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DeutschlandJahrbuch der Zeugen Jehovas 1999
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Eine Druckerei für den expandierenden Bedarf
Mitte der 70er Jahre lag der deutsche Zweigkomplex in dem Wiesbadener Stadtteil Kohlheck — einst ein verschlafener Vorort am Waldrand, aber inzwischen ein schnell wachsender Stadtteil. Die Gesellschaft hatte ihre Gebäude in dieser Gegend schon 13mal vergrößert. Aber nun war die Zahl der Königreichsverkündiger in der Bundesrepublik auf rund 100 000 angestiegen. Man brauchte ein größeres Büro, um das Gebiet zu beaufsichtigen. Es war eine geräumigere Druckerei erforderlich, um biblische Literatur bereitstellen zu können. Noch mehr Land für eine Erweiterung zu erhalten gestaltete sich äußerst schwierig. Wie war das Problem zu lösen? Das Zweigkomitee betete zu Jehova um Leitung.
Ende 1977 erwogen die Mitglieder des neu eingesetzten Zweigkomitees die Möglichkeit, woanders ein neues Bethelheim zu bauen. War das aber wirklich notwendig? Die Grundstimmung ging in die Richtung, daß das Ende des alten Systems vor der Tür stehen müsse. Doch es war noch ein anderer Faktor zu berücksichtigen. Neue Druckmethoden kamen auf, und die Gesellschaft sah sich gezwungen, sie zu übernehmen, wenn sie in der verbleibenden Zeit des alten Systems weiter im großen Stil drucken wollte. Interessanterweise erleichterten es die Erfahrungen, die man durch das Verbot der Zeugen Jehovas in der DDR gewonnen hatte, den Brüdern in Wiesbaden, Veränderungen vorzunehmen, sowie sich die Notwendigkeit dafür ergab. Weshalb?
Der Beschluß, zum Offsetdruck überzugehen
Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 wurde es zusehends schwieriger, die Zeugen Jehovas in der DDR mit Literatur zu versorgen. Um die Sache zu erleichtern, stellte man für sie eine Sonderausgabe des Wachtturms in kleinerem Format her. Sie enthielt nur die Studienartikel. Für diese Ausgabe mußten die Artikel ein zweites Mal gesetzt werden. Das Drucken auf extradünnem Papier war problematisch wie auch das Falzen der Druckbogen. Als man auf eine geeignete automatische Falzmaschine stieß, stellte sich heraus, daß sie in Leipzig gebaut worden war, paradoxerweise also in der DDR, wo Jehovas Zeugen verboten waren und wo diese weniger auffälligen Ausgaben des Wachtturms hingeschafft werden sollten.
Ein Bruder, der vor seinem Betheldienst den Offsetdruck erlernt hatte, schlug zur Vereinfachung vor, die Zeitschriften mit diesem Verfahren zu reproduzieren. Man könnte die Studienartikel fotografieren, verkleinern und dann auf einer Offsetplatte belichten. Der Zweig erhielt eine kleine Bogenoffsetmaschine als Geschenk. Mit der Zeit ergab sich die Möglichkeit, nicht nur die Studienartikel, sondern die ganze Zeitschrift zu drucken — zunächst schwarzweiß und schließlich im Vierfarbendruck. Auf diese Art und Weise produzierte man auch Bücher im Kleinformat.
Nathan Knorr, damals Präsident der Watch Tower Society, besuchte 1975 Wiesbaden und beobachtete das Verfahren mit Interesse. „Nicht schlecht“, meinte er, nachdem er sich die Druckerzeugnisse genau angesehen hatte. Auf die Erklärung, es handele sich um eine Sonderausgabe für die DDR und man sei mit dem neuen Produktionsverfahren zufrieden, erwiderte er: „Brüder, die so viel durchmachen, verdienen das Beste, was wir ihnen geben können.“ Er genehmigte sofort den Kauf zusätzlicher Maschinen.
