Eine hebräische Musterbibelhandschrift
VOR der Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer im Jahr 1947 stammten — von ein paar Fragmenten abgesehen — die ältesten bekannten hebräischen Bibelhandschriften aus der Zeit zwischen dem späten 9. und dem 11. Jahrhundert u. Z. Das ist nicht einmal 1 000 Jahre her. Bedeutet das aber, daß der hebräische Text der Bibel vor 1947 ungesichert war? Weshalb gibt es außerdem so wenige alte hebräische Handschriften?
Um die letzte Frage zuerst zu beantworten, sei gesagt, daß unter dem orthodoxen jüdischen System alle hebräischen Bibelhandschriften, die zu abgenutzt waren, um weiter verwendet zu werden, in der Genisa deponiert wurden, einer Art Rumpelkammer, die zur Synagoge gehörte. Irgendwann holte man dann die abgenutzten Handschriften, die sich angesammelt hatten, heraus und vergrub sie. Die Juden gingen so vor, um zu verhindern, daß ihre Schriften entweiht oder mißbraucht wurden. Weshalb? Weil sie das Tetragrammaton enthielten, das heißt die hebräischen Buchstaben, die den heiligen Namen Gottes bilden, der in deutsch gewöhnlich mit „Jehova“ wiedergegeben wird.
Die „Krone“
Der alte hebräische Text ist seit frühester Zeit überwiegend getreu übertragen worden. Beispielsweise existierte eine wichtige hebräische Handschrift, Keter genannt, was „Krone“ bedeutet, die ursprünglich die gesamten Hebräischen Schriften oder das „Alte Testament“ enthielt. Aufbewahrt wurde sie in der ältesten Synagoge einer alten, kleinen jüdischen Gemeinde in Aleppo, einer überwiegend von Moslems bewohnten Stadt in Syrien. Zu Anfang war diese Handschrift den Karäern in Jerusalem überlassen worden, doch hatten die Kreuzfahrer sie 1099 beschlagnahmt. Später gelangte die Handschrift wieder in jüdischen Besitz und wurde nach Alt-Kairo (Ägypten) gebracht. Spätestens im 15. Jahrhundert gelangte sie nach Aleppo und wurde in der Folge unter der Bezeichnung Kodex von Aleppo bekannt. Jene Handschrift, die sich mindestens auf das Jahr 930 u. Z. zurück datieren läßt, betrachtete man als die „Krone“ massoretischer Gelehrsamkeit, wie der Name erkennen läßt. Sie ist ein vorzügliches Beispiel für die Sorgfalt, mit der man beim Abschreiben des Bibeltextes vorging, und man kann wirklich sagen, daß es sich um eine hebräische Musterhandschrift handelte.
In neuerer Zeit gestatteten die Hüter jener hervorragenden Handschrift den Gelehrten nicht, darin nachzuschlagen, aus abergläubischer Furcht, ihr heiliges Objekt könne entweiht werden. Da außerdem nur ein einziges Blatt jemals fotografiert worden war, konnte auch keine Faksimile-Ausgabe für Studienzwecke herausgegeben werden.
Als Großbritannien sich 1948 aus Palästina zurückzog, kam es in Aleppo zu Ausschreitungen gegen die Juden. Ihre Synagoge wurde in Brand gesteckt; der wertvolle Kodex verschwand, und man nahm an, er sei vernichtet worden. Es war daher eine große Überraschung, als gut zehn Jahre später bekannt wurde, daß etwa drei Viertel davon erhalten geblieben und heimlich von Syrien nach Jerusalem gebracht worden waren. Schließlich veröffentlichte man 1976 eine gute Faksimile-Ausgabe im Vierfarbendruck in einer Auflage von 500 Exemplaren.
