-
Die Bibel — Doch nur ein Buch von Menschen?Der Wachtturm 1986 | 1. April
-
-
DER Versuch, sie jedem zugänglich zu machen, kostete William Tyndale das Leben. Unter großen Anstrengungen übersetzte Martin Luther sie ins Deutsche. Für die Nachfolger Johann Calvins war sie Maßstab und Richtschnur jeglicher Wahrheit. Ja, es gab eine Zeit, wo kaum jemand bezweifelte, daß die Bibel Gottes Wort ist. Auch für die katholische Kirche stand dies außer Frage.
Heute verhält es sich jedoch anders. Die Bibel, das meistverkaufte Buch aller Zeiten, wird nur noch von wenigen gelesen, und noch weniger wenden das, was sie sagt, in ihrem Leben an. Typisch für die Ansicht vieler ist folgende Äußerung des Schriftstellers James Barr: „Meine Darstellung zeigt, daß die biblische Überlieferung ein von Menschen geschaffenes Werk ist. Es sind menschliche Glaubensaussagen ... Die richtige Bezeichnung für die Bibel wäre ‚Das Wort Israels‘, ‚Das Wort einiger führender Urchristen‘“ (The Bible in the Modern World von James Barr).
-
-
Die Bibel — Doch nur ein Buch von Menschen?Der Wachtturm 1986 | 1. April
-
-
Was ist mit dem Glauben geschehen?
Im 17. und 18. Jahrhundert fiel der beinahe selbstverständliche Glaube an die Bibel einer veränderten Geisteshaltung zum Opfer. In jener Zeit kamen in Europa der Skeptizismus und das Freidenkertum auf. Die bestehenden Herrschafts- und Wirtschaftssysteme, die bis dahin gültigen Vorstellungen von der Natur, der Religion, ja einfach alles wurde in Frage gestellt. Die Bibel war davon nicht ausgenommen.
Pierre Bayle, ein ehemaliger Katholik, äußerte im 17. Jahrhundert offen seine Zweifel an der Bibel, indem er vor allem ihre Chronologie und ihre Geschichtlichkeit in Frage zog. Andere übernahmen seine Denkweise, und im 19. Jahrhundert erlebte der Skeptizismus in Form der Bibelkritik eine Blütezeit. Die Bibelkritiker behaupteten, die Bibel sei nicht das, wofür sie gehalten werde. Ihrer Meinung nach stammte der Pentateuch nicht von Moses, sondern sei relativ spät in der jüdischen Geschichte aus zahlreichen Aufzeichnungen zusammengestellt worden, die erst Jahrhunderte nach Moses entstanden seien. Prophezeiungen müßten nach ihrer Erfüllung niedergeschrieben worden sein. Somit habe das Buch Jesaja mehrere Schreiber und sei im Laufe mehrerer Jahrhunderte entstanden. Und das Buch Daniel sei erst um das Jahr 165 v. u. Z. geschrieben worden.
Wie sich die Bibelkritik auswirkte, zeigen die Äußerungen des deutschen Bibelgelehrten David Friedrich Strauß. „Sind wir noch Christen? Nein, zumindest nicht diejenigen unter uns, die von der Bibelkritik gefesselt sind, denn wir können die Bibel nicht mehr als das Wort Gottes akzeptieren“ (Religion and the Rise of Scepticism von Franklin L. Baumer).
Das neue Zeitalter brachte auch neue wissenschaftliche Entdeckungen mit sich. Einige davon stützten die Bibel, andere schienen ihr jedoch zu widersprechen. Nicht wenige wurden daher zu der Annahme verleitet, die Bibel sei nicht mehr zeitgemäß. In dieser Meinung wurden viele Mitte des 19. Jahrhunderts noch bestärkt, als die Evolutionstheorie aufkam — eine Theorie, die dem Schöpfungsbericht der Genesis völlig widersprach.
-