Als 1977 Grant Suiter von der leitenden Körperschaft Deutschland einen Besuch abstattete und erwähnte, die Gesellschaft erwäge schon lange ernsthaft, auf Offsetdruck umzustellen, und habe nun beschlossen, dies im großen Stil zu tun, verfügte man in Wiesbaden bereits über gewisse Erfahrungen damit. Indirekt hatte das Verbot in der DDR die Brüder auf diesen Wechsel vorbereitet.
Es ging allerdings nicht nur darum, sich mit dem Gedanken anzufreunden, daß neue Druckmethoden erforderlich waren. Bruder Suiter erklärte, man brauche auch größere und schwerere Druckmaschinen. Aber wo sollte man sie hinstellen? Vom Vierfarbendruck mit Rollenoffsetmaschinen zu träumen war eine Sache, den Traum in die Realität umzusetzen war etwas ganz anderes. Man untersuchte mehrere Möglichkeiten für eine Erweiterung am Kohlheck, aber alles erwies sich als schwierig. Was nun?
Ein neuer Zweigkomplex
Man machte sich anderweitig auf die Suche nach einem Grundstück. Am 30. Juli 1978 wurden rund 50 000 Zeugen Jehovas, die sich zu einem Kongreß in Düsseldorf versammelt hatten, und fast 60 000 in München mit der Nachricht überrascht, daß man plante, ein Grundstück für den Bau eines ganz neuen Zweigkomplexes zu erwerben.
Im Verlauf von fast einem Jahr wurden 123 Gelände inspiziert. Letztlich fiel die Wahl auf ein Grundstück, das auf einer Anhöhe über dem Dorf Selters lag. Mit Zustimmung der leitenden Körperschaft wurde der Kauf am 9. März 1979 abgeschlossen. Nach Verhandlungen mit 18 Grundstücksbesitzern erwarb man weitere 65 angrenzende Parzellen, so daß 30 Hektar Bauland zur Verfügung standen. Etwa 40 Kilometer nördlich von Wiesbaden gelegen, ist Selters leicht für Lkws zu erreichen. Der internationale Flughafen Frankfurt Rhein-Main liegt zirka 60 Kilometer entfernt.
Das größte Bauprojekt in der Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland konnte losgehen. War man der Aufgabe aber gewachsen? Rolf Neufert, der zum Baukomitee gehörte, erinnert sich: „Keiner außer einem Bruder, der Architekt ist, hatte je an einem so riesigen Projekt gearbeitet. Die Schwierigkeiten eines solchen Auftrags sind kaum vorstellbar. Normalerweise würde sich nur ein Büro mit langjähriger Erfahrung und den notwendigen Fachleuten an ein so großes und kompliziertes Projekt heranwagen.“ Wenn es jedoch Jehovas Wille war, daß gebaut wurde, so überlegte man, dann würde er auch den Ablauf segnen.
Es mußten 40 verschiedene Baugenehmigungen eingeholt werden, doch die Behörden zeigten sich kooperativ, was sehr geschätzt wurde. Nun ja, anfangs regte sich ein wenig Widerstand, aber der kam hauptsächlich von Geistlichen, die in dem vergeblichen Bemühen, Opposition zu entfachen, Versammlungen einberiefen.
Zeugen Jehovas aus dem ganzen Land meldeten sich freiwillig zur Mitarbeit. Sie gingen mit außergewöhnlichem Elan ans Werk. Im Schnitt waren täglich 400 ständige Mitarbeiter am Bau beschäftigt, unterstützt von annähernd 200 „Ferienmitarbeitern“. In den 4 Jahren Bauzeit halfen sage und schreibe 15 000 verschiedene Zeugen Jehovas freiwillig mit.
