In einem Land der Kontraste predigen
KÄNGURUHS, Koalas, Wombats und Schnabeltiere, Ayers Rock und das Große Barriereriff — all das kommt einem in den Sinn, wenn man an Australien denkt. Doch so erstaunlich es auch sein mag, die Mehrheit der Australier hat wahrscheinlich noch nie Ayers Rock oder das Große Barriereriff besichtigt oder einen Koala, einen Wombat oder ein Schnabeltier gesehen, es sei denn in einem zoologischen Garten. Der Grund dafür ist, daß 85 Prozent der 17,3 Millionen Einwohner des Landes Städter sind, die in den fünf größten Städten an der Küste wohnen.
Verläßt man den Küstenstreifen und fährt ungefähr 200 Kilometer landeinwärts, so kommt man dorthin, wo das berühmte australische Hinterland beginnt, der Outback. Das Gelände verändert sich; üppige Regenwälder und fruchtbares Ackerland weichen heißem, trockenem Gelände, wo nur Sträucher und Igelgräser wachsen. Dennoch gibt es Leben im Outback. Große Schaf- und Rinderfarmen erstrecken sich über Hunderte von Quadratkilometern. Weiter im Landesinneren findet man glühendheiße Wüsten, in denen Menschen manchmal ums Leben kommen, weil sie keine geeigneten Vorsichtsmaßnahmen treffen.
Die gute Botschaft breitet sich aus
In all diesen Gebieten wird die gute Botschaft von Gottes Königreich verkündigt. Jedes Jahr reagieren Tausende auf Jehovas Verheißung einer gerechten neuen Welt. Im letzten Dienstjahr wurde eine Höchstzahl von über 57 000 Königreichsverkündigern erreicht, fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Zwar leben die meisten Verkündiger — wie die Mehrheit der Bevölkerung — in den Küstenstädten, doch die gute Botschaft breitet sich auch im Landesinneren aus.
Um einen Eindruck davon zu erhalten, wie es ist, in diesem weiten Land der Kontraste zu predigen, wollen wir uns einem der fünf Bezirksaufseher und seiner Frau anschließen, während sie einige entlegene Versammlungen im Outback besuchen. Sie bereisen den Staat Westaustralien, den halben Staat Queensland und das Nordterritorium — eine Fläche von ungefähr 4,7 Millionen Quadratkilometern. Das entspricht etwa der Größe Europas ohne die frühere Sowjetunion.
Unsere Reise beginnt in Perth, der Hauptstadt Westaustraliens. In dieser durch und durch modernen Stadt mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern sind jetzt 49 Versammlungen der Zeugen Jehovas tätig. Außer den englischen gibt es griechische, italienische, portugiesische und spanische Versammlungen sowie kleinere fremdsprachige Gruppen. Und eine Versammlung, die ausschließlich aus Ureinwohnern, den Aborigines, besteht, konzentriert ihre Bemühungen im Predigtdienst auf die Eingeborenen des Kontinents. Viele von diesen demütigen Menschen reagieren jetzt auf die Königreichsbotschaft. Doch wie ist es abseits von den großen Städten?
Von Perth aus fahren wir 1 800 Kilometer in Richtung Norden nach Port Hedland, wo ein Kreiskongreß stattfindet. Die meisten der 289 Anwesenden sind zwischen 200 und 700 Kilometer gereist. Sie kommen aus abgelegenen Gebieten, wo sie vielleicht 250 Kilometer bis zur nächsten Versammlung auf ungepflasterten, mit scharfkantigen Steinen übersäten Straßen fahren müssen, so daß sie oft eine Reifenpanne haben. Drei Versammlungen in dieser Gegend haben vor kurzem Königreichssäle gebaut, und zwar in Schnellbauweise.
