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Zehn Millionen Flüchtlinge — Wer nimmt sie auf?Erwachet! 1984 | 22. Januar
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Zehn Millionen Flüchtlinge — Wer nimmt sie auf?
TRAN ist Mathematiklehrer. Jetzt kämpft er mit 1 900 anderen in einem überfüllten thailändischen Flüchtlingslager ums Überleben. „Die größten Probleme sind die mangelhafte Ernährung und das Fehlen sanitärer Einrichtungen“, sagte der 27jährige Lehrer.
Alan gehört zu einer anderen Art von Flüchtlingen. Er ist wegen der zerrütteten Wirtschaft und des autoritären Regimes in seiner Heimat, einer Insel in der Karibik, von zu Hause weggegangen. Die über 1 000 Kilometer weite Reise in die Vereinigten Staaten war ein gefährliches Abenteuer, das in einem Durchgangslager endete.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben weit über 40 Millionen Menschen Haus und Hof verlassen müssen. Manche dieser Flüchtlinge haben mühsam glühendheiße Wüsten durchquert, sich einen Weg durch Urwalddickicht geschlagen oder in kleinen, zerbrechlichen Booten die Überfahrt auf dem sturmgepeitschten Meer gewagt. Tausende sind auf der Flucht umgekommen. Weitere Tausende wurden in Lager gepfercht, die eine erschreckende Ähnlichkeit mit den Konzentrationslagern hatten. Nach kompetenten Schätzungen hat die Zahl der Flüchtlinge 1982 in der ganzen Welt weit über zehn Millionen betragen.
Bisher hat die Welt kaum auf diese furchtbare Realität reagiert. Die Bemühungen, die Not zu lindern, werden durch geringe finanzielle Mittel und durch politische Realitäten stark behindert. Auch gibt es keine Garantie dafür, daß das Land, in das die Flüchtlinge fliehen, ihnen Asyl gewährt, obschon es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt, daß jeder Mensch das Recht habe, „in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen und zu genießen“.
Außerdem gelten nicht alle als legitime Flüchtlinge, sondern nur Personen, die aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen verfolgt wurden und deshalb ihren Heimatstaat verlassen haben. Das bedeutet, daß diejenigen, die ihrem Land aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen einer Naturkatastrophe den Rücken kehren, nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, sondern mit dem abwertenden Ausdruck „illegale Ausländer“ bedacht werden.
Wer also nimmt die Heimatlosen der Welt auf? Kaum jemand. Flüchtlinge in ein ihnen fremdes Land, dessen Sprache sie nicht verstehen und dessen Kultur sie nicht kennen, zu integrieren kann für alle Beteiligten ein traumatisches Erlebnis sein. Viele Flüchtlinge verfügen auch nicht über die Ausbildung, die erforderlich wäre, um eine Arbeit zu finden. Und den Flüchtlingen, die eine Stelle gefunden haben, wirft die einheimische Bevölkerung oft vor, sie hätten ihr die Arbeitsplätze weggenommen. Die meisten ziehen es deshalb vor, die Augen vor der Not der Flüchtlinge zu verschließen und sie als ein Problem der staatlichen Bürokraten anzusehen. Wie wir jedoch feststellen werden, darf die Flüchtlingsfrage nicht ignoriert werden.
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Vermächtnis unserer unruhigen ZeitErwachet! 1984 | 22. Januar
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Vermächtnis unserer unruhigen Zeit
DAS Flüchtlingsproblem ist nicht neu. Die Geschichte berichtet, daß schon früher große Menschenmassen ihre Heimat verlassen mußten. Die Entstehung der europäischen Staaten zum Beispiel ist größtenteils die Folge einer Völkerwanderung, ausgelöst durch den Zerfall des Römischen Reiches. Man könnte annehmen, daß solch tragische Ereignisse der Vergangenheit angehören. Leider ist das nicht der Fall. Ein ehemaliger Hoher Flüchtlingskommissar der UN wies vor kurzem darauf hin, daß „der Massenexodus allmählich ein erschütterndes und permanentes Merkmal unserer Zeit“ wird. Warum?
