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Jehovas Zeugen in RußlandErwachet! 1997 | 22. August
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Sergei Iwanenko, ein geachteter russischer Theologe, ging ähnlich vor. Obwohl er vielen negativen Berichten, die in Rußland über Jehovas Zeugen in Umlauf sind, Glauben schenkte, entschloß er sich, das Zweigbüro der Zeugen, das sich in der Nähe von St. Petersburg befindet, um Informationen zu bitten. Er nahm die Einladung an, dem Zweigbüro einen Besuch abzustatten, Fragen zu stellen und mit eigenen Augen zu beobachten, was die Zeugen dort tun.
Als Sergei Iwanenko im Oktober 1996 der Einladung folgte, waren die Gebäude, die die fast 200 Mitarbeiter des Zweigbüros der Zeugen Jehovas in Rußland beherbergen, nahezu fertiggestellt. An den folgenden drei Tagen hatte er die Möglichkeit, die Baustelle zu besichtigen, im Speisesaal zu essen und jeden, den er wollte, zu interviewen.
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Jehovas Zeugen in RußlandErwachet! 1997 | 22. August
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Da ich das selbst herausfinden wollte, fuhr ich in das Dorf Solnetschnoje in der Region Kurortnoje (St. Petersburg), wo das Verwaltungszentrum der Zeugen Jehovas in Rußland liegt.
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Das Verwaltungszentrum befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Ferienlagers. 1992 war das ursprüngliche Gebäude völlig heruntergekommen, und an Stelle von Kindern hielten sich dort Landstreicher und Scharen von Ratten auf. Der baufällige Zustand des Areals trug offenbar mit dazu bei, daß Jehovas Zeugen das sieben Hektar große Grundstück für die Nutzung auf unbestimmte Zeit erhielten. Sie renovierten die alten Gebäude und errichteten außerdem neue, einschließlich eines dreistöckigen Verwaltungsgebäudes, eines ... [Königreichssaales] für 500 Personen und eines Speisesaals. Jehovas Zeugen säten auch neues Gras ein (das extra in Finnland bestellt wurde) und pflanzten verschiedene Arten seltener Bäume. Man hofft, die Arbeiten in diesem Sommer abschließen zu können. Die Hauptaufgabe des Verwaltungszentrums besteht darin, die Predigttätigkeit zu organisieren und die Ortsversammlungen der Zeugen Jehovas mit Literatur zu versorgen. Da das Zentrum in Solnetschnoje keine Druckerei besitzt, wird die russische Literatur in Deutschland gedruckt und dann nach St. Petersburg gebracht, von wo aus sie in die verschiedenen Regionen versandt wird. Etwa 190 Personen arbeiten in dem Zentrum. Sie sind auf freiwilliger Basis tätig und erhalten keinen Lohn, werden aber dafür mit allem grundlegend Notwendigen wie Unterkunft, Nahrung und Kleidung versorgt.
Die Arbeiten in dem Verwaltungszentrum werden von einem Komitee geleitet, das aus 18 Ältesten besteht. Wassili Kalin ist seit 1992 der Koordinator des Zentrums. Er wurde in Iwano-Frankowsk geboren. 1951, als er vier Jahre alt war, wurden seine Eltern und er nach Sibirien verbannt (1949 und 1951 wurden etwa 5 000 Familien von den Behörden verfolgt, weil sie Zeugen Jehovas waren). Er ließ sich 1965 taufen und lebte im Gebiet von Irkutsk. Dort war er in einem holzverarbeitenden Betrieb als Vorarbeiter tätig.
Neben den freiwilligen Mitarbeitern im Verwaltungszentrum leben in Solnetschnoje noch 200 freiwillige Bauarbeiter aus Rußland, Finnland, Schweden und Norwegen. Die meisten von ihnen haben sich von ihrer regulären Tätigkeit beurlauben lassen. Man sieht dort aber auch viele Zeugen Jehovas aus der Ukraine, der Republik Moldau, Deutschland, den Vereinigten Staaten, Finnland, Polen und aus anderen Ländern. (Jehovas Zeugen hegen keine rassistischen Vorurteile. Obwohl in dem Zentrum Georgier, Abchasen, Aserbaidschaner und Armenier Seite an Seite leben, hat es in vier Jahren keinen einzigen Konflikt gegeben.)
Der größte Teil des Baumaterials und der Ausrüstung kam aus den skandinavischen Ländern, und vieles wurde auch kostenlos von Glaubensbrüdern zur Verfügung gestellt. Man zeigte mir ein Baufahrzeug zur Bewegung von Erdreich, mit dem ein schwedischer Zeuge 1993 nach Solnetschnoje gefahren war. Er bediente es während der ganzen Zeit, in der er dort war, und bevor er nach Hause zurückkehrte, überließ er das Fahrzeug seinen Glaubensbrüdern. Die Bauarbeiter sind in komfortablen Pensionen und Wohnheimen untergebracht. Ihr Tagesablauf sieht in etwa wie folgt aus: 7 Uhr — Frühstück und Gebete; sie arbeiten von 8 bis 17 Uhr und haben dazwischen eine einstündige Mittagspause. Samstags arbeiten sie bis mittags, und sonntags ist Ruhetag.
Sie essen gut, und immer steht Obst auf dem Tisch. Die Religionsgemeinschaft kennt weder Fastenzeiten noch irgendwelche strengen Speisebeschränkungen. Nach der Arbeit gehen viele in die Sauna, danach trinken sie zusammen ein Bier und hören Musik. Unter Jehovas Zeugen gibt es keine Trinker, Alkohol ist aber auch nicht verboten. Den Gläubigen ist gestattet, in Maßen Wein, Cognac, Wodka und anderes zu trinken. Jehovas Zeugen rauchen nicht.
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Jehovas Zeugen in RußlandErwachet! 1997 | 22. August
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[Bild auf Seite 23]
Teil des Zweigbüros in Rußland
[Bild auf Seite 24]
Der Königreichssaal, wo sich die Zeugen, die im russischen Zweigbüro leben, zum Bibelstudium treffen
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