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Intoleranz — von der Vergangenheit bis zur GegenwartErwachet! 1984 | 8. Februar
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Intoleranz — von der Vergangenheit bis zur Gegenwart
WUMM! ... Wumm! ... Wumm! Die Eisenstange sauste auf Glieder und Brust des Jean Calas nieder. Das Rad, auf dem sein zerbrochener und zerstoßener Körper lag, wurde dann auf einem öffentlichen Platz in Toulouse (Frankreich) auf einen Pfahl gesteckt. Seine Leiche hat man später verbrannt.
Jean Calas, ein französischer Hugenotte, starb auf dem Rad, nachdem man ihn wegen Mordes zum Tode verurteilt hatte. Am Tag zuvor (9. März 1762) war er schuldig gesprochen worden, seinen Sohn umgebracht zu haben, weil dieser im Begriff gewesen sei, zum Katholizismus überzutreten. Zu Ehren des Sohnes, der als Märtyrer betrachtet wurde, veranstalteten die Katholiken eine glänzende Leichenfeierlichkeit.
Der französische Philosoph Voltaire argwöhnte jedoch, daß Jean Calas das Opfer katholischer Unduldsamkeit geworden sei. Und nachdem er den Nachweis erbracht hatte, daß Calas’ Sohn selbst Hand an sich gelegt hatte, war er drei Jahre unermüdlich tätig, um die öffentliche Meinung in Europa wachzurütteln. Voltaire erreichte sein Ziel: die Revision des Prozesses. Am 9. März 1765 wurde Jean Calas postum freigesprochen. Dieser Justizmord aus Haß gegen die Hugenotten zählt heute zu den Causes célèbres der Welt. Er gab Voltaire Anlaß zur Veröffentlichung seiner berühmten Schrift Abhandlung über die Religionsduldung (Traité sur la Tolérence).
Intoleranz — positiv oder negativ?
Sicherlich gibt es kaum jemand, der einen solchen Fanatismus, ein solches Vorurteil und eine solch grausame Intoleranz rechtfertigen würde. Unter gewissen Umständen ist Unduldsamkeit jedoch angebracht. Mord, Diebstahl, Vergewaltigung und Menschenraub werden bei den meisten Völkern mit Recht nicht geduldet. Und in der Vergangenheit war man auch auf religiösem Gebiet nicht tolerant. Als Jehova Gott den Israeliten die Zehn Gebote gab, sagte er von sich, er sei „ein Gott, der ausschließliche Ergebenheit fordert“ (2. Mose 20:5). Das hatte zur Folge, daß das Volk Gottes „keine Rivalität“ von seiten falscher Götter „duldete“ (4. Mose 25:11-13; siehe auch 2. Könige 10:16). Deshalb galt die Anbetung falscher Götter als ein Kapitalverbrechen.
Man darf jedoch nicht vergessen, daß Gott als Souverän ganz gewiß das Recht hat, zu bestimmen, was er in bezug auf Religion dulden möchte und was nicht. Der Mensch dagegen besitzt dieses Recht nicht. Als die Israeliten daher die entsittlichten, Dämonen anbetenden Kanaaniter hinrichteten, taten sie es im Auftrag Gottes (1. Mose 15:16; 2. Mose 23:23, 24). Aber Gott bevollmächtigte die Israeliten nicht, Land und Meer zu durchziehen und die falsche Religion in anderen Ländern auszurotten. Auch die Christenversammlung erhielt keinen Auftrag, Andersgläubige hinzurichten.
Die Intoleranz, der Jean Calas — und zahllose Millionen andere — zum Opfer fiel, hatte somit nichts mit Gott zu tun. „Aber die Zeit einer solchen Intoleranz ist sicherlich überwunden“, mag der eine oder andere jetzt denken. Was lehrt die Geschichte? Wann fingen die Menschen an, unduldsam zu werden? Besteht Grund zu der Annahme, daß die Intoleranz wieder aufflammen wird?
