Wie Menschen in Frieden miteinander leben können
ES WAR September 1944, und die Welt war von Haß erfüllt. Der Zweite Weltkrieg tobte, und Millionen Menschen machten schreckliche Leiden durch. Ich war ein deutscher Kriegsgefangener in Frankreich.
Einmal wurde ich vor ein Exekutionskommando gestellt. Doch nach kurzer Zeit begannen die Männer, die die Exekution vornehmen sollten, wegzugehen. Es war alles nur ein Bluff gewesen. Ich hatte einen Schock erlitten, war aber dankbar, noch am Leben zu sein. Ein paar Wochen später unterzog man mich nochmals derselben Prozedur. Ich überlebte wieder, doch Dutzende von Mitgefangenen wurden hingerichtet oder starben an einer Krankheit oder vor Hunger. Wie kam ich in diese Situationen?
Gefangennahme
Ein paar Monate früher, im Juni 1944, hatten die Alliierten den Ärmelkanal überquert und an der französischen Küste erfolgreich einen Brückenkopf errichtet. Ihr nachfolgender Vorstoß und die Invasion in Nordfrankreich zwangen die deutsche Armee zum Rückzug. Ich war Hauptfeldwebel in der deutschen Luftwaffe. Im August wurde ein Teil unserer Kompanie — darunter ich und 16 andere — von der französischen Untergrundbewegung, Maquis genannt, gefangengenommen. Nach einem wenige Monate dauernden Aufenthalt in einem Kriegsgefangenenlager verlegte man uns in ein anderes Lager in der Nähe von Montluçon (Südfrankreich).
Die Gefangenen mußten Zwangsarbeit leisten, aber als Offizier wurde ich freigestellt. Daraufhin meldete ich mich freiwillig zur Arbeit und wurde mit der Aufsicht über die Küche betraut. Eines Tages kam eine neue Gruppe von Gefangenen an, und unter ihnen befand sich ein Jugendlicher namens Willy Huppertz, der aus meiner Heimatstadt war. Ich fragte den verantwortlichen Offizier, ob Willy mir in der Küche helfen dürfe, und es wurde genehmigt.
Später entstand zwischen Willy und mir die Art Freundschaft, die alle Menschen in Frieden vereinen kann. Doch bevor ich erzähle, wie ich diesen Weg zum Frieden kennenlernte, möchte ich auf einige Widersprüchlichkeiten eingehen, die ich beobachtet hatte und die mir zu denken gaben.
Warum so viel Uneinigkeit und Haß?
Ich bin in Aachen aufgewachsen, und die religiöse Uneinigkeit, die selbst bei uns zu Hause herrschte, beschäftigte mich. Mein Vater war Lutheraner, meine Mutter dagegen katholisch. Somit sorgte sie dafür, daß meine Schwester und ich im katholischen Glauben erzogen wurden. Von klein auf ging ich regelmäßig in die katholische Kirche, aber ich konnte nie verstehen, warum unser Vater einen anderen Glauben hatte. Ich fragte mich manchmal: „Warum gibt es so viele Religionen, wenn es doch nur einen Gott gibt?“
Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde ich zur deutschen Luftwaffe eingezogen. Nach einer Grundausbildung in Deutschland wurde ich nach Wien geschickt, wo ich zu einem Ausbildungskorps für neue Rekruten kam. Im Dezember 1941 wurde ich dann in den Norden der Niederlande geschickt. Dort begegnete ich Jantina, einem jungen Mädchen aus Den Helder. Unsere Länder waren zwar verfeindet und führten gegeneinander Krieg, aber wir verliebten uns trotzdem.
Kurz danach, im April 1942, wurde ich plötzlich nach La Rochelle (Südfrankreich) versetzt. Ich stand damals im Rang eines Hauptfeldwebels, und unser Bataillon hatte die Aufgabe, neue Rekruten auszubilden sowie die örtliche Landebahn zu schützen. Aus diesem Grund war ich während des ganzen Krieges nie im Einsatz. Dafür bin ich dankbar, denn ich wollte nie jemand töten.
