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  • Wir hielten an unserer Überzeugung fest
    Erwachet! 1979 | 22. August
    • ein Viertel seiner Blutmenge verblieben war. Ich saß lange neben Garys Bett, verwirrt und verängstigt. Ich betete zu Jehova wie zu einem gütigen Vater. Wie lange ich betete und meinen Gedanken nachhing, weiß ich nicht. Doch mir war, als hätte ich den ganzen Vormittag so zugebracht, bis die Krankenschwester zur routinemäßigen Untersuchung hereinkam.

  • Eine lebenrettende neue Therapie
    Erwachet! 1979 | 22. August
    • Eine lebenrettende neue Therapie

      ICH ging für ein paar Minuten aus Garys Zimmer und sah im Warteraum zwei unserer christlichen Brüder aus unserer Versammlung. Sie kamen gleich auf mich zu, einer von ihnen mit einer Fotokopie einer Seite des Wachtturms in der Hand. Nach einer kurzen Begrüßung überreichte er sie mir. Es handelte sich um die Rubrik „Nachrichten und ihre tiefere Bedeutung“ aus der Wachtturm-Ausgabe vom 1. September 1974 (deutsch: 1. Dezember 1974).

      Während ich den Artikel las, durchzuckte mich ein neuer Hoffnungsfunke. Der Artikel nahm auf einen Nachrichtenbericht Bezug, in dem eine neue Methode beschrieben wurde, die Patienten mit großem Blutverlust helfen sollte. Diese Therapie wird Sauerstoffüberdruckbeatmung genannt.

      Eine entscheidende Kraftprobe

      Gegen 11.30 Uhr kam der Leiter der chirurgischen Abteilung den Gang entlang. Er bat uns in sein Büro mit der Bemerkung: „Wir wollen die Sache jetzt ein für allemal klären.“

      Es war ein kleines Büro, das noch kleiner wurde, als drei Ärzte, meine beiden Bekannten und ich uns hineinzwängten. Ich konnte sehen, daß die Ärzte müde waren, wahrscheinlich, weil sie so viele Stunden arbeiteten und sich mit vielen schwierigen Problemen auseinandersetzen mußten. Die Weigerung Garys, Blut anzunehmen, schien ihre Last noch zu vergrößern. Ich konnte sie verstehen.

      „Ich habe mit meinen Ärzten gesprochen, und wir sind entsetzt“, erklärte der Chefchirurg. „Mehr als entsetzt, wir sind verärgert! Wir haben hier einen jungen Mann, den wir retten könnten, aber die Grundsätze, nach denen Sie leben und nach denen zu leben Sie von ihm verlangen, machen es uns unmöglich zu helfen.“

      Er klemmte mehrere Röntgenaufnahmen von Garys gebrochenem Bein in die Halterung des Bildbetrachters, der an der Wand hing, und zeigte auf die mehrfachen Brüche in Garys Bein. Sie sahen aus wie die gezackte Bruchstelle eines Bleistifts. Eine Aufnahme zeigte deutlich, wie der Knochen durch das Fleisch drang.

      „Dagegen kämpfen wir“, sagte er, während er in schneller Reihenfolge auf jeden der Brüche zeigte. „Gary braucht hier und hier und hier Nägel, und in jedem Fall verlangt die Operation Blut.“ Immer wieder sagte er: „Ich bin verärgert!“ Ich war schrecklich eingeschüchtert, denn ich wußte, daß ich das Hauptziel seines Unmuts war. Ich senkte den Kopf und weinte.

      „Ich bin ein Christ“, erklärte der Chirurg, „und ich sehe nichts Verkehrtes daran, eine Bluttransfusion anzunehmen. Und selbst wenn es falsch wäre, würde Gott Ihnen vergeben.“ Darauf änderte er seine Taktik und sagte: „Wenn Sie nicht versuchen, Gary zu überreden, Blut zu nehmen, dann ist es so, als würden Sie ihn ermorden. Jeder, der an Gary wirklich interessiert ist [ich wußte, daß er wahrscheinlich seinen Blick auf mich heftete], wird versuchen, ihn dazu zu überreden, Blut zu nehmen.“ Dann wechselte er den Ton seiner Stimme und appellierte an mein Gefühl: „Wenn er Blut nähme, könnte er bald hier heraussein und zu Ihnen und den Kindern nach Hause kommen und schließlich wieder arbeiten gehen. Blut ist die einzige Lösung.“