Die Verfolgten werden zu Verfolgern
Im Altertum war der Gedanke der „Glaubensfreiheit“ und der „Trennung von Kirche und Staat“ sozusagen unbekannt. Die Herrscher waren vielfach Priester der Hauptgottheit, oder sie galten selbst als Gott. Die besiegten Völker übernahmen entweder die Götter der Sieger, oder sie durften ihre eigenen Götter weiter verehren. Es kam auch häufig vor, daß die gleichen Götter an verschiedenen Orten jeweils unter anderen Namen verehrt wurden.
Anders verhielt es sich mit dem jüdischen Volk. Als es im Jahre 607 v. u. Z. besiegt wurde, entstand für die Regierungen, unter denen die Juden nun lebten, das Problem einer religiösen Minderheit, die die Freiheit beanspruchte, Gott nach den Vorschriften ihres Glaubens anzubeten. Das Ergebnis? Häufig heftige Verfolgung. Als das Christentum aufkam, schienen die Juden jedoch ihre eigenen Erfahrungen vergessen zu haben und begannen, die Nachfolger Christi leidenschaftlich zu verfolgen (Apostelgeschichte 3:14, 15; 4:1-3; 8:1).
Leider sollten die Christen ihr Beispiel bald nachahmen. Zunächst aber wurden sie das Opfer jüdischer Unduldsamkeit, und kurz danach begannen auch andere, sie zu verfolgen. Durch ihre Weigerung, heidnische Götter oder zum Gott erklärte Herrscher zu verehren, gerieten sie in Schwierigkeiten mit der römischen Obrigkeit.
Im Laufe der Zeit wurde es ein Kapitalverbrechen, sich Christ zu nennen, und viele Christen wurden umgebracht. Die Verfolgungswellen dauerten bis 313 u. Z. In jenem Jahr erließen die Kaiser Licinius und Konstantin aus politischen Gründen das Mailänder Edikt, das den Christen im Römischen Reich freie Religionsausübung gestattete. Nach einiger Zeit machte Konstantin das „Christentum“ sogar zur bevorzugten Religion des Römischen Reiches — ein kühner Versuch, das vom Zerfall bedrohte Reich durch die Verschmelzung von Heidentum und Christentum zu festigen.
Doch das „Christentum“ spaltete sich in rivalisierende Gruppen auf. Die Städte Byzanz (Konstantinopel) und Rom behaupteten beide, das Zentrum des Christentums zu sein. Und hüben wie drüben verfolgte man Andersdenkende. Wiederum waren die Verfolgten zu Verfolgern geworden.
Katholische Intoleranz
Im katholischen Kirchenrecht heißt es: „Ganz sicher und ohne Zweifel wird jeder Ketzer oder Schismatiker zusammen mit dem Teufel und seinen Engeln in die Flammen des ewigen Feuers kommen, es sei denn, er kehre vor seinem Tod zur katholischen Kirche zurück und werde von ihr wieder aufgenommen.“ Und bis auf den heutigen Tag heißt es in dem Treueid, den katholische Bischöfe gegenüber dem Heiligen Stuhl leisten müssen: „Mit all meiner Kraft werde ich Ketzer verfolgen und bekämpfen.“ So wurde die Intoleranz ein Bestandteil katholischen Denkens. In dem maßgeblichen französischen Werk Dictionnaire de Théologie Catholique wird diese Einstellung wie folgt gerechtfertigt: „Da die Kirche die Hüterin der geoffenbarten Wahrheit, des Glaubens und der Sitten ist, darf sie die Ausbreitung irgendwelcher Lehren, die die Gläubigen in ihrem Glauben erschüttern könnten, nicht dulden.“