Ein Meisterwerk
Warum ist diese Handschrift so wichtig? Weil der ursprünglich nur aus Konsonanten bestehende Text um das Jahr 930 u. Z. von Aaron ben Ascher, einem der bedeutendsten im Abschreiben und Übertragen der hebräischen Bibel geschulten Gelehrten, korrigiert und punktiert wurde. Das machte sie zu einem Musterkodex, der als Maßstab für künftige, von weniger geschickten Schreibern angefertigte Abschriften diente.
Ursprünglich enthielt der Kodex 380 Blätter (760 Seiten) und war in der Regel in drei Kolumnen auf Pergament geschrieben. Jetzt existieren noch 294 Blätter, und der überwiegende Teil des Pentateuchs sowie der aus den Klageliedern, dem Hohenlied, Daniel, Esther, Esra und Nehemia bestehende letzte Teil fehlen. In der Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift — mit Studienverweisen wird mit „Al“ auf den Kodex Bezug genommen (Josua 21:37, Fußnote). Moses Maimonides (hier dargestellt), ein bedeutender jüdischer Gelehrter aus dem 12. Jahrhundert u. Z., bezeichnete den Aleppo-Kodex als den besten, den er je gesehen habe.a
Der zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert von Hand abgeschriebene hebräische Text war ein gemischter Text, denn er entstammte zwei massoretischen Haupttextfamilien: dem Ben-Ascher-Text und dem Ben-Naphtali-Text. Im 16. Jahrhundert stellte Jakob ben Chajim den Text für eine gedruckte hebräische Bibel her, der von dieser gemischten Tradition abgeleitet war, und dieser Text bildete die Grundlage für nahezu alle hebräischen Bibeln, die in den darauffolgenden 400 Jahren gedruckt wurden.
Für die 1937 herausgegebene dritte Auflage der Biblia Hebraica (der gedruckte hebräische Text) wurde die Ben-Ascher-Tradition herangezogen, wie sie in einer in Rußland aufbewahrten Handschrift erhalten geblieben ist, der Leningrader Handschrift B 19A. Sie stammt aus dem Jahr 1008 u. Z. Die Hebräische Universität in Jerusalem plant, über einen längeren Zeitraum hinweg den vollständigen hebräischen Aleppo-Text zusammen mit Lesarten aller anderen wichtigen Handschriften und Übersetzungen, einschließlich der Schriftrollen vom Toten Meer, herauszugeben.
Der Bibeltext, den wir heute gebrauchen, ist zuverlässig. Er wurde von Gott inspiriert und über die Jahrhunderte hinweg von Abschreibern übertragen, die sich durch Akribie und Geschicklichkeit auszeichneten. Mit welch außerordentlicher Sorgfalt sie vorgingen, wird daran deutlich, daß bei einem Vergleich zwischen den 1947 in der Nähe des Toten Meeres gefundenen Jesaja-Rollen und dem massoretischen Text überraschend wenige Unterschiede gefunden wurden, obgleich die Schriftrollen vom Toten Meer über eintausend Jahre älter sind als die älteste erhalten gebliebene massoretische Bibel. Da überdies der Aleppo-Kodex Gelehrten jetzt zur Verfügung steht, wird dadurch das Vertrauen in die Authentizität des Textes der Hebräischen Schriften noch mehr gestärkt. In der Tat, „was ... das Wort unseres Gottes betrifft, es wird auf unabsehbare Zeit bestehen“ (Jesaja 40:8).
[Fußnote]
a Einige Jahre lang bezweifelten gewisse Gelehrte, daß es sich bei dem Aleppo-Kodex um die von Ben Ascher punktierte Handschrift handelt. Seit der Kodex aber für Studien zur Verfügung steht, haben sich die Beweise dafür gemehrt, daß dies wirklich die von Maimonides erwähnte Ben-Ascher-Handschrift ist.
[Bildnachweis auf Seite 28]
Bibelmuseum, Münster
[Bildnachweis auf Seite 29]
Jewish Division/The New York Public Library/Astor, Lenox, and Tilden Foundations