      „Dieser Mann stirbt, und wir könnten ihn retten, aber Sie binden uns die Hände“, fuhr er fort. „Ist Ihnen schon jemals jemand unter den Händen gestorben, ohne daß Sie etwas tun konnten, um ihn zu retten?“ Ich unterbrach ihn und sagte leise: „Ja. Ich hatte eine Tochter.“ Meine Antwort muß ihn überrascht haben, denn er hörte auf zu reden. Die peinliche Pause wurde unterbrochen, als er sagte: „Also gut, gehen Sie alle hinaus. Gehen Sie hinaus, und denken Sie über das nach, was der Mann durchzumachen hat.“

      Eine veränderte Haltung

      Als ich aufstand, um hinauszugehen, wandte ich mich an ihn und fragte: „Kann ich mit Ihnen reden?“ Alle blieben stehen und drehten sich nach mir um. „Allein“, bat ich. „Also gut, alle raus!“ donnerte er.

      Als alle draußen waren, spürte ich sofort eine Veränderung in seinem Verhalten. Er schien sich zu beruhigen. Wir unterhielten uns ungezwungen, und er fragte mich, wie ich ein Zeuge Jehovas geworden sei, und erkundigte sich nach meiner Tochter. Dann fragte er mich nach meinem Alter. „Sechsundzwanzig“, sagte ich. Zu meiner Überraschung erwiderte er: „Mein Gott! Sie sind noch so ein junges Ding und müssen so viel durchmachen.“

      Diese Umwandlung hatte ich nicht erwartet. Ich fragte ihn, ob er aufgeschlossen sei. Er stimmte zu. Ich wollte, daß er mir diese Frage beantwortete, bevor ich ihm den Wachtturm-Artikel über die Sauerstoffüberdruckbehandlung zu lesen gab. Als er mir den Artikel zurückgab, fragte ich: „Denken Sie, das könnte helfen?“

      „Nun, ich weiß nicht“, antwortete er. „Doch so, wie die Sache aussieht, sollte man es wenigstens versuchen.“

      „Können Sie ihn irgendwohin schicken?“ bat ich ihn.

      „O nein!“ sagte er. „Das mache ich nicht. Das müssen Sie schon ganz allein tun. Sie können ja beim Marinestützpunkt anrufen.“

      „Was soll ich denn sagen? Mit wem soll ich reden?“ fragte ich.

      „Sie rufen einfach an und fragen danach, wer für die Sauerstoffüberdruckbehandlung zuständig ist, und berichten den Fall.“ Darauf beugte er sich schnell nach vorn und griff nach dem Telefon auf seinem Schreibtisch. Er begann mit jemandem zu reden, mit jemandem, den er beim Vornamen nannte. Er erzählte meine ganze Geschichte und machte den Eindruck, als wolle er mir wirklich helfen. Als er den Hörer auflegte, sagte er: „Alles geregelt.“ Gary sollte in das Long Beach Memorial Hospital überführt werden.

      Wahrscheinlich aufgrund des entschlossenen Vorgehens des Leiters der chirurgischen Abteilung ging alles überraschend schnell. Während Gary für den Transport vorbereitet wurde, sagte jedoch einer der Ärzte über die Sauerstoffbehandlung: „Sie wird überhaupt nichts nützen.“ Er sprach zwar leise, doch seine Stimme klang wütend, als er sagte: „Er braucht Blut, wenn seine Wunden heilen sollen.“ Das entmutigte mich. Doch ehe ich mich’s versah, wurde Gary in einen wartenden Krankenwagen gebracht. Ein Arzt begleitete uns auf der Fahrt.