Etwas, was mich in jenen Kriegsjahren beschäftigte, war, daß ich sah, wie Geistliche von fast allen Glaubensgemeinschaften — katholische, lutherische, Angehörige der Episkopalkirche und andere — Flugzeuge und deren Besatzung segneten, bevor diese zum Einsatz starteten, um ihre tödliche Ladung abzuwerfen. Ich dachte oft darüber nach, auf wessen Seite Gott sei. Aber ich fragte nie einen der Militärgeistlichen, weil ich mir sicher war, daß sie es doch nicht wußten.
Die deutschen Soldaten trugen einen Gürtel, auf dessen Koppelschloß (siehe Seite 12, oben links) die Worte standen: „Gott mit uns“. Ich fragte mich: „Warum sollte Gott nicht auch mit den Soldaten auf der anderen Seite sein, die die gleiche Religion haben wie wir und zu demselben Gott beten wie wir?“
Die Jahre vergingen, und der Krieg zog sich hin. Ab und zu konnte ich in die Niederlande fahren und Jantina besuchen — das letzte Mal im Dezember 1943, als wir uns verlobten. 1944 begann sich das Kriegsgeschehen zu wenden, und nach der Landung alliierter Truppen in Frankreich wurde uns zum erstenmal bewußt, daß Deutschland den Krieg verlieren könnte. Dieser Gedanke war für uns ein ziemlicher Schock. Dann kam jener August, in dem 17 von uns gefangengenommen wurden.
Gefangenschaft
Schließlich erlaubte man uns Gefangenen im Lager bei Montluçon, mit unseren Lieben zu korrespondieren. Dadurch konnten Jantina und ich wieder miteinander Kontakt aufnehmen. Nach einiger Zeit meldete ich mich mit einigen anderen Gefangenen freiwillig zur Arbeit in einem landwirtschaftlichen Gemeinschaftsbetrieb, wo man uns weiterhin als Kriegsgefangene betrachtete. So allmählich gefiel mir das Leben auf dem Bauernhof. Es war für einen ehemaligen Stadtjungen natürlich ein ganz anderes Leben.
Im Mai 1945 war der Krieg in Europa zu Ende, aber die französische Regierung hielt uns noch bis Dezember 1947 als Gefangene fest. Danach wurden wir vor die Wahl gestellt, entweder in die Fremdenlegion zu gehen oder bis Ende 1948 als freiwillige Arbeiter in Frankreich zu bleiben. Ich entschied mich für letzteres, weshalb ich dann mit mehreren anderen Gefangenen als Landarbeiter in einen landwirtschaftlichen Gemeinschaftsbetrieb kam. Unter diesen Gegebenheiten genossen wir mehr Freiheit als zu der Zeit, da wir als Kriegsgefangene dort arbeiteten. Wir waren allerdings immer noch gewissen Einschränkungen unterworfen. Am meisten freuten wir uns, wenn wir Post von unseren Lieben bekamen.
Wiedersehen mit Jantina
Im Jahr 1947 erhielt ich eines Tages von Jantina einen Brief, dem sie wohl aus Versehen einen kleinen gedruckten Zettel beigelegt hatte, auf dem einige Hausnummern und Angaben über verschiedene Bücher und Zeitschriften vermerkt waren. Ich dachte: „Jantina verkauft anscheinend Bücher, um etwas Geld zu verdienen.“ Ich hatte keine Ahnung, daß sie mit Jehovas Zeugen in Verbindung gekommen war und jetzt von Haus zu Haus predigte und biblische Schriften verbreitete — also keine Bücher verkaufte.