In Schnellbauweise errichtete Säle in abgelegenen Gebieten
Welch ein Unterschied, einen Königreichssaal in Gebieten wie diesen oder in einer Stadt oder gar Großstadt zu bauen! Die meisten Baumaterialien müssen mit dem Lkw von Perth herangeschafft werden, das 1 600 Kilometer weiter südlich liegt. Hunderte von Brüdern und Schwestern legen die gleiche oder eine noch größere Entfernung zurück, um an dem festgelegten Wochenende zu kommen und den Königreichssaal zu bauen, und das bei 40—45 °C. In kleinen, abgelegenen Gemeinden ist ein solcher Zustrom von Menschen an sich schon ein hervorragendes Zeugnis. Als in Tom Price, einer kleinen Stadt, in der Eisenerz abgebaut wird, ein Königreichssaal gebaut wurde, verkündete die Titelseite der Lokalzeitung: „Ein herzliches Willkommen den freiwilligen Handwerkern und Helfern, die bei dem dreitägigen Projekt, dem ‚Schnellbau‘-Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Tom Price, mithelfen.“
Es schien, als wollte fast jeder in der Stadt unbedingt mithelfen. Statt 11 000 australische Dollar, die es normalerweise kostet, 50 Tonnen Material herbeizuschaffen, verlangte ein großzügiger Lkw-Besitzer von den Brüdern nur das Geld für den Kraftstoff. Die Malerbetriebe am Ort spendeten 100 Liter Farbe. Firmen, die Erdarbeiten ausführen, stellten Maschinen zur Verfügung, und die Bergbaugesellschaft verlieh kostenlos einen Kran. Für 300 Auswärtige eine Unterkunft zu finden war ein Problem, doch die Bevölkerung zeigte sich außerordentlich hilfsbereit. Einige boten telefonisch Schlafgelegenheiten an. Ein Mann rief an und teilte mit, er sei über das Wochenende weg, aber er würde die Hintertür seines Hauses nicht zuschließen. Er sagte: „Für die Dauer des Projekts gehört das Haus Ihnen.“
Es kam zu einem lustigen Vorfall, als Brüder zu einer Adresse fuhren, wo sie einen Wohnwagen abholen sollten, der dem Kreis gehörte. Ein Schild am Tor, auf dem stand: „Keine religiösen Besuche“, verdutzte sie. Doch der Wohnwagen stand da. Sie teilten der Dame des Hauses mit, daß sie den Wohnwagen, in dem jede Menge Plunder war, mitnehmen würden. Beim Entrümpeln stellten sie plötzlich fest, daß es nicht der Wohnwagen des Kreises war. Als der Besitzer nach Hause kam, erzählte ihm seine Frau, daß Jehovas Zeugen den Wohnwagen mitgenommen hätten. Bald darauf kamen die Brüder mit dem inzwischen leeren Wohnwagen zurück und erklärten das Versehen. Darauf entwickelte sich eine nette Unterhaltung, und diese früheren Gegner stellten viele Fragen über uns und unser Werk. Jetzt wollten sie unbedingt kommen und den neuen Königreichssaal sehen.
Ausdauer ist erforderlich, um in diesem Gebiet die gute Botschaft zu verkündigen, zumal dabei riesige Entfernungen überwunden werden müssen. Eine Pionierin und ihr Mann machen regelmäßig eine Rundfahrt von 350 Kilometern auf ungepflasterten, staubigen Straßen von Port Hedland nach Marble Bar, um Rückbesuche und Heimbibelstudien durchzuführen. Marble Bar gehört zu den heißesten Orten in Australien; von Oktober bis März steigt die Temperatur oft auf über 50 °C.
Weiter zum „Top End“
Darwin, das 2 500 Kilometer weiter nördlich liegt, ist die nächste Stadt, in der ein Kreiskongreß stattfindet. Der Bezirksaufseher und seine Frau nutzen die lange Fahrzeit, um mit dem persönlichen Studium auf dem laufenden zu bleiben. Als erstes lesen und betrachten sie den Tagestext. Dann hören sie sich die Bibellesung auf Kassette an. Beim Fahren und beim Lesen lösen sie sich ab, der eine fährt und der andere liest Artikel aus dem Wachtturm und dem Erwachet! vor.
Ein Warnschild weist auf „Roadtrains“ hin. Das sind lange Sattelschlepper mit Allradantrieb, die drei oder vier Anhänger ziehen und insgesamt bis 55 Meter lang sein können. Man braucht also viel Platz zum Überholen. Mit ihnen werden Vieh und Güter in abgelegene Städte transportiert.
Das Wetter ist immer heiß und die Gegend gleichbleibend trocken. Die ausgetrocknete Landschaft könnte man vielleicht für einen riesigen Friedhof halten, weil der Boden mit gleichmäßig verteilten Termitenhügeln übersät ist. Die Termitenhügel haben verschiedene Farben, je nachdem, welche Erde die Termiten verwendet haben, und sie sind zwischen 1 Meter und 2,50 Meter hoch. Als wir den Victoria überqueren, erregen viele selbstgemachte Schilder unsere Aufmerksamkeit. „Lebensgefahr! Schwimmen verboten. Menschenfressende Krokodile!“ steht auf einem. Klugerweise entschließen wir uns, nach anderen Möglichkeiten zu suchen, um zu baden und uns abzukühlen.
