesentliches Problem war. Natürlich schließt das den Alkoholmißbrauch ein, aber es gibt viele Familien, die enorme Mengen „Schundnahrung“ verzehren. Ein Ehepaar, das sich regelmäßig stritt, lebte fast nur von Kaffee, Limonade und Eiscreme. Ich verordnete beiden eine gesunde Ernährung mit frischem Gemüse, frischen Früchten, Vollkornbrot und Getreide sowie täglich sechs Gläser Wasser und ermunterte sie, zusammen spazierenzugehen. Die Lage besserte sich binnen zwei Wochen. Gute Ernährung und körperliche Betätigung sind ausgezeichnete Mittel, mit Streß fertig zu werden.
Bis zu welchem Ausmaß wird Ihre Methode auf dem Gebiet der Resozialisierung angewendet?
Die große Mehrheit weiß nichts davon. Diejenigen jedoch, die es damit versuchen, erkennen, daß es funktioniert. Gegenwärtig gibt es in mindestens sieben anderen Bundesstaaten ähnliche Programme.
-
-
Liegt es am Fernsehen?Erwachet! 1982 | 22. Oktober
-
-
Liegt es am Fernsehen?
Die Wurzeln der Gewalttätigkeit
● Dr. Leonard Eron hat beobachtet, welche Langzeitwirkung Gewalttätigkeit im Fernsehen auf Kinder hat. Dieser Forscher, der Professor der Sozialwissenschaften an der Universität von Illinois am Chicago Circle ist, sagte im Interview, daß gewalttätiges Verhalten erlernt ist und das Fernsehen dabei eine große Rolle spielt.
Warum war Ihre Studie einzigartig?
Wir beobachteten über einen Zeitraum von einundzwanzig Jahren eine Gruppe junger Leute, um festzustellen, was dazu beitrug, daß einige äußerst aggressiv wurden. Im Jahre 1960 begannen wir mit 875 Achtjährigen. Zehn Jahre später interviewten wir 475 aus dieser Gruppe und andere Gleichaltrige. Soeben haben wir eine zwanzigjährige Studie über mehr als 400 dieser Personen abgeschlossen.
Zu welchen Ergebnissen sind Sie gelangt?
Je größer die Vorliebe eines achtjährigen Kindes für Gewalttätigkeit im Fernsehen ist, um so größer ist seine Feindseligkeit in diesem Alter und auch noch zehn Jahre später. Unsere Studie ist in fünf Ländern nachgeahmt worden. Uns liegen die Ergebnisse von Finnland und Polen vor. Sie bestätigen unsere Befunde.
Meinen Sie, daß Gewalttätigkeit im Fernsehen bei Kindern Aggressionen hervorruft oder daß eben gewalttätige Kinder gern Gewalttaten sehen?
Zu unserer Überraschung stellten wir fest, daß Achtjährige, die nicht aggressiv waren, sich aber viel Gewalttätigkeit im Fernsehen ansahen, im Alter von 19 Jahren bedeutend gewalttätiger waren als junge Leute, die im Alter von acht Jahren äußerst aggressiv waren, sich aber wenig Gewalttätigkeit im Fernsehen ansahen.
Inwiefern bewirkt Gewalttätigkeit im Fernsehen Aggressionen?
Sie lehrt eine bestimmte Art, Probleme zu lösen. Diese Lösungen werden ständig wiederholt. Kinder sehen, wie der Hauptdarsteller eines Spielfilms oder eines Zeichentrickfilms erfolgreich gewalttätige Methoden anwendet, und versuchen das gleiche.
Ist Gewalttätigkeit im Fernsehen die einzige Ursache?
Nein. Eine große Rolle spielt die Erziehung des Kindes. Gemäß unserer Feststellung wurden Kinder aggressiver, wenn die Eltern miteinander stritten, das Kind ablehnten oder grobe Strafen anwendeten. Unsere Studie zeigte jedoch, daß ein Kind, das das Empfinden hatte, seine Eltern bestraften es aus Liebe, weniger aggressiv wurde und daß die Strafe half. Liebevolle Eltern wenden gewöhnlich keine harten Strafen an.
Was übt einen größeren Einfluß aus — Gewalttätigkeit im Fernsehen oder gewalttätige Eltern?
Das ist schwer zu sagen. Aber wir haben festgestellt, daß bei dem Versuch, vorauszusehen, wie gewalttätig ein Achtjähriger im Alter von 19 Jahren sein würde, seine Fernsehgewohnheiten ein genauerer Hinweis waren als alles andere, sei es Streit zwischen den Eltern oder der soziale Status. In unserer neuen dreijährigen Studie von Chicago korrigierten wir die Einstellung einiger Kinder, die sich viel Gewalttätigkeit im Fernsehen ansahen. Sie wurden weniger aggressiv, obwohl andere Bereiche ihres Lebens unverändert blieben.
Was können Ihrer Meinung nach Eltern gegen dieses Problem unternehmen?