      Neue Hoffnung

      Endlich kam ein großes, hypermodernes Krankenhaus in Sicht. Einige Pfleger warteten schon auf uns. Sie transportierten Gary sofort ins siebente Geschoß und brachten ihn in ein kleines Privatzimmer auf der Intensivstation. Eine Krankenschwester bat mich, draußen zu warten, bis die Ärzte die Untersuchung beendet hatten. Ich ging die Treppe hinab in einen Waschraum, um mich frisch zu machen. Dort hielt ich inne und betete um Mut und Kraft. Etwa 18 Stunden waren vergangen, seit ich in der Nacht zuvor durch den Anruf mit der Schreckensnachricht geweckt worden war.

      Erschöpft schleppte ich mich wieder zu dem Zimmer, in dem Gary lag. Als ich eintrat, waren die beiden Ärzte noch da. Einen Augenblick vergaß ich, daß ich den Artikel über die Sauerstoffüberdruckbehandlung bei mir trug. Dann ging ich auf den Arzt zu, der mir am nächsten stand, und überreichte ihm den Artikel. Es war ein großer, etwas rundlicher Mann mit breiten Schultern und mit nach hinten gekämmtem, schwarzem welligem Haar. Er nahm ihn und begann zu lesen. Als er fertig war, murmelte er in typischer Arztmanier: „Aha.“ Ungeduldig, seine Meinung zu hören, fragte ich: „Haben Sie schon einmal etwas von dieser Behandlungsmethode gehört?“

      „O ja“, antwortete er etwas lässig. „Ich habe den Artikel selbst geschrieben.“ (Es handelte sich dabei um den Artikel, der am 20. Mai 1974 in der Zeitschrift Journal of the American Medical Association erschienen war und auf den im Wachtturm Bezug genommen wurde.) Ich fühlte, wie ich aus Verlegenheit und übergroßer Freude errötete. Während er weiterredete und die Behandlungsmethode beschrieb, hob sich meine niedergedrückte Stimmung.

      Ich wollte optimistisch sein, hatte aber immer noch Zweifel. Ich wiederholte die Bemerkungen, die der Arzt kurz vor dem Verlassen der Universitätsklinik gemacht hatte. „Seine Meinung war“, erklärte ich, „daß diese Behandlung nicht hilft, und selbst wenn sie helfen würde, würden Garys Verletzungen nicht richtig heilen, weil er Vollblut brauche.“ Er sah mir direkt in die Augen, nickte verständnisvoll und erklärte philosophisch: „Einige Leute reden nur aus Unwissenheit.“ Zufrieden und zuversichtlich glaubte ich nun, daß Gary Chancen hatte.

      Die Sauerstoffüberdruckbeatmung

      Die Behandlung mit Sauerstoffüberdruck besteht darin, daß der gesamte Körper reinem Sauerstoff ausgesetzt wird, und zwar unter einem Druck, der höher ist als der atmosphärische Druck, der auf Meereshöhe 10 132,5 Newton pro Quadratmeter beträgt. Durch den Überdruck wird Sauerstoff in den Geweben und Flüssigkeiten des Körpers in viel höherer Konzentration als normal angereichert. Man benutzt dazu einen zylinderförmigen Tank aus einer kräftigen Metallkonstruktion mit einer dicken Glaskuppel, die es dem Patienten ermöglicht, hinauszusehen, und den draußen Stehenden, hineinzuschauen. Die ungewöhnlich dicke, kreisförmige Tür ähnelt der Tür eines Banktresors. Die Verständigung ist über eine Wechselsprechanlage möglich.

      Die Kompression beginnt langsam und wird allmählich erhöht, bis sie den vorgeschriebenen Wert erreicht. Die Wirkung auf das Trommelfell ist ähnlich, wie wenn man einen Berg hinauf- oder hinunterfährt. In den ersten Tagen erhielt Gary diese Behandlung alle sechs Stunden rund um die Uhr. Nach jeder Behandlung verspürte er eine anregende Belebung.

      Als Gary am vierten Tag um 20 Uhr eine Behandlung hinter sich hatte, prüfte die Krankenschwester wie üblich sein Blutbild. Das Ergebnis verursachte einige Aufregung — der Hämatokritwert war um einen vollen Prozentpunkt gestiegen, von 10 auf 11. Er war zwar noch gefährlich niedrig, doch die Nachricht gab uns beiden Auftrieb. Am achten Tag der Behandlung betrug der Wert bereits 19, und das reichte aus, um ihn von der Intensivstation in die Isolierstation zu überführen.