Die Ära der Flüchtlinge
Wie die Bibel vorausgesagt hat, ist der Friede im Jahre 1914 von der Erde weggenommen worden (Offenbarung 6:4). Die Schüsse, die den Ersten Weltkrieg einleiteten, signalisierten umfassende soziale, politische und wirtschaftliche Veränderungen. Der Ausbruch eines zweiten Weltkrieges unterstrich diese Tatsache, wurden doch durch ihn in Europa rund 11 Millionen Menschen ihrer Heimat beraubt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte man sich vor allem, diese Entwurzelten wieder anzusiedeln. Der Krieg hatte aber auch dem Kolonialismus den Todesstoß versetzt. In Asien und Afrika wurden neue Staaten gegründet. Für ihre „Unabhängigkeit“ bezahlten sie mit blutigen Auseinandersetzungen sowie mit sozialem und wirtschaftlichem Chaos. Tausende von Europäern wurden aus ihrer Wahlheimat vertrieben. Innere politische Kämpfe hatten auch den Exodus Tausender Einheimischer zur Folge. Und so ist es noch heute. Aus Äthiopien sind in den vergangenen sechs Jahren zufolge von Krieg und Dürre eine Million Menschen geflüchtet. In der Zeit von 1972 bis 1979, als Simbabwe unter Guerillaaktionen zu leiden hatte, flohen aus diesem Land über eine viertel Million Menschen.
In Asien sowie in Mittel- und in Südamerika kam es aufgrund politischer Veränderungen zu ähnlichen Massenfluchten. Im Jahre 1947 gab Großbritannien Indien die Freiheit. Der riesige Subkontinent wurde in die Staaten Indien und Pakistan geteilt. Diese Teilung löste aber ein furchtbares Blutbad aus. Die Hindus flohen aus Pakistan und suchten Zuflucht in Indien, während die Moslems Indien verließen und nach Pakistan flüchteten. Es war vermutlich der größte Bevölkerungsaustausch der Geschichte — 18 Millionen Menschen. Rund 10 Prozent der Flüchtlinge erreichten die neue Heimat nicht, sondern wurden unterwegs entweder getötet oder verhungerten oder starben an Erschöpfung. Auch die Teilung Koreas in Nord- und Südkorea löste eine Flüchtlingswelle aus — 1,8 Millionen Menschen flüchteten. Und Thailand hat fast 200 000 Menschen aus Kambodscha, Vietnam und Laos aufgenommen, die wegen des Krieges in ihren Ländern geflüchtet sind.
Diese großen Bevölkerungsverschiebungen sind nur ein Anzeichen dafür, daß die Probleme, die die Menschen seit 1914 quälen, außer Kontrolle geraten sind. Ein weiteres Anzeichen dafür sind die heutigen „Wirtschaftsflüchtlinge“.
Jetzt nicht mehr genehm?
„TÜRKEN RAUS!“ Diese an eine Wand geschmierten Worte verraten Feindschaft gegenüber den 1,4 Millionen in Deutschland lebenden türkischen Gastarbeitern. Der Ausländerhaß besteht, obschon die Gastarbeiter von Deutschland angeworben wurden. Ihre mißliche Lage ist typisch für die „Wirtschaftsflüchtlinge“. Solche Personen verlassen ihr Land nicht, weil sie politisch oder religiös verfolgt werden, und gelten deshalb nicht als echte Flüchtlinge. Vielmehr flüchten sie vor einer bankrotten Wirtschaft, vor Arbeitslosigkeit, unerträglicher Inflation oder vor dem Hunger. Aber wie die echten Flüchtlinge, so stoßen auch sie oft auf Feindseligkeit unter der Bevölkerung des Landes, in das sie geflüchtet sind.
Das erinnert uns an eine Situation, die sich vor langer Zeit in Ägypten entwickelte. Die Israeliten zogen ursprünglich als „Fremdlinge“ nach Ägypten, um dort Getreide zu holen, denn bei ihnen herrschte Hungersnot. Pharao, der sich den Israeliten gegenüber verpflichtet fühlte, weil Joseph die Hungersnot vorhergesagt und entsprechend Vorsorge getroffen hatte, lud sie ein, in Gosen zu wohnen (1. Mose, Kapitel 41, 42 und 47). Aber sie waren nicht lange gern gesehen.
„Wachsende Flüchtlingsfeindlichkeit“
Die Spannungen zwischen den Israeliten und den Ägyptern verstärkten sich zufolge der Unterschiede in Sprache, Kultur und Religion. Den ägyptischen Bauern mißfiel besonders, daß die Israeliten soviel Weideland für ihre Herden brauchten. Dann kam es in Ägypten zu einem Regierungswechsel. Die Israeliten wurden nun plötzlich von denen versklavt, zu denen sie bis dahin ein freundschaftliches Verhältnis gehabt hatten (2. Mose 1:8-11).
