Jehova ändert Zeiten und Zeitabschnitte in Rumänien
OSTEUROPA wurde 1989 von Veränderungen überrollt. In wenigen Monaten stürzten Regierungen, die einst unbesiegbaren Festungen glichen, wie Dominosteine. Mit den politischen Veränderungen kamen soziale, wirtschaftliche und, was Jehovas Zeugen am meisten interessiert, religiöse Veränderungen. In einem Land nach dem anderen wurden Jehovas Zeugen offiziell anerkannt, und sie erlangten die Freiheit wieder, ihre religiöse Tätigkeit auszuüben.
In Rumänien schien es jedoch anders zu sein. Die Regierung hatte das Volk so fest im Griff, daß die Veränderungen sich anscheinend kaum auswirkten. Als die Zeugen Jehovas dort von dem hörten, was in anderen osteuropäischen Ländern vor sich ging, fragten sie sich: „Werden wir vor Harmagedon je Religionsfreiheit genießen?“ Sie wünschten sich sehnlichst die Zeit herbei, wo sie sich mit ihren Glaubensbrüdern und -schwestern zu christlichen Zusammenkünften versammeln, die gute Botschaft öffentlich predigen und ihre biblischen Publikationen frei studieren könnten, ohne sie immer verstecken zu müssen. All das schien nur ein Traum zu sein.
Doch dann wurde der Traum wahr. Es geschah im Dezember 1989. Zur allgemeinen Überraschung wurde das Regime Ceauşescus über Nacht gestürzt. Plötzlich gab es für diese Christen Erleichterungen. Am 9. April 1990 wurden Jehovas Zeugen in Rumänien als religiöse Organisation rechtlich anerkannt. Jehova hatte Zeiten und Zeitabschnitte für die 17 000 aktiven Zeugen in jenem Land geändert. (Vergleiche Daniel 2:21.)
Eine lange Geschichte
Carol Szabo und Josif Kiss kehrten 1911 aus den Vereinigten Staaten, wo sie die Wahrheit der Bibel kennengelernt und sich Jehova hingegeben hatten, um seinen Willen zu tun, nach Rumänien zurück. Sie wollten ihre Landsleute an der guten Botschaft teilhaben lassen. Sobald sie in Rumänien angekommen waren, begannen sie zu predigen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden sie wegen ihrer Tätigkeit verhaftet. Dennoch begann der Königreichssamen Ergebnisse zu zeitigen. Als das Werk 1920 neu organisiert wurde, gab es in Rumänien ungefähr 1 800 Königreichsverkündiger.
Zu jener Zeit war das Feuer der Revolution, das in den Balkanstaaten loderte, in Rumänien immer mehr zu spüren, und Übergriffe waren an der Tagesordnung. Trotz der schwierigen Zeiten setzten unsere Glaubensbrüder das Werk fort. 1924 eröffnete die Watch Tower Society in Klausenburg in der Regina-Maria-Straße 26 ein Büro, das sich um das Werk in Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Jugoslawien und Albanien kümmern sollte.
Die politische Situation spitzte sich jedoch zu, und außer den Schwierigkeiten von seiten der Behörden gab es Schwierigkeiten innerhalb der Organisation. Das Jahrbuch 1930 berichtete: „Infolge der Untreue des Bruders, der von der Gesellschaft dorthin geschickt worden war, haben sich die Geschwister zerstreut, und ihr Vertrauen ist stark erschüttert. Die Gesellschaft hat immer auf eine Gelegenheit gewartet, das Werk in diesem Lande wiederzubeleben, aber die dortige Obrigkeit verbietet alles, und wir müssen warten, bis uns der Herr einen günstigeren Weg zeigt.“ 1930 wurde dann Martin Magyarosi, ein rumänischer Zeuge, der 1922 getauft worden war, zum neuen Zweigdiener ernannt, und das Büro zog später nach Bukarest um in die Crişanastraße 33. Nach langem Ringen wurde die Gesellschaft 1933 in Rumänien schließlich als eine gesetzliche Körperschaft eingetragen.