Die katholische Kirche hat deshalb häufig „Ketzer“ verfolgt und verurteilt und sie zur Bestrafung der weltlichen Gewalt übergeben. In dem Werk The New Encyclopaedia Britannica wird gesagt: „In der Reichskirche [nach Konstantin] — insbesondere nach Kaiser Theodosius im späten 4. Jahrhundert — wurde die Ketzerei ein Verbrechen, das die staatliche Obrigkeit ahndete. Der Feind der Kirche galt auch als Feind des Reiches. Auf den Reichssynoden, die in der Zeit vom 4. bis zum 8. Jahrhundert stattfanden, bemühten sich daher die Bischöfe, Andersgläubige als Häretiker abzustempeln und als Feinde des Staates zu beseitigen.“
Die Kirche bediente sich ebenfalls der weltlichen Obrigkeit, um mit Feuer und Schwert gegen Juden, Moslems, Katharer, zu denen auch die Albigenser in Südfrankreich gehörten (im 13. Jahrhundert durch einen „heiligen Krieg“ ausgerottet), Häretiker und Protestanten vorzugehen. Wohl wurden die meisten durch das „weltliche Schwert“ umgebracht, aber Papst Bonifatius VIII. erklärte in seiner 1302 erlassenen Bulle Unam Sanctam, daß sich das „weltliche Schwert“ dem „geistlichen Schwert“ der Kirche unterzuordnen habe und daß es „für die Kirche ... unter der Leitung der geistlichen Gewalt geführt werden muß“ (The Catholic Encyclopedia, Band 15, Seite 126). Die katholische Kirche kann sich von dem Blut, das als Folge ihrer Unduldsamkeit geflossen ist, nicht reinwaschen.
Protestantische Intoleranz
Die katholische Kirche besitzt allerdings nicht das Monopol auf religiöse Intoleranz. Auch Protestanten, allen voran Johannes Calvin, führten ein Schreckensregiment. Der in der Schweiz geborene protestantische Historiker Philip Schaff gab folgendes zu: „Es ist eine Schmach und eine Schande für die protestantischen Kirchen, daß sie noch Jahre nach der Reformation unduldsam gegenüber Andersdenkenden waren, ja sie sogar verfolgten und töteten. In Genf wurde die verderbliche Theorie durch Staat und Kirche in die Praxis umgesetzt. Man wandte sogar die Folter an und akzeptierte, was Kinder gegen ihre Eltern aussagten, und das alles mit der Gutheißung Calvins.“ Als Jérôme Bolsec Calvins Prädestinationslehre angriff und Michael Servet die Trinitätslehre, ließ Calvin Bolsec aus Genf ausweisen, und Servet ließ er als Ketzer verhaften. Dieser wurde dann zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Im kalvinistischen Genf wurden mit der Gutheißung von protestantischen Theologen, z. B. eines Theodore Beza, noch mehr „Ketzer“ verbrannt.
Auch Martin Luther erwies sich als äußerst unduldsam. Er wurde nicht nur wegen seines „Antisemitismus bekannt“, sondern befürwortete sogar die Verbrennung von vier „Hexen“ in Wittenberg.
In Frankreich und in Deutschland tobten im 16. beziehungsweise im 17. Jahrhundert furchtbare Religionskriege, in denen beide Seiten, Katholiken und Protestanten, Greuel verübten.