Sie sollten überwachen, was sich ihre Kinder ansehen. Außerdem können sie den Kindern erklären, daß das, was sie im Fernsehen beobachten, nicht die Wirklichkeit ist und daß man Probleme nicht lösen kann, indem man jemanden verprügelt. Unsere geringen Bemühungen, zu erklären, wie unrealistisch das Fernsehen ist, hatten bedeutende Erfolge. Wieviel größer doch die Wirkung wäre, wenn Eltern das tun würden!
-
-
Liegt es an der Denkweise?Erwachet! 1982 | 22. Oktober
-
-
Liegt es an der Denkweise?
Die Wurzeln der Gewalttätigkeit
● „Kriminalität ist das Produkt der Denkweise eines Kriminellen“, sagte Dr. Stanton Samenow, klinischer Psychologe und Berater in Alexandria (Virginia, USA), in unserem Interview. Er gehörte zu einem Team, das 17 Jahre lang die Denkweise von Kriminellen durch zahllose Interviews erforschte und bemüht war, Kriminelle zu resozialisieren, die verhärtet und häufig gewalttätig waren.
Warum glauben Sie, daß die Umwelt und die Erziehung nicht entscheidend sind?
Die meisten armen Leute sind nicht kriminell, aber viele wohlhabende sind es. Die meisten, die zu Minderheiten gehören, sind nicht kriminell, aber viele, die zu Mehrheiten gehören, sind es. Mehr als die Hälfte der Straftäter, mit denen wir zu tun hatten, kamen aus geordneten Verhältnissen. Gewöhnlich hatten sie Geschwister oder Nachbarn, die unter denselben Bedingungen lebten und nicht den Weg der Kriminalität beschritten.
Vertreten Sie den Standpunkt, daß es nicht genügt, die Umwelt zu verändern?
Ja. Die Kriminalität verschwindet nicht, wenn man die Slums beseitigt. Kriminalität wohnt im Sinn der Menschen, nicht in den Slums. Eine Veränderung der Umwelt verändert nicht das Innere der Person. Selbst die Bibel sagt: „Wie er in seinem Herzen denkt, so ist er“ (Sprüche 23:7, Authorized Version). Die Denkweise des Kriminellen muß geändert werden.
Welche Denkfehler sind die häufigsten?
Natürlich erkennt der Kriminelle sie nicht als solche. Aber in dem Werk The Criminal Personality haben wir zweiundfünfzig fehlerhafte Denkweisen aufgelistet. Folgende gehören zu den häufigsten: 1. Die Ansicht, daß die Welt ihnen gehört und daß sie sich nehmen können, was immer sie wollen und wann immer sie es wollen. 2. Die Fähigkeit, Angst auszuschalten. Sie sind überoptimistisch. Die Angst, verletzt oder erwischt zu werden, und selbst ein quälendes Gewissen werden für den Augenblick einfach ausgeschaltet. 3. Kein Sinn für Teamarbeit. In einem Baseballteam, das aus neun Kriminellen bestand, dachte jeder, er sei der Kapitän. 4. Sie denken in Extremen — entweder sind sie die Nummer eins oder eine Null.
Wie verändern Sie die Denkweise?
Der einzelne muß eine Änderung herbeiwünschen. Man muß versuchen, ihn anzusprechen, während er ein Tief hat. Vielleicht ist er inhaftiert worden, oder seine Familie will ihn verlassen. Statt ihn über seine Kindheit zu befragen und ihm dadurch das Gefühl zu vermitteln, er sei ein hilfloses Opfer der Umstände, weisen wir ihn höflich darauf hin, wie miserabel sein Leben ist. Wir versuchen, seine Selbstverachtung zu fördern.
Welche positiven Ideale lehren Sie?
Die völlige Eigenverantwortlichkeit. Man sollte nicht andere beschuldigen. Ein Krimineller, der einige Fortschritte machte, sagte: „Ich dachte immer, wenn meine Eltern mir mehr Liebe geschenkt hätten, wäre ich nicht kriminell geworden, aber jetzt frage ich mich, ob sie nicht deshalb so geworden sind, weil ich ein so schlechter Sohn war.“ Das „Ich kann nicht“ wurde durch ein „Ich muß“ ersetzt. Wir lehrten Mitgefühl für andere.
Was verhindert eine Rückkehr zur Kriminalität?
Wir lehrten sie, ihr eigener Kritiker zu werden — stets zu überprüfen, ob ihre Denkweise moralisch richtig ist. Diese ständige moralische Bestandsaufnahme ist das wichtigste Abschreckungsmittel.
Wie erfolgreich sind Ihre Bemühungen gewesen?
Nachdem wir unsere Verfahrensweise entwickelt und verfeinert hatten, arbeiteten wir zwischen 1970 und 1976 sehr intensiv mit dreißig hartgesottenen Kriminellen. Dreizehn von ihnen haben sich völlig geändert und sind nun gesetzestreue Bürger.
-