Die Schwierigkeiten halten an
Weitere schwere Prüfungen kamen über die Zeugen in Rumänien. Im Jahrbuch 1936 wurde folgendes berichtet: „Es gibt wohl kein Land der Erde, wo die Geschwister mehr Schwierigkeiten zu erleiden haben als gerade in Rumänien.“ Trotz all der Gegnerschaft gab es dort gemäß dem Dienstbericht 1937 75 Versammlungen mit insgesamt 856 Verkündigern. Anläßlich des Gedächtnismahls waren 2 608 Personen anwesend.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, blieb Rumänien davon nicht unberührt. Im September 1940 riß General Ion Antonescu die Macht in der Regierung an sich und begann ähnlich zu herrschen wie Hitler. Terrorakte waren an der Tagesordnung. Hunderte unserer Brüder wurden verhaftet, geschlagen und gefoltert. Bruder Magyarosi verhaftete man im September 1942, aber er konnte dennoch das Werk für Siebenbürgen vom Gefängnis aus koordinieren.
Die Verfolgung ging weiter, als Hitlers Truppen 1944 das Land überrollten. Ein Bericht aus Bukarest beschrieb die Zustände unter dem NS-Regime: „Jehovas Zeugen wurden in diesem Land schrecklich verfolgt. Wir saßen mit Kommunisten im Gefängnis, da uns die Geistlichkeit, die für Hitler war, beschuldigte, schlimmer als Kommunisten zu sein; viele von uns wurden entweder zu 25 Jahren Haft, zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe oder zum Tode verurteilt.“
Schließlich endete der Krieg, und am 1. Juni 1945 nahm das Büro der Gesellschaft in Bukarest die Arbeit wieder auf. Obwohl es schwierig war, Papier zu erhalten, druckten Gott hingegebene Arbeiter über 860 000 Broschüren und über 85 000 Exemplare des Wachtturms in Rumänisch und Ungarisch. Jehova segnete ihre harte Arbeit überaus. Bis 1946 wurden zirka 1 630 Neue getauft. Ein Höhepunkt jenes Jahres war der Landeskongreß, der am 28. und 29. September in Bukarest abgehalten wurde. Die Geistlichkeit versuchte alles, um den Kongreß zu stören und abzubrechen, aber sie hatte keinen Erfolg; ungefähr 15 000 Personen hörten den öffentlichen Vortrag. Es war das erstemal, daß die Brüder in Rumänien einen solchen Kongreß erleben konnten.
Die Gesellschaft schickte Bruder Alfred Rütimann aus dem Schweizer Zweigbüro nach Rumänien. Im August 1947 konnte er an 16 Orten zu mehr als 4 500 Brüdern sprechen und sie für das stärken, was vor ihnen lag. Schon bald sollten die Zeugen wieder unter Druck geraten, diesmal vom kommunistischen Regime. Im Februar 1948 verboten ihnen die Behörden, zu drucken und zu predigen. Dann, im August 1949, machte die Polizei eine Razzia im Büro in der Alionstraße 38. Anschließend wurden viele Brüder verhaftet, auch Bruder Magyarosi. Diesmal lieferte man sie unter der Anklage, Imperialisten zu sein, in Gefängnisse oder Arbeitslager ein. Während der folgenden 40 Jahre war das Werk verboten, und Jehovas Zeugen mußten schwer leiden. Schwierigkeiten, die von Feinden innerhalb der Organisation verursacht worden waren, verschlimmerten die Lage. 1989 wurde endlich Ceauşescus Regime gestürzt, und die Zeugen waren frei. Was würden sie jetzt mit ihrer Freiheit anfangen?
Wieder in der Öffentlichkeit predigen
Die Zeugen verschwendeten keine Zeit. Sofort begannen sie, von Haus zu Haus zu predigen. Doch für diejenigen, die das Werk jahrelang mutig im Untergrund durchgeführt und informell Zeugnis gegeben hatten, war das nicht leicht. Jetzt, da sie in der Öffentlichkeit predigen konnten, waren sie nervös. Die meisten hatten das noch nie getan; das letztemal, daß überhaupt jemand von ihnen von Haus zu Haus gepredigt hatte, war Ende der 40er Jahre gewesen. Welche Ergebnisse haben sie erzielt? Wir werden sehen.