      Ein unmißverständliches Zeichen für Garys verbesserten Gesundheitszustand erhielt ich eines Morgens, als er aufwachte. „Möchtest du heute morgen etwas frühstücken?“ fragte ich fröhlich. Seit dem Unfall hatte er keine Nahrung bei sich behalten können. Es riß mich daher aus dem Sessel, den ich als Bett benutzte, als er antwortete: „Ja, gern.“

      „Gut, gut“, sagte ich aufgeregt. Sein wiederkehrender Appetit war ein weiterer Beweis dafür, daß er am Leben bleiben würde. Im Widerspruch zur allgemeinen ärztlichen Meinung hatte er ohne Blut überlebt und gleichzeitig die teilweise tödlichen Komplikationen vermieden, die sich oft bei einer Bluttransfusion ergeben. Natürlich hatte er die Bluttransfusion deshalb verweigert, weil Gottes Gesetz Christen gebietet: ‘Enthaltet euch des Blutes’ (Apg. 15:28, 29).

      Eine weitere Krise

      Bevor Gary die Intensivstation verlassen konnte, bekam Bryan auf einmal Fieber. Die Fontanelle, die weiche Stelle oben am Schädel, war geschwollen, und das zeigte, daß auf das Gehirn ein Druck ausgeübt wurde — ein erster Hinweis auf Hirnhautentzündung. Ein fürchterlicher Schreck durchfuhr mich, als die behandelnde Ärztin ankündigte, er benötige eine Blutplättchentransfusion. Sie erklärte, daß sein Blutplättchenwert so niedrig sei, bestehe die Gefahr, daß bei der Lumbalpunktion eine Blutung eintrete, die zur Lähmung führen könne.

      Als wir Bryan das erstemal in dieses Krankenhaus gebracht hatten, war ein Gerichtsbeschluß erwirkt worden, um uns das Sorgerecht für Bryan zu entziehen. Es war ihm aber doch kein Blut gegeben worden, da es ihm nicht geholfen hätte. Sein Körper war nicht in der Lage, Blutplättchen richtig zu bilden. Daher hatten wir mit dem Arzt, der Bryan behandelte, vereinbart, daß ihm kein Blut gegeben würde.

      Schließlich traf der Arzt ein, mit dem wir die Vereinbarung getroffen hatten. Ich berichtete ihm kurz, was vorgefallen war. Er sagte, er werde die Lumbalpunktion ohne Blut durchführen. So einfach war das — es sollte kein Blut gegeben werden. Es bestand jedoch die Möglichkeit, daß Bryan verblutete oder gelähmt wurde. Die Rückenmarksflüssigkeit wurde ins Labor geschickt, und es stellte sich heraus, daß Bryan Virusmeningitis hatte. Ich seufzte.

      Eine dramatische Wende

      Seit dem ersten Blutplättchentest, der an dem Tag durchgeführt worden war, an dem wir Bryans Krankheit entdeckten, hatte der Blutplättchenwert gleichbleibend 4 000 pro mm3 betragen. Doch ein paar Tage nach seiner Meningitiserkrankung enthüllte eine Blutuntersuchung eine dramatische Wende. Strahlend berichtete der Arzt: „Bryans Blutbild hat sich ein wenig gebessert.“

      „Wirklich?“ unterbrach ich ihn.

      „Ja“, fuhr er fort. „Der Wert ist auf 25 000 gestiegen.“

      Ich war schrecklich aufgeregt. Natürlich wollte ich glauben, daß Bryan am Leben bliebe. Doch hatten wir die Hoffnung aufgegeben, da uns der Arzt gesagt hatte, seines Wissens hätten nur sehr wenige diese Krankheit überlebt. Ich konnte mich kaum beherrschen, als ich Gary die gute Nachricht von Bryans verbessertem Blutbild erzählte. „Das ist immer noch nicht gut, Jan“, sagte er matt, unbeeindruckt von meiner Begeisterung.

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