Ähnlich ist es heute: Während eines Wirtschaftsbooms sind Ausländer mancherorts gern gesehen, weil viele von ihnen bereit sind, Arbeiten zu verrichten, die den Einheimischen nicht gut genug sind. In Europa gibt es beispielsweise 12,5 Millionen Gastarbeiter. Die Business Week schrieb: „Wegen des geringen Wirtschaftswachstums seit zweieinhalb Jahren und des Rückgangs in der Schwerindustrie und neuerdings auch wegen der Automation in den Fabriken sind die Arbeitsplätze rar, und die ausländischen Arbeitnehmer werden immer häufiger eine Zielscheibe des Fremdenhasses.“
In den Vereinigten Staaten wird die Situation noch dadurch erschwert, daß viele der „Wirtschaftsflüchtlinge“ illegal in das Land gekommen sind. Seit 1972 sollen 40 000 bis 50 000 Haitianer illegal eingewandert sein. Und aus Mexiko, dessen Wirtschaft in einer Krise steckt, strömen täglich Tausende in die USA und suchen dort verzweifelt Arbeit.
Aber die Scharen von legitimen Flüchtlingen und von „Wirtschaftsflüchtlingen“ belasten die Staatskasse nicht wenig, und anscheinend ist die Toleranzschwelle jetzt erreicht. Zum Beispiel schrieb die Zeitschrift Time: „Zufolge der rückläufigen US-Wirtschaft und des finanzschwachen Sozialsystems macht sich im Kongreß eine wachsende Flüchtlingsfeindlichkeit breit.“ Auch in anderen Ländern sind Flüchtlinge nicht mehr genehm.
Die vor kurzem in Nigeria verfügte Ausweisung der Ausländer zeigt, wie schnell „Wirtschaftsflüchtlinge“ unerwünscht sein können.
[Bild auf Seite 6]
Viele „Wirtschaftsflüchtlinge“ wandern illegal in ein Land ein, um sich dort Arbeit zu suchen
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Nigeria wirft seine „Last“ abErwachet! 1984 | 22. Januar
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Nigeria wirft seine „Last“ ab
Von den „Awake!“-Korrespondenten in Nigeria und Ghana
„EXODUS der Unerwünschten“. „Nigerias Ausgestoßene: der brutale Exodus“. Mit solchen Schlagzeilen brandmarkte die internationale Presse eine der größten Völkerwanderungen der Geschichte Afrikas. Es handelte sich nicht um den triumphalen Auszug eines befreiten Volkes noch um eine Flucht aus Angst vor Bedrückung oder Krieg. Vielmehr war es ein Exodus von nahezu zwei Millionen Menschen, die vom Ausweisungsbeschluß der nigerianischen Regierung betroffen worden waren.
Öl und die westafrikanische Gemeinschaft
Um das Jahr 1975 hatte sich Nigeria von seinem schrecklichen Bürgerkrieg einigermaßen erholt und war zur Ölgroßmacht aufgestiegen. Sein Reichtum als Folge des Ölbooms verschaffte ihm wachsende internationale wirtschaftliche Macht und politisches Ansehen. Deshalb ergriff Nigeria die Initiative, was die Schaffung der Wirtschaftsgemeinschaft der Westafrikanischen Staaten (ECOWAS) betrifft, die im Mai 1975 gegründet wurde. Ihr Zweck? Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten zu erleichtern. Die Bürger der dieser Wirtschaftsgemeinschaft angehörenden Staaten durften sich aber auch von da an drei Monate ohne Visum in den Mitgliedsstaaten aufhalten.
Das öffnete der Einwanderung Tür und Tor. „Alle Wege führten nach Nigeria“, dem volkreichsten und wohlhabendsten Staat der Gemeinschaft. Es kam vor, daß täglich 3 000 Einwanderer aus Tschad und aus Ghana die Grenzübergänge passierten. Doch die Zahl derer, die die Grenze unbemerkt, heimlich — also illegal — an einem unkontrollierten Abschnitt überschritten, war weit größer. Die meisten Nigerianer jedoch waren froh über die Einwanderer. Es waren billige — geschulte und ungeschulte — Arbeitskräfte, und sie übernahmen oft Arbeiten, für die sich die Nigerianer zu schade waren. Aber wie bei jeder großen Einwanderungswelle, so fluteten auch bei dieser viele unerwünschte Personen mit in das Land hinein. Deshalb entwickelten sich bald Probleme.