Ein Bruder erzählt: „Egal, welches Wetter, egal, welche Schwierigkeiten vorhanden waren, ob warm oder kalt oder ganz kalt, es ging immer vorwärts. Wo andere ihre Tätigkeit eingestellt hatten, ging es bei uns erst richtig los.“
Auch aus anderen Ländern trafen Helfer ein. Für Jack und Nora Smith und ihre 15jährige Tochter Becky war der Tausende von Kilometern lange Weg von Oregon in den Vereinigten Staaten nicht zu weit. Sie waren bei dem internationalen Kongreß in München anwesend, als bekanntgegeben wurde, daß die Gesellschaft vorhatte, in Deutschland neue Zweiggebäude zu errichten. „Was für ein Vorrecht wäre es doch, beim Bau eines Bethels mithelfen zu können!“ sagten sie sich. Sie gaben Bescheid, daß sie zur Verfügung standen. Jack berichtet: „Wir hatten 1979 gerade mit Vorkongreßarbeiten zu tun, da erhielten wir ein Bewerbungsformular und die Einladung, so schnell wie möglich zu kommen. Wir waren so aufgeregt, daß wir uns bei der Arbeit und beim Kongreß kaum konzentrieren konnten.“
Zur Unterbringung der Baumitarbeiter mußten bereits bestehende Gebäude umgebaut werden. Im Winter 1979/80 war das erste Wohnhaus fertig. Im September 1980 war das Fundament für ein neues Bethelheim gelegt. Auch die Druckerei nahm man in Angriff, und dafür war es höchste Zeit. Die im Januar 1978 bestellte 27 Meter lange Rollenoffsetmaschine sollte 1982 geliefert werden. Bis dahin mußte die Druckerei wenigstens teilweise fertiggestellt sein.
Es war möglich, das meiste in Eigenarbeit zu leisten. Ein Bruder staunt heute noch: „Wir alle hatten keine Erfahrung, ein so großes Projekt mit fast ständig wechselnden Mitarbeitern zu erstellen. Oft glaubten wir, daß auf diesem oder jenem Gebiet Stockungen eintreten würden, weil uns Facharbeiter für spezielle Fachbereiche fehlten. Aber oft war es so, daß im letzten Augenblick ganz plötzlich die Bewerbungen von Brüdern eingingen, die auf bestimmten Gebieten große Erfahrung hatten. Die Brüder kamen so, wie wir sie benötigten.“ Man dankte Jehova für seine Leitung und seinen Segen.
Der Umzug nach Selters
Der Transport der Möbel und der persönlichen Sachen von etwa 200 Bethelmitarbeitern, ganz zu schweigen von all den Maschinen und Ausrüstungsgegenständen, brachte eine Menge Arbeit mit sich. Alles auf einmal erledigen zu wollen wäre zuviel gewesen. Während der Bau Fortschritte machte, siedelte die Bethelfamilie Abteilung für Abteilung nach Selters über.
Die Vorhut bildeten die Mitarbeiter der Druckerei, weil dies der erste fertiggestellte Komplex war. Nach und nach baute man die Maschinen in Wiesbaden ab und transportierte sie nach Selters. Unterdessen kam am 19. Februar 1982 in Selters der Vierfarbendruck mit der neuen Rotationsmaschine ins Rollen. Wenn das kein Grund zum Feiern war! Im Mai wurde es in der Wiesbadener Druckerei still. Nach 34 Jahren gingen dort die Druckarbeiten zu Ende.
Der erste Großauftrag für die neue Offsetdruckmaschine war das Buch Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben. Dieses neue Buch sollte auf den Bezirkskongressen 1982 herauskommen, und Deutschland wurde beauftragt, es in 7 Sprachen zu produzieren. Das Problem war, daß die Buchbinderei noch in Wiesbaden stand. Der Umzug war für gut ein Jahr später geplant. So wurden die frisch gedruckten Bogen ruck, zuck mit dem Lkw der Gesellschaft von Selters nach Wiesbaden zum Binden gebracht. Von der Erstauflage in Höhe von 1 348 582 Exemplaren gelang es trotz der zusätzlichen Arbeit, 485 365 Bücher fertigzustellen, so daß sich das internationale Publikum auf Kongressen in mehreren Ländern über die Freigabe freuen konnte.
