-
Eine Fahrt durch den RifatlasErwachet! 1970 | 22. Oktober
-
-
Leute einen kennen, ist die ganze Familie gern bereit, sich photographieren zu lassen; auch wird man dann zu Pfefferminztee und Kuchen eingeladen. Obwohl wir ihre Sprache nicht sprechen, verstehen wir uns. Wir haben schon manche Tasse Tee mit diesen Menschen getrunken und uns nur durch Gesten und Lächeln mit ihnen verständigt.
Der Rifatlas
Von der nächsten Haarnadelkurve aus können wir Al-Hoceima sehen, das auf Felsen gebaut ist und das Meer überblickt. Die Straße führt nun nach Westen und dann nach Südwesten und beschreibt einen großen Bogen, der sozusagen bis Tanger reicht. Die Straße folgt viele Kilometer weit dem Grat, verläßt dann das Gebirge und führt in die Küstenebene nach Tétouan hinunter. Man hat den Eindruck, über das Rückgrat eines riesigen Dinosauriers zu fahren, der den „Gnadenstoß“ erhalten hat, hingestürzt ist und sich in den letzten Todesqualen windet; der Kopf liegt am Atlantik und der Schwanz am Mittelmeer.
Merkst du, wie wir jetzt an Höhe gewinnen? Das bedeutet, daß es kühler wird. Die Sonne ist warm, aber im Schatten der Berghänge ist es recht frisch. Siehst du dort den Schnee auf dem Dschebel Tidirhin? Er ist 2 452 Meter hoch. In Ketama, das gerade vor uns liegt, kommen wir dann durch einen Zedernwald. Hier liegt immer noch viel Schnee; die Bäume sehen aus wie riesige Schneemänner. Die große Attraktion hier ist der Skisport.
Die Straße führt jetzt talwärts und ist daher wieder kurvenreich. Es mutet merkwürdig an, nachdem wir kurz zuvor Schneefelder gesehen haben, wo der Schnee stellenweise noch 45 Zentimeter hoch gelegen hat, jetzt blühende Obstbäume zu sehen und junge Hirten, die bequem in ihrem Mantel oder Dschellaba auf dem Boden liegen. Welch ein friedliches Bild bieten doch die weidenden Schafherden.
Aber schau mal hinüber zu jenen Hügeln! Siehst du, was sich dort langsam den Grat entlang bewegt? Es sieht aus wie Bäume, in Wirklichkeit aber sind es Männer, die riesige Reisigbündel auf den Schultern tragen.
Am Fuße des Dschebel Tisuka liegt das Städtchen Chaouen. Wenn du so müde und so hungrig bist wie ich, dann wirst du froh sein, daß wir anhalten und uns die Füße etwas vertreten und dann zum Suk oder Markt gehen, um uns etwas zu essen zu holen. Dieser Stadtteil ist die „Neustadt“, die Altstadt, die Medina, liegt höher oben am Berg. Während wir zu Fuß hinaufsteigen, fallen uns die engen gepflasterten Gassen auf, die hellblau getünchten Mauern, in denen alle paar Schritte ein Durchgang zu sehen ist. Gib acht! Um die nächste Wegbiegung muß ein Esel kommen, denn man kann bereits die Stimme des Reiters hören, der ausruft „Balek, balek“ („Platz gemacht, Platz gemacht“). Die Satteltaschen oder chouari werden mit Waren vollgestopft sein, und es wäre nicht angenehm, von diesen gestoßen zu werden.
Doch es ist schon spät. Wir müssen weiterfahren. Es scheint, daß die Straße es jetzt, da wir das Gebirge verlassen, müde wird, sich zu winden und zu schlängeln. Es wird allmählich dunkel, und man sieht fast nichts mehr, außer die Umrisse eines Esels oder die Silhouette eines blühenden Obstbaumes, der sich scheinbar uns zuwendet, während wir vorbeifahren, und uns zuwinkt, dann aber im Dunkel der Nacht verschwindet. Nun ist unsere Fahrt bald zu Ende.
-
-
Durstig?Erwachet! 1970 | 22. Oktober
-
-
Durstig?
Wenn der menschliche Körper ein bis zwei Prozent von seinem Wasser einbüßt, macht sich meist Durst bemerkbar. Beträgt der Wasserverlust fünf Prozent, so werden Mund und Kehle trocken, und es treten vielleicht gar Halluzinationen auf. Ein Verlust von 15 Prozent hätte wahrscheinlich den Tod zur Folge.
-