Einwanderer werden eine „Last“
Bereits im Jahre 1978 zeigten sich manche über den Zustrom der Einwanderer besorgt. Viele glaubten, die billigen ausländischen Arbeitskräfte seien mitschuldig an der wachsenden Arbeitslosigkeit in Nigeria. Wie die nigerianische Presse schrieb, sollen illegale Einwanderer die Urheber der 1980 und 1982 ausgebrochenen religiösen Unruhen, die Tausende von Menschenleben forderten, gewesen sein. Arbeitslose Einwanderer bildeten bewaffnete Banden, überfielen harmlose Bürger und vergewaltigten oder töteten sie. Tausende von eingewanderten Frauen betrieben Prostitution. Die zudringliche Bettelei von Einwanderern — Männer, Frauen und kleine Kinder — wurde lästig.
Man fürchtete deshalb für die soziale und die politische Sicherheit des Landes. Im Jahre 1980 wurden Stimmen gegen die „illegalen Einwanderer“ und die „unerwünschten Ausländer“ laut. Die nigerianische Regierung reagierte, indem sie 1981 alle Afrikaner, die keine nigerianischen Staatsbürger waren, aber im Land wohnten, aufforderte, sich bei der Einwanderungsbehörde zu melden. Es wurden jedoch keine Anstrengungen gemacht, diesem Gesetz Geltung zu verschaffen.
Dann kam das Jahr 1982. Nigeria begann unter der Schwemme auf dem internationalen Ölmarkt zu leiden. Das sowie die Inflation führten zu einer wirtschaftlichen Rezession. Die in Lagos erscheinende Zeitung Daily Times schrieb: „Die schwierige wirtschaftliche Situation signalisierte der Bundesregierung, daß Nigeria nicht mehr den ‚Weihnachtsmann‘ spielen kann.“ Die Leute, die zur Zeit des Ölbooms und der wirtschaftlichen Prosperität ins Land gekommen waren, sollten jetzt, da die Wirtschaft nicht mehr florierte, wieder verschwinden.
Der Exodus
Niemand war daher überrascht, als die Regierung am 17. Januar 1983 allen illegalen Einwanderern befahl, binnen zwei Wochen ihre Papiere in Ordnung zu bringen oder das Land zu verlassen. Die nigerianischen Hauswirte kündigten ihren ausländischen Mietern. Arbeitgeber entließen ihr ausländisches Personal. Das führte dazu, daß die meisten illegal eingewanderten Ausländer schleunigst ihre Sachen packten. Kurz zuvor hatte ein Ghanaer noch zu seinen Freunden gesagt, sie würden Nigeria nur verlassen, wenn man ihnen die Pistole auf die Brust setze. „Und selbst dann“, hatte er erklärt, „werden wir uns ganz langsam in Richtung Heimat in Marsch setzen.“ Aber aus dem Exodus wurde nicht der vorhergesagte langsame Marsch, sondern ein Galopp.
Zu Hunderttausenden verließen sie das Land, zusammengepfercht in Kleinbussen oder auf Lastwagen, wo sich auch ihre Habseligkeiten türmten. Sie verstopften die Straßen und überfluteten den Seehafen und den Flughafen von Lagos. Doch wohin konnten sie gehen? Ghana hatte seine Grenzen dichtgemacht. Auch Benin und Togo schlossen ihre Grenzen aus Angst, daß Hunderttausende von Ghanaern notgedrungen bei ihnen hängenbleiben würden. Bis dieses Problem endlich gelöst war, litten die wartenden Flüchtlinge — auch Kinder und Schwangere — unter Hunger und unhygienischen Verhältnissen. Die Behörden von Benin und Togo taten ihr möglichstes, um zu helfen. Am 29. Januar 1983 öffnete Ghana seine Grenzen. Darauf wurde die Welt Zeuge eines ungewöhnlichen Schauspiels: Der Flüchtlingsstrom ergoß sich nach Benin und wälzte sich durch Togo nach Ghana und noch weiter.
In Ghana hatte man bereits ein Komitee für die Aufnahme der Flüchtlinge geschaffen. Für die mit Autos und Schiffen ankommenden Rückwanderer wurde das Messegelände in Labadi (Accra) als Auffanglager eingerichtet. Aber schon am Sonntagmorgen war das Messegelände total überfüllt, so daß für weitere Lager gesorgt werden mußte. Autobesitzer wurden dringend aufgefordert, der Evakuierungsbehörde ihre Autos zur Verfügung zu stellen. Erstaunlicherweise wurden die Rückwanderer so schnell in ganz Ghana verteilt, daß man keine Flüchtlingslager benötigte.
