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John Miltons „verlorene“ Streitschrift zur christlichen LehreDer Wachtturm 2007 | 15. September
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John Miltons „verlorene“ Streitschrift zur christlichen Lehre
WOHL kaum ein Schriftsteller hat seine Umwelt so geprägt wie John Milton. Aus seiner Feder stammt das epische Gedicht Das verlorene Paradies. Er wurde „von vielen geliebt, von manchen gehasst“, aber „von wenigen unbeachtet gelassen“, wie es in einer Biografie über ihn heißt. Bis heute ist sein Einfluss in der englischen Literatur und Kultur zu spüren.
Was verschaffte Milton so viel Einfluss? Und warum war sein letztes Werk — De Doctrina Christiana (Zur christlichen Lehre) — derart brisant, dass er es nie veröffentlichte und es daraufhin 150 Jahre lang verschollen blieb?
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John Miltons „verlorene“ Streitschrift zur christlichen LehreDer Wachtturm 2007 | 15. September
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De Doctrina Christiana
Schon jahrelang hatte sich Milton überdies mit dem Gedanken getragen, eine umfassende Abhandlung zur christlichen Lehre und Lebensart zu verfassen. Obwohl er 1652 völlig erblindete, verausgabte er sich mithilfe von Sekretären für dieses Werk bis zu seinem Tod im Jahre 1674. Diesem letzten, in Lateinisch verfassten Werk gab er den Titel „Eine Streitschrift zur christlichen Lehre, alleinig verfasst anhand der heiligen Schriften“. Im Vorwort erklärte er: „Die meisten Verfasser, die dieses Thema in Angriff nahmen, . . . haben für die so wichtige biblische Begründung all dessen, was sie lehren, lediglich Randbemerkungen mit kurzen Hinweisen auf Kapitel und Vers angebracht. Ich habe mich hingegen bemüht, meine Seiten überreich mit zahllosen Zitaten aus allen Teilen der Schriften zu versehen.“ Und so zitiert Milton in seinem Werk tatsächlich über 9 000 Mal direkt oder indirekt aus der Bibel.
Obgleich Milton mit seiner Meinung gewöhnlich nie hinter dem Berg gehalten hatte, schien er nun auf die Herausgabe seiner Doctrina Christiana nicht sonderlich erpicht. Warum? Zum einen war ihm bewusst, dass die darin enthaltenen biblischen Erklärungen stark von der offiziellen Kirchendoktrin abwichen. Zum anderen war er seit der Restauration der Monarchie bei der Regierung in Ungnade gefallen. Vielleicht wollte er daher ruhigere Zeiten abwarten. Jedenfalls bot nach Miltons Tod einer seiner Schreiber das lateinische Manuskript einem Verleger an, der es aber nicht drucken wollte. Irgendwann wurde es vom englischen Staatssekretär in Verwahrung genommen und in einem Archiv abgelegt. 150 Jahre sollten vergehen, bis man es dort wiederentdeckte.
Als man schließlich auf das in einige Papiere gerollte Manuskript des berühmten Dichters stieß, schrieb man bereits das Jahr 1823. Englands damaliger König, Georg IV., ordnete an, das Werk aus dem Lateinischen zu übersetzen und zu veröffentlichen. Als es zwei Jahre später in Englisch herausgegeben wurde, löste es in theologischen und literarischen Kreisen heftige Debatten aus. Ein Bischof erklärte prompt, das Manuskript müsse eine Fälschung sein, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass sich der von vielen als größter religiöser Dichter Englands geachtete Milton so entschieden gegen hochheilige Kirchenlehren ausgesprochen habe. Doch in weiser Voraussicht hatte der Übersetzer als Beweis für Miltons Urheberschaft zahlreiche Fußnoten in der englischen Fassung angebracht, die 500 Parallelen zu Miltons Verlorenem Paradies aufzeigten.a
Miltons Glaubensansichten
Das England der Tage Miltons hatte mit der katholischen Kirche gebrochen und Reformen im protestantischen Sinn eingeführt. Die Protestanten glaubten grundsätzlich, dass nicht der Papst, sondern allein die Heilige Schrift die Glaubens- und Sittenlehre bestimmen dürfe. Allerdings zeigte Milton in seiner Doctrina Christiana, dass auch viele protestantische Lehren und Gebräuche nicht mit der Bibel übereinstimmten. So belegte er mit der Bibel, dass die kalvinistische Lehre der Vorherbestimmung falsch und die Lehre vom freien Willen richtig ist. Er sprach sich für den respektvollen Gebrauch des Gottesnamens, Jehova, aus und verwandte ihn selbst häufig in seinen Ausführungen.