Verständlicherweise war der Umzug von gemischten Gefühlen begleitet. Für manch einen in der Bethelfamilie war Wiesbaden schon fast 35 Jahre das Zuhause. Aber schon bald gingen die einzelnen Bethelgebäude in Wiesbaden an verschiedene Käufer. Man behielt nur einen kleinen Teil der ehemaligen Buchbinderei, den man zu einem Königreichssaal umbaute. Ganz wie es für die internationale Einheit in Jehovas Volk typisch ist, sind in diesem Saal heute 4 Versammlungen untergebracht — zwei deutsche, eine englische und eine russische.
Die Bestimmungsübergabe
Nachdem das Bethel in Selters seinen letzten Schliff erhalten hatte, fand am 21. April 1984 das Programm zur Bestimmungsübergabe statt. Alle an dem Projekt Beteiligten hatten das starke Empfinden, daß Jehova mit ihnen war. Sie hatten bei ihm Leitung gesucht und ihm gedankt, wenn scheinbar unüberwindliche Hindernisse umgestoßen wurden. Sie hatten nun den greifbaren Beweis, daß sein Segen auf den fertiggestellten Gebäuden ruhte, die bereits zur Förderung der wahren Anbetung eingesetzt wurden (Ps. 127:1). Es war wirklich eine Zeit ganz besonderer Freude.
Zu Beginn der Woche öffneten sich die Türen für Besucher. Verschiedene Behörden, mit denen die Gesellschaft zu tun hatte, waren zu einer Besichtigung des Geländes eingeladen worden. Auch die Nachbarn waren willkommen. Ein Besucher verriet, er habe es seinem Pfarrer zu verdanken, daß er da sei. Der Pfarrer habe in den letzten Jahren so oft auf Jehovas Zeugen geschimpft, daß es die ganze Gemeinde schon nicht mehr hören könne. Am vorigen Sonntag habe er wieder einmal gegen die Zeugen gewettert und die Gemeinde ermahnt, die Einladung zum Tag der offenen Tür nicht anzunehmen. „Ich wußte von der Einladung“, erklärte der Besucher, „aber das Datum hatte ich verschwitzt. Hätte der Pfarrer letzten Sonntag nichts davon gesagt, hätte ich bestimmt nicht mehr dran gedacht.“
Nach den Vorbesichtigungen kam dann endlich der Tag der Bestimmungsübergabe. Als das Programm um 9.20 Uhr mit Musik begann, herrschte große Freude darüber, daß von den damals 14 Mitgliedern der leitenden Körperschaft 13 in der Lage gewesen waren, die Einladung zur Bestimmungsübergabe anzunehmen. Da nicht jeder, der auf die eine oder andere Weise zum Erfolg des Projekts beigetragen hatte, persönlich anwesend sein konnte, schaltete man Standleitungen zu 11 anderen Orten im ganzen Land. So kamen 97 562 Zuhörer in den Genuß des schönen Programms.
Zu denen, die an jenem denkwürdigen Tag in Selters versammelt waren, gehörten viele, die während des 2. Weltkriegs ihren Glauben in Konzentrationslagern unter Beweis gestellt hatten, und einige, die noch nicht lange aus der Haft in der DDR freigekommen waren. Das traf auf Ernst und Hildegard Seliger zu. Bruder Seliger hatte genau 60 Jahre zuvor den Vollzeitdienst aufgenommen. Er und seine Frau hatten unter dem nationalsozialistischen und dem kommunistischen Regime zusammen über 40 Jahre in Gefängnissen und Konzentrationslagern zugebracht. Nach der Bestimmungsübergabe schrieben sie: „Könnt Ihr Euch vorstellen, was wir empfanden, an diesem wunderbaren geistigen Festmahl im geistigen Paradies teilhaben zu dürfen? Von der ersten bis zur letzten Minute dieses herrlichen Programms klang es in unseren Ohren wie eine göttliche Sinfonie theokratischer Einheit und Harmonie.“ (Über Einzelheiten ihrer Glaubensprüfungen berichtet Der Wachtturm vom 15. Oktober 1975.)
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[Bild auf Seite 88]
Bethelkomplex in Wiesbaden (1980)
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