Jeder Rückkehrer hatte eine Geschichte zu erzählen. Einem Ghanaer gelang es, den Grenzort Aflao zu erreichen; er wußte aber nicht, wie er nach Accra kommen sollte. Plötzlich hörte er Lärm und sah, wie Brote aus einem langsam fahrenden Lieferwagen geworfen wurden. Die Leute rannten hin und fingen sie auf. Danach machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Accra, mußte aber wieder nach Aflao zurückkehren. Dort stürmten die Leute die wartenden Busse. Dann sah er plötzlich einen beladenen Lastwagen, der im Verkehr steckengeblieben war. „Ich nahm alle meine Kräfte, die mir noch verblieben waren, zusammen“, berichtete er, „warf meine Reisetasche auf den Wagen und kletterte nach. Wie dankbar war ich, als ich merkte, daß mich jemand von hinten langsam hochschob, bis ich die Pritsche des Lastwagens erreicht hatte. Dort standen etwa hundert Leute eng zusammengepfercht. Nach einer mühsamen dreistündigen Fahrt langten wir in Accra an.“
In der Not zeigten sich manche Menschen echt kameradschaftlich. Einige Rückkehrer teilten ihr Essen mit Personen, die sie überhaupt nicht kannten. Die Kräftigeren halfen den Schwächeren, damit auch sie etwas zu essen bekamen. Auf dem Flughafen wurde beobachtet, daß Rückwanderer Leidensgenossen sogar Geld schenkten. Aber die Not trieb etliche auch zu rohen Taten. Ein Flüchtling, der gerade seine Mahlzeit einnehmen wollte, wurde mit dem Messer bedroht, und dann entriß man ihm das Essen. Eine Frau, die einen Korb mit Nahrungsmitteln trug, strebte einem Auffanglager zu, doch bevor sie den Korb dort abliefern konnte, fielen hungrige Flüchtlinge darüber her und machten ihn leer.
Auf Flughäfen und in Seehäfen drängten sich unübersehbare Menschenmassen in der Hoffnung auf einen Heimtransport. Als die Wartenden die Schiffe stürmten, fielen einige dabei ins Wasser, und ein Flüchtling ertrank. Die Heimkehrer organisierten jedoch blitzschnell Rettungstrupps. Und jedesmal, wenn ein ins Wasser Gefallener herausgezogen wurde, gab es donnernden Applaus — nicht nur unter den Ghanaern, sondern auch unter den Nigerianern. Schließlich fuhren die Schiffe los, vollgepackt mit Flüchtlingen wie Sardinen in der Dose.
Die Folgen
Diese „Völkerwanderung“ wurde als brutaler Exodus bezeichnet — in gewisser Hinsicht mit Recht. Viele sagten, der Ausweisungsbefehl sei zu plötzlich gekommen, außerdem sei die gesetzte Frist von zwei Wochen zu kurz gewesen. Nigerianische Kommentatoren weisen jedoch darauf hin, daß den illegalen Ausländern schon lange vorher gesagt worden war, sie sollten ihre Papiere in Ordnung bringen, und daß nur die, die das nicht getan hatten, vom Ausweisungsbefehl betroffen wurden. Die nigerianischen Behörden waren zudem bemüht, den Ausländern die Ausreise zu erleichtern. Sie durften ihr Hab und Gut mitnehmen, auch ihr Erspartes. Außerdem wurde für eine gewisse ärztliche Betreuung gesorgt. Die nigerianische Vereinigung der Transportunternehmer stellte im ganzen Land 200 Anhänger unentgeltlich für die Beförderung der Rückkehrer zur Verfügung. Viele Personen unterstützten ausgewiesene Ausländer mit Geld. Die Nigerianer behaupten nun, die Lage auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt habe sich bereits entspannt und es würden wieder mehr Arbeitsplätze und Wohnungen zur Verfügung stehen.
Dennoch hat die nigerianische Regierung durch ihr Vorgehen ihren guten Beziehungen zum Ausland geschadet. Außerdem hat Nigeria, indem es sich seiner Last entledigte, diese auf weit ärmere Länder abgewälzt. Ghana allein muß jetzt über eine Million mehr Menschen ernähren. Es hat deshalb das Ausland um Hilfe gebeten. Daraufhin haben mehrere Länder und Organisationen Geld und Hilfsgüter nach Ghana, Togo und Benin gesandt. Auch Nigeria hat finanzielle Unterstützung im Wert von einer Million US-Dollar bewilligt.