Intoleranz weltlicher Machthaber
„Gewiß hat der Mensch aus seinen vergangenen Fehlern gelernt“, mögen einige denken. Und tatsächlich zeigen sich die Kirchen in neuerer Zeit toleranter als in der Vergangenheit. In dem Werk The New Encyclopaedia Britannica heißt es jedoch: „Das Erbe der Intoleranz der Christen und die Methoden, die sie dabei entwickelten (z. B. die Inquisition oder die Gehirnwäsche), wirken in Form der intoleranten politischen Ideologien und Methoden der neuzeitlichen politischen Revolutionen fort.“
Während in der Christenheit die religiöse Intoleranz in gewisser Hinsicht auf dem Rückzug ist, hat unsere Generation ein Vordringen politischer und rassischer Unduldsamkeit erlebt. Diese Intoleranz ist ein „Erbe der ... [abgefallenen] Christen“. Als Beispiel sei die Ausrottung von rund sechs Millionen Juden durch die Nazis erwähnt. Hitler soll seine Unduldsamkeit gegenüber den Juden mit den Worten gerechtfertigt haben: „Ich führe fort, was die katholische Kirche vor 1 500 Jahren angefangen hat.“ Nach Hitler haben andere Diktatoren in ihrem Kampf gegen ideologische „Häretiker“ Methoden wie Gehirnwäsche sowie psychische und körperliche Folterungen angewandt. Weil Jehovas Zeugen politisch neutral sind, werden sie oft grausam verfolgt. In Kuba wurde ein Zeuge Jehovas nackt ausgezogen, in Stacheldraht eingewickelt und auf ein Dach gelegt, wo hungrige Mücken über ihn herfielen. In einem anderen Land wurden fünf Zeugen Jehovas verhaftet und tagelang bedroht und geschlagen. Einer wurde dabei so schwer verletzt, daß er ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Auch in drei Ländern Nordostafrikas ist man gegen Jehovas Zeugen vorgegangen. (In einem dieser Länder wurden 5 Prozent von ihnen verhaftet.) Viele wurden gefoltert und drei sogar getötet. Ja, fanatische Regierungen haben von den Kirchen gelernt, wie man Andersdenkende zum Schweigen bringt.
Kann es aber sein, daß die Kirchen selbst einmal das Opfer unduldsamer weltlicher Machthaber werden? Wie tief wurzelt die heute geforderte Toleranz? Und wie steht es mit den Einigungsbestrebungen der christlichen Kirchen? Verraten sie eine größere Duldsamkeit oder lediglich eine größere Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben? Wie wirkt sich das schließlich auf uns aus? Kann man eine starke religiöse Überzeugung haben, ohne intolerant zu sein? Diese Fragen werden im folgenden Artikel behandelt.
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Die Welt von heute — tolerant oder gleichgültig?Erwachet! 1984 | 8. Februar
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Die Welt von heute — tolerant oder gleichgültig?
MANCH einer ist der Auffassung, wir würden in einem Zeitalter der Toleranz leben — tatsächlich kann man sich in den meisten Ländern nicht vorstellen, daß jemand wegen seines Glaubens gefoltert oder getötet wird. Doch wie tief wurzelt der Gedanke der Toleranz? Könnte es sein, daß das vielgerühmte Zeitalter der Toleranz lediglich ein Zeitalter der Gleichgültigkeit ist?
Der Toleranzgedanke setzt sich durch
Die Toleranzidee ist selbst in der westlichen Kultur verhältnismäßig neu. Nach Meyers Großem Taschenlexikon stammt das Wort Toleranz von dem lateinischen Wort tolerare, das „ertragen, erdulden“ bedeutet. In dem französischen Werk Vocabulaire de la Philosophie von André Lalande wird gesagt: „Das Wort Toleranz ist im 16. Jahrhundert als Folge der Religionskriege zwischen den Katholiken und den Protestanten entstanden. Zum Schluß duldeten die Katholiken die Protestanten und umgekehrt.“
In Frankreich endeten die Religionskriege 1598 durch das Edikt von Nantes, in dem König Heinrich IV. den Protestanten eine begrenzte Freiheit gewährte. Dennoch war die Religionsfreiheit in Frankreich noch lange nicht gesichert. Im Jahre 1685 widerrief König Ludwig XIV. dieses Edikt (Revokationsedikt), und in den darauffolgenden hundert Jahren wurden die Hugenotten wieder eingesperrt, auf die Galeeren geschickt oder getötet. Erst nach Ausbruch der Französischen Revolution im Jahre 1789 wurde die Religionsfreiheit in Frankreich garantiert.