Kurz danach, im Dezember 1947, erlebten wir Gefangenen eine angenehme Überraschung: Wir erhielten vier Wochen Sonderurlaub, um nach Hause zu fahren. Natürlich geschah dies unter der Bedingung, daß wir wieder nach Frankreich zurückkehrten, um unsere Arbeitsverpflichtung zu erfüllen. Jantina kam von den Niederlanden nach Deutschland und verbrachte die vier Wochen mit meinen Eltern und mir. Man kann sich unsere Gefühle vorstellen bei diesem Wiedersehen nach einer Trennung von mehr als vier Jahren. Damals erfuhr ich auch, was es mit dem gedruckten Zettel auf sich hatte, den ich in Jantinas Brief gefunden hatte. Sie erzählte mir, daß sie ein Zeuge Jehovas geworden sei, und sprach begeistert von den wunderbaren Dingen, die sie gelernt hatte.
Obwohl mir an dem, was sie sagte, etwas Wahres zu sein schien, machte ich ihr klar, daß ich lieber katholisch bleiben wolle. Ich sah nicht ein, wieso sie mehr wissen sollte als die Priester, die jahrelang Theologie studiert hatten. Und was die Sache noch schwieriger machte: Meine Angehörigen waren Jantinas neuen Glaubensansichten gegenüber nicht günstig eingestellt. Sie waren sogar sehr dagegen, und ich ließ mich von ihren Vorurteilen beeinflussen.
Ein Wendepunkt in meinem Leben
Als mein vierwöchiger Urlaub zu Ende war, kehrte ich nach Frankreich zurück. Beim Auspacken meines Koffers fand ich zwischen den Sachen ein Buch, betitelt Befreiung. Jantina hatte es dazugelegt, als sie meinen Koffer packte. Ihr zuliebe setzte ich mich noch am gleichen Abend hin und begann es zu lesen. Schon nach kurzer Zeit stellte ich zu meiner Überraschung fest, daß viele Fragen, die mich während meiner Gefangenschaft beschäftigt hatten, beantwortet wurden. Ich konnte es kaum erwarten, das Buch zu Ende zu lesen.
Ich dachte an folgenden Bibeltext, den Jantina einmal angeführt hatte: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8:32). Ich hatte das Gefühl, über viele Dinge die Wahrheit kennenzulernen. Alle Menschen sind eine einzige Familie, ungeachtet ihrer Rassenzugehörigkeit (Apostelgeschichte 17:26-28). Wahre Christen lieben einander, sie bekämpfen sich nicht und töten niemand, etwas, was ich so viele angebliche Christen hatte tun sehen (Johannes 13:34, 35; 1. Johannes 3:10-12). Der Nationalismus ist demnach offensichtlich ein Werkzeug des Teufels, das die Menschen entzweit und einer wahren Bruderschaft entgegenwirkt.
Ich begann zu erkennen, daß wahrer Frieden davon abhängt, daß alle Menschen die Lehren Jesu Christi anwenden. Da die Nationen das jedoch nie tun werden, ist die Regierung Gottes, um die Jesus seine Nachfolger beten lehrte, die einzige Hoffnung auf Frieden (Matthäus 6:9, 10). Schon jetzt begann ich, durch das, was ich lernte, wahre Freiheit und echte Befriedigung zu verspüren. Wie dankbar ich meiner lieben Jantina war, daß sie das Buch in meinen Koffer gepackt hatte! Doch was sollte ich nun tun?
Fortschritte im Glauben
Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Ein paar Tage später kam ein Mann namens Lucien auf den Hof, auf dem ich arbeitete, und stellte sich als Prediger der Zeugen Jehovas vor. Er sagte, er sei vom Zweigbüro der Zeugen Jehovas in Paris beauftragt worden, auf die Bitte meiner Verlobten hin mit mir Kontakt aufzunehmen. Lucien war ein netter, aufrichtiger Mensch, und wir verstanden uns gleich sehr gut. Zum Glück sprach ich inzwischen fließend Französisch, was natürlich eine große Hilfe war.