Was für eine Zukunft haben die Rückkehrer? Man mag sie als Flüchtlinge, Ausgewiesene oder des Landes verwiesene illegale Einwanderer bezeichnen, doch ihre Not läßt deutlich erkennen, mit welch schwierigen, unlösbaren Problemen sich die Weltführer herumschlagen müssen — eine schwere Anklage gegen eine Welt, die nicht mehr für ihre Bevölkerung sorgen kann.
[Bild auf Seite 9]
Was für eine Zukunft haben diese Menschen?
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Wer wird sich um die Flüchtlinge kümmern?Erwachet! 1984 | 22. Januar
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Wer wird sich um die Flüchtlinge kümmern?
„GEBT den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose in euer Haus.“ Diese Aufforderung ließ Gott durch seinen Propheten Jesaja an Personen ergehen, die viel Wert auf religiöse Zeremonien legten, jedoch herzlos gegenüber ihren Mitmenschen waren (Jesaja 58:7, Die Bibel in heutigem Deutsch). Aber heute können oder möchten nur wenige Länder so handeln. Aus Selbstsucht oder zufolge von kulturellen, rassischen und religiösen Vorurteilen schließt man nicht nur „die Tür seiner Gefühle innigen Erbarmens“, sondern auch die streng bewachten Landesgrenzen (1. Johannes 3:17). Doch dadurch, daß man die Augen vor der Not von Millionen Menschen verschließt, schafft man das Problem nicht aus der Welt. Solange es politische Unruhen gibt sowie Bedrückung, Hunger und Armut, wird es Flüchtlinge geben. Wie läßt sich dieses Problem lösen?
Weltregierung — die wirkliche Lösung
Das Problem kann nur gelöst werden, wenn die Erde anders regiert wird. Wir sprechen aber nicht von einem politischen Umschwung, denn dann wäre zu befürchten, daß es wieder Millionen von Flüchtlingen gäbe. Vielmehr beziehen wir uns auf die biblische Verheißung, daß Gott durch Christus die ganze Erde regieren wird (Matthäus 6:10). Erscheint dir das unglaublich?
Nein, unglaublich ist es nicht, wenn man bedenkt, daß Gott an der Zukunft der Erde persönlich interessiert ist. „Er, der wahre Gott, der Bildner der Erde und der sie gemacht hat, Er, der ihr festen Bestand gab, der sie nicht einfach umsonst erschuf, der sie bildete, damit sie auch bewohnt werde ...“ (Jesaja 45:18). Zu der von ihm bestimmten Zeit wird er eingreifen und die irdischen Regierungen entmachten, damit sie die Erde nicht mehr weiter verderben können (Daniel 2:44).
Es wird ganz erstaunlich sein, wie sich diese himmlische Regierung auf die Erde auswirken wird. Kriege wird es nicht mehr geben, und alle Waffen werden beseitigt werden (Psalm 46:8-11). Es wird eine „Fülle an Getreide“ vorhanden sein, so daß sich alle Menschen auf der Erde satt essen können (Psalm 72:16). Auch wird es keine Heimat- oder Obdachlosen mehr geben. Die Bewohner der Erde werden „gewißlich Häuser bauen und sie bewohnen“ (Jesaja 65:21). Niemand wird sich je gezwungen fühlen, vor der wohlwollenden Regierung Gottes zu fliehen.
Schon jetzt kann man sehen, wie sich das Königreich auf das Leben der Zeugen Jehovas auswirkt. Vor allem üben sie als Bestandteil ihrer Religion Nächstenliebe (Matthäus 19:19). Bei dem Exodus aus Nigeria verpflegten ghanaische Zeugen Jehovas Rückkehrer und ließen sie bei sich übernachten.
Jehovas Zeugen wissen jedoch, daß solche humanitären Bemühungen zwar viel Gutes bewirken, daß aber dadurch, daß Menschen geholfen wird, etwas über Gottes Königreich zu erfahren und Glauben daran zu entwickeln, noch weit mehr Gutes bewirkt wird. ‘Gott wird jede Träne von unseren Augen abwischen’ (Offenbarung 21:4). Und nie mehr wird ein Mensch das leidvolle Dasein eines Flüchtlings führen müssen.
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