In Deutschland endeten die Kämpfe zwischen den katholischen und den lutherischen Fürsten 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden. Er gab ihnen jedoch das Recht, ihren Glauben ihren Untertanen aufzuzwingen. Für Andersgläubige gab es keine Religionsfreiheit. Der Dreißigjährige Krieg zwischen den Katholiken und den Protestanten Europas endete 1648, und im Westfälischen Frieden erhielten auch die Kalvinisten den Status eines im Reich anerkannten Bekenntnisses. Aber erst das 1781 erlassene Toleranzpatent gewährte allen Nichtkatholiken Religionsfreiheit, allerdings nur in beschränktem Maße.
In England wurde ebenfalls lange und heftig gekämpft, bis sich der Toleranzgedanke endlich durchzusetzen vermochte. Jede Gruppe — die Katholiken, die Anglikaner und die Puritaner — verfolgte, wenn sie an die Macht kam, die Andersgläubigen. Im Jahre 1689 wurde unter dem protestantischen König Wilhelm III. die Toleranzakte veröffentlicht. Doch sie verbot das Predigen gegen die Dreieinigkeit, und Dissenters durften keine politischen Ämter bekleiden. Im 18. Jahrhundert wurden verschiedene Gesetze erlassen, in denen allmählich auch den nicht der Kirche von England angehörenden Gläubigen Religionsfreiheit gewährt wurde. Gewisse bürgerliche Rechte wurden den Katholiken, den Juden und den Dissenters allerdings immer noch nicht zugestanden. Erst in den 1820er Jahren wurden diese Einschränkungen aufgehoben. Den Dissenters wurde sogar erst 1880 — also vor nur etwa 100 Jahren — erlaubt, ihre Toten nach ihrem Ritus zu beerdigen.
Einigungsbestrebungen — Toleranz oder Gleichgültigkeit?
Das alles zeigt, daß die jetzt anscheinend geübte Toleranz nicht tief in der Geschichte wurzelt. Was veranlaßt heute die Menschen, tolerant zu sein? Werden die Rechte Andersdenkender aufrichtig anerkannt, oder ist man auf religiösem Gebiet lediglich gleichgültig?
Die römisch-katholische Kirche vertritt die letztere Auffassung. In dem Werk The Catholic Encyclopedia wird ganz offen gesagt: „Die Toleranzidee setzte sich durch, als der Glaube verlorenging.“ Ferner heißt es in diesem Werk: „Die Kirche scheint merkwürdig inkonsequent zu sein, denn während sie für sich Toleranz und Freiheit beansprucht, ist sie allen übrigen Religionsgemeinschaften gegenüber stets intolerant gewesen und ist es noch.“
Ein typisches Beispiel ist folgendes: Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das 1965 endete, erkannte die katholische Kirche zum ersten Mal in der Geschichte die Notwendigkeit der Religionsfreiheit an. Liest man aber die offizielle, von Paul VI. stammende Erklärung über die Religionsfreiheit, so merkt man, daß ihm die Freiheit für die katholische Kirche in Ländern, in denen sie gefährdet ist, mehr am Herzen lag als die Freiheit für nichtkatholische Religionsgemeinschaften. Und die Bedeutung, die der gegenwärtige Papst dem Marienkult und dem Zölibat beimißt, verrät, daß ökumenische Bestrebungen für ihn soviel wie eine Rückkehr der Protestanten in den Schoß der katholischen Kirche bedeuten.