Anhand der Bibel erklärte Milton auch, dass die menschliche Seele sterblich ist. In einem Kommentar zu 1. Mose 2:7 schrieb er: „Als der Mensch auf diese Weise erschaffen worden war, heißt es zuletzt: also ward der Mensch eine lebendige Seele. . . . Er besteht nicht aus zwei trennbaren Naturen: ist nicht, wie gemeinhin gedacht, zusammengefügt aus zwei verschiedenen Elementen, der Seele und dem Leib. Im Gegenteil, der ganze Mensch ist die Seele, und die Seele ist der Mensch.“ Anschließend warf Milton die Frage auf: „Stirbt der ganze Mensch oder nur der Leib?“ Nachdem er eine Reihe von Bibeltexten ins Feld geführt hatte, die allesamt zeigten, dass der ganze Mensch stirbt, erklärte er: „Doch die überzeugendste Erklärung, die ich für die Sterblichkeit der Seele anführen kann, ist Gottes eigene, Hes[ekiel 18:]20: welche Seele sündiget, die soll sterben.“ Mit Texten wie Lukas 20:37 und Johannes 11:25 belegte er außerdem, dass den Toten eine Auferweckung aus dem Todesschlaf in Aussicht steht.
Was rief die heftigsten Reaktionen auf De Doctrina Christiana hervor? Das war Miltons einfache, aber überzeugende biblische Beweisführung, dass Christus, der Sohn Gottes, Gott, dem Vater, untergeordnet ist. Nach einem Zitat aus Johannes 17:3 und 20:17 stellte Milton die Frage: „Wenn der Vater sowohl Christi Gott als auch unser Gott ist und wenn es nur einen Gott gibt, wer kann sodann Gott sein, außer der Vater?“
Weiter erklärte Milton: „Der Sohn selbst und seine Apostel erkennen in allem, was sie sagen und schreiben, an, dass der Vater in allem größer ist als der Sohn“ (Johannes 14:28). „In der Tat sagt Christus selbst, Matth. XXVI. 39: Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. . . . Warum betet er nur zum Vater statt zu sich selbst, wenn er doch eigentlich selbst Gott ist? Ist er sowohl Mensch als auch höchster Gott, warum betet er alsdann für etwas, was in seiner eigenen Macht stehet? . . . So wie der Sohn allenthalben nur den Vater anbetet und verehret, so lehret er auch uns zu tun.“
Miltons Schwächen
John Milton suchte nach der Wahrheit. Doch auch er hatte seine Schwächen und sah manches gefärbt, vielleicht aufgrund von bitteren Erfahrungen. Beispielsweise hatte ihn seine junge Braut, die Tochter eines royalistischen Landadeligen, kurz nach der Eheschließung verlassen und war zu ihrer Familie zurückgegangen, wo sie drei Jahre blieb. In dieser Zeit sprach sich Milton in Traktaten dafür aus, dass man sich nicht nur bei ehelicher Untreue — dem einzigen Scheidungsgrund, den Jesus nannte —, sondern auch bei Unvereinbarkeit der Geister scheiden lassen dürfe (Matthäus 19:9). Dieselbe Ansicht vertrat er auch in seiner Doctrina Christiana.
Bei allen Schwächen Miltons wird in der Doctrina Christiana gleichwohl eine Vielzahl wichtiger Lehren klar und deutlich aus der Sicht der Bibel dargelegt. So veranlasst diese Streitschrift bis heute deren Leser dazu, ihre persönlichen Glaubensansichten an der unfehlbaren Messschnur der Heiligen Schrift auszurichten.
[Fußnote]
a Eine neuere englische Übersetzung von De Doctrina Christiana, herausgegeben 1973 von der Yale University, hält sich sogar noch enger an Miltons ursprüngliches lateinisches Manuskript.
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John Miltons „verlorene“ Streitschrift zur christlichen LehreDer Wachtturm 2007 | 15. September
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[Bild auf Seite 12]
Miltons letztes Werk war 150 Jahre verschollen
[Bildnachweis]
Image courtesy of Rare Books and Special Collections, Thomas Cooper Library, University of South Carolina
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