-
Die Geisteskrankheiten entmystifizierenErwachet! 1986 | 8. September
-
-
Veränderungen im Gehirn
In der Fachzeitschrift Schizophrenia Bulletin wird ein anderes Einzelteil des Puzzles zur Sprache gebracht: „Die vorgelegten Beweise lassen vermuten, daß im Gehirn von Schizophrenen häufig abnormale Veränderungen vorliegen.“
Dr. Arnold Scheibel behauptet, daß im gesunden Gehirn, und zwar im sogenannten Ammonshorn, die Nervenzellen „ähnlich wie kleine Soldaten“ ausgerichtet sind. Im Gehirn einiger Schizophrener sind dagegen „die Nervenzellen und ihre Funktionen völlig durcheinander“. Das könnte nach seiner Meinung der Grund für die Halluzinationen und Wahnvorstellungen eines Schizophrenen sein. Bei anderen Schizophrenen sind Erweiterungen der Hirnkammern festgestellt worden. Die faszinierendste aller Entdeckungen ist, daß im Gehirn psychisch Kranker biochemische Defekte vorhanden sein können. (Siehe den folgenden Artikel.)
Bis heute ist allerdings noch keine Hirnanomalie und noch kein biochemischer Defekt gefunden worden, der generell bei Schizophrenen vorkommt. Daher glauben die Ärzte, es handle sich bei der Schizophrenie möglicherweise um „eine Vielzahl von Störungen mit vielen verschiedenen Ursachen“ (Schizophrenia: Is There an Answer? [Schizophrenie: Gibt es eine Lösung?]). Ein langsam wirkendes Virus, Vitaminmangel, Stoffwechselstörungen und Nahrungsmittelallergien sind nur einige Faktoren, die als Ursache der Schizophrenie diskutiert werden.
Obwohl die genaue Ursache und der Mechanismus der Krankheit für die medizinische Wissenschaft noch nicht erklärbar sind, sagt Dr. E. Fuller Torrey: „Die Schizophrenie ist eine Erkrankung des Gehirns; das weiß man jetzt mit Bestimmtheit. Sie ist wissenschaftlich und biologisch ebenso eine Realität, wie Diabetes, multiple Sklerose und Krebs wissenschaftliche und biologische Realitäten sind.“ Es gibt auch Anhaltspunkte dafür, daß Depressionen eine biologische Ursache haben.
-
-
Geisteskrankheiten — Gibt es ein Heilmittel?Erwachet! 1986 | 8. September
-
-
[Kasten auf Seite 7]
Der Chemismus der Schizophrenie
Unser Hirn besteht aus einem unglaublich komplexen Netzwerk von Nachrichtenverbindungen, in dem Milliarden von Neuronen oder Nervenzellen miteinander verknüpft sind. Die Neuronen sind aber nicht völlig miteinander verbunden. Ihre fühlerähnlichen Ausläufer, die Dendriten, sind durch einen winzigen Spalt voneinander getrennt, der weniger als ein zehntausendstel Millimeter mißt. Damit sich die Nervenimpulse ungehindert fortpflanzen können, müssen sie diesen Spalt überwinden. Um das zu ermöglichen, sendet die Zelle ein Bataillon chemischer Botenstoffe aus, die Neurotransmitter. Diese „schwimmen“ auf die andere Seite des Spalts und klammern sich an besondere Rezeptoren, die so beschaffen sind, daß sie jeweils eine spezielle chemische Verbindung aufnehmen.
In einem gesunden Gehirn laufen diese Vorgänge reibungslos und geordnet ab. Bei Schizophrenen scheint jedoch die Übertragung der Nervensignale außer Kontrolle geraten zu sein. Einige sind der Meinung, daß ein Dopaminüberschuß die Neuronen überreizt und sie zu „Fehlzündungen“ veranlaßt. Zusammenhanglose Gedanken könnten die Folge sein. Merkwürdigerweise ist nicht bei allen Schizophrenen der Dopaminspiegel im Gehirn erhöht. Reagiert möglicherweise das Gehirn bei manchen Personen nur überempfindlich auf das Dopamin? Oder gibt es verschiedene Typen der Schizophrenie? Oder wirkt sich eventuell eine andere chemische Anomalie auf den Dopaminspiegel aus?
Niemand weiß es wirklich. Auch kann niemand sagen, ob die Schizophrenie auf einen gestörten Chemismus zurückzuführen ist oder umgekehrt. Die chemischen Vorgänge sind nur eines der Einzelteile des Puzzles Schizophrenie.
-