Über die gegenwärtige ökumenische Bewegung, in der der Ökumenische Rat der Kirchen, dem orthodoxe und protestantische Kirchen angehören, eine wichtige Rolle spielt, lesen wir in dem Werk The New Encyclopaedia Britannica: „Die ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts hat versucht, durch Klärung der nichttheologischen Faktoren einen Beitrag zur Einheit der Kirchen zu leisten“ (Kursivschrift von uns). Mit anderen Worten: Die ökumenische Bewegung ist bestrebt, die Kirchen in allen Dingen außer in Glaubensfragen zu einigen. Sie befaßt sich mit sozialen und politischen Fragen. Dem Ökumenischen Rat der Kirchen wird vorgeworfen, „Befreiungsbewegungen“ in verschiedenen Ländern finanziell zu unterstützen. Vor einiger Zeit zog sich die Heilsarmee aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen zurück, weil er sich, wie sie erklärte, „nicht vom Evangelium, sondern von Politik“ leiten lasse und Guerillabewegungen finanziell unterstütze. Es zeigt sich also ziemlich deutlich, daß die Toleranz der ökumenischen Bewegung in Glaubensfragen in Wirklichkeit ein Zeichen von Gleichgültigkeit gegenüber solchen Fragen ist. Ihr politisches Engagement trägt aber andererseits sicherlich nicht dazu bei, daß sie von bestimmten Staatsregierungen mit Wohlwollen betrachtet wird.
Überzeugt, aber nicht intolerant
In dem Werk Cyclopaedia of Biblical, Theological, and Ecclesiastical Literature von M’Clintock und Strong heißt es: „Als die christliche Kirche noch rein war, kannte sie so etwas wie Intoleranz nicht und hat sich deshalb nie der Verfolgung schuldig gemacht“ (Kursivschrift von uns). Ferner werden darin folgende Worte des englischen Protestanten John Jortin zitiert, der im 18. Jahrhundert lebte und der Sohn von Hugenotten war: „Da, wo die Verfolgung beginnt, hört das Christentum auf.“ Außerdem heißt es in dem Werk: „Erst als das Christentum die anerkannte Reichsreligion geworden war und die Geistlichen zu Reichtum und Ehren gekommen waren, erreichte das gräßliche Unheil der Verfolgung ein gigantisches Ausmaß und übte es seinen verderblichen Einfluß auf den Evangeliumsglauben aus.“
Ja, erst nachdem das Christentum seine Reinheit verloren hatte, wurden die „Christen“ intolerant und begannen, andere zu verfolgen. Diese Entwicklung sagte der Apostel Paulus mit den Worten voraus: „Es wird die Zeit kommen, da werden die Leute gesunde Lehre unerträglich finden ... Sie werden dadurch immer mehr von der Wahrheit abkommen und den Mythen verfallen“ (2. Timotheus 4:3, 4, Bruns). Die Glaubensbekenntnisse der „christlichen“ Kirchen enthalten viele von Menschen ersonnene Mythen, und gerade wegen solcher Mythen wurden vom reinen Christentum abgefallene „Christen“ zu Verfolgern. Der „Mythos“ von „drei göttlichen Personen in einem Gott“ zum Beispiel gab unter den „Christen“ des vierten Jahrhunderts Anlaß zu heftigen Streitereien und Verfolgungen. Gegner der Trinitätslehre wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verfolgt.
Wahre Christen jedoch verfolgen keine Andersdenkenden. Das bedeutet aber nicht, daß sie keine feste religiöse Überzeugung hätten oder daß sie Irrtümer nicht bekämpfen würden. Wie der wahre Christ sich verhalten sollte, zeigen folgende Worte des Apostels Paulus: „Denn die Waffen unserer Kriegführung sind nicht fleischlich, sondern machtvoll durch Gott, um starke Verschanzungen umzustoßen. Denn wir stoßen Vernunftschlüsse und jede Höhe um, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt; und wir nehmen jeden Gedanken gefangen, um ihn dem Christus gehorsam zu machen“ (2. Korinther 10:4, 5).
Auch Jehovas Zeugen kämpfen nur mit biblischen Wahrheiten gegen die starken Verschanzungen gleichenden religiösen Mythen. Niemals zwingen sie Personen, die anderer Meinung sind als sie, etwas auf oder verfolgen sie gar, obwohl sie selbst von religiösen und politischen Machthabern brutal verfolgt worden sind. Sie handeln nach dem Ratschlag des Apostels Paulus: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Sorgt für die Dinge, die in den Augen aller Menschen vortrefflich sind. Wenn möglich, haltet, soweit es von euch abhängt, mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem Zorn Raum; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht Jehova‘“ (Römer 12:17-19).