Beginnen wir mit Bukarest, der Hauptstadt, in der 2,5 Millionen Einwohner leben. Vor zwei Jahren gab es dort nur vier Versammlungen. Jetzt sind es zehn Versammlungen, und über 2 100 Personen kamen 1992 zur Gedächtnismahlfeier. Da etliche vielversprechende Heimbibelstudien durchgeführt werden, können vielleicht bald neue Versammlungen gegründet werden.
Craiova, eine Stadt mit zirka 300 000 Einwohnern, liegt im Südwesten des Landes. Bis 1990 gab es in der ganzen Stadt nur ungefähr 80 Zeugen. Dann breitete sich der Pioniergeist aus, und das Werk ging rasch voran. Allein 1992 wurden 74 Personen getauft, und gegenwärtig werden über 150 Bibelstudien durchgeführt. Jetzt sind dort mehr als 200 Verkündiger tätig, und sie suchen eifrig nach einem geeigneten Platz für einen Königreichssaal.
In Neumarkt ging eine Zeugin Jehovas mit zwei Glaubensbrüdern zum orthodoxen Priester, um ihren Namen aus dem Kirchenregister streichen zu lassen. Als der Priester den Grund des Besuches erfuhr, bat er sie herein, und sie unterhielten sich nett. Dann sagte der Priester: „Ich beneide Sie, aber nicht in schlechtem Sinne. Wir sollten das Werk tun, das Sie verrichten. Zu schade, daß die orthodoxe Kirche ein schlafender Riese ist!“ Er nahm die Broschüre Sollte man an die Dreieinigkeit glauben? und eine Ausgabe des Wachtturms entgegen. Die Schwester ist glücklich, nicht mehr zu dem „schlafenden Riesen“ zu gehören (Offenbarung 18:4).
Es ist bezeichnend, daß die Mehrheit derer, die heute die Wahrheit kennenlernen, junge Leute sind. Warum? Offensichtlich hatten sie große Erwartungen in den Regierungswechsel gesetzt, verloren aber alle Illusionen. Sie sind glücklich, kennenzulernen, daß nur Jehovas Königreich eine dauerhafte Lösung unserer Probleme herbeiführen kann (Psalm 146:3-5).
In kleinen Orten geschieht Großes
Ocoliş ist ein kleines Dorf im Norden Rumäniens. 1920 kehrte ein Mann namens Pintea Moise dorthin zurück, der an der russischen Front in Kriegsgefangenschaft geraten war. Früher war er katholisch gewesen, bevor er jedoch zurückkam, war er ein Baptist geworden. Drei Wochen nach seiner Rückkehr sprachen Bibelforscher — unter diesem Namen kannte man Jehovas Zeugen damals — bei ihm vor. Nach ihrem Besuch erklärte er: „Jetzt habe ich die Wahrheit über Gott gefunden!“ 1924 gab es in Ocoliş eine Gruppe von 35 Personen.
Heute sind von den 473 Einwohnern 170 Königreichsverkündiger. Jeder Verkündiger hat ungefähr zwei Häuser als Gebiet, und außerdem bearbeiten sie die Dörfer in der Umgebung. Dennoch sind sie optimistisch. Sie haben gerade einen schönen Königreichssaal gebaut, der 400 Sitzplätze hat. Die ganze Arbeit wurde von den Zeugen am Ort bewältigt.
Bruder Szabo und Bruder Kiss ließen sich 1914 in Valea Largă nieder. 1991 gab es dort acht Versammlungen mit 582 Königreichsverkündigern bei einer Bevölkerung von 3 700. Zum Gedächtnismahl 1992 waren 1 082 Personen anwesend — fast jeder dritte aus diesem Tal.
Sonderpioniere ebnen den Weg
Sonderpioniere spielen eine wichtige Rolle, weil sie die gute Botschaft zu Menschen in entlegenere Gebiete bringen. Sobald das Predigtwerk frei war, begann Ionel Alban mit dem Dienst in zwei Städten; zwei Tage in der Woche verbrachte er jeweils in Orşova und fünf Tage in Turnu Severin.