Ich stimmte einem Bibelstudium mit ihm zu, und daraufhin holten Lucien und seine Frau Simone mich jeden Sonntag ab, um mit mir bei sich zu Hause zu studieren. Danach machten wir noch oft einen Spaziergang, auf dem wir uns über Jehovas herrliche Schöpfung unterhielten. Abgesehen davon, daß beide gute Lehrer waren, entstand zwischen uns etwas, was mir schon lange gefehlt hatte — eine echte Freundschaft, eine Freundschaft mit einem französischen Ehepaar, mit Menschen, die zu bombardieren und zu töten ich Männer ausgebildet hatte.
Ich machte bei meinem Studium gute Fortschritte, und Lucien lud mich zur jährlichen Feier zum Gedächtnis an den Tod Christi ein, die am 25. März 1948 stattfand. Die schlichte, aber ernste Zusammenkunft beeindruckte mich sehr, und ich habe seither keine Gedächtnismahlfeier versäumt.
Jantina war von meinen Fortschritten im Glauben begeistert. Sie beschloß daher, nach Frankreich zu kommen, und im November 1948 heirateten wir. Lucien und Simone spendierten ein ausgezeichnetes Hochzeitsessen, und zwei Pioniere (Vollzeitprediger der Zeugen Jehovas) nahmen an dem freudigen Anlaß ebenfalls teil. Dieser unvergeßliche Abend bestärkte mich in meiner Überzeugung, daß Jehovas Zeugen wirklich die Liebe beweisen, von der Jesus sagte, sie würde seine wahren Jünger kennzeichnen (Johannes 13:35).
Nach Deutschland und dann in ein anderes Land
Im Dezember 1948 kehrten wir nach Deutschland zurück, und der christliche Predigtdienst wurde unser Lebensweg. Meine Familienangehörigen waren zwar immer noch gegen unsere Tätigkeit, aber wir ließen uns nicht davon abbringen. Wir halfen sanftmütigen und demütigen Menschen weiterhin, den einzigen Weg kennenzulernen, auf dem die Menschheit wahren Frieden und Sicherheit finden wird.
Im Jahr 1955 wanderten Jantina und ich nach Australien aus. Wir ließen uns in dem schönen Inselstaat Tasmanien nieder, der — durch die Bass-Straße getrennt — gegenüber der Südspitze des riesigen Festlandes liegt. Mit der liebevollen Hilfe und der Geduld unserer Glaubensbrüder und -schwestern konnten wir unseren Sprachkenntnissen schließlich noch Englisch hinzufügen.
Nachdem wir 13 Jahre in Tasmanien verbracht hatten, siedelten wir 1969 in den nördlichen Bundesstaat Queensland über, wo wir immer noch sind. Gegenwärtig diene ich als christlicher Ältester in der Ortsversammlung und schätze Jantinas Gemeinschaft, während wir gemeinsam Jehova dienen. Sooft wir nach Deutschland in die Ferien fuhren, besuchten wir Willy Huppertz und besprachen mit ihm etwas aus der Bibel. Schließlich gab auch er sich Jehova hin, um ihm zu dienen, und seither verbindet uns die Art Freundschaft, die alle Menschen in Frieden vereinen kann.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, auf die Jahre, die seit meiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich vergangen sind, so bin ich unserem liebevollen Schöpfer, Jehova Gott, wirklich dankbar, daß ich ihn kennenlernen durfte. Wie glücklich bin ich, daß Jantina damals die Initiative ergriff und das Befreiungs-Buch in meinen Koffer packte, dann an die Zeugen Jehovas in Frankreich schrieb und darum bat, jemand möge mit mir Kontakt aufnehmen! Das hatte zur Folge, daß nicht nur mein Leben, sondern auch unser gemeinsames Leben in vielerlei Hinsicht bereichert und lebenswert wurde. (Von Hans Lang erzählt.)
[Bild auf Seite 15]
Jantina und ich heute