Vielleicht wendet jetzt jemand ein, daß Jehovas Zeugen doch auch intolerant seien, weil sie Übeltäter und Personen, die nicht nach ihren religiösen Überzeugungen handelten, aus der Versammlung ausschließen würden. Diesem Vorgehen liegt aber keine menschliche Norm zugrunde und auch kein persönliches Vorurteil. Gott selbst gebietet Christen, Übeltäter aus der Versammlung hinauszutun (1. Korinther 5:9-13). Jehovas Zeugen verleumden, beschimpfen oder belästigen ausgeschlossene Personen jedoch in keiner Weise. Sie halten sich lediglich an das biblische Gebot, mit solchen Menschen keinen Umgang mehr zu pflegen. So bleiben die Reinheit und die Identität der Christenversammlung erhalten. Wie sehr unterscheidet sich diese Handlungsweise von der der Kirchen, die Andersgläubige blutig verfolgt haben!
Die Religion ‘erntet, was sie gesät hat’
Der Apostel Paulus schrieb einmal: „Laßt euch nicht irreführen: Gott läßt sich nicht verspotten. Denn was immer ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Galater 6:7). Das wird sich bestimmt an religiösen Organisationen ebenfalls bewahrheiten, die sich jahrhundertelang Andersdenkenden gegenüber intolerant benommen haben.
Im letzten Buch der Bibel wird die falsche Religion als eine Hure dargestellt, die ‘mit den Königen der Erde Hurerei begeht’ (Offenbarung 17:1, 2; 18:9). Damit ist gemeint, daß sich die Religion der Politik verkauft; sie hätte jedoch Jesus gehorchen sollen, der seinen Nachfolgern gebot, „kein Teil der Welt“ zu sein (Johannes 17:16). In der Bibel wird vorhergesagt, daß antireligiöse politische Elemente die Einmischung der Religion nicht mehr länger dulden und sich gegen sie wenden werden. Durch diese Elemente wird Jehova Gott das ‘Gericht an der großen Hure vollziehen, die die Erde mit ihrer Hurerei verdorben hat, und er wird das Blut seiner Sklaven an ihrer Hand rächen’ (Offenbarung 19:2; 17:16, 17).
In Verbindung mit diesem unerwarteten Schlag gegen die Religion wird eine Zeit beispielloser Intoleranz anbrechen. Sogar gegen die wahren Christen wird sich die Wut der antireligiösen menschlichen Gesellschaft richten, die nach der Vernichtung der falschen Religion auf der Erde bestehen wird. Doch gerade durch den Angriff auf sein treues Volk wird Gott zum Eingreifen herausgefordert. Er wird die „Könige“, die „Militärbefehlshaber“ und die „Starken“, die sein Volk auf der Erde angreifen, einfach nicht tolerieren (Offenbarung 19:17-21; 17:14).
Alle bockähnlichen, intoleranten Verfolger „werden in die ewige Abschneidung gehen“. Doch zu seinen schafähnlichen Jüngern, von denen viele von intoleranten Personen verfolgt worden sind, wird Christus sagen: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet worden seid, ererbt das Königreich, das von der Grundlegung der Welt an für euch bereitet ist“ (Matthäus 25:31-46). Nach langem Warten wird dann die Bitte, die wahre Christen immer wieder an Gott gerichtet haben, erhört werden: „Deine Königsherrschaft komme! Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!“ (Matthäus 6:9, 10, Br).