Als Ionel in Orşova ankam, gab es dort keine Zeugen. In der ersten Woche richtete er ein Bibelstudium bei einem 14jährigen Jungen ein. Der Junge veränderte sich in zwei Monaten so stark, daß ein Freund und ein Nachbar ebenfalls anfingen zu studieren. Roland, der katholische Nachbar, machte erstaunliche Fortschritte. Nach nur eineinhalb Monaten begleitete er Ionel in den Predigtdienst, und nach fünf Monaten wurde er getauft. Sofort nahm er den Vollzeitdienst auf. Auch seine Mutter begann zu studieren und wurde 1992 anläßlich des Kongresses „Lichtträger“ getauft. Jetzt gibt es in Orşova zehn Verkündiger, die 30 Heimbibelstudien leiten.
Der erste, der in Turnu Severin die Wahrheit annahm, war ein Empfangschef in dem Hotel, in dem Ionel wohnte. Schon nach zwei Monaten wurde er ein ungetaufter Verkündiger, und nach drei Monaten ließ er sich taufen. Jetzt gibt es dort 32 Verkündiger, die zusammen 84 Heimbibelstudien durchführen.
Gabriela Geica, ebenfalls Sonderpionier, diente sogar als allgemeiner Pionier, als das Werk verboten war. Sie wünschte sich, dort zu predigen, wo noch größerer Bedarf bestand. Ihr wurde ein großes Gebiet zugeteilt. Manchmal legte sie 100 bis 160 Kilometer zurück, um bei interessierten Personen vorzusprechen. Eine Stadt, in der sie predigte, war Motru; dort gab es nur vier Zeugen. „Wegen der vermehrten Tätigkeit in Motru begannen die Priester und religiöse Gruppen, uns zu bekämpfen“, erzählt sie. „Sie beeinflußten den Bürgermeister und die Polizei dazu, Druck auf die Familien auszuüben, die mir Unterkunft gewährten. Ich wurde rausgeworfen, und so mußte ich mich ungefähr jeden zweiten Monat nach einer neuen Bleibe umsehen.“
In Orşova begann Gabriela ein Studium mit einer Atheistin, die sagte, daß sie sich weder für Religion noch für die Bibel interessiere. Aber nach nur vier Monaten Studium fing die Frau an, die Bibel zu verteidigen. Obwohl ihr Mann sie nachts aussperrte und ihr drohte, sich scheiden zu lassen oder sie zu töten, bewahrte sie die Lauterkeit. Schon vor ihrer Taufe führte sie zehn Bibelstudien durch.
Großartige Aussichten
Im August 1992 erreichte Rumänien eine Höchstzahl von 24 752 Verkündigern in 286 Versammlungen. Zum Gedächtnismahl waren über 66 000 Personen anwesend. In dem kleinen Zweigbüro in Bukarest arbeiten 17 Personen nach besten Kräften, um die geistigen Bedürfnisse ihrer Brüder zu befriedigen. Sie freuen sich darauf, bald mit dem Bau eines größeren Zweigbüros beginnen zu können.
Jehovas Zeugen in Rumänien können über die schnellen Veränderungen in den letzten paar Jahren nur staunen. Sie danken Jehova Gott, daß sie zu der internationalen Versammlung gehören, die seinen Namen trägt und Menschen zu einer genauen Erkenntnis über ihn und seinen unveränderlichen Vorsatz verhilft. Nach so vielen harten Jahren der Verfolgung sind sie Jehova überaus dankbar, denn er hat wirklich Zeiten und Zeitabschnitte in Rumänien geändert.
[Karte auf Seite 23]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
UNGARN
RUMÄNIEN
Bukarest
Klausenburg
Craiova
Neumarkt
Orşova
Turnu Severin
Motru
Turda
BULGARIEN
[Bilder auf Seite 24, 25]
1 Ungefähr 700 Zeugen versammelten sich 1947 im Wald
2 Einladungszettel für einen öffentlichen Vortrag (1946)
3 Kongreß in Alba Iulia (1992)
4 Zeugnisgeben in Klausenburg heute
5 Königreichssaal bei Turda
6 Bethelfamilie in Bukarest