Schließlich erreichen wir die nördlichste Spitze Australiens, allgemein als „Top End“ (oberes Ende) bekannt. In Darwin, der Hauptstadt des Nordterritoriums, gibt es zwei große Versammlungen von Zeugen Jehovas. Der multikulturelle Charakter Darwins ist leicht zu erkennen, wenn man den Kreiskongreß besucht. Dort treffen wir den 30jährigen Charles, der ursprünglich aus Indonesien kommt, genauer gesagt, aus dem vom Krieg zerrissenen Osttimor. Seine Eltern — Chinesen — lehrten ihn, die Ahnen zu verehren. Er beschäftigte sich auch intensiv mit Kampfsportarten. Damit aufzuhören war wegen der engen Verbindung zum Spiritismus nicht leicht. Er behielt jedoch Jesu Verheißung im Sinn: „Die Wahrheit wird euch frei machen“, und es gelang ihm, von dieser Lebensweise loszukommen (Johannes 8:32). „Heute habe ich vor Jehova ein reines Gewissen“, sagt er, „und gegenwärtig diene ich als Dienstamtgehilfe. Mein Ziel ist, die Schule zur dienstamtlichen Weiterbildung zu besuchen.“
Dann treffen wir Beverly aus Papua-Neuguinea. „Zuerst traute ich mir kaum zu, den Weißen zu predigen“, gesteht Beverly ein, „denn Englisch ist nicht meine Muttersprache und bestimmte Ausdrücke und noch dazu der australische Akzent waren für mich schwer zu verstehen. Aber ich dachte daran, daß wir in der Bibel aufgefordert werden, auf Jehova zu vertrauen und zu schmecken und zu sehen, daß er gut ist; so begann ich im Januar 1991 mit dem Pionierdienst. Die Frau, mit der ich mein erstes Heimbibelstudium durchgeführt habe, ist jetzt Pionier. Zwei ihrer Töchter haben ebenfalls die Wahrheit angenommen, und eine von ihnen steht mit ihrem Mann im Pionierdienst.“
Bevor wir Darwin verlassen, wollen wir schnell noch einen Abstecher in den 250 Kilometer weiter östlich gelegenen Kakadu-Nationalpark machen, der wegen seiner vielen Vogelarten berühmt ist. Hier treffen wir Debbie, die einzige Verkündigerin der guten Botschaft in dem ganzen Gebiet. Wir fragen sie, wie sie es schafft, trotz der Abgeschiedenheit geistig stark zu bleiben. Sie antwortet: „Vor allem durch das Gebet. ... Und ich schöpfe Trost aus Bibelstellen wie Jesaja 41:10, wo es heißt: ‚Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Blicke nicht gespannt umher, denn ich bin dein Gott. Ich will dich stärken. Ich will dir wirklich helfen. Ja, ich will dich festhalten mit meiner Rechten der Gerechtigkeit.‘“
In Jilkmingan, 450 Kilometer südlich von Darwin, treffen wir eine kleine Gruppe Aborigines. Obwohl keiner von ihnen getauft war, galt diese Gemeinde von Ureinwohnern viele Jahre lang als eine Gemeinde von Zeugen Jehovas, weil so viele regelmäßig Kreis- und Bezirkskongresse besuchten. Die Gemeinde war für ihre Reinlichkeit bekannt. Erfreulicherweise haben einige fest für die Wahrheit Stellung bezogen und sind jetzt getauft. Sie gehören zu den ersten nicht in Städten lebenden Aborigines, die das getan haben. Diese demütigen Menschen müssen wirklich mutig sein und auf Jehovas heiligen Geist vertrauen, um mit den jahrhundertealten Traditionen und den spiritistischen Bräuchen ihres Stammes zu brechen.
Nach Alice Springs, dann verlassen wir den Outback
Jetzt ist es an der Zeit, das „Top End“ zu verlassen und 1 600 Kilometer in Richtung Süden zu fahren, nach Alice Springs im „roten Herzen“ des Kontinents nahe dem berühmten Ayers Rock. Hier stehen in dem klimatisierten Königreichssaal bequeme Sitzgelegenheiten für die 130 oder mehr Besucher des Kongresses zur Verfügung, die aus den zwei Versammlungen in diesem Gebiet kommen. Wieder sehen wir Polynesier, Europäer und Aborigines bunt gemischt, doch in christlicher Einheit.
Schließlich verlassen wir Alice Springs und beginnen die letzte Etappe der Reise mit dem Bezirksaufseher und seiner Frau. Diesmal geht es 2 000 Kilometer quer durch den Kontinent in nordöstlicher Richtung. Dabei lassen wir den Outback hinter uns und erreichen schließlich die üppigen tropischen Regenwälder von Queensland. Hier an der Küste Nordqueenslands — das Land des Großen Barriereriffs — gibt es viele Versammlungen, in deren Gebiet die Zeugen einen recht hohen Anteil der Bevölkerung ausmachen.
Bevor wir unsere Reise beenden, besuchen wir noch einen letzten Kreiskongreß. In Cairns — Queenslands tropischer Stadt, die wegen des Barriereriffs berühmt ist — besteigen wir ein Flugzeug, mit dem wir das australische Festland verlassen und nach einem kurzen Flug über die nördliche Spitze der Halbinsel Cape York und die Torresstraße auf Thursday Island landen. Dort gibt es eine kleine Versammlung von nur 23 Verkündigern. Welch eine Freude, bei dem letzten Kongreß auf dieser Reise 63 Besucher zu sehen!
Wir hoffen, der kurze Einblick in das Königreichspredigtwerk, das in diesem Land der Kontraste durchgeführt wird, hat dir gefallen. Vielleicht kannst du uns eines Tages im faszinierenden Australien besuchen und die Brüder und Schwestern, die den christlichen Dienst in ihrem einzigartigen Gebiet treu durchführen, selbst kennenlernen.
[Karte/Bild auf Seite 23]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Port Hedland
Canberra
Tom Price
Marble Bar
Newman
Darwin
Katherine
Alice Springs
Ayers Rock
Thursday Island
Cairns
Adelaide
Melbourne
Hobart
Sydney
Brisbane
Perth
[Bild auf Seite 24]
Perth, Hauptstadt von Westaustralien
[Bild auf Seite 25]
Der Straßendienst zeitigt gute Ergebnisse