Auf welcher Seite wirst du stehen, wenn die Intoleranz gegenüber der Religion ihren Höhepunkt erreicht? Gleichgültig wirst du nicht bleiben können. Wie wir in Römer 9:22, 23 lesen, erklärte der Apostel Paulus: „Gott, obwohl gewillt, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht kundzutun, [duldete] die Gefäße des Zornes, die zur Vernichtung passend gemacht sind, mit viel Langmut ..., damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit an Gefäßen der Barmherzigkeit kundtun könnte.“ Ja, es hat einem guten Zweck gedient, daß Gott das Böse „duldete“: Gerechtdenkende Menschen haben so Zeit erhalten, Stellung zu beziehen für das, was recht ist. Doch die Zeit, die er dafür eingeräumt hat, ist begrenzt (Apostelgeschichte 17:30, 31). Alles deutet darauf hin, daß sie beinahe abgelaufen ist. In der Bibel werden die Menschen dringend ermahnt, sich von der falschen Religion zu trennen, ehe es zu spät ist (Offenbarung 18:4, 5).
Jehovas Zeugen sind gern bereit, dir zu helfen, dich von der falschen Religion zu lösen, die sich im Verlauf der Jahrhunderte so intolerant gezeigt hat. Studiere zusammen mit ihnen die Bibel. Sie können dir auf diese Weise behilflich sein, eine wunderbare Hoffnung kennenzulernen, die Hoffnung nämlich, ewig in einem Paradies auf der Erde zu leben, in dem die Intoleranz des Menschen gegenüber Andersdenkenden der Vergangenheit angehören wird.
[Bild auf Seite 8]
Jehovas Zeugen bekämpfen den Irrtum mit Hilfe der Bibel, nicht mit Gewalt
[Bild auf Seite 9]
Weltliche Mächte werden gegenüber der verweltlichten Religion, die in der Offenbarung durch eine Hure versinnbildet wird, unduldsam werden
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„Ich betätigte mich als Krankheitsbeschwörerin“Erwachet! 1984 | 8. Februar
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„Ich betätigte mich als Krankheitsbeschwörerin“
„Ich betätigte mich als Krankheitsbeschwörerin“, schrieb eine Frau vom Stamme der Xhosa aus der Transkei. In ihrem Brief, den sie an das Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft in Südafrika schickte, schrieb sie weiter: „Ich hatte einen Patientenkreis und gab auch Unterricht in meinem Fach. Ich arbeitete hart, um den Menschen zu helfen, doch mein eigener Gesundheitszustand wurde immer bedenklicher. Meine Hände, Füße und Knie schwollen an und schmerzten furchtbar. Ich mußte einen europäischen Arzt aufsuchen. Das Auto, das mich zu ihm bringen sollte, mußte direkt vor der Tür meines Hauses halten, und dann trug man mich wie ein geschnitztes Bild, das Füße hat, aber nicht gehen kann, hinein. Während meiner Krankheit wurde ich von Zeugen Jehovas besucht. Sie sprachen mit mir über 5. Mose 18:9-12 und Prediger 9:5, 6, 10.“
Daraufhin begann diese Frau zu glauben, was die Bibel über Zauberei und den Zustand der Toten sagt, und sie verstand, warum sie durch ihren früheren Glauben ihre Leiden nicht zu lindern vermochte. Nun war sie bereit, die Bibel zu studieren. Später wurde sie als Zeugin Jehovas getauft. Vorher hatte sie jedoch noch einiges ändern müssen. Sie schrieb: „Ich erkannte, daß Jehova Zauberei verurteilt, und verbrannte deshalb alle Kleidungsstücke, die ich als Krankheitsbeschwörerin getragen hatte, ferner alle Arzneimittel und jeden Gegenstand, den ich bei meiner Tätigkeit benutzt hatte. Jehovas Zeugen waren zugegen, als ich alles mit Petroleum übergoß und anzündete (Apostelgeschichte 19:19, 20). Gesundheitlich geht es mir jetzt viel besser, und voller Dankbarkeit möchte ich nun ‚Jehova singen mein ganzes Leben hindurch‘ (Psalm 104:33).“
Diesen Brief schrieb die Frau vor zwei Jahren. Heute erzeigt sie sich Jehova Gott gegenüber immer noch dankbar, indem sie eifrig und regelmäßig anderen Menschen hilft, Gottes Wort zu verstehen.
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